{"id":10430,"date":"2014-01-21T12:53:33","date_gmt":"2014-01-21T10:53:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=10430"},"modified":"2014-01-21T12:53:33","modified_gmt":"2014-01-21T10:53:33","slug":"von-der-freiheit-eines-christenmenschen-1520","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=10430","title":{"rendered":"Von der Freiheit eines Christenmenschen (1520)"},"content":{"rendered":"<p><b>Vorrede<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dem f\u00fcrsichtigen und weisen Herrn Hieronymo M\u00fchlpfordt, Stadtvogt zu Zwickau, meinem besondern g\u00fcnstigen Freund und Patron, entbiete ich, genannt D. Martinus Luther, Augustiner, meine willigen Dienste und alles Gute.<br \/>\nF\u00fcrsichtiger, weiser Herr und g\u00fcnstiger Freund! Der w\u00fcrdige Magister Johann Egran, Eurer l\u00f6blichen Stadt Prediger, hat mir hoch gepriesen Eure Liebe und Lust, so Ihr zu der Heiligen Schrift traget, welche Ihr auch emsiglich zu bekennen und vor den Menschen zu preisen nicht nachlasset. Derhalben er begehret, mich mit Euch bekannt zu machen, bin ich gar leichtlich willig und fr\u00f6hlich dazu \u00fcberredet, denn es mir eine besondere Freude ist, zu h\u00f6ren, wo die g\u00f6ttliche Wahrheit geliebt wird, der leider so viel &#8211; und die am meisten, die sich ihres Titels aufwerfen &#8211; mit aller Gewalt und List widerstreben, wiewohl es also sein mu\u00df, da\u00df an Christum, zu einem \u00c4rgernis und Zeichen gesetzt, dem widersprochen werden mu\u00df, viele sich sto\u00dfen, fallen und auferstehen m\u00fcssen. Darum habe ich, anzuheben unsre Bekanntschaft und Freundschaft, dies Trakt\u00e4tlein und Sermon euch wollen zuschreiben im Deutschen, welches ich lateinisch dem Papst habe zugeschrieben, und damit vor jedermann meiner Lehre und Schreibens von dem Papsttum Ursache als eine, die, wie ich hoffe, mir niemand verwerfen kann, angezeigt. Befehle mich hiermit, Euch und allesamt der g\u00f6ttlichen Gnade. Amen.<br \/>\nZu Wittenberg 1520<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Zum ersten:<\/b> Da\u00df wir gr\u00fcndlich m\u00f6gen erkennen, was ein Christenmensch sei und wie es getan sei um die Freiheit, die ihm Christus erworben und gegeben hat, davon St. Paulus viel schreibt, will ich setzen diese zwei Beschl\u00fcsse:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Christenmensch ist ein freier Herr \u00fcber alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese zwei Beschl\u00fcsse sind klar: St. Paulus, 1. Kor. 9: \u00abIch bin frei in allen Dingen und habe mich eines jedermanns Knecht gemacht.\u00bb Item R\u00f6mer 13: \u00abIhr sollt niemand in etwas verpflichtet sein, au\u00dfer da\u00df ihr euch untereinander liebet.\u00bb Liebe aber, die ist dienstbar und untertan dem, was sie lieb hat; also auch von Christo, Galat. 4: \u00abGott hat seinen Sohn ausgesandt, von einem Weibe geboren, und dem Gesetz untertan gemacht.\u00bb<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Zum andern:<\/b> Diese zwei sich widersprechenden Reden der Freiheit und Dienstbarkeit zu vernehmen, sollen wir gedenken, da\u00df ein jeglicher Christenmensch ist zweierlei Natur, geistlicher und leiblicher. Nach der Seele wird er ein geistlicher, neuer, innerlicher Mensch genannt, nach dem Fleisch und Blut wird er ein leiblicher, alter und \u00e4u\u00dferlicher Mensch genannt. Und um dieses Unterschiedes willen werden von ihm gesagt in der Schrift Worte, die da stracks wider einander sind, wie ich jetzt gesagt von der Freiheit und Dienstbarkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Zum dritten:<\/b> So wir uns vornehmen den inwendigen, geistlichen Menschen, zu sehen, was dazu geh\u00f6re, da\u00df er ein frommer, freier Christenmensch sei und hei\u00dfe, so ist&#8217;s offenbar, da\u00df kein \u00e4u\u00dferliches Ding kann ihn noch fromm machen, wie es mag immer genannt werden, denn seine Fr\u00f6mmigkeit und Freiheit, wiederum seine Bosheit und Gef\u00e4ngnis sind nicht leiblich noch \u00e4u\u00dferlich. Was hilft&#8217;s der Seele, da\u00df der Leib ungefangen, frisch und gesund ist, isset, trinkt, lebt, wie er will! Wiederum, was schadet das der Seele, da\u00df der Leib gefangen, krank und matt ist, hungert, d\u00fcrstet und leidet, wie er nicht gern wollte! Diese Dinge reichen keines bis an die Seele, sie zu befreien oder fangen, fromm oder b\u00f6se zu machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Zum vierten:<\/b> Also hilft es der Seele nichts, ob der Leib heilige Kleider anlegt, wie es die Priester und Geistlichen tun, auch nicht, ob er in den Kirchen und heiligen St\u00e4tten sei, auch nicht, ob er mit heiligen Dingen umgehe, auch nicht, ob er leiblich bete, faste, walle und alle guten Werke tue, die durch und in dem Leibe geschehen m\u00f6chten ewiglich. Es mu\u00df noch ganz etwas anderes sein, was der Seele bringt und gebe Fr\u00f6mmigkeit und Freiheit. Denn alle diese obgenannten St\u00fccke, Werke und Weisen mag auch an sich haben und \u00fcben ein b\u00f6ser Mensch, ein Glei\u00dfner und Heuchler; auch durch solch Wesen kein ander Volk denn eitel Glei\u00dfner werden. Wiederum schadet es der Seele nichts, wenn der Leib unheilige Kleider tr\u00e4gt, an unheiligen Orten ist, i\u00dft, trinkt wallet, nicht betet und l\u00e4\u00dft alle die Werke anstehen, die die obgenannten Glei\u00dfner tun.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Zum f\u00fcnften<\/b> hat die Seele kein ander Ding, weder im Himmel noch auf Erden, darinnen sie lebe, fromm, frei und Christ sei, denn das heilige Evangelium, das Wort Gottes, von Christo gepredigt, wie er selbst sagt, Johann. 11: \u00abIch bin das Leben und die Auferstehung, wer da glaubt an mich, der lebet ewiglich\u00bb; item Matth. 4: \u00abDer Mensch lebet nicht allein von dem Brot, sondern von allen Worten, die da gehen von dem Mund Gottes.\u00bb So m\u00fcssen wir nun gewi\u00df sein, da\u00df die Seele kann alles Dinges entbehren au\u00dfer dem Worte Gottes, und ohne das Wort Gottes ist ihr mit keinem Ding geholfen. Wo sie aber das Wort hat, bedarf sie auch keines andern Dinges mehr, sondern sie hat in dem Wort genug Speise, Freude, Friede, Licht, Kunst, Gerechtigkeit, Wahrheit, Weisheit, Freiheit und alles Gut \u00fcberschwenglich. Also lesen wir im Psalter, sonderlich im 119. Psalm, da\u00df der Prophet nicht mehr schreiet denn nach dem Gotteswort. Und in der Schrift es f\u00fcr die allerh\u00f6chste Plage und Gotteszorn gehalten wird, so er sein Wort von den Menschen nimmt; wiederum f\u00fcr keine gr\u00f6\u00dfere Gnade, als wo er sein Wort hinsendet, wie im Psalm 107 steht: \u00abEr hat sein Wort ausgesandt, womit er ihnen hat geholfen.\u00bb Und Christus um keines andern Amts willen, denn zu predigen das Wort Gottes, gekommen ist. Auch alle Apostel, Bisch\u00f6fe, Priester und der ganze geistliche Stand allein um des Wortes willen ist berufen und eingesetzt, wiewohl es nun leider anders geht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Zum sechsten<\/b> fragst du aber: \u00abWelches ist denn das Wort, das solch gro\u00dfe Gnade gibt, und wie soll ich&#8217;s gebrauchen?