{"id":1066,"date":"2006-07-27T13:35:36","date_gmt":"2006-07-27T11:35:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=1066"},"modified":"2009-09-07T11:22:30","modified_gmt":"2009-09-07T09:22:30","slug":"die-bibel-in-gerechter-sprache","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=1066","title":{"rendered":"&#8222;Die Bibel in gerechter Sprache&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u201eBibel in gerechter Sprache\u201c \u2013 in richtiger und angemessener Sprache?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Landeskirchenamtlich bezuschu\u00dft und empfohlen, erschien zur Buchmesse 2006 im G\u00fctersloher Verlagshaus die \u201eBibel in gerechter Sprache\u201c, hrsg. von U. Bail, F. Cr\u00fcsemann u.a. Die gute Absicht von 52 \u00dcbersetzerinnen und \u00dcbersetzern, die Bibel so zu \u00fcbersetzen, da\u00df sie Frauenperspektiven ernst nimmt und sensibel f\u00fcr den christlich-j\u00fcdischen Dialog sowie f\u00fcr soziale Auseinandersetzungen erscheint, hat in den unterschiedlichen B\u00fcchern der Bibel bei durchaus unterschiedlichen \u00dcbersetzungsstrategien zu qualitativ stark divergierenden, teilweise einleuchtenden, h\u00e4ufig aber katastrophalen Ergebnissen gef\u00fchrt.<!--more-->\u00a0Einige Stichproben sollen das negative Urteil belegen. Jegliche \u00c4sthetik wird dem Text ausgetrieben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wegen angestaubter Anti-Herrschafts-Ideologie kommt die seit der \u00e4ltesten \u00dcbersetzung, der LXX, \u00fcberkommene Wiedergabe des Gottesnamens JHWH durch Herr nicht infrage. Ob Adonaj ein sinnvoller Ersatz ist (sogar im NT oft f\u00fcr Kyrios, soweit damit Gott gemeint ist!), mag der Diskussion \u00fcberlassen bleiben. Der in manchen B\u00fcchern systematische, nicht selten zwanghaft-wahnhafte Wechsel zwischen m\u00e4nnlichen und weiblichen \u00dcbersetzungs\u00e4quivalenten f\u00fcr den biblischen Gott f\u00fchrt zu religionsgeschichtlichen Absurdit\u00e4ten z.B. in Ex 34,23: Dreimal im Jahr sollen alle deine M\u00e4nner vor Ihr, der Herrin, der Gottheit Israels erscheinen\u201c (warum Jeremia wohl in 44,15ff gegen die Himmelsk\u00f6nigin wettert?) und karikiert sich selbst durch Unverst\u00e4ndlichkeit in Ex 15,3 Er ist ein Krieger, sein Name ist Sie. Auch scheinen die \u00dcbersetzerinnen selbst sich in diesem Geschlechterdickicht verlaufen zu haben. So f\u00fchrt die Technik, im Zw\u00f6lfprophetenbuch (besonders exzessiv in Hosea) den JHWH-Namen durch die Ewige wiederzugeben, in Hos 2,18 zu folgendem mehrfach r\u00e4tselhaften Vorwurf: An jenem Tag geschieht\u2019s \u2013 spricht die Ewige \u2013: Du nennst mich \u201emein Mann\u201c, und nennst mich nicht weiter \u201emein Baal, mein Herr\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dem m\u00e4nnlichen Teil der Menschheit gegen\u00fcber zeigt sich die \u00dcbersetzung verklemmt und pr\u00fcde. Vermeintlich genaue Differenzierung f\u00fchrt in Gen 2+3 zu atemberaubender H\u00e4\u00dflichkeit. Adam erscheint dort wahlweise als Adam, das Menschenwesen; der Mensch als Mann; der Mann als Mensch; der m\u00e4nnliche Mensch; der Mann-Mensch; letzte Steigerung 2,22: Adam, der Rest des Menschenwesens. Adam minus Eva gleich Rest des Menschenwesens: wie einfach, wie gerecht, wie d\u00e4mlich! W\u00e4hrend die