{"id":10537,"date":"2014-02-24T11:46:01","date_gmt":"2014-02-24T10:46:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=10537"},"modified":"2014-03-02T13:28:51","modified_gmt":"2014-03-02T12:28:51","slug":"ein-neues-normatives-familienmodell-als-normative-orientierung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=10537","title":{"rendered":"Ein neues normatives Familienmodell als &#8222;normative Orientierung&#8220;"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><b>Eine soziologische und theologische Kritik des Familienpapiers der EKD <\/b><b><i><\/i><\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Diskussionen um die EKD-Orientierungshilfe brechen nicht ab. Nachdem bereits vielfach die theologischen Unzul\u00e4nglichkeiten des Familienpapiers benannt worden sind, zeigt dieser Beitrag auf, dass das Gespr\u00e4ch vor allem auch \u00fcber die politischen und soziologischen Themenfelder selbst gef\u00fchrt werden muss. Viele Kritiker haben der Orientierungshilfe der Evangelischen Kirche in Deutschland (ab jetzt: OH)(1) vor allem vorgeworfen, dass sie Ethik in die Beliebigkeit des Zeitgeistes stelle und eigentlich keine Werte vertrete.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im ersten Moment sieht es tats\u00e4chlich so aus, als wenn Familie soziologisch und theologisch neu gedacht wird, da sich die Gesellschaft ver\u00e4ndert, etwa wenn es hei\u00dft: \u201eAngesichts des tiefgreifenden sozialen und kulturellen Wandels ist auch die Kirche aufgefordert, Familie neu zu denken und die neue Vielfalt von privaten Lebensformen unvoreingenommen anzuerkennen und zu unterst\u00fctzen.\u201c (A132).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Trotzdem w\u00e4re es ein Missverst\u00e4ndnis, dass damit Ethik v\u00f6llig beliebig w\u00fcrde und keine Werte mehr vertreten w\u00fcrden. Die OH und mit ihr der Rat der EKD erheben nach wie vor einen sehr traditionellen Anspruch der Kirche, H\u00fcterin der Moral zu sein. Denn die neue Sicht der OH ist am Ende doch f\u00fcr alle verbindlich: \u201eDiese Anerkennung ist nicht lediglich als Anpassung an neue Familienwirklichkeiten zu verstehen, sondern als eine <i>normative Orientierung<\/i>.\u201c (A132, Hervorhebung hinzugef\u00fcgt), denn es geht um \u201eein <i>neues normatives Familienmodell<\/i>\u201c (A120, dito)! Hier wird also bewusst eine neue, normative Ethik verk\u00fcndigt. Sie ist ebenso normativ wie die alte, aber eben inhaltlich neu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das macht unseres Erachtens die Besonderheit der OH aus. Denn dadurch werden nicht einfach Dinge zur Diskussion gestellt, Anfragen formuliert oder eine politische Meinungsdiskussion ausgetragen, sondern es wird eine neue Ethik normativ formuliert. Da die OH \u00fcberwiegend die Tagespolitik kommentiert und oft sehr junge und vermutlich nicht sehr langlebige Ma\u00dfnahmen beurteilt, werden also in der OH immer wieder tagesaktuelle, meist parteipolitische Positionen in einen normativen Rang erhoben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Zur politischen Verortung<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die meisten Mitglieder und W\u00e4hler der CDU oder der CSU, die einer Gliedkirche der EKD angeh\u00f6ren, d\u00fcrften entt\u00e4uscht sein, dass ihre Auffassungen und Interessen in der OH meist noch nicht einmal erw\u00e4hnt werden (und gegebenenfalls dann erst abgelehnt werden). Umgekehrt gilt auch: Wer die Ergebnisse der OH ihrem Selbstanspruch gem\u00e4\u00df \u201enormativ\u201c (A120, A132) findet, kann eigentlich derzeit weder CDU oder CSU w\u00e4hlen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es findet sich zudem in der OH kein Beispiel daf\u00fcr, dass sie eine Forderung aufstellt, die sich nur in den Parteiprogrammen der CDU oder der CSU findet. (Die einzige Ausnahme ist, dass die OH nicht fordert, die Lebenspartnerschaft in \u201aEhe\u2018 umzubenennen.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ist schon ein erstaunlicher Befund, da die OH in ihrem Text \u00fcberwiegend Fragen diskutiert, die in den Bereich der Parteiprogramme fallen und Dinge betreffen, die nur die Bundestagsmehrheit umsetzen kann. Die s\u00e4kularen Medien haben die OH sehr deutlich vor allem beim Parteiprogramm von B\u00fcndnis 90\/Die Gr\u00fcnen verortet. F\u00fcr das politische Magazin Cicero macht sich der Protestantismus hier \u201ezum J\u00fcnger eines gr\u00fcn-besserwisserischen Zeitgeistes\u201c(2). Es wird gefragt: \u201eW\u00e4re es nicht ehrlicher, sonntags das Parteiprogramm von \u201aB\u00fcndnis 90\/Die Gr\u00fcnen\u2018 zu verlesen, die Kollekte der 15-Prozent-Partei zu spenden \u2026?