{"id":1100,"date":"2007-12-12T13:16:33","date_gmt":"2007-12-12T11:16:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=1100"},"modified":"2009-09-08T14:44:04","modified_gmt":"2009-09-08T12:44:04","slug":"memorandum-der-deutschen-psychoanalytischen-vereinigungzum-krippenausbau-in-deutschland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=1100","title":{"rendered":"Memorandum der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung zum Krippenausbau in Deutschland"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\"><strong>Memorandum zum Krippenausbau in Deutschland<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Psychoanalytikerinnen und Psychoanalytiker erfahren wir in unserer t\u00e4glichen Praxis die Tiefenwirkungen und Langzeitfolgen von kindlichen Entwicklungsbedingungen. In den ersten drei Lebensjahren wird die Grundlage f\u00fcr die seelische Gesundheit eines Menschen gelegt. In dieser sensiblen Entwicklungszeit bedeuten regelm\u00e4\u00dfige ganzt\u00e4gige Trennungen von den Eltern eine besondere psychische Belastung f\u00fcr die Kinder. Die Diskussion \u00fcber den geplanten Ausbau der Krippenbetreuung f\u00fcr Kinder unter drei Jahren erscheint uns daher zu kurz gegriffen, wenn sie sich nur auf demographische, bildungs- und arbeitsmarktpolitische Aspekte konzentriert.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus verschiedenen Gr\u00fcnden k\u00f6nnen M\u00fctter und V\u00e4ter auf au\u00dferfamili\u00e4re Betreuung ihrer Kinder angewiesen sein. Um die Faktoren, die bei Krippen- oder Tagesmutterbetreuung die gesunde Entwicklung des unter dreij\u00e4hrigen Kindes gef\u00e4hrden, beachten und ihre Auswirkungen mildern zu k\u00f6nnen, ist ein gesellschaftliches und individuelles Bewu\u00dftsein f\u00fcr die Bedeutung fr\u00fcher Trennungserfahrungen umso wichtiger.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir gehen von folgendem Wissen aus, das auf Forschungsergebnissen und psychoanalytischer Erfahrung beruht: W\u00e4hrend der ersten 36 Lebensmonate ist das Kind wegen seiner k\u00f6rperlichen und seelischen Verletzlichkeit ganz besonders auf eine sch\u00fctzende und stabile Umgebung angewiesen. Es bindet sich an die Menschen, die ihm am verl\u00e4\u00dflichsten zur Verf\u00fcgung stehen. Bindung ist f\u00fcr das Kind eine \u00dcberlebensnotwendigkeit. Sie bildet die Grundlage f\u00fcr sein Selbstwertgef\u00fchl und seine F\u00e4higkeit, tragf\u00e4hige Beziehungen aufzubauen. Seine emotio\u00adnale und kognitive Entwicklung wird in der fr\u00fchen Kindheit durch die Stabilit\u00e4t seiner Beziehungen gef\u00f6rdert. Einf\u00fchlung in seine Bed\u00fcrfnisse, Verf\u00fcgbarkeit einer verl\u00e4\u00dflichen Bezugsperson, regelm\u00e4\u00dfige Alltagsstrukturen helfen dem Kind, ein \u201eUrvertrauen\u201c, das gerade in dieser Zeit erworben wird und eben nicht angeboren ist, zu gewinnen. Erst langsam entwickelt das Kind die F\u00e4higkeit, die Abwesenheit der Eltern innerseelisch zu verkraften, indem es sich an sie erinnern und an sie denken kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Umgebungswechsel und Trennungen von Mutter und Vater in den ersten Lebensjahren erfordern zum Wohle aller Beteiligten langsame \u00dcberg\u00e4nge, damit das Kind mit der neuen Umgebung und der neuen Betreuungsperson