\u00bb Antwort: Es ist nichts anderes denn die Predigt, von Christo geschehen, wie das Evangelium enth\u00e4lt, welche soll sein und ist also angetan, da\u00df du h\u00f6rest deinen Gott zu dir reden, wie all dein Leben und Werke nichts seien vor Gott, sondern m\u00fcssest mit allem dem, was in dir ist, ewiglich verderben. So du solches recht glaubst, wie du schuldig bist, so mu\u00dft du an dir selber verzweifeln und bekennen, da\u00df wahr sei der Spruch Hoseas: \u00abO Israel, in dir ist nichts denn dein Verderben, allein aber in mir steht deine Hilfe!\u00bb Da\u00df du aber aus dir und von dir, das ist aus deinem Verderben, kommen m\u00f6gest, so setzt er dir vor seinen lieben Sohn Jesum Christum und l\u00e4\u00dft dir durch sein lebendiges, tr\u00f6stliches Wort sagen: DU sollst in denselben mit festem Glauben dich ergeben und frisch auf ihr vertrauen. So sollen dir um desselben Glaubens willen alle deine S\u00fcnden vergeben, all dein Verderben \u00fcberwunden sein und du gerecht, wahrhaftig, befriedet, fromm und alle Gebote erf\u00fcllet sein, von allen Dingen frei sein, wie St. Paulus sagt, R\u00f6mer 1: \u00abEin gerechtfertigter Christ lebt nur von seinem Glauben\u00bb; und R\u00f6mer 10: \u00abChristus ist das Ende und die F\u00fclle aller Gebote denen, die an ihn glauben.\u00bb<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Zum siebenten:<\/b> Darum sollte das billig aller Christen einziges Werk und \u00dcbung sein, da\u00df sie das Wort und Christum wohl in sich bildeten, solchen Glauben stetig \u00fcbten und st\u00e4rkten. Denn kein ander Werk kann einen Christen machen, wie Christus, Johann. 6, zu den Juden sagt. Da sie ihn fragten, was sie f\u00fcr Werke tun sollten, da\u00df sie g\u00f6ttliche und christliche Werke t\u00e4ten, sprach er: \u00abDas ist das einzige g\u00f6ttliche Werk, da\u00df ihr glaubt an den, den Gott gesandt hat\u00bb, welchen Gott, der Vater, allein auch dazu verordnet hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Darum ist&#8217;s ein gar \u00fcberschwenglicher Reichtum: ein rechter Glaube in Christo, denn er bringet mit sich alle Seligkeit und nimmt ab alle Unseligkeit, wie Markus am letzten sagt: \u00abWer da glaubt und getauft ist, der wird selig; wer nicht glaubt, der wird verdammt.\u00bb Darum der Prophet Jesaja den Reichtum desselben Glaubens ansah und sprach: \u00abGott wird eine kurze Summe machen auf Erden, und die kurze Summe wird wie eine Sintflut einfl\u00f6\u00dfen die Gerechtigkeit\u00bb; das ist: der Glaube, darin kurz aller Gebote Erf\u00fcllung steht, wird im \u00dcberflusse rechtfertigen alle, die ihn haben, da\u00df sie nichts mehr bed\u00fcrfen, da\u00df sie gerecht und fromm seien. Also sagt St. Paul, R\u00f6mer 10: \u00abDa\u00df man von Herzen glaubt, das macht einen gerecht und fromm.\u00bb<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Zum achten:<\/b> Wie geht es aber zu, da\u00df der Glaube allein kann fromm machen, und ohne alle Werke so \u00fcberschwenglichen Reichtum geben, so doch so viel Gesetze, Gebote, Werke und Weisen uns vorgeschrieben sind in der Schrift? Hier ist flei\u00dfig zu merken und ja mit Ernst zu behalten, da\u00df allein der Glaube ohne alle Werke fromm, frei und selig machet, wie wir hernach mehr h\u00f6ren werden, und ist zu wissen, da\u00df die ganze Heilige Schrift wird in zweierlei Worte geteilet, welche sind: Gebote oder Gesetze Gottes und Verhei\u00dfungen oder Zusagen. Die Gebote lehren und schreiben uns vor mancherlei gute Werke, aber damit sind sie noch nicht geschehen. Sie weisen wohl, sie helfen aber nicht, lehren, was man tun soll, geben aber keine St\u00e4rke dazu. Darum sind sie nur dazu geordnet, da\u00df der Mensch darinnen sehe sein Unverm\u00f6gen zu dem Guten und lerne an sich selbst verzweifeln. Und darum hei\u00dfen sie auch das Alte Testament und geh\u00f6ren alle ins Alte Testament. Wie das Gebot: \u00abDu sollst nicht b\u00f6se Begierde haben\u00bb beweiset, da\u00df wir allesamt S\u00fcnder sind und kein Mensch vermag zu sein ohne b\u00f6se Begierde, er tue, was er will, woraus er lernet an sich selbst verzagen und anderswo zu suchen Hilfe, da\u00df er ohne b\u00f6se Begierde sei und also das Gebot erf\u00fclle durch einen andern, was er aus sich selbst nicht vermag, also sind auch alle anderen Gebote uns unm\u00f6glich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Zum neunten:<\/b> Wenn nun der Mensch aus den Geboten sein Unverm\u00f6gen gelernet und empfunden hat, so da\u00df ihm nun Angst wird, wie er dem Gebot Gen\u00fcge tue, sintemal das Gebot mu\u00df erf\u00fcllet sein oder er mu\u00df verdammt sein, so ist er recht gedem\u00fctigt und zunichte geworden in seinen Augen, findet nichts in sich, damit er k\u00f6nne fromm werden. Dann kommt das andere Wort, die g\u00f6ttliche Verhei\u00dfung und Zusagung, und spricht: \u00abWillst du alle Gebote erf\u00fcllen, deine b\u00f6se Begierde und S\u00fcnde los werden, wie die Gebote zwingen und fordern, siehe da, glaube an Christum, in welchem ich dir zusage alle Gnade, Gerechtigkeit, Frieden und Freiheit; glaubst du, so hast du, glaubst du nicht, so hast du nicht. Denn was dir unm\u00f6glich ist mit allen Werken der Gebote, deren viele und doch keines n\u00fctze sein m\u00fcssen, das wird dir leicht und kurz durch den Glauben. Denn ich habe kurz in den Glauben gestellet alle Dinge, da\u00df, wer ihn hat, soll alle Dinge haben und selig sein; wer ihn nicht hat, soll nichts haben. Also geben die Zusagungen Gottes, was die Gebote erfordern, und vollbringen, was die Gebote hei\u00dfen, auf da\u00df es alles Gottes eigen sei, Gebot und Erf\u00fcllung. Er hei\u00dfet allein, er erf\u00fcllet auch allein. Darum sind die Zusagungen Gottes Worte des Neuen Testaments und geh\u00f6ren auch ins Neue Testament.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Zum zehnten:<\/b> Nun sind diese und alle Gottesworte heilig, wahrhaftig, gerecht, friedsam, frei und aller G\u00fcte voll; darum, wer ihnen mit einem rechten Glauben anh\u00e4ngt, des Seele wird mit ihm vereinigt so ganz und gar, da\u00df alle Tugenden des Wortes auch eigen werden der Seele und also durch den Glauben die Seele von dem Gotteswort heilig, gerecht, wahrhaftig, friedsam, frei und aller G\u00fcte voll, ein wahrhaftiges Kind Gottes wird, wie Johann. 1 sagt: \u00abEr hat ihnen gegeben, da\u00df sie m\u00f6gen Kinder Gottes werden, alle, die in seinem Namen glauben.