ganzheitlichen Evas weiterhin geb\u00e4ren, d\u00fcrfen die Adamsreste nicht mehr (er)zeugen, sie bekommen ihre Kinder (Gen 5 u. \u00f6.); wo aber TM zur\u00fcckhaltend passivisch formuliert, fragt Abraham nun in Gassen-Jargon Gen 17,17: Soll etwa ein 100-J\u00e4hriger Kinder machen? Diesem Sprachniveau entspricht 3,1: Die Schlange hatte weniger an, aber mehr drauf, und so reduziert sich die S\u00fcndenfallerz\u00e4hlung auf einen kleinen Betrug 3,13: Die Schlange hat mich reingelegt. Die Sodomiten andererseits haben es anscheinend nur auf eine Schl\u00e4gerei mit den beiden Engeln abgesehen 19,6: Sie sollen uns kennenlernen! Ist Feuer vom Himmel daf\u00fcr nicht eine zu strenge Strafe? Wie spricht der Mann von Welt zur Hure am Wegrand? Gen 38,16: Na, mach schon, ich will zu dir kommen! Dickerchen Noach ist 6,9 ein rundherum gerechter Mann. Zu Abraham kommen Gen 18 nicht drei M\u00e4nner, sondern drei Gestalten. Aber warum soll Sara \u00fcber die Sohnesverhei\u00dfung nicht juchzen 18,13? Da Abraham in 17,17 jedoch lacht, geht der Bezug zwischen beiden Szenen verloren. V\u00f6llig \u00fcberfl\u00fcssige erkl\u00e4rende Zus\u00e4tze verderben den Text: Gen 17,1: Ich bin El Schaddaj, die Gottheit, die n\u00e4hrt und zerst\u00f6rt. Ebenso unn\u00f6tigerweise wird mehrdeutiger Wortlaut vereindeutigt: Abraham wird in Gen 15,6b einziges m\u00f6gliches Subjekt: Da glaubte er Adonaj und z\u00e4hlte es als eine Tat der Gerechtigkeit. So l\u00e4sst man die Argumentation des Paulus R\u00f6m 4,22 listig ins Leere laufen. Ganz locker geht Rebekka ihre Intrige gegen Esau an 27,6: Schau mal, ich habe geh\u00f6rt. Von Juda hei\u00dft es nach der Tamar-Episode in Beamtendeutsch Gen 38,26: Er wurde nicht noch einmal mit ihr intim. Von eher anr\u00fcchiger Fantasie zeugt dagegen Ri 3,22.23: Die Klinge ging zum Hintern hinaus. Ehud aber ging durch den Abort hinaus. Das Elterngebot des Dekalogs lautet nun Dtn 15,16: Dein Vater und deine Mutter sollen f\u00fcr dich Gewicht haben. Das Begehrensverbot wird gegen alle gesellschaftliche Evidenz der altisraelitischen Gesellschaft gleichm\u00e4\u00dfig auf M\u00e4nner und Frauen bezogen Dtn 5,21: Sei nicht auf den Partner oder die Partnerin anderer aus. Das Ehebruchsverbot schlie\u00dflich wird so formuliert, da\u00df es sich auch auf Lebensabschnittspartner und gleichgeschlechtliche Paare beziehen kann Dtn 5,18: Verletze keine Lebenspartnerschaft, bzw. Ex 20,14: Geh nicht fremd. Die neutestamentlichen Zitate dieses Dekalogverbots sprechen nach wie vor von Ehe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Geist Gottes ist nat\u00fcrlich auch viel zu maskulin, nun tritt generell seine Geistkraft auf. Besonders die j\u00fcdische Gottesbezeichnung Ha-Makom Ps 3ff. werden christliche Psalmbeter innig begr\u00fc\u00dfen. Ps 6,4: Du aber, du, ha-Makom, wie lange? In Jes 52,13 wird aus mein Knecht (so TM): der Mensch in meinem Dienst, in 53,3 aus dem Mann erst ein Mensch, dann eine Gestalt, damit man f\u00fcrderhin in femininen Formen von ihr sprechen (In Wahrheit trug sie unsere Krankheiten etc.) und so einen christologischen Bezug im Keim unterbinden k\u00f6nne. Vor Isebel rettete Obadja nach 1K\u00f6n 18,4 nicht 100 JHWH-Propheten (so TM), sondern 100 Prophetinnen und Propheten der Ewigen; ob er sie nach Geschlecht getrennt auf die zwei