ohne Verlustangst vertraut werden und sich langsam anpassen kann. Ein auch f\u00fcr das Kind f\u00fchlbar gutes Verh\u00e4ltnis zwischen Eltern und Betreuerin hilft ihm, sich angstfrei der neuen Situation als Erweiterung der Familie anzuvertrauen. Pl\u00f6tzliche oder zu lange Trennungen von den Eltern bedeuten in der fr\u00fchen Kindheit einen bedrohlichen Verlust der Lebenssicherheit, auch weil Sprach- und Zeitverst\u00e4ndnis des Kindes noch nicht weit genug entwickelt sind, um Verwirrung oder Angst mit Erkl\u00e4rungen zu mildern. Eine Trennung von den Eltern, die nicht durch ausreichend lange \u00dcbergangs- und Eingew\u00f6hnungsphasen vorbereitet wird, kann vom Kind als innerseelische Katastrophe erlebt werden, die seine Bew\u00e4ltigungsm\u00f6glichkeiten \u00fcberfordert. An der kindlichen Reaktion auf die Trennung \u2013 zum Beispiel verzweifeltes Weinen, anhaltendes Schreien oder sp\u00e4ter auch resigniertes Verstummen, Schlaf- und Ern\u00e4hrungsst\u00f6rungen \u2013 kann man eine seelische \u00dcberforderung erkennen, die dann besondere Zuwendung und Verst\u00e4ndnis braucht, um nicht zu einer innerseelischen Katastrophe zu werden. \u201ePflegeleichte\u201c Kinder, die gegen die Trennung nicht protestieren, brauchen besondere Aufmerksamkeit, weil ihre seelische Belastung manchmal nicht erkannt wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Regel passen sich Kinder nach einer Weile an neue Situationen an und akzeptieren das neue Beziehungsangebot. Auch wenn die Betreuerin nur eine &#8222;\u00dcbergangs-Mutter&#8220; ist, die sich deshalb nicht st\u00e4rker binden m\u00f6chte, weil sie den kommenden Abschied voraussieht: das Kind bindet sich immer, weil es Bindung braucht, um seelisch zu wachsen. Jeder Krippenwechsel oder Wechsel einer Tagesmutter bedeutet f\u00fcr das Kind eine erneute Erfahrung von Bindungsverlust. Es gibt keine psychische Gew\u00f6hnung an Verlust: Kommt er unvorbereitet und kann er nicht innerhalb einer vertrauten Beziehung verdaut werden, sind Verleugnung und An\u00e4sthesierung der Gef\u00fchle die Folge, h\u00e4ufig begleitet von der \u201eK\u00f6rpersprache\u201c psychosomatischer Symptome. Der meist unausweichliche Verlust der Ersatzperson ist dann besonders schwerwiegend, wenn das Kind in seiner Trauer um sie von den Eltern kaum best\u00e4tigt und gest\u00fctzt wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist Forschungs- und Erfahrungswissen (und keine Ideologie), da\u00df f\u00fcr die Entwicklung des kindlichen Sicherheitsgef\u00fchls, f\u00fcr die Entfaltung seiner Pers\u00f6nlichkeit und f\u00fcr die seelische Gesundheit eine verl\u00e4\u00dfliche Beziehung zu den Eltern am f\u00f6rderlichsten ist. Gerade in den ersten drei Lebensjahren ist die emotionale und zeitliche Verf\u00fcgbarkeit von Mutter und Vater daf\u00fcr von gro\u00dfer Bedeutung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Kind entwickelt nicht nur seine Beziehung zur Mutter, sondern in der Regel auch eine gleicherma\u00dfen enge, aber andere Bindung an seinen Vater. Es erlebt sich selbst in der Beziehung zum Vater oder zu seinen Geschwistern anders und erf\u00e4hrt, da\u00df F\u00fcrsorglichkeit und Bindungsangebote unterschiedlich ausfallen k\u00f6nnen. Es erlebt die Eltern als Paar, so da\u00df es sich als Teil