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun sind tats\u00e4chlich alle Forderungen mit dem Parteiprogramm von B\u00fcndnis 90\/ Die Gr\u00fcnen praktisch identisch, nur der (teilweise) religi\u00f6se Unterton wird nicht allen \u201aGr\u00fcnen\u2018 gefallen. Dennoch stimmen die Forderungen auch mit dem Programm der Partei Die Linken \u00fcberein, wenn man dort auch noch mehr Abstand zum religi\u00f6sen Unterton h\u00e4lt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sicher gibt es zu jedem einzelnen Thema der OH auch eine Diskussion innerhalb der CDU und der CSU. Ehegattensplitting oder Betreuungsgeld sind beispielsweise weder automatische Forderungen jedes CDU- oder CSU-Mitglieds. Trotzdem soll hier einmal der aktuelle Istzustand der CDU und der CSU zur Zeit des Erscheinens der OH, also des 2. Kabinetts Merkel, mit der OH vergleichen werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Erkl\u00e4rung daf\u00fcr, dass \u201eAlleinerziehende, junge und kinderreiche Familien und Familien mit Migrationshintergrund\u201c ein besonders hohes Armutsrisiko haben (A107), wird ganz im Sinne der Parteiprogramme von SPD und B\u00fcndnis 90\/Die Gr\u00fcnen nur mit Ver\u00e4nderungen im Besch\u00e4ftigungssystem und der Senkung der Sozialleistungen erkl\u00e4rt (A108-109), als L\u00f6sung wird der Mindestlohn gesehen (A109). Wie der Mindestlohn f\u00fcr Familien mit Armutsrisiko \u201eh\u00e4ufig ein Weg aus der Armut\u201c sein soll (A109), etwa wenn Arbeitslosigkeit herrscht oder eine f\u00fcnfk\u00f6pfige Familie von Hartz IV lebt, wird nicht erkl\u00e4rt. Das komplexe Problem, welche Familien in das Armutsrisiko abrutschen und was dagegen grundlegend getan werden kann, wird auf parteipolitische Vorgaben reduziert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das geltende Ehegattensplitting wird abgelehnt, da es als Symbol der Bevorzugung der Ehe gilt: \u201e\u2026 die derzeitige steuerliche Entlastung des Ehegattensplittings, das aus sozial- und gleichstellungspolitischen Gr\u00fcnden seit Langem grunds\u00e4tzlich in Frage gestellt und auch von der OECD kritisiert wird.\u201c (A116). Andere Auffassungen kommen nicht zu Wort.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die OH ist auch gegen das \u201eBetreuungsgeld\u201c (A116) und folgt dabei dem wichtigsten ethischen Prinzip der OH, wenn sie kritisiert, dass das Betreuungsgeld \u201edie Erwerbst\u00e4tigkeit von Eltern zu verringern statt zu erh\u00f6hen\u201c droht (A116). Damit wird die Mutter lediglich als wertvoll f\u00fcr den Arbeitsmarkt und f\u00fcr Gleichstellungspolitik gesehen, ihre T\u00e4tigkeit der Betreuung selbst wird \u2013 zumindest hier \u2013 aber nicht als echte, nur unbezahlte Arbeit gewertet, davon, dass die moderne Mutter das selbst entscheiden kann, einmal gar nicht zu sprechen. Dass die Betreuung zugunsten der Kinder geschieht und die Betreuung auch vom Vater wahrgenommen werden kann, wird mit der Behauptung widerlegt, dass auch \u201edie Bildungsbeteiligung von Kindern\u201c (A116) verringert werde, was erstens abzuwarten bleibt, da es wesentlich daran h\u00e4ngen wird, wer das Betreuungsgeld in Anspruch nehmen wird, zweitens nur f\u00fcr bildungsferne (OH: \u201ebildungsungewohnte\u201c) Familien gilt und drittens nun neben der Mutter auch noch das Kind in das Raster von Bildung und zuk\u00fcnftiger Platzierung im Arbeitsmarkt vereinnahmt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nirgends werden etwa Firmen aufgefordert, Arbeitspl\u00e4tze f\u00fcr Teilerwerbst\u00e4tigkeit oder auch Arbeit von zu Hause flexibler zu gestalten, um die Wahlfreiheit von M\u00fcttern und V\u00e4tern zu erh\u00f6hen, wie dies etwa das Familienministerium im 2. Kabinett Merkel tat. Das Konzept der CDU und CSU, dass Eltern in die Lage versetzt werden sollen, selbst zu entscheiden, wie sie Beruf und Familie vereinbaren und wie sie f\u00fcr die Betreuung der Kinder sorgen, erkennbar ein Feindbild der OH.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eGanztagsschulen\u201c (A109, A138, A139) ebenso wie Ganztageskinderbetreuung ab dem 2. Geburtstag sind f\u00fcr die OH vielmehr verabsolutierend eine \u201egrundlegende Bedingung f\u00fcr das Gelingen von Familie\u201c (A138), Alternativen werden nicht einmal erw\u00e4hnt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jedes Mal wird dabei so getan, als wenn alle Experten und Verb\u00e4nde die genannten Ma\u00dfnahmen ablehnen bzw. die Sicht der OH bef\u00fcrworten, die jeweilige Fachdiskussion dazu wird ausgeblendet. Das erweckt den Eindruck, als w\u00fcrden politische Vertreter anderer Positionen bewusst \u00fcber Fachwissen und Offensichtliches hinweggehen, um die alte Geschlechterhierarchie aufrechtzuerhalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Vollst\u00e4ndigkeit halber sei auch noch erw\u00e4hnt, dass die OH etwas nicht erw\u00e4hnt, was im Parteiprogramm von B\u00fcndnis 90\/Die Gr\u00fcnen zur Frage der Homosexualit\u00e4t zwingend hinzugeh\u00f6rt. Das K\u00fcrzel \u201aLGBT\u2018 verkn\u00fcpft die Gleichstellung von Lesben und m\u00e4nnlichen Homosexuellen (\u201aGay\u2018) mit der Gleichstellung von Bisexuellen, die heterosexuelle und homosexuelle Sexualit\u00e4t zugleich praktizieren, und der Transgender, f\u00fcr die das \u201aB\u2018 und das \u201aT\u2018 stehen. Die OH erw\u00e4hnt \u201aB\u2018 und \u201aT\u2018 nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu guter Letzt sei festgestellt: Stark an Parteiprogramme erinnert der Umstand, dass finanzielle Belange sehr stark im Vordergrund stehen und Familienpolitik vor allem als Umverteilung von Geldern und Sozialpolitik verstanden wird, das private und emotionale Binnenleben der Familien dagegen in der Hintergrund r\u00fcckt. Das ist umso erstaunlicher, als die OH selbst erkl\u00e4rt, es sei das Besondere der christlichen Erziehung, deutlich zu machen, dass materielle Dinge nicht alles seien (A73, A89).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Die DDR als Vorbild?