{"id":10450,"date":"2014-01-29T12:31:18","date_gmt":"2014-01-29T10:31:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=10450"},"modified":"2014-01-29T15:03:35","modified_gmt":"2014-01-29T13:03:35","slug":"freude-ohne-evangelium","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=10450","title":{"rendered":"Freude ohne Evangelium?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Stellungnahme zum Apostolischen Schreiben &#8222;Evangelii gaudium&#8220; von Papst Franziskus<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein alter Renault 4 als Dienstwagen, eine bescheidene Wohnung im G\u00e4stehaus des Vatikans, ein Besuch bei den Fl\u00fcchtlingen auf Lampedusa &#8211; mit all diesem machte der neue Papst,\u00a0 Mitte M\u00e4rz gew\u00e4hlt, bisher Schlagzeilen. Nun liegt seit Ende November aber auch ein erstes Lehrdokument ganz aus der Feder von Franziskus vor (die Enzyklika Lumen fidei &#8211; Licht des Glaubens vom Juni 2013 war noch weitgehend von Benedikt XVI ausgearbeitet worden). Das <a href=\"http:\/\/www.vatican.va\/holy_father\/francesco\/apost_exhortations\/documents\/papa-francesco_esortazione-ap_20131124_evangelii-gaudium_ge.html\">Apostolische Schreiben Evangelii gaudium<\/a> &#8211; die Freude des Evangeliums behandelt in immerhin 288 Paragraphen und auf \u00fcber 250 Seiten &#8222;die Verk\u00fcndigung des Evangeliums in der Welt von heute&#8220;.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Evangelium, Evangelisation und Mission sind Hauptthemen des Dokuments. Kein Wunder, dass es gleich auf &#8222;gro\u00dfe Zustimmung&#8220; unter den Evangelikalen traf. &#8222;Wie evangelisch ist der Papst?&#8220; fragte idea-Spektrum auf dem Titel von 49\/2013. In der Inhaltsangabe hie\u00df es dann schon zum Titelthema: &#8222;Diese Papstworte sind evangelisch&#8220;. Chefredakteur Matthies: &#8222;Wenn er \u00e4u\u00dfert, allein die pers\u00f6nliche Begegnung mit Christus&#8216; sei &#8218;der Grund der Kirche&#8216;, ist das Evangelium pur!&#8220; Der lutherische Bischof F. Weber aus Braunschweig meint, es handele sich um mein &#8222;evangelisches, das hei\u00dft, dem Evangelium verpflichtetes Wort&#8220;. Rolf Hille von der Evangelischen Allianz Deutschlands sieht die Forderungen des Papstes &#8222;tief im Evangelium verwurzelt&#8220; und ruft zu seinem gr\u00fcndlichen Studium auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die &#8222;Neu-Evangelisierung&#8220; war schon durch die beiden Vorg\u00e4nger des Franziskus auf die Tagesordnung Roms gehoben worden. Benedikt hatte die katholische Bischofssynode vom Herbst 2012 diesen Fragen gewidmet. Franziskus erweitert die Perspektive auf Mission \u00fcberhaupt und folgt dabei intensiv dem &#8222;Dokument von Aparecida&#8220; der s\u00fcdamerikanischen Bisch\u00f6fe aus dem Jahr 2007.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie ist Evangelii gaudium nun aus evangelischer Perspektive zu bewerten? Ist da in Rom wirklich ein Revolution\u00e4r an der Macht, wie George Weigel aus den USA meint? Ist im Vatikan eine &#8222;Revolution von oben&#8220; im Gang? Wie die ersten, fast schon enthusiastischen \u00c4u\u00dferungen auch mancher Protestanten zeigen, gibt es tats\u00e4chlich nicht wenig Positives im Dokument. Doch die negativen Seiten sollten genauso wenig ausgeblendet werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>1.\u00a0 Positive Akzente<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Christsein und Freude<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weite Teile des Schreibens werden von einer positiven Grundnote bestimmt, eben der Freude. Franziskus will &#8222;zu einer neuen Etappe der Evangelisierung&#8220; einladen, &#8222;die von dieser Freude gepr\u00e4gt ist&#8220; (1). Er ruft jeden Christen auf, &#8222;noch heute seine pers\u00f6nliche Begegnung mit Jesus Christus zu erneuern oder zumindest den Entschluss zu fassen, sich von ihm finden zu lassen, ihn jeden Tag ohne Unterlass zu suchen.&#8220; (3)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den Paragraphen 4-5 gibt der Papst einen guten biblischen Abriss der Freude des Heils. Auch Hingabe und Selbstaufopferung stehen unter einem positiven Vorzeichen. Er zitiert aus dem Dokument von Aparecida: &#8222;Die gr\u00f6\u00dfte Freude am Leben erfahren jene, die sich nicht um jeden Preis absichern, sondern sich vielmehr leidenschaftlich dazu gesandt wissen, anderen Leben zu geben. Das Leben wird reifer und reicher, je mehr man es hingibt, um anderen Leben zu geben. Darin besteht letztendlich die Mission.&#8220; Daher &#8222;d\u00fcrfte ein Verk\u00fcnder des Evangeliums nicht st\u00e4ndig ein Gesicht wie bei einer Beerdigung haben.&#8220; (10)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Evangelium soll &#8222;ausnahmslos allen&#8220; verk\u00fcndigt werden, aber dies soll man nicht wie jemand tun, &#8222;der eine neue Verpflichtung auferlegt, sondern wie jemand, der eine Freude teilt, einen sch\u00f6nen Horizont aufzeigt, ein erstrebenswertes Festmahl anbietet.&#8220; (14) Diese Akzentsetzung des Papst ist nur zu begr\u00fc\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Kirche und Mission<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Franziskus hat das erste Hauptkapitel sicher ganz bewusst und vielsagend &#8222;die missionarische Umgestaltung der Kirche&#8220; genannt. &#8222;Versetzen wir uns in allen Regionen der Erde in einen &#8218;Zustand permanenter Mission'&#8220; (25), lautet sein Aufruf. &#8222;Brechen wir auf, gehen wir hinaus, um allen das Leben Jesu Christi anzubieten!