{"id":11525,"date":"2014-10-30T14:13:19","date_gmt":"2014-10-30T13:13:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=11525"},"modified":"2014-10-30T14:14:07","modified_gmt":"2014-10-30T13:14:07","slug":"interview-mit-dr-albert-wunsch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=11525","title":{"rendered":"Interview mit Dr. Albert Wunsch"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/albert-wunsch.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft  wp-image-11529\" src=\"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/albert-wunsch.jpg\" alt=\"albert wunsch\" width=\"122\" height=\"184\" \/><\/a>Eindr\u00fccke vom M\u00e4nnerkongress der Universit\u00e4t D\u00fcsseldorf zum Thema<\/strong><strong> \u201eAngstbei\u00dfer, Trauerklo\u00df, Zappelphilipp? Seelische Gesundheit bei M\u00e4nnern und Jungen\u201c vom 19.-20. September 2014<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Welches erstes Fazit ziehen Sie nach diesen 2 Tagen mit gut 20 hochkar\u00e4tigen Fach-Impulsen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war ein grandioses Informations-Feuerwerk, welches die jeweiligen Referenten bzw. Referentinnen den ca. 200 Teilnehmern und Teilnehmerinnen geboten haben. Ich habe mir reichlich Notizen gemacht und mich bei der Input-Verarbeitung wie in meinen Studienjahren gef\u00fchlt. Vieles muss sich noch setzen. Etliche Konkretisierungen erwarte ich, wenn die Referenten ihre Materialien f\u00fcr die Teilnehmer ver\u00f6ffentlicht haben. Denn viele Beitr\u00e4ge waren so komprimiert, dass eine exakte Nacharbeit unumg\u00e4nglich ist. Was ich aber jetzt schon sagen kann, die Teilnahme hat sich sehr gelohnt und mir reichlich neue Ansatzpunkte und Sichtweisen f\u00fcr meine Arbeit gegeben, nicht nur im Umgang mit M\u00e4nnern.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Was springt Ihnen denn aus Ihrer Erinnerung als erstes entgegen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da bin ich sofort beim Eingangsreferat von Prof. Dr. Walter Hollstein (Basel) mit dem recht provokanten Titel: \u201eDie Enteignung des Phallischen\u201c. Er berichtete von einigen Begebenheiten, welche verdeutlichten, wie Buben ihres Lebensraumes beraubt und an einer artgerechten Entwicklung gehindert werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da bastelte ein ca. 5j\u00e4hriger mit seinem Vater zum Wochenende voller Enthusiasmus ein \u2013 vom Sohn schon lange ersehntes \u2013 Holzschwert und die Erzieherin verunglimpfte Kind und Vater, weil sie Kriegswerkzeug hergestellt h\u00e4tten. Da veranlasst die Leiterin einer Schule in Basel, die Markierungen f\u00fcr die Ballspielfl\u00e4che auf dem Schulhof aufzuheben, weil die Jungen in der Pause besser miteinander reden sollten, das w\u00e4re auch ges\u00fcnder. Da gestaltet eine Lehrerin in Brandenburg den Sportunterricht f\u00fcr 12 \u2013 14j\u00e4hrige Jungen und M\u00e4dchen, indem sie Schleiert\u00e4nze ein\u00fcben l\u00e4sst. Und eine andere Sportlehrerin l\u00e4sst beim Basketball den Jungen einen Arm auf den R\u00fccken binden, um den M\u00e4dchen auch eine Gewinnchance zu geben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr diejenigen im H\u00f6rsaal, welche in diesen Beispielen noch keine Enteignung des Phallischen erkennen konnten, verwies Prof. Hollstein darauf, dass die amerikanische Professorin, Feministin und politische Aktivistin der Lesbenbewegung sowie Science-Fiction-Autorin Sally Gearhart schon 1979 bzw. 1982 daf\u00fcr pl\u00e4diert hatte, die m\u00e4nnliche Bev\u00f6lkerung auf 10\u00a0% der Gesamtbev\u00f6lkerung zu reduzieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht