{"id":10666,"date":"2014-04-03T14:05:52","date_gmt":"2014-04-03T12:05:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=10666"},"modified":"2014-04-03T16:59:09","modified_gmt":"2014-04-03T14:59:09","slug":"world-vision-und-die-noch-groessere-anpassung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=10666","title":{"rendered":"Die gro\u00dfe Anpassung. Zum 30. Todestag Francis Schaeffers"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Vor drei\u00dfig Jahren, im Mai 1984, verstarb Francis A. Schaeffer. Der Gr\u00fcnder der L\u2019Abri-Gemeinschaft war nicht nur ein gro\u00dfer Evangelist und Apologet des Christentums. Bekannt machte ihn auch seine scharfe Analyse der Kulturgeschichte wie in <i>Wie<\/i>\u00a0<em>k\u00f6nnen<\/em><i>\u00a0wir denn leben?<\/i> Wie kaum ein anderer Theologe vor ihm durchleuchtete er moderne und postmoderne Philosophie und Wissenschaft, Literatur und Film, Musik und Malerei. Doch sein Hauptaugenmerk galt dem eigenen, dem frommen Lager.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den 30er und 40er Jahren war Schaeffer als Student und junger Pastor selbst Teil der fundamentalistischen Bewegung in den USA. Die kritische Auseinandersetzung mit diesem Erbe spielte auch bei der Gr\u00fcndung von L\u2019Abri 1955 in der Schweiz eine Rolle. In einem Brief Ende der 50er Jahre wei\u00df Schaeffer sich mit dem jungen Adressaten eins, dass auch der christliche Fundamentalismus \u201eschreckliche Schw\u00e4chen\u201c hat, oftmals \u201ekalt\u201c, d.h. lieblos war (zu scharfe Trennung und Abgrenzung von anderen Christen). Aber er warnt in dem Schreiben davor, das B\u00f6se des Liberalismus zu untersch\u00e4tzen; die Schw\u00e4chen von Fundamentalismus und Liberalismus d\u00fcrften in keinem Fall auf eine Ebene gestellt werden. Schaeffer sieht den theologischen Liberalismus als <i>eindeutig gef\u00e4hrlicher<\/i> an: \u201eLiberalismus mit seiner Leugnung der Bibel als Wort Gottes\u2026 zerst\u00f6rt jegliche M\u00f6glichkeit von Autorit\u00e4t mit absolutem Charakter.\u201c Im Hinblick auf die Wahrheitssuche h\u00e4lt er den Liberalismus f\u00fcr \u201evollkommen destruktiv\u201c, weshalb er \u201enicht einmal einen Moment lang auch nur andeuten w\u00fcrde, dass Fundamentalismus und Liberalismus gleiche Gefahren darstellen.\u201c (<i>Letters of Francis A. Schaeffer<\/i>)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schaeffer hat sich nie vom dogmatischen Erbe des Fundamentalismus als historischer Bewegung abgegrenzt. Die Wahrheiten, die in der Schriftenreihe \u201eThe Fundamentals: A Testimony of the Truth\u201c (1910\u20131915) hochgehalten worden waren, bekr\u00e4ftigte er von Herzen. Wie sein Zeitgenosse Carl F.H. Henry (1913\u20132003), 1956\u201368 erster Chefredakteur von \u201eChristianity Today\u201c, pl\u00e4dierte er keineswegs f\u00fcr einen dritten Weg zwischen Fundamentalismus und Liberalismus, vielmehr f\u00fcr eine Erneuerung, Reform, Modernisierung, ein Sich-\u00d6ffnen der fundamentalistischen oder evangelikalen Bewegung (Henry gebraucht beide Begriffe noch synonym!).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In <i>The Uneasy Conscience of Modern Fundamentalism,<\/i> seiner wichtigen Programmschrift aus dem Jahr 1947, betont Henry, dass das \u201e\u00dcbernat\u00fcrliche ein wesentlicher Bestandteil der biblischen Sicht\u201c bleiben muss; an der Fehlerlosigkeit der Bibel ist unbedingt festzuhalten. Er sieht die \u201eNeubelebung des modernen Evangelikalismus\u201c nicht darin, dass man lehrm\u00e4\u00dfige \u00dcberzeugungen aufweicht, anpasst und \u201esich in Richtung des Liberalismus bewegt\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie Henry