&#8220; (49) Mission und Evangelisation sollen als Priorit\u00e4ten die ganze Kirche bestimmen. Der Papst schildert seine Vision daher so: &#8222;Ich tr\u00e4ume von einer missionarischen Entscheidung, die f\u00e4hig ist, alles zu verwandeln, da\u00admit die Gewohnheiten, die Stile, die Zeitpl\u00e4ne, der Sprachgebrauch und jede kirchliche Struktur ein Kanal werden, der mehr der Evangelisierung der heutigen Welt als der Selbstbewahrung dient.&#8220; (27)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So wundert es auch nicht, dass das Oberhaupt Roms die Gestalt der eigenen Kirche kritisch sieht. Franziskus beklagt eine &#8222;\u00fcbertriebene Zentralisierung&#8220; (32), fordert eine heilsame &#8222;Dezentralisierung&#8220; (16) des Kirchenapparates. &#8222;Auch das Papsttum und die zentralen Strukturen der Universalkirche haben es n\u00f6tig, dem Aufruf zu einer pastoralen Neuausrichtung zu folgen.&#8220; (32) Ja er spricht sogar von einer &#8222;Neuausrichtung des Papsttums&#8220; (engl. noch provokanter conversion &#8211; Umkehr).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch &#8222;zum Teil tief in der Geschichte verwurzelte Br\u00e4uche&#8220; gelte es zu hinterfragen. &#8222;Sie m\u00f6gen sch\u00f6n sein&#8220;, aber dennoch mahnt der Papst: &#8222;Haben wir keine Angst, sie zu revidieren!&#8220; Diese Revision darf auch nicht vor &#8222;kirchlichen Normen oder Vorschriften&#8220; (43) Halt machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Franziskus sieht die Kirche als &#8222;offenes Haus des Vaters&#8220;; sie sei &#8222;keine Zollstation, sie ist das Vaterhaus, wo Platz ist f\u00fcr jeden mit seinem m\u00fchevollen Leben.&#8220; (47) Typisch f\u00fcr den Jesuiten aus Argentinien sind sicher auch diese Worte: &#8222;Mir ist eine &#8218;verbeulte&#8216; Kirche, die verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die Stra\u00dfen hinausgegangen ist, lieber, als eine Kirche, die aufgrund ihrer Verschlossenheit und ihrer Bequemlichkeit, sich an die eigenen Sicherheiten zu klammern, krank ist. Ich will keine Kirche, die darum besorgt ist, der Mittelpunkt zu sein, und schlie\u00dflich in einer Anh\u00e4ufung von fixen Ideen und Streitigkeiten verstrickt ist.&#8220; (49)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Neuausrichtung der Kirche Roms ist nat\u00fcrlich eine interne Angelegenheiten der Katholiken. Man darf gespannt sein, wie dieser Prozess, den Protestanten wohlwollend beobachten, ablaufen wird. Denn obwohl die Vollmachten des Bischofs von Roms gro\u00df sind, ist er eben doch durch die nicht ver\u00e4nderbaren Dogmen, das nur schwer und langfristig zu modifizierende Kirchenrecht und den gewaltigen Apparat im Spielraum eingeschr\u00e4nkt. Es ist wohl etwas voreilig, Franziskus zum Revolution\u00e4r auszurufen, wie dies der &#8222;evangelikale Katholik&#8220; George Weigel schon tat. Und selbst wenn &#8211; das r\u00f6mische Profil wird die Weltkirche auch unter Franziskus nicht verlieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Predigt und Bibellesen<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ab Paragraph 135 widmet sich der Papst dem gepredigten und studierten Wort Gottes. Er ruft die Glaubensgeschwister auf: &#8222;Erneuern wir unser Vertrauen in die Verk\u00fcndigung, das sich auf die \u00dcberzeugung gr\u00fcndet, dass Gott es ist, der die anderen durch den Prediger erreichen m\u00f6chte, und dass er seine Macht durch das menschliche Wort entfaltet.&#8220; (136)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Franziskus betont die Wichtigkeit der guten Vorbereitung der Predigt (145). In einem ersten Schritt gilt es, &#8222;die ganze Aufmerksamkeit dem biblischen Text zu widmen, der die Grundlage der Predigt sein muss.&#8220; (146) Das Wichtigste f\u00fcr den Prediger sei die Frage, &#8222;was die Hauptbotschaft ist, die dem Text Struktur und Einheit verleiht.&#8220; (147) Und ganz lutherisch: &#8222;Der Prediger muss auch ein Ohr beim Volk haben, um herauszufinden, was f\u00fcr die Gl\u00e4ubigen zu h\u00f6ren notwendig ist.&#8220; (154)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie fr\u00fcher nur die Evangelischen, so fordert nun auch ein Papst: &#8222;Das Studium der Heiligen Schrift muss ein Tor sein, das allen Gl\u00e4ubigen offensteht.&#8220; (175) Das &#8222;Wort Gottes&#8220; m\u00fcsse &#8222;immer mehr zum Mittelpunkt allen kirchlichen Handelns werden&#8220;. Alles evangelisierende Handeln &#8222;braucht die Vertrautheit mit dem Wort Gottes&#8220;. Der Papst fordert &#8222;das Angebot eines ernsten und beharrlichen Studiums der Bibel sowie die F\u00f6rderung ihrer pers\u00f6nlichen und gemeinschaftlichen Lekt\u00fcre im Gebet&#8220; (174).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">All dies ist von Protestanten gewiss zu begr\u00fc\u00dfen. Allerdings kann nicht verborgen bleiben, dass die Auslegung der Bibel in den Kontext des r\u00f6misch-katholischen Systems eingeordnet bleibt. Die Wortverk\u00fcndigung ist im Rahmen der Liturgie &#8222;Teil der Opfergabe, die dem Vater dargebracht wird&#8220;. Sie richtet auf die Eucharistie hin aus, &#8222;die das Leben verwandelt&#8220;. Verwandelnd wirkt also in erster Linie das Messopfer. Daher d\u00fcrfe &#8222;das Wort des Predigers nicht einen \u00fcbertriebenen Raum&#8220; einnehmen (138) &#8211; eine vielsagende Einschr\u00e4nkung, typisch f\u00fcr das katholische &#8222;Ja, aber.