{"id":10645,"date":"2014-03-26T09:56:14","date_gmt":"2014-03-26T08:56:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=10645"},"modified":"2014-03-26T10:01:50","modified_gmt":"2014-03-26T09:01:50","slug":"ein-schwert-namens-ukraine-das-uns-durch-die-seele-dringt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=10645","title":{"rendered":"Ein Schwert namens Ukraine, das uns durch die Seele dringt."},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Ist es nicht so, dass wir noch vor kurzem \u00fcber die Ukraine nicht allzu viel nachgedacht haben? Und nun ist sie zu einer Art Zeichen geworden, dem widersprochen werden muss. Ich kann mich an kein anderes Thema erinnern, mit dem sich so viele Tausende von Kommentaren im Internet besch\u00e4ftigt haben. Wenn man das liest, dann wird es schnell deutlich, dass bei den meisten von ihnen \u00fcberhaupt nicht die Ukraine das Thema ist, sondern unsere eigenen Entscheidungen, Kreuzwege, Sehns\u00fcchte und \u00c4ngste. Die Ukraine ist wie ein Schwert, das durch die Seele dringt, um das Empfinden vieler Herzen zu offenbaren. Die Spitze des Schwertes wurde bei den \u201egr\u00fcnen Buben\u201c (so bezeichnen die Ukrainer die Soldaten in gr\u00fcnen Uniformen \u201eunbekannter\u201c Herkunft ohne irgendein Kennzeichen) deutlich erkennbar. Der russische Pr\u00e4sident Putin sagte recht unverbl\u00fcmt, dass es Einheiten des Selbstschutzes der friedlichen Einwohner der Ukraine gewesen seien. Ihr Auftreten in der Ukraine f\u00fchrte in der ganzen Welt zu einem Ausbruch von Emotionen.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier in Lettland begr\u00fc\u00dfte die Gesellschaft &#8222;Russisches Morgenrot&#8220; und deren f\u00fchrender Ideologe Ilarion Girsa in einer Spalte im Internet den russischen Einmarsch in die Ukraine als russischen Fr\u00fchling. Die ver\u00f6ffentlichten Fotos sagen mehr aus als Worte: endlich ist der edle russische B\u00e4r\u00a0 erwacht und hat den Schlaf abgesch\u00fcttelt, aber die bellenden Hunde fliehen mit eingezogenem Schwanz. Wichtiger als die europ\u00e4ische Freiheit erweist sich das nationalistische Gef\u00fchl einer Zugeh\u00f6rigkeit zur Waffengewalt des Imperiums. \u00dcber ihre Sehns\u00fcchte gibt es keinen Zweifel. Die Nutzung der Waffengewalt der Streitkr\u00e4fte zur Verteidigung der russischen Interessen auch au\u00dferhalb der gegenw\u00e4rtigen Grenzen Russlands wird als das Handeln, das einer edlen Gro\u00dfmacht w\u00fcrdig ist, gefeiert. Was hat einen Teil der Russen in Lettland 20 Jahre seit unserer Unabh\u00e4ngigkeit und 10 Jahre nach unserem Eintritt in die Europ\u00e4ische Union in solche Sehns\u00fcchte getrieben? Ist es nur die tief verwurzelte \u00dcberzeugung von der ethnischen russischen \u00dcberlegenheit, die es nicht zul\u00e4sst, dass sie sich vern\u00fcnftig ausdr\u00fccken? Oder sollte es das sein, dass die Letten als Staatsnation (um einen Ausdruck von E. Levits zu gebrauchen) die Verantwortung f\u00fcr den Staat und f\u00fcr alle, die in ihm leben, \u00fcbernommen h\u00e4tten?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Demgegen\u00fcber verurteilen viele Letten gemeinsam mit der ganzen westlichen Welt Russland als brutalen Aggressor, der unter der Nichtbeachtung aller internationalen Gepflogenheiten einen Teil des Gebietes der Ukraine besetzt hat. Die Vertreibung des Pr\u00e4sidenten Janukovi\u010d betrachten sie als einen Ausdruck des gerechten Willens des Volkes und stellen sich deshalb auf die Seite der neuen Machthaber. Russland betont zwar, dass das alles nicht verfassungsgem\u00e4\u00df abgelaufen sei, dass jedoch auch Lettland seine Freiheit erhalten h\u00e4tte auf einem Wege, der der Verfassung der Sowjetunion widerspricht. Es sei doch der Ausdruck des Willens des