{"id":10609,"date":"2014-03-17T13:13:38","date_gmt":"2014-03-17T12:13:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=10609"},"modified":"2014-03-19T12:38:31","modified_gmt":"2014-03-19T11:38:31","slug":"martin-luther-und-die-juden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=10609","title":{"rendered":"Martin Luther und die Juden"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Frankreich ist gl\u00fccklich zu preisen,\u00a0 weil es anders als Deutschland nicht von den Juden \u201einfiziert\u201c ist! Denn das Judentum ist eine \u201ePest, wie sie feindseliger und geh\u00e4ssiger gegen\u00fcber der Lehre Christi nicht zu finden ist\u201c. Diese S\u00e4tze lesen wir bei dem Humanistenf\u00fcrsten Erasmus von Rotterdam. Sie zeigen uns zweierlei: Die Verbreitung der Judenfeindschaft quer durch alle religi\u00f6sen und weltanschaulichen Gruppen der fr\u00fchen Neuzeit. Und die ungleiche Verteilung der Juden in Europa. Nicht nur in Frankreich gab es um 1500 l\u00e4ngst keine Juden mehr, auch aus England waren sie seit \u00fcber 200 Jahren vertrieben, Spanien und Portugal hatten sich ihrer Juden gegen Ende des 15. Jahrhunderts entledigt.<!--more--> Im Heiligen R\u00f6mischen Reich deutscher Nation hingegen sah es zu Erasmus\u2019 Bedauern anders aus, hier lebten Juden. Allerdings nicht \u00fcberall. Die dezentrale Struktur des Reiches, die seine politische Landkarte zu einem Fleckenteppich weitgehend selbst\u00e4ndiger Territorien und Reichsst\u00e4dte machte, wirkte sich auch auf die Verbreitung der Juden aus. Etliche Reichsterritorien hatten die Juden vertrieben. Unter den Reichsst\u00e4dten hatten sogar die meisten ihre Juden verjagt. In anderen Gebieten und einigen St\u00e4dten dagegen gab es j\u00fcdische Gemeinden. Hier und dort durften Juden zwar nicht innerhalb der Stadtmauern wohnen, aber auf dem Land siedeln und tags\u00fcber hereinkommen, um Handel zu treiben. Die Lage konnte sich auch von einem Tag zum anderen \u00e4ndern \u2013 heute vertrieb man die Juden, morgen lie\u00df man sie wieder zu, wof\u00fcr im einen wie im anderen Fall meist wirtschaftliche Gr\u00fcnde ma\u00dfgeblich waren. Kaum etwas besch\u00e4ftigte die Anf\u00fchrer der deutschen Juden so sehr wie das Bem\u00fchen um Siedlungs- und Aufenthaltsrechte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So befremdet, ja emp\u00f6rt wir vielleicht fragen, wie solches Verhalten der damaligen Mehrheitsgesellschaft gegen\u00fcber den Juden m\u00f6glich war \u2013 in der Perspektive jener Zeit stellte sich die Frage umgekehrt: Wie war es \u00fcberhaupt m\u00f6glich, da\u00df Juden in christlichen L\u00e4ndern leben durften? Hegten die Zeitgenossen doch eigentlich die feste \u00dcberzeugung, da\u00df es in einem christlichen Staat nur einen, nur den rechten Glauben geben d\u00fcrfe. Ketzer aller Art bekamen das blutig zu sp\u00fcren; kaum regte sich eine h\u00e4retische Abweichung, schlug das Ketzerrecht zu, drohte der Feuertod. Die Frage nach dem Existenzrecht von Menschen falschen Glaubens in christlichen Gebieten war alt. Seit das Christentum im alten Imperium Romanum die Oberhand gewann und schlie\u00dflich Staatsreligion wurde, setzte sich mehr und mehr die Ansicht durch, da\u00df nun auch das Reichsganze christlich, und zwar rechtgl\u00e4ubig christlich zu sein hatte und da\u00df der Kaiser verantwortlich war, auch mit seinen Mitteln daf\u00fcr zu sorgen. Bereits Kaiser Konstantin, der die Hinwendung des R\u00f6mischen Reiches zum Christentum einleitete, griff in die innerkirchlichen K\u00e4mpfe um die rechte Lehre ein; bereits Ende des 4. Jahrhunderts wurden Abweichungen vom rechten Glauben durch Staatsgesetz verboten. Bald darauf wurde jede Form des Heidentums untersagt. Mu\u00dfte man also nicht auch gegen die Juden vorgehen? Waren sie nicht jedenfalls noch schlimmer als die Ketzer, da sie den christlichen Glauben nicht nur falsch lehrten und lebten, sondern \u00fcberhaupt ablehnten? Wie in vielen Fragen war es auch an diesem Punkt der Kirchenvater Augustin, der die Weichen f\u00fcr die Zukunft stellte. In seinem gro\u00dfen Werk De civitate Dei schreibt der nordafrikanische Theologe: \u201eDie Juden, die Jesus dem Tod \u00fcberliefert haben und nicht an ihn glauben wollten, dienen uns durch ihre Schriften zum Zeugnis, da\u00df wir Christen die Weissagungen \u00fcber Christus nicht erfunden haben. \u2026 Gott hat also der Kirche in ihren Feinden, den Juden, die Gnade seines Erbarmens erwiesen.\u201c Deshalb hat er sie nicht vernichtet und geboten, sie nicht zu vernichten, ja mehr noch, deshalb hat er auch befohlen, sie \u00fcber die ganze Welt zu zerstreuen; \u201edenn w\u00e4ren sie mit ihrem Schriftzeugnis nur in ihrem eigenen Land und nicht \u00fcberall anzutreffen, so k\u00f6nnte die Kirche, die \u00fcberall ist, sie nicht bei allen V\u00f6lkern als Zeugen f\u00fcr die Weissagungen zur Verf\u00fcgung haben, die \u00fcber Christus vorausgeschickt worden sind.