&#8220; Die Verk\u00fcndigung hat vorbereitende Funktion f\u00fcr den &#8222;Empfang des Sakramentes&#8220;; erst im Sakrament &#8222;erreicht dieses Wort seine gr\u00f6\u00dfte Wirksamkeit&#8220; (174). Hier wird gleichsam die gute katholische Ordnung wiederhergestellt: das Messopfer ist das eigentlich Zentrum jeden Gottesdienstes, also nicht die Predigt wie in evangelischen Gemeinden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Franziskus setzt hier also erfreulicherweise die Betonung des Bibelstudiums fort, die schon seit Jahrzehnten in der r\u00f6mischen Kirche zu h\u00f6ren ist. Von einem epochalen Wandel kann jedoch keine Rede sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>In der Kraft des Heiligen Geistes<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Kapitel V macht Franziskus gute Ausf\u00fchrungen zur Motivation der evangelisierenden Christen und zum Heiligen Geist. Dieser gibt &#8222;die Kraft, die Neuheit des Evangeliums mit Freimut (parrhes\u00eda) zu verk\u00fcnden, mit lauter Stimme, zu allen Zeiten und an allen Orten, auch gegen den Strom&#8220; (259). Er ruft den Heiligen Geist an: &#8222;ich bitte ihn, zu kommen und die Kirche zu erneuern, aufzur\u00fctteln, anzutreiben, dass sie k\u00fchn aus sich herausgeht, um allen V\u00f6lkern das Evangelium zu verk\u00fcnden.&#8220; (261)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dem Papst ist sicher zuzustimmen, wenn er schreibt: &#8222;Der erste Beweggrund, das Evangelium zu verk\u00fcnden, ist die Liebe Jesu, die wir empfangen haben; die Erfahrung, dass wir von ihm gerettet sind, der uns dazu bewegt, ihn immer mehr zu lieben.&#8220; (264) Auch dieser Akzent ist richtig: &#8222;Missionar kann nur sein, wer sich wohl f\u00fchlt, wenn er das Wohl des anderen sucht, das Gl\u00fcck der anderen will.&#8220; (272)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon in \u00a7117 \u00fcber den Geist: &#8222;Er ist derjenige, der einen vielf\u00e4ltigen und verschiedenartigen Reichtum der Gaben hervorruft und zugleich eine Einheit aufbaut, die niemals Einf\u00f6rmigkeit ist, sondern vielgestaltige Harmonie, die anzieht. Die Evangelisierung erkennt freudig diesen vielf\u00e4ltigen Reichtum, den der Heilige Geist in der Kirche erzeugt.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schlie\u00dflich hat der Papst darin recht, dass das Evangelium &#8222;auf die tiefsten Bed\u00fcrfnisse der Menschen&#8220; antwortet. &#8222;Begeisterung f\u00fcr die Evangelisierung&#8220; ruht auf tieften \u00dcberzeugungen wie diesen, denen nichts hinzuzuf\u00fcgen ist:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Wir haben einen Schatz an Leben und Liebe, der nicht tr\u00fcgen kann, eine Botschaft, die nicht manipulieren noch entt\u00e4uschen kann. Es ist eine Antwort, die tief ins Innerste des Menschen hinab f\u00e4llt und ihn st\u00fctzen und erheben kann. Es ist die Wahrheit, die nicht aus der Mode kommt, denn sie ist in der Lage, dort einzudringen, wohin nichts anderes gelangen kann. Unsere unendliche Traurig\u00adkeit kann nur durch eine unendliche Liebe geheilt werden.&#8220; (265)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>2.\u00a0 Kritische Anfragen<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Was ist das Evangelium?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da der Titel des p\u00e4pstlichen Schreibens den Begriff Evangelium enth\u00e4lt, ist zu fragen, wie diese Gute Nachricht umschrieben wird. Wiederum sagt Franziskus viel Wahres wie \u00fcber den Geschenkcharakter: &#8222;Das Heil, das Gott uns anbietet, ist ein Werk seiner Barmherzigkeit. Es gibt kein menschliches Tun, so gut es auch sein mag, das uns ein so gro\u00dfes Geschenk verdienen lie\u00dfe. Aus reiner Gnade zieht Gott uns an, um uns mit sich zu vereinen. Er sendet seinen Geist in unsere Herzen, um uns zu seinen Kindern zu machen, um uns zu verwandeln und uns f\u00e4hig zu machen, mit unserem Leben auf seine Liebe zu antworten.&#8220; (112)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Papst wendet sich ab Paragraph 34 dem &#8222;Herz des Evangeliums&#8220; zu. Das &#8222;Eigentliche des Evangeliums&#8220;, seinen &#8222;grundlegenden Kern&#8220; umrei\u00dft er dann so: &#8222;die Sch\u00f6nheit der heilbringenden Liebe Gottes, die sich im gestorbenen und auferstandenen Jesus Christus offenbart hat.&#8220; (36, kursiv im Orig.) Im ganzen Dokument ist dann noch als Beispiel der &#8222;ersten Verk\u00fcndigung&#8220; dies zu finden: &#8222;Jesus Christus liebt dich, er hat sein Leben hingegeben, um dich zu retten, und jetzt ist er jeden Tag lebendig an deiner Seite, um dich zu erleuchten, zu st\u00e4rken und zu befreien&#8220;. (164)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nat\u00fcrlich dr\u00fcckt sich im Evangelium die Liebe Gottes aus, doch diese Definitionen des Papstes sind keineswegs hinreichend, also mangelhaft. Es ist schon bezeichnend, dass in dem nicht gerade kurzen Dokument nicht mehr kommt. Die Verlorenheit des Menschen wird nirgendwo thematisiert &#8211; warum eigentlich nicht? Genauso wenig, dass Christus aus den S\u00fcnden rettet. An keiner Stelle kommt Franziskus an Spurgeons Kurzdefinition &#8222;Gott rettet S\u00fcnder&#8220; auch nur heran. Dies ist ein gewaltiges Defizit, und allein schon deshalb sollten Evangelikale nicht enthusiastisch reagieren. Denn was sollen wir von der Freude halten, von der Freude \u00fcber das Evangelium, wenn dieses selbst verblasst? Freude ohne Evangelium?