{"id":11286,"date":"2014-09-09T14:01:03","date_gmt":"2014-09-09T12:01:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=11286"},"modified":"2014-09-09T14:01:03","modified_gmt":"2014-09-09T12:01:03","slug":"irgendwo-zwischen-rom-wittenberg-und-genf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=11286","title":{"rendered":"Irgendwo zwischen Rom, Wittenberg und Genf?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Viele evangelikale Mitglieder der Landeskirchen leiden an der \u2013 aus ihrer Sicht \u2013 Profillosigkeit der Kirchenleitungen und der weit verbreiteten Anpassung an den Zeitgeist. Mit einer gewissen Sehnsucht, ja oftmals sogar offener Sympathie blicken manche nach Rom. Im moralischen Durcheinander erscheint die katholische Kirche als einziges letztes Bollwerk. Sie bringt eine lange Geschichte, gewaltige Gr\u00f6\u00dfe und immer noch recht starken Einfluss mit. Es gibt wohl keinerlei Statistiken \u00fcber \u00dcbertritte von Evangelikalen in katholische Gemeinden, aber die Stimmung der letzten Zeit ist klar: Rom, zumal unter dem ganz anderen neuen Papst, steht Evangelikalen wohl so nah, wie noch nie.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor einigen Tagen titelte \u201eidea\u201c: \u201eEvangelikale und Katholiken verbindet mehr als sie trennt\u201c. In Bad Blankenburg hatten sich in der vergangenen Woche Vertreter der katholischen Kirche und der Welt-Allianz (WEA) zu Konsultationen getroffen. Teilnehmer des schon f\u00fcnften Treffens dieser Art war auch Rolf Hille, \u00d6kumene-Beauftragter in der Theologischen Kommission der WEA. In der Meldung hie\u00df es: \u201eWie Hille betonte, ist die evangelikale Bewegung der r\u00f6misch-katholischen Kirche aufgrund ihrer konservativen Haltung sehr viel n\u00e4her als die liberale evangelische Volkskirche in Deutschland\u201c. Diese N\u00e4he wird vor allem auch durch die \u00dcbereinkunft in \u201ezentralen ethischen Fragen\u201c gesehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Artikel im \u201epro-Medienmagazin\u201c unter der \u00dcberschrift \u201eEvangelikale und Katholiken: Keine Kompromisse\u201c gibt einen guten \u00dcberblick \u00fcber Hintergr\u00fcnde, Verlauf und Ziel der j\u00fcngsten Gespr\u00e4che in Th\u00fcringen. Der evangelikale Brasilianer Claus Schwambach kommt dort zu Wort: \u201eUns eint viel mehr als uns trennt\u201c. Und \u00e4hnlich wie Hille wird auch er wie folgt widergegeben: \u201eEvangelikale h\u00e4tten als konservativer Fl\u00fcgel der evangelischen Christen mehr mit den Katholiken gemein als liberale Protestanten.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Verf\u00e4lschtes Christentum und \u00fcberhaupt kein Christentum<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es stimmt, dass die liberale Theologie mit ihren diversen Ausl\u00e4ufern bis in die Gegenwart die evangelische Christenheit gespalten hat und so viele Gemeinsamkeiten mit Rom aufgetaucht sind. Wohl am eindeutigsten entlarvte J. Gresham Machen (spr. <em>meitschen<\/em>) den theologischen Liberalismus. In seinem ber\u00fchmten Buch <em>Christianity and Liberalism<\/em> (1923, deutsch im 3L-Verlag, s. <a href=\"http:\/\/www.cbuch.de\/product_info.php?products_id=4589\">hier<\/a>): \u201eDie gro\u00dfe Erl\u00f6sungsreligion des Christentums k\u00e4mpft gegen einen ganz andersartigen Typus von religi\u00f6sem Glauben an\u201c. Dieser theologische Liberalismus ist h\u00f6chst destruktiv, aber \u201eantichristlich bis zur Wurzel\u201c. Traditionelle