{"id":10252,"date":"2013-11-28T18:30:38","date_gmt":"2013-11-28T16:30:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=10252"},"modified":"2013-11-28T18:30:38","modified_gmt":"2013-11-28T16:30:38","slug":"familienpolitik-ausbeutung-statt-nachhaltigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=10252","title":{"rendered":"Familienpolitik: Ausbeutung statt Nachhaltigkeit?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Trotz aller Beschw\u00f6rungen: An \u201eNachhaltigkeit&#8220; fehlt es in Deutschland. Das gilt besonders f\u00fcr die \u201eRessource Nachwuchs&#8220;. Die schrumpft best\u00e4ndig: Jahr f\u00fcr Jahr sterben mehr \u00e4ltere Menschen als Kinder zur Welt kommen. Der Grund sind die niedrigen Geburtenraten von 1,4 Kindern pro Frau. Damit ersetzt sich jede Elterngeneration nur noch zu zwei Dritteln. Eine immer kleinere Zahl von J\u00fcngeren muss f\u00fcr Unterhalt und Pflege einer immer gr\u00f6\u00dferen Zahl an \u00c4lteren aufkommen. Diese Lasten drohen die J\u00fcngeren zu erdr\u00fccken, der \u201eGenerationenvertrag&#8220; funktioniert nicht mehr (1). Auch Zuwanderung, wie sie Deutschland derzeit erlebt, l\u00f6st das Problem nicht: Zum einen altern auch die Zuwanderer und zum anderen passen sie sich dem Geburtenniveau der einheimischen Bev\u00f6lkerung an. Um die Alterung zu stoppen, m\u00fcssten bis zur Jahrhundertmitte weit \u00fcber hundert Millionen Menschen einwandern, wie die Vereinten Nationen schon 2000 vorrechneten (2). Aus dieser Lage zog Renate Schmidt (SPD), Bundesfamilienministerin 2002-2005, den Schluss, dass Deutschland mehr Kinder brauche. Sie forderte eine \u201enachhaltige&#8220; Familienpolitik, die sich auch \u201eam Ziel der Geburtenentwicklung messen&#8220; lassen sollte (3).<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das war revolution\u00e4r, denn bis dato war Geburtenf\u00f6rderung ein politisches Tabu. Nun sollte die Geburtenrate \u201emittelfristig&#8220; auf 1,7 Kinder steigen (4). Als das Schl\u00fcsselinstrument daf\u00fcr galt die Kindertagesbetreuung: Ihr Ausbau sollte die Vereinbarkeit von Beruf und Familie verbessern, um die \u201eOpportunit\u00e4tskosten&#8220; von Kindern f\u00fcr (gut ausgebildete) Frauen zu senken. Sie sollten mehr Kinder bekommen, zugleich h\u00e4ufiger erwerbst\u00e4tig bleiben und ihre Kinder von klein an in institutionelle Betreuung geben. Die von Renate Schmidt konzipierte und aufs Gleis gesetzte neue Politik setzte Ursula von der Leyen weiter in die Praxis um. Inzwischen l\u00e4sst sich eine erste Zwischenbilanz ziehen: Die Zahl der Betreuungspl\u00e4tze f\u00fcr unter Dreij\u00e4hrige ist in Westdeutschland um etwa das F\u00fcnffache gewachsen. Zugenommen hat auch die Ganztagsbetreuung in Schulen &#8211; der Paradigmenwechsel zu einer \u201eInstitutionenkindheit&#8220; kommt voran (5). Gegen den Kindermangel hilft er offensichtlich nicht: Die Geburtenrate ist unver\u00e4ndert niedrig. Daran d\u00fcrfte sich auch k\u00fcnftig nichts \u00e4ndern, wie die j\u00fcngsten Berechnungen des Statistischen Bundesamtes nahe legen (6). Die Bundesregierung schweigt sich dazu aus, von dem Ziel die Geburtenraten zu steigern, will sie nun nichts mehr wissen (7).