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am deutlichsten wird die politische, ja parteipolitische Einordnung der OH an ihren Aussagen \u00fcber die DDR. Zun\u00e4chst einmal vorweg: In der OH wird zur DDR in der Regel die Rechtslage behandelt, als w\u00e4re sie die Ist-Lage gewesen. Irgendwelche Daten aus Erhebungen oder Lebenserinnerungen, wie es sich tats\u00e4chlich verhalten hat, fehlen, die DDR-amtlichen Statistiken werden unbesehen \u00fcbernommen. Die DDR erscheint als Ort der Gleichberechtigung durch zwei in Vollzeit erwerbst\u00e4tige Eltern mit fr\u00fch einsetzender ganzt\u00e4giger Kinderbetreuung. Deswegen hei\u00dft es: \u201eDie Gleichberechtigung der Frau galt deshalb den Beteiligten als \u201aeine der gr\u00f6\u00dften Errungenschaften\u2018 der DDR und wurde durch materielle und soziale Hilfen f\u00fcr M\u00fctter und Kinder sowie seit den 1970er Jahren durch ein ganzes B\u00fcndel sozialpolitischer Ma\u00dfnahmen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf gest\u00fctzt.\u201c (A21). Dass das alle \u201eBeteiligten\u201c, also alle fr\u00fcheren DDR-B\u00fcrger, so beschreiben, ist ebenso undifferenziert wie die Aussage selbst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auff\u00e4llig h\u00e4ufig wird die DDR als positives Gegen\u00fcber zu Westdeutschland dargestellt (z. B. S12 = S31, A20, A21, A22, A60, A61). Wenn es etwa hei\u00dft, \u201edass der westdeutsche Sozialstaat mit einem tradierten Familienbild eine nachhaltige Familienpolitik vers\u00e4umt hat\u201c (S18 = S125), so findet sich eine entsprechend negative Aussage \u00fcber die DDR-Familienpolitik nirgends.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kritisiert wird an der DDR nur Folgendes: 1. dass (auch hier) die Hauptlast der Hausarbeit weiter bei der Frau lag (S31, A21\/S40), 2. dass Gewalt gegen Frauen tabuisiert war (A96) und 3. einmal kurz die Unfreiheit im Land: \u201eDiesen sozialen \u201aErrungenschaften\u2018 stand allerdings die\u00a0 gravierende Einschr\u00e4nkung politischer und ziviler Freiheitsrechte gegen\u00fcber.\u201c (A21\/S40).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcbrigens wird auch nicht thematisiert, dass die Familienpolitik der DDR das vermutlich erfolgreichste Werkzeug gegen die Kirchen war und zur Entfremdung ganzer Generationen von Gott und Kirche gef\u00fchrt hat. Auch die Frage der erwarteten Mitgliedschaft der Kinder und Jugendlichen in Parteiorganisationen der SED (Pioniere, FDJ) oder die Problematik des Verh\u00e4ltnisses von Jugendweihe und Konfirmation ist der OH keine Zeile wert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4re die DDR also ein freies Land gewesen und h\u00e4tten dort die M\u00e4nner mehr Hausarbeit geleistet, h\u00e4tte sie genau dem Wunschbild der AutorInnen der OH entsprochen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Erziehung weiterreichen?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erziehung wird in der OH vorrangig in Kitas und Schulen geleistet, die elterliche Erziehungsarbeit wird immer sehr schnell damit verbunden, dass die soziale Stellung der Eltern \u00fcber die Zukunft der Kinder bestimmt. Ohne jede Einschr\u00e4nkung wird einfach festgestellt: \u201eDie gesellschaftlichen Debatten \u00fcber Bildung und Erziehung ver\u00e4ndern sich: Galt bis vor Kurzem in Westdeutschland noch die Devise, dass Erziehung in der Familie stattfinde, der Kindergarten f\u00fcr erg\u00e4nzende Betreuung zust\u00e4ndig sei und mit dem Schuleintritt der Bildungsweg beginne, so werden diese Zuordnungen heute grundlegend in Frage gestellt.\u201c (S14 = S87).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So schnell geht das und die Kirche schaut zu, ja f\u00f6rdert die Entwicklung weg von der Bindung an die Eltern hin zur Fremdbetreuung unter Oberhoheit des Staates bzw. au\u00dferfamili\u00e4rer Institutionen. Nirgends wird auf die Gefahr der Gleichschaltung und das Aussterben von Vielfalt und Unabh\u00e4ngigkeit hingewiesen, wenn der Staat und die B\u00fcrokratie mehr und mehr die Kontrolle \u00fcber die Kinder \u00fcbernehmen, zumal Eltern zugleich viel Einfluss an Medien und Peer-Groups abgeben m\u00fcssen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was hat die EKD zum m\u00fchsamen Einsatz der Eltern f\u00fcr die Zukunft der Kinder zu sagen? Vor allem Negatives: \u201eDie Voraussetzungen f\u00fcr Bildungs- und Zukunftschancen von Kindern werden ganz \u00fcberwiegend im Elternhaus gelegt, sie sind abh\u00e4ngig von Ressourcen, kulturellen \u00dcberzeugungen und den Erziehungsstilen der Eltern. Dass Erziehung immer auch soziale Platzierung des Nachwuchses ist, wurde in den international vergleichenden Schulleistungstests (PISA) offenbar \u2026\u201c (A76). Eltern m\u00fcssten eigentlich st\u00e4ndig ein schlechtes Gewissen haben, wenn sie daf\u00fcr sorgen, dass ihre Kinder es zu etwas bringen (z. B. S15 = S87f ). Am besten geben sie ihre Kinder so fr\u00fch wie m\u00f6glich aus dem Haus, damit sie sich sp\u00e4ter nicht den Vorwurf machen m\u00fcssen, aus ihrem Kind w\u00e4re nur etwas wegen des sozialen Status des Elternhauses geworden!