christliche Begriffe werden weiter benutzt, doch der Liberalismus oder Naturalismus unterscheidet sich <em>in seinem Wesen<\/em> vom Christentum, stellt eine andere Religion dar. \u201eDer Glaube an einen real existierenden pers\u00f6nlichen Gott ist die Wurzel des Christentums\u201c; dieser Gott handelt tats\u00e4chlich in der Welt und hat zu Menschen geredet. Der Liberalismus leugnet dies, verwirft Wunder, die wahre G\u00f6ttlichkeit Jesu, seine tats\u00e4chliche Auferstehung, die Bibel als echtes Wort Gottes. Er ist letztlich eine Selbsterl\u00f6sungsreligion: \u201eDer Liberalismus findet Erl\u00f6sung im Menschen vor, das Christentum findet sie in einem Akt Gottes\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Obwohl ein konservativer Presbyterianer, Mitgr\u00fcnder der \u201eOrthodox Presbyterian Church\u201c, betonte Machen, \u201ewie gro\u00df das gemeinsame Erbe mit der Kirche Roms ist\u201c. Denn diese hat vor allem an der Autorit\u00e4t der Schrift und der altkirchlichen Bekenntnisse festgehalten. \u00a0Machen sah nat\u00fcrlich die gro\u00dfen Lehrunterschiede: Zwischen Rom und den konservativen Protestanten erstreckt sich ein tiefer Graben. Aber dieser ist geradezu flach \u201everglichen mit dem Abgrund, der zwischen uns und den [liberalen] Geistlichen unserer eigenen Kirche liegt\u201c. Die r\u00f6mische Kirche, so Machen, mag aus protestantischer Sicht ein verfremdetes, ja verderbtes Christentum lehren, doch der protestantische Liberalismus \u201eist \u00fcberhaupt kein Christentum\u201c, ja er ist (so dann gegen Ende des Buches noch einmal) \u201eim Kern antichristlich\u201c. (Einen guten \u00dcberblick zu Machen und seinem Buch liefert Carl Trueman: \u201e<a href=\"http:\/\/www.theologian.org.uk\/doctrine\/liberalism.html\">Christianity, Liberalism and the New Evangelicalism<\/a>\u201c.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Machen, so scheint es, w\u00fcrde also der Intention der oben zitierten Aussagen zustimmen: Ja, Evangelikale, die konservativen Protestanten, stehen Rom n\u00e4her als dies die liberalen Evangelischen tun. Es ist nur zu beachten, dass Machen die r\u00f6mische Kirche <em>des beginnenden 20. Jahrhunderts<\/em> im Blick hatte. Was w\u00fcrde er wohl heute sagen? Ich bin mir sicher, dass seine Diagnose eindeutig w\u00e4re: Rom ist vom gleichen liberalen Virus infiziert \u2013 die Krankheit ist nur noch nicht so weit fortgeschritten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Machen w\u00fcrdigte, dass die r\u00f6mische Kirche an \u00fcbernat\u00fcrlicher Offenbarung, an der vollen Inspiration der Schrift und ihrer uneingeschr\u00e4nkten G\u00f6ttlichkeit, festgehalten hatte. Papst Leo XIII hatte in der Enzyklika <em>Providentissum Deus<\/em> (1893) noch einmal die traditionelle Sicht der Hl. Schrift betont. \u00dcberhaupt wehte um 1900 durch die Kirche Roms ein sehr konservativer, ja reaktion\u00e4rer Wind. Pius X lie\u00df im Jahr 1910 den sog. \u201eAntimodernisteneid\u201c einf\u00fchren, der alle Geistlichen auf eine in jeder Hinsicht antiliberale und v\u00f6llig traditionelle Theologie verpflichtete.