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe Augustin hier so ausgiebig angef\u00fchrt, weil seine Argumente weit \u00fcber das folgende Jahrtausend hinaus die vorherrschende Begr\u00fcndung daf\u00fcr abgaben, da\u00df Juden, anders als Ketzer, unter Christen leben durften. Es ist eine Begr\u00fcndung, die zwei Voraussetzungen macht: Zum einen geht sie selbstverst\u00e4ndlich davon aus, da\u00df die Juden als Menschen, die nicht an Jesus Christus glauben, religi\u00f6s im Irrtum sind und das Heil verspielt haben \u2013 es sei denn, sie bekehren sich zu Christus, womit sie aufh\u00f6ren, Juden zu sein; die Definition des Jude- oder Nichtjudeseins ist also rein religi\u00f6s, nicht rassisch. Zum anderen setzt Augustin voraus, da\u00df die Heilige Schrift der Juden, das Alte Testament, in ihren Weissagungen Jesus Christus bereits eindeutig bezeugt, da\u00df deren Leser also, wenn sie denkf\u00e4hig und gutwillig sind, Christus auch darin erkennen k\u00f6nnen. Darum ist die j\u00fcdische Zur\u00fcckweisung Christi ganz unverst\u00e4ndlich und kann nur als Ausdruck von Starrsinn betrachtet werden. Indem sie an dem bereits Christus bezeugenden Alten Testament festhalten, legen die Juden also wider Willen, damit aber umso objektiver, Zeugnis f\u00fcr den ab, den sie ablehnen. Ihrer doppelgesichtigen Rolle gegen\u00fcber dem Christentum entspricht die Reaktion Gottes auf ihr Verhalten: F\u00fcr ihren Starrsinn hat sie Gott mit der Zerstreuung \u00fcber die ganze Welt bestraft. Zugleich aber hat er mit dieser Zerstreuung einen guten Zweck verbunden: Dadurch ist auch das Alte Testament \u00fcberall auf der Welt pr\u00e4sent, kann die Kirche \u00fcberall auf dieses Zeugnis verweisen, das ihr sogar von denen geleistet wird, die sie und ihre Verk\u00fcndigung ablehnen. Aus alledem folgt: Die Christen m\u00fcssen den Juden, als einziger Gruppe ohne den rechten Glauben, gestatten, unter ihnen zu leben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An dieser Generallinie hielt die lateinische Kirche fest, das Papsttum und viele Bisch\u00f6fe sch\u00e4rften sie einmal st\u00e4rker, einmal schw\u00e4cher, doch grunds\u00e4tzlich immer wieder ein. Ungetauft und das Bekenntnis zu Christus wie zur g\u00f6ttlichen Dreieinigikeit ablehnend, konnten Juden zwar nur B\u00fcrger zweiter Klasse mit eingeschr\u00e4nkten Rechten sein; es war legitim, ihnen das Leben mit allen m\u00f6glichen Einschr\u00e4nkungen bez\u00fcglich des Wohnorts, der Berufswahl, der Kleidung schwer zu machen und sie mit finanziellen Sonderlasten zu beladen. Doch existieren durften sie, und zwar als Juden existieren: mit ihrem eigenen Kultus, ihren Synagogen, Schulen und Friedh\u00f6fen. Auch die Kaiser bekr\u00e4ftigten ihr Lebensrecht. Sie nahmen sie als ihre \u201eKammerknechte\u201c unter ihren besonderen Schutz, der freilich nicht selten auch mit besonderer finanzieller Ausbeutung verbunden war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die p\u00e4pstlichen und kaiserlichen Mahnungen waren umso notwendiger, als die Argumentation Augustins nicht \u00fcberall geteilt und den Juden ihr Lebensrecht unter Christen je l\u00e4nger desto st\u00e4rker in Wort und Tat bestritten wurde. Der Vorwurf, da\u00df die Juden Christus ablehnten und ihn sogar get\u00f6tet, sich dabei als wahrhaftige Gottesm\u00f6rder erwiesen h\u00e4tten, f\u00fchrte namentlich seit den Kreuzz\u00fcgen immer wieder zu Pogromen. Im Sp\u00e4tmittelalter kamen neue Anklagen hinzu, die, oft von M\u00f6nchspredigern verbreitet, landauf, landab fanatisierte Massen zu Mord und Todschlag anstachelten: Hostiendiebstahl zur Sch\u00e4ndung des sakramentalen Leibes Christi, Ritualmord an christlichen Kindern zur Gewinnung von Blut f\u00fcr magische Praktiken, Brunnenvergiftung zur Ausl\u00f6sung des Schwarzen Todes, dazu immer wieder der Vorwurf des Wuchers, der finanziellen \u00dcbervorteilung von Christen. Gleichzeitig liefen die gro\u00dfen Vertreibungen in Westeuropa ab sowie die regionalen im Heiligen R\u00f6mischen Reich. Wenn es p\u00e4pstlichen oder kaiserlichen Einspruch gab, drang der bestenfalls in Einzelf\u00e4llen durch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Martin Luther war B\u00fcrger des Heiligen R\u00f6mischen Reiches, in dem es Juden gab. Er wu\u00dfte \u00fcber ihre bedr\u00fcckenden Lebensumst\u00e4nde Bescheid. Doch zu seinem pers\u00f6nlichen Umfeld geh\u00f6rten sie nicht. Die Orte seiner bewu\u00dften Kindheit und Jugend, Mansfeld, Magdeburg und Eisenach, waren St\u00e4dte ohne Juden, aus Erfurt, dem Ort seines Studiums, seiner Klosterzeit und seiner ersten Jahre als Professor, waren Juden in der Mitte des 15. Jahrhunderts vertrieben worden, dasselbe Schicksal hatten sie in Wittenberg erlitten, wo Luther die zweite H\u00e4lfte seines Lebens verbrachte. Aus Kursachsen wurden sie seit dem 15. Jahrhundert \u00fcberhaupt nach und nach verjagt \u2013 wir werden darauf zur\u00fcckkommen. Die einzige Stadt mit