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Ganztagsbetreuung als \u201egrundlegende Bedingung f\u00fcr das Gelingen von Familie\u201c? <\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der fl\u00e4chendeckende \u201eAusbau von Tageseinrichtungen und Ganztagsschulen \u2026\u201c (A139) gilt der OH als Selbstverst\u00e4ndlichkeit, weil das Gelingen der Familie ohne sie undenkbar geworden ist: \u201eEine grundlegende Bedingung f\u00fcr das Gelingen von Familie ist der konsequente und qualifizierte Ausbau einer familienunterst\u00fctzenden Infrastruktur von den Krippen bis zu Ganztagsschulen\u201c (A138). Damit wird allen Familien, die darauf verzichten, von vornherein das \u201eGelingen\u201c abgesprochen, und damit \u00fcberhaupt Eltern das Gelingen ihrer Erziehung abgesprochen. Die Realit\u00e4t spricht eine andere Sprache und beweist nicht, dass etwa das Betreuen der Kinder zu Hause automatisch die Vernachl\u00e4ssigungsrate erh\u00f6hen oder die Bildungschancen automatisch verringern w\u00fcrde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die OH schreibt: \u201eDer Ort f\u00fcr eigenst\u00e4ndige Gruppenerfahrungen ist heute die Kinderkrippe und die Kindertagesst\u00e4tte. Bei den \u00fcber Dreij\u00e4hrigen besuchen 95 % aller Kinder eine Betreuungseinrichtung, bei den Zweij\u00e4hrigen ist es mehr als ein Drittel mit steigender Tendenz. &#8230; Inzwischen ist unstrittig, dass der Besuch einer Kindertagesst\u00e4tte und das Zusammensein mit Gleichaltrigen bzw. in jahrgangsgemischten Gruppen der Entwicklung f\u00f6rderlich sind. Dass dies auch f\u00fcr J\u00fcngere, unter Dreij\u00e4hrige gilt, ist &#8230; noch nicht in gleicher Weise akzeptiert. Studien belegen jedoch, dass auch unter dreij\u00e4hrige Kinder \u2013 unter der Voraussetzung qualit\u00e4tsvoller Einrichtungen \u2013 von au\u00dferh\u00e4uslichen Bildungs- und Erziehungsangeboten profitieren, umso mehr, wenn sie aus bildungsbenachteiligten Familien kommen\u201c (A74).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eUnstrittig\u201c ist hier gar nichts, brauchbare Studien gibt es kaum, der Wunsch ist hier Vater des Gedankens. Und wo liegt die Gef\u00e4hrdung der Gesellschaft, wenn eine Familie ihre zweij\u00e4hrigen Kinder nicht in eine Kita schicken, sofern sie nicht vernachl\u00e4ssigt werden?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und m\u00fcsste diese Gef\u00e4hrdung dann nicht im Einzelfall bewiesen werden? Und m\u00fcsste eine Kirche, die l\u00e4ngst Position bezogen hat, nicht wenigstens die damit verbundene ethische Problematik diskutieren und die Pflichtenkollision aufzeigen? Gilt Artikel 6 des von der OH oft zitierten Grundgesetzes nicht mehr, dass es \u201edas nat\u00fcrliche Recht der Eltern und die zuv\u00f6rderst ihnen obliegende Pflicht\u201c sei, ihre Kinder zu erziehen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn Kinder ab dem 2. Lebensjahr ganzt\u00e4gig Betreuungseinrichtungen besuchen und in Ganztagsschulen gehen, wird das Menschenrecht der Eltern und der Kinder, dass die Eltern die religi\u00f6se Erziehung der Kinder selbst bestimmen k\u00f6nnen (Allgemeine Menschenrechtserkl\u00e4rung \u00a718, Europ\u00e4ische Menschenrechtskonvention, Zusatzprotokoll Art. 2 usw.), kaum noch umzusetzen sein. Dies ist f\u00fcr eine Religionsgemeinschaft wie der EKD ebenso eine zentrale Frage wie f\u00fcr die Zukunft der Familie \u00fcberhaupt. Das Menschenrecht wird aber von der OH nicht erw\u00e4hnt, geschweige denn diskutiert, was man zu seinem Schutz unternehmen sollte. Zum \u201eErziehungsrecht der Eltern\u201c geh\u00f6rt zwar \u201eauch die religi\u00f6se Erziehung\u201c (A140), aber dass das Letztere eigens als Menschenrecht im Rahmen der Religionsfreiheit verankert ist, fehlt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Feindbild Hausfrauenehe \u2013 kein Platz f\u00fcr Vielfalt<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein moralischer Zeigefinger durchzieht die ganze Studie besonders: Die \u201aHausfrauenehe\u2018 \u2013 wozu auch Teilzeiterwerbst\u00e4tigkeit der Mutter z\u00e4hlt \u2013 war und ist falsch und ist nur in der Form der Unterdr\u00fcckung der Frau denkbar. Das beginnt schon damit, dass sie schon f\u00fcr die Nachkriegszeit als \u201enicht mehr in die prosperierende Industriegesellschaft\u201c passend dargestellt wird. Vielmehr habe damals die \u201ekollektive Sehnsucht nach Normalit\u00e4t und \u201aheiler Welt\u2018 \u2026 Mythen, Ideale und wirkm\u00e4chtige Rollenbilder \u2026 aufleben lassen\u201c (A22). Dass die Sehnsucht nach \u201eheiler Welt\u201c damals st\u00e4rker gewesen sei und sich in der \u201aHausfrauenehe\u2018 niedergeschlagen habe, wird nicht wissenschaftlich belegt, sondern einfach unterstellt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die \u201aHausfrauenehe\u2018 wird aus dem in der OH immer wieder beschworenen bunten Strau\u00df der vielen M\u00f6glichkeiten des Zusammenlebens offensichtlich ausgenommen, obwohl sie ja bis heute nicht nur dort vorkommt, wo Frauen in Abh\u00e4ngigkeit keine Wahl haben, sondern sehr wohl auch dort, wo sich Erwachsene im Einverst\u00e4ndnis darauf einigen, oft auch nur zeitweise, womit die \u201eHausfrauenehe\u201c eben einfach zur gesellschaftlichen Realit\u00e4t geh\u00f6rt, die ansonsten immer wieder zum Ma\u00dfstab gemacht wird. Was sollte daran immer und grunds\u00e4tzlich verwerflich sein, wenn man jede andere Form des Zusammenlebens auch gut findet? Warum wird das Innenleben von \u201aHausfrauenehen\u2018 und Teilerwerbst\u00e4tigkeit von M\u00fcttern st\u00e4rker problematisiert, als bei Alleinerziehenden, Patchworkfamilien und Lebenspartnerschaften? Hat nicht jede Familienform ihre eigenen typischen Probleme? Schafft nicht jede auch wieder andere Gef\u00e4hrdungen der Abh\u00e4ngigkeit und des Machtgef\u00e4lles. Gibt es Gewalt (leider!) nicht in jeder Form des Zusammenlebens?