{"id":10313,"date":"2013-12-16T11:48:30","date_gmt":"2013-12-16T09:48:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=10313"},"modified":"2013-12-16T11:48:30","modified_gmt":"2013-12-16T09:48:30","slug":"die-geistigen-grundlagen-europas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=10313","title":{"rendered":"Die geistigen Grundlagen Europas"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Die Europ\u00e4ische Union (EU) ist ein aus 28 europ\u00e4ischen Staaten bestehender Staatenverbund. Seine Bev\u00f6lkerung umfasst derzeit (2013) rund eine halbe Milliarde Einwohner.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Organe er EU sind:<br \/>\ndas EU-Parlament in Stra\u00dfburg,<br \/>\ndie EU-Kommision (je Land ein Mitglied) in Br\u00fcssel<br \/>\nund der EU-Gerichtshof in Luxemburg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Innerhalb der EU bilden 17 Staaten die Europ\u00e4ische Wirschafts- und W\u00e4hrungsunion. Sie haben sich eine gemeinsame W\u00e4hrung, den Euro, gegeben. Der von den EU-Mitgliedstaaten gebildete Europ\u00e4ische Binnenmarkt ist der am Bruttoinlandsprodukt gemessen gr\u00f6\u00dfte gemeinsame Markt der Welt. Eine ganz wesentliche Voraussetzung zum Gelingen der Europ\u00e4ischen Gemeinschaft wird allerdings darin bestehen, da\u00df sie sich nicht nur als blo\u00dfe Wirtschaftsgemeinschaft, sondern als Wertegemeinschaft versteht. Wenn die EU als politische Union bestehen will, mu\u00df sie an ein Wir-Gef\u00fchl appellieren k\u00f6nnen. Der Euro allein kann dieses Wir-Gef\u00fchl nicht schaffen!<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Welches aber sind die geistigen Werte und Grundlagen Europas?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Frage l\u00e4\u00dft uns auf die Anf\u00e4nge Europas zur\u00fcckblicken. Unser Kontinent ist der einzige, der nach einer Frau benannt wurde. Bereits im 8. Jahrhundert v. Chr. taucht der Name Europa bei dem griechischen Dichter Hesiod auf &#8211; als Name f\u00fcr eine junge G\u00f6ttin. (Hesiod: Theogonie, Vers 357)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sp\u00e4ter, bei Herodot (490 &#8211; 420), dem \u00e4ltesten griechischen Historiker, dem \u201eVater der Geschichtsschreibung\u201d (Cicero), taucht der Name Europa wieder auf &#8211; nun aber als Name einer bildh\u00fcbschen Prinzessin. Die griechische Sage berichtet, da\u00df Europa von Eltern abstammt, die aus \u00c4gypten in das Land Kanaan gekommen waren &#8211; also in den Landstrich, der sich am Mittelmeer im Gebiet des heutigen Israel bis hin zum Libanon erstreckt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Darin dr\u00fcckt sich sehr aufschlu\u00dfreich eine geschichtliche Erinnerung aus, n\u00e4mlich die, da\u00df sozusagen im Erbgut Europas wesentliche kulturelle Anteile Afrikas und Asiens enthalten sind:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus \u00c4gypten, also aus Afrika, kamen die Grundbegriffe der Mathematik, der Architektur, der Zeiteinteilung. Aus Mesopotamien, nach anderen \u00dcberlieferungen aus Ph\u00f6nizien, also auf jeden Fall aus Asien, kam die Schrift. Ebenfalls aus Mesopotamien, aus der Heimat Abrahams, kam der Glaube an einen einzigen unsichtbaren Gott.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zur\u00fcck zur griechischen Sage von Europa: Eines Tages, so erz\u00e4hlt nun diese Sage, h\u00e4lt sich eine Gruppe von M\u00e4dchen am Strand des Mittelmeeres auf. Unter diesen M\u00e4dchen befindet sich die sch\u00f6ne Prinzessin Europa. Die M\u00e4dchen sind ausgelassen und fr\u00f6hlich, sie spielen und tanzen und winden h\u00fcbsche Kr\u00e4nze, als pl\u00f6tzlich ein wei\u00dfer Stier auftaucht. Die M\u00e4dchen sind erschrocken. Nur Europa wagt es, auf den Stier zuzugehen, sie streichelt ihn, sie schm\u00fcckt ihn mit Blumen, h\u00e4ngt Girlanden \u00fcber seine H\u00f6rner und steigt schlie\u00dflich auf seinen R\u00fccken.\u00a0 Dem Stier gef\u00e4llt das sehr. Er trabt mit ihr zum Meeresufer hinab &#8211; l\u00e4\u00dft sich in den Wellen nieder. Pl\u00f6tzlich aber schwimmt er mit ihr auf dem R\u00fccken fort &#8211; bis er in Kreta mit seiner kostbaren Last wieder ans Land geht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zeus war es, der sich listig in diesen prachtvollen Stier verwandelt hatte. Aus der Verbindung zwischen Zeus und Europa kamen drei S\u00f6hne &#8211; so erz\u00e4hlt die Sage. Einer davon war Minos, der erste Herrscher von Knossos. Knossos ist uns bekannt als eine der Keimzellen des klassischen Griechenlands. Darum ist es richtig, wenn man sagt: die Wiege Europas steht in Griechenland.