bek\u00e4mpfe Schaeffer zeit seines Lebens die R\u00fcckzugsmentalit\u00e4t vieler evangelikaler Christen. Und genauso hielt er an der v\u00f6lligen Wahrhaftigkeit der biblischen Offenbarung fest. In seinem Todesjahr erschien das letzte Werk des Presbyterianers mit dem warnenden Titel <i>The Great Evangelical Disaster<\/i> (Das gro\u00dfe evangelikale Desaster). Vier Jahre sp\u00e4ter kam die deutsche Ausgabe bei \u201eSchulte+Gerth\u201c heraus: <i>Die gro\u00dfe Anpassung \u2013 Der Zeitgeist und die Evangelikalen<\/i>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lutz v. Padberg und Stephan Holthaus (von der FTA, nun FTH, in Gie\u00dfen) nennen das Buch in ihrem Vorwort zu Recht \u201eSchaeffers Verm\u00e4chtnis an die Evangelikalen\u201c, das auch f\u00fcr diese Gruppe in der Bundesrepublik \u201evon brennender Aktualit\u00e4t\u201c sei. Wie schon in all seinen B\u00fcchern zuvor ruft Schaeffer dazu auf, an einer irrtumslosen Bibel festzuhalten. Wahrhaft prophetisch schreibt er:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eOhne eine feste Meinung zur Bibel als Grundlage sind wir f\u00fcr die schwierigen Zeiten nicht gewappnet. Nur wenn die Bibel ohne Irrtum ist \u2013 nicht nur, wenn sie \u00fcber die Erl\u00f6sung spricht, sondern auch dann, wenn sie \u00fcber die Geschichte und den Kosmos berichtet \u2013 , haben wir eine Basis f\u00fcr die Beantwortung von Fragen, die uns im Hinblick auf die Existenz des Universums mit seiner Ordnung und im Hinblick auf die Einzigartigkeit des Menschen gestellt werden. Ohne ein tragf\u00e4higes Fundament haben wir auch keinerlei absolute moralische Ma\u00dfst\u00e4be oder Heilsgewissheit, und die n\u00e4chste Generation von Christen wird nichts haben, auf das sie sich st\u00fctzen kann. Unseren geistlichen und leiblichen Kindern wird man einen Boden zur\u00fccklassen, den man ihnen unter den F\u00fc\u00dfen wegziehen kann. Sie werden keine Basis haben, auf die sie ihren Glauben und ihr Leben gr\u00fcnden k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weil das Evangelium Christi verf\u00e4lscht wird<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schaeffer zeigt in dem Buch auch konkret auf, wie sich die Anpassung weiter Teile der evangelikalen Bewegung gestaltet. So warnt er die Linksevangelikalen davor, \u201edas Reich Gottes mit einem sozialistischen Programm durcheinanderzuwerfen\u201c. Auch \u201eauf dem Gebiet der Ehe und der Sexualmoral ist die evangelikale Welt tief infiltriert vom heutigen Zeitgeist.\u201c Schaeffer weiter:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eEs gibt jene, die sich evangelikal nennen und die zur evangelikalen Leiterschaft geh\u00f6ren, jedoch das biblische Muster f\u00fcr die Beziehung zwischen Mann und Frau in Familie und Kirche vollkommen verleugnen. Es gibt viele, die den Gedanken von der Gleichheit ohne Unterschied akzeptieren und die biblische Lehre zu diesem Thema vors\u00e4tzlich ablehnen. Und es gibt andere, die sich evangelikal nennen und gleichzeitig behaupten, dass die Homosexualit\u00e4t und selbst die Vorstellung einer homosexuellen \u2018Ehe\u2019 annehmbar seien. Aber beachten Sie: Das kann nicht geschehen, ohne dass man die Autorit\u00e4t der Bibel auf dem Gebiet der Sexualmoral verneint. Dies ist keinesfalls ein Disput \u00fcber eine Interpretationsfrage; es handelt sich vielmehr um eine direkte und vors\u00e4tzliche Verleugnung dessen, was die Bibel auf diesem Gebiet lehrt.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schaeffer schildert die neue Sichtweise, in der die gleichgeschlechtliche Liebe ein Identit\u00e4tsmerkmal des Menschen sein soll: \u201eHomosexualit\u00e4t ist mit \u2018-h\u00e4ndigkeit\u2019 zu vergleichen. Das hei\u00dft, einige Menschen sind Rechtsh\u00e4nder und andere sind Linksh\u00e4nder; einige Menschen sind heterosexuell und andere sind homosexuell. Und das eine ist genauso gut wie das andere.