j\u00fcdischen Bewohnern, in der Luther sich l\u00e4ngere Zeit aufhielt, war Eisleben \u2013 auch das wird uns noch besch\u00e4ftigen. Zur Begegnung mit Juden kam es nur einige wenige Male, vielleicht sogar nur ein einziges Mal, n\u00e4mlich als Luther in Wittenberg Besuch von durchreisenden Juden erhielt. Das Judentum war f\u00fcr ihn zeitlebens eine zentrale theologische Gr\u00f6\u00dfe \u2013 als Ausleger der Heiligen Schrift, der er ja hauptberuflich war, hatte er am Schreibtisch, am Katheder und auf der Kanzel sozusagen tagt\u00e4glich mit ihnen zu tun. Doch zeitgen\u00f6ssische Juden aus Fleisch und Blut hat er kaum je, Juden in ihrer eigenen Lebenswelt hat er niemals gesehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Umso erstaunlicher ist es, da\u00df er in der Fr\u00fchzeit der Reformation mit einem Paukenschlag zum Verh\u00e4ltnis von Christen und Juden Stellung nahm, der von den Zeitgenossen als geradezu revolution\u00e4r empfunden wurde, mit der kleinen Schrift \u201eDa\u00df Jesus ein geborener Jude sei\u201c, verfa\u00dft im Fr\u00fchjahr 1523. Es war die Aufbruchszeit der Reformation. Luther war seit einem Jahr wieder in Wittenberg, nachdem er, exkommuniziert und ge\u00e4chtet, neun Monate versteckt auf der Wartburg verbracht hatte. Zusammen mit seinen Wittenberger Kollegen ging er an die Aufbauarbeit. Die evangelische Predigt hatte ungeheuren Erfolg, landauf, landab fielen ihr die Menschen in Massen zu. Was nun dringend geschehen mu\u00dfte, war die Umgestaltung des christlichen Lebens und der kirchlichen Strukturen nach evangelischen Grunds\u00e4tzen. Das Fundament hatte Luther von der Wartburg mitgebracht, das ins Deutsche \u00fcbersetzte Neue Testament. Jetzt waren die Konsequenzen der nun allgemein zug\u00e4nglichen biblischen Botschaft auszuformulieren und umzusetzen. Im Jahr 1523 legte Luther Schlag auf Schlag eine Reihe grundlegender Schriften zur evangelischen Neuordnung der verschiedensten Lebensbereiche vor: Gemeindeaufbau, Gottesdienst, Diakonie, Politik \u2013 das alles wurde neu durchdacht, zu allem wurden Vorschl\u00e4ge f\u00fcr eine neue Praxis gemacht. Und mittendrin der Aufruf zu einer radikalen Erneuerung auch im Verhalten gegen\u00fcber den Juden. \u201eSie haben mit den Juden gehandelt, als w\u00e4ren es Hunde und nicht Menschen.\u201c \u201eWenn ich ein Jude gewesen w\u00e4re, \u2026 so w\u00e4re ich eher eine Sau geworden denn ein Christ.\u201c Dabei sind \u201edie Juden von dem Gebl\u00fct Christi; wir sind Schw\u00e4ger und Fremdlinge, sie sind Blutsverwandte, V\u00e4ter und Br\u00fcder unseres Herrn. Wenn man sich also des Fleisches und Blutes r\u00fchmen sollte, dann geh\u00f6ren die Juden ja n\u00e4her zu Christus als wir, wie auch Paulus im R\u00f6merbrief, Kapitel 9 sagt. Auch hat Gott es mit der Tat bewiesen, denn solch gro\u00dfe Ehre wie den Juden hat er niemals einem heidnischen Volk getan. Denn es ist nie ein Patriarch, ein Apostel, ein Prophet aus den Heiden erhoben worden, dazu auch gar wenige rechte Christen. Und wenngleich das Evangelium aller Welt kundgetan ist, so hat Gott doch keinem anderen Volk die Heilige Schrift, d.h. das Gesetz und die Propheten, anbefohlen als den Juden.\u201c Doch wir \u201ebehandeln sie nur mit Gewalt und gehen mit L\u00fcgengeschw\u00e4tz um, werfen ihnen vor, da\u00df sie Christenblut haben m\u00fcssen, damit sie nicht stinken, und wer wei\u00df, was es sonst noch an n\u00e4rrischem Unsinn gibt, da\u00df man sie geradezu f\u00fcr Hunde h\u00e4lt\u2026 Ebenso, da\u00df man ihnen verbietet, unter uns zu arbeiten, Handel zu treiben und andere menschliche Gemeinschaft mit uns zu haben, womit man sie zum Wuchern treibt. Wie sollte sie das bessern?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Tat ein Paukenschlag: Der Wittenberger gab die Schuld an allem, was zwischen Juden und Christen schlecht lief, den Christen. Er nannte todbringende Vorw\u00fcrfe wie die Ritualmordanklage reine L\u00fcgenm\u00e4rchen und f\u00fchrte j\u00fcdischen Wucher auf die Ausgrenzung vom normalen Wirtschaftsleben zur\u00fcck, die die Juden von den Christen erfuhren. Er hob am Verh\u00e4ltnis der Juden zu Christus nicht hervor, da\u00df sie ihn get\u00f6tet h\u00e4tten, sondern da\u00df sie seine Blutsverwandten seien \u2013 da\u00df Jesus Christus eben selbst ein geborener Jude sei, wie schon der Titel der Schrift programmatisch sagt. Und er forderte, da\u00df ver\u00e4chtliche Schikanen und Gewalt gegen sie ebenso ein Ende haben m\u00fc\u00dften wie Berufsverbote und Segregation; es m\u00fcsse den Juden erlaubt sein, unter den Christen zu\u00a0 siedeln und normaler Arbeit nachzugehen, ja sogar, Christen zu heiraten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Solcher Neuanfang im Verhalten der Christen zu den Juden folgt nach Luther aus der Reformation. Wie die reformatorische Neuentdeckung des Evangeliums auf allen m\u00f6glichen innerkirchlichen Feldern grundlegenden Wandel gebracht hat, so soll es auch an dieser Stelle sein. Denn es ist die Papstkirche, die die Juden so uns\u00e4glich \u00fcbel behandelt hat und noch behandelt. So wie sie das Evangelium verdunkelt hat, so auch die Konsequenzen, die sich daraus f\u00fcr das Handeln der Christen ergeben: \u201eunsere Narren, die P\u00e4pste, Bisch\u00f6fe, scholastischen Theologen und M\u00f6nche, die groben Eselsk\u00f6pfe, sind bisher so mit den Juden verfahren, da\u00df, wer ein guter Christ gewesen ist, wohl ein Jude h\u00e4tte werden m\u00f6gen. Und wenn ich ein Jude gewesen w\u00e4re und h\u00e4tte gesehen, wie solche T\u00f6lpel und plumpen Gesellen den christlichen Glauben regieren, w\u00e4re ich eher eine Sau geworden denn ein Christ.