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn die Beziehung, in der beide gleich viel arbeiten und im Haushalt helfen, als Ideal gezeichnet wird und die \u201epartnerschaftliche Familie als Modell der Zukunft \u2026\u201c (A137) gilt, gilt dann umgekehrt, dass die Hausfrauenehe oder die <i>Hausmannehe <\/i>nicht partnerschaftlich sein k\u00f6nnen? Und wenn es beim Modell der \u201epartnerschaftlichen Familie\u201c darum geht, \u201eFairness innerhalb der Familie einen entscheidenden Wert beizumessen\u201c (A52), fragt man sich: Ist etwa jede traditionelle Ehe und Familie von Unfairness gepr\u00e4gt und jede Beziehung zweier Erwerbst\u00e4tiger von Fairness? Ist das nicht eine pauschalisierende und vorurteilsbeladene Unterstellung ohne Kenntnis der jeweils konkreten Situation? Auch in L\u00e4ndern mit h\u00f6herer Frauenerwerbst\u00e4tigkeit wie Schweden oder den USA entscheiden sich immer wieder Millionen von Paaren bewusst f\u00fcr die Betreuung der Kinder durch die nicht oder nur teilweise erwerbst\u00e4tige Mutter \u2013 ohne Zwang und ohne Hierarchie \u2013 ist das dann immer falsch?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>\u00d6kumene \u2013 Andersdenkende in der Kirche \u2013 Homosexualit\u00e4t<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das \u00f6kumenische Gespr\u00e4ch wird \u00fcberhaupt nicht gef\u00fchrt, weder freundlich noch abgrenzend. Andere Kirchen als die EKD und die katholische Kirche kommen sowieso nicht vor. Das absolute Scheidungsverbot der r\u00f6misch-katholischen Lehre, der Z\u00f6libat, die Ablehnung des Schwangerschaftsabbruchs und der k\u00fcnstlichen Empf\u00e4ngnisverh\u00fctung und vieles mehr werden nicht einmal erw\u00e4hnt. Es wird nur kurz abgelehnt, dass die Ehe ein \u201eSakrament\u201c ist (A48).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch wenn man einige der katholischen Positionen nicht teilt: Darf eine evangelische OH zur Familie so vollst\u00e4ndig \u00fcbergehen, was der ebenso gro\u00dfe andere Teil der Christenheit in Deutschland lehrt? Auch etwa orthodoxe, freikirchliche oder innerkirchlich-evangelikale Positionen werden \u00fcbergangen. Gibt es von Christen au\u00dferhalb der EKD und von andersdenkenden Christen innerhalb der EKD gar nichts mehr zu lernen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den christlichen Kirchen weltweit hat die Frage, wie mit Homosexualit\u00e4t umgegangen werden soll, ob Homosexuelle ordiniert werden k\u00f6nnen, ob sie zu Bisch\u00f6fen ordiniert werden k\u00f6nnen und wie die Kirchen generell zu Lebenspartnerschaftsgesetzen oder zur Homosexuellenehe stehen sollen, eine breite und kontroverse Diskussion ausgel\u00f6st . Kirchenspaltungen historischer Kirchen wie in der anglikanischen Kirche sind im Gange, bodenst\u00e4ndige \u00f6kumenische Beziehungen brechen auseinander, lange hat kein Einzelthema die Weltkirche so ersch\u00fcttert. G\u00e4be es diese Thematik nicht, ginge es den \u00f6kumenischen Beziehungen auf globaler Ebene besser denn je zuvor. Der \u00d6kumenische Rat der Kirchen etwa verzichtet deswegen v\u00f6llig auf Stellungnahmen zum Thema, weil sonst ein \u00f6kumenischer Zusammenhalt kaum noch denkbar w\u00e4re. Die OH geht auf diese ganze Problematik nicht ein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die OH bezieht hier ohne Wenn und Aber Partei und geht in ihren Forderungen auch weit \u00fcber den Istzustand in Deutschland hinaus, auch \u00fcber die Position zahlreicher Gliedkirchen der EKD, die s\u00e4mtliche zwar homosexuelle PfarrerInnen zulassen, aber noch l\u00e4ngst nicht f\u00fcr jede Forderung der OH offen sind, vor allem nicht in Bezug auf die lebensl\u00e4ngliche Ehe, wie auch der Protest einzelner aktiver Bisch\u00f6fe deutlich gemacht hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber selbst wenn man das alles aus \u00dcberzeugung tut: W\u00e4re es nicht am Platz gewesen, wenigstens ein Wort dar\u00fcber zu verlieren, wie es denn nach dieser Positionsbestimmung mit der Weltkirche, mit der \u00d6kumene, mit innerkirchlichen Auseinandersetzungen weitergehen soll? Und h\u00e4tte man nicht soviel Umsicht aufbringen m\u00fcssen, die Diskussion fair nachzuzeichnen und die Argumente Andersdenkender darzustellen und dann zu widerlegen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Ausgeblendete Sexualit\u00e4t<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ohne Sexualit\u00e4t g\u00e4be es keine Familie. Trotzdem kommt Sexualit\u00e4t in der OH praktisch nicht oder nur beil\u00e4ufig vor, es gibt keinen eigenen Abschnitt dazu, als h\u00e4tten Kinder, Ehe und Patchworkfamilie, Lebenspartnerschaft und Scheidung nichts mit Sexualit\u00e4t zu tun. Sexualit\u00e4t erscheint als sexuelle Gewalt und sexueller Missbrauch (S17 = S107, A32, A96, A97, A100, A102, A103, A146), als Bestandteil von Begriffen wie Homosexualit\u00e4t oder sexuelle Orientierung (A8, A28, A29, A30, A51, A52, A53, A127, A133).