{"id":10896,"date":"2014-05-27T06:38:39","date_gmt":"2014-05-27T04:38:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=10896"},"modified":"2014-05-27T06:42:34","modified_gmt":"2014-05-27T04:42:34","slug":"geschlecht-und-berufswahl-grenzen-des-gender-mainstreaming","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=10896","title":{"rendered":"Geschlecht und Berufswahl: Grenzen des Gender Mainstreaming"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Sind \u201egesellschaftlich vorherrschende Rollenmodelle\u201c daf\u00fcr verantwortlich, dass Maurer\u00a0 fast immer m\u00e4nnlichen Geschlechts sind? Solche Ansichten m\u00fcssen Arbeitsmarktforscher heutzutage vertreten, denn auf \u201enat\u00fcrliche\u201c Unterschiede zwischen M\u00e4nnern und Frauen d\u00fcrfen sie nicht rekurrieren (1). Das verbietet die Weltanschauung des \u201eGender Mainstreaming\u201c, die die Geschlechter als \u201ek\u00fcnstliches Konstrukt\u201c verstehen will. Sie sieht alle geschlechtsspezifischen Differenzen als Ausdruck einer \u201eGeschlechterhierarchie\u201c, die Frauen notorisch diskriminiere (2). Als ihr Ma\u00dfstab gilt vor allem das Geld \u2013 \u201eGender Pay Gap\u201c lautet das Schlagwort. Es misst den Gehaltsabstand zwischen M\u00e4nnern und Frauen. Es wird oft Skandal rufend fehlinterpretiert, so als ob Frauen f\u00fcr die gleiche Arbeit weniger Lohn bek\u00e4men als M\u00e4nner. Eine solche Lohndiskriminierung w\u00e4re rechts- und tarifvertragswidrig. Es mag sie zwar in Einzelf\u00e4llen geben, sie erkl\u00e4rt aber nicht das \u201eGender Pay Gap\u201c. Dessen Ursachen sind erwiesenerma\u00dfen andere: Erwerbsunterbrechungen f\u00fcr Kindererziehung und Pflege, Teilzeitarbeit, weniger F\u00fchrungspositionen und andere, zum Teil schlechter bezahlte Berufe als bei den M\u00e4nnern (3). Einschl\u00e4gige Beispiele daf\u00fcr sind Arzthelferin, Kinderg\u00e4rtnerin oder Altenpflegerin.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Danach befragt, warum sie diese Berufe w\u00e4hlen wollen, antworten junge Frauen oft, dass sie \u201emit Menschen\u201c zu tun haben wollen. Spiegelbildlich dazu sind Frauen in Technikberufen unterrepr\u00e4sentiert: Elektroinstallateure und Maschinenschlosser etwa sind zu mehr als 90% m\u00e4nnlichen Geschlechts (4). Generell arbeiten Frauen eher im Dienstleistungs- und Verwaltungssektor, M\u00e4nner eher in Produktionsberufen. Das hat sich nicht ver\u00e4ndert: Der Frauenanteil in Produktionsberufen ist seit den 1970er Jahren sogar gesunken, w\u00e4hrend er in den Verwaltungs- und Dienstleistungsberufen zugenommen hat. Hier stellen Frauen inzwischen die Mehrheit (ca. 60%) der Besch\u00e4ftigten, w\u00e4hrend ihr Anteil in der \u201eProduktion\u201c unter einem F\u00fcnftel liegt (5). Benachteiligt durch diese \u201eGeschlechtersegregation\u201c sind nicht die Frauen, sondern eher die M\u00e4nner. Denn die m\u00e4nnerdominierten Produktionsberufe haben mit dem industriellen Strukturwandel an Bedeutung verloren (6). M\u00e4nner sind die Verlierer des Strukturwandels, wie die Erwerbst\u00e4tigenzahlen belegen: Seit Beginn der 1990er Jahre ist die Zahl ihrer Vollzeitstellen um etwa zwei Millionen zur\u00fcckgegangen. Die Zahl der Frauenvollzeitarbeitspl\u00e4tze ist dagegen etwa gleich geblieben. Au\u00dferdem ist die Zahl der Teilzeitarbeitspl\u00e4tze stark gewachsen, sie hat sich fast verdreifacht (7). Das ist ein, gern \u00fcbersehener, Schl\u00fcsselfaktor f\u00fcr das \u201edeutsche Besch\u00e4ftigungswunder\u201c. Die bezahlte Arbeitszeit, das sog. Erwerbsvolumen, liegt heute mehr als zwei Milliarden Stunden niedriger als zu Beginn der 1990er Jahre (8). Dass die Besch\u00e4ftigtenzahlen heute neue Rekorde erreichen, ist nur durch die Teilzeitarbeit m\u00f6glich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von der Expansion der Teilzeitarbeit profitieren Frauen, die Familie und Beruf vereinbaren wollen. Dennoch denunzieren Gleichstellungsadvokat(innen) die