{"id":11450,"date":"2014-10-13T11:22:58","date_gmt":"2014-10-13T09:22:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=11450"},"modified":"2014-10-13T11:28:27","modified_gmt":"2014-10-13T09:28:27","slug":"was-braucht-die-evangelische-kirche-heute","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=11450","title":{"rendered":"Was braucht die evangelische Kirche heute?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Die evangelische Kirche bedarf der klaren Einsicht in ihr Wesen und des festen Willens diesem Wesen empirisch m\u00f6glichst nahe zu kommen.\u00a0 Was ist die Kirche, woher kommt sie und wohin geht sie? Diese Fragen m\u00f6chte ich an das Neue Testament, an das niz\u00e4nische Glaubensbekenntnis und an die Augsburgische Konfession stellen. Dabei soll sich zeigen, wie aktuell diese normativen Grundlagen unseres Glaubens sind.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>1.\u00a0\u00a0 Kirche im Neuen Testament <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von den H\u00f6rern der Pfingstpredigt des hl. Petrus erz\u00e4hlt Lukas (Apg 2,41): <em>\u201eDie sein Wort annahmen, lie\u00dfen sich taufen, und es wurden an jenem Tag hinzugetan etwa 3000 Seelen.\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser eine Satz verdeutlicht den Zusammenhang von Wort der Verk\u00fcndigung, seiner Annahme im Glauben, Taufe und Kirche. Denn der kirchliche Sinn von \u201ehinzugetan\u201c ist \u00fcberdeutlich: Die Neubekehrten wurden in die Gemeinschaft um die Apostel, die Christenheit, die Kirche eingef\u00fcgt. Was aber war und ist der zentrale Inhalt des Wortes? Auch dar\u00fcber gibt Apg 2 Auskunft: <em>\u201eDiesen Jesus hat Gott auferweckt. Dessen sind wir alle Zeugen.\u201c<\/em> Wesentlicher Inhalt des Wortes ist die Auferweckung des gekreuzigten Jesus. Kirche gibt es von dem Augenblick an, in dem die Apostel mit dieser Botschaft hervortraten und f\u00fcr sie Glauben fanden. Apostel hei\u00dft Zeuge des Auferstandenen. Denn die \u201eapostol\u00e9\u201c, die Sendung, ist die notwendige Folge der Erfahrung, dass Jesus lebt. Das Bekenntnis zum Auferstandenen ist das wesentliche Merkmal der Kirche und unterscheidet sie von einer Umgebung, die an diesem Bekenntnis nicht teilhat. <em>\u201eGott hat ihn zum Herrn und Christus gemacht, diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt.\u201c<\/em> (Apg 2,36) Petrus stellt hier den grunds\u00e4tzlichen Gegensatz fest zwischen dem Handeln Gottes und dem Handeln der Menschen, zwischen denen, welche die Botschaft von diesem Handeln Gottes angenommen haben, und denen die sie ablehnen, zwischen Kirche und Welt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Kirche bedarf der klaren Unterscheidung (diakrisis) ihrer selbst von der sie umgebenden profanen Gesellschaft. Sie ist nicht einfach Teil der Gesellschaft, sondern ihr kritisches Gegen\u00fcber (W\u00e4chteramt).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis der Kirche (Ekklesiologie) so ertragreiche zweite Kapitel der Apostelgeschichte beschreibt nicht nur die Entstehung, sondern auch das Leben der fr\u00fchen Kirche. Es gibt die Merkmale (Kriterien) an, denen jede Gemeinschaft gen\u00fcgen muss, die von sich behauptet, rechtm\u00e4\u00dfige Fortsetzung der Urkirche und mit ihr identisch zu sein. <em>\u201eSie blieben best\u00e4ndig in der Apostel Lehre, in der Gemeinschaft, im Brotbrechen und im Gebet.