{"id":11062,"date":"2014-07-07T12:08:01","date_gmt":"2014-07-07T10:08:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=11062"},"modified":"2014-07-07T12:10:56","modified_gmt":"2014-07-07T10:10:56","slug":"leitbild-staat-feindbild-familie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=11062","title":{"rendered":"Leitbild Staat &#8211; Feindbild Familie"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Eine regierungsnahe Stiftung will die &#8222;verantwortete Elternschaft&#8220; \u00fcberwinden<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Haben die Normalb\u00fcrger ein falsches Bild von Kindern? Diesen Eindruck erweckt die Studie einer parteinahen Stiftung zu Familienleitbildern, die nach Auffassung der Autoren gr\u00fcndlich modernisiert werden m\u00fcssen. Emanzipieren m\u00fcssten sie sich besonders vom Leitbild der \u201eguten Mutter\u201c, die sich eigenh\u00e4ndig um ihr Kind k\u00fcmmert, ihm daf\u00fcr viel Zeit und Aufmerksamkeit schenkt. Sie bezweifeln, dass eine solche elterliche F\u00f6rderung \u201eder sp\u00e4teren Entwicklung des Kindes tats\u00e4chlich zutr\u00e4glich\u201c ist. Denn Kinder seien \u201evielfach robuster und selbst\u00e4ndiger als die g\u00e4ngigen Leitbilder dies unterstellten, die in der \u201eIdee\u201c von der \u201eVerletzlichkeit und Schutzbed\u00fcrf\u00adtigkeit der Kinder\u201c befangen seien (1).<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Solche Forderungen nach einem Wandel der \u201eLeitbilder\u201c von Kindheit und Familie sind nicht neu: Schon um die Jahrtausendwende wandte sich die OECD in ihren Berichten zur Kinderbetreuung gegen einen vermeintlich antiquierten \u201eMaternalismus\u201c: Dessen Sichtweise auf Kleinkinder als \u201eschutzbed\u00fcrftige Wesen\u201c verkenne ihre F\u00e4higkeit, sich \u201eBeziehungen und ein Netzwerk zur eigenen Unterst\u00fctzung&#8220; zu schaffen. Kinder seien von klein auf nicht als \u201eintellektuell oder sozial unvollst\u00e4ndig zu betrachten&#8220;, sondern als Individuen, die ihre Interessen selber wahrnehmen k\u00f6nnten (2). Damit soll den Eltern von angeblichen Sachverst\u00e4ndigen beigebracht werden, dass sie sich um ihre Kinder weniger zu k\u00fcmmern und weniger Sorgen zu machen br\u00e4uchten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr das autonome Kind gibt es prominente Vorbilder in Film und Literatur \u2013 von Pippi Langstrumpf bis zu Kevin, der bekanntlich sogar in der Gro\u00dfstadt New York ganz gut alleine zu Recht kommt. Fiktion und Realit\u00e4t sind aber zweierlei. In den popul\u00e4ren Filmen geht es um die anarchische Freiheit von Kindern, die die Welt der Erwachsenen auf den Kopf stellen (3). Das neue \u201eLeitbild\u201c der Kindheit ist weniger romantisch, im Fachjargon hei\u00dft es \u201eInstitutionenkindheit\u201c: Von klein auf sollen Kinder in Krippen, Ganztagskinderg\u00e4rten- und Schulen aufwachsen (4). Zu viel Engagement von Eltern ist in diesem System hinderlich. Proteste von Eltern gegen bestimmte Formen der Sexualerziehung in \u00f6ffentlichen Einrichtungen sind in diesem Sinn ein Beispiel f\u00fcr Sand, den Eltern ins Getriebe streuen, wenn sie auf ihrem Erziehungsrecht (Art. 6 GG) beharren (5). Konsequente Advokaten des Systemwechsels fordern deshalb die Elternrechte einzuschr\u00e4nken, zugunsten eines Rechts der Kinder auf eine \u201ebestm\u00f6gliche\u201c Erziehung und \u201eTeilhabe an allen Entscheidungen, die sie selbst betreffen\u201c (6). Sie wissen nat\u00fcrlich, dass Kinder keine kleinen Kevins sind, die unabh\u00e4ngig von Erwachsenen \u00fcber ihre Angelegenheiten \u201eselbst\u201c entscheiden. Wenn die Eltern nicht entscheiden, dann tun dies dies die B\u00fcrokraten, die die \u201eCurricula\u201c