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Europa ist aber nicht nur ein geographischer Begriff, nicht nur ein ethnischer, sondern vor allem ein geistiger. Geographisch w\u00fcrde man diese Halbinsel am westlichen Rand Asiens kaum als einen Kontinent bezeichnen k\u00f6nnen. Von dem franz\u00f6sischen Schriftsteller Paul Valery (1871-1945) stammt das Bonmot: Europa sei \u201eein kleines Vorgel\u00e4nde des asiatischen Kontinents\u201d. Mit anderen Worten: geographisch ist es nicht besonders markant. Bedeutend und pr\u00e4gend ist es nur durch seine Kultur und Religion geworden. F\u00fcr diese kulturelle und religi\u00f6se Pr\u00e4gung sind drei Namen kennzeichnend: Athen, Rom und Jerusalem.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Europa hat drei Fundamente<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unser erster Bundespr\u00e4sident, Professor Theodor Heuss, sagte am 16. September 1950 bei einer Schulfeier in Heilbronn:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eEs gibt drei H\u00fcgel, von denen das Abendland seinen Ausgang genommen hat: Golgatha, die Akropolis in Athen, das Capitol in Rom. Aus allen ist das Abendland geistig gewirkt, und man darf alle drei, man mu\u00df sie als Einheit sehen.\u201c (Theodor Heuss: Reden an die Jugend, R. Wunderlich T\u00fcbingen 1956, S. 32)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Papst Benedikt XVI. hat in einer eindrucksvollen Rede vor dem Deutschen Bundestag im September 2011 genau dieses Bild aufgegriffen und gesagt:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Die Kultur Europas ist aus der Begegnung von Jerusalem, Athen und Rom &#8211; aus der Begegnung zwischen dem Gottesglauben Israels, der philosophischen Vernunft der Griechen und dem Rechtsdenken Roms entstanden.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Akropolis in Athen steht also f\u00fcr griechische Philosophie und Kultur, das Kapitol in Rom f\u00fcr r\u00f6misches Recht und staatliche Ordnung und Golgatha steht f\u00fcr den biblischen Glauben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Christentum ist aus dem Judentum hervorgegangen. Immer dann, wenn sich das Christentum von diesen j\u00fcdischen Wurzeln emanzipieren wollte, hatte das schreckliche Folgen. Die Etappen der Christianisierung Europas sind Meilensteine der stufenweise Einbeziehung unterschiedlichster V\u00f6lker auf einem Kontinent in eine gemeinsame christliche Kultur. Und das alles begann damit, da\u00df der Apostel Paulus, als er sich auf seiner zweiten Missionsreise gerade im \u00e4u\u00dfersten Westen Kleinasiens aufhielt, in einer Nacht eine Erscheinung hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;ein Mann aus Mazedonien stand da und bat ihn:Komm her\u00fcber nach Mazedonien und hilf uns!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als er aber die Erscheinung gesehen hatte, da suchten wir sogleich nach Mazedonien zu reisen, gewi\u00df, da\u00df uns Gott dahin berufen hatte, ihnen das Evangelium zu predigen.&#8220; (Apostelgeschichte 16,9-10)\u00a0 Damit beginnt die Geschichte des christlichen Abendlandes. Es wird uns in der Apostelgeschichte weiter berichtet, da\u00df Paulus vor den Toren der mazedonischen Stadt Philippi an einem Flu\u00df Frauen trifft, mit ihnen ins Gespr\u00e4ch kommt und ihnen das Evangelium von Christus verk\u00fcndigt:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Und eine gottesf\u00fcrchtige Frau mit Namen Lydia, eine Purpurh\u00e4ndlerin aus der Stadt Thyatira, h\u00f6rte zu; der tat der Herr das Herz auf, so da\u00df sie darauf achtete, was von Paulus geredet wurde. Als sie aber mit ihrem Haus getauft war, bat sie uns und sprach: Wenn ihr anerkennt, da\u00df ich an den Herrn glaube, so kommt in mein Haus und bleibt da.&#8220; (Apostelgeschichte 16,14-15)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der erste Christ in Europa ist eine Frau &#8211; eben jene Lydia. Wie hatte doch Christus am Himmelfahrtstag zu seinen J\u00fcngern gesagt?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;&#8230; ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Jud\u00e4a und Samarien und bis ans Ende der Erde.&#8220; (Apostelgeschichte 1,8)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So steht es auf der ersten Seite der Apostelgeschichte, die von den Anf\u00e4ngen der ersten Gemeinde und der Ausbreitung des Evangeliums berichtet. Was dort steht, erf\u00fcllte sich nach und nach.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Trotz aller Hindernisse, trotz aller Unterdr\u00fcckung und Verfolgung nahm das Evangelium seinen Lauf \u201ebis an das Ende der Erde\u201d. Griechische Kultur, r\u00f6misches Recht und christlicher Glaube haben ma\u00dfgeblich Europa gepr\u00e4gt in einem spannungsreichen Miteinander und Gegeneinander.