{"id":1106,"date":"2009-07-27T14:11:35","date_gmt":"2009-07-27T12:11:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=1106"},"modified":"2009-09-01T14:17:15","modified_gmt":"2009-09-01T12:17:15","slug":"sprach-feminismus-in-der-sackgasse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=1106","title":{"rendered":"Sprach-Feminismus in der Sackgasse"},"content":{"rendered":"<p><strong>Sprach-Feminismus in der Sackgasse<\/strong><\/p>\n<p><strong>Das Ph\u00e4nomen<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zahlreiche Redaktoren, Autoren von Sachtexten, Gesetzgeber und Werbetexter haben sich angew\u00f6hnt, menschliche Funktionstr\u00e4ger stets doppelt zu erw\u00e4hnen, und so liest und \u2013 soweit es auszusprechen ist \u2013 h\u00f6rt man denn allenthalben von Athleten und Athletinnen, EidgenossInnen, Arzt\/\u00c4rztinnen und B\u00fcrger\/innen.<!--more-->\u00a0In diesen Sprachgebr\u00e4uchen widerspiegelt sich einerseits die konziliante Haltung der Schreiber gegen\u00fcber dem Gleichstellungsanliegen der Frauen; andererseits aber wird dadurch so schwerwiegend in die Sprache eingegriffen, da\u00df die Lekt\u00fcre nicht blo\u00df erm\u00fcdend wirkt, sondern das laute Lesen teilweise sogar unm\u00f6glich wird und der Inhalt kaum mehr verst\u00e4ndlich ist. Ein Beispiel aus einem Protokoll des Basler Gesundheitsdepartements m\u00f6ge dies belegen: &#8222;Bereits die mildeste und h\u00e4ufigste Form der Trennung einer \u2018Rolle des Verantwortungstragens\u2019 (Arzt\/\u00c4rztin) von einer \u2018Rolle des Sich-Anvertrauens und Sich-Unterordnens\u2019 (Patient\/in) reduziert die Eigenverantwortlichkeit, mit der der\/die Patient\/in Entscheidungen in Bezug auf seine\/ihre Gesundheit trifft. Damit wird der\/die \u2018beratende Arzt\/\u00c4rztin\u2019 zum\/zur \u2018entscheidenden Arzt\/\u00c4rztin\u2019. In bestimmten Situationen haben Patient\/in und Arzt\/\u00c4rztin nat\u00fcrlich keine andere Wahl (zum Beispiel bei einer Notfallbehandlung eines Bewu\u00dftlosen). Doch bereits die Entscheidung, ob ein vom Arzt\/\u00c4rztin empfohlener Wahleingriff durchgef\u00fchrt werden soll, will der\/die m\u00fcndige Patient\/in in Eigenverantwortlichkeit selbst treffen. Demgegen\u00fcber nimmt der\/die unm\u00fcndige Patient\/in seine\/ihre Eigenverantwortlichkeit nicht wahr, ohne da\u00df er\/sie durch zwingende Gr\u00fcnde daran gehindert w\u00fcrde.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist kaum anzunehmen, dass jemand mit besonderer Freude solcherart geschriebene B\u00fccher lesen m\u00f6chte. Angesichts dieses Resultates verwundert es denn auch nicht, wenn zunehmend auch Frauen die neuen Sprachgebr\u00e4uche als l\u00e4stig, ja sogar als l\u00e4cherlich empfinden und keinen echten Gewinn darin zu sehen verm\u00f6gen, beim Lesen immer wieder die Banalit\u00e4t best\u00e4tigt zu bekommen, dass dem Schreiber die Zweigeschlechtlichkeit des Menschen bewu\u00dft war. Meist macht sich die Ver\u00e4rgerung in sarkastischen Leserbriefen oder Glossen Luft. Dies ist aber der Tragweite des Problems nicht angemessen, weshalb hier eine sachliche, auf sprachwissenschaftlichen \u00dcberlegungen fu\u00dfende Analyse vorgelegt werden soll.