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In so manchen protestantischen Kirchen hat sich dies neue Paradigma nach und nach durchgesetzt. Die \u201eschwierigen Zeiten\u201c sind wahrlich da. Als 2002 die Synode einer kanadischen Di\u00f6zese der anglikanischen Kirche den Beschluss zur gottesdienstlichen Segnung homosexueller Paare fasste, verlie\u00dfen manche Delegierte protestierend den Saal. Darunter war auch James I. Packer. Der bekannte britische Evangelikale: \u201eWarum bin ich mit den anderen rausgegangen? Weil diese Entscheidung \u2013 in ihrem Zusammenhang betrachtet \u2013 das Evangelium Christi verf\u00e4lscht, die Autorit\u00e4t der Heiligen Schrift missachtet, das Heil der Mitmenschen gef\u00e4hrdet und die Kirche in ihrer von Gott berufenen Rolle als Bollwerk und Bastion der g\u00f6ttlichen Wahrheit verr\u00e4t.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Hin und Her bei \u201eWorld Vision\u201c<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beschl\u00fcsse dieser Art gab es auch in Europa, doch nur in den Gro\u00dfkirchen, die sich in weiten Teilen dem Zeitgeist ergeben haben. Schaeffers \u201egro\u00dfe Anpassung\u201c erreicht nun, so scheint es, aber auch das evangelikale Herz. Anfang der Woche gab der US-Zweig der evangelikalen Hilfsorganisation \u201eWorld Vision\u201c (WV-US) bekannt, dass man nun auch Menschen anstellen werde, die in gleichgeschlechtlicher Ehe leben. \u201eChristianity Today\u201c (CT) machte die Entscheidung des Vorstands in einem ausf\u00fchrlichen Beitrag am 24.03. einem breiten Publikum bekannt (\u201eWorld Vision: Why We\u2019re Hiring Gay Christians in Same-Sex Marriages\u201c).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Echo in der evangelikalen Welt war verheerend. Al Mohler vom Seminar der S\u00fcdlichen Baptisten in Louisville reagierte scharf (\u201ePointing to Disaster \u2013 The Flawed Moral Vision of World Vision\u201c); auch der reformierte Pastor und Autor Kevin DeYoung nahm kein Blatt vor den Mund (\u201eThe Worldliness in World Vision\u2019s New Hiring Policy\u201c); Denny Burke noch dramatischer (\u201eThe Collapse of Christianity at World Vision\u201c) und Peter Jones mit einem Wortspiel (\u201eWORLDly reVISIONing\u201c).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der deutschsprachigen Blogosph\u00e4re meldete wohl zuerst Ron Kubsch auf TheoBlog, wo sich auch der Kommentar des Baptisten Russel Moore in deutscher Sprache befindet:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eHier steht nichts weniger als das Evangelium Jesu Christi selbst auf dem Spiel! W\u00e4re der sexuellen Umgang jenseits biblischer Ehedefinition moralisch \u201eneutral\u201c, ja, dann sollten wir darauf verzichten, diese Sache zu problematisieren. Hat jedoch die deutliche Aussage der Heiligen Schrift recht und sind die \u00dcberzeugungen einer zweitausendj\u00e4hrigen Kirchengeschichte wahr, dann w\u00e4re der Verzicht auf den Aufruf zur Umkehr unsagbar grausam, ja, sogar teuflisch!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gab jedoch auch andere Stimmen. Wie auch andere Blogger rief Rachel Held Evans zu Spenden f\u00fcr WV-US auf. Matthew Paul Turner beklagte die Reaktion der meisten evangelikalen Gr\u00f6\u00dfen in den USA in \u201eThe Good News for World Vision\u201c: \u201eAber wir wissen ja, dass viele Christen Homosexualit\u00e4t wirklich hassen. Sie HASSEN sie. Und SIE M\u00dcSSEN UNS DARAN ERINNERN, WIE SEHR SIE SIE HASSEN, immer und immer wieder.