\u201c<\/em> (2,42) Die Kirche entsteht durch Wort, Glauben und Taufe, Merkmale ihres Lebens sind die Lehre der Apostel, die Gemeinschaft, das hl. Abendmahl und das Gebet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als <em>\u201eZeuge der Auferstehung\u201c<\/em> (Apg 1,22) wird ein Apostel nicht nur bezeichnet, sondern geradezu definiert. Bleibendes Zentrum der apostolischen Lehre ist der Hinweis auf die Auferstehung des gekreuzigten Jesus. Die Auferweckung Jesu durch Gott verstehen die Apostel nicht nur als eine Art privater Entsch\u00e4digung f\u00fcr sein Leiden, sondern als ein Ereignis, das f\u00fcr die gesamte Menschheit von entscheidender Bedeutung ist und ihr deshalb verk\u00fcndet werden muss. Untrennbar ist mit der Erfahrung des Auferstandenen die Erfahrung seiner Einzigartigkeit und ihrer eigenen Sendung verbunden. Die Neubekehrten nehmen das Zeugnis der Apostel und nat\u00fcrlich auch deren Entfaltung dieses Zeugnisses als \u201eLehre\u201c (didach\u00e9) an und \u201ebeharren\u201c darin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Ausdruck \u00b4didach\u00e9` meint nicht nur den Inhalt der Lehre, sondern auch den Vorgang der Lehrverk\u00fcndigung. Man kann keineswegs nur eine Art Lehrpaket von den Aposteln in Empfang nehmen und sich dann von ihnen verabschieden. Der Christ bleibt mit ihnen auch personal verbunden. Insofern leitet der Ausdruck \u00b4didach\u00e8` zu \u00b4Gemeinschaft` (koinon\u00eda) \u00fcber.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Koinon\u00eda <\/strong>meint nicht nur Verbundenheit eines jeden Christen mit den Aposteln, sondern auch Verbundenheit der Christen untereinander. Dem Glauben eignet von Anfang an eine soziale Dimension: Christ sein hei\u00dft in der Kirche sein. Christus verbindet den einzelnen Gl\u00e4ubigen mit sich nur so, dass er ihn gleichzeitig mit der Gemeinschaft aller Christen, der Christenheit, der Kirche verbindet, die in der konkreten Ortsgemeinde in Erscheinung tritt. Hier treten die Christen, auch was ihre Ressourcen an Zeit, Kraft und Geld anlangt, f\u00fcreinander ein. (2,44) Wirksames Zeichen der Koinon\u00eda ist das \u201eBrotbrechen\u201c, das Abendmahl, die Eucharistie. Sie dr\u00fcckt die Verbundenheit der Christen mit Christus und untereinander nicht nur aus, sondern bewirkt sie auch (signum efficax!) und erh\u00e4lt darin. Indem die Christen den sakramentalen Leib Christi empfangen, werden sie in seinem ekklesialen Leib erhalten. (1 Kor 10, 6 f.) Als letztes Kriterium der Kirche nennt Lukas das gemeinsame Gebet, in welchem die Christen sich auf die Zuwendung Gottes, die sie im Wort der Lehre, der Gemeinschaft und den Sakramenten empfangen, antworten. Wo ist die Kirche? Da wo eine Gruppe die vier Merkmale apostolische Lehre, Gemeinschaft, Sakrament und Gebet aufweist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die gegenw\u00e4rtige Kirche muss der urspr\u00fcnglichen strukturell entsprechen. In der urspr\u00fcnglichen Kirche stehen die Apostel als Verantwortliche ihren H\u00f6rern gegen\u00fcber. Wer nimmt gegenw\u00e4rtig die Stelle der Apostel ein? Die evangelische Kirche muss zur Lehre von der apostolischen Sukzession gespr\u00e4chsbereiter werden, als sie es bisher gewesen ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Neue Testament spricht von der Kirche in eindrucksvollen Bildern. An zwei davon sei hier erinnert: <em>\u201eVolk Gottes\u201c<\/em> und <em>\u201eLeib Christi\u201c. \u201eIhr seid das auserw\u00e4hlte Geschlecht, das k\u00f6nigliche Priestertum, das heilige Volk, das Volk des Eigentums\u201c, <\/em>ruft Petrus den Christen seiner Zeit zu<em>, \u201edamit ihr die Wohltaten dessen verk\u00fcndigen sollt, der euch aus der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht berufen hat.\u201c <\/em>(1. Petr 2,9) Sozialer \u201e<em>Leib Christi<\/em>\u201c sind die Christen durch gemeinsame Teilhabe an seinem eucharistischen Leib. Das Bild erl\u00e4utert die Einheit der Kirche, die gleiche W\u00fcrde aller Christen, aber auch die Verschiedenheit ihrer Aufgaben. Es gibt nur den einen Leib der Kirche. Allen kommt als Gliedern des gleichen Leibes grunds\u00e4tzlich gleiche W\u00fcrde zu. Sie tragen aber wie die verschiedenen Organe des K\u00f6rpers unterschiedlich zum Bestehen des Ganzen bei. (1 Kor 10, 16 f.