so lange und etwas anders akzentuiert liegt der ultimative Aufruf der Amerikanerin \u201eKrista\u201c zur\u00fcck, bekannt geworden als \u201cThe Femitheist\u201d, die \u2013 anstelle des bisherighen Vatertages \u2013 zum \u201eInternationalen Kastrations-Tag\u201c aufrief, um durch eine Entfernung der Hoden die Hauptursache f\u00fcr das gewaltt\u00e4tige Verhalten von M\u00e4nnern zu beseitigen, weil sie an die wahre Gleichheit glaubt. Solche Absichten machen verst\u00e4ndlich, so der Referent, dass \u2013 z.B. in Schweden immer mehr M\u00e4nner Tai-Frauen heiraten und um \u2013 stark durch ein falsch verstandenes Emanzipationsbewusstsein gepr\u00e4gte \u2013 schwedische Frauen einen Bogen machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Da wurde aber den TeilnehmerInnen eine recht schwer verdauliche Kost pr\u00e4sentiert. Wie f\u00fchrte Prof. Hollstein diese Gedanken denn noch weiter aus? <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier eine sinngem\u00e4\u00dfe Wiedergabe seiner Hauptausf\u00fchrungen: \u201aEs entspricht inzwischen dem Zeitgeist, M\u00e4nnlichkeit nur noch mit den negativen Assoziationen von Gewalt, Krieg, Naturzerst\u00f6rung, sexueller Bel\u00e4stigung und Missbrauch zu verbinden. Auch einstmals positive Qualit\u00e4ten von Mannsein werden mittlerweile gesellschaftlich umgedeutet. M\u00e4nnlicher Mut wird als m\u00e4nnliche Aggressivit\u00e4t denunziert, aus Leistungsmotivation wird Karrierismus, aus Durchsetzungsverm\u00f6gen m\u00e4nnliche Herrschsucht, aus sinnvollem Widerspruch m\u00e4nnliche Definitionsmacht und das, was einst als m\u00e4nnliche Autonomie durchaus hochgelobt war, wird nun als die m\u00e4nnliche Unf\u00e4higkeit zur N\u00e4he umgedeutet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Angesichts eines profeministischen Mainstreams in Politik, Wissenschaft und Medien bleibt dies unbedacht, mit verheerenden Folgen f\u00fcr die m\u00e4nnliche Identit\u00e4tsbildung von Buben und jungen M\u00e4nnern\u2019. Er verdeutlicht: Wenn der Mainstream sagt, \u201aweiblich ist progressiv\u2019 und ,m\u00e4nnlich ist reaktion\u00e4r\u2019, dann ist das eine systematische Offerte zur Selbstzerst\u00f6rung der Gesellschaft. Dieser Denkansatz, so Prof. Hollstein, beherrsche schon auf subtile Weise die Medien und verdeutlichte dies an folgendem Ph\u00e4nomen: Als im Fr\u00fchjahr 2014 mehr als 200 nigerianische M\u00e4dchen in die Gewalt der Islamistengruppe Boko Haram gerieten und verschleppt wurden, berichteten weltweit fast alle Medien tagelang \u00fcber diese grausame Tat. Dass aber einige Zeit vorher \u2013 ebenfalls im Norden Nigerias \u2013 \u00fcber 300 m\u00e4nnliche Jugendliche durch dieselbe Gruppierung get\u00f6tet wurden, f\u00fchrte zu fast keiner Berichterstattung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>K\u00f6nnen Sie \u2013 f\u00fcr die vielen Nicht-Teilnehmer \u2013 einen Kurz-\u00dcberblick zu den Haupt-Themen dieses Kongresses geben?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da springen mir zur\u00fcckblickend fast alle \u00dcberschriften ins Bewusstsein. Sie skizzieren sehr eindrucksvoll die problematische und gest\u00f6rte m\u00e4nnliche Lebenswelt und deren gesellschaftliche Folgen: \u201eDestruktive Impulsivit\u00e4t bei m\u00e4nnlichen Jugendlichen\u00a0\u2013 eine therapeutische Herausforderung\u201c, von Dr. Manfred Endres (M\u00fcnchen); \u201eSeelische Konflikte in der m\u00e4nnlichen Entwicklung\u201c, von Dr. Heribert Blass (D\u00fcsseldorf); \u201eM\u00e4nner und das Land der (un)heimlichen Gef\u00fchle\u201c, von Dipl.