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Gegensatz dazu besch\u00e4ftigt sich die Politik umso intensiver mit dem Ziel, die Frauenerwerbst\u00e4tigkeit zu steigern. Hier k\u00f6nnte sie eigentlich zufrieden sein: In der letzten Dekade ist die Erwerbsbeteiligung von Frauen in Deutschland so stark gestiegen wie in keinem anderen westeurop\u00e4ischen Land. Die deutsche Frauenerwerbsquote (72%) geh\u00f6rt zu den h\u00f6chsten in der OECD-Welt. Sie \u00fcbertrifft deutlich die im Nachbarland Frankreich (65%), das noch immer als Vorbild in Sachen der \u201eVereinbarkeit&#8220; herhalten muss (8). Hierzu ist wenig zu h\u00f6ren, obwohl die Bundesregierung doch sonst mit \u201eErfolgsmeldungen&#8220; nicht spart. Stattdessen bem\u00e4ngeln Regierungsberichte, dass h\u00e4usliche Kindererziehung und Pflege noch immer \u201edie Aussch\u00f6pfung des weiblichen Erwerbspersonenpotenzials&#8220; behindern (9). Stein des Ansto\u00dfes ist besonders, dass die Mehrheit der erwerbst\u00e4tigen M\u00fctter in Teilzeit besch\u00e4ftigt ist. Um die Vollzeiterwerbst\u00e4tigkeit von M\u00fcttern zu steigern, werden \u201egezielte Anreize&#8220; gefordert (10). Im Klartext bedeutet dies, dass Eltern unter Druck gesetzt werden sollen, dem politisch erw\u00fcnschten Doppelvollzeitmodell zu folgen. Aus diesem Interesse heraus w\u00e4re es folgerichtig, das Betreuungsgeld wieder abzuschaffen, das Kindergeld zu k\u00fcrzen und das Ehegattensplitting zu \u201ekappen&#8220;. Teuer zu bezahlen h\u00e4tten daf\u00fcr ausgerechnet diejenigen, die noch Nachwuchs haben: In den meisten Familien k\u00f6nnen und wollen nicht beide Eltern in Vollzeit erwerbst\u00e4tig sein. Das Vollzeitmodell funktioniert vor allem dann nicht, wenn mehrere Kinder da sind (11). Eltern brauchen viel Zeit und Energie f\u00fcr ihre Kinder &#8211; und ihre Kinder brauchen die Zuwendung der Eltern. Eine arbeitsmarktfixierte Politik, die diese Bed\u00fcrfnisse von Familien missachtet, ist nicht \u201enachhaltig&#8220;, sondern ausbeuterisch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(1)\u00a0 Vgl.: Stefan Fuchs: Gesellschaft ohne Kinder. Woran die neue Familienpolitik scheitert, Wiesbaden 2013, S. 343 ff. (V. 7. Fertilit\u00e4t und Wohlfahrt &#8211; wozu mehr Kinder?). Online verf\u00fcgbar unter: <a href=\"http:\/\/www.springer.com\/springer%20vs\/politikwissenschaft\/book\/978-3-658-03389-7?otherVersion=978-3-658-03390-3\">http:\/\/www.springer.com\/springer+vs\/politikwissenschaft\/book\/978-3-658-03389-7?otherVersion=978-3-658-03390-3<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(2)\u00a0 Einschl\u00e4gig dazu: Herwig Birg: 188 Millionen Einwanderer zum Ausgleich? Demographische Alterung und Bev\u00f6lkerungsschrumpfung bei uns &#8211; Konsequenzen f\u00fcr das soziale Sicherungssystem, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12. April 2000, S. 10.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(3)\u00a0 Renate Schmidt: Nachhaltige Familienpolitik &#8211; f\u00fcr eine Zukunft mit Kindern, S. 13-19, in: J. Fl\u00f6thmann und C. H\u00f6hn (Hrsg.), Wege zu einer erfolgreichen Familien- und Bev\u00f6lkerungspolitik, Books on Demand, Norderstedt 2007, S. 14-15.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(4)\u00a0 Vgl.: Malte Ristau: Der \u00f6konomische Charme der Familie\u00ab, S. 18-24, in: Aus Politik und Zeitgeschichte (23-24), S. 18. Detailliert hierzu: Stefan Fuchs: Gesellschaft ohne Kinder, a.a.O., S. 9-11.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(5)\u00a0 Vgl. Stefan Fuchs: &#8222;Familienmodelle, Erwerbst\u00e4tigkeit und Fertilit\u00e4t &#8211; Ziele der \u00bbnachhaltigen\u00ab\u00a0Familienpolitik im Spiegel der Bev\u00f6lkerungs- und Arbeitsmarktstatistik&#8220;, S. 16-2, in: ifo\u00a0Schnelldienst 66 (12) 2013, S. 4.