{"id":10950,"date":"2014-06-12T05:38:06","date_gmt":"2014-06-12T03:38:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=10950"},"modified":"2014-06-12T09:32:34","modified_gmt":"2014-06-12T07:32:34","slug":"zuwanderung-fakten-und-mediale-nebelkerzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=10950","title":{"rendered":"Zuwanderung: Fakten und mediale Nebelkerzen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Zuwanderung hat wieder Konjunktur: Im letzten Jahr sind etwa 400.000 Menschen mehr nach Deutschland gekommen als fortgezogen, im Jahr 2015 d\u00fcrfte der Zuwanderungssaldo weiter auf eine halbe Million Menschen anwachsen (1). Vergleichbar hohe Wanderungs\u00fcbersch\u00fcsse gab es zuletzt in der Wendezeit, nach dem Zusammenbruch des Warschauer Paktes. Damals erreichten sie Rekordwerte: 1992 kamen mehr als 1,5 Mio. Menschen nach Deutschland, ca. 700.000 wanderten ab \u2013 der Wanderungs\u00fcberschuss lag bei 780.000 Personen (2). Nach dem Fall des \u201eEisernen Vorhangs\u201c kamen Hunderttausende als Aussiedler, Asylantragsteller und B\u00fcrgerkriegsfl\u00fcchtlinge nach Deutschland. Die Zuwanderungswelle ebbte ab, nachdem der Bundestag 1993 mit Zweidrittelmehrheit das Grundrecht auf Asyl (Art. 16 GG) erg\u00e4nzt bzw. eingeschr\u00e4nkt hatte. In der zweiten H\u00e4lfte der 1990er und den 2000er Jahren ging der Wanderungssaldo stark zur\u00fcck und lag in den Jahren 2004-2009 schlie\u00dflich nur noch bei wenigen Zehntausend (3).<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Grund f\u00fcr diesen R\u00fcckgang der Zuwandererzahlen war auch die Wirtschafts- und Arbeitsmarktkrise in Deutschland, das in den ersten Jahren nach der Euro-Einf\u00fchrung als \u201ekranker Mann Europas\u201c galt. Dagegen boomte die Wirtschaft, vor allem der Bau, in Spanien, Irland und Gro\u00dfbritannien: Millionen Zuwanderer, viele aus Polen und S\u00fcdosteuropa, zogen in diese L\u00e4nder, um Arbeit zu finden. Diese Jobmaschine fiel aber aus, als 2007\/2008 die Finanz- und Immobilienkrise platzte. W\u00e4hrend dieser Krise blieb die Arbeitsmarktlage in Deutschland dagegen stabil bzw. besserte sich weiter (\u201eJobwunder\u201c). Dadurch wurde Deutschland wieder zum Hauptzielland von Zuwanderern innerhalb Europas. Statt in Spanien suchen Mittelost- und S\u00fcdosteurop\u00e4er nun in Deutschland Arbeit und Auskommen (4). Das bei weitem wichtigste Herkunftsland ist Polen, an zweiter Stellte folgen Rum\u00e4nien und dann \u2013 mit Abstand \u2013 Bulgarien und Ungarn. Erst danach kommen die s\u00fcdeurop\u00e4ischen Krisenl\u00e4nder Italien, Spanien und Griechenland, die weit weniger ins Gewicht fallen als Polen und Rum\u00e4nien. Selbst aus dem kleinen Land Bulgarien mit nur 7 Mio. Einwohnern kamen 2012 mehr Zuwanderer (58.000) nach Deutschland als aus Italien (45.000) oder Spanien (38.000) (5).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Soweit die Fakten. Viele Medien vermitteln indes ein anderes Bild. Sie \u00fcbersch\u00e4tzen die Zuwanderung aus den Eurokrisenl\u00e4ndern. Interessanter als bulgarische Bauarbeiter sind f\u00fcr sie spanische Informatiker, die der Arbeitslosigkeit zu Hause entfliehen und in Deutschland Arbeit finden. Letztere erscheinen geeigneter und erfreulicher, um als Beispiel die Vorz\u00fcge der Personenfreiz\u00fcgigkeit in der Europ\u00e4ischen Union zu illustrieren. Diese Freiz\u00fcgigkeit gilt seit 2014 unbeschr\u00e4nkt auch f\u00fcr Rum\u00e4nien und Bulgarien, was die Zuwanderung von dort weiter steigen lassen d\u00fcrfte. Obwohl in manchen Gro\u00dfst\u00e4dten, vor allem im Ruhrgebiet, Missst\u00e4nde infolge einer \u201eKettenmigration\u201c aus S\u00fcdosteuropa eigentlich unbestreitbar sind, werden Warnungen vor weiterer Armutsmigration im politisch-medialen Betrieb als fremdenfeindlich abgekanzelt. Probleme durch Zuwanderung in die Sozialsysteme gebe es eigentlich gar nicht, vielmehr profitiere, so die herrschende Lehre, Deutschland von den neuen, gut qualifizierten, auf dem Arbeitsmarkt erfolgreichen Zuwanderern (6).