{"id":10886,"date":"2014-05-23T16:32:40","date_gmt":"2014-05-23T14:32:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=10886"},"modified":"2014-05-24T07:57:15","modified_gmt":"2014-05-24T05:57:15","slug":"10886","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=10886","title":{"rendered":"Rechtfertigung light"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Stellungnahme zum Grundlagentext \u201eRechtfertigung und Freiheit \u2013 500 Jahre Reformation 2017\u201c der EKD <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Rechtfertigung steht im Zentrum des evangelischen Glaubens. Es ist \u201eklar und gewiss\u201c, so Luther in den Schmalkaldischen Artikeln, dass <em>allein<\/em> der Glaube \u201eohne Werke des Gesetzes\u201c gerecht mache. F\u00fcr den Reformator war dies der \u201eHauptartikel\u201c der protestantischen Lehre:\u00a0\u201eVon diesem Artikel kann man nicht weichen oder nachgeben, es falle Himmel und Erde oder was nicht bleiben will\u2026 Und auf diesem Artikel steht alles, was wir wider den Papst, Teufel und Welt lehren und leben\u201c.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist daher nur zu begr\u00fc\u00dfen, dass die Rechtfertigung im Vorblick auf das Reformationsjubil\u00e4um in einigen Jahren wieder Gegenstand der n\u00e4heren Betrachtung wird. Einen Blick auf die Wurzeln des Protestantismus hat auch die EKD in ihrem <a href=\"http:\/\/www.ekd.de\/download\/2014_rechtfertigung_und_freiheit.pdf\">Grundlagentext<\/a>, erschienen Mitte Mai, geworfen. Lange hat man nicht mehr so viele Zitate von Luther, Calvin, Zwingli und Melanchton in kirchenamtlichen Dokumenten gelesen. Das hochkar\u00e4tige Autorenteam hat sich sowohl um eine W\u00fcrdigung, was durch das Ankn\u00fcpfen an die protestantischen \u201esoli\u201c unterstrichen wird, als auch um eine Aktualisierung des Erbes der Reformation bem\u00fcht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eRechtfertigung und Freiheit\u201c wurde in der Presse recht positiv aufgenommen \u2013 endlich mal wieder ein durch und durch theologischer Text. Leider werden auf den gut einhundert Seiten aber auch gro\u00dfe Defizite erkennbar. F\u00fcnf kritische Anfragen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gott? Und Mensch?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Einleitung hei\u00dft es: \u201eIm Zentrum der Reformation stand die Frage nach dem Verh\u00e4ltnis des Menschen zu Gott. Die Reformation war wesentlich ein <em>religi\u00f6ses <\/em>Ereignis, weil die M\u00e4nner und Frauen, die die Reformation trugen, erwarteten, dass Gott <em>selbst <\/em>den rechten Glauben wecken und so das Verh\u00e4ltnis der Menschen zu Gott erneuern werde.\u201c Genau! Und ein paar Seiten sp\u00e4ter: \u201eIm Zentrum der theologischen Aussagen der Reformatoren steht die Lehre, dass das vers\u00f6hnte Verh\u00e4ltnis zwischen Gott und Mensch von Gott ausgeht und nicht das Ergebnis einer Selbstbesinnung oder sonstigen kulturellen, politischen oder religi\u00f6sen Anstrengung ist.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gott und Mensch \u2013 darum geht\u2018s tats\u00e4chlich. Was erfahren wir nun \u00fcber beide? Das zweite Zitat zeigt ja, dass die Vers\u00f6hnung zwischen ihnen im Mittelpunkt der Reformation stand. Wir erfahren unter 1.1 (\u201eWie kann man das zentrale Thema der Reformation, die <em>Rechtfertigungslehre<\/em>, heute verst\u00e4ndlich zur Sprache bringen?\u201c) von Luthers Ringen mit seiner S\u00fcnde, der Frage nach dem gn\u00e4digen Gott und seiner Auseinandersetzung mit der \u201ereligi\u00f6sen Leistungsgesellschaft\u201c seiner Zeit. Dann ist zu lesen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eSolche Erfahrungen machen heute nur noch Menschen in bestimmten religi\u00f6sen Milieus, sie sind kein f\u00fcr heutige Mehrheitsfr\u00f6mmigkeit charakteristisches Verhalten. Uns ist auch das \u00fcbersteigerte sp\u00e4tmittelalterliche und auch in der reformatorischen Bewegung meistens beibehaltene Bild von Gott als einem Gerichtsherrn, der wie ein absolutistischer Monarch unumschr\u00e4nkt herrscht, tief problematisch geworden. Es entspricht in seiner Einseitigkeit weder dem, was Jesus von Nazareth \u00fcber seinen Vater lehrt, noch dem, was viele Passagen des Alten Testaments \u00fcber den Gott Israels verk\u00fcnden.