{"id":11293,"date":"2014-09-11T14:10:53","date_gmt":"2014-09-11T12:10:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=11293"},"modified":"2014-09-11T14:40:28","modified_gmt":"2014-09-11T12:40:28","slug":"brief-an-kurfuerst-friedrich-von-sachsen-vom-5-maerz-1522","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=11293","title":{"rendered":"Brief an Kurf\u00fcrst Friedrich den Weisen vom 5. M\u00e4rz 1522"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Dem Durchlauchtigsten, Hochgebornen F\u00fcrsten und Herrn, Herrn Friedrich, Herzogen zu Sachsen, des heiligen r\u00f6mischen Reichs Kurf\u00fcrsten, Landgrafen in Th\u00fcringen, Markgrafen zu Meissen, meinem gn\u00e4digsten Herrn und Patron.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gunst und Friede von Gott unserm Vater, und unserm Herrn Jesu Christo, und mein untert\u00e4nigster Dienst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Durchlauchtigster, Hochgeborner Kurf\u00fcrst, Gn\u00e4digster Herr! E. K. F. G. 1) Schrift und gn\u00e4diges Bedenken ist mir zukommen auf Freitag zu Abend, als ich auf morgen, Sonnabend, wollt ausreiten. Und da\u00df es E. K. F. G. aufs Allerbeste meine, bedarf freilich bei mir weder Bekenntnis noch Zeugnis; denn ich mich de\u00df, so viel menschlich Erkundung gibt, gewi\u00df achte. Wiederum aber, da\u00df ichs auch gut meine, d\u00fcnkt mich, ich wisse es aus h\u00f6herer denn aus menschlicher Erkundigung; damit aber ist nichts getan.<!--more-->Ich hab mich aber lassen ansehen E. K. F. G. Schrift, als h\u00e4tte meine Schrift E. K. F. G. ein wenig bewegt, damit da\u00df ich schriebe, E. K. F. G. sollt weise sein 2). Doch wider solchen Wahn hat mich meine gro\u00dfe Zuversicht beschieden, da\u00df E. K. F. G. mein Herz wohl besser erkennet, denn da\u00df ich mich mit solcher Art Worten E. K. F. G. hochber\u00fchmte Vernunft stockern sollte. Denn ich hoffe, es sei mein Herz je an dem, da\u00df ich aus Grund, ohn alles Heucheln, ein Lust und Gefallen allzeit an E. K. F. G. vor allen F\u00fcrsten und Oberkeiten gehabt. Was ich aber geschrieben habe, ist aus Sorgen geschehen, da\u00df ich E. K. F. G. wollt tr\u00f6sten: nicht meiner Sach halben, davon ich dazumal kein Gedanken hatte, sondern des ungeschickten Handelns halben, n\u00e4mlich zu Wittenberg, zu gro\u00dfer Schmach des Evangelii, durch die Unsern entstanden 3). Da war mir Angst, E. K. F. G. w\u00fcrden de\u00dfwillen ein gro\u00df Beschwerung tragen. Denn mich auch selbst der Jammer also hat zutrieben, da\u00df, wo ich nicht gewi\u00df w\u00e4re, da\u00df lauter Evangelium bei uns ist, h\u00e4tte ich verzaget an der Sache. Alles, was bisher mir zu Leide getan ist in diesen Sachen, ist Schimpf und nichts gewesen. Ich wollts auch, wenn es h\u00e4tte k\u00f6nnen sein, mit meinem Leben gern verhindert haben. Denn es ist also gehandelt, da\u00df wirs weder vor Gott, noch vor der Welt verantworten k\u00f6nnen; und liegt doch mir auf dem Halse, und zuvor dem heiligen Evangelio. Das tut mir von Herzen wehe. Darum, gn\u00e4digster Herr, meine Schrift sich nicht weiter streckt, denn auf derjenigen, und nicht auf meinen Handel, da\u00df E. K. F. G. sollten nicht ansehen das gegenw\u00e4rtige Bild des Teufels in diesem Spiel. Und solche