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu Machens Zeiten galt tats\u00e4chlich noch ohne Einschr\u00e4nkungen, dass Rom die Autorit\u00e4t der Schrift hochachtete (nat\u00fcrlich vertrat die katholische Kirche auch damals keinerlei protestantisches Offenbarungs- und Schriftverst\u00e4ndnis, da man die <em>oberste<\/em> Autorit\u00e4t der Bibel \u00fcber Traditionen und ihre Gen\u00fcgsamkeit und Klarheit ablehnte). Doch die Zeiten haben sich \u2013 beginnend mit Pius XII Enzyklika <em>Divino Afflante Spiritu<\/em> aus dem Jahr 1943\u2013 wahrlich ge\u00e4ndert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u201eTendenz zu geistiger Enge\u201c<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man werfe nur einen Blick in \u201e<a href=\"http:\/\/www.vatican.va\/roman_curia\/congregations\/cfaith\/pcb_documents\/rc_con_cfaith_doc_19930415_interpretazione_ge.html\">Die Interpretation der Bibel in der Kirche<\/a>\u201c der P\u00e4pstlichen Bibelkommission (1993). Dort bekennt man sich eindeutig zur historisch-kritische Methode; sie sei \u201edie unerl\u00e4ssliche Methode f\u00fcr die wissenschaftliche Erforschung des Sinnes alter Texte\u2026 Als analytische Methode erforscht sie den biblischen Text auf die gleiche Art und Weise wie sie jeden anderen Text der Antike erforscht.\u201c Die Hilfe der historisch-kritischen Methode sei \u201eunentbehrlich\u201c. Fr\u00fcher dagegen \u201ewar sich die j\u00fcdische und christliche Auslegung der Bibel der konkreten historischen Gegebenheiten, in denen das Wort Gottes Wurzeln gefasst hatte, nicht so klar bewusst. Ihre Kenntnis war summarisch und unscharf.\u201c Es wird eingestanden, dass diese Methode anfangs dem Glauben \u201emanchmal sogar widersprach\u201c, doch nun sei sie \u201evon den ihr anhaftenden Voreingenommenheiten befreit\u201c; die Kirche ist durch einen \u201eschmerzlicher Prozess\u201c gegangen, der sich \u201eheilsam\u201c herausgestellt hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese diplomatisch formulierten S\u00e4tze gewinnen an Klarheit durch den Vergleich mit dem \u201efundamentalistische Umgang mit der Heiligen Schrift\u201c. Hier wird verbal aus dem Vollen gesch\u00f6pft, und sch\u00e4rfer k\u00f6nnte die Abgrenzung nicht sein. Und man mache sich nichts vor: Gemeint sind auch alle Evangelikalen, deren Auslegung n\u00e4mlich gesondert nirgends behandelt wird. Gleich eingangs: \u201eDie fundamentalistische Verwendung der Bibel geht davon aus, dass die Heilige Schrift \u2013 das inspirierte Wort Gottes und frei von jeglichem Irrtum \u2013 wortw\u00f6rtlich gilt und bis in alle Einzelheiten wortw\u00f6rtlich interpretiert werden muss. Mit solcher \u2018wortw\u00f6rtlicher Interpretation\u2019 meint sie eine unmittelbare buchst\u00e4bliche Auslegung, d.h. eine Interpretation, die jede Bem\u00fchung, die Bibel in ihrem geschichtlichen Wachstum und in ihrer Entwicklung zu verstehen, von vorneherein ausschlie\u00dft. Eine solche Art, die Bibel zu lesen, steht im Gegensatz zur historisch-kritischen Methode, aber auch zu jeder anderen wissenschaftlichen Interpretationsmethode der Heiligen Schrift. Der fundamentalistische Umgang mit der Heiligen Schrift hat seine Wurzeln in der Zeit der Reformation, wo man daf\u00fcr k\u00e4mpfte, dem Literalsinn der Heiligen Schrift treu zu bleiben. Nach der Aufkl\u00e4rung erschien diese Art, die Bibel zu lesen, im Protestantismus als Reaktion auf die liberale Exegese.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die fundamentalistische Bibelauslegung bestehen \u201emit Recht auf der g\u00f6ttlichen Inspiration der Bibel, der Irrtumslosigkeit des Wortes Gottes\u201c. Dennoch sei sie \u201eIdeologie\u201c, lehne sie doch den \u201egeschichtlichen Charakter der biblischen Offenbarung\u201c ab. Der Fundamentalist \u201eweigert sich zuzugeben, dass das inspirierte Wort Gottes in menschlicher Sprache ausgedr\u00fcckt und unter g\u00f6ttlicher Inspiration von menschlichen Autoren niedergeschrieben wurde, deren F\u00e4higkeiten und Mittel beschr\u00e4nkt waren. Er hat deshalb die Tendenz, den biblischen Text so zu behandeln, als ob er vom Heiligen Geist wortw\u00f6rtlich diktiert worden w\u00e4re.