\u201c Damit aber ist es vorbei. Wo das Evangelium herrscht, da \u201emu\u00df man nicht des Papstes Gesetz, sondern das Gesetz der christlichen Liebe an ihnen \u00fcben und sie freundlich behandeln.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Luther ist \u00fcberzeugt, da\u00df solch ein ver\u00e4ndertes Verhalten der Christen gegen\u00fcber den Juden auch eine andere Einstellung der Juden zum Christentum zur Folge haben wird: Zumindest einige von ihnen werden sich dem Evangelium, das sie jetzt erstmals richtig kennenlernen, zuwenden. Wie all seine Zeitgenossen geht der Reformator davon aus, da\u00df das Heil auch f\u00fcr die Juden im Glauben an Jesus Christus liegt. Und ebenso teilt er mit der \u00fcberlieferten und zeitgen\u00f6ssischen Theologie die \u00dcberzeugung, da\u00df von Christus bereits in der Heiligen Schrift der Juden selbst, im Alten Testament, die Rede sei. Die Juden m\u00fc\u00dften sich also gar keinem anderen Glauben zuwenden, sondern nur \u201ezum Glauben ihrer V\u00e4ter, der Propheten und Patriarchen treten\u201c, wie es die ja ebenfalls j\u00fcdischen Apostel getan h\u00e4tten. Wenn man ihnen das klar und geduldig darlege, dann \u201em\u00f6chten einige herbeikommen\u201c. Ja, wenn man sie einfach anst\u00e4ndig und liebevoll behandele, mit ihnen ohne Unterdr\u00fcckung und Ausgrenzung zusammenlebe, so da\u00df sie \u201eunsere christliche Lehre und Leben h\u00f6ren und sehen\u201c k\u00f6nnten, dann werde das solcherart erfahrene wahre Christentum ganz von selbst ausstrahlen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ist Martin Luthers Pl\u00e4doyer f\u00fcr einen anderen Umgang mit den Juden also schlicht ein Wechsel der Missionsmethode, weil der bisherige Umgang mit den Juden sein Ziel, deren Christianisierung, nicht erreicht, ja geradewegs verhindert hat? In der Tat will Luther zeigen, wie man es richtig machen mu\u00df, wenn man Juden f\u00fcr den christlichen Glauben gewinnen will, im Gegensatz zur Papstkirche, die auch auf diesem Feld versagt und darum erfolglos bleiben mu\u00df. Doch erkl\u00e4rt dieses Motiv nicht alles. Auff\u00e4llig ist n\u00e4mlich, wie er den \u201eErfolg\u201c beschreibt, den der richtige, wirklich christliche Umgang mit den Juden haben w\u00fcrde: Er tut es mit \u00e4u\u00dferster Zur\u00fcckhaltung. Luthers bevorzugtes Wort in diesem Zusammenhang ist \u201eeinige\u201c (ettliche) \u2013 wenn die Christen anders mit den Juden spr\u00e4chen und handelten, dann w\u00fcrden \u201evielleicht einige der Juden\u201c zum Glauben gereizt, dann \u201em\u00f6chten wir einige bekehren\u201c, \u201em\u00f6chten einige von ihnen herbeikommen\u201c. Die Erwartung eines gro\u00dfen, vielleicht auch propagandistisch auszuwertenden Erfolges s\u00e4he anders aus. Nein, es ist die Logik des nun wiederentdeckten Evangeliums, die \u00fcberall, auch gegen\u00fcber den Juden andere Worte und Taten fordert. Und wie dieses Evangelium niemals \u201eleer zur\u00fcckkommt\u201c ( Jes. 55,11), so wird es auch bei den Juden sein. Luther und die anderen Reformatoren machen in jenen Jahren die Erfahrung, welch ungeheures Echo die evangelische Botschaft hat, wie sie \u00fcberall die Menschen in ihren Bann zieht, ohne obrigkeitlichen oder kirchlichen Druck, schlicht mit innerer \u00dcberzeugungskraft. Er kann gar nicht umhin anzunehmen, da\u00df sie auch bei Juden Widerhall finden wird. Ob bei vielen oder bei wenigen? Das bleibt offen, Luther rechnet eher nur mit \u201eeinigen\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und das Erstaunliche ist: Diese Perspektive bek\u00fcmmert ihn nicht. Da\u00df es auch jetzt wohl nur einige Juden sein werden, ist zwar unverst\u00e4ndlich, insofern ihnen der Glaube, der doch schon der ihrer alttestamentlichen V\u00e4ter ist, in seiner nun unverstellten Form eigentlich gar nicht nicht einleuchten kann; die kleine Zahl l\u00e4\u00dft sich folglich nur mit dem Beharren auf dem alten Starrsinn erkl\u00e4ren. Doch Luther f\u00fcgt hinzu: \u201eWas liegt daran? \u201c Es sei doch auch bei den Christen nicht anders. So viele getaufte Christen es gebe, so viele sich nun auch der Reformation zuwendeten \u2013 \u201egute Christen\u201c, solche, die \u201emit Ernst Christ sein wollen\u201c, seien