\u00bb<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hieraus leichtlich zu merken ist, warum der Glaube so viel vermag und da\u00df keine guten Werke ihm gleich sein k\u00f6nnen. Denn kein gutes Werk h\u00e4nget an dem g\u00f6ttlichen Wort wie der Glaube, kann auch nicht in der Seele sein, sondern allein das Wort und der Glaube regieren in der Seele. Wie das Wort ist, so wird auch die Seele von ihm, gleich wie das Eisen wird glutrot wie das Feuer aus der Vereinigung mit dem Feuer. Also sehen wir, da\u00df an dem Glauben ein Christenmensch genug hat; er bedarf keines Werkes, da\u00df er fromm sei. Bedarf er denn keines Werks mehr, so ist er gewi\u00dflich entbunden von allen Geboten und Gesetzen; ist er entbunden, so ist er gewi\u00dflich frei. Das ist die christliche Freiheit, der einzige Glaube, der da macht, nicht da\u00df wir m\u00fc\u00dfig gehen oder \u00fcbel tun k\u00f6nnen, sondern da\u00df wir keines Werks bed\u00fcrfen, zur Fr\u00f6mmigkeit und Seligkeit zu gelangen, wovon wir hernach mehr sagen wollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Zum elften:<\/b> Weiter ist&#8217;s mit dem Glauben also getan, da\u00df, welcher dem andern glaubt, der glaubt ihm darum, da\u00df er ihn f\u00fcr einen frommen, wahrhaftigen Mann achtete, welches die gr\u00f6\u00dfte Ehre ist, die ein Mensch dem andern tun kann, wie es wiederum die gr\u00f6\u00dfte Schmach ist, so er ihn f\u00fcr einen losen, l\u00fcgenhaftigen, leichtfertigen Mann achtet. Also auch, wenn die Seele Gottes Wort festiglich glaubt, so h\u00e4lt sie ihn f\u00fcr wahrhaftig, fromm und gerecht, womit sie ihm tut die allergr\u00f6\u00dfte Ehre, die sie ihm tun kann. Denn da gibt sie ihm recht, da l\u00e4\u00dft sie ihm recht, da ehret sie seinen Namen und l\u00e4\u00dft mit sich handeln, wie er will, denn sie zweifelt nicht, er sei fromm, wahrhaftig in allen seinen Worten. Wiederum kann man Gott keine gr\u00f6\u00dfere Unehre antun, denn ihm nicht glauben, womit die Seele ihn f\u00fcr einen Unt\u00fcchtigen, L\u00fcgenhaftigen, Leichtfertigen h\u00e4lt und, soviel an ihr ist, ihn verleugnet mit solchem Unglauben und einen Abgott ihres eignen Sinns im Herzen wider Gott aufrichtet, als wollte sie es besser wissen denn er.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn dann Gott siehet, da\u00df ihm die Seele Wahrheit gibt und ihn also ehret durch ihren Glauben, so ehret er sie wiederum und h\u00e4lt sie auch f\u00fcr fromm und wahrhaftig, und sie ist auch fromm und wahrhaftig durch solchen Glauben. Denn da\u00df man Gott die Wahrheit und Fr\u00f6mmigkeit gebe, das ist Recht und Wahrheit und macht recht und wahrhaftig, dieweil es wahr ist und recht, da\u00df Gott die Wahrheit geben werde; welches die nicht tun, die nicht glauben und doch sich mit vielen guten Werken treiben und m\u00fchen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Zum zw\u00f6lften:<\/b> Nicht allein gibt der Glaube so viel, da\u00df die Seele dem g\u00f6ttlichen Wort gleich wird, aller Gnaden voll, frei und selig, sondern vereinigt auch die Seele mit Christo wie eine Braut mit ihrem Br\u00e4utigam; aus welcher Ehe folget, wie St. Paulus sagt, da\u00df Christus und die Seele ein Leib werden; so werden auch beider G\u00fcter, Fall, Unfall und alle Dinge gemeinsam, so da\u00df, was Christus hat, das ist eigen der gl\u00e4ubigen Seele; was die Seele hat, wird eigen Christi. So hat Christus alle G\u00fcter und Seligkeit: die sind der Seele eigen; so hat die Seele alle Untugend und S\u00fcnde auf sich: die werden Christi eigen. Hier erhebt sich nun der fr\u00f6hliche Wechsel und Streit. Dieweil Christus ist Gott und Mensch, welcher noch nie ges\u00fcndigt hat, und seine Fr\u00f6mmigkeit un\u00fcberwindlich, ewig und allm\u00e4chtig ist, so er denn der gl\u00e4ubigen Seele S\u00fcnde durch ihren Brautring, das ist der Glaube, sich selbst zu eigen macht und nicht anders tut, als h\u00e4tte er sie getan, so m\u00fcssen die S\u00fcnden in ihm verschlungen und ers\u00e4uft werden. Denn seine un\u00fcberwindliche Gerechtigkeit ist allen S\u00fcnden zu stark. Also wird die Seele von allen ihren S\u00fcnden nur durch ihren Mahlschatz, das ist des Glaubens halber, ledig und frei und begabt mit der ewigen Gerechtigkeit ihres Br\u00e4utigams Christi. Ist nun das nicht eine fr\u00f6hliche Wirtschaft, da der reiche, edle, fromme Br\u00e4utigam Christus das arme, verachtete, b\u00f6se H\u00fcrlein zur Ehe nimmt und sie entledigt von allem \u00dcbel, zieret mit allen G\u00fctern! So ist&#8217;s nicht m\u00f6glich, da\u00df die S\u00fcnden sie verdammen, denn sie liegen nun auf Christo und sind in ihm verschlungen. So hat sie so eine reiche Gerechtigkeit in ihrem Br\u00e4utigam, da\u00df sie abermals wider alle S\u00fcnden bestehn kann, ob sie schon auf ihr l\u00e4gen. Davon sagt Paulus, 1. Kor. 15: \u00abGott sei Lob und Dank, der uns hat gegeben eine solche \u00dcberwindung in Christo Jesu, in welcher verschlungen ist der Tod mit der S\u00fcnde.\u00bb<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Zum dreizehnten:<\/b> Hier siehst du abermals, aus welchem Grunde dem Glauben so viel billig zugeschrieben wird, da\u00df er alle Gebote erf\u00fcllet und ohne alle andren Werke fromm macht. Denn du siehest hier, da\u00df er das erste Gebot erf\u00fcllet allein, wo geboten wird: Du sollst deinen Gott ehren. Wenn du nun eitel gute Werke w\u00e4rest bis auf die Fersen, so w\u00e4rest du dennoch nicht fromm und g\u00e4best Gott noch keine Ehre, und also erf\u00fclltest du das allererste Gebot nicht. Denn Gott kann nicht geehrt werden, ihm werde denn Wahrheit und alles Gute zugeschrieben, wie er denn wahrlich ist. Das tun aber keine guten Werke, sondern allein der Glaube des Herzens. Darum ist er allein die Gerechtigkeit des Menschen und aller Gebote Erf\u00fcllung. Denn wer das erste Hauptgebot erf\u00fcllet, der erf\u00fcllet gewi\u00dflich und leichtlich auch alle andern Gebote. Die Werke aber sind tote Dinge, k\u00f6nnen nicht ehren noch loben Gott, wiewohl sie m\u00f6gen geschehen und lassen sich tun, Gott zu Ehren und Lobe. Aber wir suchen hier den, der nicht getan wird wie die Werke, sondern den Selbstt\u00e4ter und Werkmeister, der Gott ehret und die Werke tut. Das ist niemand denn der Glaube des Herzens; der ist das Haupt und ganze Wesen der Fr\u00f6mmigkeit. Darum es eine gef\u00e4hrliche, finstere Rede ist, wenn man lehret, die Gebote Gottes mit Werken zu erf\u00fcllen, w\u00e4hrend die Erf\u00fcllung vor allen Werken durch den Glauben mu\u00df geschehen sein und die Werke folgen nach der Erf\u00fcllung, wie wir h\u00f6ren werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Zum vierzehnten:<\/b> Um weiter zu sehen, was wir in Christo haben und wie gro\u00dfes Gut sei ein rechter Glaube, ist zu wissen, da\u00df vor und in dem Alten Testament Gott sich auszog und vorbehielt alle erste m\u00e4nnliche Geburt von Menschen und Tieren; und die erste Geburt war k\u00f6stlich und hatte zwei gro\u00dfe Vorteile vor allen andern Kindern, n\u00e4mlich die Herrschaft und Priesterschaft oder K\u00f6nigreich und Priestertum, also da\u00df auf Erden das erste geborene Kn\u00e4blein war ein Herr \u00fcber alle seine Br\u00fcder und ein Pfaffe oder Papst vor