Teilzeitarbeit als \u201eFalle\u201c f\u00fcr Frauen. Sie k\u00f6nnen es nicht akzeptieren, dass sich viele Frauen f\u00fcr Kindererziehung, Teilzeitarbeit, F\u00fcrsorgeberufe und damit f\u00fcr vermeintlich \u201eantiquierte\u201c weibliche Lebensentw\u00fcrfe entscheiden (9). Zu ihrem Leidwesen halten sich die vermeintlichen \u201eStereotypen\u201c aber hartn\u00e4ckig, auch bei den Hochqualifizierten: W\u00e4hrend in der Elektrotechnik fast nur M\u00e4nner arbeiten, entwickelt sich die Medizin zu einer Frauendom\u00e4ne. Dass die Gleichberechtigung nicht zu Gleichf\u00f6rmigkeit, sondern zu neuer Differenzierung f\u00fchrt, k\u00f6nnen die Anh\u00e4nger des \u201eGender Mainstreaming\u201c nicht tolerieren. Aus ihrer Sicht werden junge Menschen, besonders M\u00e4dchen, durch \u201eeinengende Rollenbilder\u201c verf\u00fchrt, von denen sie durch Aufkl\u00e4rung \u00fcber ihre \u201ewahren\u201c Interessen emanzipiert werden m\u00fcssen (10). Der Staat soll die Menschen erziehen, \u201ehabit formation\u201c nennen das Regierungsberater (11). Hier zeigt sich ein Paternalismus, der den Menschenverstand und freien Willen der Normalb\u00fcrger missachtet. Ob sich die B\u00fcrger diese Bevormundung dauerhaft gefallen lassen, ist eine offene Frage, auch und besonders im Blick auf die Entwicklung der Europ\u00e4ischen Union.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(1)\u00a0 Seri\u00f6se Forscher geben dabei zu, dass \u201edie unterschiedlichen Berufswahlpr\u00e4ferenzen von Frauen und M\u00e4nnern die wichtigste Erkl\u00e4rung\u201c f\u00fcr die weltweit zu beobachtende Geschlechtersegregation auf dem Arbeitsmarkt sind. \u201eNat\u00fcrlich\u201c d\u00fcrfen diese Unterschiede aber nicht bedingt sein, sondern m\u00fcssen als \u201edurch die gesellschaftlich vorherrschenden Rollenmodelle\u201c produziert gelten. Vgl.: Ann-Christin Hausmann und Corinna Kleinert: Berufliche Segregation auf dem Arbeitsmarkt: M\u00e4nner und Frauendom\u00e4nen kaum ver\u00e4ndert. IAB\u2014 Kurzbericht 9\/2014, S. 1.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(2)\u00a0 Eingehender zur Konzeption und Politik des \u201eGender Mainstreaming\u201c: Nachricht der Wochen 7-8\/2011-02-20, <a href=\"http:\/\/altewebsite.i-daf.org\/369-0-Wochen-7-8-2011.html\">http:\/\/altewebsite.i-daf.org\/369-0-Wochen-7-8-2011.html<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(3) Eingehender Zum \u201eGender Pay Gap\u201c: Ebenda, sowie: Nachricht der Woche 10-12\/2013, 25.03.2013, <a href=\"http:\/\/www.i-daf.org\/aktuelles\/aktuelles-einzelansicht\/archiv\/2013\/03\/25\/artikel\/gender-pay-gap-musterbeispiel-der-manipulation.html\">http:\/\/www.i-daf.org\/aktuelles\/aktuelles-einzelansicht\/archiv\/2013\/03\/25\/artikel\/gender-pay-gap-musterbeispiel-der-manipulation.html<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0(4) Vgl.: Ann-Christin Hausmann und Corinna Kleinert: Berufliche Segregation auf dem Arbeitsmarkt, a. a. O., S. 3 (Frauenanteile in den 30 Berufen mit den meisten Besch\u00e4ftigtenAbbildung 1).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(5) Vgl. ebd., S. 6 (Abbildung 4).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(6) Vgl. ebd., S. 6.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(7) Vgl.: Strukturwandel des Arbeitsmarktes (Abbildung). Siehe hierzu auch: Nachricht der Woche, 2014\/1, 05.01.2014, <a href=\"http:\/\/www.i-daf.org\/aktuelles\/aktuelles-einzelansicht\/archiv\/2014\/01\/05\/artikel\/weniger-arbeit-mehr-stellen-das-deutsche-jobwunder-die-zuwanderung-und-die-wirtschaftslobby.html\">http:\/\/www.i-daf.org\/aktuelles\/aktuelles-einzelansicht\/archiv\/2014\/01\/05\/artikel\/weniger-arbeit-mehr-stellen-das-deutsche-jobwunder-die-zuwanderung-und-die-wirtschaftslobby.html<\/a>. Damit hat die relative Bedeutung der der Teilzeitarbeit f\u00fcr die Frauenbesch\u00e4ftigung stark zugenommen. Siehe hierzu: Strukturwandel der Frauenerwerbst\u00e4tigkeit von Vollzeit- zu Teilzeitarbeitsverh\u00e4ltnissen (Abbildung).