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<strong>Der Irrtum<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das oben zitierte Beispiel ist \u2013 neben vielen \u00e4hnlich aussehenden Textpassagen \u2013 ein deutlicher Hinweis darauf, da\u00df da irgend etwas nicht stimmen kann. Tats\u00e4chlich beruht die Forderung nach einer konsequenten Doppelnennung menschlicher Funktionstr\u00e4ger auf einem fundamentalen sprachwissenschaftlichen Irrtum. Die Fehl\u00fcberlegung besteht in der Gleichsetzung von biologischer Geschlechtlichkeit und grammatikalischem Genus. Diese Gleichsetzung ist aber unstatthaft, denn es gibt ja drei Genera (Maskulinum, Femininum, Neutrum) aber blo\u00df zwei Geschlechter. Auch wird allem Ungeschlechtlichen (der Ofen, die Wolke, das Fa\u00df) ein Genus beigeordnet, was wiederum zeigt, da\u00df biologisches Geschlecht und grammatikalisches Genus keinesfalls gleichgesetzt werden d\u00fcrfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Genus wird aber nicht blo\u00df geschlechtlich oder ungeschlechtlich, sondern \u2013 in unserem Zusammenhang grundlegend \u2013 auch \u00fcbergeschlechtlich (als Androgynum) verwendet: Der Mensch, der Gast, der Fl\u00fcchtling \u2013 die Person, die Pers\u00f6nlichkeit, die Waise \u2013 das Kind, das Individuum, das Geschwister \u2013 sie alle k\u00f6nnen m\u00e4nnlich oder weiblich sein. So sind insbesondere s\u00e4mtliche Funktionen, die praktisch von allen Verben abgeleitet werden k\u00f6nnen und auf -er enden, trotz des maskulinen Genus nicht biologisch m\u00e4nnlich, sondern androgyn zu verstehen. Ein Mensch, der liest, ist ein Leser, einer, der singt, ein S\u00e4nger und einer, der arbeitet, ein Arbeiter. Die Forderung nach konsequenter Doppelnennung menschlicher Funktionstr\u00e4ger wird gegenstandslos, wenn man die zus\u00e4tzliche \u00fcbergeschlechtliche (androgyne) Funktion aller drei Genera erkennt. Wenn somit heute einzelne Frauen argumentieren, sie m\u00f6chten bei der Erw\u00e4hnung menschlicher Funktionstr\u00e4ger (S\u00e4nger, Bewohner) nicht &#8222;blo\u00df mitgemeint&#8220; sein, so ist dem entgegenzuhalten, da\u00df im erw\u00e4hnten Androgynum auch die M\u00e4nner &#8222;blo\u00df mitgemeint&#8220; sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr die Nicht\u00fcbereinstimmung von Genus und Geschlecht ist &#8222;das Geschwister&#8220; ein besonders anschaulicher Fall: grammatikalisch ein Neutrum, vom Wortstamm her weiblich und in der Bedeutung \u00fcbergeschlechtlich. Es w\u00e4re unsinnig zu fordern, es z. B. in Gesetzestexten im Zuge der Gleichberechtigung zu ersetzen mit &#8222;Geschwister und Gebr\u00fcder&#8220;, denn \u2013 ob es ihnen pa\u00dft oder nicht \u2013 die Gebr\u00fcder sind in den Geschwistern mitenthalten. So ergibt etwa der Satz &#8222;Die Ehe zwischen Geschwistern und Gebr\u00fcdern (oder auch: zwischen Schwestern und Br\u00fcdern) ist untersagt&#8220; keinerlei Sinn.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf dem erw\u00e4hnten sprachwissenschaftlichen Fehlschlu\u00df beruht ein weiterer Irrtum: n\u00e4mlich die angebliche Benachteiligung der Frauen durch die Sprache. Vielmehr bevorzugt das Deutsche das weibliche Geschlecht: Das meiste real M\u00e4nnliche unterscheidet sich ja nicht von der \u00fcbergeschlechtlichen Form. &#8222;Der Fu\u00dfg\u00e4nger&#8220; kann Mann oder Frau sein, und wenn auf sein m\u00e4nnliches Geschlecht Gewicht gelegt wird, mu\u00df dies zus\u00e4tzlich ausgedr\u00fcckt werden. Aber das real Weibliche kennzeichnet die Sprache eindeutig: einerseits mit dem geschlechtsspezifisch gemeinten Wechsel des Artikels (der zu die) und andererseits mit der spezifischen Endung -in.