Gott, durch welche Figur wird bedeutet Jesus Christus, der eigentlich dieselbe erste m\u00e4nnliche Geburt ist Gottes des Vaters von der Jungfrau Maria. Darum ist er ein K\u00f6nig und Priester, doch geistlich, denn sein Reich ist nicht irdisch noch in irdischen, sondern in geistlichen G\u00fctern, als da sind Wahrheit, Weisheit, Friede, Freude, Seligkeit usw.. Damit aber nicht ausgenommen ist zeitliches Gut, denn es sind ihm alle Dinge unterworfen in Himmel, Erde und H\u00f6lle, wiewohl man ihn nicht sieht, das macht, weil er geistlich, unsichtbar regiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Also auch sein Priestertum besteht nicht in den \u00e4u\u00dferlichen Geb\u00e4rden und Kleidern, wie wir bei den Menschen sehen, sondern es besteht im Geiste unsichtbar also, da\u00df er vor Gottes Augen ohne Unterla\u00df f\u00fcr die Seinen steht und sich selbst opfert und alles tut, was ein frommer Priester tun soll. Er bittet f\u00fcr uns, wie St. Paul, R\u00f6m. 8 sagt; ebenso lehret er uns inwendig im Herzen, welches sind zwei eigentliche, rechte \u00c4mter eines Priesters, denn also bitten und lehren auch \u00e4u\u00dferliche, menschliche, zeitliche Priester.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Zum f\u00fcnfzehnten:<\/b> Wie nun Christus die erste Geburt hat mit ihrer Ehre und W\u00fcrdigkeit, also teilet er sie mit allen seinen Christen, da\u00df sie durch den Glauben m\u00fcssen auch alle K\u00f6nige und Priester sein mit Christo, wie St. Petrus sagt, 1. Petr. 2: \u00abIhr seid ein priesterliches K\u00f6nigreich und ein k\u00f6nigliches Priestertum.\u00bb Und das geht also zu, da\u00df ein Christenmensch durch den Glauben so hoch erhaben wird \u00fcber alle Dinge, da\u00df er, aller Herr, wird geistlich, denn es kann ihm kein Ding nicht schaden zur Seligkeit. Ja, es mu\u00df ihm alles untertan sein und helfen zur Seligkeit, wie St. Paulus lehret, R\u00f6m. 8: \u00abAlle Dinge m\u00fcssen helfen den Auserw\u00e4hlten zu ihrem Besten.\u00bb, es sei Leben, Sterben, S\u00fcnde, Fr\u00f6mmigkeit, Gutes oder B\u00f6ses, wie man es nennen mag; item 1. Kor. 3: \u00abAlle Dinge sind euer, es sei das Leben oder der Tod, Gegenw\u00e4rtiges oder Zuk\u00fcnftiges usw.\u00bb Nicht da\u00df wir aller Dinge leiblich m\u00e4chtig sind, sie zu besitzen oder zu brauchen, wie die Menschen auf Erden, denn wir m\u00fcssen sterben leiblich und kann niemand dem Tode entfliehen; so m\u00fcssen wir auch viel andern Dingen unterliegen, wie wir an Christo und seinen Heiligen sehen. Denn dies ist eine geistliche Herrschaft, die da regiert in der leiblichen Unterdr\u00fcckung, das ist, ich kann mich an allen Dingen bessern nach der Seele, da\u00df auch der Tod und Leiden m\u00fcssen mir dienen und n\u00fctzlich sein zur Seligkeit. Das ist eine gar hohe, ehrliche W\u00fcrdigkeit und eine rechte, allm\u00e4chtige Herrschaft, ein geistliches K\u00f6nigreich, da kein Ding ist so gut, so b\u00f6se, es mu\u00df mir dienen zum Guten, so ich glaube, und ich bedarf sein doch nicht, sondern mein Glaube ist mir genugsam. Siehe, wie ist das eine k\u00f6stliche Freiheit und Gewalt der Christen!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Zum sechzehnten:<\/b> \u00dcberdies sind wir Priester, das ist noch viel mehr, denn K\u00f6nig sein, darum, da\u00df das Priestertum uns w\u00fcrdig macht, vor Gott zu treten und f\u00fcr andere zu bitten. Denn vor Gottes Augen zu stehn und bitten, geb\u00fchrt niemand denn den Priestern. Also hat uns Christus erworben, da\u00df wir k\u00f6nnen geistlich vor einander treten und bitten, wie ein Priester vor das Volk leiblich tritt und bittet. Wer aber nicht glaubt an Christum, dem dienet kein Ding zum Guten; er ist ein Knecht aller Dinge, mu\u00df sich aller Dinge \u00e4rgern. Dazu ist sein Gebet nicht angenehm, kommt auch nicht vor Gottes Augen. Wer kann nun ausdenken die Ehre und H\u00f6he eines Christenmenschen? Durch sein K\u00f6nigreich ist er aller Dinge m\u00e4chtig, denn Gott tut, was er bittet und will, wie da steht geschrieben im Psalter: \u00abGott tut den Willen derer, die ihn f\u00fcrchten, und erh\u00f6ret ihr Gebet\u00bb, zu welchen Ehren er nur allein durch den Glauben und durch kein Werk kommt. Daraus man klar siehet, wie ein Christenmensch frei ist von allen Dingen und \u00fcber alle Dinge, also da\u00df er keiner guter Werke dazu bedarf, da\u00df er fromm und selig sei; sondern der Glaube bringt&#8217;s ihm alles \u00fcberfl\u00fcssig. Und wo er so t\u00f6richt w\u00e4re und meinete, durch ein gutes Werk fromm, frei, selig oder Christ zu werden, so verl\u00f6re er den Glauben mit allen Dingen, gleich wie der Hund, der ein St\u00fcck Fleisch im Mund trug und nach dem Schemen im Wasser schnappte, damit Fleisch und Schemen verlor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Zum siebzehnten<\/b> fragest du: Was ist denn f\u00fcr ein Unterschied zwischen den Priestern und Laien in der Christenheit, so sie alle Priester sind? Antwort: Es ist dem W\u00f6rtlein \u00abPriester\u00bb, \u00abPfaffe\u00bb, \u00abGeistlich\u00bb und desgleichen Unrecht geschehen, da\u00df sie von dem gemeinen Haufen sind bezogen auf den kleinen Haufen, den man jetzt nennet geistlichen Stand. Die Heilige Schrift gibt keinen andern Unterschied, denn da\u00df sie die Gelehreten oder Geweiheten nennet ministros, servor, oeconomos, das ist Diener, Knechte, Schaffner, die da sollen den andern Christum, Glauben und christliche Freiheit predigen. Denn ob wir wohl alle gleich Priester sind, k\u00f6nnen wir doch nicht alle dienen oder schaffen und predigen. Also sagt St. Paulus, 1. Kor. 4: \u00abWir wollen f\u00fcr nichts mehr von den Leuten gehalten sein denn Christi Diener und Schaffner des Evangeliums.\u00bb Aber nun ist aus der Schaffnerei geworden eine solch weltliche, \u00e4u\u00dferliche, pr\u00e4chtige, furchtbare Herrschaft und Gewalt, da\u00df ihr die rechte weltliche Macht in keinem Wege kann gleichen, gerade als w\u00e4ren die Laien etwas anderes denn Christenleute, womit hingenommen ist der ganze Verstand christlicher Gnade, Freiheit, Glaubens und alles, was wir von Christo haben, und Christus selbst; wir haben daf\u00fcr \u00fcberkommen viel Menschengesetz und -werk, sind ganz Knechte geworden der allerunt\u00fcchtigsten Leute auf Erden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Zum achtzehnten:<\/b> Aus dem allen lernen wir, da\u00df es nicht genug sei gepredigt, wenn man Christi Leben und Werk obenhin und nur als eine Historie und Chronikgeschichte predigt, geschweige denn, so man seiner gar schweigt und das geistliche Recht oder andere Menschen-Gesetze und -Lehren predigt. Ihrer sind auch viele, die Christum also predigen und lesen, da\u00df sie ein Mitleiden \u00fcber ihn haben, mit den Juden z\u00fcrnen oder sonst mehr kindische Weise darinnen \u00fcben. Aber er soll und mu\u00df also gepredigt sein, da\u00df mir und dir der Glaube draus erwachse und erhalten