Volkes gewesen, der nach Ansicht der f\u00fchrenden Pers\u00f6nlichkeiten des Westens dem Vorgang Gesetzeskraft gibt. Das betr\u00e4fe auch heute die Ukraine mit ihrer neuen vorl\u00e4ufigen Regierung und den Pr\u00e4sidenten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dennoch h\u00f6rt man neben den offiziellen russischen Erkl\u00e4rungen auch andere Worte, die vermuten lassen, dass eine wesentliche Triebkraft der Ereignisse in der Ukraine die Erkenntnis gewesen sei, dass Russland ohne die Ukraine keine Gro\u00dfmacht sein k\u00f6nne und dass es gut w\u00e4re, wenn es gel\u00e4nge, die Ukraine in die Europ\u00e4ische Union einzugliedern und damit die russischen Tr\u00e4ume von einer m\u00f6glichen Eurasischen Union als bedeutendes Gegengewicht zu den USA und Westeuropa zu zersetzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Genau das geht aus den offiziellen Erkl\u00e4rungen \u00fcber den Einsatz der Streitkr\u00e4fte zum Schutz der russisch sprechenden Einwohner mit den Worten von \u201eunserer Ukraine\u201c hervor, ohne die der heilige Gral Russlands &#8211; die Welt der Russen &#8211; nicht erreicht werden k\u00f6nne. Die Petersburger Soziologin Maria S\u0146egovaja schreibt, dass die Ansicht falsch sei, dass es im Kreml keine Ideen g\u00e4be und dass das Regime der postsowjetischen Zeit nur aus einer Elite best\u00e4nde, die den Reichtum an sich risse. Der Angriff auf die Ukraine weise darauf hin, dass die Motivation Wladimir Putins sich viel weiter entwickelt h\u00e4tte, und dass das erst der Anfang der neuen Weltpolitik Russlands sei. Putin w\u00fcrde viele B\u00fccher lesen, aber ganz andere als diejenigen, aus der die westlichen Ideologen ihre Erkenntnisse herleiten. Die von ihm bevorzugte Literatur seien die Werke der Philosophen des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts Wladimir Solowjew und Nikolai Berdjajew, die er fast allen Gouverneuren und Parteifreunden seiner Partei &#8222;Vereintes Russland&#8220; geschenkt habe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch viele lettische lutherische Pfarrer haben diese im orthodoxen Christentum verwurzelten Autoren mit Gewinn gelesen. Aber es ist dort neben den geistlichen Inhalten auch von der Weltpolitik die Rede, von der Unvereinbarkeit der Wertvorstellungen Europas und Russlands und von der besonderen Bedeutung der Verbreitung der Orthodoxie und deren Entfaltung in den besetzten L\u00e4ndern. Als sich ukrainische Orthodoxe an das Moskauer Patriarchat mit der Bitte wandten, es m\u00f6chte seinen Einfluss nutzen und die Ukrainer bitten, gegen den Einzug russischer Streitkr\u00e4fte keinen Widerstand zu leisten, empfahl der orthodoxe Pressedienst den Ukrainern, sich nicht gegen die &#8222;russischen Friedensbewahrer&#8220; zu wehren, und erkl\u00e4rte das damit, dass &#8222;das russische Volk eine gespaltene Nation auf ihrem historischen Territorium sei, die das Recht h\u00e4tte, sich zu einem gemeinsamen Staatsk\u00f6rper wieder zu vereinigen.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Snegovaja berichtet weiter, dass es noch ein im Kreml viel gelesenes Buch g\u00e4be &#8211; &#8222;Das Dritte Imperium&#8220; von Mihail Jurjew, ein 2006 erschienener Roman. Seine Entstehung begann mit der zweiten Wiederkehr Putins zur Macht, der allm\u00e4hlich die uralten russischen Gebiete wie Wei\u00dfrussland, Abhasien, Kasachstan, Turkmenistan und andere wieder zu vereinigen versucht, aber alles habe mit einem Knall in der Ukraine begonnen. Dessen Volk erhebe sich gegen die Herrschaft des Westens und spreche den Wunsch aus, sich Russland anzuschlie\u00dfen, das dann 80000 Soldaten in den Osten der Ukraine einmarschieren lie\u00df. Ist das Huntingtons Zivilisations-Crash, die vielleicht gerade eben begonnen hat? Angesichts