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die Konsequenzen<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Folgen der neuen Sprachgebr\u00e4uche sind schwerwiegend: Durch die gewohnheitsm\u00e4\u00dfige Doppelnennung menschlicher Funktionstr\u00e4ger (Lehrerinnen und Lehrer, AHV-Bez\u00fcgerinnen und AHV-Bez\u00fcger) geht n\u00e4mlich die \u00fcbergeschlechtliche Bedeutung des maskulinen Genus allm\u00e4hlich verloren, und dann wird alles Maskuline als real m\u00e4nnlich und alles Feminine als real weiblich empfunden. Damit f\u00e4llt zuerst einmal alles grammatikalisch Neutrale unter den Tisch, und das Kind, das M\u00e4dchen, das Weib und das Individuum, aber auch alle Diminutive (das Kn\u00e4blein, das tapfere Schneiderlein usf.) m\u00fcssen sich als biologisch geschlechtslose Wesen empfinden. Dar\u00fcber hinaus \u2013 und dies wiegt schwerer \u2013 f\u00fchrt diese Umdeutung des \u00dcbergeschlechtlichen in biologisch Geschlechtliches zum Verlust des wichtigsten Oberbegriffs der deutschen Sprache, n\u00e4mlich des allgemeinen, nicht unter geschlechtlichem Aspekt ins Auge gefa\u00dften Menschen. Konnte man ehedem von Einwohnern, Wanderern, B\u00fcrolisten, Musikliebhabern, Studenten, Fu\u00dfg\u00e4ngern, Autofahrern, Christen, Experten, Anf\u00e4ngern, Ausl\u00e4ndern usf. sprechen, ohne vorentschieden zu haben, ob es sich dabei um M\u00e4nner oder Frauen handelt, weil dies im jeweiligen Zusammenhang vollkommen unbedeutend war, so tritt mit der heute \u00fcblich gewordenen Doppelnennung die Betonung des Verbindenden, des \u00dcbergeordneten, der Funktion zur\u00fcck und macht der Betonung der Geschlechtlichkeit irgend eines Funktionstr\u00e4gers Platz. Damit wird der Sexismus nicht etwa \u2013 wie gewi\u00df in guten Treuen beabsichtigt \u2013 aus der Sprache entfernt, sondern erst konsequent in diese eingef\u00fchrt. Mit der Beseitigung jener sprachlichen Instrumente, die niemals sexistisch gemeint waren und stets der Darstellung des Allgemeinen, \u00dcbersexuellen dienten, nimmt man dem Menschen schlicht und einfach jene Oberbegriffe, die er ben\u00f6tigt, um sich korrekt \u00fcber einen Sachverhalt zu \u00e4u\u00dfern, in dem es nicht um das Nebeneinander oder die Summe von M\u00e4nnlichem und Weiblichem, sondern um das geschlechtlich nicht relevante allgemein Menschliche geht. Wer nun \u00fcber den Menschen in seinen Funktionen und Rollen \u2013 unabh\u00e4ngig vom Geschlecht \u2013 zu schreiben hat, steht dadurch vor unn\u00f6tigen und teils un\u00fcberwindbaren Schwierigkeiten: Er mu\u00df sich zum \u00c4rger sprachlich empfindsamer Leser dauernd unn\u00f6tig wiederholen und kann gewisse logisch erkannte Zusammenh\u00e4nge gar nicht mehr sprachlich angemessen ausdr\u00fccken. Das eingangs zitierte Beispiel belegt dies einwandfrei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die konkreten Auswirkungen<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Eliminierung des allgemeinen, d.h. nicht unter geschlechtlichem Gesichtspunkt ins Auge gefa\u00dften Menschen aus der deutschen Sprache f\u00fchrt zu schwerwiegenden Folgen in der Sprachpraxis, welche die Urheber der hier kritisierten Sprachreform gewi\u00df weder voraussahen noch beabsichtigten: Ausgesprochen l\u00e4stig sind die erm\u00fcdenden Wiederholungen: In Lehrpl\u00e4nen kann man heute Dutzende, ja Hunderte von Malen lesen &#8222;Die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler sollen &#8230;&#8220; Oder das neue Personalgesetz des Kantons Zug z\u00e4hlt auf rund 180 Zeilen die staatlichen Funktionstr\u00e4ger auf nach der Manier &#8222;Dipl. Ingenieurin oder Architektin\/Dipl. Ingenieur oder Architekt&#8220;. Einzig der Polizeifeldweibel bleibt ohne femininen Gegenpart. Eine gewisse Hilfe scheint dann das alle Probleme verkleisternde Wort &#8218;beziehungsweise&#8216; zu sein, das aber &#8211; auch als Abk\u00fcrzung &#8211; schwer lesbare Texte erzeugt: So lesen wir beispielsweise in einer Verordnung \u00fcber das neue Fleischhygienerecht (gem\u00e4\u00df einem Skript von Herrn lic.iur. Urs-Peter M\u00fcller vom Bundesamt