werde, welcher Glaube dadurch erw\u00e4chst und erhalten wird, wenn mir gesagt wird, warum Christus gekommen sei, wie man seiner gebrauchen und genie\u00dfen soll, was er mir gebracht und gegeben hat: das geschieht, wo man recht auslegt die christliche Freiheit, die wir von ihm haben, und wie wir K\u00f6nige und Priester sind, aller Dinge m\u00e4chtig, und da\u00df alles, was wir tun, vor Gottes Augen angenehm und erh\u00f6ret sei, wie ich bisher gesagt habe. Denn wo ein Herz also Christum h\u00f6ret, das mu\u00df fr\u00f6hlich werden von ganzem Grunde, Trost empfangen und s\u00fc\u00df werden gegen Christum, ihn wiederum lieb zu haben. Dahin es nimmermehr mit Gesetzen oder Werken kommen kann. Denn wer will einem solchen Herzen Schaden tun oder es erschrecken? F\u00e4llt die S\u00fcnde und der Tod daher, so glaubt es, Christi Fr\u00f6mmigkeit sei sein und seine S\u00fcnden seien nimmer sein, sondern Christi; so mu\u00df die S\u00fcnde verschwinden vor Christi Fr\u00f6mmigkeit in dem Glauben, wie droben gesagt ist und lernet mit dem Apostel dem Tod und der S\u00fcnde Trotz bieten und sagen: \u00abWo ist nun, du Tod, dein Sieg? Wo ist nun, Tod, dein Spie\u00df? Dein Spie\u00df ist die S\u00fcnde. Aber Gott sei Lob und Dank, der uns hat gegeben den Sieg durch Jesum Christum, unsern Herrn. Und der Tod ist ers\u00e4uft in seinem Sieg usw.\u00bb<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Zum neunzehnten:<\/b> Das sei nun genug gesagt von dem innerlichen Menschen, von seiner Freiheit und der Hauptgerechtigkeit, welche keines Gesetzes noch guten Werkes bedarf; ja, es ihr sch\u00e4dlich ist, so jemand dadurch wollte gerechtfertigt zu werden sich vermessen. Nun kommen wir auf&#8217;s andere Teil, auf den \u00e4u\u00dferlichen Menschen. Hier wollen wir antworten allen denen, die sich \u00e4rgern aus den vorigen Reden und pflegen zu sprechen: \u00abEi, so denn der Glaube alle Dinge ist und gilt allein genugsam, um fromm zu machen, warum sind denn die guten Werke geboten? So wollen wir guter Dinge sein und nichts tun.\u00bb Nein, lieber Mensch, nicht also! Es w\u00e4re wohl also, wenn du allein ein innerlicher Mensch w\u00e4rest und ganz geistlich und innerlich geworden, welches nicht geschieht bis am j\u00fcngsten Tag. Es ist und bleibt auf Erden nur ein Anheben und Zunehmen, welches wird in jener Welt vollbracht. Daher hei\u00dfet&#8217;s der Apostel primitias spiritus, das sind die ersten Fr\u00fcchte des Geistes; darum geh\u00f6rt hierher, was droben gesagt ist: \u00abEin Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht und jedermann untertan\u00bb; gleich: Wo er frei ist, braucht er nichts zu tun; wo er Knecht ist, mu\u00df er allerlei tun. Wie das zugehe, wollen wir sehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Zum zwanzigsten:<\/b> Obwohl der Mensch inwendig nach der Seele durch den Glauben genugsam gerechtfertigt ist und alles hat, was er haben soll, au\u00dfer da\u00df derselbe Glaube und Gen\u00fcge mu\u00df immer zunehmen bis in jenes Leben, so bleibt er doch noch in diesem leiblichen Leben auf Erden und mu\u00df seinen eignen Leib regieren und mit Leuten umgehen. Da heben sich nun die Werke an. Hier mu\u00df er nicht m\u00fc\u00dfig gehn, da mu\u00df f\u00fcrwahr der Leib mit Fasten, Wachen, Arbeiten und mit aller m\u00e4\u00dfigen Zucht getrieben und ge\u00fcbt sein, da\u00df er dem innerlichen Menschen und dem Glauben gehorsam und gleichf\u00f6rmig werde, nicht hindere noch widerstrebe, wie seine Art ist, wo er nicht gezwungen wird. Denn der innerliche Mensch ist mit Gott eins, fr\u00f6hlich und lustig um Christi willen, der ihm soviel getan hat, und besteht alle seine Lust darin, da\u00df er wiederum m\u00f6chte Gott auch umsonst dienen in freier Liebe. Da findet er in seinem Fleisch einen widerspenstigen Willen, der will der Welt dienen und suchen, was ihn gel\u00fcstet. Das mag der Glaube nicht leiden und legt sich mit Lust an seinen Hals, ihn zu d\u00e4mpfen und ihm zu wehren, wie St. Paul sagt, R\u00f6mer 7: \u00abIch habe eine Lust an Gottes Willen nach meinem innern Menschen; da finde ich einen andern Willen in meinem Fleisch, der will mich mit S\u00fcnden gefangen nehmen.\u00bb Item: \u00abIch z\u00fcchtige meinen Leib und treibe ihn zu Gehorsam, auf da\u00df ich nicht selbst verwerflich werde, der ich die andern lehren soll.\u00bb Item, Galater 5: \u00abAlle, die Christo angeh\u00f6ren, kreuzigen ihr Fleisch mit seinen b\u00f6sen L\u00fcsten.\u00bb<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Zum einundzwanzigsten:<\/b> Aber dieselben Werke m\u00fcssen nicht geschehen in der Meinung, da\u00df dadurch der Mensch fromm werde vor Gott, denn die falsche Meinung kann der Glaube nicht leiden, der allein ist und sein mu\u00df die Fr\u00f6mmigkeit vor Gott; sondern nur in der Meinung, da\u00df der Leib gehorsam werde und gereinigt von seinen b\u00f6sen L\u00fcsten und das Auge nur sehe auf die b\u00f6sen L\u00fcste, sie auszutreiben. Denn dieweil die Seele durch den Glauben rein ist und Gott liebet, wollte sie gern, da\u00df auch also alle Dinge rein w\u00e4ren, zuvor ihr eigner Leib, und jedermann Gott mit ihr liebte und lobte. So geschieht&#8217;s, da\u00df der Mensch seines eigenen Leibes halben nicht kann m\u00fc\u00dfig gehen und mu\u00df viel guter Werke darob \u00fcben, da\u00df er ihn zwinge; und doch die Werke nicht das rechte Gut sind, davon er fromm und gerecht sei vor Gott, sondern tue sie aus freier Liebe umsonst, Gott zu gefallen, nichts darin anders gesucht noch angesehen, denn da\u00df es Gott also gef\u00e4llt, dessen Willen er gern t\u00e4te auf&#8217;s allerbeste. Daraus denn ein jeglicher kann selbst nehmen Ma\u00df und Bescheidenheit, den Leib zu kasteien, denn er fastet, wachet, arbeitet, soviel er sieht, da\u00df dem Leib not sei, seinen Mutwillen zu d\u00e4mpfen. Die andern aber, die da meinen, mit Werken fromm zu werden, haben keine Acht auf die Kasteiung, sondern sehen nur auf die Werke und meinen, wenn sie derselben nur viele und gro\u00dfe tun, so sei es wohlgetan und sie w\u00fcrden fromm; zuweilen zerbrechen die K\u00f6pfe und verderben ihre Leiber dar\u00fcber. Das ist eine gro\u00dfe Torheit und Unverstand christlichen Lebens und Glaubens, da\u00df sie ohne Glauben, durch Werke fromm und selig werden wollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Zum zweiundzwanzigsten:<\/b> Da\u00df wir davon etliche Gleichnisse geben, soll man die Werke eines Christenmenschen, der durch seinen Glauben und aus lautrer Gnade Gottes umsonst ist gerechtfertigt und selig geworden, nicht anders achten, denn wie die Werke Adams und Evas im Paradies gewesen w\u00e4ren, davon Genesis 2 steht geschrieben, da\u00df Gott den geschaffenen Menschen setzte ins Paradies, da\u00df er dasselbe bearbeiten und h\u00fcten sollte. Nun war Adam von Gott fromm und wohl geschaffen, ohne S\u00fcnde, da\u00df es durch sein Arbeiten und H\u00fcten nicht erst brauchte