{"id":1139,"date":"2006-08-07T20:10:53","date_gmt":"2006-08-07T18:10:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=1139"},"modified":"2009-09-05T18:11:30","modified_gmt":"2009-09-05T16:11:30","slug":"perspektiven-fur-die-evangelische-kirche-im-21-jahrhundert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=1139","title":{"rendered":"Perspektiven f\u00fcr die evangelische Kirche im 21. Jahrhundert?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\"><strong>Perspektiven f\u00fcr die evangelische Kirche im 21. Jahrhundert? Zum sog. Impulspapier der EKD \u201eKirche der Freiheit. Perspektiven f\u00fcr die evangelische Kirche\u201c (Juli 2006)<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Rat der EKD hat auf 110 Seiten durch 12 Mitglieder einer \u201ePerspektivkommission\u201c skizzieren lassen, welche Erneuerungs- und Ver\u00e4nderungswege die evangelische Kirche beschreiten sollte, um die Zukunft Richtung 2030 zu gewinnen. Herausgekommen ist ein geschlossenes, im Rahmen seiner Voraussetzungen plausibles Impulspapier, das einen Konsultationsproze\u00df auf allen Ebenen der evangelischen Kirche ausl\u00f6sen soll. Die Frage ist, ob die Voraussetzungen den Weg zum Ziel tragen.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Runderneuerung statt Grunderneuerung<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist zwar ein klar durchstrukturiertes Papier, das beachtliche Impulse setzt: Konzentration auf die geistlichen Kernauftr\u00e4ge und geistliche Profilierung aller Handlungsfelder (Wo Evangelisch draufsteht, mu\u00df auch Evangelium drin sein). Gleichwohl ist von diesem Papier eine geistliche Erneuerung der Kirche nicht zu erwarten. Da\u00df Jesus Christus, dem Herrn der Kirche, ein Mitspracherecht einger\u00e4umt wurde und wird, ist nicht erkennbar. Die entscheidende Schw\u00e4che des Papiers besteht darin, dass man nicht pr\u00fcft, ob sich das Haus der Kirche nicht l\u00e4ngst von seinen Fundamenten, n\u00e4mlich der Heiligen Schrift und dem reformatorischen Bekenntnis abgel\u00f6st hat und mit zunehmender Beschleunigung in den Abgrund rutscht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Je weiter man liest, desto klarer entsteht der Eindruck: Eine marketingorientierte, betriebsorganisatorischen Methoden verfallene F\u00fchrungselite hat sich aufgekl\u00e4rt und emanzipiert an die Form der Kirche gemacht. Aber nicht die Form, sondern die Inhalte sind das Problem. Sie bietet Raum f\u00fcr beliebige Christus- und Gemeindebilder. Im kirchlichen Supermarkt l\u00e4sst sich auch der Atheist noch als \u201eanonymer Christ\u201c vereinnahmen, wenn er nur Kirchensteuern zahlt. Es ist bezeichnend, dass der Rat nicht um Treue zu Jesus Christus bittet, sondern Treue zur Kirche w\u00fcnscht. Zwar wird 11mal auf 110 Seiten formal korrekt Jesus Christus erw\u00e4hnt, aber das wirkt wie eine theologische Pflicht\u00fcbung und ist erschreckend verschieden von der Klarheit der Barmer Theologischen Erkl\u00e4rung und Lichtjahre weit entfernt von der hingerissenen Christusliebe, die im Neuen Testament auf jeder Seite Menschen ber\u00fchrt und die atemberaubende Wachstumsdynamik der Alten Kirche ausl\u00f6ste. Kann so Kirchenreform in einer Kirche geschehen, die entstand, weil der Hunger nach Christus sonst nirgends gestillt wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Organisationsmanagement statt Geisterneuerung<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Perspektivpapier hat seine St\u00e4rke in der \u00dcbernahme von bew\u00e4hrten Erfahrungen aus Betriebswirtschaft, Organisationsmanagement und Personalf\u00fchrung. Fast auf jeder Seite begegnet das Vokabular von Unternehmensberatern und Motivationstrainern. Das betriebswirtschaftliche Kalk\u00fcl, das auf den ersten Blick nachvollziehbar plausibel wirkt, erweist sich bei n\u00e4herem theologisch-kritischen Hinsehen als Potemkinsches Dorf; es ist ein Haus, das auf Sand gebaut ist. Zwar verwendet das Papier den Begriff \u201egeistlich\u201c noch h\u00e4ufiger als das Wort Qualit\u00e4t, aber in diesem Papier wird \u201egeistlich\u201c zum Allerweltsbegriff, dessen biblische Fundierung im neuen Bezugsrahmen bedeutungslos geworden ist. Trotz dem Wunsch nach evangelischem Profil ist die Grenze nicht gezogen, jenseits derer das Evangelium verh\u00f6kert wird. Bonhoeffers schneidende Kirchenkritik mit dem Bild von der billigen Gnade