-Psych. Bj\u00f6rn S\u00fcfke (Leopoldsh\u00f6he); \u201eGut getarnt ist halb gewonnen? Depression bei M\u00e4nnern\u201c, von Prof. Dr. Anne-Maria M\u00f6ller-Leimk\u00fchler (M\u00fcnchen); \u201eM\u00e4nnliches Leiden an der Arbeitswelt \u2013 Ursachen, Folgen, L\u00f6sungsans\u00e4tze\u201c, von Prof. Dr. Johannes Siegrist (D\u00fcsseldorf); \u201eArbeitsstress bei M\u00e4nnern \u2013 M\u00f6glichkeiten der Pr\u00e4vention\u201d, von Prof. Dr. Peter Angerer (D\u00fcsseldorf); \u201eM\u00e4nnerkrankheiten. Bemerkungen zur sozialen Konstruktion psychopathologischer Kategorien\u201c, von PD Dr. Peter Schneider (Z\u00fcrich); Westdeutsche M\u00e4nner in station\u00e4rer Psychotherapie bis 1990\u2033, von Christoph Schwamm; \u201eTagesklinik f\u00fcr M\u00e4nner \u2013 Ein teilstation\u00e4res Behandlungskonzept\u201c von<br \/>\nProf. Dr. Michael Hettich (Sehnde); \u201eGewalt macht krank. Ein Thema (auch) f\u00fcr M\u00e4nner?\u201c von Andr\u00e9 Karger (D\u00fcsseldorf); \u201eRisikolust am Rausch\u00a0\u2013 doing gender with drugs!\u201c, von Prof. Dr. Heino St\u00f6ver (Frankfurt a.M.). Das ganze wurde durch 3 alternativ nutzbare Abendveranstaltungen (Gro\u00dfgruppe \u2013 mit gruppenpsychoanalytischer Begleitung, Autorenlesung und eine Filmvorf\u00fchrung \u201eMysterious Skin\u201d mit psychoanalytischer Besprechung) erg\u00e4nzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Welche Themen sprachen Sie, auch auf dem Hintergrund Ihrer eigenen Beratungst\u00e4tigkeit in den Bereichen Erziehung, Partnerschaft und Konflikt-Coaching besonders an ?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das waren zwei noch nicht erw\u00e4hnte Themenfelder. Einerseits das Referat von Prof. Dr. Matthias Franz, dem Hauptverantwortlichen dieses Kongresses, welches sich differenziert mit der multikausalen Frage besch\u00e4ftigte: \u201eWas macht den Rollenk\u00e4fig (von M\u00e4nnern) so stabil ?\u201c Er verdeutlichte, dass, wenn Kinder ein falsches Selbst erwerben, viele St\u00f6rungen im weiteren Leben vorprogrammiert sind. So geraten besonders Jungen in eine fr\u00fche Abh\u00e4ngigkeit von der Mutter, oft auch deshalb, weil Frauen im Umgang mit der Geschlechtlichkeit des Jungen \u2013 wenn auch meist unbewusst \u2013 den Bezug zur eigenen Geschlechtlichkeit im Kontakt mit M\u00e4nnern einbringen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Prof. Franz bezeichnete dies als<em> das<\/em> m\u00e4nnliche Problem schlechthin, welches noch durch abwesende V\u00e4ter massiv verst\u00e4rkt werde. Bezogen auf die angeblich emotions-reduzierten M\u00e4nner verdeutlichte er, dass diese in Feldern typisch m\u00e4nnlicher Identit\u00e4t \u2013 wie z.B. im Fu\u00dfball oder in Sch\u00fctzenvereinen \u2013 sehr ausgepr\u00e4gt Gef\u00fchle zeigen k\u00f6nnten. An einer M\u00e4nnerbild-Vorgabe: \u2018Bitte l\u00e4cheln und nicht schw\u00e4cheln !\u2019 gehen jedoch auf Dauer viele zugrunde. Dies wird auch durch Zahlen belegt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So sterben M\u00e4nner im Vergleich zu Frauen ca. 8 Jahre fr\u00fcher, haben eine dreimal h\u00f6here Selbstmord- und Drogenabh\u00e4ngigkeits- sowie eine um ein vielfaches h\u00f6here Kriminalit\u00e4ts-Rate. Noch konkreter: Ein Mann aus der Unterschicht lebt 15 Jahre weniger als die Oberschichtfrau, zahlt aber f\u00fcr diese kr\u00e4ftig in die Rentenkasse. W\u00e4hrend Frauen unter ihren psychosomatischen Beeintr\u00e4chtigungen leiden, sterben die M\u00e4nner. Wenn M\u00e4dchen f\u00fcr bessere Schulergebnisse, weniger Schulabbrecher, mehr Abiturpr\u00fcfungen stehen und Frauen k\u00fcrzere Studienzeiten und \u2013 teilweise durch Quotenregelungen \u2013 bessere Berufsein- und Aufstiegs-Chancen haben, dann wird ein Gerede vom \u201aschwachen und benachteiligten Geschlecht\u2019 zur M\u00e4r.