fromm und gerechtfertigt zu werden; doch da\u00df er nicht m\u00fc\u00dfig ginge, gab ihm Gott zu schaffen, das Paradies zu pflanzen, zu bauen und bewahren. Dieses w\u00e4ren eitel freie Werke gewesen, um keines Dings willen getan, denn allein Gott zu gefallen, und nicht um Fr\u00f6mmigkeit zu erlangen, die er zuvor hatte, welche uns auch allen nat\u00fcrlich w\u00e4re angeboren gewesen. Also auch eines gl\u00e4ubigen Menschen Werk, welcher durch seinen Glauben ist wiederum ins Paradies gesetzt und von neuem geschaffen, bedarf keiner Werke, fromm zu werden; sondern da\u00df er nicht m\u00fc\u00dfig gehe und seinen Leib anstrenge und bewahre, sind ihm solche freie Werke zu tun, allein Gott zu gefallen, befohlen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Item, gleichwie ein geweiheter Bischof, wenn er Kirchen weihet, firmelt oder sonst seines Amtes Werk \u00fcbet, so machen ihn dieselben Werke nicht zu einem Bischof &#8211; ja, wenn er nicht zuvor zum Bischof geweihet w\u00e4re, so taugte derselben Werke keines und w\u00e4re eitel Narrenwerk -; also ein Christ, der, durch den Glauben geweihet, gute Werke tut, wird durch dieselben nicht besser oder mehr geweihet (was nichts denn des Glaubens Mehrung tut) zu einem Christen; ja, wenn er nicht zuvor glaubte und Christ w\u00e4re, so g\u00e4lten alle seine Werke nichts, sondern w\u00e4ren eitel n\u00e4rrische, str\u00e4fliche, verdammliche S\u00fcnden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Zum dreiundzwanzigsten:<\/b> Drum sind die zwei Spr\u00fcche wahr: \u00abGute, fromme Werke machen nimmermehr einen guten, frommen Mann, sondern ein guter, frommer Mann macht gute, fromme Werke\u00bb; \u00abB\u00f6se Werke machen nimmermehr einen b\u00f6sen Mann, sondern ein b\u00f6ser Mann macht b\u00f6se Werke\u00bb, also da\u00df allerwegen die Person zuvor mu\u00df gut und fromm sein vor allen guten Werken und gute Werke folgen und ausgehn von der frommen, guten Person, gleichwie Christus sagt: \u00abEin b\u00f6ser Baum tr\u00e4gt keine gute Frucht; ein guter Baum tr\u00e4gt keine b\u00f6se Frucht.\u00bb Nun ist&#8217;s offenbar, da\u00df die Fr\u00fcchte tragen nicht den Baum; so wachsen auch die B\u00e4ume nicht auf den Fr\u00fcchten, sondern wiederum: die B\u00e4ume tragen die Fr\u00fcchte, und die Fr\u00fcchte wachsen auf den B\u00e4umen. Wie nun die B\u00e4ume m\u00fcssen fr\u00fcher sein denn die Fr\u00fcchte und die Fr\u00fcchte machen nicht die B\u00e4ume weder gut noch b\u00f6se, sondern die B\u00e4ume machen die Fr\u00fcchte, also mu\u00df der Mensch in der Person zuvor fromm oder b\u00f6se sein, ehe er gute oder b\u00f6se Werke tut, und seine Werke machen ihn nicht gut oder b\u00f6se, sondern er macht gute oder b\u00f6se Werke.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Desgleichen sehen wir in allen Handwerken. Ein gutes oder b\u00f6ses Haus macht keinen guten oder b\u00f6sen Zimmermann, sondern ein guter oder b\u00f6ser Zimmermann macht ein b\u00f6ses oder gutes Haus; kein Werk macht einen Meister, darnach das Werk ist, sondern wie der Meister ist, darnach ist sein Werk auch. Also sind die Werke des Menschen auch: wie es mit ihm steht im Glauben oder Unglauben, darnach sind seine Werke gut oder b\u00f6se, und nicht wiederum, wie seine Werke stehn, darnach sei er fromm oder (un)gl\u00e4ubig. Die Werke, gleichwie sie nicht gl\u00e4ubig machen, so machen sie auch nicht fromm; aber der Glaube, gleichwie er fromm macht, so macht er auch gute Werke. So denn die Werke niemand fromm machen und der Mensch zuvor mu\u00df fromm sein, ehe er wirkt, so ist&#8217;s offenbar, da\u00df allein der Glaube aus lautrer Gnade durch Christum und sein Wort die Person genugsam fromm und selig machet und da\u00df kein Werk, kein Gebot einem Christen not sei zur Seligkeit, sondern er frei ist von allen Geboten und aus lauterer Freiheit umsonst tut alles, was er tut, in nichts damit zu suchen seinen Nutzen oder Seligkeit (denn er schon satt und selig ist durch seinen Glauben und Gottes Gnade), sondern nur um Gott darinnen zu gefallen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Zum vierundzwanzigsten:<\/b> Wiederum dem, der ohne Glauben ist, ist kein gutes Werk f\u00f6rderlich zur Fr\u00f6mmigkeit und Seligkeit; wiederum keine b\u00f6sen Werke ihn b\u00f6se und verdammt machen, sondern der Unglaube, der die Person und den Baum b\u00f6se macht, der tut b\u00f6se und verdammte Werke, darum, wenn man fromm oder b\u00f6se wird, hebet sich&#8217;s nicht an den Werken an, sondern an dem Glauben, wie der weise Mann sagt: \u00abAnfang aller S\u00fcnde ist von Gott weichen und ihm nicht trauen.\u00bb Also lehret auch Christus, wie man nicht an den Werken mu\u00df anheben, und sagt: \u00abEntweder macht den Baum gut und seine Fr\u00fcchte gut, oder macht den Baum b\u00f6se und seine Fr\u00fcchte b\u00f6se\u00bb, ebenso sollte er sagen: wer gute Fr\u00fcchte haben will, mu\u00df zuvor an dem Baum anheben und denselben gut setzen. Also, wer da will gute Werke tun, mu\u00df nicht an den Werken anheben, sondern an der Person, die die Werke tun soll. Die Person aber macht niemand gut denn allein der Glaube, und niemand macht sie b\u00f6se denn allein der Unglaube. Das ist wohl wahr: Die Werke machen einen fromm oder b\u00f6se vor den Menschen, das ist, sie zeigen \u00e4u\u00dferlich an, wer fromm oder b\u00f6se ist, wie Christus sagt, Matth. 7: \u00abAus ihren Fr\u00fcchten sollt ihr sie erkennen.\u00bb Aber das ist alles im Schein und \u00e4u\u00dferlich, welches Ansehen irre macht viele Leute, die da schreiben und lehren, wie man gute Werke tun soll und fromm werden, so sie doch des Glaubens nimmer gedenken, gehen dahin und f\u00fchret immer ein Blinder den andern, martern sich mit vielen Werken und kommen doch nimmer zu der rechten Fr\u00f6mmigkeit, von welchen St. Paul sagt, 2.Tim 3: \u00abSie haben einen Schein der Fr\u00f6mmigkeit, aber der Grund ist nicht da, gehen hin und lernen immer und immer, und kommen doch nimmer zur Erkenntnis der wahren Fr\u00f6mmigkeit.\u00bb Wer nun mit denselben Blinden nicht will irren, mu\u00df weiter sehen denn in die Werke, Gebote oder Lehre der Werke: er mu\u00df in die Person sehen vor allen Dingen, wie die fromm werde. Die wird aber nicht durch Gebot und Werk, sondern durch Gottes Wort (das ist, durch seine Verhei\u00dfung der Gnade) und den Glauben fromm und selig, auf da\u00df bestehe seine g\u00f6ttliche Ehre, da\u00df er uns nicht durch unsere Werke, sondern durch sein gn\u00e4diges Wort umsonst und aus lauter Barmherzigkeit selig mache.