{"id":11079,"date":"2014-07-09T08:57:07","date_gmt":"2014-07-09T06:57:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=11079"},"modified":"2014-07-09T09:00:54","modified_gmt":"2014-07-09T07:00:54","slug":"gestresste-kinder-in-der-krippe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=11079","title":{"rendered":"Gestresste Kinder in der Krippe"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIn der Krippe meiner Tochter ist jetzt die Farbe Blau dran\u201c erz\u00e4hlte mir neulich eine junge Mutter, \u201esie versuchen das den Kindern einzutrichtern, aber meine Tochter kann das einfach noch nicht. Muss man das mit gerade zwei Jahren \u00fcberhaupt schon?\u201c, \u201eMeiner Erfahrung nach nicht\u201c best\u00e4tigte ich ihre Skepsis. <em>Bildung in der Krippe<\/em> ist das Schlagwort, mit dem die ganze Gesellschaft darauf eingeschworen werden soll, dass es ohne eine institutionelle Kinderbetreuung von klein an gar nicht mehr geht. Scheint es doch so, als w\u00fcrde man seinem Kind den Start in sein sp\u00e4teres berufliches Fortkommen gleich von vornherein vermasseln, wenn man sein kleines Kind lieber selbst betreuen m\u00f6chte. Eltern werden verunsichert und m\u00fcssen sich zunehmend daf\u00fcr rechtfertigen.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber wie vollzieht sich denn Bildung im Kleinkindalter? Etwa in Physik- oder Englischkursen f\u00fcr Krabbelkinder? Dazu lohnt sich ein Blick in die Innenwelt eines Kleinkindes sowie auf deren organische Basis \u2013 das Gehirn.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die seelisch-k\u00f6rperliche Situation eines Babys wird zun\u00e4chst von instinktiv vorgegebenen Grundbed\u00fcrfnissen bestimmt, die es mit auf die Welt bringt. Es ist die Sehnsucht nach bedingungsloser Liebe. In seinem fr\u00fchen Reifegrad ist das Kind vorerst nur in der Lage, Liebe ausschlie\u00dflich hautnah \u00fcber die Sinneswahrnehmungen zu sp\u00fcren. Es ist durch die neun Monate w\u00e4hrende Schwangerschaft auf eine vollkommen umschlie\u00dfende Geborgenheit in der Mutter gepr\u00e4gt. Nach der Geburt in eine kalte, helle, laute und unendlich weite Welt \u2013 der Ent-Bindung \u2013 braucht es sofort wieder Bindung: Es braucht sofort wieder die unmittelbare N\u00e4he zu genau dieser Person, eben seiner Mama: ihre W\u00e4rme, ihreHaut, ihren Herzschlag, ihre Stimme, ihr liebes Gesicht und die gute warme Milch aus ihrer Brust f\u00fcr das bis dahin unbekannte Hungergef\u00fchl im Bauch. Dann wird das Kleine wieder still und friedlich, es f\u00fchlt sich wohl. Und es kommt in seinem Innersten an: <em>Ich werde geliebt<\/em>. <em>Ich bin wertvoll<\/em>. Und damit diese Botschaft sich dauerhaft in seiner Seele verankern kann, muss dieses Wohlgef\u00fchl immer und immer wieder hergestellt werden. Die sensorischen Impulse, die das kindliche Gehirn bereits im Mutterleib empfangen habe, m\u00fcssten f\u00fcr seine optimale Entfaltung fortwirken k\u00f6nnen. Das Kind braucht die elementare k\u00f6rperliche Mutterwahrnehmung, f\u00fchrte die Stillberaterin Renate Fegter in einem Artikel \u00fcber fr\u00fche sensorische Stimulation aus. Man kann es auch so sagen: Das kleine Kind sehnt sich nach der <em>M\u00fctterlichkeit<\/em> seiner Mutter<em>. <\/em>Sie erwacht und wird gelebt, indem die Mutter spontan und aus der Intuition heraus immer wieder ersp\u00fcrt, was ihr Kind gerade braucht. Nur aus der best\u00e4ndigen N\u00e4he heraus k\u00f6nnen die Mutter und ihr kleines Kind eine sichere Bindung zueinander entwickeln; vertraute Zwiesprache halten sowie emotionale Botschaften einander senden und widerspiegeln. Das ist eine wichtige Erkenntnis der Bindungs- und Hirnforschung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die sichere Prim\u00e4rbindung ist die Basis f\u00fcr die altersentsprechende Reifeentwicklung des Gef\u00fchlslebens. Die innere Sicherheit macht es dem Kind m\u00f6glich, Sekund\u00e4rbindungen, zum Beispiel, zum Vater und zu den Geschwistern aufzubauen sowie allm\u00e4hlich erste Schrittchen in die Selbstst\u00e4ndigkeit zu unternehmen. Ein solcher Reifeprozess muss und kann nicht trainiert werden, sondern er vollzieht sich <em>von<\/em> <em>selbst<\/em> bei guter Bindung. Ein Kind, das nichts tun muss, um an Liebe satt zu werden, f\u00fchlt sich frei und geborgen, die Welt zu entdecken. So beschreibt es der kanadische