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bezogen auf meine erziehungsberaterische Arbeit mit Eltern waren die Beitr\u00e4ge von Dr. Bernhard Stier (Butzbach): \u201eADHS \u2013 Warum zappelt Philipp ?\u201c und der \u00e4u\u00dferst praxisbezogene Beitrag von Prof. Dr. Marianne Leuzinger-Bohleber (Direktorin des Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt a.M.) zu: \u201eBeschleunigte Jungs- verlangsamte Frauen ? \u2013 Ergebnisse empirisch-psychoanalytischer Studien zu ADHS\u201d, f\u00fcr mich sehr bereichernd.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn wir uns beispielsweise verdeutlichen, dass von 108 Kindern, welche mit der Diagnose ADHS einer soliden Untersuchung zugef\u00fchrt wurden, anschlie\u00dfend bei weniger als 10 real ADHS attestiert wurde, dann m\u00fcsste auch bisher Unbek\u00fcmmerten klar werden, dass den meisten angeblich \u00fcberaktiven Kindern keine von wem auch immer eingebrachte ADHS-Diagnose mit anschlie\u00dfendem Ritalin-Einsatz gerecht wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu vielen Kindern fehlt eine t\u00e4glich mehrst\u00fcndige k\u00f6rperliche Bewegung. Jungen ben\u00f6tigen erg\u00e4nzend k\u00f6rperliche Herausforderungen, auch mit Kr\u00e4ftemessen und Risiko. Wer dies nicht \u2013 auch in der Schule \u2013 gezielt f\u00f6rdert, missachtet eine gesunde und f\u00f6rderliche Geschlechtsentwicklung. Insgesamt wird die \u2013 zum Teil ganz nat\u00fcrliche \u2013 kindliche Lebhaftigkeit viel zu leichtfertig als St\u00f6rung bzw. Krankheit bezeichnet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So titelte eine Zeitung: \u20181,1 Tonnen Ritalin zur Ruhigstellung s\u00e4chsischer Kinder.\u2019 Der Kongress verdeutlichte, dass eine qualifizierte Begleitung von Kindern und Eltern sowie geeignete therapeutische Ma\u00dfnahmen immer Vorrang vor ruhigstellenden Medikamenten haben m\u00fcsse. In vielen F\u00e4llen w\u00fcrde auch ein konsequent-wohlwollender erzieherischer Umgang weiterf\u00fchren. Denn wer \u2013 vielleicht auch \u00fcberbordende Energie \u2013 leichtfertig abzuschalten sucht, zerst\u00f6rt die Entwicklung von meist kreativen und nicht in eine Schablone pressbare Jungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass eine st\u00f6rende \u00dcberaktivit\u00e4t in Verbindung mit Aggression in der Regel keine Ruhigstellung, sondern Aufarbeitung der Ursachen ben\u00f6tigt, wurde von Frau Prof. Leuzinger-Bohleber im Rahmen eines Fallberichtes eindrucksvoll erl\u00e4utert. So wurde, bei einem anscheinend \u201ah\u00f6chst aggressiven Kind\u2019 in einer KiTa in Frankfurt\u2019 \u2013 es spuckte seine Erzieherin direkt ins Gesicht \u2013 durch eine exakte Analyse der Lebensumst\u00e4nde deutlich, dass sich das Kind in einer absoluten \u00dcberforderungs-Situation befand: Die Mutter war depressiv und lag meist im Bett, der Vater verlor vor einigen Wochen seine Arbeit wegen eines Krebsleidens. Nach entsprechend langer Zuwendung gegen\u00fcber dem Kind wurde der Grund des Anspuckens der eigentlich gemochten Erzieherin deutlich: \u201aWenn ich die Frau H. anspucke, wei\u00df ich wenigstens, weshalb ich ins Heim komme\u2019.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Welch drastische Kindeswohl-Missachtung mit eklatanten Sp\u00e4tfolgen h\u00e4tte hier eine medikament\u00f6se Ruhigstellung ausgel\u00f6st. Abschlie\u00dfend einige grundlegende Verdeutlichungen der Referenten: \u201aWenn die Eltern von Mozart oder Einstein ihre S\u00f6hne per Ritalin ruhig gestellt h\u00e4tten, was w\u00e4re der Menschheit verloren gegangen\u2019 ? \u201eKinder sollten nicht schulgerecht, sondern Schulen sollten sch\u00fclergerecht gemacht werden.