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gewiss, die Reformatoren betrachteten Gott weiterhin als einen Richter. Und ja, dieses Bild ist f\u00fcr viele heute \u201etief problematisch\u201c. Doch warum eigentlich? Und wo haben die mittelalterlichen und reformatorischen Theologen geirrt? Der pauschale Vorwurf der Einseitigkeit trifft sicher nicht. Und nat\u00fcrlich stellen \u201eviele Passagen\u201c Gott auch anders als einen Richter oder Monarchen dar. Doch was soll damit bewiesen werden? Dass er etwa kein allm\u00e4chtiger K\u00f6nig sei? Es ist doch ein Kernpunkt jeder christlichen Gotteslehre, dass Gott und nur Er der Absolute und Allm\u00e4chtige <em>ist<\/em>, vor dem sich alle zu beugen haben. Ja, Gott ist ein \u201eabsolutistischer Monarch\u201c, was denn sonst! Denn dies bedeutet eben, dass kein Mensch sich solche Herrschaft anma\u00dfen kann und darf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Verwirrt wird man auch durch die Polemik gegen den \u201eGerichtsherrn\u201c. Weiter unten im Text wird das \u201eJ\u00fcngste Gericht\u201c genannt und richtig festgehalten: \u201eJeder Mensch muss sich f\u00fcr sein Tun und Lassen verantworten.\u201c Mehr kommt aber im ganzen Dokument nicht. Bei der Grundlegung zu Beginn wird \u00fcberhaupt nicht deutlich, in welcher Position sich der Mensch nach dem Fall vor Gott befindet. Gott wird in seinem Wesen und Charakter nicht weiter vorgestellt. Zweifellos nimmt der Leser insgesamt mit, dass Gott ein gn\u00e4diger und liebender Retter ist. Doch gerettet wovor? Jeder Hinweis auf seinen Zorn fehlt; die \u201eVerdammnis der H\u00f6lle\u201c wird nur im Kontext der Ablasspraxis genannt. Wenn denn Rechtfertigung weiterhin ein forensischer Begriff ist, wieso wird das Thema \u201eder Mensch vor seinem g\u00f6ttlichen Richter\u201c nicht einmal im Ansatz entfaltet? Wenn Gerechterkl\u00e4rung <em>wesentlich<\/em> vor einem Gericht geschieht, warum fehlt jede Er\u00f6rterung dieses Forums? Wo ist der \u201eRichter aller Welt\u201c (Gen 18,25)??<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Calvin stellte ja im ersten Kapitel seiner <em>Institutio<\/em> ausf\u00fchrlich dar, wie eng Gotteserkenntnis und Selbsterkenntnis des Menschen zusammenh\u00e4ngen. Das eine bedingt das andere. Entt\u00e4uscht der Grundlagentext bei der Darstellung Gottes, so sieht es folglich beim Bild des Menschen nicht anders aus. Man liest, \u201edass alle Menschen in der gleichen Weise S\u00fcnder sind und alle in der gleichen Weise der Gnade bed\u00fcrftig\u201c und \u201edass der Mensch den Gerechtigkeitsma\u00dfst\u00e4ben Gottes nicht entspricht und nicht entsprechen kann\u201c. Das war\u2018s. Dem nicht mehr richtenden und verdammenden Gott entspricht dieses weichgesp\u00fclte S\u00fcndenverst\u00e4ndnis nur zu gut. Zu der unbedingt notwendigen Erkenntnis der Gr\u00f6\u00dfe des s\u00fcndhaften \u201eElends\u201c des Menschen, von dem Heidelberger Katechismus zu Beginn spricht, wird man so nicht gef\u00fchrt. Die reformierte Bekenntnisschrift spricht in der Antwort zur Frage 5 von Hass, und auch Siegfried Kettling dr\u00fcckt sich in <em>Typisch evangelisch<\/em> \u00e4hnlich aus: \u201eGottlosigkeit bedeutet Widerstand gegen Gott: Der S\u00fcnder hasst Gott, statt ihn zu lieben, er verachtet Gott, statt ihn zu f\u00fcrchten, er reckt sich hochm\u00fctig empor und verkrampft sich verzweifelt, statt Gott zu vertrauen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Zuspruch?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unter Punkt 2.4.2 wird gut das protestantische Verst\u00e4ndnis \u2013 \u201eRechtfertigung als von Gott gesprochenes Urteil\u201c \u2013 dargestellt:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDie Rechtfertigung geschieht <em>solo verbo<\/em>, allein im Wort. Damit ist gemeint, dass die Rechtfertigung ein Urteil ist, das Gott \u00fcber den Menschen <em>spricht<\/em>. Weil dem Menschen die Gerechtigkeit Christi zugesprochen wird, wird er f\u00fcr seine S\u00fcnde nicht l\u00e4nger durch das Gesetz angeklagt, sondern von Gott freigesprochen. Ihm wird eine \u2018fremde Gerechtigkeit\u2019, eben die Gerechtigkeit Christi zugerechnet.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Allerdings fragt man sich, worauf dieses zugesprochene Urteil beruht. Warum kann Gott den S\u00fcnder f\u00fcr gerecht erkl\u00e4ren? Wieso bewirkt Christi Gerechtigkeit das Heil? Elementare Fragen, doch der Grundlagentext verl\u00e4uft sich im Diffusen: \u201eIn Jesus Christus hat Gott sich so auf die Menschen eingelassen, dass er alles, was die Menschen von ihm trennte, hinweggenommen hat.\u201c Oder an anderer Stelle: \u201eGott selbst hat in Christus am Kreuz gehandelt\u2026 Deshalb hat er sich in Christus auf das Leben, Leiden und Sterben der Menschen eingelassen. Er hat die Menschen vom Tod und von ihrer Schuld befreit.\u201c Unter 2.2.2 n\u00e4hert man sich eine Antwort an, wenn es hei\u00dft, dem S\u00fcnder werde \u201ezugutezuhalten, dass Jesus Christus in seinem Leben und Sterben diesen Gerechtigkeitsma\u00dfst\u00e4ben entsprochen hat.