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Evangeliumsdefinition ist einseitig, und das gleiche ist von der Antwort des Menschen zu sagen. &#8222;Das Evangelium l\u00e4dt vor allem dazu ein, dem Gott zu antworten, der uns liebt und uns rettet&#8220; (39) &#8211; so der Papst. Wie diese Antwort aussehen kann und soll, entfaltet der Nachfolger Petri aber nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">J. Edwin Orr (1912-1987), Baptistenpastor, Autor und gro\u00dfer Historiker der modernen Erweckungen, nannte in einer Predigt die Bu\u00dfe &#8222;das erste Wort des Evangeliums&#8220;. Bu\u00dfe ist unbedingt notwendig zum Heil. Wer von S\u00fcnde gerettet werden will, muss die S\u00fcnde ablegen wollen und bedauern. Martin Luther kategorisch im Fr\u00fchjahr 1518: &#8222;Ganz gewi\u00df mu\u00df ein Mensch an sich selbst verzweifeln, um f\u00fcr den Empfang der Gnade Christi bereitet zu werden.&#8220; Bei Franziskus wird nichts dergleichen auch nur genannt!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es w\u00e4ren hier noch andere kritische Punkte zu nennen wie der Hang zum Inklusivismus (&#8222;Dieses Heil, das Gott verwirklicht und das die Kirche freudig verk\u00fcndet, gilt allen, und Gott hat einen Weg geschaffen, um sich mit jedem einzelnen Menschen aus allen Zeiten zu vereinen.&#8220; 113). \u00c4u\u00dferst problematisch ist aber schlie\u00dflich die kaum \u00fcberraschende Hervorhebung Marias gegen Ende. Sie sei &#8222;die Mutter der Evangelisierung&#8220; (284), ja der &#8222;Stern der neuen Evangelisierung&#8220; (288). Und in \u00a7286:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Sie ist die Missionarin, die uns nahe kommt, um uns im Leben zu begleiten, und da\u00adbei in m\u00fctterlicher Liebe die Herzen dem Glau\u00adben \u00f6ffnet. Als wahre Mutter geht sie mit uns, streitet f\u00fcr uns und verbreitet unerm\u00fcdlich die N\u00e4he der Liebe Gottes. .. Viele christliche V\u00e4ter bitten darum, dass ihre Kinder in einem Marienheiligtum getauft werden, und zeigen damit ihren Glauben an das m\u00fctterliche Wirken Marias, die f\u00fcr Gott neue Kinder hervorbringt. Dort in den Heiligt\u00fcmern kann man beobachten, wie Maria ihre Kinder um sich versammelt, die unter gro\u00dfer Anstrengung als Pilger kommen, um sie zu sehen und von ihr gesehen zu werden.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">All dies ist nicht \u00fcberfl\u00fcssiges Beiwerk, sondern die Spitze der p\u00e4pstlichen Missionstheologie. Protestanten sehen hier das grundlegende solus Christus massiv verletzt. Passagen wie diese machen deutlich, dass es sich in der Gesamtheit keineswegs um ein evangelisches Dokument handelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Wer evangelisiert wen?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer ist nach Franziskus Tr\u00e4ger von Mission und Evangelisation? &#8222;Kraft der empfangenen Taufe ist jedes Mitglied des Gottesvolkes ein missionarischer J\u00fcnger geworden. Jeder Getaufte ist, unabh\u00e4ngig von seiner Funktion in der Kir\u00adche und dem Bildungsniveau seines Glaubens, aktiver Tr\u00e4ger der Evangelisierung&#8220; (120), so der Papst. &#8222;In allen Getauften, vom ersten bis zum letzten, wirkt die heiligende Kraft des Geistes, die zur Evangelisierung dr\u00e4ngt.&#8220; (119) Deshalb habe jeder Getaufte eine &#8222;tragenden Rolle&#8220; bei der Evangelisierung (120). Alle sind &#8222;gerufen, den anderen ein klares Zeugnis der heilbringenden Liebe des Herrn zu geben&#8220; (121).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dies geht alles konsequent aus der katholische Lehre hervor, wenn es in der Akzentsetzung auch etwas neu ist. Die meisten Protestanten, die eine Taufwiedergeburt ablehnen, sehen dies nat\u00fcrlich ganz anders. Durch die Taufe wird man gewiss nicht automatisch zu einem Kind Gottes und einem missionarischen J\u00fcnger.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Verwirrend ist nun besonders f\u00fcr Evangelikale, dass jeder Katholik zur Mission berufen und grunds\u00e4tzlich ja wohl auch dazu f\u00e4hig ist, gleichzeitig das Hauptziel der &#8222;Neu-Evangelisierung&#8220; (von der in Rom nun schon seit Jahrzehnten gesprochen wird) aber auch die getauften Katholiken sind. Nat\u00fcrlich wird auch in der r\u00f6mischen Kirche n\u00fcchtern gesehen, dass es in den eigenen Reihen viele inaktive, nominelle Christen gibt. Jeder Christ, so gesteht auch Franziskus ein, ist eben nur &#8222;in dem Ma\u00df Missionar, in dem er der Liebe Gottes in Jesus Christus begegnet ist&#8220; (120, Hervorhebung HL). Die Inaktiven sollen neu an die Kirchen und konkret: an die Sakramente herangef\u00fchrt werden. Die Kirche evangelisiert und wird evangelisiert, weshalb in katholischen Texten von der Selbstevangelisierung die Rede ist. Franziskus: &#8222;Die Kirche evangelisiert nicht, wenn sie sich nicht st\u00e4ndig evangelisieren l\u00e4sst.&#8220; (174)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Evangelisation der eigenen Mitglieder wird also keineswegs als das zum Glauben Rufen von Ungl\u00e4ubigen, geistlichen Toten, Nichtwiedergeborenen, Rebellen usw. betrachtet, vielmehr als Re-Sakramentisierung. Aber auch im Hinblick auf die Nichtkatholiken fragt man sich, wo die Verlorenen sind, die zum Heil gerufen werden. Mit allen Christen sieht man sich durch die Taufe verbunden (244), an Juden ergeht der Bekehrungsruf ausdr\u00fccklich nicht (247), und auch Muslime beten, so im Schreiben des Papstes, denselben Gott wie Christen an (252). In \u00a7254 wird aus dem II Vatikanum zitiert: &#8222;Die Nichtchristen k\u00f6nnen, dank der ungeschuldeten g\u00f6ttlichen Initiative und wenn sie treu zu ihrem Gewissen stehen, &#8218;durch Gottes Gnade gerechtfertigt&#8216; und auf diese Weise &#8218;mit dem \u00f6sterlichen Geheimnis Christi verbunden werden&#8216;.