\u201c \u2013 Ritalin gegen ADHS \u2013 Wundermittel oder Kokain f\u00fcr Kinder ? Die Fachvertreter gaben eine eindeutige Antwort.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gibt es aus Ihrer Sicht einzelne Aspekte, welche in Erg\u00e4nzung zu den bisher aufgegriffenen Themen mit wenigen Worten zu konkretisieren w\u00e4ren?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja, die gibt es im Rahmen meiner subjektiven Wahrnehmung. Als erstes springen mir die unterschiedlichen Ans\u00e4tze und Ergebnisse der feministischen und systemischen Forschungen wieder ins Bewusstsein. So kommen feministische Untersuchungen zu dem Ergebnis, das jede vierte bzw. dritte Frau Gewalt erlebt hat, wobei davon ausgegangen wird, dass diese durch M\u00e4nner ausgel\u00f6st wurde. Nach Angaben des Bundesfamilienministeriums werden rund 37 Prozent aller Frauen zwischen 16 und 85 Jahren mindestens einmal in ihrem Leben Opfer von k\u00f6rperlicher Gewalt oder \u00dcbergriffen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Systemische Ans\u00e4tze kommen dagegen zu anderen Ergebnissen, indem sie nicht nur Frauen sondern auch M\u00e4nner befragen und auch kl\u00e4ren, wer gegen wen Gewalt einsetzte. Zu Irritationen f\u00fchrte der Befund, dass in D\u00e4nemark ca. 40% der Frauen angaben, Opfer von Gewalt geworden zu sein, w\u00e4hrend kroatische Frauen auf ca. 20% kamen. Die Frage stand im Raum, ob hier das Gewalt-Verhalten oder die Bewertung von dem, was als Gewalt bezeichnet wird, zu diesen Unterschieden f\u00fchrte ? Ein aufhorchen lassender Befund: \u201aEs gibt mehr Gewalt von Frauen gegen M\u00e4nnern, als gesellschaftlich bekannt ist und durch die Medien ver\u00f6ffentlicht wird. Unabh\u00e4ngig von einer Geschlechterdifferenzierung: Einerseits macht Gewalt krank und zerst\u00f6rt Beziehungen, andererseits ist Gewalt die Folge fehlender oder negativer Beziehungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>In Ihrem Buch: Mit mehr selbst zum stabilen ICH \u2013 Resilienz als Basis der Pers\u00f6nlichkeitsbildung\u201c haben Sie sich auch mit der Bedeutung einer stabilen Kind-Eltern Beziehung auseinander gesetzt. Welche Verbindungen sehen Sie zum hier in der Tagung vorgetragenen Gewaltph\u00e4nomen ? <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gewalt bei Jugendlichen entsteht, wenn das Selbstbild als gef\u00e4hrdet betrachtet wird und ist in der Adoleszenz meist die Folge schwieriger oder traumatischer Ereignisse in der Kindheit. Wichtig, gerade f\u00fcr Jungen, ist die reale Pr\u00e4senz des Vaters. Dies ist die sinngem\u00e4\u00dfe Wiedergabe eines Leit-Gedankens von Dr. M. Endres. Auch f\u00fcr mich lassen sich Gewalttaten am ehesten durch einen starken Selbstkontroll-Verlust als Folge fehlender oder zu gering ausgepr\u00e4gter f\u00f6rderlicher Sozialkontakte erkl\u00e4ren. Denn wenn ein Mensch \u2013 eventuell schon von Kindesbeinen an \u2013 kein \u201awarmes Nest\u2019 als Auftank- und Zufluchts-Ort hatte, kann sich aus dieser Frust-Erfahrung ein solches Verhalten entwickeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Viele Tiere verhalten sich \u00e4hnlich wie Menschen: Auf soziale Ausgrenzung bzw. fehlende Einbezogenheit wird entweder mit krankmachendem R\u00fcckzug oder einer ausgepr\u00e4gten Aggression gegen das Umfeld reagiert. Eine sich im stillen R\u00fcckzug \u00e4u\u00dfernde Verzweiflung, welche oft durch Alkohol oder