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie kann es sein, dass ein s\u00fcndiger Mensch vor dem heiligen und gerechten Gott gerechtfertigt dasteht? Von einem Grundlagentext sollte man auf einhundert Seiten eine halbwegs klare Antwort erwarten d\u00fcrfen. Doch geradezu krampfhaft hat man die Begriffe umfahren, die die klassische Antwort umrei\u00dfen: Opfer, Blut, S\u00fchne, Stellvertretung \u2013 alles kommt im Text nirgends vor. Selbst der <em>Tod <\/em>Christi am Kreuz wird nirgendwo er\u00f6rtert! Kann das wirklich sein? Jesus kam in erster Linie auf die Erde, damit er sein Leben am Kreuz als L\u00f6segeld gebe (s. Mk 10,45). Aber wir lesen nur, Gott habe \u201eam Kreuz gehandelt\u201c, \u201eam Kreuz wendet sich Gott den Menschen zu\u201c und am Kreuz zeige sich die \u201eN\u00e4he Gottes zu den Menschen in spezieller Weise\u201c. Vages und Unkonkretes. Es scheint, als habe am Bildschirm der Autoren eine Haftnotiz geklebt: \u201eBlutopfer \u2013 nein danke!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man kann allen Interessierten daher nur empfehlen, besser die reformatorischen Originalquellen zu studieren. Obwohl Jahrhunderte alt, wird dort pr\u00e4zise formuliert. Im Heidelberger Katechismus hei\u00dft es in Fr. 60 (\u201eWie bist du gerecht vor Gott?\u201c), dass dem S\u00fcnder \u201edie vollkommene Genugtuung, Gerechtigkeit und Heiligkeit Christi\u201c geschenkt wird. Auch im Westminster-Bekenntnis wird in Artikel 11.3 sehr gut zusammengefasst, und auch hier taucht wieder die \u201eGenugtuung\u201c auf, die nun, so scheint es, um jeden Preis gemieden wird: \u201eChristus hat durch seinen gehorsam und seinen Tod die Schulden aller, die so gerechtfertigt werden, v\u00f6llig getilgt und hat der Gerechtigkeit seines Vaters an ihrer Stelle eine angemessene, wirkliche und v\u00f6llige Genugtuung geleistet.\u201c Schlie\u00dflich sei hier Bernhard Kaiser zitiert: \u201eRechtfertigung ist der von Gott vollzogene gerichtliche Zuspruch der Vergebung und der im S\u00fchneopfer\u00a0 Christi gewirkten Gerechtigkeit an den S\u00fcnder, der Christus im Glauben erfasst.\u201c (<em>Christus allein<\/em>)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Unterscheidung?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Luther nannte in seinen <em>Tischreden<\/em> die Unterscheidung von Gesetz und Evangelium \u201edie h\u00f6chste Kunst in der Christenheit\u201c. Wir m\u00fcssen unterscheiden zwischen Gesetz (was Gott <em>von uns<\/em> fordert) und Evangelium (was Gott <em>f\u00fcr uns<\/em> getan hat). Auch andere Unterscheidungen sind in der Theologie von gr\u00f6\u00dfter Wichtigkeit. So sind Sch\u00f6pfung und Erl\u00f6sung unbedingt richtig aufeinander zu beziehen. Ihre heute oft anzutreffende penetrante Vermischung hat schwerwiegende Folgen: Aus der Tatsache, dass Gott in der ganzen Sch\u00f6pfung gegenw\u00e4rtig ist und dort handelt, wird z.B. oft die Behauptung abgeleitet, dass Gott mit jedem Menschen vereinigt sei, der Geist in allen wohne und die Kirche sich irgendwie auf alle Menschen erstrecke.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch die Autoren des Grundlagentextes sind offensichtlich in diese Falle gelaufen. Ausgangspunkt ist ihr Wunsch, die Rechtfertigung heute verst\u00e4ndlich zu machen: \u201eUm die Erfahrung der Rechtfertigung innerhalb der Kirchen neu zu plausibilisieren, kann man sich mit <em>vier gegenw\u00e4rtig h\u00e4ufiger verwendeten Begriffen <\/em>der Bedeutung von Luthers Rechtfertigungslehre ann\u00e4hern, den Begriffen \u2018Liebe\u2018, \u2018Anerkennung und W\u00fcrdigung\u2019, \u2018Vergebung\u2019 und \u2018Freiheit\u2019.\u201c Anerkennung und W\u00fcrdigung werden als sachlich weitgehend gleichbedeutend aufgefasst. Zur Anerkennung hei\u00dft es:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eVon anderen unmittelbar als Mensch anerkannt und respektiert zu werden, ist jedem und jeder ein existenzielles Bed\u00fcrfnis. Diese zwischenmenschliche Erfahrung von <em>Anerkennung <\/em>ist allerdings selten, obwohl Menschen f\u00fcr sie nichts tun m\u00fcssen und sie unverdient erhalten \u2013 vielleicht ist sie aber gerade auch deswegen selten. Wo das trotzdem geschieht, entsteht eine tiefe Beziehung. Erf\u00e4hrt der Mensch Anerkennung durch Gott und wird ihm die Nachricht von dieser Anerkennung weitergesagt, kann das daher zu einer existenziell bewegenden Erkenntnis werden: Ich bin anerkannt, auch wenn ich es nicht verdient habe. Einfach so. Geschenkt! Theologisch gesprochen: aus Gnade.\u201c Und zur W\u00fcrdigung: \u201eWenn Gott aber den Menschen w\u00fcrdigt, ohne Vorbedingungen und unverdient, dann zeigt das Gottes Haltung zu seinem Gesch\u00f6pf. Ausdruck dieser W\u00fcrdigung Gottes ist die unantastbare W\u00fcrde, die auch das Grundgesetz im Ersten Artikel f\u00fcr den Menschen im weltanschaulich neutralen Staat festh\u00e4lt.