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es sollte somit deutlich geworden sein, dass sich das r\u00f6misch-katholische Verst\u00e4ndnis von Evangelisation deutlich von dem der Evangelikalen unterscheidet. Die Botschaft des Heils als Rettung vor dem drohenden Gericht ist so gut wie nicht zu h\u00f6ren; nun geht es um einen Zugang zu einer F\u00fclle des Heils, das &#8218;irgendwie&#8216; vielfach, ja fast \u00fcberall schon vorhanden ist &#8211; weil eben schon so gut wie alle Menschen mit der Kirche in unterschiedliche Weise verbunden sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr Evangelikale ergibt sich damit ein sehr konfuses Bild. Dies wird noch dadurch verst\u00e4rkt, dass geradezu schon traditionell die Grenzen zwischen Glaubensgeschwistern und Mitmenschen verwischt, konkret die &#8222;geringsten Br\u00fcder&#8220; in Mt 25,40 als &#8222;Mitmenschen&#8220; gedeutet werden (176; s. auch 210). Auch in der Botschaft zum Weltfriedenstag am 1.1.2014 dehnt Franziskus die christliche Br\u00fcderlichkeit auf alle Menschen aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Wozu f\u00fchrt die Volksfr\u00f6mmigkeit?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ab Paragraph 122 spricht der Papst \u00fcber die &#8222;evangelisierende Kraft der Volksfr\u00f6mmigkeit&#8220;. Protestanten lesen \u00fcber diesen ihnen eher nicht gel\u00e4ufigen Begriff schnell hinweg &#8211; obwohl die Aussagen h\u00f6chst problematisch sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf Kathpedia hei\u00dft es: &#8222;Die Volksfr\u00f6mmigkeit ist die &#8218;Fleischwerdung des Glaubens&#8216;. Sie ist ein mit dem Herzen gelebter Glaube, in dem das \u00dcbernat\u00fcrliche nat\u00fcrlich und das Nat\u00fcrliche vom \u00dcbernat\u00fcrlichen erleuchtet wird.&#8220; Das &#8222;Direktorium \u00fcber die Volksfr\u00f6mmigkeit und die Liturgie&#8220; von Johannes Paul II aus dem Jahr 2001: &#8222;Der Begriff &#8218;Volksfr\u00f6mmigkeit&#8216; bezeichnet die verschiedenen gottesdienstlichen Versammlungen privater oder gemeinschaftlicher Art, die sich im Rahmen des christlichen Glaubens vorwiegend nicht nach den Vorgaben der heiligen Liturgie, sondern nach den eigent\u00fcmlichen Formen eines Volkes, eines Volksstammes, seiner Mentalit\u00e4t und Kultur ableiten.&#8220; Damit ist also der nicht dogmatisch und meist auch nicht kirchenrechtlich geregelte Kult gemeint, der sich je nach Nation, Tradition und Kultur mehr oder weniger stark unterscheidet. Katholiken m\u00fcssen diese Formen nicht praktizieren, d\u00fcrfen es aber und tun es auch mehr oder weniger intensiv.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Konkret ist hier z.B. an die Bilderverehrung zu denken. Im Direktorium: &#8222;Der Gebrauch religi\u00f6ser Bilder hat im Bereich der Volksfr\u00f6mmigkeit eine gro\u00dfe Bedeutung. Das Verehren heiliger Bilder geh\u00f6rt sicher zum Wesen der katholischen Fr\u00f6mmigkeit.&#8220; Auch verschiedene Geb\u00e4rden sind hier einzuordnen: &#8222;Sitte, Bilder, Orte, Reliquien und religi\u00f6se Gegenst\u00e4nde zu k\u00fcssen oder sie mit der Hand zu ber\u00fchren, Stra\u00dfenz\u00fcge und &#8217;spezielle&#8216; G\u00e4nge barfu\u00df oder auf Knien zu begehen, Opfergaben, Kerzen und Votivgaben darzubringen, besondere Kleidungsst\u00fccke zu tragen, sich niederzuknien und sich auf den Boden hinzustrecken, Medaillen und Abzeichen zu tragen.&#8220; Weiter ist zu denken an die verschiedenen heiligen Orte, an die Verehrung des Herzens Jesu, des Unbefleckten Herzens Marias oder an den Kult um die Wunden Jesu. In Litauen sehr beliebt ist die Segnung von Kr\u00e4utern bei Mari\u00e4 Aufnahme in den Himmel (Zoline). Diese sollen magische Schutzwirkungen haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Benedikt sah in der Volksfr\u00f6mmigkeit ein &#8222;gro\u00dfes Erbe der Kirche&#8220;, einen &#8222;zu sch\u00fctzenden und zu f\u00f6rdernden Schatz, der die Seele am Feuer der Traditionen w\u00e4rmt&#8220;, einen\u00a0 Ort der Begegnung mit Jesus Christus, sicher nichts Zweitrangiges im Glaubensleben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch Franziskus steht nat\u00fcrlich in dieser Linie, sieht in der Volksfr\u00f6mmigkeit &#8222;einen authentischen Ausdruck des spontanen missionarischen Handelns des Gottesvolkes&#8220;. Die Volksfr\u00f6mmigkeit wandelt sich fortw\u00e4hrend, wobei &#8222;der Heilige Geist der Protagonist&#8220; dieses Prozesses sei (122). In \u00a7124 bezieht er sich auf das Dokument von Aparecida, spricht von den &#8222;Reicht\u00fcmern&#8220;, &#8222;die der Heilige Geist in der Volksfr\u00f6mmigkeit mit seiner unentgeltlichen Initiative entfaltet&#8220;. Gerade in S\u00fcdamerika br\u00e4chten &#8222;viele Christen ihren Glauben durch die Volksfr\u00f6mmigkeit zum Ausdruck&#8220;, dort wird sie auch &#8222;Volksspiritualit\u00e4t&#8220; oder &#8222;Volksmystik&#8220; genannt. Den Kollegen folgend nennt er sie &#8222;eine wahre &#8218;in der Kultur der Einfachen verk\u00f6rperte Spiritualit\u00e4t&#8216;.&#8220; Diese &#8222;missionarische Kraft&#8220; d\u00fcrfte auf keinen Fall kontrolliert werden. Der Papst meint, dass &#8222;in ihr eine aktiv evangelisierende Kraft eingeschlossen [ist], die wir nicht untersch\u00e4tzen d\u00fcrfen; anderenfalls w\u00fcrden wir die Wirkung des Heiligen Geistes verkennen.&#8220; (126)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In vielen Elementen der Volksfr\u00f6mmigkeit sehen Protestanten &#8211; Versuche katholischer Apologetik zum Trotz &#8211; schlicht und einfach G\u00f6tzendienst. In stark katholisch gepr\u00e4gten Kulturen f\u00e4llt Evangelischen dabei besonders die Vermischung mit heidnischem Erbe auf. Hier stehen Kr\u00e4fte einer wahren Evangelisierung entgegen (dass solche hindernden Elemente gleichzeitig auch Br\u00fccken f\u00fcr Gespr\u00e4che sein k\u00f6nnen &#8211; nach dem Motto: the barrier is the bridge &#8211; bleibt dabei unbestritten).