f\u00fcr Veterin\u00e4rwesen) folgende Bestimmungen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;1 Der Kantonstierarzt beziehungsweise die Kantonstier\u00e4rztin oder der beziehungsweise die an seiner beziehungsweise ihrer Stelle eingesetzte Tierarzt beziehungsweise Tier\u00e4rztin leitet in fachlicher Hinsicht die T\u00e4tigkeit der Fleischinspektoren beziehungsweise Fleischinspektorinnen und Fleischkontrolleure beziehungsweise Fleischkontrolleurinnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">2 Der Kantonstierarzt beziehungsweise die Kantonstier\u00e4rztin und der leitende Tierarzt beziehungsweise die leitende Tier\u00e4rztin k\u00f6nnen auch die Funktion eines Fleischinspektors beziehungsweise einer Fleischinspektorin aus\u00fcben, der Kantonstierarzt beziehungsweise die Kantonstier\u00e4rztin, der leitende Tierarzt beziehungsweise die leitende Tier\u00e4rztin und der Fleischinspektor beziehungsweise die Fleischinspektorin die eines Fleischkontrolleurs beziehungsweise die einer Fleischkontrolleurin.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um solchen Ungeheuerlichkeiten aus dem Wege zu gehen, greifen einzelne Schreiber zur Klammer. So ist in einer Dissertation w\u00f6rtlich zu lesen: &#8222;So wird ein(e) Lernende(r) zu einer(m) LernbegleiterIn und umgekehrt.&#8220; Man lese diesen Satz, der eher einer mathematischen Formel als einem sprachlichen Gebilde gleicht, doch einmal laut! Er mi\u00dfachtet eine elementare sprachliche Forderung: da\u00df Geschriebenes auch gesprochen werden kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sobald Adjektive und abh\u00e4ngige Pronomina verwendet werden, wird die Sprache au\u00dferordentlich umst\u00e4ndlich: &#8222;Der interessierte Leser bzw. die interessierte Leserin k\u00fcmmert sich immer auch um die Person des unbekannten Autors bzw. der unbekannten Autorin.&#8220; \u2013 Wie k\u00fcnftig ein Deutschlehrer bzw. eine Deutschlehrerin mit den aufgeworfenen Problemen umgeht und ob dann auch sein\/ihr Inspektor bzw. seine\/ihre Inspektorin damit einverstanden ist, da\u00df er seinen bzw. sie ihren Sch\u00fclern und Sch\u00fclerinnen so etwas beibringt, kann heute wohl noch keiner, der bzw. keine, welche die Abschaffung des nichtgeschlechtlich ins Auge gefa\u00dften Menschen betreibt, voraussagen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine weitere Komplikation ergibt sich aus der M\u00f6glichkeit, Substantive zusammenzusetzen: Gel\u00e4ufig sind bereits Lehrerinnen- und Lehrerzeitung, Lehrerinnen- und Lehrerfortbildung, und im neuen Aargauer Schulleitbild ist die Rede vom Lehrerinnen- und Lehrerurteil, von den Sch\u00fclerinnen- und Sch\u00fclerwahrnehmungen, von den Sch\u00fclerinnen- und Sch\u00fclerbed\u00fcrfnissen und von der Sch\u00fclerinnen- und Sch\u00fclerbeurteilung. Logischerweise werden wir k\u00fcnftig wohl bei der Fahrpr\u00fcfung den F\u00fchrerinnen- und F\u00fchrerausweis erwerben und m\u00fcssen dann aufpassen, niemanden auf einem Fu\u00dfg\u00e4ngerinnen- und Fu\u00dfg\u00e4ngerstreifen anzufahren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kaum mehr l\u00f6sbare Probleme ergeben sich bei Koppelung zweier Funktionen: Arbeitervertreter, Lehrerberater, Patientenbetreuer. Der Satz &#8222;Ein k\u00fcnftiger Lehrerberater sollte zuvor auch ein bew\u00e4hrter Sch\u00fclerbetreuer gewesen sein&#8220; lautet neu: &#8222;Ein k\u00fcnftiger Lehrer- bzw. Lehrerinnenbetreuer bzw. eine k\u00fcnftige Lehrer- bzw. Lehrerinnenbetreuerin sollte zuvor auch ein bew\u00e4hrter Sch\u00fcler- bzw. Sch\u00fclerinnenberater bzw. auch eine bew\u00e4hrte Sch\u00fcler- bzw. Sch\u00fclerinnenberaterin gewesen sein.