Ermahnung, ob sie E. K. F. G. nicht not w\u00e4re, ist sie doch mir n\u00f6tlich zu tun gewesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von meiner Sache aber, gn\u00e4digster Herr, antworte ich also: E. K. F. G. wei\u00df, oder wei\u00df sie es nicht, so la\u00df sie es ihr hiermit kund sein, da\u00df ich das Evangelium nicht von Menschen, sondern allein vom Himmel, durch unsern Herrn Jesum Christum habe, da\u00df ich mich wohl h\u00e4tte m\u00f6gen (wie ich denn hinfort tun will) einen Knecht und Evangelisten r\u00fchmen und schreiben. Da\u00df ich mich aber zur Verh\u00f6re und Gericht erboten habe, ist geschehen, nicht da\u00df ich dran zweifelt, sondern aus \u00fcbriger Demuth, die andern zu locken. Nun ich aber sehe, da\u00df meine zu viele Demuth gelangen will zur Erniedrigung des Evangelii, und der Teufel den Platz ganz einnehmen will, wo ich ihm nur ein Hand breit r\u00e4ume, mu\u00df ich aus Not meines Gewissens anders dazu tun. Ich hab E. K. F. G. genug getan, da\u00df ich dies Jahr gewichen bin, E. K. F. G. zu Dienst. Denn der Teufel wei\u00df fast wohl, da\u00df ichs aus keinem Zag getan habe. Er sah mein Herz wohl, da ich zu Worms einkam, da\u00df, wenn ich h\u00e4tte gewu\u00dft, da\u00df so viel Teufel auf mich gehalten h\u00e4tten, als Ziegel auf den D\u00e4chern sind, w\u00e4re ich dennoch mitten unter sie gesprungen mit Freuden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun ist Herzog Georg noch weit ungleich einem einzigen Teufel. Und sintemal der Vater der abgr\u00fcndlichen Barmherzigkeit uns durchs Evangelium hat gemacht zu freudigen Herrn \u00fcber alle Teufel und Tod, und uns gegeben den Reichtum der Zuversicht, da\u00df wir d\u00fcrfen zu ihm sagen, herzliebster Vater: kann E. K. F. G. selbst ermessen, da\u00df es solchem Vater die h\u00f6chste Schmach ist, so wir nicht sowohl ihm vertrauen sollten, da\u00df wir auch Herren \u00fcber Herzog Georgen Zorn sind. Das wei\u00df ich je von mir wohl, wenn diese Sache zu Leipzig 4) also st\u00fcnde, wie zu Wittenberg, so wollte ich doch hinein reiten, wenns gleich (E. K. F. G. verzeihe mir mein n\u00e4rrisch Reden,) neun Tage eitel Herzog Georgen regnete, und ein jeglicher w\u00e4re neunfach w\u00fctender, denn dieser ist. Er h\u00e4lt meinen Herrn Christum f\u00fcr einen Mann aus Stroh geflochten; das kann mein Herr, und ich, eine Zeit lang wohl leiden. Ich will aber E. K. F. G. nicht verbergen, da\u00df ich f\u00fcr Herzog Georgen habe nicht einmal 5) gebeten und geweinet, da\u00df ihn Gott wolle erleuchten. Ich will auch noch einmal bitten und weinen, darnach nimmermehr. Und bitte, E. K. F. G. wollt auch helfen bitten und bitten lassen, ob wir das Urtheil k\u00f6nnten von ihm wenden, das (ach Herr Gott!) auf ihn dringt ohn Unterla\u00df. Ich wollt Herzog Georgen schnell mit einem Wort erw\u00fcrgen, wenn es damit w\u00e4re ausgerichtet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Solches sei E. K. F. G. geschrieben, der Meinung, da\u00df E. K. F. G. wisse, ich komme gen Wittenberg in gar viel einem h\u00f6hern Schutz, denn des Kurf\u00fcrsten. Ich habs auch nicht im Sinn, von E. K. F. G. Schutz zu begehren. Ja, ich halt, ich wolle E. K. F. G. mehr sch\u00fctzen, denn sie mich sch\u00fctzen