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Scharia-Gerichte in Deutschland?

Montag 17. Dezember 2012 von Martin-Bucer-Seminar


Martin-Bucer-Seminar

Antrittsvorlesung von Christine Schirrmacher an der UniversitÀt Bonn

(Bonn, 17.12.2012) Kommt die islamische Rechtsordnung Scharia auch in Deutschland zur Anwendung? Im Einzelfall ja, erklĂ€rte die Islamwissenschaftlerin Christine Schirrmacher bei ihrer öffentlichen Antrittsvorlesung an der UniversitĂ€t Bonn. Schirrmacher nannte als Beispiel den Fall einer Witwe aus MĂŒnchen, die hinnehmen musste, dass die im Iran lebende Familie ihres verstorbenen Mannes drei Viertel seines Erbes zugesprochen wurde, obwohl in seinem Testament die Ehefrau als Alleinerbin bestimmt worden war. „Es wĂ€re eine grundsĂ€tzliche Überlegung, ob es der Schaffung eines einheitlichen Rechtsbewusstseins dienlich ist, wenn auch nach 20-, 30-jĂ€hrigem oder lĂ€ngerem Aufenthalt in Deutschland auslĂ€ndisches Zivilrecht zum Tragen kommt oder ob hier nicht die Anwendung inlĂ€ndischen Rechts integrationsfördernder wĂ€re“, erklĂ€rte die Islamwissenschaftlerin. Anders als beispielsweise in Großbritannien seien Scharia-Gerichtshöfe in Deutschland jedoch nicht existent.

In Großbritannien hĂ€tten 1996 Scharia-Gerichte mit staatlicher Erlaubnis den Betrieb aufgenommen. Sie wĂŒrden unter anderem ĂŒber Scheidungen und FĂ€lle von hĂ€uslicher Gewalt entscheiden. „Das sind inoffizielle, gerichtlich nicht anerkannte Tribunale, denen sich die Beteiligten freiwillig stellen“, so Schirrmacher. Je nach SchĂ€tzung wĂŒrden mehrere Hundert bis mehrere Tausend FĂ€lle auf diese Weise entschieden. Vor allem beim Scheidungsrecht sĂ€hen Frauen durch die Scharia-Gerichte eine Möglichkeit, Druck auf ihre EhemĂ€nner auszuĂŒben: „Willigt der Mann nicht in die Scheidung ein, kann ihn der Schariarichter dazu auffordern, seine Frau nach islamischer Tradition zu verstoßen.“ Das bedeute aber nicht, dass die Scharia-Gerichte fĂŒr Frauen generell von Vorteil wĂ€ren: „Körperliche ‚ZĂŒchtigung‘ der Ehefrau durch den Ehemann ist kein Grund fĂŒr eine Scheidung, daher wird das Gericht dem Scheidungswunsch der Frau meist nur entsprechen, wenn es wirklich um Misshandlung geht.“

Die Rechtsauffassung der inoffiziell tĂ€tigen Friedensrichter gehe oftmals nicht nur an der des deutschen Staates vorbei, sondern stehe auch in direktem Gegensatz zu dessen Rechtsauffassung. „Die Anzeige einer Straftat bei der Polizei gilt in manchen Migrantenkreisen als Zeichen der SchwĂ€che“, sagte Schirrmacher, „ein Opfer, das eine Tat nicht sĂŒhnt, gilt nicht als friedfertig, sondern als SchwĂ€chling und wird verachtet“. Einige der Friedensrichter wĂŒrden sich weniger auf die islamische Rechtsordnung, als vielmehr „nahöstliches Gewohnheitsrecht“ berufen. „In jedem Fall wird das Gewaltmonopol des Staates unterlaufen, noch dazu von Friedensrichtern, die zuweilen ganz eigene Interessen im Drogen- oder Rotlichtmilieu haben.“

Schirrmacher fĂŒhrte aus, warum diese „extra-legale Rechtsprechung“ von den Behörden geduldet wird: „Viele Richter und StaatsanwĂ€lte haben eine sehr hohe Arbeitsbelastung. Wenn Zeugen ganz plötzlich ihre Aussagen Ă€ndern oder ihr GedĂ€chtnis verlieren, dann gehen sie dem nicht immer nach.“

Ein Grund fĂŒr den Erfolg von Friedensrichtern in Deutschland sei mangelnde Integration und ein geringes Vertrauen in die deutsche Justiz. Allerdings dĂŒrfe nicht vergessen werden, dass die Mehrheit der Muslime in Deutschland aus der TĂŒrkei stamme – und damit aus einem Land, das die Scharia abgeschafft hat. VerlĂ€ssliche Zahlen ĂŒber Scharia-Verfahren in Deutschland seien kaum zu bekommen. Der Integrationsbeauftragte von Berlin-Neukölln geht aber davon aus, dass in seinem Stadtteil 10 bis 15 Prozent der Muslime Streitigkeiten durch Friedensrichter beilegen lassen.

Die Islamwissenschaftlerin wĂŒnscht sich weitere Forschungsarbeiten zu diesem Thema. Dazu will Schirrmacher selbst beitragen: Der Vortrag ĂŒber Scharia-Gerichte in Deutschland war ihre öffentliche Antrittsvorlesung zum Abschluss ihres Habilitationsverfahrens an der Philosophischen FakultĂ€t der UniversitĂ€t Bonn. Schirrmacher lehrt seit 2012 am Institut fĂŒr Orient- und Asienwissenschaften der UniversitĂ€t und ist darĂŒber hinaus wissenschaftliche Leiterin des Instituts fĂŒr Islamfragen der Evangelischen Allianz in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Sie ist Sprecherin und Beraterin der Weltweiten Evangelischen Allianz fĂŒr Islamfragen und Professorin fĂŒr Islamische Studien an der Evangelisch-Theologischen FakultĂ€t in Leuven (Belgien). Sie ist mit dem Religionswissenschaftler Thomas Schirrmacher verheiratet.

Bonner Querschnitte Nr. 234; 40/2012
Quelle: pro – Christliches Medienmagazin

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Montag 17. Dezember 2012 um 13:55 und abgelegt unter Gesellschaft / Politik, Weltreligionen.