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu diesen k\u00fcnstlich erzeugten Umst\u00e4ndlichkeiten gesellt sich die Unm\u00f6glichkeit, gewisse Zusammenh\u00e4nge logisch korrekt auszudr\u00fccken. Der Verlust der beide Geschlechter umfassenden Oberbegriffe verhindert grunds\u00e4tzlich Aussagen, in denen Frauen und M\u00e4nner als Einheit zusammengefa\u00dft oder miteinander verglichen werden. Der Satz &#8222;M\u00fcllers sind Schweizer&#8220; lautet nun: &#8222;M\u00fcllers sind Schweizer und Schweizerin.&#8220; Haben sie aber noch eine Tochter, hei\u00dft es dann &#8222;M\u00fcllers sind Schweizer und Schweizerinnen.&#8220; V\u00f6llig am Anschlag ist ein Friedensrichter, der ein streitendes Paar ermahnen sollte: &#8222;Als Eheleute seid ihr nicht Gegner, sondern Partner, ja Freunde!&#8220; Auch S\u00e4tze wie &#8222;Auf f\u00fcnf Schweizer trifft es einen Ausl\u00e4nder&#8220; oder &#8222;Die Eltern sind die ersten Erzieher der Kinder&#8220; sind unter dem Anspruch der neuen Sprachnorm unstatthaft, obwohl sie eigentlich wahr sind. Und der Satz &#8222;Frauen sind die vern\u00fcnftigeren Autofahrer&#8220; hat keinen Sinn, wenn man \u2013 wie in einer Brosch\u00fcre mit dem vielsagenden Titel \u2018\u00dcbung macht die Meisterin\u2019 verlangt \u2013 &#8222;Autofahrerin&#8220; schreibt; er ist aber auch sinnlos, wenn &#8222;Autofahrer&#8220; blo\u00df noch biologisch m\u00e4nnlich gedeutet wird. Ebenso steht es mit der oft aufgestellten Behauptung: &#8222;Frau Dreifu\u00df ist die hundertste Bundesr\u00e4tin.&#8220; Sch\u00f6n w\u00e4r\u2019s, mag da manche denken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hinzu kommt die \u00c4chtung von \u00fcbergeschlechtlichen, grammatikalisch maskulinen Vokabeln wie etwa man, jeder, jedermann, niemand, jemand, wer. Ein Satz wie &#8222;Verletze niemanden in seinen Gef\u00fchlen&#8220; lautet sprachfeministisch &#8222;Verletze keinenmann und keinefrau in seinen bzw. ihren Gef\u00fchlen.&#8220; Steht irgendwo &#8222;Jedermann ist eingeladen&#8220; folgt prompt die Frage: &#8222;Und die Frauen?&#8220; Satzgebilde wie &#8222;Wer zuviel Energie verbraucht, der oder die sollte zur Kasse gebeten werden&#8220; kann man praktisch t\u00e4glich am Fernsehen oder Radio h\u00f6ren. Einfachste Wahrheiten wie &#8222;Liebe deinen N\u00e4chsten&#8220; werden zu sprachlichen Seifenblasen: &#8222;Liebe deinen N\u00e4chsten, deine N\u00e4chste und dein N\u00e4chstes&#8220; (denn auch Kinder haben Anspruch auf N\u00e4chstenliebe).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bedenklich ist aber auch die geistige Abkoppelung von allem, was vor 1990 geschrieben wurde. Handle es sich um wissenschaftliche Literatur oder Belletristik \u2013 auf Schritt und Tritt wird der Leser durch die Tatsache ge\u00e4rgert, da\u00df von Einwohnern, G\u00e4rtnern, Sch\u00fclern, Philosophen, Christen usf. die Rede ist, und wird denn alle Autoren entweder f\u00fcr naiv oder maskulistisch verdorben betrachten. Es sei dies am Beispiel eines Goethe-Zitates verdeutlicht. W\u00fcrde sich Goethe dem Sprachsexismus unterzogen haben, lautete der zweite Absatz des 7. Buches von \u2018Dichtung und Wahrheit\u2019 wie folgt: &#8222;In ruhigen Zeiten will jeder\/jede nach seiner\/ihrer Weise leben, der B\u00fcrger\/die B\u00fcrgerin sein\/ihr Gewerb, sein\/ihr Gesch\u00e4ft treiben und sich nachher vergn\u00fcgen; so mag auch der Schriftsteller\/die Schriftstellerin gern etwas verfassen, seine\/ihre Arbeiten bekannt machen und, wo nicht Lohn, doch Lob daf\u00fcr hoffen, weil er\/sie glaubt, etwas Gutes und N\u00fctzliches getan zu haben. In dieser Ruhe wird der B\u00fcrger\/die B\u00fcrgerin durch den Satiriker\/die Satirikerin, der Autor\/die Autorin durch den Kritiker\/die Kritikerin und so die friedliche Gesellschaft in eine unangenehme Bewegung gesetzt.