{"id":10582,"date":"2014-03-04T11:57:52","date_gmt":"2014-03-04T10:57:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=10582"},"modified":"2014-03-04T11:57:52","modified_gmt":"2014-03-04T10:57:52","slug":"wo-bleibt-die-freiheit-der-anderen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=10582","title":{"rendered":"Wo bleibt die Freiheit der anderen?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Es ist jedem freigestellt, wie er Homosexualit\u00e4t bewertet. Ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr den Schutz einer neuen Minderheit<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es kommt nicht selten vor, dass Sieger sich nicht mir ihrem Sieg allein zufriedengeben, sondern die Besiegten auch noch dem\u00fctigen wollen. Sie sollen nicht nur ihre Niederlage eingestehen, sondern auch bekennen, dass sie f\u00fcr die falsche Sache gestritten haben und ihrem \u201eIrrtum\u201c abschw\u00f6ren. So weit scheint es mittlerweile auch schon im Streit um die \u201eNormalit\u00e4t\u201c von Homosexualit\u00e4t gekommen zu sein. Obwohl es sich um eine kleine Minderheit handelt, die in einer Demokratie eigentlich durchsetzungsschwach sein m\u00fcsste, ist es der Gruppe der Homosexuellen in Deutschland, im westlichen Europa und in Nordamerika dank einer eindrucksvollen Lobbyarbeit gelungen, ihre Agenda voller Gleichberechtigung und Gleichstellung mit der heterosexuellen Mehrheit zu einer Agenda der Mehrheitsgesellschaft zu machen.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der politische Erfolg ist durchschlagend und vollst\u00e4ndig: Homosexuelle genie\u00dfen hier volle Freiheit und Gleichheit, und wo es noch letzte Restbest\u00e4nde von \u201ediskriminierender\u201c Ungleichheit geben sollte, werden sie in k\u00fcrzester Zeit mit oder ohne verfassungsgerichtliche Hilfe verschwinden. Auch der relativ rasche Umschwung in der \u00f6ffentlichen Meinung k\u00f6nnte kaum deutlicher sein: Homosexualit\u00e4t gilt im Westen l\u00e4ngst den meisten als \u201e ganz normal\u201c. Nur noch eine kleine Minderheit sieht dies anders.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch was als legitimer Kampf gegen Stigmatisierung und Unterdr\u00fcckung sowie f\u00fcr freie Entfaltung nach Ma\u00dfgabe selbstbestimmter sexueller Orientierung begann, zeigt mittlerweile unverhohlen selbst eklatant freiheitsfeindliche Tendenzen zu Lasten Dritter, die alarmieren m\u00fcssen. Aus einem berechtigten Freiheitsanliegen droht der Versuch einer Umerziehung mit staatlichem Befehl und Zwang zu werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gen\u00fcgt der Lobby der Homosexuellen n\u00e4mlich nicht, dass sie die Entfaltungsfreiheit f\u00fcr ihre Klientel und die Meinungsf\u00fchrerschaft erstritten hat, sie will jetzt der Minderheit, die noch immer eine abweichende Meinung vertritt, die Freiheit nehmen, Homosexualit\u00e4t weiterhin negativ zu bewerten und ihr Verhalten gegen\u00fcber Dritten an dieser Bewertung zu orientieren. Schlimmer noch als diese Tatsache ist, dass Gerichte bereit sind, dieser unter der Fahne der \u201eAntidiskriminierung\u201c gebieterisch vorgetragenen, freiheitswidrigen Forderung nachzugeben. So wurde beispielsweise in Gro\u00dfbritannien ein Hotelier, der aus religi\u00f6sen Gr\u00fcnden einem verpartnerten schwulen Paar kein Zimmer mit Doppelbett vermieten wollte, wegen \u201eDiskriminierung\u201c zu Schadensersatz verurteilt. Der dortige Supreme Court hielt das Verhalten des Hoteliers f\u00fcr einen \u201eAffront gegen die Menschenw\u00fcrde\u201c! Es wird Zeit, daran zu erinnern, dass auch andere Personen als Homosexuelle Freiheit und W\u00fcrde haben und daher nicht gegen ihr religi\u00f6s oder anders begr\u00fcndetes Gewissen gezwungen werden d\u00fcrfen, praktizierter Homosexualit\u00e4t im Wortsinne wie im \u00fcbertragenen Sinne Raum zu geben. Diese Gewissensfreiheit ist auch nicht etwa nur auf das Forum Internum und die Privatsph\u00e4re beschr\u00e4nkt. Sie