der lettischen historischen Erfahrungen k\u00f6nnen solche Versuche des Aufbaus eines russisch-orthodoxen Imperiums schon Angst machen. Doch \u00fcberrascht k\u00f6nnen wir feststellen, dass das nicht unbedingt so sein muss. Denken wir doch an Imants Kalni\u0146\u0161 zur\u00fcck, der sich zur Zeit der Sowjets nicht gef\u00fcrchtet hat, vom \u201eZweiten Imperium\u201c Russlands zu sprechen. Doch jetzt spricht man von der Zukunft in Verbindung mit einem \u201eDritten Imperium\u201c. Dabei spricht man nicht viel von der wirtschaftlichen Zusammenarbeit &#8211; wir alle freuen uns ja \u00fcber das russische Gas und das russische Geld.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In j\u00fcngster Zeit habe ich beobachtet, dass viele Letten von \u00e4hnlichen Gedanken bewegt werden. Viele haben den Eindruck, dass sich die westliche Zivilisation in eine Richtung bewegt, bei der das Normale verurteilt und sogar strafbar wird. Die Weigerung der Eurokraten und europ\u00e4ischen Regierungen, die Mehrheit des eigenen Volkes zur Kenntnis zu nehmen wie zum Beispiel die Proteste der Massen in Frankreich gegen den Abbau der Ehe, hat zu einer w\u00fctenden Hoffnungslosigkeit und zum Empfinden der Schw\u00e4chung der Demokratie gef\u00fchrt. Mit heimlicher Gewalt werden die neuen Ideen der Geschlechtlichkeit aufgen\u00f6tigt. So hat das oberste Gericht Italiens einen 60 Jahre alten P\u00e4dophilen freigesprochen und diesen Freispruch mit den positiven Gef\u00fchlen des T\u00e4ters gegen\u00fcber seinem 11 j\u00e4hrigen Opfer begr\u00fcndet. Und es ist die Sorglosigkeit, mit der man im benachbarten Ausland Kinder zur Adoption durch Familien frei gibt, die dem traditionellen Bild einer Familie nicht entsprechen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Blick auf diesen unvern\u00fcnftigen Hintergrund muten die Worte Wladimir Putins \u00fcber die traditionellen christlichen Wertvorstellungen und die Bedeutung des Glaubens bei der Erziehung wirklich wie Aussagen des gesunden Menschenverstandes an. Er kann einem fast vorkommen wie der Gesalbte aus Kyrus aus dem Buch des Propheten Jesaja Kapitel 45, den Gott an die rechte Hand nimmt, um die babylonische Gefangenschaft zu beenden. Ich wei\u00df nicht, ob unsere Abgeordneten im Europ\u00e4ischen Parlament dar\u00fcber ernsthaft nachgedacht hatten, als sie dem Antrag von Luna\u010denka zustimmten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir brauchen uns nicht dar\u00fcber zu wundern, dass viele Kommentare in lettischer Sprache dem russischen Handeln auf der Krim zustimmen und dabei darauf\u00a0 hinweisen, dass die USA bei der Wahrnehmung ihrer Interessen \u00e4hnlich gehandelt h\u00e4tten. Dazu kommt noch die Erfahrung, dass sich Europa mit den Sanktionen nicht beeilt. Au\u00dferdem meint Russland, dass der Westen keine Wertegemeinschaft sei. Russland hat viel Geld. Der au\u00dfenpolitische Experte des Europarates Ben Judah schreibt, dass die f\u00fchrenden Pers\u00f6nlichkeiten Russlands heute nicht mehr den Respekt vor dem Westen h\u00e4tten wie w\u00e4hrend des Kalten Krieges, denn sie h\u00e4tten gesehen, wie dienstbeflissen die westlichen Aristokraten, Bankiers und Juristen angesichts der russischen Milliarden werden. Sie haben es gesehen, wie westliche Staaten miteinander wetteifern um den Preis, der beste Gesch\u00e4ftspartner Russlands in der EU zu sein, und sich dabei vorgenommen haben, nicht mehr \u00fcber die Menschenrechte zu reden. L\u00f6sen wir doch die G8 auf! Wen k\u00fcmmert das?