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die hier kritisierte Sprachreform hat aber nicht blo\u00df direkt sichtbare Konsequenzen wie etwa die erw\u00e4hnten stereotypen Wiederholungen oder die nicht aussprechbaren Kunstformen wie AHV-Bez\u00fcger\/innen oder A(\u00c4)rzt(e)Innen. Die eingangs erw\u00e4hnte und bedauerte Abschaffung des allgemeinen, nicht unter geschlechtlichem Aspekt ins Auge gefa\u00dften Menschen zeigt sich \u2013 z. B. in p\u00e4dagogischen Fachzeitschriften \u2013 auch noch in einer immer abstrakter werdenden Sprache, und zwar ganz einfach darum, weil nat\u00fcrlich auch die heutigen angepa\u00dften Schreiber merken, da\u00df die dauernden Wiederholungen m\u00fchsam zu lesen sind, und sie sich dann damit behelfen, menschliche Funktionstr\u00e4ger (Lehrer, Sch\u00fcler usf.) einfach nicht mehr zu erw\u00e4hnen. So l\u00e4\u00dft sich etwa der einfache Satz &#8222;Die Lehrer sollten wieder vermehrt mit den Sch\u00fclern \u00fcben&#8220; umformen zur Aussage &#8222;Aufgabe der Schule ist es, durch gezielte Wiederholungen die Kulturtechniken wieder vermehrt zu festigen.&#8220; Ganz allgemein sind Lehrer heute Lehrkr\u00e4fte oder Teil der Lehrerschaft, was \u00fcbrigens auch nicht ganz sauber ist, denn konsequenterweise m\u00fc\u00dfte es Lehrer- und Lehrerinnenschaft lauten. Oder statt von Studenten und S\u00e4ngern ist von Studierenden und Singenden die Rede, ohne alles Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr, da\u00df dies nicht dasselbe ist. Auf diese Weise bringen es heutzutage einschl\u00e4gige Zeitschriften fertig, kaum mehr von den Menschen, die eigentlich im Zentrum stehen sollten, zu sprechen: von Sch\u00fclern, Lehrern, Erziehern, Inspektoren, Psychologen, Therapeuten, Beamten, Schulpflegern usf. Es ist sehr zu bezweifeln, ob dies die Absicht jener Frauen und M\u00e4nner war, die als erste die deutsche Sprache hinsichtlich der Dominanz des Maskulinen einer Fundamentalkritik unterzogen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie zu vernehmen ist, gibt es heute \u2013 vorwiegend in Maturit\u00e4tsschulen \u2013 bereits Deutschlehrer, welche von ihren Sch\u00fclern die Doppelnennungen von Funktionstr\u00e4gern verlangen. In welch fataler Weise die Ausdruckm\u00f6glichkeiten damit beschnitten werden, ist oben aufgezeigt worden. Zu erw\u00e4hnen bleibt noch, da\u00df damit ganz allgemein ein Berg neuer Probleme auf die Schule zukommt: Als Zugabe zu allem, was die Lehrer bereits zu bew\u00e4ltigen haben, sollen sie nun auch noch das ein\u00fcben, was aus politischen Motiven in die Sprache eingef\u00fchrt wurde und heute viele Schreiber bereitwillig befolgen. Da\u00df damit gleichzeitig das Anliegen einer sprach-\u00e4sthetischen Erziehung untergraben wird, sei hier blo\u00df am Rande erw\u00e4hnt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<strong>Bilanz<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Angesichts dieses hohen Preises mu\u00df es erlaubt sein, Bilanz zu ziehen und Gewinn und Verlust gegeneinander aufzurechnen. Man kann es drehen und wenden, wie man will: Auf der Gewinnseite liegt lediglich die Genugtuung jener M\u00e4nner und Frauen, denen die Doppelnennung menschlicher Funktionstr\u00e4ger ein Anliegen ist und die es offensichtlich verstanden haben, sich durchzusetzen. Die damit verbundene Komplizierung der Sprache und der Verlust an Sprach\u00e4sthetik und logischen Ausdrucksm\u00f6glichkeiten schafft nicht eine einzige zus\u00e4tzliche