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um noch einmal auf die Sage um die sch\u00f6ne Prinzessin Europa zur\u00fcckzukommen. Jemand hat treffend gesagt: In dieser Sage seien bereits alle Eigenschaften erw\u00e4hnt, durch die der Kontinent dieses Namens die Geschichte im Guten wie im B\u00f6sen beeinflu\u00dft hat (Manfred Barthel).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Europa steht f\u00fcr Neugier, Selbstbewu\u00dftsein, Wagemut.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Wissenschaft und Technik, in der Kunst, in der Politik &#8211; es l\u00e4uft immer wieder auf ein und dasselbe hinaus: auf Neugier, auf Selbstbewu\u00dftsein, auf Wagemut. Diese Akzentuierung des europ\u00e4ischen Geistes hatte eine doppelte Wirkung: Sie war der Motor f\u00fcr \u00fcberragende, glanzvolle Leistungen. Sie mobilisierte aber auch die dunklen Kr\u00e4fte der Zerst\u00f6rung. Neugier, Selbstbewu\u00dftsein, Wagemut wirkten und pr\u00e4gten die Menschen im europ\u00e4ischen Raum, als das Christentum noch gar nicht auf dem Plan war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Anders als die \u00c4gypter, Babylonier, Sumerer, Assyrer, Inder und Chinesen haben die Griechen alles in Frage gestellt und die R\u00f6mer alles ausprobiert. Die asiatische Geistigkeit und Kultur z.B. hatte ohne Frage schon im Altertum ein hohes Niveau, aber ihre gestaltende Kr\u00e4fte entstammen anderen Triebkr\u00e4ften. Asien war von alters her ein Arsenal erhabener Antworten, von sakralen Satzungen mit zeitlos sein wollendem Anspruch, von Weisungen, die allenfalls auszulegen, aber nicht zu befragen sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ganz anders stellte sich damals im Altertum der griechische Geist dar. Nehmen wir nur ein herausragendes Beispiel:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Homers ber\u00fchmt gewordene Dichtung der Odyssee aus dem 8. Jahrhundert v. Chr.: Der homerische Odysseus ist das sich aus mythischer Verstrickung erhebende Urbild des rationalen Europ\u00e4ers.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er ist Forscher, Erfinder, Entdecker, wi\u00dfbegierig, listenreich und experimentierfreudig, dabei von einer Geistesfreiheit, die vor nichts zur\u00fcckschreckt, selbst die G\u00f6tter hinterfragt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dem Geist der Griechen verstand sich nichts von selbst. Staunend schw\u00e4rmten sie in alle Himmelsrichtungen aus. Der schon erw\u00e4hnte Herodot aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. selbst war z.B. ein solcher, den es zu Hause nicht hielt, der weltoffen-neugierig \u00c4gypten, Babylon und die Landschaften am Schwarzen Meer bereiste.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da schwelte der Wunsch, hinter die Horizonte zu schauen, hinter die geistigen wie die geographischen. Dazu geh\u00f6rte geistiges Interesse und Mut, eine sch\u00f6pferische Unruhe, das Unvorstellbare zu wagen. Und war es nicht genau diese wagende Neugier, von der schon die sagenhafte Prinzessin Europa beseelt war?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Genuese Cristobal Columbus wird sich mit drei kleinen Karavellen auf das hohe Meer hinauswagen, um in Richtung Westen einen Seeweg nach Indien zu suchen, diesen zwar nicht findet, aber stattdessen einen neuen Kontinent &#8211; Amerika &#8211; entdeckt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Oder ich denke an den Portugiesen Vasco da Gama, der dann tats\u00e4chlichen den Seeweg nach Indien finden wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man denke an an all&#8216; die anderen Expeditionen, die dann folgten, die Europ\u00e4er auf sich genommen haben:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211; durch die W\u00fcsten und Steppen Asiens,<br \/>\n&#8211; durch die Urw\u00e4lder Afrikas,<br \/>\n&#8211; entlang am Amazonas in S\u00fcdamerika,<br \/>\n&#8211; durch die Eisw\u00fcsten der Arktis und Antarktis,<br \/>\n&#8211; bis hin zu den Gipfelst\u00fcrmern, die die h\u00f6chsten Berge der Welt<br \/>\n&#8211; bestiegen haben<br \/>\n&#8211; und denen, die in die tiefsten Tiefen der Meere hinabgetaucht sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ist es nicht auff\u00e4llig, da\u00df sich nicht Asiaten oder Afrikaner auf den Weg machten, um ihren eigenen Kontinent &#8211; geschweige denn die anderen Kontinente und ihre Geheimnisse &#8211; zu entdecken? Europa war immer weltoffen-neugierig im krassen Gegensatz etwa zu Afrika, Indien oder dem fl\u00e4chenm\u00e4\u00dfig etwa genauso gro\u00dfen chinesischen Reich, das sich bis an die Schwelle des vorigen Jahrhunderts sogar v\u00f6llig vom Rest der Welt abgeschottet hatte, sich buchst\u00e4blich mit einer Mauer einschlo\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Neugier, Selbstbewu\u00dftsein und Wagemut brachten Wissenschaft und Technik, insbesondere auch die Medizin in Riesenschritten voran. Was k\u00f6nnte man da alles aufz\u00e4hlen? F\u00fcr unsere Betrachtung ist allerdings eine andere Frage wichtig: Welche Rolle spielte in diesem Kraftfeld der christliche Glaube?