sie doch l\u00e4ngst nicht alle. Der christliche Glaube ist kein Massenph\u00e4nomen, keine volkskirchliche Gr\u00f6\u00dfe, vielmehr ist \u201eein Christ ein seltener Vogel\u201c, wie Luther zwei Jahre sp\u00e4ter schreiben wird. Wie sollte nicht auch ein Christ gewordener Jude selten sein? Es ist ein Ton des Optimismus und der Gelassenheit, der die Schrift \u201eDa\u00df Jesus Christus ein geborener Jude sei\u201c durchzieht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die kleine Schrift schlug ein. Umgehend war sie ausverkauft, wurde mehrfach nachgedruckt, in deutscher Sprache wie in lateinischer \u00dcbersetzung. Auch auf j\u00fcdischer Seite hielt man den Atem an. Von Beginn hatte man die Reformation mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgt, bis Jerusalem hin wurden Nachrichten \u00fcber die religi\u00f6se Umw\u00e4lzung in Deutschland in j\u00fcdischen Kreisen verbreitet. Der Weg des kleinen Augustinerm\u00f6nchs, der es mit der m\u00e4chtigen Institution Kirche aufnahm, wurde mit unverhohlener Sympathie verfolgt. Und nun auch noch diese Schrift. Ganz neue T\u00f6ne aus dem Mund eines Christen \u2013 Widerspruch gegen die Greuelm\u00e4rchen, Kritik an Ghettosierung und Berufsverbot, Aufforderung zu Liebe und Freundlichkeit. Und tats\u00e4chlich, so vermeldeten j\u00fcdische Beobachter, lie\u00df sich ein ver\u00e4ndertes Verhalten von Christen gegen\u00fcber Juden feststellen, neuerdings erlebte man wirklich Freundlichkeit. Und Wallfahrtsorte, die sich an der St\u00e4tte behaupteter Judenfrevel gebildet hatten und etwa eine angeblich gesch\u00e4ndete Hostie zeigten \u2013 so z.B. im mecklenburgischen Sternberg \u2013, starben in evangelisch werdenden Gebieten ab. Es schienen neue Zeiten im Verh\u00e4ltnis von Christen und Juden heraufzuziehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das war 1523. 1543, zwanzig Jahre sp\u00e4ter, kamen g\u00e4nzlich andere T\u00f6ne aus Wittenberg, die sich schon im Titel einer weiteren Schrift zum Thema \u201eJuden\u201c andeuten: \u201eVon den Juden und ihren L\u00fcgen\u201c. Hier hei\u00dft es: Ich rate, \u201eda\u00df man ihre Synagoge oder Schule mit Feuer anstecke und, was nicht brennen will, mit Erde \u00fcberh\u00e4ufe und besch\u00fctte, so da\u00df niemals mehr ein Mensch davon einen Stein oder Schlacke sehen kann. Da\u00df man auch ihre H\u00e4user ebenso zerbreche und zerst\u00f6re. Da\u00df man ihnen ihre Gebetb\u00fccher und Talmudisten wegnehme. Da\u00df man ihren Rabbinern bei Leib und Leben verbiete, weiterhin zu lehren. Da\u00df man f\u00fcr die Juden Geleit und Durchzugsrecht ganz und gar aufhebe. Da\u00df man ihnen den Wucher verbiete und alle Barschaft und Kleinodien aus Gold und Silber wegnehme. Da\u00df man den jungen, starken Juden und J\u00fcdinnen Dreschflegel, Axt, Harke, Spaten, Spinnrocken und Spindel gebe und sie ihr Brot verdienen lasse im Schwei\u00dfe ihres Angesichts, wie es Adams Kindern auferlegt ist.\u201c Pfarrer und Prediger sollen ihre Gemeindeglieder warnen, \u201eda\u00df sie sich vor den Juden h\u00fcten und sie meiden, wo sie k\u00f6nnen, allerdings ohne sie viel zu verfluchen oder ihnen\u00a0 pers\u00f6nlich Gewalt anzutun.\u201c Die Obrigkeiten aber, die Juden unter sich haben, sollen so vorgehen, wie zuvor aufgez\u00e4hlt. Und wenn das alles nicht helfen will, so sollen sie \u201eallgemeiner Klugheit der anderen Nationen wie Frankreich, Spanien, B\u00f6hmen usw.\u201c folgen: Sie sollen die Juden \u201ewie die tollen Hunde hinausjagen.\u201c Kurz, Luther endet mit dem Ratschlag, zu verfahren wie die L\u00e4nder ringsum: die Juden fl\u00e4chendeckend auszuweisen. Dann werde man endlich \u201eder unleidlichen, teuflischen Last der Juden entledigt\u201c sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie ist es zu dieser radikalen Kehre gekommen? Luther selbst gibt als Grund f\u00fcr die Abkehr von seiner in der Schrift von 1523 vorgebrachten Sicht vor allem zwei Sachverhalte an, die er damals noch nicht gekannt habe: Zum einen habe er erfahren, da\u00df Juden versuchten, unter Christen Proselyten zu machen, sie zur Einhaltung des Sabbats und zur Beschneidung zu bringen; offenbar f\u00fchlten sie sich durch seine, Luthers, freundliche Worte und Ratschl\u00e4ge geradezu ermutigt, nun ihrerseits aufzutrumpfen und unter den Christen zu wildern. Was der reale Hintergrund f\u00fcr die Annahme j\u00fcdischer Proselytenmacherei ist, l\u00e4\u00dft sich nicht mit Sicherheit rekonstruieren. Vereinzelt oder in kleinen Gruppen hat es dergleichen offenbar gegeben, von einer gr\u00f6\u00dferen Bedrohung aber konnte keine Rede sein, auch f\u00fcr eine entsprechende ermunternde Wirkung von Luthers erster Judenschrift gibt es keinen Beleg. Zum anderen, so Luther, habe er erfahren, da\u00df die Juden Christus nicht nur ablehnten, was ja allgemein bekannt war und er 1523 auch voraussetzte. Vielmehr t\u00e4ten sie dar\u00fcber hinaus etwas, was er damals