{"id":10220,"date":"2013-11-08T13:11:59","date_gmt":"2013-11-08T11:11:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=10220"},"modified":"2013-11-08T13:11:59","modified_gmt":"2013-11-08T11:11:59","slug":"die-synagoge","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gemeindenetzwerk.de\/?p=10220","title":{"rendered":"Die Synagoge"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Gott hat manchmal seltsame und wunderliche Prediger. Der Arzt Lukas berichtet uns in seinem \u00bbEvangelium\u00ab, da\u00df ein gehenkter M\u00f6rder in seiner Todesstunde vom Kreuz herab eine unerh\u00f6rt eindr\u00fcckliche Predigt gehalten habe. Und das Alte Testament wei\u00df zu erz\u00e4hlen, da\u00df sogar ein\u00admal ein richtiger, vierbeiniger Esel gepredigt habe. Manche glauben diese Geschichte nicht. Ich glaube sie. Denn ich wei\u00df, da\u00df sich Gott oft wunderliche Prediger seiner Wahrheit erw\u00e4hlt.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unter diesen ist mir besonders eindr\u00fccklich ein gro\u00dfes, totes und ausgebranntes Geb\u00e4ude. Sooft ich daran vorbei\u00adkomme, f\u00e4ngt dies Haus an, mir eine Predigt zu halten. Und ich wei\u00df, da\u00df es eine ganze Nacht lang zu vielen hun\u00addert Menschen gepredigt hat. Dies seltsame, predigende Geb\u00e4ude steht mitten in einer lauten Gro\u00dfstadt des Ruhrgebietes.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier mu\u00df einmal eine reiche j\u00fcdische Gemeinde gewesen sein, da\u00df sie sich solch eine gro\u00dfartige Synagoge hat bau\u00aden k\u00f6nnen. Es ist ein riesiger Kuppelbau aus grauem Na\u00adturstein! Vor vielen Jahren habe ich den Bau einmal von innen angesehen. Die Pracht dort entsprach ganz dem wundervollen \u00c4u\u00dferen. Man sah, da\u00df ein gro\u00dfer K\u00fcnstler dies Haus entworfen und gebaut hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann kam jener schreckliche Tag, der f\u00fcr Jahrhunderte ein dunkler Fleck auf der Geschichte unseres Landes sein wird; jener Tag, da das deutsche Volk mit einem Male verga\u00df, da\u00df es einen Luther, Kant, Bach, Goethe gehabt hat, da es mit einem riesigen Satz aus dem 20. Jahrhundert in das Mittelalter zur\u00fccksprang &#8230; Es raste der P\u00f6bel; die j\u00fcdischen Gesch\u00e4fte wurden ge\u00adpl\u00fcndert, die Wohnungen der Juden demoliert. Unschul\u00addige getreten, erschlagen und erschossen &#8230; Ein w\u00fcster Haufe drang auch in die herrliche Synagoge und steckte sie in Brand. Was nur brennbar war, wurde ein Raub der Flammen. Aber am Ende stand noch der rie\u00adsige, nun so kahle Kuppelbau. Die gro\u00dfen Steinquader hatten dem Feuer getrotzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Damals fing dies Geb\u00e4ude an, peinlich zu werden. Es re\u00addete noch nicht. Aber in seiner toten Schweigsamkeit begann es, die Menschen zu beunruhigen. Die Lautspre\u00adcher dr\u00f6hnten von dem \u00bbdeutschen Kulturwillen\u00ab &#8211; und da stand dies Haus! \u00dcber dem Portal konnte jeder es noch lesen: \u00bbMein Haus soll ein Bethaus sein vor allen V\u00f6lkern!\u00ab Da stand es mit seinen rauchgeschw\u00e4rzten Mauern, sei\u00adnen leeren Fenster\u00f6ffnungen &#8230; w\u00e4hrend die Lautspre\u00adcher verk\u00fcndeten, wie nun deutsche Heere nach Ru\u00dfland einger\u00fcckt seien, um die \u00bbdeutsche Kultur\u00ab vorzutragen &#8230; Man sprach immer wieder davon, dies Haus m\u00fcsse abge\u00adrissen werden. Aber &#8211; es kam nicht dazu. Es war, als habe man den Mut verloren, noch einmal die Hand an dies stumme, riesige Geb\u00e4ude zu legen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und die Synagoge schwieg &#8211; schwieg &#8211; als warte sie auf den Tag, da sie w\u00fcrde reden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und der kam!