H\u00f6hlen verteilte, verr\u00e4t uns die \u00dcbersetzerin nicht. Es mu\u00df damals auch viele Amazonen gegeben haben, denn nach Ri 13,1 wurden die Israelitinnen und Israeliten \u2026 in die Gewalt der Philisterinnen und Philister gegeben, nach Ri 15,9\u201311 stiegen die Philisterinnen und Philister nach Lehi hinauf gegen Simson, worauf 3000 Jud\u00e4erinnen und Jud\u00e4er ihn in Fesseln legten, und in Ps 2 halten W\u00fcrdentr\u00e4gerinnen Kriegsrat. Die Heilige, die dort anstelle JHWHs redet, will sich entsprechend auch nicht auf das Geschlecht der Gottesgeburt festlegen. Aus unzumutbarem maskulinischen mein Sohn bist du 2,7 wird, da \u201eTochter\u201c oder \u201eKind\u201c nun doch nicht angingen: Mein bist du. Das ist die Erfindung der inklusiven L\u00fccke.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit dem Wort Sohn steht diese \u00dcbersetzung auf dem Kriegsfu\u00df. Lieber verwendet sie daf\u00fcr Kind; z.B. in Hebr 1,1\u20134 und Kol 1,13\u201320; dort findet sich auch die gewagte Wiedergabe: Und es ist das Haupt der ganzen himmlischen Versammlung. Das Kind g\u00f6ttlicher Liebe ist Anfang. Der Weltenrichter in Mt 25 wird zwar mit Herr angesprochen, er ist aber nicht der K\u00f6nig, sondern die k\u00f6nigliche Person, so da\u00df wenigstens in V 41 sie, nicht er zu den auf der Linken sprechen kann. Die Gesegneten meines Vaters in 25,34 sind zu sprachlich schwierigen Gesegnete Gottes, Vater und Mutter f\u00fcr mich, die Zw\u00f6lf im Abendmahlssaal 26,20 zur gesamten Gemeinschaft aus J\u00fcngerinnen und J\u00fcngern geworden. Im Prolog Joh 1,1 geht der \u00dcbersetzerinnenwettkampf mit Goethes Faust so aus: Am Anfang war die Weisheit! Sie wohnt unter den Menschen 1,14, nachdem sie zuvor abscheulicherweise Materie geworden war, sie, das einziggeborene Kind von Mutter und Vater; da wird die mythologische Rede nun doch wohl auf die Spitze getrieben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die (freilich durchaus prek\u00e4re) Trennlinie zwischen \u00dcbersetzung = Pr\u00e4sentation eines Textes und dessen Auslegung nach vordefinierten Interessen und Fragestellungen wird systematisch unterlaufen, indem die Auslegung derart in die \u00dcbersetzung integriert wird, da\u00df der Text ihr gegen\u00fcber seine Eigenst\u00e4ndigkeit verliert. Aus ideologischer Verbiesterung wird so eine \u201e\u00dcbersetzung\u201c der Bibel geschaffen, die in wichtigen Teilen durch sprachliche H\u00e4\u00dflichkeit abschreckt, sachlich irref\u00fchrt und so viele Br\u00fccken zwischen AT und NT abbricht wie m\u00f6glich. Wenn einige dieser Leute so viel besser als die biblischen Autoren wissen, wie diese h\u00e4tten formulieren sollen, warum schreiben sie nicht die Bibel auf eigene Verantwortung neu, statt die unglaubw\u00fcrdige Behauptung aufzustellen, sie h\u00e4tten sie \u00fcbersetzt?<\/p>\n<p><em>Aus:\u00a0 Theologische Quartalschrift, Bd. 186 (2006), 4, S. 343-345<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eBibel in gerechter Sprache\u201c \u2013 in richtiger und angemessener Sprache? Landeskirchenamtlich bezuschu\u00dft und empfohlen, erschien zur Buchmesse 2006 im G\u00fctersloher Verlagshaus die \u201eBibel in gerechter Sprache\u201c, hrsg. von U. Bail, F. Cr\u00fcsemann u.a. 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