{"id":10360,"date":"2013-12-31T09:53:12","date_gmt":"2013-12-31T07:53:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=10360"},"modified":"2013-12-31T09:53:12","modified_gmt":"2013-12-31T07:53:12","slug":"trost-im-leid","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=10360","title":{"rendered":"Trost im Leid"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><b>Der Erzbischof der Evang.-luth. Kirche Lettlands zum Ungl\u00fcck in Zolitude bei Riga, wo am 21.11.13 das Dach eines Supermarkts einst\u00fcrzte und 56 Menschen starben<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Advent ist eine Zeit, die nach dem Heiland ruft. Jetzt wissen wir dar\u00fcber mehr. Viele Leute hatten sich im Dom zu Riga versammelt, um sich von den Mitgliedern der Rettungsmannschaft zu verabschieden, die in Zolit\u016bde ihr Leben hingaben bei der Suche nach den unter den Tr\u00fcmmern begrabenen Menschen. Als einer von ihnen gefragt wurde, ob es nicht ein Fehler war, sich in Lebensgefahr zu begeben, antwortete dieser: &#8222;Dort unten ist ein Mensch, der nach Hilfe ruft. Da muss doch jemand hingehen.&#8220; Er beschloss: Ich gehe! Und deshalb nennen andere Menschen sie Lebensretter. Wir m\u00f6chten gerne die richtigen Worte finden, mit denen wir die N\u00e4chsten der versch\u00fctteten Opfer in ihrem Schmerz tr\u00f6sten k\u00f6nnen. Wir m\u00f6chten auch gerne Worte h\u00f6ren, die uns helfen, unsere eigenen Verletzungen zu \u00fcberwinden. Doch jetzt wissen wir es: es gibt keine Worte, die das verm\u00f6gen.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was wei\u00df ich schon von dem Schmerz eines solchen Verlustes? Das kann man nicht zutreffender ausdr\u00fccken als es der Bischof der lettischen Baptisten P\u0113teris Spro\u0123is in einem Gottesdienst am Ewigkeitssonntag getan hat: Wahrlich, diese hohe H\u00fcrde der Schmerzen kann man weder \u00fcbersteigen noch umgehen. Es gibt keine Worte, die sie beschreiben k\u00f6nnten. Wenn man in seinem Leben einmal davon betroffen ist, dann gibt es keine andere M\u00f6glichkeit, als dass man da hindurch geht und sich der heiligen Traurigkeit hingibt. Man begibt sich in die Finsternis, in die tiefste Nacht der Seele. Wie in die Wolken der Unwissenheit, wie in den freien Fall, bei dem man nicht wei\u00df, wie tief er sein wird. Lasst die heilige Trauer zu! Begebt euch in die Finsternis, die Trauer. Das kann nur jeder selbst erleben, was es bedeutet, den dunkelsten Punkt, die gr\u00f6\u00dfte Finsternis erreicht zu haben. Dort leuchtet Gott wie ein Licht auf. Der mitleidende Gott, der\u00a0 unsere Schmerzen mit ertr\u00e4gt. Gott, der in die tiefste Tiefe hinabgestiegen ist, um auch dort zu sein, wo wir sind &#8211; als unser Heiland.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Worte auf diesem Wege in die Nacht, sind das Kostbarste von allem, was der Menschheit geschenkt worden ist: Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich. In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen. Ich gehe hin, euch die St\u00e4tte zu bereiten. Und wenn ich hingehe, euch die St\u00e4tte zu bereiten, will ich wieder kommen und euch zu mir nehmen, damit ihr seid, wo ich bin. Wer meine Worte h\u00f6rt und an den glaubt, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern aus dem Tod in das ewige Leben. Das sagt Christus, der Heiland aller mutigen Retter und unser aller Heiland. Wenn wir aus unserem Hause gehen, wissen wir nicht, ob wir zur\u00fcckkehren werden. Wenn wir unsere Kinder vor dem Beginn ihres Schulweges oder unsere Lieben vor ihrem Weg zur Arbeit zu Hause verabschieden, wissen wir\u00a0 nicht, ob wir sie noch wiedersehen werden. Wie es ein bekannter russischer Dichter einmal ausgedr\u00fcckt hat:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>\u201eVon euren Geliebten trennt euch nicht, wenn ihr sie blutend erblickt. Und jedes Mal verabschiedet euch, als w\u00e4re es f\u00fcr die Ewigkeit, selbst dann, wenn ihr euch nur f\u00fcr einen Augenblick von ihnen trennen m\u00fcsst.