{"id":10999,"date":"2014-06-23T16:19:55","date_gmt":"2014-06-23T14:19:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=10999"},"modified":"2014-06-23T16:19:55","modified_gmt":"2014-06-23T14:19:55","slug":"liebe-recht-und-steuersparen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=10999","title":{"rendered":"Liebe, Recht und Steuersparen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Demographie und Ehe in Frankreich<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die neuesten Daten zur demographischen Entwicklung in Frankreich geben Anlass zur Frage nach Ehe und eingetragener Partnerschaft (Pacs &#8211; nicht nur gleichgeschlechtlich). Wie entwickeln sich diese Lebensformen in Frankreich? Man k\u00f6nnte darauf mit dem Dreiklang &#8222;Liebe, Recht und Steuersparen&#8220; antworten &#8211; in Anlehnung an den franz\u00f6sischen Titel einer amerikanischen Seifenoper &#8222;Amour, gloire et beaut\u00e9&#8220;, die seit Jahren \u00fcber die Bildschirme flimmert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Frankreich entsteht &#8211; wie\u00a0in allen L\u00e4ndern, in denen Zwangsheirat verboten ist &#8211; eine ernsthafte Bindung zweier Menschen meist aus einer romantischen Liebesbeziehung. Diese auf Liebe basierende Beziehung ist irrational und daher unerkl\u00e4rbar. Genauso wie die Freundschaft zwischen\u00a0La Bo\u00e9tie und\u00a0Montaigne, die letzterer mit dem ber\u00fchmten Satz beschrieb: &#8222;Weil er er war, weil ich ich war.&#8220;<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Liebesbeziehungen sind &#8211; gl\u00fccklicherweise &#8211; nicht deklarierungspflichtig, jedoch kommt ihre gesellschaftliche Bedeutung dem sehr nah, wenn Paare eine Anerkennung\u00a0 vor dem Gesetz anstreben: Dabei handelt es sich zuerst um die Ehe, seit dem \u00a0Gesetz vom 15. November 1999 auch um die eingetragene Lebenspartnerschaft (Pacs), sowie die Trennung dieser Verbindungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die drei Gr\u00fcnde f\u00fcr den R\u00fcckgang der Eheschlie\u00dfungen<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr die r\u00fcckl\u00e4ufige Tendenz der Eheschlie\u00dfungen lassen sich drei m\u00f6gliche Erkl\u00e4rungen heranziehen:<\/p>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li>Heiratsunlust: In der Generation der Heiratsf\u00e4higen sinkt der Anteil derjenigen, die heiraten m\u00f6chten.<\/li>\n<\/ul>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li>Personenmangel: Seit dem Jahr 2000 sinkt die absolute Anzahl der Heiratsf\u00e4higen stetig.<\/li>\n<\/ul>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li>Heiratsalter: Das durchschnittliche Heiratsalter steigt und verschiebt die Entscheidung auf sp\u00e4ter &#8211; oder gar nicht. Bei Frauen stieg es von unter 27 Jahren 1994 auf \u00fcber 28 Jahre im Jahr 2000. Seit 2010 liegt es bei 30 Jahren. Bei M\u00e4nnern lag das Heiratsalter 1994 bei 28,7 Jahren, im Jahr 2000 erreichte es 30 Jahre und seit 2012 betr\u00e4gt es 32 Jahre.<\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"text-align: justify;\">Trotz des R\u00fcckgangs verschwindet die Institution Ehe jedoch keineswegs. Die Ehe ist vor allem f\u00fcr Paare, denen religi\u00f6se Werte wichtig sind, nicht unbedingt von einer rationalen Entscheidung abh\u00e4ngig, sondern vielmehr vom Glauben an die Bedeutung, die Gott der Bindung zweier Menschen beimisst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bemerkenswert ist der Verlauf bei den eingetragenen Lebensgemeinschaften (gleichgeschlechtlich und nicht-gleichgeschlechtlich). Ihr Anstieg verl\u00e4uft seit der Einf\u00fchrung dieser juristischen Form 1999 alles andere als linear. Zwischen 2000 &#8211; das erste volle Jahr, in dem das neue Gesetz seine Anwendung findet &#8211; und 2004 bewegt sich die Anzahl der eingetragenen Lebenspartnerschaften zwischen 19 600 und 40 000. Die Zahlen sind verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig niedrig im Vergleich zu der Anzahl der Eheschlie\u00dfungen, denn noch im Jahr 2004 kamen in Frankreich auf einhundert Eheschlie\u00dfungen weniger als f\u00fcnfzehn eingetragene Lebenspartnerschaften. Diese geringen Zahlen in den ersten Jahren waren f\u00fcr manche Politiker ziemlich