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Kirche braucht Tr\u00e4ger des geistlichen Amtes, die sich ihrer besonderen Verantwortung bewusst sind und sich nicht einfach in der Menge der Gl\u00e4ubigen verstecken. Die Kirchenmitglieder m\u00fcssen sich darauf verlassen k\u00f6nnen, dass die Ordinierten ihr Amt nach bestem Wissen und Gewissen in \u00dcbereinstimmung mit den Grundlagen der Kirche aus\u00fcben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>2.\u00a0\u00a0 Das Glaubensbekenntnis von Niz\u00e4a und Konstantinopel von 381<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">soll als zweiter normativer Text auf das Thema \u00b4Kirche` hin befragt werden<em>: \u201eCredo\u2026.unam sanctam catholicam et apostolicam Ecclesiam\u2026\u201c \u2013 \u201eWir glauben\u2026.die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche\u2026\u201c<\/em> Problematisch ist in der griechischen Fassung die Pr\u00e4position eis = an: \u201eWir glauben \u2026.an die eine\u2026.\u201c, welche das Missverst\u00e4ndnis f\u00f6rdert, als w\u00e4re die Kirche ein Glaubensgegen\u00fcber wie Gott. Gl\u00fccklicherweise ist es in den westlichen \u00dcbersetzungen getilgt. Der westliche Christ bekennt damit den Glauben, dass es die Kirche gibt und dass sie die genannten vier Merkmale aufweist, aber er glaubt nicht \u201ean\u201c sie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unam = eine ist das erste Merkmal. Theologisch gesehen gibt es weltweit nur die eine Kirche, die sich in unz\u00e4hligen regionalen und lokalen Kirchen konkretisiert. In diese eine weltweite Kirche wird der Christ durch die Taufe eingef\u00fcgt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die evangelische Kirche darf sich nicht mit der Vorstellung von Kircheneinheit als friedlichem Nebeneinander konfessionell getrennter Teilkirchen begn\u00fcgen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211; Jeder Christ muss im Gottesdienst anderer Gemeinden den der eigenen wiedererkennen k\u00f6nnen und zur Kommunion zugelassen sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211; Jeder Amtstr\u00e4ger muss an jedem Altar zelebrieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211; Die Kirche am Ort muss durch einen allgemein anerkannten Amtstr\u00e4ger repr\u00e4sentiert sein, ebenso die Kirche in der Region und auf der Welt (personale Repr\u00e4sentanz).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211; Es sollte ein sichtbare Kircheneinheit geben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Sanctam<\/strong> &#8211; heilige meint Heiligkeit als zweites Merkmal der Kirche. Wer Heiligkeit als moralische Vollkommenheit versteht, wird durch einen Blick auf Geschichte und Gegenwart der Kirche eines Besseren belehrt. Heiligkeit der Kirche bedeutet, dass Gottes Geist in Wort und Sakrament nicht wirkungslos bleibt, sondern sowohl den einzelnen Gl\u00e4ubigen als auch die Glaubensgemeinschaft heiligt und auf sich selbst zu weiterbewegt. Nur Gott ist im Vollsinne heilig. Heiligkeit der Kirche dr\u00fcckt aus, dass sie sich bei dem Gegensatz zwischen Gott und gottwidrigen M\u00e4chten auf die Seite Gottes gestellt wei\u00df. Es ist zugesprochene Heiligkeit, nicht durch eigne Anstrengung erlangte. Allerdings geh\u00f6rt zu dieser Heiligkeit auch das Bem\u00fchen um die Orientierung an den Geboten Gottes. Auch die Kirche als ganze und die einzelne Gemeinde sind nicht einfach so angenommen wie sie sind, so dass sie auch so bleiben k\u00f6nnten, sondern wie der einzelne Christ auf den Weg der Heiligung verwiesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Heiligung muss bewusst gewollt sein. Leitkriterien sind dabei die Gebote und Par\u00e4nesen, die im Gesamtrahmen der Christenheit zu interpretieren sind und nicht einfach durch christliche Teilgruppen oder gar Individuen zu verk\u00fcrzen oder gar au\u00dfer Kraft zu setzen sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211; Ehe als verbindliche Leitvorstellung und als Kriterium f\u00fcr die Bewertung sexuellen\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Verhaltens<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211; Ablehnung von Homosexualit\u00e4t und Promiskuit\u00e4t, auch serieller Polygamie<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211; Ablehnung von Habgier und Karieresucht &#8211; soziale Gerechtigkeit<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211; Menschenrechte: Jeder Mensch ist eine Person, kein Gegenstand!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211; An Amtstr\u00e4gern muss der Wille erkennbar sein, christliche Leitkriterien in ihr eigenes Leben umzusetzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Catholicam <\/strong>hei\u00dft allumfassend, allgemein verbreitet. Auch englischsprachige Lutheraner, Anglikaner und andere bekennen sich zur \u201eholy Catholic Church\u201c, zur weltweiten Christenheit. Nach evangelischer Interpretation existiert die ecclesia catholica als Gesamtheit von Kirchent\u00fcmern, die an der Bibel und den \u00f6kumenischen Bekenntnissen festhalten, nach katholischer hat sie ihren Schwerpunkt in der r\u00f6misch-katholischen Kirche, um die sich die anderen Kirchen herumlagern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Apostolicam <\/strong>verweist auf den Ursprung der Kirche in der Verk\u00fcndigung der Apostel, welche f\u00fcr alle sp\u00e4teren Epochen die Richtschnur bildet. Es ist das Kriterium der Kontinuit\u00e4t (der Lehre, der Liturgie, besonders der Sakramente, der Personen (Taufe, Ordination).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>3.\u00a0\u00a0 Das Augsburger Bekenntnis von 1530<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">beansprucht, die Sicht des Neuen Testaments und der altkirchlichen Bekenntnisse weiterzuf\u00fchren. In Artikel VII dr\u00fcckt es die Zuversicht aus, dass \u201eeine heilige Kirche immerdar bleiben wird (perpetuo mansura)\u201c und definiert sie als \u201eVersammlung aller Gl\u00e4ubigen, in der das Evangelium rein (pure) gelehrt wird und die Sakramente recht (recte) verwaltet werden\u201c. Die Zuversicht der Kirche, sie werde alle Krisen \u00fcberdauern, gr\u00fcndet sich auf die Zusage des Auferstandenen an die J\u00fcnger: \u201eIch bin mit euch alle Tage bis an der Welt Ende\u201c (Matth 8,20), ihre Identit\u00e4t auf \u201ereine Lehre\u201c und \u201erechte\u201c, d.h. dem Stifterwillen Christi entsprechende Sakramentsverwaltung. Hier ist zu betonen, dass Dauer der Kirche als solcher verhei\u00dfen ist, nicht etwa den deutschen Landeskirchen!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Heil wird durch Wort und Sakrament vermittelt. Wo Wort und Sakrament sind, da ist Kirche. Nur in der Kirche gibt es Wort und Sakrament. Die Frage, was eher da ist, \u00e4hnelt der anderen, ob das Ei eher da sei als die Henne oder umgekehrt. Es gibt den alten Satz: \u201eExtra ecclesiam nulla salus.\u201c \u201eAu\u00dferhalb der Kirche ist kein Heil.\u201c Dagegen wird heute eingewendet, er dr\u00fccke absolutistische Anma\u00dfung aus und diskriminiere die Au\u00dfenstehenden. Die Christusgl\u00e4ubigen stellen innerhalb der Menschheit, wenn man darunter alle Menschen zusammenfasst, die je gelebt haben, eine winzige Minderheit dar. Sollten die Vielen alle verloren sein? Man sollte den alten Satz ins Positive wenden: \u201eIn der Kirche ist Heil.