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein realistisches, kritischeres Bild zeigt allerdings die Statistik der Bundesagentur f\u00fcr Arbeit: Demnach liegt die \u201eHartz-IV-Quote\u201c von Bulgaren (17,6%) mehr als doppelt so hoch wie der Durchschnitt der deutschen Bev\u00f6lkerung (7,2%). Dass es hier Problemgruppen gibt, die sich in bestimmten Gro\u00dfst\u00e4dten konzentrieren, belegen die statistischen Zahlen eindeutig (7). Ganz anders ist die Lage der Rum\u00e4nen: Ihre Transferquote (8,2%) entspricht in etwa dem Durchschnitt der deutschen Bev\u00f6lkerung. Sie beziehen damit seltener Transfers als die Zuwanderer aus den Krisenl\u00e4ndern S\u00fcdeuropas (11,4%) (8). Welche Hintergr\u00fcnde hat das auffallende Gef\u00e4lle zwischen Rum\u00e4nen und Bulgaren? Ob die Politik bereit ist, diese Frage durch eingehendere Untersuchungen aufkl\u00e4ren zu lassen? Dies w\u00e4re n\u00f6tig, um Spekulationen den Boden zu entziehen und die Debatte zu versachlichen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(1) Hierzu: http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/beruf-chance\/arbeitswelt\/deutschland-erwartet-eine-halbe-million-zuwanderer-12974988.html; http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/zuwanderung-nach-deutschland-so-hoch-wie-seit-20-jahren-nicht-mehr-a-941853.html. Die Medien berufen sich f\u00fcr die Jahre 2014 und 2015 auf Hochrechnungen des Instituts f\u00fcr Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Endg\u00fcltige amtliche Zahlen liegen bisher erst bis zum Jahr 2012 vor. Vgl.: Bundesministerium des Innern (Hrsg.): Migrationsbericht 2012 (Migrationsbericht des Bundesamt f\u00fcr Migration und Fl\u00fcchtlinge im Auftrag der Bundesregierung), Berlin 2014, S. 15.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(2) Vgl. ebd. (Tabelle 1-1: Zu- und Fortz\u00fcge \u00fcber die Grenzen Deutschlands von 1991 bis 2012).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(3) In den Jahren 2008 und 2009 war er sogar negativ. Der Grund daf\u00fcr ist aber wahrscheinlich kein tats\u00e4chlicher Wanderungsverlust, sondern eine Bereinigung der Melderegister aufgrund der bundesweiten Einf\u00fchrung der pers\u00f6nlichen Steuer-Identifikationsnummer. Vgl. ebd. und Pressemitteilung Nr. 185 des Statistischen Bundesamtes vom 26. Mai 2010.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(4) Detailliert hierzu: Stephan Humpert et al.: Neue Ost-West-Migration nach Deutschland? Zuwanderung im Kontext von Freiz\u00fcgigkeit und Wirtschaftskrise am Beispiel Bulgariens und Rum\u00e4niens, Vortrag bei der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Demographie am 13. M\u00e4rz 2014 in Berlin (abrufbar unter: <a href=\"http:\/\/www.demographie-online.de\/index.php?id=213\">http:\/\/www.demographie-online.de\/index.php?id=213<\/a>).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(5) Vgl.: Bundesministerium des Innern (Hrsg.): Migrationsbericht 2012, a.a.O., S. 15. Hier l\u00e4sst sich ersehen, dass die Zuwanderung aus der T\u00fcrkei seit den 1990er Jahren stark an Bedeutung verloren hat. Dies \u00e4ndert aber nichts daran, dass T\u00fcrkischst\u00e4mmige nach wie vor die bei weitem gr\u00f6\u00dfte Gruppe der Zugewanderten in Deutschland sind. Siehe hierzu auch: Woher kommt die neue Migration? (Abbildung).