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Zum f\u00fcnfundzwanzigsten:<\/b> Aus diesem allem ist leichtlich zu verstehen, wie gute Werke zu verwerfen und nicht zu verwerfen sind und wie man alle Lehren verstehen soll, die da gute Werke lehren. Denn wo der falsche Anhang und die verkehrte Meinung dein ist, da\u00df durch die Werke wir fromm und selig werden wollen, sind sie schon nicht gut und ganz verdammlich, denn sie sind nicht frei und schm\u00e4hen die Gnade Gottes, die allein durch den Glauben fromm und selig macht, welches die Werke nicht verm\u00f6gen, und nehmen es sich doch vor, zu tun, und damit der Gnade in ihr Werk und ihre Ehre greifen. Darum verwerfen wir die guten Werke, nicht um ihrer selbst willen, sondern um desselben b\u00f6sen Zusatzes und falscher, verkehrter Meinung willen, welche macht, da\u00df sie nur gut scheinen, und sind doch nicht gut; sie betr\u00fcgen sich und jedermann damit gleich wie die rei\u00dfenden W\u00f6lfe in Schafskleidern. Aber derselbe b\u00f6se Zusatz und verkehrte Meinung in den Werken ist un\u00fcberwindlich, wo der Glaube nicht ist. Er mu\u00df sein in demselben Werkheiligen, bis der Glaube kommt und zerst\u00f6re ihn; die Natur vermag ihn von sich selbst nicht auszutreiben, ja, auch nicht zu erkennen, sondern sie h\u00e4lt ihn f\u00fcr ein k\u00f6stliches, seliges Ding, drum werden ihrer auch so viel dadurch verf\u00fchret. Derhalben, obwohl es gut ist, von Reue, Beichte, Genugtuung zu schreiben und predigen, so man aber nicht weiter f\u00e4hret bis zum Glauben, sind es gewi\u00dflich eitel teuflische, verf\u00fchrerische Lehren. Man mu\u00df nicht einerlei allein predigen, sondern alle beide Worte Gottes. Die Gebote soll man predigen, die S\u00fcnder zu erschrecken und ihre S\u00fcnden zu offenbaren, da\u00df sie Reue haben und sich bekehren. Aber dabei soll es nicht bleiben, man mu\u00df das andere Wort, die ohne welchen die Gebote, Reue und alles andere vergebens geschieht. Es sind wohl noch geblieben Prediger, die Reue der S\u00fcnde und Gnade predigen, aber sie streichen die Gebote und Zusagungen Gottes nicht so heraus, da\u00df man lerne, woher und wie die Reue und Gnade kommt. Denn die Reue flie\u00dft aus den Geboten, der Glaube aus den Zusagungen Gottes, und also wird der Mensch durch den Glauben g\u00f6ttlicher Worte gerechtfertigt und erhoben, der durch die Furcht vor dem Gebote Gottes gedem\u00fctigt und zur Selbsterkenntnis gekommen ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Zum sechsundzwanzigsten:<\/b> Das sei von den Werken gesagt insgemein und von denen, die ein Christenmensch gegen seinen eignen Leib \u00fcben soll. Nun wollen wir von mehr Werken sagen, die er gegen andere Menschen tut. Denn der Mensch lebt nicht allein in seinem Leibe, sondern auch unter andern Menschen auf Erden. Darum kann er nicht ohne Werke sein gegen dieselben, er mu\u00df ja mit ihnen zu reden und zu schaffen haben, wiewohl ihm derselben Werke keines not ist zur Fr\u00f6mmigkeit und Seligkeit. Darum soll seine Meinung in allen Werken frei und nur dahin gerichtet sein, da\u00df er andern Leuten damit diene und n\u00fctze sei, nichts anderes sich vorstelle, denn was den andern not ist. Das hei\u00dft dann ein wahrhaftiges Christenleben, und da geht der Glaube mit Lust und Liebe ins Werk, wie St. Paulus lehret die Galater. Dann zu den Philippern, da er sie gelehret hatte, wie sie alle Gnade und Gen\u00fcge h\u00e4tten durch ihren Glauben in Christo, lehret er sie weiter und sagt: \u00abIch vermahne euch alles Trostes, den ihr in Christo habt, und alles Trostes, den ihr habt von unserer Liebe zu euch, und aller Gemeinschaft, die ihr habt mit allen geistlichen, frommen Christen, ihr wollt mein Herz erfreuen vollkommen, und das damit, da\u00df ihr hinfort wollet eines Sinnes sein, einer gegen den andern Liebe erzeigen, einer dem andern dienen und ein jeglicher acht haben nicht auf sich, noch auf das Seine, sondern auf den andern, und was demselben not sei.\u00bb Siehe, da hat Paulus kl\u00e4rlich ein christliches Leben dahingestellet, da\u00df alle Werke sollen gerichtet sein dem N\u00e4chsten zu gute, dieweil ein jeglicher f\u00fcr sich selbst genug hat an seinem Glauben und alle andern Werke und Leben ihm \u00fcbrig sind, seinem N\u00e4chsten damit aus freier Liebe zu dienen. Dazu f\u00fchret er ein Christum zu einem Exempel und sagt: \u00abSeid also gesinnet, wie ihr&#8217;s seht in Christo, welcher, obwohl er voll g\u00f6ttlicher Form war und f\u00fcr sich selbst genug hatte und ihm sein Leben, Wirken und Leiden nicht not war, da\u00df er damit fromm oder selig w\u00fcrde, dennoch hat er sich alles dessen ent\u00e4u\u00dfert und sich geb\u00e4rdet wie ein Knecht, allerlei getan und gelitten, nichts angesehen denn unser Bestes und ist also, ob er wohl frei war, doch um unseretwillen ein Knecht geworden.\u00bb<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Zum siebenundzwanzigsten:<\/b> Also soll ein Christenmensch wie Christus, sein Haupt, voll und satt sich auch begn\u00fcgen lassen an seinem Glauben, denselben immer mehren, welcher sein Leben, Fr\u00f6mmigkeit und Seligkeit ist, der ihm gibt alles, was Christus und Gott hat &#8211; wie droben gesagt ist und St. Paul, Galat. 2 spricht: \u00abWas ich noch in dem K\u00f6rper lebe, das lebe ich in dem Glauben Christi, Gottes Sohnes\u00bb &#8211; und ob er nun ganz frei ist, sich wiederum williglich zu einem Diener machen, seinem N\u00e4chsten zu helfen, mit ihm verfahren und handeln, wie Gott mit ihm durch Christum gehandelt hat; und das alles umsonst, nichts darinnen suchen denn g\u00f6ttliches Wohlgefallen und also denken: \u00abWohlan, mein Gott hat mir unw\u00fcrdigem, verdammtem Menschen, ohne alle Verdienste, rein umsonst und aus eitel Barmherzigkeit gegeben durch und in Christo vollen Reichtum aller Fr\u00f6mmigkeit und Seligkeit, da\u00df ich hinfort nichts mehr bedarf, denn zu glauben, es sei also. Ei, so will ich solchem Vater, der mich mit seinem \u00fcberschwenglichen G\u00fctern also \u00fcbersch\u00fcttet hat, wiederum frei, fr\u00f6hlich und umsonst tun, was ihm wohl gef\u00e4llt, und gegen meinen N\u00e4chsten auch werden ein Christ, wie Christus mir geworden ist, und nichts mehr tun, denn was ich nur sehe, das ihm not, n\u00fctzlich und selig sei, dieweil ich doch durch meinen Glauben aller Dinge in Christo genug habe.\u00bb<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Siehe, also flie\u00dfet aus dem Glauben die Liebe und Lust zu Gott und aus der Liebe ein freies, williges, fr\u00f6hliches Leben, dem N\u00e4chsten zu dienen umsonst. Denn gleichwie unser N\u00e4chster Not leidet und unseres \u00dcbrigen bedarf, also haben wir vor Gott Not gelitten und seiner Gnaden bedurft. Darum, wie uns Gott hat durch Christum umsonst geholfen, also sollen wir durch den Leib und seine Werke nichts anderes tun, als dem N\u00e4chsten zu helfen. Also sehen wir, wie ein hohes, edles Leben es sei um ein christliches Leben, das leider nun in aller Welt nicht allein darniederliegt, sondern auch nicht mehr bekannt ist, noch gepredigt wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Zum achtundzwanzigsten:<\/b> Also lesen wir, Luk. 2, da\u00df die Jungfrau Maria zur Kirche ging nach den sechs Wochen und lie\u00df sich reinigen nach dem Gesetz wie alle andern Weiber, w\u00e4hrend sie doch nicht gleich mit ihnen unrein war, noch schuldig derselben Reinigung, bedurfte ihrer auch nicht. Aber sie tat&#8217;s aus freier Liebe, da\u00df sie die andern Weibe nicht verachtete, sondern mit dem Haufen bliebe. Also lie\u00df St. Paul St. Timotheum beschneiden &#8211; nicht da\u00df es not w\u00e4re, sondern da\u00df er den schwachgl\u00e4ubigen Juden nicht Ursache g\u00e4be zu b\u00f6sen Gedanken &#8211; der doch wiederum Titum nicht wollte lassen beschneiden, da man drauf dringen wollte, er m\u00fc\u00dfte beschnitten sein, und es w\u00e4re not zur Seligkeit. Und Christus, Matth. 