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch nun kommt\u2019s: Mitte der Woche nahm WV-US den Beschluss wieder zur\u00fcck! Wieder brachte CT einen Beitrag (\u201eWorld Vision Reverses Decision To Hire Christians in Same-Sex Marriages\u201d) und zitiert darin den Pr\u00e4sidenten von WV-US, Richard Stearns: \u201eDie letzten beiden Tage waren schmerzhaft\u2026 Wir f\u00fchlen Schmerz und bedauern von Herzen, dass wir viele Freunde verwirrt haben, die in dieser \u00c4nderung der Grunds\u00e4tze der Personalpolitik eine Abkehr von der biblischen Autorit\u00e4t bei World Vision sehen. Dies war jedoch nicht beabsichtigt\u2026 Anstatt mehr Einheit [unter Christen] zu schaffen, haben wir gegen unser Absicht f\u00fcr mehr Spaltung gesorgt.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eProgressive\u201c Evangelikale wie Tony Jones nahmen diesen R\u00fcckzieher mit Schrecken auf. Der Vordenker der\u00a0<i>emerging church<\/i>: \u201eWas WV gestern getan hat, wird im gr\u00f6\u00dferen und \u00f6ffentlichen Rahmen junge Leute reihenweise aus der Kirchen und vom Glauben weg dr\u00e4ngen.\u201c Jones\u00a0zitiert einen anonymen Mitarbeiter von WV-US: \u201eHomosexuelle Menschen arbeiten bei World Vision, und heute [d.h. vor dem R\u00fcckzieher] wurde zum ersten Mal \u00f6ffentlich anerkannt, dass homosexuelle und lesbische Christen herzlich eingeladen sind, bei World mitzuarbeiten \u2013 solange sie wie alle unverheirateten Mitarbeiter bereit sind, abstinent zu leben.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Freitag erreichte der Rummel dann auch die deutsche evangelikale Presse. \u201epro \u2013 das Medienmagazin\u201c meldet: \u201e<i>World Vision US<\/i> in Personalfrage wankelm\u00fctig\u201c. Darin spricht man vom \u201eUnmut vieler Spender\u201c, denn viele h\u00e4tten \u201edamit gedroht, ihre Zahlungen an World Vision US einzustellen. Die unter anderem mittels Kinderpatenschaften aufgebrachten Spenden verwendet das Hilfswerk weltweit f\u00fcr humanit\u00e4re Hilfe an hilfsbed\u00fcrftigen Kindern, f\u00fcr Entwicklungsprogramme und die Schulausbildung von Kindern.\u201c Der Leiter von World Vision Deutschland, Christoph Waffenschmidt, nimmt zu der Debatte in den USA Stellung: \u201eWir sind \u00fcber die Ereignisse der letzten Tage nicht gl\u00fccklich.\u201c Zur umstrittenen Frage sagt er nur so viel: \u201eDer pers\u00f6nliche Lebensstil ist bei uns in Deutschland kein Thema f\u00fcr einen Arbeitgeber. Bewerber und Mitarbeiter bei World Vision Deutschland werden also nicht nach ihrer sexuellen Orientierung oder ihren Partnerschaften gefragt. Niemand wird diskriminiert.\u201c Das ist nat\u00fcrlich der kantenlose Ton eines Politikers und l\u00e4\u00dft vermuten, dass man in Deutschland schon viel \u2018weiter\u2019 als bei den US-Partnern ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>&#8222;Unsere Wahrheiten sind keine Felsen mehr, sie sind Wanderd\u00fcnen geworden\u201c<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Gewitter ist durchgezogen und die \u00fcblichen Fronten haben sich herausgebildet. Die Konservativen haben noch einmal Oberwasser bekommen; die \u201eProgressiven\u201c grollen. Was soll man von all dem halten?