k\u00f6nnte. Dazu wenn ich w\u00fc\u00dfte, da\u00df mich E. K. F. G. k\u00f6nnte und wollte sch\u00fctzen, so wollte ich nicht kommen. Dieser Sachen soll noch kann kein Schwert raten oder helfen; Gott mu\u00df hie allein schaffen, ohn alles menschlich Sorgen und Zutun. Darum wer am meisten gl\u00e4ubt, der wird hie am meisten sch\u00fctzen. Dieweil ich denn nun sp\u00fcre, da\u00df E. K. F. G. noch gar schwach ist im Glauben, kann ich keinerleiwege E. K. F. G. f\u00fcr den Mann ansehen, der mich sch\u00fctzen oder retten k\u00f6nnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da\u00df nun auch E. K. F. G. begehrt zu wissen, was sie tun solle in dieser Sachen, sintemal sie es achte, sie habe viel zu wenig getan; antworte ich untert\u00e4niglich: E. K. F. G. hat schon allzuviel getan, und sollt gar nichts tun. Denn Gott will und kann nicht leiden E. K. F. G. oder mein Sorgen und Treiben. Er wills ihm gelassen haben, de\u00df und kein anderes; da mag sich E. K. F. G. nach richten. Gl\u00e4ubt E. K. F. G. dies, so wird sie sicher sein, und Friede haben: gl\u00e4ubt sie nicht, so gl\u00e4ube doch ich, und mu\u00df E. K. F. G. Unglauben lassen seine Qual in Sorgen haben, wie sichs geb\u00fchrt allen Ungl\u00e4ubigen zu leiden. Dieweil denn ich nicht will E. K. F. G. folgen, so ist E. K. F. G. f\u00fcr Gott entschuldiget, so ich gefangen oder get\u00f6tet w\u00fcrde. F\u00fcr den Menschen soll E. K. F. G. also sich halten: n\u00e4mlich der Oberteil, als ein Kurf\u00fcrst, gehorsam sein, und Kaiserl. Maj. lassen walten in E. K. F. G. St\u00e4dten und L\u00e4ndern, an Leib und Gut, wie sichs geb\u00fchrt, nach Reichs-Ordnung, und ja nicht wehren noch widersetzen, noch Widersatz oder irgend ein Hindernis begehren, der Gewalt, so sie mich fangen oder t\u00f6ten will. Denn die Gewalt soll niemand brechen noch widerstehen, denn alleine der, der sie eingesetzt hat; sonst ists Emp\u00f6rung und wider Gott. Ich hoffe aber, sie werden der Vernunft brauchen, da\u00df sie E. K. F. G. erkennen werden, als in einer h\u00f6hern Wiegen geboren, denn da\u00df sie selbst sollt Stockmeister \u00fcber mir werden. Wenn E. K. F. G. die Thore offen l\u00e4\u00dft, und das frei Kurf\u00fcrstliche Geleit h\u00e4lt, wenn sie selbst k\u00e4men, mich zu holen, oder ihre Gesandten; so hat E. K. F. G. dem Gehorsam genug getan. Sie k\u00f6nnen je nicht H\u00f6heres von E. K. F. G. fordern, denn da\u00df sie den Luther wollen bei E. K. F. G. wissen. Und das soll geschehen ohne E. K. F. G. Sorgen, Tun und einiger Fahr. Denn Christus hat mich nicht gelehrt, mit eines andern Schaden ein Christ sein. Werden sie aber je so unvern\u00fcnftig sein und gebieten, da\u00df E. K. F. G. selbst die Hand an mich lege, will ich E. K. F. G. alsdenn sagen, was zu tun ist: Ich will E. K. F. G. Schaden und Fahr sicher halten an Leib, Gut und Seele, meiner Sachen halben, es gl\u00e4ube es E. K. F. G. oder gl\u00e4ubs nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hiemit befehl ich E. K. F. G. in Gottes Gnaden. Weiter wollen wir aufs schierst reden, so es not ist. Denn diese Schrift hab ich eilend abgefertigt, da\u00df nicht E. K. F. G. Betr\u00fcbnis anf\u00fchre von dem Geh\u00f6re meiner Zukunft; denn ich soll und mu\u00df Jedermann