entt\u00e4uschend, hatten sie doch angek\u00fcndigt, dass drei Millionen Franzosen auf die Einf\u00fchrung des Gesetzes warteten. Dar\u00fcber hinaus deuten durchgesickerte Informationen darauf hin, dass einige dieser eingetragenen Lebenspartnerschaften aus einem Mitnahmeeffekt resultierten, denn einige Staatsfunktion\u00e4re h\u00e4tten sie benutzt, um ihre Chancen auf eine Versetzung zu erh\u00f6hen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Spektakul\u00e4rer Anstieg <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">2005 verzeichnet die Statistik der eingetragenen Lebenspartnerschaften dann einen signifikanten Anstieg. Man z\u00e4hlt von nun an mehr als zwanzig eingetragene Lebenspartnerschaften pro hundert Eheschlie\u00dfungen. Die Steigerung von 2005 kann nicht auf konjunkturelle Ereignisse zur\u00fcckgef\u00fchrt werden, da sie sich 2006\u00a0und 2007 fortsetzt. \u00a02007 \u00fcberschreitet die Anzahl eingetragener Lebenspartnerschaften die Zahl von 100 000; dies entspricht mehr als einem Drittel der Eheschlie\u00dfungen. Die eingetragene Lebenspartnerschaft ist daher nicht mehr nur ein marginales, statistisches Ph\u00e4nomen wie in den ersten Jahren nach ihrer gesetzlichen Einf\u00fchrung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man k\u00f6nnte folgende Erkl\u00e4rung daf\u00fcr heranziehen. Seit ihrer Einf\u00fchrung\u00a0ist die eingetragene Lebenspartnerschaft im Hinblick auf Einkommenssteuer, Erbschaftssteuer sowie Sozialanspr\u00fcche de facto eine Kopie der Rechte der Familie. Aber diese Rechte werden erst im Laufe der Jahre umgesetzt. Vor allem nach jeder Abstimmung zu Finanzgesetzen in der Nationalversammlung wurden die Rechte der eingetragenen Lebenspartner finanziell zusehends attraktiver.\u00a0Der gr\u00f6\u00dfte Schritt zur Angleichung des Steuerrechts f\u00fcr eingetragene Lebenspartnerschaften an das der Familien kam mit dem Finanzgesetz 2005. Dieses erlaubte eingetragenen Lebenspartnern ab dem Jahr der Eintragung &#8211; und nicht wie zuvor erst drei Jahre danach &#8211; vom Ehegattensplitting zu profitieren. Auch die Tarifvertr\u00e4ge und Firmenvereinbarungen f\u00fcr Familien wurden nach und nach auf eingetragene Lebenspartnerschaften \u00fcbertragen. Im Juli 2007 wird dann\u00a0 eine neue steuerliche Errungenschaft auf Basis des sogenannten TEPA Gesetzes &#8222;zugunsten der Arbeit, der Besch\u00e4ftigung und der Kaufkraft&#8220; auf die eingetragene Lebensgemeinschaft ausgeweitet. Dieses Gesetz gew\u00e4hrt bei Schenkungen zu Lebzeiten den Lebenspartnern denselben Freibetrag wie der bereits geltende f\u00fcr verheiratete Paare.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Folglich wird die eingetragene Lebenspartnerschaft, obwohl sie in ihrer Ursprungsform von 1999 nur eine schlechte Kopie der Ehe und daher kaum eine juristische oder steuerrechtliche Konkurrenz zur Ehe darstellte, ab 2005 zu genau dieser: eine eingetragene Lebenspartnerschaft mit sehr weitreichenden Eigenschaften, eine Art &#8222;neue&#8220; Lebenspartnerschaft, steuerlich eine Ehe ohne Eheschlie\u00dfung. Das empfanden viele Paare offenbar als sehr attraktiv.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>R\u00fcckgang der eingetragenen Lebenspartnerschaft und geringere steuerliche Attraktivit\u00e4t<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Rahmen der neuen Gesetzgebung erreicht die Anzahl der eingetragenen Lebenspartnerschaften 2010 erstmals die Marke von 200 000, das entspricht 82 Lebenspartnerschaften pro einhundert Eheschlie\u00dfungen. Alles deutet darauf hin, dass die Anzahl der eingetragenen Lebenspartnerschaften die der Eheschlie\u00dfungen am Ende \u00fcbertreffen wird. Aber dann kam die Novellierung von 2011: Bis zu diesem Zeitpunkt konnten steuerpflichtige Paare drei verschiedene Steuererkl\u00e4rungen f\u00fcr das Jahr abgeben, in dem ihre Lebenspartnerschaft gesetzlich anerkannt wurde, und somit f\u00fcr dieses Jahr ihre Einkommenssteuer reduzieren. Diese M\u00f6glichkeit wurde am 1. Januar 2011sowohl f\u00fcr Ehepaare als auch f\u00fcr eingetragene Lebenspartner abgeschafft. Die Vermutung liegt nahe, dass diese Steuernovelle die &#8222;Attraktivit\u00e4t&#8220; der eingetragenen Lebenspartnerschaft gemindert