Bindungsforscher Gordon Neufeld in seinem Buch \u201cUnsere Kinder brauchen uns\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Allerdings braucht der Reifeprozess, f\u00fcr ein paar Stunden angst- und damit stressfrei ohne Mama oder Papa auszukommen, l\u00e4nger, als unsere Gesellschaft es den kleinen Kindern zugestehen will. Sowohl von der Bindungs- als auch von der Hirnforschung her spricht alles daf\u00fcr, dass dieser Zeitpunkt nicht eher als um die Dreij\u00e4hrigkeit herum angesiedelt ist. Der Bindungsforscher Richard Bowlby stellte fest, dass bei Kindern bis zum 30. Lebensmonat die rechte Hirnh\u00e4lfte (zust\u00e4ndig f\u00fcr die Emotionen) gr\u00f6\u00dfer als die linke Hirnh\u00e4lfte ist; erst mit etwa 36 Monaten w\u00fcrde die linke Seite dominant. Dies f\u00f6rdere dann die Entwicklung von komplexer Sprache und von Zeitgef\u00fchl, was einem Kleinkind noch fehlt. Bowlby schlussfolgert, dass \u201equalitativ gute Vorschulerziehung den meisten Kindern (hilft), die \u00e4lter als 36 Monate sind, ihre kognitiven F\u00e4higkeiten und eine soziale Unabh\u00e4ngigkeit zuentwickeln. Forscher haben keine dieser Vorteile f\u00fcr Kinder, die <em>j\u00fcnger <\/em>als 24 Monate waren, gefunden. Aus diesem Grund sollte die individuelle F\u00e4higkeit von Kleinkindern zwischen 24 und 36 Monaten, mit dem Trennungsstress fertig zu werden, sehr sorgf\u00e4ltig untersucht werden. Das Durchschnittsalter von etwa 30 Monaten kann dabei nur als grober Richtwert dienen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der amerikanische Hirnforscher Alan Schore ist auf der Kinder\u00e4rztlichen Tagung in Bielefeld 2011 der Frage nachgegangen, wie die Beziehung zwischen einer Mutter und ihrem Kind die Gehirnentwicklung beeinflusst. Er stellte fest: Der kontinuierliche Gef\u00fchlsaustausch zwischen Mutter und Kind konstituiert das sogenannte emotionale Gehirn des Kindes. Er bewirkt ma\u00dfgeblich eine optimale Affekt- und Stressregulation, die Grundlage daf\u00fcr, sp\u00e4ter ausgeglichen, dass hei\u00dft stressfest und seelisch stabil, die \u201eSt\u00fcrme\u201c des Lebens zu bestehen. Indem also eine sichere Bindung zwischen Mutter und Kleinkind gelebt wird, entstehen sichere Bindungsmuster. Darauf basieren im sp\u00e4teren Leben Sozialkompetenz und Beziehungsf\u00e4higkeit einerseits sowie andererseits Lernbereitschaft, Interesse, Neugier, Beharrlichkeit, Anstrengungsbereitschaft, Durchhalteverm\u00f6gen und Konzentration, was f\u00fcr jede Bildung wichtig ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr die fr\u00fchkindliche Bildung gilt insbesondere: Das Lernen \u2013 das Einspeichern von Erfahrungen im Gehirn \u2013 ist noch unmittelbar und direkt an das Gl\u00fcck im sicheren Bindungszusammenhang gekoppelt, da wo die Eltern da sind und die Freude am ersten Entdecken der Welt widerspiegeln und best\u00e4tigen, folgert die Familientherapeutin Erika Butzmann aus den Ergebnissen der Hirnforschung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie sieht das nun in der Krippe aus, sind da diese Grundbedingungen f\u00fcr fr\u00fche Bildung gegeben?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Durch die Trennung von ihrer Prim\u00e4rbindungsperson stehen die Kinder unter einem extremen Stress, den man ihnen \u00e4u\u00dferlich nicht immer anmerkt. Zu diesem Hauptstressfaktor kommen weitere, wie die hohe Kinderzahl, der zu hohe Ger\u00e4uschpegel, der Erzieherwechsel, die zwangsl\u00e4ufige Anpassung des individuellen Bed\u00fcrfnisrhythmus an die Einrichtungsbedingungen sowie an die Arbeitszeiten der Eltern. Die von 2007 bis 2012 laufende Wiener Krippenstudie erh\u00e4rtete das durch Messungen des Stresshormons Cortisol im Speichel. Auch sicher an ihre Erzieherin gebundene Kinder, also bei bester Betreuungsqualit\u00e4t, blieben davon nicht verschont, so ein erstaunliches Ergebnis dieser Studie. Die ver\u00e4nderten Cortisolwerte bewirken auch die sichtbar hohe Anf\u00e4lligkeit der Krippenkinder f\u00fcr Infekte jeder Art. Die amerikanische Langzeitstudie NICHD ergab ferner, dass dauerhaft ver\u00e4nderte Cortisolwerte die Stressregulationsf\u00e4higkeit lebenslang beeintr\u00e4chtigen k\u00f6nnen, sowie dass au\u00dferdem Krippenbesuch und ggf. vernachl\u00e4ssigender Familienhintergrund diesbez\u00fcglich additiv wirken. Eine verschlechterte Stressregulationsf\u00e4higkeit ist als Risiko f\u00fcr alle seelischen und psychosomatischen Erkrankungen einzustufen. Zu diesem Ergebnis kam der Hirnforscher Alan Schore.