\u201c Au\u00dferdem schenke er \u201eden literarischen Gattungen und der menschlichen Denkart, wie sie in den biblischen Texten vorliegen, keinerlei Beachtung\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Autoren des Dokuments verwerfen die Irrtumslosigkeit nicht in Bausch und Bogen, aber eine umfassende Fehlerlosigkeit der Bibel meint man eben nicht. Angeblich betonen die Fundamentalisten \u201e\u00fcber Geb\u00fchr die Irrtumslosigkeit in Einzelheiten der biblischen Texte, besonders was historische Fakten oder sogenannte wissenschaftliche Wahrheiten betrifft\u201c. Das hei\u00dft nichts anderes, als dass bei historischen Fakten auch Fehler in der Bibel anzutreffen sind. Au\u00dferdem m\u00fcssen sie sich noch \u201eTendenz zu geistiger Enge\u201c vorwerfen lassen; ja der Fundamentalismus lade zur \u201eSelbstaufgabe des Denkens ein\u201c. Und noch eins darauf: \u201eDer fundamentalistische Zugang ist gef\u00e4hrlich\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nat\u00fcrlich gibt es in der breiten evangelikalen und historisch-fundamentalistischen Str\u00f6mung innerhalb des Protestantismus Erscheinungen, auf die einzelne Punkte dieser Kritik in gewisser Weise zutreffen. Doch als Kennzeichnung der gesamten evangelikalen Bibelauslegung stellen diese S\u00e4tze nichts anderes als eine geradezu b\u00f6swillige Karikatur dar. Thomas Schirrmacher hat das Dokument in \u201e<a href=\"http:\/\/www.thomasschirrmacher.info\/wp-content\/uploads\/2009\/02\/schirrmacherbg20042_01.pdf\">Die P\u00e4pstliche Bibelkommission: Bibeltreue ist gef\u00e4hrlich!<\/a>\u201c (Bibel und Gemeinde, 2\/2004) treffend kommentiert:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eVerurteilt wird dabei wie \u00fcblich ein Zerrbild der evangelikalen Theologie. Nichts deutet darauf hin, dass man sie wie im Falle der anderen Richtungen \u00fcberhaupt gr\u00fcndlicher studiert hat oder sich mit ihren Hermeneutiken, wissenschaftlichen Kommentarreihen oder zahllosen exegetischen Dissertationen vertraut ge macht h\u00e4tte. Es wird zwar richtig festgestellt, dass die Bibel f\u00fcr Bibeltreue \u2018frei von jeglichem Irrtum\u2019 gehalten wird, aber f\u00e4lschlich wird gesagt, dass die Bibel \u201ebis in alle Einzelheiten wortw\u00f6rtlich interpretiert werden muss\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schirrmacher gibt den Ideologievorwurfe zur\u00fcck, sieht au\u00dferdem darin \u201eeine Abrechnung mit der Konkurrenz, nicht aber ein ernsthafter Versuch, das Anliegen evangelikaler, bibeltreuer Theologen zu verstehen\u201c, denn \u201edie Lobby der historisch-kritischen Theologie [hat] auch in Rom l\u00e4ngst das Monopol\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Fragen der Bibelinterpretation gibt es daher zwischen Rom und den liberaleren Gro\u00dfkirchen keine grundlegenden Unterschiede mehr. Gegen Ende von \u201eDie Interpretation der Bibel in der Kirche\u201c eindeutig: \u201eDank der Annahme gleicher Methoden und analoger hermeneutischer Ziele sind die Exegeten der verschiedenen christlichen Konfessionen zu einer weitgehenden \u00dcbereinstimmung in der Interpretation der heiligen Schriften