tr\u00f6stlich und nicht sch\u00e4dlich sein, will ich ein rechter Christ sein. Es ist ein ander Mann, denn Herzog Georg, mit dem ich handel, der kennet mich fast wohl und ich kenne ihn nicht \u00fcbel. Wenn E. K. F. G. gl\u00e4ubte, so w\u00fcrde sie Gottes Herrlichkeit sehen; weil sie aber noch nicht gl\u00e4ubt, hat sie auch noch nichts gesehen. Gott sei Lieb und Lob in Ewigkeit, Amen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Geben zu Borna beim Geleitsmann, am Aschermittwoch, Anno 1522. E. K. F. G. untert\u00e4niger Diener<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Martinus Luther.<\/p>\n<hr \/>\n<p><em>1) Euer Kurf\u00fcrstliche Gnaden<\/em><\/p>\n<p><em>2) Luther bezieht sich auf einen fr\u00fcheren Brief, den er an den Kurf\u00fcrsten geschrieben hatte.<\/em><\/p>\n<p><em>3) er meint die Bilderst\u00fcrmer, die aus den Wittenberger Kirchen die Bilder gewaltsam entfernt und damit den Verlauf der Reformation gef\u00e4hrdet hatten.<\/em><\/p>\n<p><em>4) Leipzig, durch das Luther reiten mu\u00dfte, geh\u00f6rte Herzog Georg, einem heftigen Feind Luthers.<\/em><\/p>\n<p><em>5) d. h. nicht blo\u00df einmal, sondern oft.<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Dieser Brief &#8211; &#8222;einer der herrlichsten, die er geschrieben hat&#8220; (Heinrich Bornkamm) &#8211; geh\u00f6rt mit Recht zur Weltliteratur. Zum geschichtlichen Hintergrund: W\u00e4hrend Luther 1521\/22 auf der Wartburg war, hatte sich in Wittenberg eine revolution\u00e4re Stimmung entwickelt, die gewaltsam die reformatorischen Erkenntnisse gegen die Altgl\u00e4ubigen durchsetzen wollte (keine Bilderverehrung, Abendmahlsfeiern nur unter beiderlei Gestalt, also mit Brot und Wein). Einer der Wortf\u00fchrer war der Theologieprofessor Karlstadt. Erste gewaltsame Aktionen hatten seit Anfang 1522 stattgefunden. Der Rat der Stadt und der Kurf\u00fcrst, die durchaus Sympathien f\u00fcr die reformatorischen Anliegen hatten, zeigten sich irritiert. Luther erkannte, dass damit das ganze Werk der Reformation gef\u00e4hrdet war und teilte seinem Kurf\u00fcrsten seine Absicht mit, nach Wittenberg zu reisen, was f\u00fcr ihn mit gro\u00dfen Gefahren f\u00fcr Leib und Leben verbunden war. Der Kurf\u00fcrst antwortete voller Sorge und bot ihm Begleitschutz an. Kurz vor Leipzig, das einem der sch\u00e4rfsten Gegner der Reformation unterstand, in Borna, wo sich Luther im Haus seines Geleitsmannes Michael von der Stra\u00dfen aufhielt, schrieb er den vorstehenden Brief an den Kurf\u00fcrsten. Am 6. M\u00e4rz ritt er in Wittenberg ein und begann gleich am folgenden Sonntag mit seinen bekannten Invocavitpredigten, durch die es ihm mit Gottes Hilfe gelang, die Reformation als eine Bewegung des Wortes Gottes zu erhalten, die ihre Ziele ohne Gewaltma\u00dfnahmen verfolgt.<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dem Durchlauchtigsten, Hochgebornen F\u00fcrsten und Herrn, Herrn Friedrich, Herzogen zu Sachsen, des heiligen r\u00f6mischen Reichs Kurf\u00fcrsten, Landgrafen in Th\u00fcringen, Markgrafen zu Meissen, meinem gn\u00e4digsten Herrn und Patron. Gunst und Friede von Gott unserm Vater, und unserm Herrn Jesu Christo, und mein untert\u00e4nigster Dienst. 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