\u00a0 Auch an dieser Stelle zeigt sich klar, dass Evangelikale nicht in naiver Weise die Hochsch\u00e4tzung von Evangelisation bei Katholiken begr\u00fc\u00dfen sollten. Evangelisieren meint im Kontext Roms eben oft, das Erbe der Volksfr\u00f6mmigkeit zu nutzen und zu vertiefen &#8211; und Protestanten geht es bei der Evangelisation gerade um das Gegenteil: deren \u00dcberwindung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Eine Wirtschaft, die t\u00f6tet?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schlagzeilen machte das Apostolische Schreiben vor allem auch mit seiner scharfen Kapitalismuskritik, die im Abschnitt &#8222;Nein zu einer Wirtschaft der Ausschlie\u00dfung&#8220; mit Paragraph 53 beginnt. &#8222;Diese Wirtschaft t\u00f6tet&#8220;, so Franziskus kategorisch. &#8222;Heute spielt sich alles nach den Kriterien der Konkurrenzf\u00e4higkeit und nach dem Gesetz des St\u00e4rkeren ab, wo der M\u00e4chtigere den Schw\u00e4cheren zunichte macht.&#8220; Der Papst kritisiert die &#8222;Globalisierung der Gleichg\u00fcltigkeit&#8220; und eine &#8222;Kultur des Wohlstands&#8220;, die uns bet\u00e4ubt. Hinter der Finanzkrise sieht er &#8222;eine tiefe anthropologische Krise&#8220;: &#8222;die Leugnung des Vorrangs des Menschen! Wir haben neue G\u00f6tzen geschaffen. Die Anbetung des antiken goldenen Kalbs. \u00a0hat eine neue und erbarmungslose Form gefunden im Fetischismus des Geldes und in der Diktatur einer Wirtschaft ohne Gesicht und ohne ein wirklich menschliches Ziel.&#8220; Das Einkommen von Wenigen steigt gewaltig, doch eine Mehrheit ist &#8222;immer weiter entfernt vom Wohlstand dieser gl\u00fccklichen Minderheit. Dieses Ungleichgewicht geht auf Ideologien zur\u00fcck, die die absolute Autono\u00admie der M\u00e4rkte und die Finanzspekulation verteidigen.&#8220; (alles 53-54) Franziskus nennt die &#8222;Interessen des verg\u00f6ttlichten Marktes&#8220; (56), sieht hinter allem die &#8222;Ablehnung Gottes&#8220; (57) und meint, dass &#8222;das gesellschaftliche und wirtschaftliche System an der Wurzel ungerecht ist&#8220; (59). Er gei\u00dfelt einen &#8222;z\u00fcgellosen Konsumismus&#8220; (60) und den &#8222;postmodernen und globalisierten Individualismus&#8220; (67).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Abschnitt \u00fcber die &#8222;gemeinschaftlichen und sozialen Auswirkungen des Kerygmas&#8220; ab 177 greift Franziskus das Thema wieder auf. Er sagt sicher viel Richtiges wie in \u00a7179: &#8222;Wie die Kirche von Natur aus missionarisch ist, so entspringt aus dieser Natur zwangsl\u00e4ufig die wirkliche N\u00e4chstenliebe, das Mitgef\u00fchl, das versteht, beisteht und f\u00f6rdert.&#8220; Oder in \u00a7183: &#8222;Ein authentischer Glaube &#8211; der niemals bequem und individualistisch ist &#8211; schlie\u00dft immer den tiefen Wunsch ein, die Welt zu ver\u00e4ndern, Werte zu \u00fcbermitteln, nach unserer Erdenwanderung etwas Besseres zu hinterlassen.&#8220; Und in \u00a7 208: &#8222;Es geht mir einzig darum, daf\u00fcr zu sorgen, dass diejenigen, die Sklaven einer individualistischen, gleichg\u00fcltigen und egoistischen Mentalit\u00e4t sind, sich von jenen unw\u00fcrdigen Fesseln befreien&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auffallend ist jedoch, wie sehr der Papst im Allgemeinen verbleibt und kaum konkret wird. Er w\u00fcnscht sich &#8222;eine arme Kirche f\u00fcr die Armen&#8220; (198), spricht von der &#8222;universalen Bestimmung der G\u00fcter&#8220; (189); es ginge darum, die &#8222;tiefen Wurzeln. unserer Welt zu heilen&#8220; (205) und eine &#8222;gesunde Weltwirtschaft&#8220; (206) erreichen. Nur in der negativen Abgrenzung wird er hier und da deutlicher: &#8222;Wir d\u00fcrfen nicht mehr auf die blinden Kr\u00e4fte und die unsichtbare Hand des Marktes vertrauen.&#8220; (204) Es gelte, die &#8222;absolute Dichotomie zwischen Wirtschaft und Gemeinwohl&#8220; (205) zu \u00fcberwinden. Und in \u00a7202:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Die Notwendigkeit, die strukturellen Ursachen der Armut zu beheben, kann nicht warten. Solange die Probleme der Armen nicht von der Wurzel her gel\u00f6st werden, indem man auf die absolute Autonomie der M\u00e4rkte und der Finanzspekulation verzichtet und die strukturellen Ursachen der Ungleichverteilung der Eink\u00fcnfte in Angriff nimmt, werden sich die Probleme der Welt nicht l\u00f6sen und kann letztlich \u00fcberhaupt kein Problem gel\u00f6st werden. Die Ungleichverteilung der Eink\u00fcnfte ist die Wurzel der sozialen \u00dcbel.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">All diese Ausf\u00fchrungen \u00fcberraschen nach fr\u00fcheren harschen Worten zur kapitalistischen Wirtschaftsordnung nicht mehr. Es verwundert schon eher, dass Franziskus auch in einem Schreiben, dass nicht der Sozialethik gewidmet ist, sich zu solch einer doch recht ausf\u00fchrlichen Kritik hinrei\u00dfen lie\u00df. Nat\u00fcrlich sollte man vom Schreiben des Papstes nicht zu viel, d.h. keine gut begr\u00fcndeten Antworten zu Fragen der Sozialreform erwarten. Erwarten kann man jedoch, dass Wahres gesagt wird. Leider besch\u00e4ftigt sich Franziskus gerne mit Mythenbildung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Denn erstens kann von einer absoluten Autonomie der M\u00e4rkte \u00fcberhaupt keine Rede sein. Sch\u00f6n w\u00e4r&#8217;s ja, w\u00fcrden die M\u00e4rkte eine richtige Freiheit genie\u00dfen. Bei Staatsquoten von 40 bis 50% in vielen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern und angesichts des staatlichen Regulierungswahns, nicht zuletzt auch in Br\u00fcssel, erscheint solch eine These geradezu absurd.