wird in der \u201eVolkskirche\u201c beharrlich verdr\u00e4ngt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese M\u00e4ngel an biblisch-reformatorischer Klarheit werden nicht nur am Christusdefizit des Papiers sichtbar, sondern auch an den Gemeindebildern, sowie am Verst\u00e4ndnis dessen, was den Menschen zum Christen macht. Es ist zwar zukunftstr\u00e4chtig, dass die Monokultur der Ortsgemeinde aufgebrochen und durch Profil- und Richtungsgemeinden erg\u00e4nzt wird. Biblisch und reformatorisch unsinnig ist jedoch die Rede von der Passanten-, der Medien- oder Internetgemeinde. Das ahnen die Verfasser selbst, aber sie verwenden den Gemeindebegriff und verspielen so Profil. Gemeinde lebt da, wo Menschen verbindlich und dauerhaft um Jesu Christi Wort und Sakrament versammelt leben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gestyltes Design statt geistgewirkter Originalit\u00e4t<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die f\u00fcr Bibel und Reformatoren \u2013 also f\u00fcr evangelische Kirche \u2013 grunds\u00e4tzliche Bindung an Christus wird in weiten Teilen des Papiers zur Bindung an eine hierarchisch gegliederte, geradezu geschlossene Organisationsstruktur verf\u00e4lscht, in der die Einf\u00e4lle der kirchlichen Denkfabriken, folgt man der wiederholten Gedankenf\u00fchrung, von oben nach unten durchgesetzt werden. Einen Gewissensschutz f\u00fcr Gegner der Segnung schwullesbischer Lebensformen wird es in dieser Kirche nicht mehr geben. Und im Zuge des \u201eQualit\u00e4tsmanagements\u201c wird der Dynamik der Gleichschaltung weiter Raum ge\u00f6ffnet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In dieser stromlinienf\u00f6rmig gestylten Kirche wird f\u00fcr geistgewirkte Originale kein Platz mehr sein. Ein Seelsorger von der geistlichen Qualit\u00e4t des katholischen Pfarrers von Ars, durch den Gott im 19. Jh. den aufgekl\u00e4rten Rationalismus der Zeitgenossen herausforderte, h\u00e4tte in der zuk\u00fcnftigen EKD-Kirche keinen Platz, war er doch alles andere als auf der H\u00f6he seiner Zeit. Aber in das franz\u00f6sische Dorf, dessen Pfarrer er war, kamen Jahr f\u00fcr Jahr hunderttausend und mehr Menschen, Aristokraten und Bauern, Handwerker und Professoren, um in der Beichte Entlastung zu finden. Vom Beichtstuhl dieses Gottesmannes str\u00f6mte Heilung an Seele, Leib und Geist in das Leben hungriger Menschen. In diesem Dorf unweit von Lyon wurde Kirche erneuert, und an finanziellen Mitteln war infolgedessen dort wie auch andern Orts, wo Gottes Geist Menschen und Strukturen erneuert, kein Mangel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Rat hat ein unter Gesichtspunkten des Organisationsmanagements zweifellos packendes Perspektivpapier ver\u00f6ffentlicht. Es zeigt durchaus zukunftsweisende Gesichtspunkte. Aber es fehlt ihm an dem Geist, der die Toten lebendig macht. Luthers erste These von der Bu\u00dfe \u2013 auch dies eine zugegeben unpopul\u00e4re Definition dessen, was den Menschen zum Christen macht \u2013 bleibt au\u00dfer Betracht. Wie aber will Kirche Zukunft haben, wenn sie sich der Bu\u00dfe verweigert?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der brillante katholische Fundamentaltheologe Heribert M\u00fchlen hat das Alternativprogramm unvergleichlich gr\u00fcndlicher geschrieben. \u201eKirche w\u00e4chst von innen. Weg zu einer glaubensgeschichtlich neuen Gestalt der Kirche\u201c hei\u00dft das weitr\u00e4umig und tief greifend durchdachte gro\u00dfe Werk. Es entfaltet die These: Es wird keine neue Menschheit geben, wenn nicht zuerst die Menschen erneuert sind durch die Erneuerung aus der Taufe und ein Leben nach dem Evangelium. Diese Erneuerung geschieht durch die Annahme des Taufbundes. Sie ist der bewusste und freie Ich-Einschlu\u00df eines\/einer jeden einzelnen in den Bund, den Gott in Jesus Christus neu mit seinem ganzen Volk geschlossen hat. Ein unabdingbarer Schritt auf dem Weg zu einer profilierten, identit\u00e4tsstarken Kirche mit werbender Ausstrahlung ist zweifellos die einladende Bitte an jeden Getauften, eine Grundentscheidung f\u00fcr Jesus Christus als lebensgeschichtlichen Einschnitt zu vollziehen. Das ist biblisch, und das ist reformatorisch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Perspektiven f\u00fcr die evangelische Kirche im 21. Jahrhundert? Zum sog. 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