umfasst vielmehr auch die \u00e4u\u00dfere Freiheit, das gesamte Verhalten an der eigenen moralischen oder religi\u00f6sen \u00dcberzeugung auszurichten und dieser \u00dcberzeugung gem\u00e4\u00df in der \u00d6ffentlichkeit zu handeln. Wenn es richtig ist, dass die Freiheit des einen da endet, wo die des anderen beginnt, kann niemand die Verwirklichung seiner Freiheit unter Inanspruchnahme einer dazu wegen ihres Gewissens nicht bereiten anderen Person begehren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn sich solche Beschr\u00e4nkungen der gewissensgeleiteten Handlungsfreiheit wie die des Hoteliers im Westen durchsetzen sollten, dann d\u00fcrfte hier bald auch die Meinungsfreiheit derjenigen, die homosexuelle Praxis f\u00fcr unsittlich halten und dies, horribile dictu, auch noch auszusprechen wagen, in Gefahr sein. Der Angriff auf die Meinungsfreiheit wird dadurch vorbereitet, dass man all diejenigen, die Homosexualit\u00e4t noch immer negativ bewerten, s\u00e4mtlich als \u201ehomophob\u201c bezeichnet, womit ihnen eine schlechthin irrationale \u201egruppenbezogene Menschenfeindlichkeit\u201c aus Angst attestiert werden soll. Es versteht sich dann schon fast von selbst, dass daf\u00fcr keine Meinungsfreiheit in Anspruch genommen werden darf. Doch genau diese Freiheit, auch in Sachen Homosexualit\u00e4t eine von der \u00fcberwiegenden Meinung abweichende Ansicht \u00e4u\u00dfern zu d\u00fcrfen, gilt es entschieden zu verteidigen. Denn Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist das gute Recht Homosexueller, ihre Homosexualit\u00e4t zu leben. Aber sie k\u00f6nnen nicht verlangen, dass auch alle anderen ihre Lebensweise f\u00fcr ein gutes Leben halten und positiv bewerten oder sich andernfalls einer Bewertung g\u00e4nzlich enthalten. Nein, sie m\u00fcssen sich, wie jeder andere, auch gefallen lassen, dass ihr Lebensstil von anderen anders, auch negativ moralisch bewertet wird. Dies hindert sie ja nicht an ihrer Freiheitsaus\u00fcbung und tastet, sofern die negative Bewertung nicht den Charakter einer pers\u00f6nlichen Beleidigung annimmt, auch nicht ihre Menschenw\u00fcrde an. Umgekehrt m\u00fcssen es die Gegner der Homosexualit\u00e4t hinnehmen, f\u00fcr ihre Haltung &#8211; auch scharf &#8211; kritisiert zu werden. Das ist Teil des geistigen Meinungskampfes mit der wechselseitigen Zumutung kontr\u00e4rer Ansichten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Grundrechtsschutz, so hei\u00dft es allenthalben, ist Minderheitenschutz. Doch wer schutzbed\u00fcrftige Minderheit ist, steht nicht ein f\u00fcr alle Mal fest, sondern wandelt sich mit der Entwicklung einer Gesellschaft. In den westlichen Gesellschaften sind es mittlerweile schon weniger die Homosexuellen als vielmehr diejenigen, die Homosexualit\u00e4t f\u00fcr moralisch fragw\u00fcrdig und homosexuelle Praxis f\u00fcr anst\u00f6\u00dfig halten, deren Freiheit, anders zu denken und in \u00dcbereinstimmung mit ihrer inneren \u00dcberzeugung zu leben, gef\u00e4hrdet erscheint. Doch ihre Freiheit verdient nicht weniger Respekt und Schutz.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Professor Dr. Christian Hillgruber lehrt \u00f6ffentliches Recht an der Universit\u00e4t Bonn.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\">www.faz.net<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/staat-und-recht\/gastbeitrag-wo-bleibt-die-freiheit-der-anderen-12812195.html\">online-Ausgabe vom 20.2.2014<\/a><\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Ver\u00f6ffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Verfassers.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist jedem freigestellt, wie er Homosexualit\u00e4t bewertet. Ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr den Schutz einer neuen Minderheit Es kommt nicht selten vor, dass Sieger sich nicht mir ihrem Sieg allein zufriedengeben, sondern die Besiegten auch noch dem\u00fctigen wollen. 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