entwickeln und beschlie\u00dfen, und die staatlichen Betreuer. Genau das ist gewollt \u2013 das Aufwachsen von Kindern in \u201e\u00f6ffentlicher Verantwortung\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese \u201eEntfamilisierung\u201c der Kinder wird im Tone wohlmeinender F\u00fcrsorge f\u00fcr Familien begr\u00fcndet: Eltern sollen \u201eentlastet\u201c, Kinder besser \u201egef\u00f6rdert\u201c werden. Die \u201eAngebote\u201c \u00f6ffentlicher Betreuung sollen die famili\u00e4re Erziehung nicht ersetzen, sondern erg\u00e4nzen. Zumindest in regierungsoffiziellen Dokumenten wurde auf diese Sprachregelungen bisher geachtet, um nicht mit der Verfassungszusage des Elternrechts in Konflikt zu kommen. Die \u201eLeitbildstudie\u201c, immerhin indirekt von einer Regierungspartei ver\u00f6ffentlicht, schl\u00e4gt hier einen neuen Ton an: Sie kritisieren das \u201eLeitbild der verantworteten Elternschaft\u201c, das sie f\u00fcr die \u201e\u00dcberforderung\u201c der Eltern durch hypertrophe Anspr\u00fcche an Elternschaft verantwortlich machen. Angeblich fordert diese Norm von Eltern, dass sich Kinder \u201eoptimal entwickeln\u201c (7). Das ist eine absurde Unterstellung, denn eine \u201eoptimale\u201c Kindesentwicklung kann niemand garantieren \u2013 weder die Eltern noch der Staat. \u201eVerantwortete Elternschaft\u201c bedeutet schlicht und einfach: Eltern m\u00fcssen, im Rahmen ihrer Kr\u00e4fte, f\u00fcr ihre Kinder sorgen. Davon geht unsere Rechtsordnung aus und verlangt deshalb von Eltern Unterhalt f\u00fcr ihre Kinder. Die Alternative dazu w\u00e4re, dass Kinder nach ihrer Geburt in staatlichen Heimen abgegeben und dort aus \u00f6ffentlichen Mittel aufgezogen w\u00fcrden. Der Staat w\u00fcrde dann alle Kosten von Kindern \u00fcbernehmen. Transferleistungen an Eltern wie das Kindergeld w\u00e4ren dann \u00fcberfl\u00fcssig. \u00d6ffentliche Mittel f\u00fcr Kinder w\u00fcrden allein in die \u201eBetreuungsinfrastruktur\u201c flie\u00dfen (8). Damit w\u00e4re das \u201eLeitbild verantworteter Elternschaft\u201c tats\u00e4chlich \u00fcberwunden. Solche Konsequenzen zieht diese Studie verst\u00e4ndlicherweise nicht, sie liegen aber in der Logik des Denkens, das dem Staat alles, den Eltern nichts zutraut. Die Eltern sollen weiter zahlen f\u00fcr die Kinder, \u00fcber deren Erziehung aber Vater Staat bestimmen. Ein solches System soll Lust auf Kinder wecken \u2013 Fragezeichen sind angebracht.<\/p>\n<p><em>IDAF-Nachrichten, 13\/2014 v. 7.7.2014<\/em> (<a href=\"http:\/\/www.i-daf.org\/aktuelles.html\">www.i-daf.org<\/a>)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(1)\u00a0\u00a0 Christine Henry-Huthmacher (Hrsg.): Familienleitbilder in Deutschland. Ihre Wirkung auf Familiengr\u00fcndung und Familienentwicklung, Sankt Augustin 2014, S. 31-32.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(2)\u00a0\u00a0 OECD Directorate for Education (Hrsg.): Starting Strong &#8211; Early Childhood Education and Care Policy. L\u00e4nderbericht f\u00fcr \u00d6sterreich, Paris 2006, S. 13-14. Ausf\u00fchrlicher hierzu: \u00a0iDAF-Nachricht der Woche 26-2009, <a href=\"http:\/\/altewebsite.i-daf.org\/188-0-Woche-26-2009.html\">http:\/\/altewebsite.i-daf.org\/188-0-Woche-26-2009.html<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(3)\u00a0\u00a0 Treffend bemerkt dazu Norbert Bolz: \u201eDass Kinder ohne Eltern auskommen m\u00fcssen, ist eine Grundfigur der Kinderliteratur; das wei\u00df jeder, der Tom Sawyer, Pipi Langstrumpf oder Harry Potter kennen gelernt hat. Aber nur im Roman ist das so abenteuerlich. [\u2026]. Dazu passen nat\u00fcrlich auch die psychologischen Ratgeber, die Eltern beibringen, wie man Kindern beibringt, allein zu Hause zu bleiben \u2013 ein gewisser Kevin ist hier stilbildend geworden.