andere Drogen zu \u00fcberwinden gesucht wird, ist jedoch nicht weniger dramatisch, wird nur seltener zur Kenntnis genommen. Im Grunde handelt es sich in beiden \u00c4u\u00dferungsformen um einen Not-Schrei aufgrund fehlender Zuwendung und Anerkennung. Das Neue scheint mir jedoch das gr\u00f6\u00dfere Ausma\u00df von Gewalt zu sein. So h\u00e4ufen sich die F\u00e4lle, w\u00e4hrend die Anl\u00e4sse immer weniger nachvollziehbar sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gab es vor Jahren meist eine eskalierende Auseinandersetzung, bevor F\u00e4uste, Fu\u00dftritte oder sogar ein Messer zum Einsatz kamen, so scheint heute schon ein falsches bzw. falsch gedeutetes Wort oder eine als st\u00f6rend empfundene Geste zum Ausl\u00f6ser von brutalen Gewalt-Attacken zu reichen. In meinen Hochschul-Seminaren verdeutliche ich den Studierenden immer erneut, dass der instabile \u2013 also nicht in guten Bindungen lebende Mensch \u2013 die Quelle aller Konflikte ist. Wir brauchen mehr Jungen und M\u00e4dchen, die sich nicht vom ersten Gegenwind umpusten lassen und sich auch nicht als den Mittelpunkt der Welt sehen. Das kann nur ein stabiles ICH leisten. Alle Menschen m\u00fcssen besser lernen, mit Spannungen bzw. Konflikten umgehen zu k\u00f6nnen. Einer Lebens-Devise: \u201aWenn mir schon niemand Beachtung oder Wertsch\u00e4tzung entgegen bringt, dann sollt ihr mich wenigstens f\u00fcrchten!\u2019 wird somit der Boden entzogen. Denn wer keine Selbstkontroll-F\u00e4higkeiten entwickeln konnte, wird sich kaum von seinem Vorhaben abhalten lassen, machtvoll die eigene Ohnmacht \u00fcberwinden zu wollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wie ist Ihr pers\u00f6nliches Res\u00fcmee zu diesem M\u00e4nner-Kongress? <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich gehe davon aus, dass alle Teilnehmer und Teilnehmerinnen die Wichtigkeit des Themas durch ihr aktives Interesse verdeutlicht haben. Besonders die Forderung von Dr. Blass greife ich hier auf: \u201eDer eher f\u00fcr Jungen typische Drang zu motorischer Bewegung und Expansivit\u00e4t sollte in Kindergarten und Schule nicht unreflektiert mit Aggression gleichgesetzt werden. Jungen brauchen stattdessen eine positive Wertsch\u00e4tzung ihrer nach au\u00dfen gerichteten F\u00e4higkeiten.\u201c Auch wurde f\u00fcr mich erneut deutlich, welch gravierende Verwerfungen sich in einer Gesellschaft ergeben, wenn sich Teilbereiche unabgestimmt ver\u00e4ndern oder von sich aus traditionelle Rollenmuster im Alleingang au\u00dfer Kraft zu setzen suchen. Ob sich nun M\u00e4nner oder Frauen, Alte oder Junge, Deutsche oder Einwanderer ein grundlegend neues Profil geben wollen oder sollten, ohne eine Einbeziehung der Anderen geht es nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erg\u00e4nzend stelle ich aber auch noch folgende in der Tagung zum Ausdruck gebrachte Fragen hier erneut: Wieso meinen Feministinnen immer noch, sich eine neue Welt ohne ein produktives Zusammenwirken mit M\u00e4nnern schaffen zu k\u00f6nnen ? Wieso gibt es etliche Sonderegelungen f\u00fcr Frauen, welche gleichzeitig M\u00e4nner benachteiligen ? Wieso sind in Deutschland Gleichstellungsbeauftragte grunds\u00e4tzlich Frauen ? Und wieso werden diese h\u00e4ufig angegriffen, wenn sie ihrem grundgesetzlich geregelten Auftrag nachkommen, sich auch f\u00fcr die Gleichstellung von M\u00e4nnern zu engagieren ? Wieso gibt es Frauen- und keine M\u00e4nner-\u00c4rzte ? Wieso gibt es bei einer so deutlichen Problemanzeige von Jungen und M\u00e4nnern nur Frauenministerien ? Wieso gibt es Sonderparkpl\u00e4tze f\u00fcr Frauen und nicht geschlechtsunabh\u00e4ngig f\u00fcr \u00e4ngstliche Menschen ? Wie sind all diese Fragen mit dem Gender-Grundsatz zu vereinbaren ?