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Europas Weg zum christlichen Abendland<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zun\u00e4chst wurde der christliche Glaube bis zum Jahr 325 n. Chr. durch die Gesetzgebung des bis dahin heidnischen R\u00f6mischen Reiches bek\u00e4mpft. Das Christentum galt als Widerspruch zur Weisheit der Griechen und zur Religion der R\u00f6mer, die in den ersten Jahrhunderten nach Christi die tonangebende Macht in Europa darstellten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Christen wurden im R\u00f6mischen Reich in mehreren Wellen verfolgt, bis Kaiser Konstantin der Gro\u00dfe im Kampf um die Herrschaft \u00fcber das Abendland am 28. Oktober 312 vor den Toren Roms gegen seinen Rivalen Maxentius siegte und diesen Sieg der Hilfe des Christengottes zuschrieb. Daraufhin sorgte er daf\u00fcr, da\u00df das Christentum als erlaubte Religion anerkannt wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einen Schritt weiter ging Kaiser Theodosius der Gro\u00dfe, der durch ein Gesetz, ein Religionsedikt, im Jahr 380 anordnete, da\u00df alle B\u00fcrger des Reiches den Glauben an die Gottheit des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes anzunehmen h\u00e4tten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die christliche Kirche wurde &#8211; durchaus problematisch &#8211; zur alleinberechtigten Staatskirche. Der \u00dcbertritt zum Heidentum wurde verboten. Das bedeutete, da\u00df nun die anderen Religionen verfolgt und verdr\u00e4ngt wurden. Griechentum und R\u00f6mertum mu\u00dften sich dem Christentum unterwerfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es geh\u00f6rt zu den ganz seltsamen F\u00fcgungen in der Geschichte, da\u00df in einem einzigen Jahr diese Entwicklung zu drei markanten historischen Daten f\u00fchrte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist das Jahr 529 n. Chr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den Geschichtsb\u00fcchern werden unter dieser Jahreszahl drei bedeutsame Ereignisse genannt:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">1. Die Aufzeichnung des geltenden r\u00f6mischen Rechtes im Corpus juris, das eine Grundlage des europ\u00e4ischen Rechtes wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">2. Auf staatliche Anordnung mu\u00df die Akademie in Athen schlie\u00dfen, weil sie der Kirche ein Dorn im Auge war. Im Jahr 387 v. Chr. war die Akademie von dem Philosophen Plato gegr\u00fcndet worden. Durch 900 Jahre war sie eine Schule der antiken Weisheit gewesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">3. In Italien wird durch Benedikt von Nursia auf dem Mons Casinus (Monte Cassino) ca. 150 km s\u00fcd\u00f6stlich von Rom das Mutterkloster des Abendlandes gegr\u00fcndet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Welch eine tiefe Symbolik in diesen drei Ereignissen des einen Jahres 529! Das Kreuz Christi hatte f\u00fcr alle Welt sichtbar \u00fcber die Weisheit der Griechen gesiegt, und das r\u00f6mische Recht wird ihm dienen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Ordensregel der Benediktiner hat ma\u00dfgeblich den Weg des abendl\u00e4ndischen Christentums bis in die Neuzeit hinein bestimmt. Das Leitwort der Benediktiner Ora et labora (Bete und arbeite!) ist die k\u00fcrzeste Formel, in der sich das Verh\u00e4ltnis des Christen zur Welt und zu Gott ausdr\u00fccken l\u00e4\u00dft. Das durch Benedikt begr\u00fcndete abendl\u00e4ndische M\u00f6nchtum erlangte gr\u00f6\u00dfte religi\u00f6se und kulturelle Bedeutung f\u00fcr die Ausformung all dessen, was wir Abendland oder Europa nennen. Die Umgangssprache der M\u00f6nche, das Latein, setzte sich als europ\u00e4ische Gemeinschaftssprache des Mittelalters durch. Die kulturelle Einheit des Abendlandes konnte sich auf dieser gemeinsamen sprachlichen Grundlage ohne nennenswerte Schwierigkeiten verwirklichen. Die Kl\u00f6ster wurden f\u00fcr Jahrhunderte Tr\u00e4ger der europ\u00e4ischen Kultur. Politik und Rechtswesen wurden von nun an zunehmend vom r\u00f6mischen Recht gestaltet. Insofern ist es verst\u00e4ndlich, wenn einige Historiker die Zeitenwende vom Altertum zur abendl\u00e4ndischen Geschichte auf eben dieses Jahr 529 festgesetzt haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Karl der Gro\u00dfe &#8211; um 800 n. Chr. &#8211; war dann der erste Herrscher, der mit gro\u00dfem Geschick, aber auch mit r\u00fccksichtsloser Machtpolitik dieses geistige Fundament des christlichen Glaubens nutzte, um das Ziel eines Europas der Vaterl\u00e4nder in die Praxis umzusetzen. Bedeutender als seine Eroberungen war eine andere Tat: der Aufbau eines europ\u00e4ischen Schulsystems. Lehrer aus aller Herren L\u00e4nder wurden angeworben. Visitatoren wurden in die Bischofssitze geschickt, um zu \u00fcberpr\u00fcfen, ob die braven Gottesm\u00e4nner auch wirklich brav waren. Wenn nicht, wurden ihnen ganz energisch die Leviten gelesen. Heute ist das eine allgemeine Redewendung f\u00fcr eine ernste, strenge Ermahnung. Damals war dieser Ausdruck ganz w\u00f6rtlich zu nehmen. Im 3. Buch Mose, dem Buch Levitikus, stehen n\u00e4mlich die Verhaltensregeln f\u00fcr Priester.