gekommen\u2026\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese an sich klaren Aussagen werden teilweise dadurch verdeckt, dass die katholischen Lehrtexte bis heute oftmals konservativer klingen als entsprechende Dokumente der liberalen Protestanten. In der dogmatischen Konstitution <em>Dei verbum<\/em>, 1965 verabschiedet beim II Vatikanischen Konzil, hei\u00dft es von den Hl. Schriften, dass zu bekennen sei, \u201edass sie sicher, getreu und ohne Irrtum die Wahrheit lehren, die Gott um unseres Heiles willen in heiligen Schriften aufgezeichnet haben wollte\u201c (11).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Rahner und Vorgrimler stellen in der Einleitung zu <em>Dei verbum<\/em> in ihrem <em>Kleines Konzilskompendium<\/em> dar, wie alles zu verstehen ist: \u201eKapitel III \u00fcber die Inspiration und Interpretation der Schrift legt neueren katholischen Versuchen zum Verst\u00e4ndnis der Inspiration kein Hindernis in den Weg\u2026 Der Schrift wird nicht\u2026 \u2018Irrtumslosigkeit\u2019 zugeschrieben, sondern es wird gesagt, dass sie die \u2018Wahrheit lehre\u2018.\u201c\u00a0 Der damalige Papst wollte wohl \u201eHeilswahrheit\u201c, aber die gerade zitierte Schlussfassung \u201esagt substantiell dasselbe. Sie schlie\u00dft die Tatsache jedenfalls nicht aus, dass in der Schrift menschliche Fehler, d.h. S\u00e4tze, die\u2026 mit recht als profane \u2018Irrt\u00fcmer\u2019 zu gelten h\u00e4tten, enthalten sind\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u201eWiderspr\u00fcche, historische Ungenauigkeiten, unwahrscheinliche Berichte\u201c<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ohne Irrtum, aber nicht in allen Teilen \u2013 diese Sicht wird auch von einem neuen Dokument der P\u00e4pstlichen Bibelkommission bekr\u00e4ftigt: \u201eThe Inspiration and the Truth of Sacred Scripture\u201c. Der Text, der als Buch erst im Herbst erscheinen wird, wurde k\u00fcrzlich von Leonardo De Chirico auf seinem Blog vaticanfiles.org besprochen (\u201e<a href=\"http:\/\/vaticanfiles.org\/2014\/08\/88-is-scripture-true-only-in-a-limited-way-the-truth-of-the-bible-according-to-the-pontifical-biblical-commission\/\">Is Scripture True Only in a \u201cLimited\u201d Way? The Truth of the Bible According to the Pontifical Biblical Commission<\/a>\u201c). Der italienische Pastor und Theologe stellt dar, dass eine Linie von<em> Divino Afflante Spiritu <\/em>\u00fcber <em>Dei Verbum<\/em> und das Dokument von 1993 bis zum j\u00fcngsten Text reicht: \u201eDie Wahrheit der Bibel wird bekr\u00e4ftigt, aber sie wird bezogen auf das \u2018Projekt der Erl\u00f6sung\u2019(3), den \u2018Heilsplan\u2019 (4), und \u2018unsere Errettung\u2019 (63).\u201c Es wird eine detaillierte \u00dcbersicht \u00fcber die biblische Wahrheit der Schrift gegeben, doch die Unfehlbarkeit des Textes wird auf die soteriologische Bedeutung begrenzt. Au\u00dferhalb des Heilskontextes, so das neue Dokument, \u201ebegegnen wir in der Bibel Widerspr\u00fcchen, historischen Ungenauigkeiten, unwahrscheinlichen Berichten\u201c; im AltenTestament g\u00e4be es Gebote und Befehle, die in Konflikt mit der Lehre Jesu st\u00fcnden (104).