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Genauso wenig gibt es zweitens eine absolute Dichotomie zwischen Wirtschaft und Gemeinwohl. Wer so etwas behauptet, zeigt nur, dass er von Wirtschaft kaum Ahnung hat. Eine freie Wirtschaft, die auf freiem Tausch beruht, dient in der Regel immer dem Gemeinwohl, d.h. dem Wohl der Wirtschaftspartner und indirekt auch dem der Familien, des Staates, der Kirchen. Nat\u00fcrlich gibt es in einer gefallenen Welt auch Missachtungen des Wohls anderer &#8211; leugnet dies irgendwer? Doch warum soll nur die (kapitalistische) Wirtschaft so asozial sein? Besteht diese Gefahr nicht auch in Familie, in Kirchen und nicht in besonderem Ma\u00dfe in der staatlichen B\u00fcrokratie?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wo ist drittens die Diktatur einer Wirtschaft ohne Gesicht? Gott sei dank hat die Wirtschaft als solche kein Gesicht. (Wie sollte es aussehen? Hier fallen einem nur Diktatoren oder staatliche Planungskomitees ein.) Und was diktiert die Wirtschaft? Es sind doch staatliche Organe, die f\u00fcr das Diktat zust\u00e4ndig sind; die den Preis einer Plastikt\u00fcte oder die Abgabe auf den Strompreis oder Fangquoten festlegen. In einer freien Wirtschaft diktiert diese nicht, was produziert und auch nicht, zu welchem Preis es verkauft werden soll. Der Verbraucher ist der Souver\u00e4n, und wenn dieser sich morgen in Massen von den vermeintlichen Diktatoren wie z.B. Facebook, Apple, Google und Amazon abwendet, dann ist es nicht nur mit deren Macht dahin &#8211; dann verschwinden sie wom\u00f6glich ganz wie schon viele vor ihnen. Viel mehr Langlebigkeit zeigt hingegen ein gewaltiger b\u00fcrokratischer Beamtenapparat, dessen Macht nur schwer zu steuern und zu begrenzen ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schlie\u00dflich ist es viertens falsch zu behaupten, eine &#8222;Mehrheit [sei] immer weiter entfernt vom Wohlstand&#8220; weniger sehr Reicher. Tats\u00e4chlich zeigt eine aktuelle Studie der Weltbank, dass (anders als Papst unterstellt) die Zahl der extrem armen Menschen in den vergangenen drei Jahrzehnten um mehr als 700 Millionen Menschen auf 1,2 Milliarden gesunken ist. So wird das wichtigste der sog. Millenniumsziele, n\u00e4mlich die Reduzierung der extremen Armut bis 2015 um die H\u00e4lfte, schon erreicht. Verantwortlich daf\u00fcr sind vor allem marktwirtschaftliche \u00d6ffnungen und Reformen in Ost- und S\u00fcdostasien.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch Robert Gr\u00f6zinger dreht in &#8222;Kapitalismuskritik: Wie der Papst in Wirtschaftsfragen irrt&#8220; (faz.net, 30.12.2013) den Spie\u00df um: &#8222;Der Schuldige, wenn man denn einen Schuldigen pauschal nennen will, ist vielmehr der Staat. Jener Staat, der zum Beispiel in Argentinien, dem Heimatland des Papstes, durch interventionistische und Eigentumsrechte willk\u00fcrlich bedrohende Politik Investoren verschreckt und die Wirtschaft so in Stagnation und Niedergang f\u00fchrt.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gr\u00f6zinger, Autor von Jesus, der Kapitalist, bem\u00e4ngelt, dass sich die Aussagen des Papstes &#8222;in einer vagen Klage gegen allzu freie M\u00e4rkte ersch\u00f6pfen, die aber Unkenntnis offenbaren.&#8220; Sein R\u00e9sum\u00e9: &#8222;Die Marktkritik des Papstes ist insgesamt nicht stringent.&#8220; In seinem Augen sind diese Abschnitte im Apostolischen Schreiben &#8222;repr\u00e4sentativ f\u00fcr die moderne Unkenntnis vieler Christen \u00fcber die politische \u00d6konomie einer wirklich freien Marktwirtschaft und wie diese aus ihren Glaubensgrunds\u00e4tzen erw\u00e4chst.&#8220; Leider, so Gr\u00f6zinger, ist der Schaden durch das Papst-Schreiben schon angerichtet: &#8222;Schon werden Stimmen laut, die aus Anlass dieser Bemerkungen eine grunds\u00e4tzliche Marktfeindlichkeit der Kirche oder gar des Christentums konstatieren. Das ist jedoch v\u00f6llig abwegig.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Franziskus nennt die &#8222;Ungleichverteilung der Eink\u00fcnfte&#8220; &#8222;die Wurzel der sozialen \u00dcbel&#8220;; an anderer Stelle zitiert er die brasilianischen Bisch\u00f6fe, die die &#8222;schlechte Verteilung der G\u00fcter und des Einkommens&#8220; (191) kritisierten. Genau an dieser Stelle, die der Papst ja selbst als zentral bezeichnet, liegt er jedoch grundlegend falsch. Denn welches wirtschaftliche System &#8218;verteilt&#8216; G\u00fcter am besten? Was ist bettelarmen oder darniederliegenden Wirtschaften wie in Nordkorea oder Kuba zu empfehlen? Lasst freie M\u00e4rkte zu! Denn durch sie geschehen Anreize zur Produktion. Dass wir wie durch ein gro\u00dfes Wunder jeden Tag im Supermarkt so gut wie alles, was wir w\u00fcnschen, auch finden, ist keinem Staat (dem nur indirekt), keinem Planungsb\u00fcro, keiner Kirche zu verdanken, sondern der Wirtschaft ohne Gesicht, die nach abstrakten Regeln des Marktes funktioniert. Eine perfekte Verteilung (also jedem in etwa gleich viel) kann es in einer Welt der Freiheit und in einer gefallenen Welt nicht geben. Eine m\u00f6glichst breite Streuung der G\u00fcter und des Wohlstands ist nur in einer Wirtschaftsordnung gew\u00e4hrleistet, die Franziskus absurderweise so verdammt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es sind Katholiken wie Samuel Gregg in &#8222;Pope Francis and Poverty&#8220;, die