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man hat sich mittlerweile an solche S\u00e4tze gew\u00f6hnt. Daher bemerkt man nur noch selten, dass hier letztlich die Axt an den Baum des Heils gelegt wird. Die Anerkennung des Menschen als Gesch\u00f6pf ist unbedingt zu unterscheiden von der Zueignung des Heils. Der im Ebenbild Gottes geschaffene Mensch wird als solcher von seinem Sch\u00f6pfer anerkannt \u2013 bedingungslos. Dies begr\u00fcndet ja die W\u00fcrde des Menschen, die alle besitzen und die ihnen nicht genommen werden kann. Unsere \u201eunantastbare W\u00fcrde\u201c beruht auf diesem Status als Gesch\u00f6pfe. Damit ist aber noch keinerlei Aussagen \u00fcber das Heil des Menschen getroffen!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja, jeder Mensch hat diese W\u00fcrde, aber das hei\u00dft eben auch, dass er bzw. sie deshalb von Gott mit pers\u00f6nlicher Verantwortlichkeit und Rechenschaftspflicht gew\u00fcrdigt wird, denn nur der Mensch ist ein personales Wesen, das moralisch handelt und schuldig werden kann. Im Hinblick auf die Erl\u00f6sung gilt aber nun, dass der <em>Rebell<\/em> vor Gott eben nicht anerkannt wird. Nach dem Fall ist der Mensch zwar immer noch Ebenbild, aber auch Feind Gottes (R\u00f6m 5,10). Ihn \u2018w\u00fcrdigt\u2019 Gott mit seinem Gericht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den Autoren geht es nat\u00fcrlich darum, die bedingungslose Gnade Gottes gro\u00df zu machen. Doch die Gnadenbotschaft des Neuen Testaments lautet ja nicht: du als Mensch bist anerkannt. Es ergeht vielmehr der Ruf nach Bu\u00dfe und Umkehr: du bist nicht o.k. und kannst \u2013 so wie du bist \u2013 vor dem heiligen Gott nicht bestehen. Im Grundlagentext wird jedoch \u00fcberall der Eindruck erweckt, dass <em>alle<\/em> von Gott anerkannt, angenommen, akzeptiert <em>sind<\/em>. Die absolute Notwendigkeit des Glaubens wird in keiner Weise deutlich. Was mit den Nichtglaubenden geschehen wird, bleibt gleichsam hinter einem Schirm des Nichtwissens verborgen. Bu\u00dfe, Umkehr, Bekehrung sind als positive Konzepte schlicht und einfach nicht vorhanden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eRechtfertigung und Freiheit\u201c stellt also die Haltung Gottes zum Menschen nicht differenziert genug dar. Ein allgemeines Ja ergeht in gewisser Weise nur an den Menschen als Gesch\u00f6pf. Im Hinblick auf Heil und Unheil des Menschen gilt einerseits das Nein Gottes: der unbekehrte Rebell findet <em>nicht<\/em> Aufnahme im ewigen Reich Gottes; andererseits gilt auch ihnen das Ja <em>in Christus<\/em> \u2013 aber es ist eben nicht eine Annahme aufgrund seines Menschseins, sondern wegen Christi Werk.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Grundlagentext setzt damit eine Argumentationslinie fort, die auch schon im \u201e<a href=\"http:\/\/www.ekd.de\/glauben\/abc\/rechtfertigung.html\">Glaubens-ABC<\/a>\u201c auf den Seiten der EKD zu finden ist. Zum Begriff Rechtfertigung hei\u00dft es dort zu Beginn: \u201eWas gibt dem Menschen Selbstwertgef\u00fchle?\u201c Es werden Krisen des Lebens wie Arbeitslosigkeit und Krankheit genannt. \u201eWas aber mache ich, wenn ich merke, dass meine Pl\u00e4ne nicht aufgehen? Bin ich dann wertlos? Die biblische Botschaft von der Rechtfertigung fordert uns auf, mit den Augen Gottes zu sehen. Wir sind mehr als die Summe unserer Taten \u2013 und Untaten. Unsere W\u00fcrde ist von Gott gegeben. Sie muss nicht erst hergestellt oder gar verdient werden.\u201c Man kann auch hier nur von einer fatalen Verwirrung der Leser sprechen. W\u00fcrde und Rechtfertigung sind keineswegs in gleicher Weise \u201egegeben\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es scheint sogar, dass die W\u00fcrde die Rechtfertigung als Hauptartikel ersetzt hat, denn selbst Nikolaus Schneider, Ratsvorsitzender der EKD, antwortete vor einigen Jahren im \u201echat\u201c auf evangelisch.de auf die Frage nach einer kurzen Umschreibung des Kerns des Evangeliums so: \u201eKurz und knapp: Du bist ein von Gott geliebter Mensch, musst dir deine W\u00fcrde nicht erarbeiten und kannst sie auch nicht verlieren. Das gilt auch f\u00fcr das Himmelreich! Gott ist in allen H\u00f6hen und Tiefen des Lebens an deiner Seite.\u201c Aber ist es wirklich das, was wir einer verlorenen Welt zu verk\u00fcnden haben? Sind das die Versprechen der Bibel? Fehlt hier nicht etwas? Und was ist, wenn die Realit\u00e4t die ist, dass \u201edie unbekehrten Menschen auf einer morschen Decke \u00fcber dem Abgrund der H\u00f6lle wandeln\u201c, wie Jonathan Edwards 1741 in seiner ber\u00fchmten Predigt \u201eSinners in the hands of an angry God\u201c sagte? (In deutscher Sprache <a href=\"http:\/\/www.bucer.org\/uploads\/tx_org\/mbstexte074_2.pdf\">hier<\/a>.