{"id":11407,"date":"2014-10-06T15:57:33","date_gmt":"2014-10-06T13:57:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=11407"},"modified":"2014-10-07T11:25:59","modified_gmt":"2014-10-07T09:25:59","slug":"ich-war-ein-scheidungskind","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=11407","title":{"rendered":"&#8222;Ich war ein Scheidungskind&#8220;"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wie ein Zw\u00f6lfj\u00e4hriger die Trennung seiner Eltern erlebte<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Im heutigen Europa wird jede dritte Ehe geschieden, das bedeutet: Jedes zweite Kind, das seit der Jahrtausendwende zur Welt kam, muss die Scheidung seiner Eltern miterleben, noch bevor es 18 Jahre alt ist. Die seelischen Wunden, die eine Ehescheidung bei Kindern hinterl\u00e4sst, heilen bei manchen ein Leben lang nicht. Scheidungskinder leiden h\u00e4ufig an Depressionen, sind anf\u00e4lliger f\u00fcr Krankheiten und erbringen schlechtere schulische Leistungen. Kleinkinder verarbeiten den Zerbruch ihres Elternhauses leichter als Teenager und Jugendliche. Simon L.* aus Hannover erlebte die Trennung seiner Eltern, als er zw\u00f6lf Jahre alt war. Er hat drei \u00e4ltere Geschwister; Jonas, Vanessa und Nina. F\u00fcr \u201eEntscheidung\u201c beschreibt Simon seine Erlebnisse:<\/em><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Katastrophe<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kurz vor Weihnachten, irgendwo auf einer Landstra\u00dfe. Der Motor unseres kleinen Fiat dr\u00f6hnte. Meine Mutter fuhr, Schwester Nina sa\u00df zuerst schweigend neben ihr auf dem Beifahrersitz. Da fasste sich Nina ein Herz und sagte zu Mama: \u201eIch glaube, Vati betr\u00fcgt dich!\u201c Meine Mutter wollte es nicht wahrhaben, sie entgegnete: \u201eDas kann nicht sein, das w\u00fcrde er nie tun.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tags darauf war Sophie, die h\u00fcbsche blonde Freundin meines 17-j\u00e4hrigen Bruders Jonas, zu Besuch. Er und Sophie hatten sich in einem christlichen Jugendkreis kennengelernt. Als es sp\u00e4t wurde verabschiedete sich Jonas, weil er noch aufs Abitur lernen wollte, und ging auf sein Zimmer. Vater versprach ihm, Sophie nach Hause zu bringen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gegen zwei Uhr morgens wachte ich auf und h\u00f6rte noch Ger\u00e4usche im Wohnzimmer. Vorsichtig lugte ich durchs Schl\u00fcsselloch: Vater und Sophie sa\u00dfen eng umschlungen auf dem Sofa. Verst\u00f6rt schreckte ich zur\u00fcck \u2013 und ich hockte noch lange gr\u00fcbelnd auf der Bettkante.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beim Fr\u00fchst\u00fcck \u2013 Mutter war mit am Tisch \u2013 sprach ich Papa direkt darauf an. Seine Antwort, l\u00e4chelnd: \u201eWir haben nur geredet.\u201c Mutter war bereit, ihm einen \u201ekleinen Ausrutscher\u201c, wie sie es nannte, zu verzeihen. Doch innerlich nagte dieses Ereignis an ihr. Fortan schliefen meine Eltern in getrennten Zimmern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Trennung\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vater hatte mehr als 20 Jahre im Schichtdienst eines Krankenhauses gearbeitet. Die Folge: Er litt h\u00e4ufig unter Kopfschmerzen. Immer \u00f6fter schluckte er Tabletten. Meine Mama, die wusste, dass solche Tabletten abh\u00e4ngig machen k\u00f6nnen, schilderte ihre Besorgnis dar\u00fcber in einem Brief ihrer besten Freundin. Doch sie verga\u00df, das Schreiben abzuschicken \u2013 ein fataler Fehler.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vater entdeckte den Brief. Nachdem er ihn gelesen hatte, raste er br\u00fcllend durchs Haus, packte seine Koffer und fuhr ab ins n\u00e4chste Hotel. Seine Abschiedsworte aus dem Autofenster zu Mutter, die fassungslos hinterhergerannt kam: \u201eWenn du mich f\u00fcr s\u00fcchtig h\u00e4ltst, dann muss ich dich verlassen!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mutter ging mit versteinerter Miene und stockenden Schritten ins Haus zur\u00fcck. Langsam, wie in Zeitlupe, w\u00fchlte sie sich in die Sofakissen. In dieser Nacht h\u00f6rte ich sie stundenlang weinen. Sie war nicht zu tr\u00f6sten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Einzelg\u00e4nger<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mein Vater hatte sich eine Wohnung gesucht. Fast t\u00e4glich kam er, um pers\u00f6nliche Dinge abzuholen: M\u00f6bel, manche Bilder, die Stereoanlage, B\u00fccher und Geschirr nahm er mit. Immer gab es Streit. Auch an dem milden Fr\u00fchlingstag, als er beil\u00e4ufig erz\u00e4hlte, dass er die 17-j\u00e4hrige Sophie wiedergetroffen habe. Mutter fragte: \u201eNa und?