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Andererseits sollten wir uns daran erinnern, dass alle Reden gegen die Homosexualit\u00e4t noch keine christlichen Werte sind. Christliche Werte sind viel mehr die Beachtung der menschlichen Pers\u00f6nlichkeit, soziale Gerechtigkeit, Gleichberechtigung, Freiheit. Unsere ganze Konzeption von den Menschenrechten kommt von der christlichen Auffassung \u00fcber den Wert und die W\u00fcrde eines jeden Menschen her, denn jeder Mensch ist zum Gleichnis Gottes erschaffen. Ist Russland wirklich solch eine Festung der christlichen Werte im Vergleich mit Europa, im Vergleich mit Lettland? Sind wir bereit, Kyrus zu bitten, uns zu erobern und uns vom westlichen Babel zu befreien? Oder sollten wir nicht lieber die sechs Jagdflugzeuge der NATO willkommen hei\u00dfen und mit deren Hilfe unsere Werte in der Gemeinschaft der westlichen Demokratien verteidigen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon lange h\u00e4tte ich die Gegner der gleichgeschlechtlichen Ehe gern gefragt, ob wir mit der gleichen Entschlossenheit auch f\u00fcr andere traditionelle Werte einstehen. Sind die 40 % oder noch mehr Heterosexuelle, die zusammenleben ohne verheiratete zu sein, nicht die gr\u00f6\u00dfte Gefahr f\u00fcr die Institution der Ehe? Was hat es f\u00fcr einen Sinn, die besondere Bedeutung der Ehe in der Verfassung zu betonen und sie im t\u00e4glichen Leben zu brechen? Was hat es f\u00fcr einen Sinn, sich mit den Russen wegen der lettischen Sprache zu verfeinden und diejenigen abzutreiben, die in der Zukunft lettisch sprechen sollten? Wenn wir die christlichen Werte nur auf einem Gebiet verteidigen, aber die anderen gerne dem Hedonismus (denjenigen, f\u00fcr die die Lust das h\u00f6chste Gut ist) \u00fcberlassen, dann haben wir es verdient, dass man uns als Lustmenschen bezeichnet. Christliche Werte sind keine Selbstbedienungstafel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Gro\u00dfm\u00e4chte dieser Welt haben sich um die Ukraine herum gegeneinander versammelt, je nach ihrem weltpolitischen Interesse. Welchen Rat geben wir da der Ukraine selbst? Soll sie nach links gehen, wo man Maidans nicht dulden wird, oder nach rechts? Der Maidan in Kiew war kein Zeichen gegen Russland oder f\u00fcr die Europ\u00e4ische Union. Die Maidan-Aktivistin Aleksandra Kowa\u013cowa schrieb, dass die Menschen auf dem Maidan sich gegen ein Regime des Banditentums, der Korruption und Gewaltt\u00e4tigkeit erhoben haben. Sie traten f\u00fcr ihre W\u00fcrde, f\u00fcr Gerechtigkeit und f\u00fcr ihre Zukunft ein. F\u00fcr einen guten und normalen Staat, f\u00fcr ihre eigene Ukraine. Sie sind doch gro\u00df und stark, sie k\u00f6nnen es schaffen. Man sollte sie dabei nicht st\u00f6ren, sondern ihnen helfen und sie unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was bedeutet das f\u00fcr uns? Haben wir die Kraft, um uns vom Janukovi\u010dismus in unserem eigenen lettischen Staat zu befreien? Haben wir in unserem Land auf der halben Strecke zwischen Br\u00fcssel und Moskau eigene Werte? Christliche? Nationale? Staatliche? Menschliche? Patriotische? Haben wir noch einen Traum, um den herum wir uns sammeln k\u00f6nnen, um dort zu stehen, wo wir sind &#8211; in Lettland &#8211; f\u00fcr unsere W\u00fcrde, unseren Glauben, unser Vaterland, unsere Freiheit, unsere Zukunft? F\u00fcr unseren guten und normalen Staat. Lasst uns f\u00fcr die Ukraine beten, dass ihr das gelingen m\u00f6ge. Lasst uns auch f\u00fcr Lettland beten. Lasst und beten und arbeiten! Gott helfe uns dabei!<\/p>\n<p><em>Quelle: Sv\u0113tdienas R\u012bts, Zeitschrift der Evangelisch-lutherischen Kirche Lettlands, Ausgabe Nr. 3 (3880)\u00a0M\u00e4rz 2014.<br \/>\n\u00dcbersetzung: Johannes Baumann<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ist es nicht so, dass wir noch vor kurzem \u00fcber die Ukraine nicht allzu viel nachgedacht haben? Und nun ist sie zu einer Art Zeichen geworden, dem widersprochen werden muss. 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