Information, daf\u00fcr aber einen nicht geringen \u00c4rger bei vielen Schreibern und Lesern. Es ist indessen anzunehmen, dass es eher wenige sind, die diese Ver\u00e4rgerung bewusst wollen und somit das Argument unterst\u00fctzen w\u00fcrden, das einem Redaktor einer bekannten Berner Zeitung zu Ohren kam: Man wolle die M\u00e4nner mit der Sprache so lange \u00e4rgern, bis sie endlich den Frauen die Gleichberechtigung zugest\u00fcnden. Diese Absicht verfehlt ihr Ziel schon deshalb, weil sich mit Sicherheit auch sehr viele Frauen \u00fcber die aufgezeigten Erschwernisse \u00e4rgern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Was ist also zu tun?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist gewi\u00df richtig und angezeigt, z. B. auf Einladungen oder in Anreden beide Geschlechter anzusprechen, da man dann ja offensichtlich konkrete Menschen als M\u00e4nner und Frauen vor sich sieht. In diesen F\u00e4llen sollte man sich denn auch die M\u00fche nehmen, beide Formen ganz auszuschreiben. Formen wie A(\u00c4)rztIn, Schulpfleger\/in oder Coiffeur\/euse sind ja reine Schreibsprache, die nicht gesprochen und hinsichtlich weiterer sprachlicher Strukturen (z. B. Pronomina) gar nicht durchgehalten werden kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dar\u00fcber hinaus aber sollte man den Mut aufbringen, in der Sackgasse, in die man sich verrannt hat, wieder umzukehren. Die Sprache ist ein geistiger Organismus, in den man nicht derart gewaltsam eingreifen darf, da\u00df wichtigste Ausdrucksm\u00f6glichkeiten verloren gehen und Umst\u00e4ndlichkeit die Klarheit verdr\u00e4ngt. Es ist daher zu w\u00fcnschen, da\u00df alle feinf\u00fchligen Menschen ihren Sinn f\u00fcr sprachliche \u00c4sthetik und auch f\u00fcr das nat\u00fcrlich Gewachsene beim Schreiben bewahren, auch wenn die derzeit g\u00e4ngige Ideologie anderes verlangt. Sprache darf nicht zur unaussprechbaren Schreibe verkommen. Wer immer durch sein politisches Amt oder seine berufliche T\u00e4tigkeit Einflu\u00df auf die Entwicklung der deutschen Sprache haben oder nehmen kann, m\u00f6ge den Mut zur Umkehr aufbringen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00dcberarbeitete Fassung 2005<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<em>Adresse des Verfassers:<br \/>\n<\/em><em>Dr. Arthur Br\u00fchlmeier<br \/>\n<\/em><em>CH &#8211; 5452 Oberrohrdorf (Kanton Aargau, Schweiz)<br \/>\n<\/em><em><a href=\"mailto:arthur@bruehlmeier.info\">arthur@bruehlmeier.info<\/a><br \/>\n<\/em><em>www.bruehlmeier.info<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sprach-Feminismus in der Sackgasse Das Ph\u00e4nomen Zahlreiche Redaktoren, Autoren von Sachtexten, Gesetzgeber und Werbetexter haben sich angew\u00f6hnt, menschliche Funktionstr\u00e4ger stets doppelt zu erw\u00e4hnen, und so liest und \u2013 soweit es auszusprechen ist \u2013 h\u00f6rt man denn allenthalben von Athleten und Athletinnen, EidgenossInnen, Arzt\/\u00c4rztinnen und B\u00fcrger\/innen.<\/p>\n","protected":false},"author":81,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[10],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1106"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/81"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1106"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1106\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2586,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1106\/revisions\/2586"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1106"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1106"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1106"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}