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der christliche Glaube wurde dann auch gut drei Jahrhunderte nach Karl dem Gro\u00dfen zum geistigen Antrieb der Kreuzz\u00fcge mit ihren h\u00f6chst problematischen Begleiterscheinungen. Zum ersten Mal in der Geschichte unseres Kontinents gab es eine Organisation, die sich \u00fcbernational zusammenfand: die Kreuzritter, Vereinigungen Adliger, die sich als Johanniter zusammenschlossen mit dem Ziel, Pilgern im Heiligen Land zu helfen und sp\u00e4ter den Mittelmeerraum vor den T\u00fcrken zu sch\u00fctzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der christliche Glaube wurde also zur weltanschaulich bestimmenden Kraft in Politik und Gesellschaft. Und dennoch konnten sich die Christen der Faszination des griechischen Geistes nicht entziehen. So blieb es bei einem spannenden Miteinander und Gegeneinander zwischen diesen beiden Geistesm\u00e4chten. Man konnte an manchen Orten der Christenheit den Eindruck gewinnen, da\u00df im Nachhinein doch die Akademie von Athen gesiegt hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das spiegelt z.B. die Auseinandersetzung zwischen den Reformatoren mit ihrer christozentrischen Theologie auf der einen Seite und den sog. Humanisten um Erasmus von Rotterdam und Johannes Reuchlin auf der anderen Seite wider. Gerade das Zeitalter der Reformation mu\u00df man verstehen vor dem Hintergrund der Sehnsucht einer Wiedergeburt der Kultur aus dem Geist der Antike. Diese Bewegung, die um 1350 einsetzte und bis ins 16. Jahrhundert andauerte, bekam den Namen Renaissance, was \u00fcbersetzt \u201eWiedergeburt\u201d hei\u00dft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese ganze Epoche stand unter dem Reformruf ad fontes &#8211; zur\u00fcck zu den Quellen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zur\u00fcck zu den Quellen der Kirche, wie sie in der Bibel und in der Alten Kirche gegeben waren.<br \/>\nZur\u00fcck zu den Quellen der Kultur, wie sie aus dem Griechentum \u00fcberkommen waren.<br \/>\nZur\u00fcck zu den Quellen der staatlichen Ordnung, wie sie sich bei den R\u00f6mern bew\u00e4hrt hatten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An der Wurzel Europas steht die gro\u00dfe Antithese von Antike und Christentum; beide bek\u00e4mpfen sich und vereinigen sich bis heute.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Philosoph Karl Jaspers hat in seiner Rede \u201eVom europ\u00e4ischen Geist\u201c \u00fcber dieses Spannungsverh\u00e4ltnis gesagt:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eEurop\u00e4isch sind die fruchtbaren Gegens\u00e4tze von Kirche und Staat, von Nationen und Reich, von romanischen und germanischen Nationen, von Katholizismus und Protestantismus, von Theologie und Philosophie&#8230; Europa bindet aneinander, was es zugleich in die letzte Gegens\u00e4tzlichkeit treibt: Welt und Transzendenz, Wissenschaft und Glaube, Weltgestaltung und Religion.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Europa hat durch die ganze Geschichte hindurch immer wieder zu jeder Position auch eine Gegenposition entwickelt. Aber immer dann, wenn im Hochgef\u00fchl der eigenen Macht und Kraft, des Gelingens und Forschens die Korrektur des Wortes Gottes mi\u00dfachtet wurde, geschah etwas Unheimliches. Es stand dann die dunkle Seite der Neugier, des Selbstbewu\u00dftseins, des Wagemutes auf. Es war immer dieser innere Kampf, der in Europa stattfand.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Der Kampf zwischen dem Geist gottloser Hybris und dem Geist des Evangeliums.