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Antithese?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Durch den ganzen Grundlagentext zieht sich das \u00e4u\u00dfert starke Bem\u00fchen, irgendwie alle Menschen in das Heilshandeln Gottes einzuschlie\u00dfen. Im Abschnitt zu \u201esolus Christus\u201c ist zu lesen: \u201eIn Jesus Christus hat Gott sich so auf die Menschen eingelassen, dass er alles, was die Menschen von ihm trennte, hinweggenommen hat\u2026 In Christus hat Gott zum Heil der Menschen gehandelt\u201c. Und weiter: \u201eDie neutestamentlichen Texte sind davon \u00fcberzeugt, dass das heilvolle Handeln Gottes in Jesus Christus alle Menschen meint. Man muss nicht zum alttestamentlichen Volk Gottes, zum j\u00fcdischen Volk geh\u00f6ren\u2026 Weil in Jesus Christus Gott umfassend und alle Menschen meinend gehandelt hat\u2026\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">All dies ist recht unpr\u00e4zise formuliert. Was bedeutet es, dass mit Jesu Werk alle \u201egemeint\u201c sind? Was ist darunter zu verstehen, dass Gott \u201ezum Heil der Menschen gehandelt\u201c hat? Zum Heil aller? Sind dann auch alle gerettet? Wenn alle \u201eanerkannt\u201c sind (s.o.), liegt dies nat\u00fcrlich nahe. Eine Kl\u00e4rung dieser doch wohl wichtigen Fragen findet nicht statt. Nur in diesem Abschnitt wird angedeutet, wie man auf die Seite des Heils gelangt:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eObwohl der Mensch unweigerlich immer wieder einmal rote Zahlen schreibt, verlangt Gott nicht, dass die Bilanz aus eigener Kraft mit schwarzen Zahlen schlie\u00dft\u2026 Positiv wird die Gesamtbilanz, weil sich der Mensch als Kind Gottes mit seiner Taufe im Bereich des g\u00f6ttlichen Segens, der g\u00f6ttlichen heilsamen Zuwendung, befindet und daraus \u2018gar nicht mehr herausfallen kann\u2019 (Augustinus). Die Antwort des Menschen auf diese befreiende Erfahrung\u00a0ist der Glaube.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit der Taufe also, so ist zu verstehen, geschieht Entscheidendes: die \u201eGesamtbilanz\u201c wird eine andere, man tritt in den \u201eBereich\u2026 der g\u00f6ttlichen heilsamen Zuwendung\u201c. Es wird implizit ausgesagt, dass man als Getaufter jedenfalls auf der sicheren Seite ist. Nur hier taucht im ganzen Dokument so etwas wie eine Antithese auf: Gesamtbilanz positiv \u2013 oder negativ. Ausgerechnet bei der Taufe, wo die Bilanz eben nicht gekl\u00e4rt wird. Denn die Zuordnung von Taufe und Glaube wird ja leider nicht gekl\u00e4rt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dem gesamten Grundlagentext ist ansonsten jegliches Denken in Antithesen fremd. Und das, obwohl sich dieser Geist der Gegens\u00e4tze durch das ganze NT zieht. An zahlreichen Stellen in den Briefen betonen die Apostel gegen\u00fcber den Lesern in den Gemeinden: einst wart ihr\u2026 \u2013 jetzt aber\u2026 (R\u00f6m 6,19\u201322; 7,5\u20136; 11,30; 1 Kor 6,10\u201311; 12,2; Gal 4,8\u20139; Eph 2,1\u20136.11\u201313.19; 5,8\u20139; Kol 1,21\u201322; 2,13; 3,7\u20138; Tit 3,3\u20135; 1 Pt 2,9\u201310.25; 4,1\u20133.8). Das Christwerden ist mit einem Bruch, einem radikalen Einschnitt verbunden. Vielfach taucht daher auch das Schema \u201edie drau\u00dfen \u2013 ihr\u201c auf (Eph 4,17\u201320; 5,7; 1 Thes 4,5; 2 Thes 1,8; 2 Kor 6,14\u201317; 1 Pt 2,7.12; 1 Kor 1,18). Ein weiterer Aspekt der Diskontinuit\u00e4t bildet die Erkenntnis Gottes. In einem vollen Sinnen kennen nur (wiedergeborene) Christen Gott (Joh 17,3; s. auch Mt 11,27b; 2 Kor 8,9; 2 Tim 1,12; 1 Joh 4,16). Menschen, die sich nicht bekehren wollen, kennen Gott nicht (Joh 8,19; s. auch 1 Kor 1,21; 2,14; Gal 4,8; 1 Thes 4,5; 2 Tim 3,7).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">All die Versangaben sollen nur unterstreichen, dass die \u201eSto\u00dfrichtung der Texte\u201c (s.u.) ziemlich eindeutig ist und kaum ignoriert werden kann. Es gibt Gl\u00e4ubige und Ungl\u00e4ubige, ein Drinnen und Drau\u00dfen, Kirche und Welt. Leider wollen die Autoren jedoch praktisch alle bzw. alle Getauften im Boot sehen wie auch hier deutlich wird:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eOb und wie ein Mensch glaubt, ist den Augen verborgen. Wie sehr er sich kirchlich engagiert oder ob er sich nicht engagiert, sagt nichts \u00fcber seinen Glauben aus. Diesen sieht allein Gott. Volkskirchliche Strukturen tragen diesem Sachverhalt theologisch Rechnung. Sie erm\u00f6glichen unterschiedliche Beteiligungsformen und -intensit\u00e4ten in der Kirche und beurteilen nicht, ob ein Mensch genug glaubt, um dazuzugeh\u00f6ren. Alle Bem\u00fchungen um eine rege Beteiligungsgemeinde d\u00fcrfen nicht dazu verleiten, nur diejenigen, die intensiv mitarbeiten, als richtige Christen anzusehen. Allein der Glaube reicht, um Christ zu sein. Und um diesen wei\u00df allein Gott.