ihr Kirchenoberhaupt in den wirtschaftlichen Fragen kritisieren. Gregg weist darauf hin, dass die klassischen Mittel zur globalen Umverteilung von Wohlstand und G\u00fctern weitgehend versagt haben. Katholiken sollten sich deshalb ernsthaft fragen, warum dies so ist. Gregg und Kollegen vom Acton Institute geht es vor allem um folgendes: Die Hauptfrage ist, was Wohlstand schafft. Armut ist nicht das Problem einer mangelnden Verteilung, sondern vielmehr das der Produktion, die in zu geringem Umfang geschieht. Werden die Mechanismen der Wohlstandsschaffung erkannt, gef\u00f6rdert und umgesetzt, geht die Armut zur\u00fcck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einer der wichtigsten Wohlstandsfaktoren ist ein funktionierender Rechtsstaat. Ohne diesen kann eine freie Wirtschaft nicht zum Wohl aller existieren. Hier, in der Schw\u00e4che dieses Rechtsstaates, liegt die Wurzel aller sozialen \u00dcbel in vielen L\u00e4ndern. Nur ein Rechtsstaat ist in der Lage, Eigentum zu garantieren und zu sch\u00fctzen. Und nur stabile Eigentumsrechte bringen die Spirale von Produktion, Investition und Konsum in Gang. Doch der Papst nennt dies Problem an keiner Stelle! Der Schwarze Peter landet, wie \u00fcblich, bei den b\u00f6sen Kapitalisten &#8211; kein Wort zu den korrupten B\u00fcrokraten, Kleptokraten, Potentaten. (Auch der Acton-Leiter Pfr. Robert Sirico bewertet Evangelii gaudium eher kritisch, wobei er als ordinierter Priester seine Kritik in vorsichtige Frage h\u00fcllt, <a href=\"http:\/\/blog.acton.org\/archives\/63186-video-rev-robert-sirico-responds-pope-francis-economic-views-evangelii-gaudium.html\">s. hier<\/a>; Sozialethiker Michael Novak hat jedoch mehr Verst\u00e4ndnis f\u00fcr den Papst, da er betont, dass die Erfahrungen aus S\u00fcdamerika seinen Blick bestimmt haben, <a href=\"http:\/\/www.nationalreview.com\/article\/365720\/agreeing-pope-francis-michael-novak\">s. hier<\/a>.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Wie evangelisch ist der Papst?&#8220; Er ist, so scheint es, so evangelisch wie schon seine Vorg\u00e4nger. Ich sehe keinen Grund, ausgerechnet nun in Enthusiasmus zu verfallen, denn lernen k\u00f6nnen Protestanten von den P\u00e4psten schon seit einer Weile eine Menge. Auch in Benedikts Schriften &#8211; man denke an seine Jesus-B\u00fccher &#8211; ist viel Wahres zu finden. Und der Deutsche auf dem Thron in Rom formulierte pr\u00e4ziser, durchdachter und ausgewogener als sein Nachfolger. Franziskus setzt nun manch anderern Akzent, was teilweise erfreulich ist. Allerdings bleibt die Mischung aus Wahr und Falsch, aus Einsatz f\u00fcr den Schutz der Ungeborenen (213-14) und daneben seltsamen Aussagen wie \u00fcber die angeblich v\u00f6llige Friedfertigkeit des Islam (253), die nur Stirnrunzeln hervorrufen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Noch einmal: Ja, es ist viel von Franziskus zu lernen (<a href=\"http:\/\/www.christianitytoday.com\/gleanings\/2013\/november\/five-things-evangelicals-will-cheer-in-pope-francis-plan-to.html\">s. auch hier<\/a>). Doch ich k\u00f6nnte spontan auch mindestens drei Dinge nennen, die Christen von Richard Dawkins, dem Kopf der Neuen Atheisten, lernen k\u00f6nnen. Lernen k\u00f6nnen wir fast \u00fcberall viel, doch die Frage nach dem Evangelischsein ist auch eine Frage nach dem Evangelium, nach der Wahrheit des Evangeliums. Der Papst in Rom mag auch Protestanten mit seiner Begeisterung anstecken, er mag beliebter sein als Benedikt, doch vertritt er evangelische Ideale? Gewiss nicht oder nur in Teilen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im vergangenen Jahr wurde das 450j\u00e4hrige Jubil\u00e4um des Heidelberger Katechismus gefeiert. Idea-Spektrum hob den Papst auf den Titel, wen wundert&#8217;s. Doch dem Heidelberger widmete man in Wetzlar keinen Titel und noch nicht einmal einen l\u00e4ngeren Artikel. Warum ignorierte die evangelikale Bewegung in Deutschland dieses popul\u00e4rste aller protestantischen Bekenntnisse weitgehend? Schlie\u00dflich enth\u00e4lt der Katechismus eine der besten Zusammenfassungen des Evangeliums. Und anders als bei Franziskus ist in diesem B\u00fcchlein fast nur Wahrheit zu finden &#8211; zumindest aus unserer protestantischen Perspektive. Mission und Evangelisation &#8211; ja, wir k\u00f6nnen uns auch von manchem Papst-Wort inspirieren lassen. Warum nicht? Doch das eigene Erbe sollte dar\u00fcber nicht in Vergessenheit geraten. Denn noch immer ist dort mehr Evangelium zu finden. Und Evangeliums-Menschen wollen die Evangelikalen doch sicher zuerst sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Holger Lahayne, 6. Januar 2014<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.lahayne.lt\">www.lahayne.lt<\/a><\/i><\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: Arial; font-size: small;\"><em>Holger Lahayne ist seit 1993 Missionar in Litauen, angestellt beim Missionswerk Neues Leben. Mit seiner Familie wohnt er\u00a0in \u0160iauliai. Er unterricht Dogmatik und Ethik an einem theologischen Seminar, leitet den Vorstand der litauischen Studentenmission und ist Kurator in der Ev.-reformierten Kirche des Landes.\u00a0<\/em><br \/>\n<\/span><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Stellungnahme zum Apostolischen Schreiben &#8222;Evangelii gaudium&#8220; von Papst Franziskus Ein alter Renault 4 als Dienstwagen, eine bescheidene Wohnung im G\u00e4stehaus des Vatikans, ein Besuch bei den Fl\u00fcchtlingen auf Lampedusa &#8211; mit all diesem machte der neue Papst,\u00a0 Mitte M\u00e4rz gew\u00e4hlt, bisher Schlagzeilen. 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