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lediglich beil\u00e4ufig wird das \u201eGl\u00fcck sexueller Begegnung\u201c (A41, A47), und \u201eerf\u00fcllte Sexualit\u00e4t\u201c (A57, \u00e4hnlich A52) erw\u00e4hnt. Weder wird von den meisten positiven Dingen rund um Sexualit\u00e4t gesprochen, wie z. B. der Emotionalit\u00e4t oder Zeugung, noch von negativen Dingen wie \u201aUntreue\u2018 bzw. \u201aEhebruch\u2018, die immer noch der h\u00e4ufigste Scheidungsgrund sind, aber auch nicht von ersterbender Sexualit\u00e4t in Beziehungen, von Sexualerziehung oder von Sexsucht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn Sexualit\u00e4t positiv vorkommt, dann sofort mit einer Spitze gegen die Ehe: \u201eLiebe gilt als die intensivste pers\u00f6nliche und exklusive Beziehung zwischen zwei Menschen, und sie wird gerade in einer erf\u00fcllten sexuellen und erotischen Beziehung auch so erfahren. Das kann sich mit der Rechtsgestalt von Ehe und Familie reiben\u201c (A52).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Lebensl\u00e4ngliche Treue und sexuelle Exklusivit\u00e4t<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Gedanke der Exklusivit\u00e4t sexueller Beziehungen fehlt v\u00f6llig, f\u00fcr die traditionelle Ehe ebenso wie f\u00fcr die \u201awilde\u2018 Ehe, Patchworkfamilien und homosexuelle Lebenspartnerschaften. Hier f\u00e4llt die Kirche moralisch weit hinter das zur\u00fcck, was die gro\u00dfe Mehrheit unserer Gesellschaft nach wie vor f\u00fcr richtig h\u00e4lt, wenn auch meist in Form der sogenannten \u201aseriellen Monogamie\u2018 (\u201aimmer nur ein paar Partner zu einer Zeit\u2018).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kurzum: Nirgends stellt die OH die ethische Forderung wenigstens serieller sexueller Treue auf und noch viel weniger bezeichnet sie die lebensl\u00e4ngliche sexuelle Treue als erstrebenswertes Ziel oder wenigstens sch\u00f6ne Erfahrung. <i>Die sexuelle Treue ist als ethischer Wert abhandengekommen. Dies nicht, weil sie als Wert in der Gesellschaft abhandengekommen ist, wenigstens in der seriellen Form, sondern weil sich die AutorInnen der OH offenbar bewusst dagegen entschieden haben. <\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Verharmlosung von Scheitern<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Scheitern von ehelichen und famili\u00e4ren Beziehungen wird verharmlost und mehr wie ein Naturgesetz beschrieben, etwa wenn es hei\u00dft : \u201eFamilie bedeutet h\u00f6chstes Gl\u00fcck, aber auch die\u00a0 M\u00f6glichkeit des Scheiterns und Neubeginns und den Wandel von Beziehungen.\u201c (A1\/S21). Wenn \u201e\u2026 im Scheidungsfall beide Eltern das Sorgerecht behalten \u2026, so bedeuten diese Ver\u00e4nderungen im Familienleben auch Verunsicherungen insbesondere f\u00fcr Kinder\u201c (A8). \u201eVerunsicherungen\u201c? Was f\u00fcr ein Euphemismus, wenn er die vielen Traumata und emotionalen Katastrophen mit erfassen soll! Haben die Autoren noch keine langj\u00e4hrige Auseinandersetzung um die Kinder nach Scheidungen aus n\u00e4chster N\u00e4he miterlebt? Wissen sie nicht, dass es f\u00fcr Kinder l\u00e4ngst nicht immer einfach ist, in einer Patchworkfamilie pl\u00f6tzlich mit v\u00f6llig anderen Kindern des neuen Partners ihres Elternteils zusammenleben zu m\u00fcssen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kirche hat die Aufgabe, \u201e\u2026 andere an Gerechtigkeit orientierte Familienkonstellationen sowie das f\u00fcrsorgliche Miteinander von Familien und Partnerschaften \u2013 selbst in ihrem Scheitern \u2013 zu st\u00e4rken, aufzufangen und in den kirchlichen Segen einzuschlie\u00dfen\u201c (A134). \u201eDie Kirchen unterst\u00fctzen Familien in ihrem Wunsch nach gelingender Gemeinschaft, sie begleiten sie aber auch im Scheitern und bei Neuaufbr\u00fcchen.\u201c (A5). Hier steht neben dem \u201eScheitern\u201c der Neuaufbruch, ja \u201aAufbruch\u2018, \u201aNeuaufbruch\u2018, \u201aVer\u00e4nderung\u2018 sind beliebte Chiffren der OH f\u00fcr Familiendramen und reden massive Probleme sch\u00f6n.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf Trennung und Scheidung selbst wird eigentlich nirgends n\u00e4her eingegangen, sie erscheinen nur in solchen Aufz\u00e4hlungen und Halbs\u00e4tzen und werden einfach als Fakt beschrieben. Das Verharmlosen von Scheitern und der dadurch hervorgerufenen Traumata setzt sich theologisch in der Abwesenheit von Schuld, Bu\u00dfe, Umkehr oder S\u00fcndenbekenntnis fort.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Einlinige Argumentationsweise<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hinter der h\u00e4ufigen Nennung von \u201eAutonomie\u201c und \u201eVielfalt\u201c steht ein sehr einliniges, einseitiges normatives Bild der OH. Ich habe es durch erneutes Lesen der Erkl\u00e4rung nur darauf hin noch einmal erh\u00e4rtet: Die OH kennt praktisch kein Abw\u00e4gen, keinen Kompromiss, keinen Ausgleich von Interessen, kein sowohl als auch. Argumente stellt sie kaum Pro und Contra vor, um dann einen Kompromiss zu finden oder eine L\u00f6sung, die beiden oder mehreren Anliegen gerecht wird. Es gilt beispielsweise nur Kita plus Ganztagsschule, nicht aber ein Ausgleich zwischen Direktbetreuung durch die Eltern und gesellschaftlicher Betreuung. Es scheint keine Situation zu geben, in der die pers\u00f6nliche Betreuung von Kleinkindern durch die Eltern unterst\u00fctzenswert w\u00e4re. Es gilt etwa Vollerwerbst\u00e4tigkeit gegen Hausfrau, Teilerwerbst\u00e4tigkeit gilt ausdr\u00fccklich nicht als L\u00f6sung f\u00fcr M\u00fctter (S15 = S77, A62).