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gewiss, der Glaube reicht, und <em>letztlich<\/em> wei\u00df nur Gott um diesen Glauben, weil nur Er ins Herz sieht. Davon jedoch die geschilderte Vielfalt der Beteiligung abzuleiten, ist wohl einzig der heutigen landeskirchlichen Realit\u00e4t geschuldet. Theologisch zu rechtfertigen ist es nicht, dass man gl\u00e4ubig ist, sich aber der Gemeinschaft der Glaubenden so gut wie immer fernh\u00e4lt. Denn \u201eunterschiedliche Beteiligungsformen\u201c ist ja schlicht ein Euphemismus daf\u00fcr, dass sich neunzig Prozent der Kirchenmitglieder so gut wie \u00fcberhaupt nicht beteiligen. Im Zweiten helvetischen Bekenntnis wird dagegen in Kapitel 22 betont, dass diejenigen, die den \u201eheiligen Versammlungen oder kirchlichen Zusammenk\u00fcnften\u201c fernbleiben und sich \u201ehartn\u00e4ckig\u201c absondern, \u201edringend ermahnt\u201c werden sollen. Im Heidelberger Katechismus in der Antwort zu Frage 103: \u201eGott will\u2026, dass ich, besonders am Feiertag, zu der Gemeinde Gottes flei\u00dfig komme.\u201c <em>Gott selbst<\/em> will intensive Beteiligung. Er selbst hat festgelegt, wie \u2018richtiges Christsein\u2019 aussieht und wie nicht. Es ist alles andere als evangelisch und protestantisch, sich auf einen subjektiven Schmalspurglauben zu berufen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wage zu denken?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die oberste Autorit\u00e4t der Hl. Schrift wird das formelle Prinzip des Protestantismus genannt. So geht nat\u00fcrlich auch \u201eRechtfertigung und Freiheit\u201c auf den Themenkomplex Bibel und Wort Gottes ein. Auf Seite 37 ist von der \u201eTransformation des reformatorischen Schriftprinzips in der Neuzeit\u201c und vom heutigen \u201ePluralismus der Textauslegungsmethoden\u201c die Rede, was zu einer \u201egr\u00f6\u00dferen Vielfalt an Verst\u00e4ndnissen einzelner biblischer Stellen\u201c gef\u00fchrt habe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weitere Ausf\u00fchrungen sind dann im Abschnitt zu \u201esola scriptura\u201c zu finden. \u201eDie Reformatoren nannten die Bibel \u2018Wort Gottes\u2019. Das steht aber schon im sechzehnten Jahrhundert nicht im Gegensatz zu der Einsicht, dass diese Texte von Menschen verfasst worden sind.\u201c Nat\u00fcrlich. Die Kirche wusste immer, dass Menschen die biblischen B\u00fccher verfasst haben und die Bibel nicht wie der Koran gleichsam fertig vom Himmel gefallen ist. Es folgt ein Seitenhieb auf Biblizismus und Diktattheorie, aber mit Luther wird gewiss zu recht betont, dass man \u201edie Meinung des ganzen Textes\u201c h\u00f6ren muss. \u201eMan muss nach dem Sinn und der Sto\u00dfrichtung der Texte fragen\u201c. Wer w\u00fcrde widersprechen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es \u00fcberrascht nicht, dass Luther \u2013 wie schon \u00fcblich \u2013 aber auch als ein Vater der Bibelkritik pr\u00e4sentiert wird. Wiederum d\u00fcrfte Einigkeit darin bestehen, dass die Schrift \u201evon ihrer inhaltlichen Mitte her verstanden werden\u201c muss. Die Autoren behaupten jedoch dar\u00fcber hinaus, dass biblische Texte, die \u201enicht den Glauben an Christus bef\u00f6rdern\u201c, getadelt werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dies l\u00e4sst sich nat\u00fcrlich nur dann rechtfertigen, wenn die Bibel als solche nicht mehr Wort Gottes ist. Deshalb bekennt man sich klar zur Bibelkritik:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eSeit dem siebzehnten Jahrhundert werden die biblischen Texte historisch-kritisch erforscht. Deshalb k\u00f6nnen sie nicht mehr so wie zur Zeit der Reformatoren als \u2018Wort Gottes\u2019 verstanden werden. Die Reformatoren waren ja grunds\u00e4tzlich davon ausgegangen, dass die biblischen Texte wirklich von Gott selbst gegeben waren. Angesichts von unterschiedlichen Versionen eines Textabschnitts oder der Entdeckung verschiedener Textschichten l\u00e4sst sich diese Vorstellung so nicht mehr halten. Damit aber ergibt sich die Frage, ob, wie und warum\u00a0<em>sola scriptura <\/em>auch heute gelten kann.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja, diese Frage ergibt sich wohl. Noch einmal grenzt man sich anschlie\u00dfend ab und verwirft die Auffassung, \u201enur der nehme die Schrift ernst, der sie als Wort f\u00fcr Wort von Gott gegeben verstehe\u201c. Und wieder wird gefragt: \u201eWie aber ist dann die Schrift auch heute noch als Wort Gottes zu denken? Warum spielt die Bibel auch im gegenw\u00e4rtigen kirchlichen Leben eine zentrale Rolle?