nicht wu\u00dfte: Sie f\u00fchrten L\u00e4sterreden, \u201eL\u00fcgen\u201c gegen den Heiland, den dreieinigen Gott und die Gottesmutter Maria. Die erste einschl\u00e4gige Erfahrung habe er bereits wenige Jahre nach \u201eDa\u00df Jesus Christus ein geborener Jude sei\u201c gemacht. Anl\u00e4\u00dflich einer Begegnung mit drei durchreisenden Rabbinern stellten diese fest, sie wollten mit dem \u201eGehenkten\u201c (Thola), also Jesus, nichts zu tun haben. Offensichtlich schockierte diese Schm\u00e4hung des Gekreuzigten Luther zutiefst, so da\u00df er immer wieder, bis in die Schrift \u201eVon den Juden und ihren L\u00fcgen\u201c hinein, auf die Episode zur\u00fcckkam. Ger\u00fcchte und judenkritische Literatur, die er mittlerweile gelesen hatte, f\u00fchrten zu weiteren Aufschl\u00fcssen derselben Art: Die Juden machten mit dem Namen Jesus, \u201eHeiland\u201c, verunglimpfende Wortspiele, sie bezeichneten Maria als Hure und nennten sie \u201eDreckhaufen\u201c, sie l\u00e4sterten die Dreieinigkeit und bezeichneten die Trinit\u00e4tslehre als Vielg\u00f6tterei. Und sie verfluchten die Christen, w\u00fcrfen ihnen erfundene Untaten vor und hofften, ihr Messias werde sie eines Tages vernichten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ob diese Vorw\u00fcrfe im einzelnen zu Recht erhoben wurden, kann dahingestellt bleiben. Da\u00df die Juden gegen christliche Zentrallehren polemisierten, ist hingegen aus j\u00fcdischen Quellen zu belegen, und es ist, wie ein j\u00fcdischer Historiker (Alex Bein) schreibt, auch selbstverst\u00e4ndlich. Denn mit der Bestreitung der Messianit\u00e4t Jesu, der christologischen und trinit\u00e4tstheologischen Dogmen war unweigerlich ein Verst\u00e4ndnis Christi, Gottes, Mariens gegeben, das diese in den Augen der Christen herabsetzte \u2013 wie polemisch oder sachlich das auch formuliert sein mochte. Umgekehrt galt ja dasselbe. Eine solche Situation war \u2013 und ist \u2013 mit dem Nebeneinander einander widersprechender Religionen zwangsl\u00e4ufig gegeben, und Luther h\u00e4tte sich das schon 1523 vergegenw\u00e4rtigen k\u00f6nnen. Nun stand es ihm jedenfalls vor Augen, und er erkl\u00e4rte diese Situation f\u00fcr unertr\u00e4glich: Gottesl\u00e4sterung in ihrer Mitte, einen offenen Versto\u00df gegen das Erste Gebot k\u00f6nnten die Christen unm\u00f6glich dulden. Werde doch in der Heiligen Schrift ausdr\u00fccklich geboten, jede Gottesl\u00e4sterung zu beseitigen. W\u00fcrden die Christen das nicht tun, machten sie sich mitschuldig an dieser schlimmsten aller S\u00fcnden und widerspr\u00e4chen dem Pauluswort 1. Tim.: \u201eMache dich nicht teilhaftig fremder S\u00fcnden!\u201c (1. Tim. 5,22). Kurz, da\u00df die Juden \u201enicht glauben wie wir, daf\u00fcr k\u00f6nnen wir nichts, man kann niemanden zum Glauben zwingen.\u201c \u201eAber \u00f6ffentlich frei daher, in Kirchen und vor unseren Nasen, Augen und Ohren solchen Unglauben f\u00fcr recht zu r\u00fchmen und den rechten Glauben zu l\u00e4stern und zu fluchen, das ist etwas anderes. Da ist unser Zusehen und Stillschweigen eben so viel, als t\u00e4ten wir es selbst.\u201c D.h., wenn die Christen das zulassen, belasten die Juden sie \u201emit ihren teuflischen, l\u00e4sterlichen, gr\u00e4mlichen S\u00fcnden\u201c in ihrem eigenen, christlichen Land.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus dieser Diagnose folgt das oben skizzierte Rezept: Es geht nicht darum, die Juden zu Christen zu machen \u2013 zum Glauben kann man niemanden zwingen. Sondern es geht darum, sie an der Gottesl\u00e4sterung inmitten der Christen zu hindern. Deshalb m\u00fcssen ihre Synagogen und festen H\u00e4user als Orte solcher \u00f6ffentlichen L\u00e4sterung zerst\u00f6rt werden. Aus demselben Grund sind Talmude und j\u00fcdische Gebetb\u00fccher zu zerst\u00f6ren und ist j\u00fcdischer religi\u00f6ser Unterricht zu unterbinden. Daf\u00fcr zu sorgen, ist geradezu die Plicht der F\u00fcrsten. Denn \u201esolches, vor unseren Ohren in \u00f6ffentlichen Synagogen, B\u00fcchern und Geb\u00e4rden t\u00e4glich ge\u00fcbt, k\u00f6nnen wir Christen in unserem eigenen Land, H\u00e4usern und Regiment keineswegs ertragen, oder wir m\u00fcssen Gott den Vater mit seinem lieben Sohn mit den Juden und um der Juden willen verlieren und ewiglich verloren sein. Da sei Gott vor.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn Luthers Rezept lautet, die Juden zwar pers\u00f6nlich glauben zu lassen, was sie wollen, ihnen aber alle Orte und Mittel \u00f6ffentlicher Religionsaus\u00fcbung zu nehmen, sieht er bald, da\u00df auch diese radikale Ma\u00dfnahme das von ihm skizzierte Dilemma der Christen nicht l\u00f6st: Selbst wenn man die Synagogen zerst\u00f6rt und allen \u00f6ffentlichen Gottesdienst verbietet, \u201ewerden sie es doch heimlich nicht lassen. Und weil wir wissen, da\u00df sie es heimlich tun, so ist es ebensoviel, als t\u00e4ten sie es \u00f6ffentlich. Denn was man wei\u00df, was heimlich geschieht und geduldet wird, das hei\u00dft doch nicht heimlich, und wird gleichwohl unser Gewissen vor Gott damit beschwert\u201c. Kurz, auch so werden die Christen als zulassende Mitwisser von Gottesl\u00e4sterung der fremden S\u00fcnde teilhaftig. In dieser Sicht ist es konsequent, da\u00df Luther schlie\u00dflich die Ausweisung als einzige wirkliche L\u00f6sung empfiehlt: \u201eDie Juden m\u00fcssen gedenken in ihr Vaterland. Das ist der n\u00e4chstliegende und beste Rat, der beide Part in solchem Falle sichert.