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alle Indizien weisen daraufhin, dass die Situation f\u00fcr die Krippenkinder selbst bei bestem Betreuungsschl\u00fcssel emotional zu strapazi\u00f6s ist. Die Mehrheit der Kitas erf\u00fcllt indes nicht einmal ansatzweise eine solche Qualit\u00e4t. Auf eine katastrophale Personalsituation wies der Bundesverband der Kinder\u00e4rzte 2013 hin. Es gibt in Deutschland keinen verbindlichen Betreuungsschl\u00fcssel f\u00fcr Kleinkinder. W\u00e4hrend Experten etwa 3 bis allerh\u00f6chstens 5 Kinder pro Erzieherin f\u00fcr verantwortbar halten, sind es wohl bundesweit 3-4mal so viel. Eine Erzieherin beschrieb mir ihren Berufsalltag so: \u201eTypische Stresssituationen sind zum Beispiel das An- und Ausziehen, wenn man mit den Kindern \u00b4rausgehen will: Viele Kinder auf engem Raum \u2013 die einen schwitzen schon \u2013 die anderen sind noch nicht angezogen. Weiter sind die Mittagszeiten mit Essen bzw. F\u00fcttern sowie Fertigmachen zum Schlafenlegen ganz schlimm \u2013 alle sind m\u00fcde &#8211; viele schreien. Das Schlafengehen kann nicht individuell gestaltet werden. Wird ein Kind zu fr\u00fch wach \u2013 kriegen die anderen nicht genug Schlaf. Dann am Nachmittag l\u00f6st sich die Gruppe auf, weil einige Kinder abgeholt werden. Die Kinder, die l\u00e4nger bleiben m\u00fcssen, kommen mit den anderen Kindern der Einrichtung in den Sp\u00e4tdienst: d. h. wieder neue Kinder \u2013 wieder eine neue Erzieherin. Ab einer gewissen Zeit stehen die Kinder zum Beispiel am Zaun und warten nur noch oder weinen schon nach der Mama. Wenn sie kommt, sieht man oft erst die Bed\u00fcrftigkeit nach N\u00e4he und Liebe, und ihre Ersch\u00f6pfung: die Kinder schmiegen sich an, wollen ihre Kuschelsachen haben. Oder sie sind v\u00f6llig \u00fcberdreht und schreien nur noch als Druckventil. Kaum jemand versteht die Notsignale der Kinder.\u201c Sie k\u00f6nne das alles nicht mehr, so die Erzieherin weiter, sie gebe diesen Beruf auf. Auf die Bildungsaufgabe der Krippe hin angesprochen, winkt sie nur ab und erkl\u00e4rt: \u201eWenn die Grunderfahrung der Geborgenheit nicht gegeben ist, lernt ein Kind auch nicht. Viel effektiver w\u00e4re es f\u00fcr die Bildung, die Kinder w\u00e4ren zu Hause und die Eltern w\u00fcrden auf sie eingehen, mit ihnen ein Bilderbuch ansehen, spazierengehen, sie einfach ruhig vor sich hin spielen lassen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dem ist eigentlich nichts hinzuzuf\u00fcgen. Es bleibt nur die Frage, warum unsere Gesellschaft vorwiegend in eine teure, risikoreiche Ersatzbetreuung investiert, und nicht in das Original \u2013 die Betreuung in der Familie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">__________________________<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Hanne Kerstin G\u00f6tze, Th\u00fcringen, Mutter von 4 Kindern, verheiratet, erlernter Beruf: Dipl. Bibliothekarin (Universt\u00e4tsabschluss), Familienfrau, Stillberaterin (Zertifikat AFS), Autorin, Referentin<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 151, 3.7.2014 (<a href=\"http:\/\/www.faz.net\">www.faz.net<\/a>)<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Ver\u00f6ffentlicht mit freundlicher Genehmigung der Verfasserin.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">__________________________<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Lit.: Hanne K. G\u00f6tze: Kinder brauchen M\u00fctter, Ares Verlag Graz, 2012<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><a href=\"http:\/\/www.fachportal-bildung-und-seelische-gesundheit.de\">www.fachportal-bildung-und-seelische-gesundheit.de<\/a><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.familie-ist-zukunft.de\"><em>www.familie-ist-zukunft.de<\/em><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eIn der Krippe meiner Tochter ist jetzt die Farbe Blau dran\u201c erz\u00e4hlte mir neulich eine junge Mutter, \u201esie versuchen das den Kindern einzutrichtern, aber meine Tochter kann das einfach noch nicht. Muss man das mit gerade zwei Jahren \u00fcberhaupt schon?\u201c, \u201eMeiner Erfahrung nach nicht\u201c best\u00e4tigte ich ihre Skepsis. 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