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(6)\u00a0 Siehe hierzu die Materialien zur PRESSEKONFERENZ \u201eGeburtentrends und Familiensituation in Deutschland&#8220; am 7. November 2013 in Berlin, abrufbar unter: <a href=\"https:\/\/www.destatis.de\/DE\/PresseService\/Presse\/Pressekonferenzen\/2013\/Geburten_2012\/Geburten_Ueb.html;jsessionid=17CB586F6E883148D991857836C1D79D.cae4\">https:\/\/www.destatis.de\/DE\/PresseService\/Presse\/Pressekonferenzen\/2013\/Geburten_2012\/Geburten_Ueb.html;jsessionid=17CB586F6E883148D991857836C1D79D.cae4<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(7)\u00a0 Kritisch dazu: Markus Wehner: Kinder in Raten, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 10.11.2012, abrufbar unter: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/inland\/familienpolitik-kinder-in-raten-11957183.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/inland\/familienpolitik-kinder-in-raten-11957183.html<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(8)\u00a0 Eingehender hierzu: Vgl. Stefan Fuchs: &#8222;Familienmodelle, Erwerbst\u00e4tigkeit und Fertilit\u00e4t, a.a.O., S. 4-5.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(9)\u00a0 \u201eNach wie vor erschwert der Umstand, dass es \u00fcberwiegend Frauen sind, die famili\u00e4re Aufgaben wie Kindererziehung und Pflege \u00fcbernehmen, die Aussch\u00f6pfung des weiblichen Erwerbspersonenpotenzials.&#8220; Bundesministerium des Innern: Demografiebericht. Bericht der Bundesregierung zur demografischen Lage und k\u00fcnftigen Entwicklung des Landes, Berlin 2011, S. 103.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(10)\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u201eEine bessere Aussch\u00f6pfung des vorhandenen weiblichen Arbeitskr\u00e4ftepotenzials l\u00e4sst sich nicht nur durch einen h\u00f6heren Frauenanteil, sondern auch durch eine Ausweitung des Arbeitszeitvolumens der Frauen erzielen. Hierzu bedarf es zum Beispiel gezielter Anreize, geringf\u00fcgig entlohnte in voll sozialversicherungspflichtige Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse umzuwandeln und Teilzeitarbeit mit geringem Stundenumfang auf eine vollzeitnahe oder eine Vollzeitt\u00e4tigkeit aufzustocken.&#8220; Ebenda, S. 112.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(11)\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Zu den empirischen Verh\u00e4ltnissen: \u201eErwerbst\u00e4tigkeit von Elternpaaren nach Kinderzahl&#8220; sowie \u201eFamilie und Beruf im Spiegel der Statistik: Trend zum \u201emodernisierten Ern\u00e4hrermodell&#8220; (Abbildungen unten).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>IDAF, Nachricht der Wochen 45-46 \/ 2013<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>\u00a0Abbildungen:<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/untitled11.bmp\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-full wp-image-10260\" alt=\"untitled11\" src=\"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/untitled11.bmp\" width=\"544\" height=\"410\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/untitled22.bmp\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-full wp-image-10263\" alt=\"untitled22\" src=\"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/untitled22.bmp\" width=\"547\" height=\"424\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Trotz aller Beschw\u00f6rungen: An \u201eNachhaltigkeit&#8220; fehlt es in Deutschland. 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