17, da von seinen J\u00fcngern ward der Zinspfennig gefordert, disputierte er mit St. Peter, ob nicht K\u00f6nigskinder frei w\u00e4ren, Zins zu geben. Und als St. Peter ja sagte, hie\u00df er ihn doch hingehen an das Meer und sprach: \u00abAuf da\u00df wir sie nicht \u00e4rgern, so geh&#8216; hin; den ersten Fisch, den du f\u00e4ngst, den nimm, und in seinem Maul wirst du finden einen Pfennig, den gibt f\u00fcr mich und dich.\u00bb Das ist ein feines Exempel zu dieser Lehre, da Christus sich und die Seinen freie K\u00f6nigskinder nennet, die keines Dings bed\u00fcrfen, und doch sich unterwirft williglich, dienet und gibt den Zins. Wie viel nun das Werk Christo not war und gedienet hat zu seiner Fr\u00f6mmigkeit oder Seligkeit, so viel sind alle seine anderen und seiner Christen Werke ihnen not zur Seligkeit; sonderlich da alle sind freie Dienste, zu Willen und Besserung der andern. Also sollten auch aller Priester, Kl\u00f6ster und Stifter Werke getan sein, da\u00df ein jeglicher seines Standes und Ordens Werk allein darum t\u00e4te, den andern zu willfahren und seinen Leib zu regieren, den andern Exempel zu geben, auch also zu tun, die auch bed\u00fcrften, ihre Leiber zu zwingen, doch sich allezeit vorsehen, da\u00df nicht dadurch fromm und selig zu werden sich vorgenommen werde, welches allein des Glaubens Verm\u00f6gen ist. Auf die Weise gebietet auch St. Paul, R\u00f6mer 13 und Titus 3, da\u00df sie sollen weltlicher Gewalt untertan und bereit sein, nicht da\u00df sie dadurch fromm werden sollen, sondern da\u00df sie den andern und der Obrigkeit damit frei dieneten und ihren Willen t\u00e4ten aus Liebe und Freiheit. Wer nun diesen Verstand h\u00e4tte, der k\u00f6nnte leichtlich sich einrichten in die unz\u00e4hligen Gebote und Gesetze des Papstes, der Bisch\u00f6fe, der Kl\u00f6ster, der Stifter, der F\u00fcrsten und Herren, die etlich tolle Pr\u00e4late also treiben, als w\u00e4ren sie not zur Seligkeit, und hei\u00dfen es Gebote der Kirche, wiewohl mit Unrecht. Denn ein freier Christ spricht also: \u00abIch will fasten, beten, dies und das tun, was geboten ist, nicht da\u00df ich&#8217;s bedarf oder dadurch wollte fromm oder selig werden, sondern ich will&#8217;s dem Papst, Bischof, der Gemeine oder meinem Mitbruder, Herrn zu Willen, Exempel und Dienst tun und leiden, gleichwie mir Christus viel gr\u00f6\u00dfere Dinge zu Willen getan und gelitten hat, dessen ihm viel weniger not war. Und obschon die Tyrannen Unrecht tun, solches zu fordern, so schadet&#8217;s mir doch nicht, dieweil es nicht wider Gott ist.\u00bb<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Zum neunundzwanzigsten:<\/b> Hieraus mag ein jeglicher ein gewisses Urteil und Unterscheidung nehmen unter allen Werken und Geboten, auch welches blinde, tolle oder rechtgesinnte Pr\u00e4laten seien. Denn welches Werk nicht dahinaus gerichtet ist, dem andern zu dienen oder seinen Willen zu leiden, sofern er nicht zwingt, wider Gott zu tun, so ist&#8217;s nicht ein gut christliches Werk. Daher kommt&#8217;s, da\u00df ich sorge, wenige Stifter, Kirchen, Kl\u00f6ster, Alt\u00e4re, Messen, Testamente christlich seien, dazu auch die Fasten und Gebete, zu etlichen Heiligen besonders getan. Denn ich f\u00fcrchte, da\u00df in dem allesamt ein jeglicher nur das Seine sucht, vermeinend, damit seine S\u00fcnden zu b\u00fc\u00dfen und selig zu werden, welches alles kommt aus Unwissenheit des Glaubens und christlicher Freiheit; und etlich blinde Pr\u00e4laten die Leute dahin treiben und solch Wesen preisen, mit Abla\u00df schm\u00fccken und den Glauben nimmermehr lehren. Ich rate dir aber, willst du etwas stiften, beten, fasten, so tu es nicht in der Meinung, da\u00df du wollest dir etwas Gutes tun, sondern gib&#8217;s dahin frei, da\u00df andere Leute desselben genie\u00dfen m\u00f6gen, und tu es ihnen zu gute, so bist du ein rechter Christ. Was sollen dir deine G\u00fcter und guten Werke, die dir \u00fcbrig sind, deinen Leib zu regieren und versorgen , so du genug hast am Glauben, darin dir Gott alle Dinge gegeben hat? Siehe, also m\u00fcssen Gottes G\u00fcter flie\u00dfen aus einem in den andern und gemein werden, da\u00df ein jeglicher sich seines N\u00e4chsten also annehme, als w\u00e4re er&#8217;s selbst. Aus Christo flie\u00dfen sie in uns, der sich unser hat angenommen in seinem Leben, als w\u00e4re er das gewesen, was wir sind. Aus uns sollen sie flie\u00dfen in die, so ihrer bed\u00fcrfen, auch so ganz, da\u00df ich mu\u00df auch meinen Glauben und Gerechtigkeit f\u00fcr meinen N\u00e4chsten setzen vor Gott, seine S\u00fcnden zuzudecken, sie auf mich nehmen und nicht anders tun, denn als w\u00e4ren sie mein eigen, eben wie Christus uns allen getan hat. Siehe, das ist die Natur der Liebe, wo sie wahrhaftig ist. Da ist sie aber wahrhaftig, wo der Glaube wahrhaftig ist. Darum gibt der heilige Apostel der Liebe zu eigen, 1. Kor. 13, da\u00df sie nicht sucht das Ihre, sondern was des N\u00e4chsten ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Zum drei\u00dfigsten:<\/b> Aus dem allem folget der Beschlu\u00df, das ein Christenmensch lebt nicht in sich selbst, sondern in Christo und seinem N\u00e4chsten, in Christo durch den Glauben, im N\u00e4chsten durch die Liebe; durch den Glauben f\u00e4hret er \u00fcber sich in Gott, aus Gott f\u00e4hret er wieder unter sich durch die Liebe, und bleibt doch immer in Gott und g\u00f6ttlicher Liebe, gleich wie Christus sagt, Johann. 1:\u00bb Ihr werdet noch sehen den Himmel offen stehen und die Engel auf- und absteigen \u00fcber den Sohn des Menschen.\u00bb Siehe, das ist die rechte, geistliche, christliche Freiheit, die das Herz frei macht von allen S\u00fcnden, Gesetzen und Geboten, welche alle andere Freiheit \u00fcbertrifft wie der Himmel die Erde. Das gebe uns Gott, da\u00df wir diese Freiheit recht verstehen und behalten!<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">\u00a0<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorrede Dem f\u00fcrsichtigen und weisen Herrn Hieronymo M\u00fchlpfordt, Stadtvogt zu Zwickau, meinem besondern g\u00fcnstigen Freund und Patron, entbiete ich, genannt D. Martinus Luther, Augustiner, meine willigen Dienste und alles Gute. F\u00fcrsichtiger, weiser Herr und g\u00fcnstiger Freund! 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