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>\u201e<\/b><b><i>Die <\/i><\/b><b>Wissenschaft hat festgestellt \u2026\u201c<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die OH durchzieht der Duktus, dass das jeweils Vorgetragene <i>die <\/i>Sicht der Wissenschaft sei oder von bedeutenden Organisationen vertreten werde. Weder im soziologischen noch im theologischen Teil wird angedeutet, dass es zu allen angesprochenen Sachfragen eine gro\u00dfe Bandbreite an wissenschaftlich begr\u00fcndeten Auffassungen gibt. Immer wieder hei\u00dft es, dass viele Studien dieses oder jenes Ergebnis erbracht h\u00e4tten. Formulierungen wie \u201eAls Gr\u00fcnde daf\u00fcr gelten \u2026\u201c (A3) oder \u201eheute wissen wir\u201c (A43) finden sich st\u00e4ndig, auch bei sehr umstrittenen Fragen. Dabei wird eine Eindeutigkeit gezeichnet, die nicht gegeben ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Beispiel: Man ist gegen das Ehegattensplitting, \u201edas aus sozial- und gleichstellungspolitischen Gr\u00fcnden seit Langem grunds\u00e4tzlich in Frage gestellt und auch von der OECD kritisiert wird.\u201c (A116). Es gibt gute Gr\u00fcnde gegen und f\u00fcr das Ehegattensplitting. Die OH aber erweckt den Eindruck, als sei die moralische und wissenschaftliche Bewertung eindeutig und seien die Gr\u00fcnde f\u00fcr das Festhalten am Ehegattensplitting ganz andere, n\u00e4mlich das bewusste Festhalten an der Unterordnung der Ehefrau. Dass das Ehegattensplitting historisch ein Fehler war, st\u00fcnde sowieso fest. Das kann man parteipolitisch so sehen. Darf man es aber als Kirche auch mit der ganzen Wucht der Bezugnahme auf Wissenschaft und Theologie zur einzig g\u00fcltigen Sicht erheben?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Das ungekl\u00e4rte Verh\u00e4ltnis von Soziologie und Theologie: Ethik des Faktischen?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Handreichung der Evangelischen Kirche in Deutschland zum Thema Homosexualit\u00e4t, die diese nicht ablehnt, sagte 1997 zutreffend, was die OH nun v\u00f6llig \u00fcber Bord geworfen hat: \u201eHumanwissenschaftliche Ergebnisse besitzen zweifellos eine gewisse Relevanz f\u00fcr die hier anstehende Urteilsbildung. Die entscheidende Argumentation muss jedoch theologisch gef\u00fchrt werden. Deshalb kann auch der (mehrheitlichen) Sichtweise des Ph\u00e4nomens \u201aHomosexualit\u00e4t\u2018 in den gegenw\u00e4rtigen Humanwissenschaften f\u00fcr die theologische Urteilsbildung keine normative Bedeutung zuerkannt werden. Wenn es gute theologische Gr\u00fcnde daf\u00fcr gibt, muss ihr eine andere Sichtweise entgegengesetzt werden.\u201c(3)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass in der OH aber nicht die Theologie den Ausschlag gibt, sondern eine bestimmte Parteirichtung der sozialwissenschaftlichen Analyse, ist f\u00fcr jeden greifbar. Wenn die EKD ihre Begr\u00fcndung der Zul\u00e4ssigkeit homosexueller Handlungen so grundlegend gegen\u00fcber 1996 ge\u00e4ndert hat und 1996 noch mit dem Leitbild der Ehe in Einklang bringt, 2013 aber dieses Leitbild als unbiblisch, unreformatorisch und wirklichkeitsfremd bezeichnet, h\u00e4tte man doch wenigstens erwarten k\u00f6nnen, dass sie selbst auf fr\u00fch\u00a0 Positionen verweist und den Kurswechsel begr\u00fcndet!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn es hei\u00dft: \u201eUm eine evangelische Verst\u00e4ndigung \u00fcber Ehe, Familie und Partnerschaft zu versuchen, geht es zun\u00e4chst um eine Ortsbestimmung. Dabei fallen aktuelle Trends in Familienleben und Partnerschaftsverhalten auf \u2026\u201c (S11): Wieso werden die Trends immer als das Eigentliche und zu Akzeptierende gesehen, das, wovon die Trends statistisch fortf\u00fchren und was meist noch die gro\u00dfe Mehrheit der Lebenslagen kennzeichnet, dagegen als das Alte, Falsche, erfreulicherweise Abnehmende angesehen? Und w\u00e4re man dann auch bereit, eine Trendwende, wie es sie schon in anderen L\u00e4ndern gegeben hat, ebenso als normativ anzusehen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Z\u00e4hlt dann auch, dass die Scheidungsrate in Deutschland r\u00fcckl\u00e4ufig ist? Ehen halten wieder l\u00e4nger. 1992 waren es im Durchschnitt 11,5 Jahre, 2012 14 Jahre. Trotz kleiner j\u00e4hrlicher Schwankungen ist die Zahl der Scheidungen seit dem H\u00f6hepunkt 2003\/2004 auch anteilig r\u00fcckl\u00e4ufig.(4)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja, will man \u00fcberhaupt Trends zur Norm erheben? Und das, obwohl die meisten Trends ja sehr instabil sind und morgen schon wieder gegenl\u00e4ufig sein k\u00f6nnen, etwa indem derzeit die Heiratsquote in den neuen Bundesl\u00e4ndern \u00fcberraschend steigt? Und ist die OH auch bereit, die Berufung auf Trends zu akzeptieren, wenn sie gegenl\u00e4ufig zu dem sind, was die OH fordert? Es ist nicht zu erkennen, dass man wirklich die hochkomplexe gesellschaftliche Realit\u00e4t verstehen und abbilden will. Zwar spricht man dauernd von der Vielfalt der Familienformen. Aber man hat immer sehr schnell einfache Erkl\u00e4rungen f\u00fcr komplexe Zusammenh\u00e4nge zur Hand. Ursache und Wirkung scheinen immer recht einfach zu ein. Ich kann nicht erkennen, dass man gro\u00dfen Aufwand betrieben h\u00e4tte, den Stand der sozialwissenschaftlichen Forschung (5) in seiner Bandbreite zu erheben. Vielmehr werden \u00fcberwiegend die B\u00e4nde der Buchreihen des Familienministeriums zitiert, deren Qualit\u00e4t ich nicht anzweifeln m\u00f6chte, die aber doch nur einen Bruchteil der Forschungsarbeit abbilden und nur Themen behandeln, f\u00fcr die das Familienministerium Forschungsgelder zur Verf\u00fcgung gestellt hat und die fast immer politisch motiviert sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Die Ergebnisse sozialwissenschaftlicher Forschung werden: <\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">1. missbraucht, indem aus Zustandsbeschreibungen die Forderung wird, diesen Zustand gut zu hei\u00dfen. Hei\u00dft das, dass alles, was die Sozialwissenschaften herausfinden, ab jetzt die Norm ist?