\u201c Das hei\u00dft: durch Wort und Sakrament werden Leben und Lebenssinn wirksam mitgeteilt. Wem hier Heil zuteilwird, f\u00fcr den er\u00fcbrigt sich die Frage, ob er es auch anders und sonst wo erlangen k\u00f6nnte. Die Antwort auf die Frage nach denen drau\u00dfen ist die einladende Kirche. <em>\u201eGott will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.\u201c<\/em> ( 1 Tim 2,4) Diesem Willen hat die Kirche zu dienen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Rechte Lehre hei\u00dft Orientierung an Schrift und Bekenntnis. Innerhalb dieser Orientierung gibt es durchaus eine legitime Pluralit\u00e4t, aber auch ein Bewusstsein ihrer Grenzen. Die Kirche braucht ein klares Bewusstsein dieser Grenzen und des festen Willens, Irrlehre abzuwehren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Solus Christus! Keine Zugest\u00e4ndnisse an nicht-christliche Religionen und Ideologien! Keine Ein- oder Unterordnung des Christentums im Namen der Toleranz oder der Religion. Sie braucht Mut zur Unpopularit\u00e4t<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mission! Das bedeutet Verteilung der Mittel. Mission ist au\u00dferdem einladendes Sprechen von Jesus, wobei es da unterschiedliche Formen gibt<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sakramentsverwaltung: Atmosph\u00e4re der Ehrfurcht \u2013 Die Agende sollt hier befolgt werden, kein Freistil.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Theologiestudium muss sich auf die Berufsaufgaben des Pfarrers konzentrieren: Liturgie und Predigt, Unterricht, Seelsorge. Von gr\u00f6\u00dfter Bedeutung sind die F\u00e4higkeit und Bereitschaft zu Apolog\u00eda (1 P 3,15).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es dient prim\u00e4r nicht der Ausbildung von Fachwissenschaftlern! F\u00fcr eine Auswahl der Studierenden kann sich ein prim\u00e4r fachwissenschaftliches Studium anschlie\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr die unterschiedlichen Lebens\u00e4u\u00dferungen der Kirche stellt die Tradition die Dreiheit von martyr\u00eda, liturg\u00eda und diacon\u00eda bereit, von denen sich jede in einer Vielzahl von Formen entfaltet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Martyr\u00eda<\/strong> ist das Glaubenszeugnis, das wenn es entfaltet und argumentativ verteidigt wird, die Form der Lehre annimmt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unter <strong>Liturg\u00eda<\/strong> werden alle Handlungen gefasst, mit denen Christen ihre Aufmerksamkeit auf Gott richten: Sto\u00dfgebet im Alltag, private Andacht, \u00f6ffentlicher Gottesdienst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Diacon\u00eda<\/em><\/strong> umfasst alles Wirken, mit dem sich Christen f\u00fcr das Wohl und das Heil von Menschen einsetzen. Christsein hei\u00dft an diesen Lebens\u00e4u\u00dferungen der Kirche teilhaben und sie nach dem Ma\u00dfe eigener M\u00f6glichkeiten mit tragen. Diacon\u00eda ist nicht einseitig. Sie vernachl\u00e4ssigt weder die Sorge f\u00fcr das irdische Wohl von Menschen unter dem Vorwand, es sei zweitrangig, noch die Sorge f\u00fcr das Heil mit der Ausflucht, die Hilfe in irdischen N\u00f6ten sei ein ausreichendes indirektes Christuszeugnis. Echte Diacon\u00eda schlie\u00dft immer auch Elemente von Martyr\u00eda ein, ohne Menschen in Momenten der Schw\u00e4che zu bedr\u00e4ngen. Sorge f\u00fcr das Wohl und Sorge f\u00fcr das Heil eines Menschen in den rechten Einklang zu bringen, ist das Charisma diakonischen Taktes.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Martyr\u00eda, Liturg\u00eda und Diacon\u00eda geh\u00f6ren zusammen! Diaconia ohne Martyria und Liturgia ist blo\u00dfe Wohlfahrtst\u00e4tigkeit, Martyria ohne Diaconia und Liturgia blo\u00dfe Ideologie, Liturgia ohne Martyria und Diaconia blo\u00dfe egoistische Seelenpflege.