\u201c Die Helden der Familie, M\u00fcnchen 2006, S. 48.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(4)\u00a0\u00a0 Selbst f\u00fcr \u201eTagesrandzeiten\u201c und die Ferien wird institutionelle Betreuung gefordert, um die \u201eErwerbsm\u00f6glichkeiten\u201c f\u00fcr Eltern zu verbessern. Vgl.: Stellungnahme der Bundesregierung zum Achten Familienbericht, III-XXIX, in: Zeit f\u00fcr Familie. Familienzeitpolitik als Chance einer nachhaltigen Familienpolitik, Berlin 2012, XI. Zum Begriff der \u201eInstitutionenkindheit\u201c: Thomas Rauschenbach: Vorwort, S. 25-27, in: Bundesministerium f\u00fcr Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Bericht \u00fcber die Lebenssituation junger Menschen und die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland (Zw\u00f6lfter Kinder- und Jugendbericht), Bundestagsdrucksache 15\/6014, Berlin 2005, S. 25.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(5)\u00a0\u00a0 Eingehender hierzu: iDAF-Nachricht der Woche, 2014\/7, <a href=\"http:\/\/www.i-daf.org\/aktuelles\/aktuelles-einzelansicht\/archiv\/2014\/04\/06\/artikel\/vater-staat-oder-elternhaus-wer-soll-die-kinder-erziehen.html\">http:\/\/www.i-daf.org\/aktuelles\/aktuelles-einzelansicht\/archiv\/2014\/04\/06\/artikel\/vater-staat-oder-elternhaus-wer-soll-die-kinder-erziehen.html<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(6)\u00a0\u00a0 Vgl. Lore Maria Peschel-Gutzeit: Die Modernisierung der Familie im Lichte der Verfassung, S. 61-68, in: vorg\u00e4nge Heft 3\/2008, S. 67-68.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(7)\u00a0\u00a0 Christine Henry-Huthmacher (Hrsg.): Familienleitbilder in Deutschland, a.a.O., S. 23. Die Autoren begr\u00fcnden ihre Argumentation mit Ausw\u00fcchsen elterlicher \u00dcberf\u00fcrsorge (\u201eHelikopter-Eltern), die sie zu Recht als problematisch ansehen. Es ist allerdings kurzschl\u00fcssig, solche \u00dcbertreibungen kausal auf die Norm \u201everantworteter Elternschaft\u201c zur\u00fcckzuf\u00fchren. Ebd., S. 28. Hier w\u00e4ren andere Faktoren zu ber\u00fccksichtigen, nicht zuletzt \u00c4ngste um die Zukunft der Kinder. Solche \u00c4ngste haben reale Gr\u00fcnde, nicht zuletzt die scharfe Konkurrenz auf den Bildungs- und Arbeitsm\u00e4rkten. Neue \u201eLeitbilder\u201c (Welche?) werden diese Sorgen wohl kaum zerstreuen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(8)\u00a0\u00a0 Die Maxime \u201eBetreuungsinfrastruktur statt \u201eGeld\u201c pr\u00e4gt die familienpolitische Diskussion. In ihren Konsequenzen bleibt sie aber unterbelichtet. Siehe hierzu iDAF-Nachricht der Woche 37-2009, <a href=\"http:\/\/altewebsite.i-daf.org\/218-0-Woche-37-2009.html\">http:\/\/altewebsite.i-daf.org\/218-0-Woche-37-2009.html<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/csm_13_-_Kinderbetreuung_aus_Sicht_von_Jgl_3887f7d7941.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft  wp-image-11069\" src=\"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/csm_13_-_Kinderbetreuung_aus_Sicht_von_Jgl_3887f7d7941.jpg\" alt=\"csm_13_-_Kinderbetreuung_aus_Sicht_von_Jgl_3887f7d794\" width=\"556\" height=\"417\" srcset=\"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/csm_13_-_Kinderbetreuung_aus_Sicht_von_Jgl_3887f7d7941.jpg 576w, https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/csm_13_-_Kinderbetreuung_aus_Sicht_von_Jgl_3887f7d7941-300x225.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 556px) 100vw, 556px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine regierungsnahe Stiftung will die &#8222;verantwortete Elternschaft&#8220; \u00fcberwinden Haben die Normalb\u00fcrger ein falsches Bild von Kindern? 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