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So schwer die beiden \u201eEntdeckungen\u201c wiegen, die Luther als Gr\u00fcnde f\u00fcr die in \u201eVon den Juden und ihren L\u00fcgen\u201c geforderte Behandlung der Juden nennt, Proselytismus und Gottesl\u00e4sterung, gibt es doch noch ein \u2013 mit beiden verbundenes \u2013 drittes Motiv: das unbeirrte Festhalten der Juden an ihrer nichtchristlichen Deutung es Alten Testaments. Diese Tatsache ist Luther offenbar je l\u00e4nger desto \u00e4rgerlicher geworden. Er, der als Bibelprofessor weit mehr alttestamentliche als neutestamentliche Schriften auslegte, verbrachte die letzten zehn Jahre seines Lebens am Katheder ausschlie\u00dflich mit dem ersten Buch der Bibel, dem 1.Buch Mose (Genesis). Durch die Lekt\u00fcre wissenschaftlicher Literatur wurde er tagt\u00e4glich darauf gesto\u00dfen, da\u00df bei den Juden eine Auslegungstradition lebendig war, die das Fundament des christlichen Glaubens und der evangelischen Verk\u00fcndigung infrage stellte. Sein \u00e4lterer Zeitgenosse Erasmus, der das auch wu\u00dfte, zog die Konsequenz, der Kirche zu empfehlen, sie m\u00f6ge das Alte Testament als j\u00fcdisches Buch beiseite lassen. Luther, f\u00fcr den das Alte Testament als erster Teil der Bibel der Christen nicht zur Debatte stand, reagierte mit immer nachdr\u00fccklicher Betonung der christlichen Auslegung, wonach das Alte Testament nachweisbar auf Christus hinauslief. So ist auch der gr\u00f6\u00dfte Teil der Schrift \u201eVon den Juden und ihren L\u00fcgen\u201c dem Nachweis gewidmet, da\u00df der Messias, von dem das Alte Testament rede, eindeutig Jesus Christus sei und jeder, der das bestreite, dumm oder verstockt sein m\u00fcsse. Um das zu zeigen, legte Luther im selben Jahr noch zwei weitere Schriften gegen die j\u00fcdische Interpretation des Alten Testamentes vor. Mit dem Kampf gegen die \u00f6ffentliche Rede der Juden oder gegen ihr Aufenthaltsrecht k\u00e4mpfte Luther zugleich gegen die Pr\u00e4senz ihrer falschen Schriftauslegung und die Gefahr, die von ihr f\u00fcr das Heil der Christen ausgehe. Auch, vielleicht vor allem deshalb mu\u00dften die Juden verschwinden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcrwahr, ein ganz und gar anderer Ton als zwanzig Jahre zuvor. Nicht da\u00df Luther die j\u00fcdische Schriftauslegung erst jetzt verfehlt erschienen w\u00e4re, nicht da\u00df er das Judentum erst jetzt f\u00fcr einen zutiefst falschen religi\u00f6sen Weg gehalten h\u00e4tte. Doch 1523 konnte Luther damit leben \u2013 wenn es Juden gibt, die sich nicht bekehren, \u201ewas liegt daran? Sind wir doch auch nicht alle gute Christen.\u201c Diese Gelassenheit ist dahin. Die ganze Stimmung des Aufbruchs ist dahin, als das Evangelium wundergleich wirkte, sich immer mehr ausbreitete und diese Erfahrung der Eigenmacht des Wortes Gottes es er\u00fcbrigte, mit rechnendem Blick auf die Adressatenseite zu sehen. Diese Zeiten sind vorbei. Mittlerweile hat man die Reformation organisiert. Und man hat sie eingepa\u00dft in den territorial-volkskirchlichen Rahmen, der vom Mittelalter her gel\u00e4ufig war: den Rahmen der christianitas, der christlichen Gesamtgesellschaft, die von Kirche und weltlicher Obrigkeit bei rechter Glaubenslehre und -praxis gehalten und vor falscher Lehre und Praxis gesch\u00fctzt wurde. Seit Mitte der 1520er Jahre fand Luther seine Aufgabe zunehmend als f\u00fchrende Autorit\u00e4t in dem Proze\u00df, der die rechte christianitas nun innerhalb der protestantischen Gebiete verwirklichen sollte und der aus den evangelischen Gemeinden evangelische Landeskirchen werden lie\u00df. Ziel blieb die Gemeinschaft der Gl\u00e4ubigen, die nur eine Gemeinschaft gl\u00e4ubiger Einzelner sein konnte. Doch sie sollte nun abgesichert werden, eingebettet und gesch\u00fctzt in einer Gesellschaft, die als ganze das Vorzeichen der wahren Lehre und rechten kirchlichen Praxis trug. Da konnte f\u00fcr eine Gruppe, die das Christentum so fundamental infrage stellte wie die Juden und das christliche Ganze durch gottesl\u00e4sterlichen Kult religi\u00f6s kompromittierte, kein Platz mehr sein, nicht einmal mehr im Rahmen der alten auf Augustin gest\u00fctzten Duldung als B\u00fcrger zweiter Klasse. So nutzte der alte Luther seine Autorit\u00e4t als Mitgestalter der neuen evangelischen Landeskirchen daf\u00fcr, da\u00df die evangelischen Territorien judenfrei wurden, sich dabei ohne Skrupel auch einst