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich hoffe mit den andern Teilnehmern und Teilnehmerinnen sowie allen Menschen guten Willens, dass dieser M\u00e4nner-Kongress und die hier aufgeworfenen Fragen zu einem das Zusammenleben f\u00f6rdernden Ergebnis f\u00fchren. Ich schlie\u00dfe mit einer Mischung aus Verdeutlichung und Appell mit den Worten von Prof. Dr. Walter Hollstein: \u201aDer Feminismus und seine Ideologie pr\u00e4gen heute die \u00f6ffentliche Debatte. Dabei erscheint der Mann als verachtenswerte und defizit\u00e4re Gestalt; er wird als schlecht, b\u00f6se und eigentlich \u00fcberfl\u00fcssig dargestellt. Ohne ihn s\u00e4he die Welt besser aus. Solche Zuschreibungen besch\u00e4digen die Selbstachtung von Jungen und M\u00e4nnern und lassen nicht mehr viel von ihnen \u00fcbrig. Das hat negative Folgen \u2013 auch f\u00fcr die Frauen und die Gesellschaft insgesamt. Eine einseitige Frauenpolitik wird sich daher in nicht allzu ferner Zukunft politisch daf\u00fcr verantworten m\u00fcssen, dass sie die Probleme von Jungen und M\u00e4nnern seit zwei Jahrzehnten willentlich ignoriert und damit einen sozialen Z\u00fcndstoff provoziert, der jetzt schon die Grundfesten der demokratischen Ordnung unterminiert\u2019.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Copyright: Dr. Albert Wunsch, 41470 Neuss, Im Hawisch 17<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Das Interview f\u00fchrte Frau Heiderose Manthey.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.archeviva.com\">www.archeviva.com<\/a><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">D<em>r. Albert Wunsch ist Psychologe und promovierter Erziehungswissenschaftler, Diplom P\u00e4dagoge, Diplom Sozialp\u00e4dagoge. Bevor er 2004 eine Lehrt\u00e4tigkeit an der Katholischen Hochschule NRW in K\u00f6ln (Bereich Sozialwesen) begann, leitete er ca. 25 Jahre das Katholische Jugendamt in Neuss. Im Jahre 2013 begann er eine hauptamtliche Lehrt\u00e4tigkeit an der Hochschule f\u00fcr \u00d6konomie und Management (FOM) in Essen \/ Neuss. Au\u00dferdem hat er seit vielen Jahren einen Lehrauftrag an der Philosophischen Fakult\u00e4t der Uni D\u00fcsseldorf und arbeitet in eigener Praxis als Paar-, Erziehungs-, Lebens- und Konflikt-Berater sowie als Supervisor und Konflikt-Coach (DGSv). Er ist Vater von 2 S\u00f6hnen und Gro\u00dfvater von 3 Enkelt\u00f6chtern.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><a href=\"http:\/\/www.archeviva.com\/arche-viva\/offener-bereich\/wunsch-albert-dr\/\">Seine B\u00fccher<\/a>: <strong>Die Verw\u00f6hnungsfalle<\/strong> (auch in Korea und China erschienen), <strong>Abschied von der Spa\u00dfp\u00e4dagogik,<\/strong> <strong>Boxenstopp f\u00fcr Paare<\/strong> und <strong>Mit mehr Selbst zum stabilen ICH \u2013 Resilienz als Basis der Pers\u00f6nlichkeitsbildung, <\/strong>l\u00f6sten ein starkes Medienecho aus und machten ihn im deutschen Sprachbereich sehr bekannt.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eindr\u00fccke vom M\u00e4nnerkongress der Universit\u00e4t D\u00fcsseldorf zum Thema \u201eAngstbei\u00dfer, Trauerklo\u00df, Zappelphilipp? Seelische Gesundheit bei M\u00e4nnern und Jungen\u201c vom 19.-20. September 2014 Welches erstes Fazit ziehen Sie nach diesen 2 Tagen mit gut 20 hochkar\u00e4tigen Fach-Impulsen? Es war ein grandioses Informations-Feuerwerk, welches die jeweiligen Referenten bzw. Referentinnen den ca. 200 Teilnehmern und Teilnehmerinnen geboten haben. 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