eines Beziehungsdreiecks wahrnimmt und mit der Qualit\u00e4t der elterlichen Beziehung identifiziert. Durch ausreichend regelm\u00e4\u00dfige Wiederholungen dieser Erfahrung von \u201everl\u00e4\u00dflicher Flexibilit\u00e4t\u201c lernt das Kind Ver\u00e4nderungen zu tolerieren und auch die unvermeidlichen Ausschlu\u00df-Erfahrungen und Kr\u00e4nkungen im Sinne eines altersgem\u00e4\u00dfen Entwicklungsanreizes zu verarbeiten \u2013 all dies stabilisiert seine psychische Weiterentwicklung, festigt die grundlegenden Erfahrungsstrukturen und f\u00f6rdert seine F\u00e4higkeiten, neue Beziehungen einzugehen. Ein Kind mit sicheren Bindungen innerhalb seiner Familie wird den behutsamen Schritt in eine zus\u00e4tzliche Betreuung au\u00dferhalb der Familie als Bereicherung seiner Erfahrungswelt erleben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn die au\u00dferfamili\u00e4re Betreuung \u2013 sei es Krippe oder Tagesmutter \u2013 vom Kind als Teil der \u201efamili\u00e4ren Einheit\u201c erfahren wird, kann sie seine Entwicklung bereichern und bei der Aufgabe, sich sp\u00e4ter von den Eltern abzul\u00f6sen, eine Hilfe sein. Wenn die Familie wegen Krankheit, seelischer oder materieller Not dem Kind nicht die n\u00f6tige Verl\u00e4\u00dflichkeit bietet und Vernachl\u00e4ssigung oder Mi\u00dfhandlung drohen, wird das Kind von der Betreuung au\u00dferhalb der Familie dann profitieren, wenn es dort ausreichend Gelegenheit findet, gute und dauerhafte Beziehungen zu entwickeln. Alle Eltern, besonders aber Eltern, die sich zuhause mit ihren Kindern \u00fcberfordert und isoliert f\u00fchlen, brauchen Unterst\u00fctzung, gesellschaftliche Anerkennung und \u00f6ffentliche Angebote f\u00fcr das Leben mit Kindern<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In vielen Studien wurde nachgewiesen, da\u00df es entwicklungspsychologisch einen bedeutsamen Unterschied macht, ob ein Kind mit einem Jahr, mit anderthalb oder zwei Jahren in au\u00dferfamili\u00e4re Betreuung kommt und wie viele Stunden t\u00e4glich sie in Anspruch genommen wird. Je l\u00e4nger die t\u00e4gliche Betreuung getrennt von den Eltern andauert, um so h\u00f6here Werte des Stre\u00dfhormons Cortisol sind zum Beispiel im kindlichen Organismus nachweisbar. Dies erkl\u00e4rt den Zusammen- hang zwischen langer, also ganzt\u00e4giger Dauer der au\u00dferfamili\u00e4ren Betreuung und sp\u00e4terem aggressivem Verhalten in der Schule, der in L\u00e4ngsschnittstudien gefunden wurde. Weitere entscheidende Faktoren f\u00fcr die Qualit\u00e4t der Krippenbetreuung sind die Gruppengr\u00f6\u00dfe und die Personalfluktuation. Zu gro\u00dfe Gruppen oder h\u00e4ufige Personalwechsel machen es dem Kind un- m\u00f6glich, sichere Bindungen einzugehen; sie k\u00f6nnen sozialen R\u00fcckzug bewirken oder im Verlauf seiner Entwicklung zu innerer Unruhe, Aufmerksamkeitsst\u00f6rungen und Konzentrationsdefiziten f\u00fchren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Allgemein gilt: Je j\u00fcnger das Kind, je geringer sein Sprach-und Zeitverst\u00e4ndnis, je k\u00fcrzer die Eingew\u00f6hnungszeit in Begleitung der Eltern, je l\u00e4nger der t\u00e4gliche Aufenthalt in der Krippe, je gr\u00f6\u00dfer die Krippengruppe je wechselhafter die Betreuungen, um so ernsthafter ist die m\u00f6gliche Gef\u00e4hrdung