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">De Chirico f\u00e4hrt fort und nennt einige kritische Punkte im Dokument: \u201eDie abrahamitischen Erz\u00e4hlungen werden mehr als Interpretationen, denn als historische Tatsachen betrachtet (107); die Durchquerung des Roten Meeres sei mehr an der Aktualisierung des Exodus interessiert, als an Berichterstattung des tats\u00e4chliche Geschehenen (108); die meisten Berichte im Buch Josua sind von wenig historischem Wert (127); Jonas Geschichte ist eine imagin\u00e4re Erz\u00e4hlung (110). Im Neuen Testament sei der Verweis auf das Erdbeben in der Passionserz\u00e4hlung eher ein \u2018literarisches Motiv\u2019, denn ein historischer Bericht (120). Ganz allgemein haben die Evangelien einen normativen Wert in der Best\u00e4tigung der Identit\u00e4t Jesu, aber ihre historischen Bez\u00fcge haben nur eine \u2018untergeordnete Funktion\u2019 (123). Oder mit anderen Worten: die Theologie der Evangelien sei g\u00fcltig, aber ihre historische Zuverl\u00e4ssigkeit ist weniger wichtig\u2026 Am Ende wird die Wahrheit der Bibel auf das \u2018eingeschr\u00e4nkt\u2019, was sie \u00fcber die Erl\u00f6sung sagt (105).\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gegen diese Beschr\u00e4nkung der vollen Wahrheit der Bibel auf die Heilsaussagen hatte schon Machen-Sch\u00fcler Francis Schaeffer (1912\u20131984) massiv angek\u00e4mpft. Der L\u2019Abri-Gr\u00fcnder hatte erkannt, dass die Bibelkritik, einmal hineingelassen, nicht bei der Historie Halt macht, sondern auch auf Soteriologie und Ethik \u00fcbergreift. Die saubere Abtrennung der Heilswahrheiten ist eine Illusion. Die aufgeweichte Irrtumslosigkeit wird auch die Erl\u00f6sungslehre beeintr\u00e4chtigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Niemand anders als Robert Zollitsch offenbarte dies vor einigen Jahren. Der damalige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, also der oberste Repr\u00e4sentant des Katholizismus im Land, gab am Karsamstag 2009 dem HR-Fernsehen ein l\u00e4ngeres Interview (s. <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=OYhyqsvbWaY\">hier <\/a>der wichtige Ausschnitt). Der Erzbischof wurde gefragt, ob Jesus Christus tats\u00e4chlich stellvertretend f\u00fcr die S\u00fcnden der Menschen gestorben sei, wie das noch immer von Kanzeln verk\u00fcndigt wird; ob Gott ein Opfer f\u00fcr S\u00fcnden gebraucht h\u00e4tte. Der Hierarch aus Freiburg: \u201eEr hat sich mit uns Menschen\u2026 bis zum Letzten solidarisiert\u201c. Er habe gezeigt, dass Leiden, Schmerz und Tod von Gott angenommen sind \u201eund von Gott verwandelt werden in seinem Sohn Jesus Christus\u201c; \u201egewaltige Solidarit\u00e4t\u201c \u2013 \u201edas ist diese gro\u00dfartige Botschaft von Karfreitag\u201c. Der Journalist hakte noch einmal nach: Hat Gott seinen Sohn um unserer S\u00fcnde willen hingegeben? \u201eNein\u201c, so Zollitsch unmissverst\u00e4ndlich. Und wieder: Gott wollte Solidarit\u00e4t zeigen: \u201eSo viel seid ihr mir wert. Ich gehe mit euch, ich bin ganz bei euch in jeder Situation\u201c. Nun hat Gott sicher im Kreuzestod Solidarit\u00e4t gezeigt, doch dies bleibt hinter dem biblischen Aussagen weit zur\u00fcck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Machen betonte im letzten Kapitel seines Buches die Wichtigkeit des Kreuzes Christi als wirkliches, stellvertretendes S\u00fchneopfer (\u201ereally vicarious atonement for sin\u201c). Die Leugnung dessen \u2013 wie sie bei Zollitsch exemplarisch zu sehen ist \u2013 ist weder evangelikal noch konservativ, so Machen. Nikolaus Schneider, im Herbst scheidender EKD-Ratsvorsitzender, k\u00f6nnte sich genauso ausdr\u00fccken. Sicher, Zollitsch musste herbe Kritik f\u00fcr diese S\u00e4tze einstecken, und nicht alle Bisch\u00f6fe Roms w\u00fcrden solche Worte w\u00e4hlen. Doch wenn sich der Chef-Katholik in Deutschland bewusst und eindeutig so pr\u00e4gnant \u00e4u\u00dfert \u2013 wo soll die gro\u00dfe Konservativit\u00e4t dieser Kirche sein?