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>4.\u00a0\u00a0 Kirche in der Welt<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von au\u00dfen gesehen, ist die Kirche heute eine zwar nominell zahlreiche, aber eben doch nur eine von vielen gesellschaftlichen Gruppierungen, die mit anderen in einer Vielzahl von Wechselwirkungen steht. Es richten sich auf sie Erwartungen unterschiedlicher Art. Teilweise versucht sie solchen Erwartungen zu entsprechen, teilweise entzieht sie sich ihnen. In jeder Gesellschaft und all ihren verschiedenen Teilmilieus gibt es Vorstellungen und Einstellungen, die als so selbstverst\u00e4ndlich angesehen werden, dass vielen Individuen weder die Einstellungen selbst noch m\u00f6gliche Alternativen dazu bewusst werden: Annahmen \u00fcber den normalen Lauf der Welt und das Funktionieren oder auch Nichtfunktionieren mancher Lebensbereiche, Rezepte, wie mit bestimmten Problemen umzugehen sei, Werte, welche Priorit\u00e4tssetzungen und Entscheidungen beeinflussen. Der Sammelname daf\u00fcr ist \u201eZeitgeist\u201c. Beispiele w\u00e4ren Toleranz, Gleichwertigkeit von Lebensorientierungen, Konflikte zwischen Kinder- und Karrierew\u00fcnschen, Vorstellungen von einem erf\u00fcllten Leben, Freizeitbed\u00fcrfnisse usw. Jahrhunderte lang waren in Europa Kirche und Gesellschaft mehr oder weniger deckungsgleich. Kirchliche und profane Wertvorstellungen gehen bis heute flie\u00dfend ineinander \u00fcber. Die Kirche sieht sich als Teil der Gesellschaft und tr\u00e4gt teilweise das gesellschaftliche Leben nach allgemein verbreiteten Leitvorstellungen mit. Dies ist, vom Neuen Testament her gesehen, durchaus legitim. Doch ist die Kirche zwar in der Welt<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>5.\u00a0\u00a0 Aber nicht von der Welt<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Deshalb muss nach christlichen Kriterien \u00fcberpr\u00fcft m\u00fcssen, ob die Werte und Wertordnungen, an denen sich das Leben in der Welt orientiert, auch f\u00fcr Christen gelten. Dies wird weithin der Fall sein. Es gibt aber auch Bereiche, wo der Gegensatz zwischen drinnen und drau\u00dfen, christlich und unchristlich nicht zu \u00fcbersehen ist. Dies sind gegenw\u00e4rtig besonders die Problembereiche des Lebensschutzes und der Sexualit\u00e4t.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach christlicher Einsicht ist menschliches Leben von der Empf\u00e4ngnis bis zum medizinisch nicht mehr verhinderbaren Tod zu sch\u00fctzen. Abtreibung und Euthanasie oder auch nur die Toleranz ihnen und Versuchen gegen\u00fcber, sie argumentativ zu rechtfertigen, sind Christen, welche die normativen Grundlagen ihres Glaubens ernst nehmen, nicht nur verwehrt, sondern sie sind in ihrem Gewissen gehalten, in diesen schwerwiegenden Fragen f\u00fcr die Geltung von Gottes Geboten auch au\u00dferhalb des engeren kirchlichen Rahmens einzutreten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach der herk\u00f6mmlichen und besonders aus Mark 10,2-8 ableitbaren christlichen Sicht lebt ein Christ entweder enthaltsam z\u00f6libat\u00e4r oder ehelich. Eine dritte Option gibt es nicht. Die Ehe als dauerhafte, ausschlie\u00dfliche und f\u00fcr Kinder offene liebende Verbindung eines Mannes mit einer Frau ist das Ma\u00df, an dem alle sexuellen Beziehungen zu messen sind. Je weiter sie von diesem Kriterium abliegen, desto negativer sind sie zu beurteilen. Am weitesten entfernt sind von der Ehe ganz offensichtlich Prostitution und homosexuelle Verhaltensweisen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was diese beiden Bereiche, Lebensschutz und Sexualit\u00e4t anlangt, haben die evangelischen