hat. Ein R\u00fcckgang setzte ein. Vor 2011 wurde eine erh\u00f6hte Anzahl an Lebenspartnerschaften in der Mitte des Jahres, im Juni und Juli, geschlossen. Dies ist die steuerlich rentabelste Periode abh\u00e4ngig vom vorangegangenen Steuersystem. Auch das \u00e4nderte sich. Eine gr\u00f6\u00dfere Anzahl an Lebenspartnerschaften wird seither zum Ende des Jahres geschlossen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit der R\u00fcckgang einher ging eine weitere &#8222;Entdeckung&#8220;. Tats\u00e4chlich erkl\u00e4rten zwei F\u00fcnftel der 49 000 aufgel\u00f6sten Lebenspartnerschaften in 2012, dass sie vorhaben zu heiraten. In diesem Fall scheint die eingetragene Lebenspartnerschaft also <em>a posteriori <\/em>wie eine Vorwegnahme der Ehe zu sein. Die Ehe bleibt auch ohne steuerliche Vorteile attraktiv.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Liebe macht &#8211; gl\u00fccklicherweise &#8211; nicht blind<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Analyse f\u00fchrt prima vista zu einem Paradoxon: w\u00e4hrend der Ursprung eines Liebespaares in der Irrationalit\u00e4t liegt, spiegeln die im Anschluss rechtlich getroffenen Entscheidungen vieler Paare oft eine gewisse Rationalit\u00e4t wieder. Die Entwicklung der Anzahl der Eheschlie\u00dfungen und eingetragenen Lebenspartnerschaften, oder der Jahresabschnitt, in dem Paare die Rechtsg\u00fcltigkeit ihrer romantischen Verbindung anstreben, h\u00e4ngt h\u00e4ufig von der Wahl der juristischen Form ab, die in diesem Moment steuerlich und sozial am g\u00fcnstigsten ist. Mit anderen Worten: Die juristische Entscheidung der Paare entspricht rationaler Logik. Diese am materiellen Wohlergehen orientierte Entwicklung hat zu tun mit den r\u00fcckl\u00e4ufigen Zahlen der praktizierenden Gl\u00e4ubigen und den steigenden Zahlen von Atheisten und Agnostikern. Die Notare, die von Paaren beauftragt werden, die f\u00fcr sie beste juristische Form zu w\u00e4hlen (Ersatzanspruch oder nicht bei Ehe oder eingetragener Lebensgemeinschaft), vor allem beim Kauf einer Immobilie, wissen das.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man darf daraus auch schlie\u00dfen: Die Liebe macht &#8211; gl\u00fccklicherweise &#8211; nicht blind. Sie bringt die Paare nicht um einen gewissen Rationalismus, der sich dadurch zeigt, dass sie die juristische Form der Gef\u00fchle nach Abw\u00e4gung der rechtlichen Entwicklungen treffen, sei es bez\u00fcglich des Familien-, Steuer- oder Sozialrechts.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Gerard Francois Dumont<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Der Aufsatz ist der von Professor Gerard-Francois Dumont herausgegebenen und geleiteten Zwei-Monatszeitschrift \u201ePopulation et Avenir\u201c, Nummer 717 (M\u00e4rz-April 2014) entnommen. Professor Dumont lehrt an der Universit\u00e4t Paris IV und gilt als Doyen im Fach &#8222;Politik und Demographie&#8220;.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.i-daf.org\/aktuelles.html\">www.i-daf.org<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Demographie und Ehe in Frankreich Die neuesten Daten zur demographischen Entwicklung in Frankreich geben Anlass zur Frage nach Ehe und eingetragener Partnerschaft (Pacs &#8211; nicht nur gleichgeschlechtlich). Wie entwickeln sich diese Lebensformen in Frankreich? Man k\u00f6nnte darauf mit dem Dreiklang &#8222;Liebe, Recht und Steuersparen&#8220; antworten &#8211; in Anlehnung an den franz\u00f6sischen Titel einer amerikanischen Seifenoper [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":14,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[16,14,10],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10999"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/14"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=10999"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10999\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":11002,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10999\/revisions\/11002"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=10999"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=10999"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=10999"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}