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(8) Vgl.: R\u00fcckgang des Arbeitsvolumens als s\u00e4kularer Trend (Abbildung), in: : Nachricht der Woche, 2014\/1, 05.01.2014, <a href=\"http:\/\/www.i-daf.org\/aktuelles\/aktuelles-einzelansicht\/archiv\/2014\/01\/05\/artikel\/weniger-arbeit-mehr-stellen-das-deutsche-jobwunder-die-zuwanderung-und-die-wirtschaftslobby.html\">http:\/\/www.i-daf.org\/aktuelles\/aktuelles-einzelansicht\/archiv\/2014\/01\/05\/artikel\/weniger-arbeit-mehr-stellen-das-deutsche-jobwunder-die-zuwanderung-und-die-wirtschaftslobby.html<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(9) Eingehender zur Teilzeitarbeit von Frauen und ihren Erwerbspr\u00e4ferenzen: Nachricht der Woche, 2014\/2, 19.01.2014,\u00a0 <a href=\"http:\/\/www.i-daf.org\/aktuelles\/aktuelles-einzelansicht\/archiv\/2014\/01\/19\/artikel\/arbeitszeit-was-muetter-und-vaeter-wirklich-wollen.html\">http:\/\/www.i-daf.org\/aktuelles\/aktuelles-einzelansicht\/archiv\/2014\/01\/19\/artikel\/arbeitszeit-was-muetter-und-vaeter-wirklich-wollen.html<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(10) Diesem Ziel dienen eine Vielzahl von Programmen und Initiativen wie der \u201eGirls\u2019 Day\u201c und der \u201eBoys\u2019 Day\u201c, die es M\u00e4dchen und Jungen erm\u00f6glichen sollen, \u201eihre eigenen Interessen, St\u00e4rken, F\u00e4higkeiten und Talente jenseits einengender traditioneller Rollenbilder zu entdecken\u201c. Geschlechtsspezifische Berufswahl von jungen Frauen und ihre Situation im Ausbildungssystem \u2013 Antwort der Bundesregierung auf die kleine Anfrage der Abgeordneten [\u2026] und der Fraktion \u201eDIE LINKE\u201c, Deutscher Bundestag \u2013 17. Wahlperiode \u2013 Drucksache 17\/9477, S. 4. Eingehender hierzu: Nachricht der Wochen 36-37\/2012, 10.09.2012, <a href=\"http:\/\/www.i-daf.org\/aktuelles\/aktuelles-einzelansicht\/archiv\/2012\/09\/10\/artikel\/hilflose-genderisten-bei-der-berufswahl-versiegt-der-mainstream.html\">http:\/\/www.i-daf.org\/aktuelles\/aktuelles-einzelansicht\/archiv\/2012\/09\/10\/artikel\/hilflose-genderisten-bei-der-berufswahl-versiegt-der-mainstream.html<\/a>. Die Bedeutung der Ideologie der metaempirischen \u201ewahren\u201c Interessen f\u00fcr den Feminismus analysiert der fr\u00fchere EU-Kommissar Bolkestein wie folgt: \u201eNow as to the \u201ctrue\u201d needs of the consumer. In this case, it also applies to women, whose preferences should be scrutinized as (at least in part) social artifacts. [\u2026] But are European women to be regarded as the victims of indoctrination? By and large we must admit this is no longer so. Therefore we must regard their preferences as authentic. Not to do so would be unacceptable patronizing and very illiberal [\u2026]. If we want liberalism then we may have to accept inequality \u2013 differences \u2013, that is \u2013 when they do result from free choice.\u201d Frits Bolkestein: The intellectual temptation. Dangerous ideas in politics, Leiden 2013, S. 246.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(11) Vgl. BMFSFJ (Hrsg.): Zeit f\u00fcr Familie. Familienzeitpolitik als Chance einer nachhaltigen Familienpolitik (Achter Familienbericht), Bundestagsdrucksache 17\/ 9000, Berlin 2012, S. 17.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Quelle: IDAF Nachricht 10\/2014<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sind \u201egesellschaftlich vorherrschende Rollenmodelle\u201c daf\u00fcr verantwortlich, dass Maurer\u00a0 fast immer m\u00e4nnlichen Geschlechts sind? Solche Ansichten m\u00fcssen Arbeitsmarktforscher heutzutage vertreten, denn auf \u201enat\u00fcrliche\u201c Unterschiede zwischen M\u00e4nnern und Frauen d\u00fcrfen sie nicht rekurrieren (1). Das verbietet die Weltanschauung des \u201eGender Mainstreaming\u201c, die die Geschlechter als \u201ek\u00fcnstliches Konstrukt\u201c verstehen will. 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