Landeskirchen es in den letzten vier Jahrzehnten nicht nur vers\u00e4umt, im christlichen Sinne auf die Gesellschaft einzuwirken, sondern profane Vorstellungen auch in sich selbst einstr\u00f6men lassen. Hier ist inzwischen der Tiefpunkt insofern erreicht, als leitende Personen und Gremien auch publizistisch und in der innerkirchlichen Gesetzgebung Orientierungen vertreten, die an Schrift und Bekenntnis nicht nur keinen Anhalt haben, sondern ihnen eklatant widersprechen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dem gr\u00f6\u00dften \u00dcbel der Gesellschaft, n\u00e4mlich den Hundertausenden von Abtreibungen, begegnet die Amtskirche gelegentlich mit halbherzigen Aktionen und ansonsten weitgehend mit Schweigen. Christliche Gruppen, die das \u00f6ffentliche Bewusstsein sensibilisieren wollen, werden nicht nur nicht unterst\u00fctzt, sondern auch innerkirchlich marginalisiert. Nichteheliche Beziehungen gelten auch in der Kirche schon fast als selbstverst\u00e4ndlich, Ehescheidung und Zweitehe werden sogar bei leitenden Geistlichen akzeptiert. Die Offenheit f\u00fcr Nachwuchs wird kaum mehr als f\u00fcr die Ehe konstitutiv gesehen. Homosexuelles Verhalten wird als m\u00f6gliche Option erachtet. Verpartnerten homosexuellen Theologen soll k\u00fcnftig das Zusammenleben im Pfarrhaus erlaubt sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Begr\u00fcndet werden solche Missst\u00e4nde mit dem sogenannten Wertewandel in der profanen Gesellschaft und dem Liebesgebot, auf das christliche Ethik reduziert wird. Als h\u00e4tten sich die Kirche und die einzelnen Christen mit einer Zuschauerrolle zu begn\u00fcgen und als w\u00e4ren sie nicht dazu aufgerufen, nach Kr\u00e4ften im christlichen Sinn auf den Wertewandel einzuwirken! Als legten die Briefe im neuen Testament das Liebesgebot nicht durch konkrete Mahnungen aus! Statt christliche Impulse in die Gesellschaft auszusenden, lassen Verantwortliche den Zeitgeist ungefiltert in die Kirche eindringen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In die Kirche? Inzwischen ist die christliche Identit\u00e4t evangelischer Landeskirchen durch die Zeitgeisth\u00f6rigkeit von Leitungspersonen so besch\u00e4digt, dass man vorsichtigerweise nur noch von \u00b4Religionsgesellschaften` sprechen sollte. Inwieweit ihnen noch die Merkmale von \u00b4Kirche` zukommen, muss mittlerweile leider von Fall zu Fall gepr\u00fcft werden. L\u00e4ngst erhalten Laien von kirchenleitenden Organen keine verl\u00e4sslichen Hinweise mehr, wie sie christlich glauben und leben k\u00f6nnen. Eine Religionsgesellschaft, die nur noch \u201evon der Welt\u201c ist, ist nicht nur keine Kirche, sondern dar\u00fcber hinaus \u00fcberfl\u00fcssig. Sie ist sogar sch\u00e4dlich, weil ihr Vorhandensein die Illusion n\u00e4hrt, die profane Gesellschaft erfreue sich in ihrem Sosein einer Art h\u00f6herer Legitimation.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die geistliche Erosion betrifft nicht nur die in den Landeskirchen vertretene Ethik, sondern auch die Dogmatik.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das krasseste Beispiel solcher dogmatischer Erosion liegt bei der Aufwertung nichtchristlicher Religionen vor. Wenn man von ebenso halbgebildeten wie selbstgewissen medialen Meinungsmachern eingesch\u00fcchtert und aus Angst, sich diskriminierend zu verhalten, nicht einmal mehr zu sagen wagt, dass man die christliche Option gegen\u00fcber der j\u00fcdischen, der islamischen und sonstigen andersreligi\u00f6sen Optionen als die bessere, ja letztlich die einzig legitime ansieht, dann entzieht man dem einfachen Christen die Begr\u00fcndung daf\u00fcr, warum er denn \u00fcberhaupt noch Christ sein solle und nicht sonst irgendwas oder gar nichts.