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">2. Die Sozialwissenschaften werden selektiv zitiert. Es wird immer wieder so getan, als g\u00e4be es ein einhelliges Ergebnis sozialwissenschaftlicher Forschung und es ginge nun nur darum, ob man die Wissenschaft und damit den Ist-Zustand und die Realit\u00e4t akzeptiere oder nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">3. Dabei wird die Forschung auch banalisiert. Komplizierte Ergebnisse werden zu handlichen Ergebnissen, die immer die moralische Auffassung der AutorInnen st\u00fctzen. In der Realit\u00e4t gibt es eine enorme Bandbreite an sozialwissenschaftlicher Forschung mit vielerlei, oft sich erg\u00e4nzenden, oft sich <i>auch <\/i>widersprechenden Ergebnissen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">____________________________________________________________________________________________<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Anmerkungen<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>1 \u201eZwischen Autonomie und Angewiesenheit \u2013 Familie als verl\u00e4ssliche Gemeinschaft st\u00e4rken\u201c \u2013 Eine Orientierungshilfe des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, G\u00fctersloh 2013 und unter: <a href=\"http:\/\/www.ekd.de\/download\/20130617_%20familie_als_%20verlaessliche_gemeinschaft.pdf\">http:\/\/www.ekd.de\/download\/20130617_ familie_als_ verlaessliche_gemeinschaft.pdf<\/a>. <\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>2 Alexander Kissler. \u201eSchwafelkirche in Selbstaufl\u00f6sung\u201c. Cicero Online vom 25.6.2013. <\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>3 Mit Spannungen leben. Eine Orientierungshilfe des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland zum Thema \u201aHomosexualit\u00e4t und Kirche\u2018. EKD-Texte 57. EKD: Hannover, 1996. S. 11. <\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>4 Vgl. als Beispiel Claudia Becker. \u201eDeutsche Ehen halten wieder l\u00e4nger\u201c. Die Welt vom 31.7.2013. S. 1. <\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>5 Als Beleg f\u00fcr die einseitige Darstellung von soziologischen Forschungsergebnissen f\u00fchren wir im Gutachten zahlreiche weitere Beispiele ausf\u00fchrlicher an, n\u00e4mlich Scheidungsfolgen, Kitas, Regenbogenfamilien, Zeit mit den Eltern, Biologische Elternschaft, Geburtenrate, Gewalt an M\u00e4nnern, Hausarbeit und Geschichte der b\u00fcrgerlichen Ehe.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">____________________________________________________________________________________________<\/p>\n<p><em>Prof. Dr. phil. Dr. theol. Thomas Schirrmacher ist Direktor des Internationalen Instituts f\u00fcr Religionsfreiheit (Bonn, Kapstadt, Colombo), unter Mitarbeit von Titus Vogt.<\/em><i><br \/>\n<\/i><\/p>\n<p><em>Quelle: Evangelische Verantwortung 1 + 2 2014 (Das Magazin des Evangelischen Arbeitskreises der CDU\/CSU)<\/em><\/p>\n<p>____________________________________________________________________________________________<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.bucer.de\/fileadmin\/dateien\/Dokumente\/BQs\/zu_BQ200-299\/zu_BQ289\/EKD_Familie_2013__Gutachten_TS_TV_.pdf\">Das PDF des vollst\u00e4ndigen Gutachtens kann hier heruntergeladen werden.<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Das Gutachten ist auch als Buch erh\u00e4ltlich, erschienen im Verlag f\u00fcr Kultur und Wissenschaft (Culture and Science Publ.), Bonn 2014, 107 S., ISBN 978-3-86269-079-4; ISSN 1430-9068 (edition pro mundis). Versandkostenfrei bestellbar zum Preis von EUR 12,- (10 Ex. f\u00fcr 80,- EUR) unter: <a href=\"http:\/\/www.vkwonline.de\/ein-neuesnormatives- familienbild-als-normative-orientierung.html\">www.vkwonline.de\/ein-neues-normatives-<a href=\"http:\/\/www.vkwonline.de\/ein-neuesnormatives- familienbild-als-normative-orientierung.html\"><a href=\"http:\/\/www.vkwonline.de\/ein-neuesnormatives- familienbild-als-normative-orientierung.html\">familienbild-als-normative-orientierung.html<\/a> und<br \/>\n<\/a><\/a><\/i><em><a href=\"http:\/\/www.vkwonline.de\/catalogsearch\/result\/?q=familienmodell\">http:\/\/www.vkwonline.de\/catalogsearch\/result\/?q=familienmodell<\/a>.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" alt=\"\" src=\"http:\/\/www.bucer.de\/uploads\/RTEmagicC_EKD_Cover_01.jpg.jpg\" width=\"250\" height=\"355\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine soziologische und theologische Kritik des Familienpapiers der EKD Die Diskussionen um die EKD-Orientierungshilfe brechen nicht ab. 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