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(6) Exemplarisch daf\u00fcr: Berlin Institut f\u00fcr Bev\u00f6lkerung und Entwicklung: Neue Potenziale. Zur Lage der Integration in Deutschland, Berlin 2014. Diese Studie wurde in den Medien dahingehend interpretiert, dass die Zuwanderer heute im Allgemeinen gut qualifiziert seien und deshalb auf dem Arbeitsmarkt gute Chancen h\u00e4tten. Tats\u00e4chlich zeigt die Studie aber, dass ein hohes formales Bildungsniveau keine Gew\u00e4hr f\u00fcr Erfolg auf dem deutschen Arbeitsmarkt bietet (Vgl. ebd., S. 38). Hier zeigt sich derselbe Irrtum wie in der der Diskussion um die Bildungspolitik: Die Aussagekraft formaler Bildungsabschl\u00fcsse wird \u00fcbersch\u00e4tzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(7) In einigen St\u00e4dten erreicht die Arbeitslosigkeit der Bulgaren erschreckende Werte: In Dortmund liegt sie bei 29,2%, in Duisburg sogar bei 36%. Institut f\u00fcr Arbeitsmarkt- und Berufsforschung: Zuwanderungsmonitor Bulgarien und Rum\u00e4nien, Mai 2014, S. 7.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(8) Vgl.: Migrationsherkunft und Risiko des Hartz-IV (Abbildung).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Quelle: IDAF Nachricht der Woche Nr. 11\/2014<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">_________________________________________________________________________________________________________<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/Grafik-Woher_kommt_die_neue_Migration__fa8cf8c584.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft  wp-image-10953\" src=\"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/Grafik-Woher_kommt_die_neue_Migration__fa8cf8c584.jpg\" alt=\"Grafik Woher_kommt_die_neue_Migration__fa8cf8c584\" width=\"484\" height=\"363\" srcset=\"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/Grafik-Woher_kommt_die_neue_Migration__fa8cf8c584.jpg 800w, https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/Grafik-Woher_kommt_die_neue_Migration__fa8cf8c584-300x225.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 484px) 100vw, 484px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/csm_11b_-_Migrationshintergrund_und_Risiko_des_Hartz_IV_9275df0f87.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft  wp-image-10959\" src=\"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/csm_11b_-_Migrationshintergrund_und_Risiko_des_Hartz_IV_9275df0f87.jpg\" alt=\"csm_11b_-_Migrationshintergrund_und_Risiko_des_Hartz_IV_9275df0f87\" width=\"483\" height=\"362\" srcset=\"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/csm_11b_-_Migrationshintergrund_und_Risiko_des_Hartz_IV_9275df0f87.jpg 800w, https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/csm_11b_-_Migrationshintergrund_und_Risiko_des_Hartz_IV_9275df0f87-300x225.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 483px) 100vw, 483px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zuwanderung hat wieder Konjunktur: Im letzten Jahr sind etwa 400.000 Menschen mehr nach Deutschland gekommen als fortgezogen, im Jahr 2015 d\u00fcrfte der Zuwanderungssaldo weiter auf eine halbe Million Menschen anwachsen (1). Vergleichbar hohe Wanderungs\u00fcbersch\u00fcsse gab es zuletzt in der Wendezeit, nach dem Zusammenbruch des Warschauer Paktes. Damals erreichten sie Rekordwerte: 1992 kamen mehr als 1,5 [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":14,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[16,10,27],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10950"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/14"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=10950"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10950\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10962,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10950\/revisions\/10962"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=10950"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=10950"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=10950"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}