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dies sind tats\u00e4chlich wesentliche Fragen. Inzwischen plagt man sich schon gar nicht mehr mit einer Inspirationstheorie herum. Zwei Dinge werden nun genannt. Einmal erfahren wir \u201eaus diesen Texten [d.h. der Bibel] \u00fcber den Gott Israels und den Vater Jesu Christi\u201c. Und zweitens sei die Bibel immer noch auf gewisse Art Wort Gottes, \u201eweil Menschen immer wieder bemerken, dass sie durch diese Texte in besonderer Weise angesprochen werden. In ihnen haben sich menschliche Erfahrungen mit Gott so verdichtet, dass andere Menschen sich und ihre Erfahrungen mit Gott darin wiederentdecken k\u00f6nnen.\u201c Durch die biblischen Worte werden Menschen \u201eim Innersten ber\u00fchrt\u201c. Daher: \u201eIn diesem Sinne k\u00f6nnen diese Texte daher auch heute noch als \u2018Wort Gottes\u2019 angesehen werden. Das ist kein abstraktes Urteil, sondern eine Beschreibung von Erfahrungen mit diesen Texten\u2026 Deshalb bilden diese Texte nach wie vor den Kanon der Kirche.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man kann einerseits den Autoren f\u00fcr diese Art der Klarstellung dankbar sein. Das Schriftverst\u00e4ndnis der Reformatoren teilen sie eindeutig und erkl\u00e4rterma\u00dfen nicht mehr. So hatte ja Bullinger gleich zu Beginn des Zweiten helvetischen Bekenntnisses ausdr\u00fccklich unterstrichen, dass die \u201ekanonischen Schriften\u2026 beider Testamente das wahre Wort Gottes sind\u201c. Die Schrift <em>ist<\/em> Wort Gottes. Man fragt sich dann nat\u00fcrlich, warum die evangelischen Kirchen noch an diesen Bekenntnissen festhalten. Es w\u00e4re ehrlicher, sich ganz neue autoritative Lehrdokumente zu schaffen und nicht dieses seltsame Schauspiel der Neudeutung zu vollziehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf der anderen Seite offenbart diese Argumentation das ganze Elend solcher Theologie. Biblische Texte ber\u00fchren im Innersten, so die Hauptaussage \u2013 <em>deshalb<\/em> bilden diese Texte nach wie vor den Kanon der Kirche. Hier ist zu fragen: Was soll dies f\u00fcr eine Begr\u00fcndung sein?? Denn schlie\u00dflich werden Menschen durch alle m\u00f6glichen Texte inspiriert, getr\u00f6stet, ermutigt und ber\u00fchrt! Der eine wird durch \u201eDas Kapitel\u201c von Marx ber\u00fchrt, und der andere durch die Bhagavad Gita; der eine sch\u00f6pft Mut aus dem Koran, und der andere aus Aufzeichnungen der Heiligen. Die subjektive Wirkung von Texten mag wohl ein gewisser Hinweis auf seine Autorit\u00e4t und seinen Ursprung sein. Und im Umkehrschluss gilt sicher: Ist die Bibel Gottes Wort, wird sie sich in der Erfahrung vieler Leser auch als m\u00e4chtig und erbauend erweisen. Die innere Ber\u00fchrung ist aber doch in keiner Weise <em>ausreichendes Kriterium<\/em>, um die Frage des Kanons der Kirche zu entscheiden!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese nun wahrlich \u00e4rmliche Argumentation kontrastiert mit dem Hinweis auf das zitierte Aufkl\u00e4rungsmotto <em>sapere aude<\/em> \u00a0\u2013 wage zu denken. Damit sei ein \u201egenuin protestantisches Anliegen\u201c beschrieben. \u201eDie Reformation will zu gebildetem Glauben f\u00fchren. Sie intendiert einen Glauben, der verstehen m\u00f6chte und nachfragen darf.\u201c Dies wird nat\u00fcrlich auf die Bibel und die Kritik an ihr gem\u00fcnzt. Aber wer \u00fcber <em>diese<\/em> Begr\u00fcndung des Kanons nachdenkt, der kommt nur ins Kopfsch\u00fctteln. Was soll daran vern\u00fcnftig sein?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man w\u00fcrde wohl letztlich auf die Tradition der Kirche zur\u00fcckgreifen: Weil sich \u00fcber die Jahrhunderte hinweg so viele Menschen gerade von diesen Texten ber\u00fchren lie\u00dfen, halten wir an ihnen fest. Das hilft jedoch auch kaum weiter. Denn die Tradition wird ja wiederum sehr kritisch gesehen. Letztlich gibt es keinerlei vern\u00fcnftige Antwort, warum weiterhin allein diesen Texten ein irgendwie normativer Status zugesprochen werden sollte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kommen wir zum Schluss. \u201eRechtfertigung und Freiheit\u201c ist weitgehend frei von gesellschaftspolitischen Bez\u00fcgen. Mal ist nicht vom Klimawandel, Globalisierung und Friedenspolitik zu lesen. Aber die Thematik der \u201eGeschlechtergerechtigkeit\u201c hat dennoch Eingang in das Dokument gefunden. Bleibt so mancher Punkt erschreckend diffus, so positioniert man sich hier gewohnt klar:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u201eReformatorische Kirche und Theologie m\u00fcssen noch weiter lernen, Geschlechtergerechtigkeit als genuin