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nat\u00fcrlich findet man als Evangelikaler in gewissen Fragen, den ethischen im Besonderen, in der katholischen Kirche mitunter mehr Bundesgenossen als anderswo. Und dort gibt es nicht wenige Pers\u00f6nlichkeiten, die einem tats\u00e4chlich lehrm\u00e4\u00dfig recht nahe stehen. Hier ist nat\u00fcrlich an die \u201eevangelikalen Katholiken\u201c wie Francis Beckwith, George Weigel, Peter Kreeft, Michael Novak, Richard John Neuhaus und wie sie alle hei\u00dfen zu denken. Doch ich kann nicht erkennen, dass die Kirche Roms in ihrer Gesamtheit den Evangelikalen besonders nahe w\u00e4re \u2013 in Deutschland ganz gewiss nicht. Machen w\u00fcrde heute \u00fcber Rom sicher anders urteilen und inzwischen auch dort eine vom Wesen her andere Religion erkennen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Zwischen Rom, Wittenberg und Genf<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die eingangs widergegebenen Aussagen von Hille und Schwambach sind, wie schon gesagt, nat\u00fcrlich richtig. Und um nicht missverstanden zu werden: Gespr\u00e4che zwischen WEA und der r\u00f6mischen Kirche sind wichtig und n\u00fctzlich, schlie\u00dflich sind beide Organisationen religi\u00f6se \u201eglobal player\u201c. Gemeinsame Handlungsfelder und \u00dcbereink\u00fcnfte wie der <em>Ethikkodex f\u00fcr Mission<\/em> sind keinerlei grunds\u00e4tzliches Problem. Doch man sollte nicht zu stark suggerieren, dass zwischen Rom und den Evangelikalen an sich eine gro\u00dfe N\u00e4he best\u00fcnde. Die Konservativit\u00e4t Roms ist eine <em>sehr, sehr relative<\/em>, und in weiten Teilen durch die eigene Struktur und Geschichte bedingt. Sie sollte daher nicht \u00fcbersch\u00e4tzt werden. In Einzelfragen wie der Abtreibung gibt es durchaus gro\u00dfe \u00dcberlappungen; dies verschafft uns zeitweilige Kampfgenossen (Francis Schaeffer: \u201eco-belligerents\u201c), doch damit wird Rom nicht gleich zum Bundesgenossen, der wirklich immer nahe steht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Rom wird auch in Zukunft f\u00fcr Evangelikale attraktiv sein, ja mitunter Sogwirkung haben, solange viele irgendwo im Niemandsland zwischen Rom, Wittenberg und Genf gleichsam umherirren. Machen rang schon vor einhundert Jahren mit dem Problem an der Wurzel: die Liberalen haben die protestantische Bekenntnistradition gleichsam besetzt; der Wortlaut der Bekenntnisse wird von ihnen beibehalten, aber v\u00f6llig um- bzw. weginterpretiert, so dass am Ende kaum einer mehr so recht an die Worte, so wie sie dastehen, \u00a0glaubt. Es w\u00e4re das Beste gewesen, so Machen, die liberalen Theologen und Geistlichen h\u00e4tten ihre Kirchen verlassen und neue Denominationen mit neuen Bekenntnissen gegr\u00fcndet. Das w\u00e4re wenigstens ehrlich und aufrichtig, und diesen Weg beschritten die Unitarier, die Machen in dieser Hinsicht positiv heraushebt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Liberalen sitzen gleichsam auf Wittenberg und Genf (symbolisch f\u00fcr die lutherische und reformierte Tradition), und die Evangelikalen sahen sich ins konfessionelle Abseits gedr\u00e4ngt. Die eh schon starken Tendenzen zu einem informellen Glauben jenseits der Kirchengrenzen und aller Bekenntnisse wurden noch verst\u00e4rkt. Was Evangelikale vereint, l\u00e4sst