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Tag fing in der Gro\u00dfstadt an wie alle anderen. Die Kaufleute gingen in ihre Gesch\u00e4fte, die Hausfrauen hatten W\u00e4sche oder standen in Schlangen vor den L\u00e4den, in de\u00adnen die Waren schon knapp wurden; die Bergleute fuh\u00adren in die Tiefe, und andere kamen herauf &#8230; Es war wie immer. So verging der Tag. Es kam der Abend. Dunkel la\u00adgen die Stra\u00dfen. Alle H\u00e4user waren verdunkelt, alle Lich\u00adter gel\u00f6scht. Es war ja Krieg, und schon war manche Bom\u00adbe \u00fcber der Stadt gefallen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um 21 Uhr t\u00f6nten die Sirenen. Die Menschen liefen in die Keller &#8230; Und dann kam der Schrecken! Der erste gro\u00dfe Angriff mit \u00bbBombenteppich\u00ab und \u00bbFl\u00e4\u00adchenbr\u00e4nden\u00ab. Die Menschen in den Kellern sp\u00fcrten die furchtbare Hitze. Sie st\u00fcrzten hinaus. Nein! Viele kamen nicht mehr ins Freie. Sie fanden die Zug\u00e4nge versch\u00fcttet und verbrannten bei lebendigem Leibe &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber die herauskamen, entsetzten sich. Rings um die Syn\u00adagoge waren enge, dicht besiedelte Stra\u00dfen. Und nun stand alles in Flammen. Wohin man sich auch wandte, \u00adFeuer! Feuer! Dieser furchtbare Brand schaffte sich selbst den Sturm, der das Feuer brausend weitertrug. Die Menschen h\u00fcllten sich in nasse T\u00fccher und machten sich auf, irgendwo Schutz zu suchen. Aber sie fanden die Stra\u00dfenausg\u00e4nge mit Tr\u00fcmmern versperrt. Der Rauch nahm ihnen den Atem. Da sank manch einer um und wur\u00adde von st\u00fcrzenden Mauern erschlagen, vom Rauch er\u00adstickt, vom Feuer verschlungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die sich durchschlugen, suchten mit vor Angst irren Augen nach einem Ort, der Schutz b\u00f6te vor dem Feuer. Sie fan\u00adden nur einen: die riesige, kahle, l\u00e4ngst ausgebrannte Synagoge. Hunderte haben in jener schrecklichen Nacht dort Rettung gefunden \u2026 Da sa\u00dfen sie, eng gedr\u00e4ngt und zitternd auf dem nackten Boden, w\u00e4hrend drau\u00dfen der schauerliche Tod umging. Da sa\u00dfen sie und konnten nicht weglaufen, als nun die Synagoge anfing zu predigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war eine schreckliche Predigt. Sie bestand nur aus einem einzigen Satz: \u00bbIrret euch nicht! Gott l\u00e4\u00dft sich nicht spot\u00adten. Denn was der Mensch s\u00e4t, das wird er ernten.\u00ab Da war manch einer, der hatte an jenem Fr\u00fchlingstag mit\u00adgemacht, als man das Feuer an diese Synagoge legte. Und die anderen hatten neugierig zugesehen, hatten vielleicht gelacht. Sicher hatten sie geschwiegen. Aber &#8211; wer hatte an Gott gedacht, an Gott, der nicht schweigt?! Damals hatte das Feuer dies eine Geb\u00e4ude verzehrt. Nun ging die Stadt im Feuer unter &#8230; Und ausgerechnet dies Geb\u00e4ude war nun Zuflucht! Die Synagoge predigte. Und selbst der Verstockteste hat in jener Nacht des Grauens die Predigt geh\u00f6rt: \u00bbIrret euch nicht, Gott l\u00e4\u00dft sich nicht spotten &#8230; \u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Geschichte ist aber noch nicht zu Ende. Unter den Fl\u00fcchtlingen war einer, dem hielt die Synagoge eine be\u00adsondere Predigt. Er war ein einfacher