evangeliumsgem\u00e4\u00dfen Wert zu verstehen und deswegen Geschlechterhierarchien entschlossen abzubauen: <\/em>Den Ausgang hat diese Entwicklung, historisch betrachtet, von einer Neubesinnung auf das kirchliche Amt genommen und der Frage, ob auch Frauen als Pfarrerinnen amtieren d\u00fcrfen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Richtig wird das Neuartige in der protestantischen Amtsauffassung dargestellt, n\u00e4mlich Luthers Einsicht \u201edass es keinen mit einem unzerst\u00f6rbaren sakramentalen Charakter versehenen Stand eines Weihepriestertums in der Kirche geben darf, das den Laien gegen\u00fcbersteht, um ihnen Christus zu repr\u00e4sentieren\u201c. Dann wird Galater 3,28 zitiert (\u201eHier ist nicht Jude noch Grieche\u2026\u201c) und der Abschnitt wie folgt beendet: \u201eAber erst Jahrhunderte sp\u00e4ter, nach den Erfahrungen des zwanzigsten Jahrhunderts und seiner Emanzipationsbewegungen, hat das zur Einsicht gef\u00fchrt, dass auch Frauen alle \u00c4mter in der Kirche \u00fcbernehmen k\u00f6nnen. Die Frauenordination ist ebenso eine sp\u00e4te Errungenschaft aus reformatorischen Einsichten wie die gleichberechtigte Gemeinschaft von Ordinierten und Nichtordinierten auf allen Leitungsebenen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einmal wieder wird hier zusammengew\u00fcrfelt, was nicht zusammen geh\u00f6rt. Was soll Gal 3,28, wo es um das Heil geht, um das neue Leben in Christus, mit den \u00c4mtern und deren Tr\u00e4gern zu tun haben? Und wie soll das protestantische Amtsverst\u00e4ndnis den modernen Egalitarismus begr\u00fcnden? In welcher Weise soll die Geschlechtergerechtigkeit ein \u201egenuin evangeliumsgem\u00e4\u00dfer Wert\u201c sein? Ich kann hier keinerlei Argument erkennen. Der Hinweis auf die Emanzipationsbewegungen zeigt ja vielmehr, dass man sich hier in vielen evangelischen Kirchen dem massiven gesellschaftlichen Druck angepasst hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Irref\u00fchrend ist hier au\u00dferdem, dass die \u201egleichberechtigte Gemeinschaft von Ordinierten und Nichtordinierten\u201c mit der Geschlechterfrage vermengt wird. Denn dies war nun keineswegs eine \u201esp\u00e4te Errungenschaft\u201c. Von reformatorischen \u00dcberzeugungen f\u00fchrt keine direkte Linie zum Frauenpfarramt, aber die Aufwertung der Laien ist tats\u00e4chlich urprotestantisch. Schon in der Ziegenhainer Zuchtordnung von 1539 ist von der \u201eAufsicht\u201c der \u00c4ltesten \u00fcber die Prediger, konkret deren \u201eLehre und Leben\u201c die Rede. Auch im Zweiten Helveticum wird im Kapitel \u00fcber die \u201eDiener der Kirche\u201c gefordert, dass \u201eauf Synoden flei\u00dfig Lehre und Lebenswandel der Diener zu pr\u00fcfen\u201c sei. <em>Laien<\/em>\u00e4lteste waren also schon im 16. Jahrhundert aufgefordert, <em>die Ordinierten <\/em>zu kontrollieren. In den lutherischen Kirchen fand dies wegen des Kirchenregiments der Landesherren kaum Umsetzung, aber in den reformierten und presbyterianischen Kirchen war <em>diese <\/em>Gleichberechtigung schon fr\u00fch Realit\u00e4t.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Prof. Dr. Christoph Markschies ist einer der Autoren des Grundlagentextes. Im Interview mit dem Deutschlandradio definiert er S\u00fcnde als den Versuch, so zu leben, \u201eals verdanke ich mir selbst das Leben\u201c, als \u201evertrackte Tendenz, mir selbst mehr zuzuschreiben, als ich mir eigentlich zuschreiben sollte\u201c. Das ist S\u00fcnde <em>light<\/em>. Darauf ruht die Rechtfertigung <em>light<\/em> \u2013 \u201eder tragende Grund des Gef\u00fchls, im Entscheidenden frei zu sein von den problematischen Urteilen und Ma\u00dfst\u00e4ben dieser Welt\u201c, so Markschies in seinem Statement bei der Pressekonferenz zur Vorstellung des Textes. Da kann man nur sagen: Zur\u00fcck zu den Wurzeln. Wer sich vertieft mit der Rechtfertigungslehre besch\u00e4ftigen will, dem seien neben den Bekenntnistexten die schon zitierten Werke von Kettling und Kaiser sowie James I. Packers Klassiker <em>Gott erkennen<\/em> (dort z.B. das Kapitel \u201cDas Zentrum des Evangeliums\u201d) empfohlen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Holger Lahayne, 22.5.2014<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.lahayne.lt\">www.lahayne.lt<\/a><\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Stellungnahme zum Grundlagentext \u201eRechtfertigung und Freiheit \u2013 500 Jahre Reformation 2017\u201c der EKD Die Rechtfertigung steht im Zentrum des evangelischen Glaubens. Es ist \u201eklar und gewiss\u201c, so Luther in den Schmalkaldischen Artikeln, dass allein der Glaube \u201eohne Werke des Gesetzes\u201c gerecht mache. 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