\u201c Vater: \u201eIn den n\u00e4chsten Tagen wird sich entscheiden, ob sie schwanger ist.\u201c Das war zuviel. Mutter brach innerlich zusammen: Sie \u00fcbergab sich mehrere Male und erstickte fast am Erbrochenen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Trennung meiner Eltern vollzog sich schmerzhaft langsam. Wochen vergingen, in denen Mutter nicht wusste, woher sie das Geld nehmen sollte, f\u00fcr uns Essen zu kaufen. Und immer wieder die l\u00e4hmenden Besuche meines Vaters.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In dieser Zeit fra\u00dfen mich meine Gedanken von innen her auf. In der Schule hielt ich mich immer mehr fern von Klassenkameraden, ich wurde zum Einzelg\u00e4nger. Niemandem konnte ich meine Gef\u00fchle anvertrauen. Meine Kleider, mein \u00c4u\u00dferes, verwahrlosten. Keiner k\u00fcmmerte sich um mich. Meine Mama war zu sehr mit ihren eigenen Problemen besch\u00e4ftigt. Und mir selbst war pl\u00f6tzlich alles egal.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit den Noten ging es bergab. Am Ende des Schuljahres stand fest, dass ich sitzenbleiben w\u00fcrde. Kein Lehrer oder Freund fragte, was mit mir los war. Tat es doch einer, dann wurde ich frech, ja richtig aggressiv. Ich lie\u00df niemanden an mich heran \u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Selbstmordversuch\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Damals begann ich zu rauchen, das war teuer. So pumpte ich meine Eltern und Freunde immer wieder um Geld an. Manchmal bestahl ich sogar die eigene Mutter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Pl\u00f6tzlich hatte ich zwei Zuhause. Vater wollte sein Gewissen beruhigen. Er versuchte mich zu \u00fcberzeugen, dass Mutter schlecht und an allem Schuld sei. Mutter machte es andersherum. Beide forderten von mir, mich f\u00fcr sie oder ihn und gegen den jeweils anderen zu entscheiden. Doch ich hatte beide lieb, ich wollte mich nicht entscheiden m\u00fcssen. Ich war innerlich zerrissen. Das zog sich \u00fcber Monate hin, bis mein Vater in Schleswig-Holstein eine Wohnung fand und damit aus unserem Blickfeld verschwand.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im zweiten Jahr nach der Trennung meiner Eltern blieb ich erneut in der Schule sitzen und flog vom Gymnasium. Das zerst\u00f6rte den letzten Rest an Selbstvertrauen in mir. Ich wollte nur noch mit meinem Leben Schluss machen. Nicht weit von unserem Haus hatten Bagger einen Steinbruch tief in den Berg hineingefressen. Eines Abends schl\u00fcpfte ich oben durch den Zaun und trat an den Abgrund. Dort dachte ich: \u201eNoch einen Schritt, dann ist es alles aus &#8230;\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong> \u201eGott hat dich lieb\u201c\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein anderer Gedanke schlich sich ein: \u201eGott hat dich lieb.\u201c Das hatte der Pfarrer im Konfirmandenunterricht gesagt, den ich kurz zuvor das erste Mal besucht hatte. Ich schrie zu Gott: \u201eWenn du mich wirklich lieb hast, warum stehe ich dann hier?\u201c Stille.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch irgendetwas ver\u00e4nderte sich in diesem Moment. Mir wurde klar, dass ich mein Leben nicht beenden durfte. Schockiert \u00fcber mich selbst, rannte ich nach Hause. Dort las ich in der Bibel. In den Worten von Jesus: \u201eKommt her zu mir alle, die ihr m\u00fchselig und beladen seid\u201c, entdeckte ich eine Aufforderung an mich. Ich sp\u00fcrte es einfach, dass Jesus da war und mich pers\u00f6nlich meinte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es dauerte noch einige Jahre, bis ich mich wirklich entschloss, Christ zu werden. Aber die Bibel, die ich von nun an regelm\u00e4\u00dfig las, gab mir eine Kraft, wie ich sie vorher nicht kannte \u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">* Alle Namen und Orte ge\u00e4ndert<\/p>\n<p><em>Zuerst erschienen auf <a href=\"http:\/\/www.entscheidung.org\">www.entscheidung.org<\/a>, der Webseite der Zeitschrift \u201eEntscheidung&#8220;<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie ein Zw\u00f6lfj\u00e4hriger die Trennung seiner Eltern erlebte Im heutigen Europa wird jede dritte Ehe geschieden, das bedeutet: Jedes zweite Kind, das seit der Jahrtausendwende zur Welt kam, muss die Scheidung seiner Eltern miterleben, noch bevor es 18 Jahre alt ist. 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