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vergleicht man die beiden Stellungnahmen von WV-US, kann man nur ins Stutzen geraten. Im ersten Dokument, das die neue Personalpolitik begr\u00fcndet (\u201eChange in Practice: How We Live Out Our Employee Conduct Policy\u201d), unterstreichen Stearns und der Vorstand, dass sich die Grunds\u00e4tze und Prinzipien des Werks nicht ge\u00e4ndert h\u00e4tten. Man weist auf das hohe Ansehen des Vorstands hin, zu dem \u201eviele zutiefst geistliche und weise Gl\u00e4ubige geh\u00f6ren, darunter mehrere Pastoren, eine Pr\u00e4sident eines [theologischen] Seminars und ein Theologieprofessor\u201c. Der Vorstand habe sich \u201emehrere Jahre im Gebet und in Diskussionen\u201c mit der Frage befasst. Noch immer habe man eine \u201estrikte Sicht der Autorit\u00e4t der Schrift\u201c, und noch immer m\u00fcssen alle Mitarbeiter \u201eernsthafte Nachfolger Christi\u201c sein. Die neue Position wird begr\u00fcndet, und abschlie\u00dfend wird um Respekt f\u00fcr die Entscheidung, getroffen \u201ein herzlicher Weisheit\u201c, gebeten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zwei Tage sp\u00e4ter ist in dem Schreiben ohne \u00dcberschrift, das direkt die Freunde der Organisation anredet, gleich eingangs von einem \u201eFehler\u201c die Rede (der Text ist z.B. am Ende des CT-Beitrags zu finden). Man habe auf die Kritik der \u201ePartner und christlichen Leiter\u201c geh\u00f6rt, dankt daf\u00fcr und bittet sie \u201edem\u00fctig um Vergebung\u201c. Stearns bedauert von Herzen \u201eden Schmerz und die Verwirrung\u201c, die der Beschluss bei Freunden hervorgehoben hat; man h\u00e4tte sich mehr mit den Partnern beraten m\u00fcssen. Dem \u201etraditionellen biblischen Verst\u00e4ndnis der Ehe\u201c sei man leider nicht treu geblieben \u2013 entgegen der Grundausrichtung des Werkes.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor dem Hintergrund des ersten Schreibens machen diese S\u00e4tze jedoch einfach keinen Sinn. <i>Jahrelang<\/i> habe ein gro\u00dfes Team mit Top-Leuten, darunter Vertretern vom Fach, intensiv beraten, und \u2013 wupps \u2013\u00a0 auf einmal habe es an der Beratung gemangelt? Man hat sich in deutlicher Mehrheit zum einen Entschluss durchgerungen, und kaum ist dieser bekannt geworden, wird auch er schon wieder zum Fehler erkl\u00e4rt, f\u00fcr den man sogar Bu\u00dfe tut und fast schon feierlich um Entschuldigung bittet. Ist das wirklich glaubhaft? Kommt <i>das<\/i> wirklich von Herzen? Im ersten Text ist Nachfolge Jesu mit praktizierter Homosexualit\u00e4t vereinbar \u2013 und nun auf einmal nicht mehr? Gegen\u00fcber CT sagte Stearns: \u201eBestimmte \u00dcberzeugungen sind so zentral f\u00fcr unseren trinitarischen Glauben, dass wir entschieden daran festhalten m\u00fcssen\u201c. Ein Kommentator auf TheoBlog bemerkt ganz richtig: \u201eWenn ich \u2018entschieden daran festhalten MUSS\u2019, frage ich mich, warum man es extrem kurze Zeit vorher noch verwerfen wollte? Das pa\u00dft einfach nicht!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um es deutlich zu sagen: So sehr ich auch den Beschluss vom Montag f\u00fcr falsch und eine Revision im Prinzip f\u00fcr richtig halte \u2013 ich kaufe dem Vorstand diese pl\u00f6tzliche Kehrtwende einfach nicht ab. Man mag ja zu der Erkenntnis kommen, dass die gleichgeschlechtliche Ehe in die Reihe der Fragen wie Taufe, Evolution, Rolle der Frau usw. einzuordnen sei; man mag auch zu der Einsicht kommen, praktizierte Homosexualit\u00e4t sei kein \u00dcbel und keine S\u00fcnde (WS-US geht nicht so weit, aber nehmen wir einmal an) \u2013 doch dann sollte man gute, sehr gute Gr\u00fcnde f\u00fcr die Wahrheit so einer Position haben. Ich h\u00e4tte gro\u00dfen Respekt vor der Leitung von WV-US, wenn sie \u2013 zutiefst von der Richtigkeit der eigenen Erkenntnis \u00fcberzeugt \u2013 den urspr\u00fcnglichen Beschluss ausf\u00fchrlicher erkl\u00e4rt, begr\u00fcndet und verteidigt h\u00e4tte. So aber scheint es, dass die Wahrheit von gestern heute auf einmal nicht mehr viel wert ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">CT schreibt, dass