seiner psychischen Gesundheit. Das Tagesmuttermodell, das wegen der erhofften individuelleren Betreuung oder seiner familienn\u00e4heren Form oft als bessere Alternative zur Krippe angesehen wird, erscheint \u2013 im Gegenteil \u2013 besonders konfliktreich: Ein Tagesmutterwechsel in den ersten Lebensjahren findet viel \u00f6fter statt als bei der Einf\u00fchrung des Modells angenommen. H\u00e4ufig auftretende Spannungen zwischen Mutter und Tagesmutter zeigen die gro\u00dfe St\u00f6ranf\u00e4lligkeit dieser Betreuungsform. Die Vorbereitung auf die psychologisch und p\u00e4dagogisch schwierige Aufgabe einer Ersatzbetreuung ist bisher meist unzureichend. \u201eTagesmutter\u201c wird, wie auch \u201eErzieherin\u201c und \u201eFr\u00fchp\u00e4dagogin\u201c, ein Berufsbild der Zukunft sein, und seine notwendige Professionalisierung mit guter Ausbildung und berufsbegleitender Supervision sollte widerspiegeln, da\u00df die Kleinsten den gr\u00f6\u00dften Einsatz brauchen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Analog zur \u201eSchulreife\u201c sollte die \u201eKrippenreife\u201c f\u00fcr jedes Kind individuell beurteilt werden, um Traumatisierungen zu verhindern. Auch f\u00fcr Eltern ist es oft schmerzhaft und konfliktreich, sich in den fr\u00fchen Entwicklungsjahren von ihrem Kind trennen zu m\u00fcssen, und sie machen sich viele Gedanken, wenn sie es in \u201efremde H\u00e4nde\u201c geben. Sie kennen ihr Kind am besten und erfassen wegen ihrer einzigartigen seelischen Verbindung zu ihm seine \u201eKrippenreife\u201c intuitiv. Politische Forderungen nach m\u00f6glichst fr\u00fcher R\u00fcckkehr der M\u00fctter an den Arbeitsplatz verunsichern intuitives Wissen und sch\u00fcren eine unn\u00f6tige ideologische Konkurrenz um ein \u201erichtiges\u201c Frauenbild. Statt dessen brauchen wir staatlich gef\u00f6rderte entwicklungspsychologische Forschungen und Langzeitstudien, die den geplanten Ausbau der Tagespflegepl\u00e4tze und die Einf\u00fchrung des Rechtsanspruchs auf einen Krippenplatz f\u00fcr die unter Dreij\u00e4hrigen aufmerksam begleiten, um Fehlentwicklungen vorzubeugen und Neuorientierungen zu evaluieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Gestaltung von Bindungen und die Bew\u00e4ltigung von Trennungen sind lebenslang die schwierigsten seelischen Aufgaben des Menschen. Sie erfordern gerade am Lebensbeginn von allen verantwortlich Beteiligten hohe Sensibilit\u00e4t und ein Wissen um die Verletzlichkeit der fr\u00fchen Entwicklung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Berlin, 12. Dezember 2007<br \/>\nDeutsche Psychoanalytische Vereinigung (DPV).<br \/>\nKommission \u00d6ffentlichkeit und interdisziplin\u00e4rer Dialog (Leitung: Dr. phil. Franziska Henningsen, Dipl.-Psych.)<br \/>\nGesch\u00e4ftsstelle der DPV: K\u00f6rnerstr, 11, 10785 Berlin,<br \/>\nE-mail: geschaeftsstelle@dpv-psa.de<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Memorandum zum Krippenausbau in Deutschland Als Psychoanalytikerinnen und Psychoanalytiker erfahren wir in unserer t\u00e4glichen Praxis die Tiefenwirkungen und Langzeitfolgen von kindlichen Entwicklungsbedingungen. In den ersten drei Lebensjahren wird die Grundlage f\u00fcr die seelische Gesundheit eines Menschen gelegt. 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