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir erinnern uns: die sagenhafte Europa packte beherzt den Stier bei den H\u00f6rnern und schwang sich auf ihn. Wir d\u00fcrfen aber nicht ungestraft jeden Stier bei den H\u00f6rnern packen. Bereits die sch\u00f6ne, anmutige Europa mu\u00dfte daf\u00fcr einen hohen Preis zahlen: sie wurde n\u00e4mlich nach der Sage auf Kreta von Zeus vergewaltigt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie oft wurden in der Geschichte Europas die sch\u00f6nsten und edelsten Gedanken, dazu das m\u00fchsam und flei\u00dfig erworbene Wissen vergewaltigt von denen, die sich wei\u00df wie die Unschuld gaben, aber in denen finstere Hybris herrschte. Neugier, Selbstbewu\u00dftsein, Wagemut &#8211; so sagte ich &#8211; waren der Motor des europ\u00e4ischen Geistes im Guten, aber eben auch im B\u00f6sen. Neben dem Guten ging immer auch ein dunkler Schatten einher, dem schon die alten Griechen den Namen \u201eHybris\u201d gegeben hatten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hybris &#8211; so nennt man die Selbst\u00fcberhebung, die frevelhafte \u00dcberheblichkeit. Diese Verbindung von vollendeter Kultur und Zivilisation auf der einen Seite mit Brutalit\u00e4t und Hinterlist, mit dem Geist der L\u00fcge auf der andern Seite hat Europa durch die ganze Geschichte hindurch immer wieder ein Doppelgesicht gegeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit welcher Grausamkeit wurde z.B. teilweise missioniert? Mit welcher Anma\u00dfung traten z.B. Europ\u00e4er als Herren dieser Welt auf und unterwarfen die Ureinwohner der anderen Kontinente: Afrika, Amerika, Australien.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber es waren wiederum auch Europ\u00e4er, die mit einem Herzen voller Mitleid und Hilfsbereitschaft in diese fremde Welt gingen, den Menschen das Evangelium brachten, soziale und medizinische Hilfe. M\u00e4nner wie der Missionar und Afrikaforscher David Livingston oder wie der Urwaldarzt und Theologe Albert Schweitzer, Frauen wie Florence Nightingale oder Mutter Teresa kommen aus Europa. Oder auch die Aktion &#8222;\u00c4rzte ohne Grenzen&#8220;, 1971 von dem franz\u00f6sischen Arzt Bernard Kouchner gegr\u00fcndet. Ein solche intensive und opferbereite Hinwendung zu den \u00c4rmsten der Armen ging nicht von Asien oder von Afrika aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Amerika und Australien kann ich hier \u00fcbergehen, da sie ja ebenfalls zunehmend von Europa aus gepr\u00e4gt und gestaltet wurden. Und es waren Europ\u00e4er, die daf\u00fcr sorgten &#8211; leider viel zu sp\u00e4t! -, da\u00df weltweit die Sklaverei ge\u00e4chtet wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Europ\u00e4er haben die beiden gigantischsten Kriege, die die Welt je erleiden mu\u00dfte, ausgel\u00f6st: den Ersten und den Zweiten Weltkrieg. Bereits die vorangehenden Kriege lie\u00dfen aufgrund der sich immer weiter entwickelnden Waffentechnik Schlimmes ahnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber es waren auch Europ\u00e4er, die ersch\u00fcttert durch das Leid auf den Kriegsschaupl\u00e4tzen die Initiative ergriffen zur Gr\u00fcndung einer Einrichtung, die zwischen den Fronten ohne Ansehen der Person Verletzten half.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf Anregung von Henri Dunant, dem Vorsitzender der Evangelischen Allianz in der Schweiz, wurde 1863 in Genf \u2013 also genau vor 150 Jahren &#8211; das Rote Kreuz gegr\u00fcndet. Und es waren wiederum Europ\u00e4er, die nicht nur Wunden verbinden, sondern das kriegerische Wundenschlagen unterbinden wollten und sich unerm\u00fcdlich f\u00fcr eine Weltfriedensordnung einsetzten:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">1920 nach der Katastrophe des Ersten Weltkrieges wurde der V\u00f6lkerbund gegr\u00fcndet, 1945 nach der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges die Vereinten Nationen. Die meisten technischen Erfindungen, die das Leben der Menschen erleichtern, kommen aus dem Kraftfeld des europ\u00e4ischen Geistes, aber eben auch die Kenntnisse und F\u00e4higkeiten, eine Atombombe herzustellen oder ein Schaf zu klonen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es waren Europ\u00e4er, die die Idee des Reiches Gottes weltweit ausbreiteten. Keine andere Religion hat so starke Verbreitung gefunden wie die christliche Botschaft vom Anbruch des Reiches Gottes in Jesus Christus. Aber es waren auch Europ\u00e4er, die daneben ihre eigenen Weltreich-Visionen entwickelten und umzusetzen versuchten. Darin wetteiferten miteinander Spanier und Portugiesen, Italiener, Holl\u00e4nder, Engl\u00e4nder, Schweden, Russen, Franzosen, Deutsche.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir denken an den Stolz, mit dem Kaiser Karl V., der Luther zum Reichstag nach Worms eingeladen hatte, sagen konnte: In meinem Reich geht die Sonne nicht unter. Wir denken an Napoleon, der von der Hybris gepackt wurde, ganz Europa in seine Abh\u00e4ngigkeit zu bringen. Wir denken an die englische Politik, die im 19. Jahrhundert vom Ehrgeiz gepackt wurde, ein Weltreich zu errichten &#8211; das britische Commonwealth unter der englischen Krone. Friedrich Nietzsche hat in seinem Werk \u201eJenseits von Gut und B\u00f6se\u201d (Aph. 239) die griechische Sage vom Raub der Europa aufgegriffen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;O Europa! Europa! Man kennt das Tier mit H\u00f6rnern, welches f\u00fcr dich immer am anziehendsten war, von dem dir immer wieder Gefahr droht! Deine alte Fabel k\u00f6nnte noch einmal zur \u2018Geschichte\u2019 werden &#8211; noch einmal k\u00f6nnte eine ungeheure Dummheit \u00fcber dich Herr werden und dich davon tragen! Und unter ihr kein Gott versteckt, nein! nur eine \u2018Idee\u2019, eine \u2018moderne Idee\u2019. &#8211; Eben &#8222;nur&#8220; eine Ideologie!