{"id":10682,"date":"2014-04-09T12:55:25","date_gmt":"2014-04-09T10:55:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=10682"},"modified":"2014-04-09T12:55:25","modified_gmt":"2014-04-09T10:55:25","slug":"vater-staat-oder-elternhaus-wer-soll-die-kinder-erziehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=10682","title":{"rendered":"Vater Staat oder Elternhaus: Wer soll die Kinder erziehen?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Elternhaus oder Vater Staat &#8211; wer hat das prim\u00e4re Recht der Kindererziehung? Darum geht es letztlich, wenn Eltern gegen eine staatliche &#8222;Sexualerziehung&#8220; protestieren, die in Grundschulen und sogar schon in Kindertagesst\u00e4tten einsetzt. Dabei ist die Zust\u00e4ndigkeit nach der Verfassungsordnung eigentlich klar: Die Erziehung der Kinder ist nach Art. 6 GG das &#8222;nat\u00fcrliche Recht&#8220; der Eltern und &#8222;die zuv\u00f6rderst ihnen obliegende Pflicht&#8220;. &#8222;\u00dcber ihre Bet\u00e4tigung wacht die staatliche Gemeinschaft&#8220;; wenn &#8222;die Erziehungsberechtigten versagen oder wenn die Kinder aus anderen Gr\u00fcnden zu verwahrlosen drohen&#8220; d\u00fcrfen die Beh\u00f6rden deshalb Eltern von ihren Kinder trennen (Art. 6 GG). Abgesehen von diesem &#8222;W\u00e4chteramt&#8220; in Problemf\u00e4llen hat der Staat keinen eigenst\u00e4ndigen, von den Eltern abgel\u00f6sten Erziehungsauftrag. Vielmehr ist es seine Aufgabe, die Eltern subsidi\u00e4r so zu unterst\u00fctzen, dass sie ihre Kinder zu einer &#8222;eigenverantwortlichen und gemeinschaftsf\u00e4higen Pers\u00f6nlichkeit&#8220; erziehen k\u00f6nnen (1).<!--more--><\/p>\n<p>Dieser Erziehungsvorrang der Eltern ist Kritikern der &#8222;traditionellen&#8220; Familie seit jeher suspekt. Bereits in den 1970er Jahren forderten &#8222;progressive&#8220; politische Kr\u00e4fte, das Elternrecht durch Kinderrechte zu ersetzen, da der (vermeintliche) &#8222;Elternabsolutismus&#8220; Kinder einem Machtmissbrauch in der Familie ausliefere (2). Die &#8222;b\u00fcrgerliche Kleinfamilie&#8220; war f\u00fcr sie als &#8222;Mikrokosmos der autorit\u00e4ren Gesellschaft&#8220; ein Hort patriarchalischer Unterdr\u00fcckung nicht nur von Frauen, sondern auch der Kinder. Eltern hielten sie f\u00fcr unf\u00e4hig, ihre Kinder zu &#8222;emanzipierten Pers\u00f6nlichkeiten&#8220; zu erziehen, eine Aufgabe, die sie an professionelle Erzieher abgeben sollten (3). Im Familienleben sahen sie die Gefahr, dass ein &#8222;extrem hohes Ma\u00df sozialer Verflechtung innerhalb der Familie totalit\u00e4re Muster des Umgangs und eine starke Pers\u00f6nlichkeitsabsorption bewirkt&#8220; (4). So formulierte es der 1975 ver\u00f6ffentlichte Zweite Familienbericht der Bundesregierung, der den &#8222;Privatismus&#8220; der Familien&#8220; \u00fcberwinden wollte (5). Zu diesem Zweck forderten die Berichterstatter eine &#8222;funktionsbezogene&#8220; Familienpolitik, die &#8222;prinzipiell frei&#8220; sei zu entscheiden, &#8222;ob die Erf\u00fcllung bestimmter Funktionen bei der Familie selbst oder aber bei alternativen Institutionen besser gew\u00e4hrleistet ist&#8220; (6). Um soziale Ungleichheit abzubauen, empfahl der Bericht die &#8222;famili\u00e4re Sozialisation&#8220; zur\u00fcckzudr\u00e4ngen. Damals l\u00f6sten solche Empfehlungen heftigen Widerspruch aus, Anh\u00e4nger der CDU-Opposition kritisierten sie als &#8222;kollektivistisch&#8220; (7). Was damals noch kontrovers war, gilt heute als selbstverst\u00e4ndlich: \u00dcber alle Parteien hinweg ist es Konsens, dass die institutionelle (Ganztags-)Betreuung soziale Ungleichheit abbauen soll (8).