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eNicht von der Welt\u201c hei\u00dft in manchen F\u00e4llen auch im Gegensatz zur Welt oder mindestens ohne Beifall von Seiten der Welt. Dies m\u00fcssen Christen, vor allem kirchliche Leitungspersonen, aushalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die evangelische Kirche braucht die F\u00e4higkeit der Unterscheidung zwischen \u201echristlich\u201c und \u201eprofan\u201c und den Mut, mit allem Nachdruck christliche gegen profane Werte zu stellen, die Alleingeltung christlicher zu behaupten und ihrer Bestreitung standzuhalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie braucht Amtstr\u00e4ger, welche ihre pers\u00f6nlichen Belange gegen\u00fcber ihren kirchlichen Aufgaben zur\u00fcckstellen und in ihrer Lehre angemessen die Diakrisis des Christlichen betonen. Sie braucht ganz allgemein Mitglieder, die bereit sind, f\u00fcr ihre christliche Orientierung Nachteile in Kauf zu nehmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>6.\u00a0\u00a0 Jedoch f\u00fcr die Welt <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">muss die Kirche auch bei gr\u00f6\u00dftem Gegensatz einstehen. Sie tritt priesterlich f\u00fcrbittend vor Gott f\u00fcr die Welt ein und sie ist Tr\u00e4gerin einer Botschaft, welche die Welt zu ihrem Heil braucht, sich aber nicht selbst sagen kann. Die Welt braucht die Kirche, weil sie diese Botschaft braucht. Der gr\u00f6\u00dfte Dienst, den die Kirche der Welt leisten kann, besteht darin, ihr diese Botschaft ohne Zus\u00e4tze und Abstriche so zu verk\u00fcnden, wie sie sie selbst empfangen hat. Dann entstehen zus\u00e4tzlich auch heilsame weltliche Wirkungen, weil Menschen zu Christen werden, die aus christlicher Motivation Lebensf\u00f6rderliches zu tun suchen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Wirkungen kann die Kirche diakonisch unterst\u00fctzen, indem sie der Welt kritisch gegen\u00fcbertritt und in den verschiedenen Bereichen &#8211; Politik, Wirtschaft, Erziehungs- und Gesundheitswesen &#8211; wenigstens die ethischen Minima einfordert, die selbst die weltliche Moral als Bedingungen der M\u00f6glichkeit menschlichen Zusammenlebens erkennt. Das hei\u00dft aber nicht, dass sich kirchliche Instanzen als Politik- oder Wirtschaftsberater in Szene setzen d\u00fcrften. Sie haben gegen\u00fcber Experten auf den verschiedenen Gebieten von der Theologie her keinerlei Erkenntnisprivileg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Endlich hei\u00dft \u201ef\u00fcr die Welt\u201c, dass sie sich derer annimmt, die im Getriebe der Welt unter die R\u00e4der kommen. So hat sie mindestens naheliegende kritische Fragen zu stellen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was ist von einer gesellschaftlichen Entwicklung zu halten, in der die Schere zwischen arm und reich immer mehr auseinander geht? Wenn etwa manche Manager dreihundertmal so viel verdienen wie eine Krankenschwester? Ist ein staatliches System in Ordnung, die Wirtschaft ausschlie\u00dflich der Selbstregulierung \u00fcberl\u00e4sst?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Prof. Dr. G\u00fcnter R. Schmidt <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Als Vortrag gehalten auf dem vom Gemeindehilfsbund veranstalteten Glaubens- und Besinnungstag in Burgambach\/Mittelfranken am 13.9.2014<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die evangelische Kirche bedarf der klaren Einsicht in ihr Wesen und des festen Willens diesem Wesen empirisch m\u00f6glichst nahe zu kommen.\u00a0 Was ist die Kirche, woher kommt sie und wohin geht sie? Diese Fragen m\u00f6chte ich an das Neue Testament, an das niz\u00e4nische Glaubensbekenntnis und an die Augsburgische Konfession stellen. 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