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Nietzsche diese Zeilen 1886 schrieb, befand sich Europa auf dem H\u00f6hepunkt seiner Macht. Die Weltgeschichte war europazentrisch ausgerichtet. \u00dcber die Erde verf\u00fcgten einige europ\u00e4ische Gro\u00dfm\u00e4chte &#8211; an ihrer Spitze England. Ru\u00dfland galt seit dem ausgehenden 17. Jahrhundert, genau seit Peter dem Gro\u00dfen und erst recht seit dem Wiener Kongre\u00df 1815 ebenfalls als eine europ\u00e4ische Gro\u00dfmacht. Wenn damals ein europ\u00e4ischer Staat sich bedroht f\u00fchlte, dann nur von einem anderen europ\u00e4ischen Staat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Noch einmal zu Nietzsche. Er hat gegen Ende des 19. Jahrhunderts hellsichtig vorausgesehen, wohin die europ\u00e4ische Hybris f\u00fchren wird. Es wird Kriege geben, wie es noch keine auf Erden gegeben hat:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Unsre ganze europ\u00e4ische Kultur bewegt sich seit langem schon mit einer Tortur der Spannung, die von Jahrzehnt zu Jahrzehnt w\u00e4chst, wie auf eine Katastrophe los: unruhig, gewaltsam, \u00fcberst\u00fcrzt: einem Strom \u00e4hnlich, der ans Ende will, der sich nicht mehr besinnt, der Furcht hat, sich zu besinnen.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So hei\u00dft es in der Vorrede zu seinem unvollendeten Werk \u201eDer Wille zur Macht\u201d. Nietzsche starb 1900. 14 Jahre sp\u00e4ter brach der Erste Weltkrieg aus. Als dieser Krieg zuende ging, war Europa nicht mehr Mittelpunkt der Welt, ja, es hatte seitdem M\u00fche, Herr auf dem eigenen Kontinent zu sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">1917 war das Jahr, in dem zum ersten Mal eine au\u00dfereurop\u00e4ische Macht entscheidend in die kriegerische Auseinandersetzungen europ\u00e4ischer Staaten eingriff: die Vereinigten Staaten von Amerika. Ausger\u00fcstet mit dem Wissen des alten Europa, mit k\u00fchner Weiterentwicklung dieser Ans\u00e4tze und ausgestattet mit wirtschaftlichen M\u00f6glichkeiten, von denen Europa nur tr\u00e4umen kann, fing Amerika an, zunehmend die Rolle in der Welt zu \u00fcbernehmen, die jahrhundertelang Europa innehatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Vierteljahrhundert sp\u00e4ter lieferte Hitler das extremste Beispiel f\u00fcr Hybris in der abendl\u00e4ndischen Geschichte. Europa hat eben ein Doppelgesicht: eine dunkle und eine helle Seite der Neugier, des Selbstbewu\u00dftseins, des Wagemutes. Die helle Seite ist seit dem Zweiten Weltkrieg auffallend st\u00e4rker geworden. Das Christentum ist verflochten in diese Geschichte segensreicher Entwicklungen, aber auch schuldhafter Verstrickungen. Das Christentum ist aber auch die Quelle von Schulderkenntnis und Neubeginn.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Was ist das Bleibende an Europa?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Noch heute treffen wir in Europa \u00fcberall in Staat und Gesellschaft auf diese Grundlagen, die in einem ca. 3.000 Jahre w\u00e4hrenden Proze\u00df aus dem leidenschaftlichen Wissensdrang der griechischen Antike, dem n\u00fcchternen Rechtsdenken der R\u00f6mer und dem Geist des christlichen Glaubens, der biblischen Gebote und Verhei\u00dfungen entstanden sind. Das pr\u00e4gte Europa. Die christliche Pr\u00e4gung wird allerdings auffallend schw\u00e4cher. Dabei ist es gerade dieser Bereich, der Europa sozusagen die Seele gegeben hat. Verliert Europa diese Pr\u00e4gung, so steht es in der Gefahr, seine Seele zu verlieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fragen wir zum Schlu\u00df noch einmal: Was ist denn der besondere Beitrag des Christlichen f\u00fcr Europa?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Historiker Heinrich August Winkler, bis 2007 Professor an der Berliner Humboldt-Universit\u00e4t und Sozialdemokrat wurde von der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung gefragt: &#8222;Was haben Christentum und Europa miteinander zu tun?&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seine Antwort: &#8222;Man kann die Geschichte der Menschenrechte und der Gewaltenteilung nicht schreiben, ohne auf die christlichen Wurzeln einzugehen. Der revolution\u00e4re Satz, da\u00df alle Menschen vor Gott gleich sind, ist nun einmal christlichen Ursprungs. Und die Idee der Gewaltenteilung l\u00e4\u00dft sich bis auf das Wort (Jesu, J.M.) zur\u00fcckf\u00fchren: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.