sich meist nur am Rande mit klaren Doktrinen umschreiben. So k\u00f6nnen heute die wenigsten von ihnen etwas mit \u201eAugsburg\u201c, \u201eWestminster\u201c oder gar \u201eDordrecht\u201c anfangen. Selbst das weitverbreitetste protestantische Bekenntnis, der Heidelberger Katechismus, ist in der evangelikalen Bewegung erschreckend unbekannt. Und das trotz seinem \u2018Allianz-Charakter\u2019. Selbst im Jubil\u00e4umsjahr 2013 wurde der Heidelberger von den evangelikalen Verb\u00e4nden und ihrer Presse praktisch ignoriert. Feiern lie\u00df man die Gro\u00dfkirchen, die an seinen Inhalt nicht mehr wirklich glauben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ohne konfessionelles R\u00fcckgrat bleibt den Evangelikalen jedoch kaum ein Anker, der sie vor dem Sog Roms bewahrt. Denn Bibel, Mission, Evangelisation, Lobpreis, Bekehrung usw. hat die katholische Kirche inzwischen auch zu bieten. Und vieles mehr. Daher gilt es, \u201eWittenberg\u201c und \u201eGenf\u201c als <em>unser<\/em> Erbe zur\u00fcckzugewinnen. James I. Packer bezeichnete den evangelikalen Glauben als \u201epure Christianity\u201c, er ist reiner Protestantismus. Und vieles, was sich noch mit Etikett \u201eevangelisch\u201c schm\u00fcckt, ist alles andere als dem Evangelium gem\u00e4\u00df, ja stellt in Wahrheit \u2013 mit Machen gesprochen \u2013 eine neue Religion dar. Die Evangelikalen sind der \u201ekonservative Fl\u00fcgel der evangelischen Christen\u201c? So erscheint es zumindest, und mitunter kann man das vielleicht auch so sagen. Ich w\u00fcrde jedoch eher so formulieren: sie sind die wahrhaft Evangelischen oder sollten sich als solche verstehen: einfach evangelisch, rein evangelisch, wirklich evangelisch (nat\u00fcrlich verurteilen die Gro\u00dfkirchen vehement jeden Ansatz solch eines Denkens). Dann verliert auch das Etikett \u201ekonservativ\u201c seinen Reiz und Sinn. Rom wird immer irgendwie konservativer erscheinen, da diese Kirche dank ihres integrativen Systems eben auch konservative Elemente wunderbar miteinschlie\u00dfen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es geht also nicht einfach um Konservativit\u00e4t. Es geht um Bibel- und Bekenntnistreue, die aber durchaus neuartige und zeitgem\u00e4\u00df sein kann. Dies zeigt beispielhaft der \u201eNew City Catechism\u201c der Gospel Coalition in den USA, der alte Lehrinhalte neu formuliert, neu deutet und dabei alle modernen technischen M\u00f6glichkeiten nutzt und sich nicht nur an Christen einer Kirche richtet. Dieser neue Katechismus ist ein hervorragendes Hilfsmittel, um die Evangelikalen dem n\u00e4her zu bringen, was wirklich wichtig ist: ein tieferes Verst\u00e4ndnis der eigenen Grund\u00fcberzeugungen. Ist dies zur\u00fcckgewonnen, ist man aus dem Niemandsland zwischen Rom, Wittenberg und Genf herausgetreten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Holger Lahayne, Siauliai, Litauen, 8.9.2014<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><a href=\"http:\/\/www.lahayne.lt\">www.lahayne.lt<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Viele evangelikale Mitglieder der Landeskirchen leiden an der \u2013 aus ihrer Sicht \u2013 Profillosigkeit der Kirchenleitungen und der weit verbreiteten Anpassung an den Zeitgeist. Mit einer gewissen Sehnsucht, ja oftmals sogar offener Sympathie blicken manche nach Rom. Im moralischen Durcheinander erscheint die katholische Kirche als einziges letztes Bollwerk. 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