die gr\u00f6\u00dfte Pfingstkirche der USA, die \u201eAssemblies of God\u201c, den eigenen Mitgliedern schon nahegelegt hatte, nicht mehr WV-US, sondern andere Werke zu unterst\u00fctzen. Stimmen aus den Reihen der S\u00fcdlichen Baptisten (F. Graham, Mohler, Moore) lassen vermuten, dass die Stimmung in der gr\u00f6\u00dften protestantischen Kirche des Landes sich wohl ebenfalls ung\u00fcnstig f\u00fcr das Hilfswerk entwickelt h\u00e4tte. WV-US drohte ein massiver Spendenr\u00fcckgang wegen des Protests vieler konservativer Christen \u2013 und da ist dann endg\u00fcltig schluss mit lustig. Der Vorstand sah dies kommen und zog schnell die Notbremse.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Damit offenbart der ganze Vorgang allerdings eine <i>noch gr\u00f6\u00dfere<\/i> Anpassung an den Zeitgeist. Denn, wie gesagt, ein Eintreten der Leitung des Werkes <em>f\u00fcr<\/em> <i>die Wahrheit<\/i> der eigenen Auffassung h\u00e4tte mir Respekt abgen\u00f6tigt. So aber hat man mal eben die Fahne in den Wind geh\u00e4ngt und schnell versucht, zu retten, was zu retten ist. (Timothy Dalrymple weist auf \u00e4ltere \u00c4u\u00dferungen Stearns hin, die vermuten lassen, dass zumindest er im Herzen von der urspr\u00fcnglichen Position schon lange \u00fcberzeugt war.) Todd Pruitt hofft, dass mehr als reiner Pragmatismus vorliegt, dankt Gott f\u00fcr den korrigierenden Schritt. M\u00f6glicherweise kommt, wie er schreibt, ein guter Prozess in Gang. Doch wer wei\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ron Kubsch kommentiert: \u201eMeines Erachtens spiegelt die Kontroverse wider, wie sehr heute soziologische oder monet\u00e4re Kenngr\u00f6\u00dfen \u00fcber theologische Inhalte entscheiden.\u201c Wohl wahr.\u00a0 Noch drastischer formuliert: die Wahrheit selbst bleibt auf der Strecke. Schon immer haben Christen um die Wahrheit gerungen, haben die unterschiedlichen Interpretationen der Hl. Schrift argumentativ verteidigt. Doch nun hat die Wahrheit selbst einen schweren Stand, ist von der \u201eIllusion der Wahrheit\u201c die Rede, und selbst Theologen lehren uns, dass \u201eetwas wahr sein kann, was sich jemand mal so ausgedacht hat\u201c. Wir leben in einer Kultur des \u201eelegantes Unsinns\u201c, des \u201ebullshits\u201c (so H.G. Frankfurts Buch) und des Plagiarismus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Genau dies sah Francis Schaeffer schon kommen. Wir m\u00fcssen \u201ef\u00fcr die Wahrheit als Wahrheit eintreten\u201c und uns f\u00fcr \u201ewahre Wahrheit\u201c einsetzen, so sein oft wiederholtes Credo. Es reicht nicht, nur bestimmte Inhalte als wahr zu verteidigen; Christen m\u00fcssen auch das Konzept der Wahrheit als solcher, die Wichtigkeit der Kategorie Wahrheit verteidigen. Geschieht dies nicht mehr, wird vielleicht noch formell von der bleibenden Autorit\u00e4t der Bibel gesprochen, aber faktisch entscheiden andere Kriterien.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor einigen Jahren schrieb Wolfram Weimer in \u201eChrist&amp;Welt\u201c (38\/2011):<em> \u201e<\/em>Unsere Wahrheiten sind keine Felsen mehr, sie sind Wanderd\u00fcnen geworden\u201c. Wie schnell sie nun schon wandern, haben wir in der vergangenen Woche gesehen. Der bekannte deutsche Journalist, Gr\u00fcnder von \u201eCicero\u201c: \u201eDie Masse ist wieder da, nicht mehr als Mob oder Klasse oder Aufmarschtruppe bei Paraden, sondern als Ordnungsprinzip der digitalen Globalisierung. Sie bringt ausgeh\u00f6hlte Systeme der Konformit\u00e4t und Gesellschaften mit beschr\u00e4nkter Haftung hervor. Sie macht uns alle zu Schuldnern unserer Kompromisse. Die Schuldenkrise ist eine Chiffre unserer Zeit, wir haben Schulden der