&#8220; (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Nr. 50 v. 12.12.2004, S. 9)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die geistigen Grundlagen Europas sind in der Charta der Grundrechte der Europ\u00e4ischen Union aus dem Jahr 2000 wie folgt formuliert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Pr\u00e4ambel hei\u00dft es gleich zu Beginn: &#8222;In dem Bewu\u00dftsein ihres geistig-religi\u00f6sen und sittlichen Erbes gr\u00fcndet sich die Union auf die unteilbaren und universellen Werte der W\u00fcrde des Menschen, der Freiheit, der Gleichheit und der Solidarit\u00e4t. Sie beruht auf den Grunds\u00e4tzen der Demokratie und der Rechtsstaatlichkeit.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Werte &#8211; Freiheit, Gleichheit, Solidarit\u00e4t, Rechtsstaatlichkeit &#8211; sind eindeutig aus dem Geist des Evangeliums gepr\u00e4gt. Insofern geh\u00f6rt das christliche Menschenbild an erster Stelle zum gesellschaftlichen Wertekonsens Europas. In der Bibel dr\u00fcckt sich eine Vorstellung von der menschlichen Person aus, deren W\u00fcrde deshalb unantastbar ist, weil sie in der Gottebenbildlichkeit ihren Ursprung hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und nun verstehen Sie auch, warum es uns so wichtig sein mu\u00df, dieses Fundament Europas zu erhalten und auf ihm unser privates und gesellschaftliches Leben und damit auch unsere Zukunft zu gestalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unsere verehrte Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte in ihrer Regierungserkl\u00e4rung am 27. Oktober 2011 vor dem Deutschen Bundestag den ber\u00fchmt gewordenen Satz: &#8222;Scheitert der Euro, dann scheitert Europa.\u201c Ich wei\u00df, wie sie das gemeint und in welchem Zusammenhang sie das gesagt hat. Aber aus dem Zusammenhang finanzpolitischer \u00dcberlegungen gel\u00f6st, kann dieser Satz keine allgemeine Geltung haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Zukunft Europas steht und f\u00e4llt nicht mit dem Euro, sondern damit, ob dieser Kontinent auf dem Fundament seines \u201egeistig-religi\u00f6sen und sittlichen Erbes\u201c bleibt. Das hei\u00dft im Klartext:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Zukunft Europas steht und f\u00e4llt damit, ob dieser Kontinent unter dem Kreuz Christi bleibt oder nicht. Denn wenn die Werte, die aus der biblischen Botschaft kommen, verlorengehen, w\u00fcrde Europa seine geistige Orientierung verlieren. Dazu zum Schlu\u00df zwei nachdenklich stimmenden Zitate.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das eine stammt von dem Physiker und Nobelpreistr\u00e4ger Werner Heisenberg:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u201eWenn man in dieser westlichen Welt fragt, was gut und was schlecht, was erstrebenswert und was zu verdammen ist, so findet man doch immer wieder den Wertma\u00dfstab des Christentums auch dort, wo man mit den Bildern und Gleichnissen dieser Religion nichts mehr anfangen kann. Wenn einmal die magnetische Kraft ganz erloschen ist, die diesen Kompa\u00df gelenkt hat &#8211; und die Kraft kann doch nur von der zentralen Ordnung herkommen -, so f\u00fcrchte ich, da\u00df sehr schreckliche Dinge passieren k\u00f6nnen, die \u00fcber die Konzentrationslager und Atombomben hinausgehen.\u201d (Werner Heisenberg: Der Teil und das Ganze. 1973, S. 254)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und August Winnig, Gewerkschaftsf\u00fchrer und Christ, schlo\u00df sein 1938 ver\u00f6ffentlichtes Buch \u201eEuropa. Gedanken eines Deutschen\u201d mit den Worten:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eMan denke sich aus der Geschichte Europas alles fort, was allein dem Bekenntnis zum Kreuz und der in diesem Bekenntnis begr\u00fcndeten Verbundenheit zu danken ist: was bleibt \u00fcbrig? Was Europa geworden ist, ist es unterm Kreuz geworden. Das Kreuz steht \u00fcber Europa als das Zeichen, in dem es allein leben kann. Entweicht Europa dem Kreuz, so h\u00f6rt es auf, Europa zu sein.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">M\u00f6ge es dazu nie kommen!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es geh\u00f6rt zu unseren Aufgaben, dass wir diese Erkenntnis aus unserer Lebens- und Glaubenserfahrung in unserem politischen Engagement miteinbringen, damit das Haus \u201eEuropa\u201c auf festem Fundament gegr\u00fcndet bleibt \u2013 zum Wohl der Menschen in unserem Land, in Europa, in der Welt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Pastor Jens Motschmann, Bremen im November 2013<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Europ\u00e4ische Union (EU) ist ein aus 28 europ\u00e4ischen Staaten bestehender Staatenverbund. 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