von ihm zur\u00fcckgewiesener antij\u00fcdischer Greuelgeschichten bedienend. Er best\u00e4tigte und ermutigte seine kurs\u00e4chsischen Herren in ihrem Kurs der Judenvertreibung. Und er setzte noch auf seiner letzten Reise, die ihn nach Eisleben f\u00fchrte, wo es Juden gab, seine schwindenden Kr\u00e4fte f\u00fcr dasselbe Anliegen ein: Am Schlu\u00df seiner letzten Predigt am 15. Februar 1546 hier in der Eislebener Andreaskirche, die er nicht mehr zuende zu f\u00fchren vermochte, beschwor Luther die Gemeinde, sich nicht durch Duldung der Christus l\u00e4sternden Juden ihrer S\u00fcnde teilhaftig zu machen; die Juden m\u00fc\u00dften mit der L\u00e4sterung aufh\u00f6ren und sich zum Christentum bekehren \u2013 \u201ewo aber nicht, so sollen wir sie auch bei uns nicht dulden noch leiden.\u201c Drei Tage sp\u00e4ter war der Reformator tot.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Menschen an der dritten Jahrtausendwende k\u00f6nnen wir die S\u00e4tze des \u00e4lteren Luther \u00fcber die Juden nicht ohne tiefe Beklommenheit lesen. Nicht nur, weil knapp 400 Jahre sp\u00e4ter in bis dahin unvorstellbarer Zahl Synagogen zerst\u00f6rt und Juden ihrer H\u00e4user beraubt, um Hab und Gut gebracht und schlie\u00dflich ermordet wurden, sondern weil die Entrechtung der Juden im Dritten Reich auch mit Berufung auf Martin Luthers sp\u00e4te Judenschriften legitimiert wurde: Manche Nationalsozialisten, vor allem aber ihre innerkirchlichen Bannertr\u00e4ger, die Deutschen Christen, f\u00fchrten den Reformator als Kronzeugen an, der die Rechtm\u00e4\u00dfigkeit ihres Vorgehens best\u00e4tige. Freilich verbanden sie ihre Berufung auf Luther mit einem Vorwurf gegen die evangelische Kirche: Diese habe Luthers antij\u00fcdische Schriften seit Jahr und Tag verschwiegen und immer nur die fr\u00fche Schrift von 1523 erw\u00e4hnt \u2013 was auf j\u00fcdische Machenschaften zur\u00fcckgehe. So tendenzi\u00f6s dieser Vorwurf ist, verweist er doch auf einen bemerkenswerten Sachverhalt: In der Tat spielten Luthers sp\u00e4te Judenschriften jahrhundertelang in der evangelischen Theologie und Kirche nur eine marginale oder gar keine Rolle, waren sie, lange Zeit nicht mehr nachgedruckt, den meisten auch gar nicht mehr bekannt \u2013 selbst ein Dietrich Bonhoeffer, der 1933 zugunsten der Juden schrieb und sich daf\u00fcr auf Luther berief, kannte offensichtlich nur die Lutherschrift von 1523. Und nicht wenige Juden des 19. und fr\u00fchen 20. Jahrhunderts waren begeisterte Lutherverehrer. Eine kontinuierliche Rezeptionsgeschichte der Schrift \u201eVon den Juden und ihren L\u00fcgen\u201c vom 16. ins 20. Jahrhundert gibt es also nicht. Hitler, G\u00f6bbels usw. kamen nicht durch deren Lekt\u00fcre auf ihre antisemitischen Ideen. Auch darf man die Differenzen zwischen diesen Ideen und Luthers judenfeindlichen Aussagen nicht \u00fcbersehen. Seine Endl\u00f6sung war die Massenvertreibung, nicht der Massenmord. Und sein beherrschendes Motiv war religi\u00f6ser, nicht rassebiologischer Art. Das ist das eine. Auf der anderen Seite ist mit keinem Argument die Tatsache beiseitezuschieben, da\u00df die Aussagen Luthers sich der nationalsozialistischen Propaganda dienstbar machen lie\u00dfen. Denn auch seine Vision war schlie\u00dflich ein Land ohne Juden, zu erreichen mit Macht und Gewalt. Der Berliner Professor Ernst Wilhelm Hengstenberg, einer der wenigen Theologen, die im 19. Jahrhundert Luthers sp\u00e4te Judenschriften zur Kenntnis nahmen, schrieb dazu: Diese Schriften seien geeignet, uns den Unterschied klarzumachen, der bei allen bleibenden Verdiensten des Reformators gleichwohl \u201ezwischen ihm und den Aposteln besteht, und zu zeigen, wie zweifelhaft es w\u00e4re, solch einem Meister unbedingt und ohne Pr\u00fcfung durch die Schrift zu folgen.\u201c Martin Luther h\u00e4tte dieser Einsch\u00e4tzung seiner Person wohl kaum widersprochen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Prof. Dr. Dorothea Wendebourg ist Theologin und Kirchenhistorikerin an der Humboldt-Universit\u00e4t zu Berlin\u00a0\u00a0\u00a0 <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Vortrag gehalten auf einer Tagung der EKD f\u00fcr Abgeordnete des Deutschen Bundestages und des Europ\u00e4ischen Parlaments in Eisleben am 7. Juni 2013<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.eak-cducsu.de\/web\/verantwortung.php?jahrgang=2013\">Evangelische Verantwortung &#8211; Das Magazin des Evangelischen Arbeitskreises der CDU\/CSU, Ausgabe 9-10\/2013<\/a><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Frankreich ist gl\u00fccklich zu preisen,\u00a0 weil es anders als Deutschland nicht von den Juden \u201einfiziert\u201c ist! Denn das Judentum ist eine \u201ePest, wie sie feindseliger und geh\u00e4ssiger gegen\u00fcber der Lehre Christi nicht zu finden ist\u201c. Diese S\u00e4tze lesen wir bei dem Humanistenf\u00fcrsten Erasmus von Rotterdam. 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