Identit\u00e4t, weil wir Wahrheiten nur noch fremd entlehnen, sie uns leihen, und zwar von der Masse\u2026\u201c Es gelte wieder zu lernen, so Weimer, dass \u201eWahrheiten unabdingbar sind\u201c und dass heute nicht mehr Demokratie, sondern \u201emehr Haltung\u201c zu wagen ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alexis de Tocqueville sah diese Entwicklung schon vor etwa 180 Jahren in <i>\u00dcber die Demokratie in Amerika<\/i> (1835\/40) voraus. Der gro\u00dfe Franzose prophezeite, \u201edass der Glaube an die \u00f6ffentliche Meinung eine Art Religion und deren Prophet die Majorit\u00e4t sein wird.\u201c Die \u201eabsolute Macht einer Mehrheit\u201c f\u00fchrt zu einem neuen Despotismus. Gehorsam Gott und seinen Normen, dem Glauben und den Kirchen gegen\u00fcber hat es da immer schwerer. An seine Stelle r\u00fcckt, so auch Philosoph Robert Spaemann in seinem Essay \u201eDie Zweideutigkeit des Gl\u00fccks\u201c, die \u201eAnpassung an das, was die Mehrheit erwartet\u201c. Doch \u201eAnpassung als die sozusagen moderne Alternative zum Gehorsam appelliert nicht an die Freiheit des Menschen, sondern ist ein Weichen dem Anpassungsdruck von der Mehrheit. Doch das ist kein freier Akt.\u201c Was also bleibt, ist eine andere, entstellte Form des Gehorsams, die eher unbewu\u00dfte Angleichung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tony Jones liegen die jungen Leute am Herzen, die die Kurskorrektur von WV-US angeblich vor dem Kopf st\u00f6\u00dft, ja dem Glauben entfremdet. Die Jugend lag auch Schaeffer am Herzen. Jahrzehntelang war (und ist) die L\u2019Abri-Gemeinschaft ein Magnet f\u00fcr suchende und fragende junge Menschen, ob nun gl\u00e4ubig oder nicht. Schaeffer sah aber, ganz anders als Jones, im \u201eWandel des Wahrheitsverst\u00e4ndnisses\u201c eine Tragik; der Verlust der \u201ewahren Wahrheit\u201c f\u00fchrt zu Unsicherheit und Verwirrung. \u201eDie ver\u00e4nderte Auffassung \u00fcber den Weg, der zu Erkenntnis und Wahrheit f\u00fchrt, [ist] das entscheidende Problem, das sich der Christenheit heute stellt\u201c, so Schaeffer in <i>Gott ist keine Illusion<\/i>. \u00a0Die alten Liberalen haben noch an der Wahrheit festgehalten, obwohl sie Falsches lehrten. Nun hat sich die Verachtung der Wahrheit etabliert und ist in die evangelikale Welt eingedrungen.<\/p>\n<p><em>Holger Lahayne, 29.3.2014<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><em><a href=\"http:\/\/lahayne.lt\">Quelle: www.lahayne.lt<\/a><\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor drei\u00dfig Jahren, im Mai 1984, verstarb Francis A. Schaeffer. Der Gr\u00fcnder der L\u2019Abri-Gemeinschaft war nicht nur ein gro\u00dfer Evangelist und Apologet des Christentums. Bekannt machte ihn auch seine scharfe Analyse der Kulturgeschichte wie in Wie\u00a0k\u00f6nnen\u00a0wir denn leben? Wie kaum ein anderer Theologe vor ihm durchleuchtete er moderne und postmoderne Philosophie und Wissenschaft, Literatur und [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":434,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[21,11,13],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10666"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/434"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=10666"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10666\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10673,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10666\/revisions\/10673"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=10666"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=10666"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=10666"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}