Mann, der einen k\u00fcmmerlichen Lohn auf einer Kohlenzeche verdiente. Aber er geh\u00f6rte zu den Leuten, von denen der Herr Jesus sagt, da\u00df sie \u00bbreich sind in Gott\u00ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Mann sa\u00df unter dem best\u00fcrzten Volk und war we\u00adder sehr verwundert noch unruhig. Verwundert war er nicht, weil er aus dem Wort Gottes l\u00e4ngst wu\u00dfte, da\u00df dies Volk schrecklichen Gerichten entgegengehen mu\u00dfte. Und unruhig war er nicht, weil er Frieden mit Gott hatte. So sa\u00df er nun in einer Ecke, nachdem er vielen Leuten zu\u00adrechtgeholfen hatte. Er war m\u00fcde. Aber schlafen konnte man ja nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und da fing die Synagoge an, ihm ihre besondere Predigt zu halten. Sie fragte: \u00bbWei\u00dft du auch, warum ihr hier ge\u00adborgen seid vor dem Feuer?\u00ab Und er antwortete: \u00bbJa, weil hier das Feuer schon einmal getobt und alles, was brennbar war, verzehrt hat.\u00ab \u00bbWei\u00dft du auch\u00ab, fragte die Synagoge, \u00bbda\u00df es noch ein anderes und schrecklicheres Feuer gibt als das, vor dem ihr euch hier geborgen habt?\u00ab \u00bbDas wei\u00df ich wohl\u00ab, sagte der Mann, \u00bbdas ist das schreck\u00adliche Feuer des Gerichtes und Zornes Gottes, das einmal entbrennen wird \u00fcber alles ung\u00f6ttliche und unheilige We\u00adsen der Menschen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDa wei\u00dft du ja schon viel!\u00ab sagte die Synagoge. \u00bbAber meinst du, da\u00df du dann auch eine Zuflucht finden wirst, wenn dies Feuer entbrennt? Meinst du, da\u00df dann auch solch eine Stelle da sein wird, die Zuflucht bieten kann, weil das Feuer schon dar\u00fcber ging?\u00ab Nun l\u00e4chelte der Mann inmitten des erschrockenen und betr\u00fcbten Volkes und sagte: \u00bbOh, ich wei\u00df, wo du hinaus\u00adwillst. Ja, es gibt einen einzigen Ort, \u00fcber den das Feuer des Zornes Gottes schon ging, und der darum Zuflucht bietet: Das ist das Kreuz Jesu auf Golgatha.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDu hast recht!\u00ab sagte die Synagoge. \u00bbSieh mich nur an! Wie sicher seid ihr in meinem Scho\u00dfe, weil ich fr\u00fcher das Feuer erlitten habe. Und so ist man sicher unter dem Kreuze Jesu. Wie hat dort das Feuer gebrannt, als Jesus rief: ,Mein Gott! Mein Gott! Warum hast du mich verlas\u00adsen?&#8216; &#8211; jetzt ist man in alle Ewigkeit dort sicher vor dem Gericht Gottes.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da freute sich der einfache Mann, da\u00df er um diese ewige Zuflucht wu\u00dfte. Dann legte er sich, so gut es bei dem Ge\u00addr\u00e4nge eben m\u00f6glich war, zurecht und schlief nun doch ein &#8211; er ruhte friedlich und getr\u00f6stet wie ein Kind am Herzen der Mutter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Pfarrer Wilhelm Busch<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Quelle: \u201ePastor Wilhelm Busch erz\u00e4hlt\u201c \u2013 Auswahlband, Quell Verlag-Stuttgart, 1975.<\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gott hat manchmal seltsame und wunderliche Prediger. Der Arzt Lukas berichtet uns in seinem \u00bbEvangelium\u00ab, da\u00df ein gehenkter M\u00f6rder in seiner Todesstunde vom Kreuz herab eine unerh\u00f6rt eindr\u00fcckliche Predigt gehalten habe. Und das Alte Testament wei\u00df zu erz\u00e4hlen, da\u00df sogar ein\u00admal ein richtiger, vierbeiniger Esel gepredigt habe. Manche glauben diese Geschichte nicht. Ich glaube sie. 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