<\/p>\n<p>Dabei wendet sich niemand explizit gegen die Familie als solche, die emanzipatorische Radikalkritik an der Familie hat sich \u00fcberlebt. Ganz im Gegenteil betonen alle politischen Lager ihre Wertsch\u00e4tzung der Familie. Das allgemeine Lob der Familie erweist sich aber, n\u00e4her betrachtet, als vergiftet: Im Gestus paternalistischer F\u00fcrsorglichkeit wird Eltern attestiert, dass sie &#8222;im Umgang mit ihren Kindern h\u00e4ufig an die Grenzen ihrer Leistungsf\u00e4higkeit&#8220; sto\u00dfen w\u00fcrden. Nicht wenigen Eltern fehle es, so behauptet ein einschl\u00e4giger Regierungsbericht, &#8222;an Leitbildern und Zielen, an Wissen und auch an eigener Bildung, die sie ihren Kindern weitervermitteln k\u00f6nnen oder die sie in die Lage versetzen, die richtigen Beratungs- und Bildungsangebote auszuw\u00e4hlen. Vater Staat soll deshalb den Eltern die &#8222;richtigen&#8220; Angebote, Wertorientierungen etc. vorgeben, damit ihren Kindern die &#8222;Grundwerte unserer Gesellschaft vermittelt&#8220; werden (9).<\/p>\n<p>Aber welche Werte sollen das sein? Die Wertvorstellungen in der Gesellschaft sind h\u00f6chst gegens\u00e4tzlich, wie nicht zuletzt die Debatten \u00fcber &#8222;Sexualkunde&#8220; in \u00f6ffentlichen Einrichtungen zeigen. Nicht die Eltern, sondern politische Mehrheiten entscheiden dann dar\u00fcber, wie Kinder erzogen werden. Darunter leidet unvermeidlich die individuelle Freiheit. Schon John Stuart Mill warnte vor einer &#8222;allgemeinen Staatserziehung&#8220;, die &#8222;zu einem &#8222;Despotismus&#8220; \u00fcber Geist und K\u00f6rper f\u00fchre (10). Aus leidvoller Erfahrung wussten das auch die V\u00e4ter und M\u00fctter des Grundgesetzes, manche heutigen Politiker scheinen diese Einsicht vergessen zu haben.<\/p>\n<p>(1)\u00a0 Diese Rechtsauffassung liegt auch dem Kinder- und Jugendhilferecht (Sozialgesetzbuch VIII) zugrunde. In der letzten Dekade hat sich hier allerdings ein Paradigmenwechsel vollzogen: Im &#8222;Kinderf\u00f6rderungsgesetz&#8220; (2008) wird mit dem Anspruch des Kindes auf &#8222;fr\u00fchkindliche F\u00f6rderung&#8220; eine au\u00dferfamili\u00e4re Betreuung schon im Kleinkindalter als notwendig vorausgesetzt. Zwar nicht de jure, aber de facto kommt damit Kindertageseinrichtungen eine die Eltern mehr als nur &#8222;erg\u00e4nzende&#8220;, sie weitgehend ersetzende Funktion zu. Eingehender hierzu: http:\/\/altewebsite.i-daf.org\/183-0-Woche-25-2009.html.<\/p>\n<p>(2)\u00a0 Vgl.: Wolfgang Brezinka: Erziehung und Kulturrevolution &#8211; die P\u00e4dagogik der Neuen Linken, M\u00fcnchen 1976 (2. verbesserte Auflage), S. 183-184.<\/p>\n<p>(3)\u00a0 Vgl. ebd.<\/p>\n<p>(4)\u00a0 Der Bundesminister f\u00fcr Jugend, Familie und Gesundheit (Hrsg.): Familie und Sozialisation &#8211; Leistungen und Leistungsgrenzen der Familie hinsichtlich des Erziehungs- und Bildungsprozesses der jungen Generation (Zweiter Familienbericht), Bonn 1975, S. 31.<\/p>\n<p>(5)\u00a0 Ebd., S. 62-63.<\/p>\n<p>(6)\u00a0 Ebd., S. 73-74.<\/p>\n<p>(7)\u00a0 Exemplarisch hierf\u00fcr Anton Rauscher: Die Familienpolitik auf dem Pr\u00fcfstand, S. 37-68, in: Heinrich Basilius Streithofen (Hrsg.): Die Familie &#8211; Partner des Staates &#8211; eine Auseinandersetzung mit falschen Gesellschaftstheorien, Stuttgart 1978, S. 64-65.<\/p>\n<p>(8)\u00a0 Eingehender zu dieser Argumentation: http:\/\/altewebsite.i-daf.org\/354-0-Wochen-49-50-2010.html.<\/p>\n<p>(9)\u00a0 Stellungnahme der Bundesregierung zum Zw\u00f6lften Kinder- und Jugendbericht, S. 3-16, in: Bundesministerium f\u00fcr Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Bericht \u00fcber die Lebenssituation junger Menschen und die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland &#8211; Zw\u00f6lfter Kinder- und Jugendbericht, Deutscher Bundestag 15. Wahlperiode &#8211; Drucksache 15\/6014, Berlin 2005, S. 7. Eingehender hierzu: Stefan Fuchs: Vater Staat statt Elternhaus &#8211; Bindungsverluste f\u00fchren zu einem neuen Etatismus, S. 130-142, in: Die Neue Ordnung, Jahrgang 68, Nr. 2\/2014, S. 135-136.<\/p>\n<p>(10)\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 John Stuart Mill: \u00dcber die Freiheit. Siehe hierzu auch: http:\/\/altewebsite.i-daf.org\/429-0-Wochen-48-49-2011.html.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Elternhaus oder Vater Staat &#8211; wer hat das prim\u00e4re Recht der Kindererziehung? Darum geht es letztlich, wenn Eltern gegen eine staatliche &#8222;Sexualerziehung&#8220; protestieren, die in Grundschulen und sogar schon in Kindertagesst\u00e4tten einsetzt. 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