\u201c <\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Irgendwo in der Welt haben wir jederzeit eine solche Situation. Auch manches Mal ganz in unserer N\u00e4he. Der Advent ist der Ruf nach dem Heiland und Erretter aus der unsicheren Welt. Gott hat ihn vernommen und beschlossen: Ich komme! Er kam in die Welt voller Not, um am Kreuz sein Leben hinzugeben, damit wir ein neues Leben nach dem Willen Gottes beginnen k\u00f6nnten. Er gab sein Leben hin, damit wir ewig leben k\u00f6nnten. Jesus nahm auf sich unsere Schmerzen, um uns zu tr\u00f6sten. Er starb einsam, damit wir einst in der Ewigkeit Gemeinschaft mit Gott h\u00e4tten. Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Wir haben kein Wort der An\u00e4sthesie, sondern das Wort, das Fleisch wurde und unter uns wohnte. Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt, und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben. Gott ist mit uns auch dort in unserer finstersten Unwissenheit. Seine heilende N\u00e4he k\u00f6nnen wir von ihm erbitten f\u00fcr die 54 Umgekommenen und ihre Angeh\u00f6rigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dennoch ist auch einer der Ecksteine des Seelenfriedens die Gewissheit, dass es f\u00e4hige und verantwortungsbewusste rettende Menschen gibt, von denen jeder an seinem Ort wach ist, und wei\u00df, was er zu tun hat. Zu der Zeit der Katastrophe hat niemand von ihnen gefragt, wo zum Teufel Gott wohl gewesen sein mag, als das alles geschah? H\u00e4tte er das Dach nicht noch<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">ein paar Stunden bis zum Gesch\u00e4ftsschluss zusammenhalten k\u00f6nnen. Ich wei\u00df es nicht. Da m\u00fcsst ihr schon Gott fragen. Vielleicht antwortet er euch. Und dennoch hat Gott seinen Teil geleistet. Er hat dem Menschen den Verstand geschenkt, damit er keine Dummheiten macht, und sein Gewissen, damit er sich gewissenhaft verh\u00e4lt. In einem solchen Lande wie dem heutigen Lettland sind nicht Taifune und Erdbeben die Hauptursache von Trag\u00f6dien, sondern die Menschen, die ihren Verstand und ihr Gewissen nicht einsetzen. Jetzt scheint f\u00fcr alle die Suche nach dem Schuldigen und dessen Bestrafung die Hauptsache zu sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ist tats\u00e4chlich die Aufgabe der Justiz. Die muss darauf achten, dass diejenigen, die eine Verantwortung tragen, sie auch wirklich wahrnehmen. Sie muss daf\u00fcr sorgen, dass sich die Schuldigen auch wirklich schuldig f\u00fchlen. Auch das mag den durch eine Katastrophe entstandenen Schaden lindern. Doch bilden wir uns nicht ein, dass damit alles erledigt sei. Zur Katastrophe in Zolit\u016bde ist es gekommen, weil irgend jemand eine Bestimmung ignoriert\u00a0 oder eine Aufgabe \u00fcbernommen hatte, die er eigentlich nicht beherrscht. Oder irgend etwas einem Freunde \u00fcberlassen hatte, der das f\u00fcr &#8222;unwichtig, richtig oder nicht beachtenswert&#8220; hielt und sich mit der Sache nicht befasste. Der etwas tat und sich darauf verlie\u00df, dass alles gut werden und nichts geschehen w\u00fcrde. Und wenn wir fordern, dass diese Menschen sich zu verantworten haben und verurteilt werden m\u00fcssen, dann sollten wir bedenken, dass wir alle &#8211; jeder auf seine Weise &#8211; dasselbe zu tun pflegen. Wir \u00fcbertreten die Herabsetzung der Geschwindigkeit, fahren aggressiv und telefonieren am Steuer. Wir arbeiten in der K\u00fcche eines Kindergartens und waschen uns nicht die H\u00e4nde. Wir unterschreiben Dokumente, ohne sie zu lesen. Wir versuchen Beamte zu \u00fcberreden, dass sie so handeln, wie es unseren Interessen entspricht. Wir \u00fcbertreten die Gebote, weil wir immer Gr\u00fcnde finden werden, die das rechtfertigen. Wir bekleiden ein Amt, dem wir nicht gewachsen sind.\u00a0 Ach, da wird schon nicht viel passieren und alles wird gut werden&#8230; Wenn wir Vergeltung verlangen, dann sollten wir bedenken, dass wir uns selbst von den am Ungl\u00fcck in Zolit\u016bde Schuldigen nur dadurch unterscheiden, dass unsere Unf\u00e4higkeit, Nachl\u00e4ssigkeit und unsere S\u00fcnde noch nicht solche offensichtlichen und tragischen Folgen gehabt hatte. Aber m\u00f6glich w\u00e4ren sie gewesen&#8230; Unsere Pflicht gegen\u00fcber den Opfern dieser Trag\u00f6die ist, dass wir unsere Einstellung gegen\u00fcber der Nachl\u00e4ssigkeit, dem Hochmut und der Unehrlichkeit zuerst bei uns selbst und dann in unserem Lande \u00e4ndern. Die Menschen m\u00f6gen keine Grenzen haben, denn diese sind hinderlich, und dennoch hat es einen Sinn, die Bestimmungen zu beachten, sich nicht gegen die Gebote zu vers\u00fcndigen und sich mit Dingen zu befassen, von die man beherrscht. &#8222;Schuldige muss man bestrafen, aber nicht f\u00fcr uns alle kreuzigen&#8220; (K. Rozenvalds)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Keiner geht aus einer Krise so heraus wie er hineingeraten ist. Entweder er w\u00e4chst oder er schrumpft zusammen. Derjenige w\u00e4chst, der innere Hilfsquellen hat. Die Zukunft wird es zeigen, was wir aus der Trag\u00f6die von Zolit\u016bde gelernt haben. Wenn alles vorbei sein wird, versunken ist und bei dem Alten bleibt, dann verderben wir noch weiter. In unserer schweren Zeit war es die Einigkeit und Solidarit\u00e4t der Menschen in unserem Lande, welche die ausl\u00e4ndischen Beobachter besonders \u00fcberraschte. Wir alle entdeckten, dass in einer ernsten Situation Letten und Russen, Christen und Agnostiker, Anh\u00e4nger der einen und der anderen Partei sich f\u00fcr ein gemeinsames Ziel zusammenschlossen. Jetzt besteht die Frage, ob wir alle die notwendigen inneren Hilfsquellen haben, die uns gewiss werden lassen, dass es im Leben den wichtigen Augenblick gibt, in dem wir uns zusammenschlie\u00dfen m\u00fcssen in der Vers\u00f6hnung und Solidarit\u00e4t. Wir haben die Heldentaten unserer Rettungsmannschaften gesehen, und mussten dabei feststellen, dass es besser ist, bei der Rettung von Menschen in Todesgefahr sein Leben selbst zu opfern, als selbst lange wohlgef\u00e4llig weiter zu leben und andere sterben zu lassen. Wir m\u00fcssen uns fragen, ob wir es verm\u00f6gen, unser gef\u00e4hrliches Handeln zu erkennen und die festgefahrenen und zerst\u00f6rerischen Erscheinungen zu beseitigen? Wenn ja, dann werden wir aus der Krise gereift herausgehen. Aber wenn nicht&#8230;? Jeder, der es versucht hat, den Weg der Heiligung zu beschreiten, wei\u00df, wie schwer der ist. Und deshalb ist der Advent der Ruf nach dem Retter und Heiland aus der Tiefe, aus den Tr\u00fcmmern der falschen Illusionen \u00fcber sich selbst. Herr, wohin sollen wir gehen? Er hat die Hilfsmittel, die uns in Augenblicken der Krise wachsen lassen. Im Lauf einer langen und schweren Geschichte hat er\u00a0 seiner Kirche die Hilfe geschenkt und tut das auch noch heute. Doch damit verh\u00e4lt es sich ebenso wie mit dem Verstand und dem Gewissen &#8211; sollen wir sie nutzen oder nicht? Vor dieser Wahl stehen wir t\u00e4glich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Quelle: Sv\u0113tdienas R\u012bts, Zeitschrift der Evangelisch-lutherischen Kirche Lettlands, herausgegeben von ICHTYS GmbH, erscheint seit Januar 1920; Ausgabe Nr. 12\/2013.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>\u00dcbersetzung: Johannes Baumann<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Erzbischof der Evang.-luth. Kirche Lettlands zum Ungl\u00fcck in Zolitude bei Riga, wo am 21.11.13 das Dach eines Supermarkts einst\u00fcrzte und 56 Menschen starben Der Advent ist eine Zeit, die nach dem Heiland ruft. Jetzt wissen wir dar\u00fcber mehr. Viele Leute hatten sich im Dom zu Riga versammelt, um sich von den Mitgliedern der Rettungsmannschaft [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":40,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[11,13,12],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10360"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/40"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=10360"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10360\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10361,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10360\/revisions\/10361"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=10360"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=10360"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=10360"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}