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Warum immer noch keine Bekenntnissynode?

Montag 3. Dezember 2012 von Dr. Dieter MĂŒller


Dr. Dieter MĂŒller

Einige grundsĂ€tzliche Überlegungen

1911, als der liberale Pfarrer Carl Jatho wegen Irrlehre seines Amts enthoben wurde und das ganze liberale Deutschland empört aufschrie, schrieb Adolf von Harnack, der große Kirchenhistoriker und Wissenschaftsorganisator, einem Kollegen: Die Amtsenthebung mĂŒsse man hinnehmen, „weil die Kirche immer noch Bekenntniskirche sei und die Mehrzahl ihrer Glieder den Gedanken nicht ertrĂŒge, die Landeskirche ließe ‚ein Christentum ohne den lebendigen Gott und ohne den Herrn Christus‘ zu.“ Er fuhr fort: „Es wird ja gewiß einmal die Zeit kommen, wo auch die Positiven (heute wĂŒrde man sagen die Glaubenskonservativen DM) 
einsehen werden, daß sie nicht Verrat an der heiligsten Sache ĂŒben, wenn sie in einer Ă€ußern Kirchengemeinschaft bleiben, die alles, was Religion unter uns heißt, umschließen will
.“ Harnacks Voraussage ist heute protestantische Wirklichkeit. Man kann lutherischer Bischof werden, auch wenn man Jesu SĂŒhnetod bestreitet und das Kreuz bagatellisiert. Zwar sind die Landeskirchen nach ihren Verfassungen immer noch Bekenntniskirchen, aber diese Bekenntnisbindung ist ebenso wie die Bibelbindung lĂ€ngst – mit „aufgeklĂ€rter“ historisch-kritischer Kunstfertigkeit relativiert – einem opportunistischen Pragmatismus gewichen. Und dieser ist nicht mehr fĂ€hig, die Scheidung von Lehre und Irrlehre zu vollziehen, am Ende weil die theologischen Pragmatiker keine am JĂŒngsten Gericht geeichten MaßstĂ€be mehr akzeptieren, die ihnen allen Ernstes Grenzen ziehen. In dieser Situation ist es zweifellos ein VerhĂ€ngnis, daß „bekennende Gruppen“ in den Landeskirchen sich im GefĂŒhl ihrer Machtlosigkeit mehr oder weniger leidend mit dieser Situation arrangiert haben.

Die sÀchsische Provokation

Das kleine sĂ€chsische Evangelisationsteam hat es nun gewagt, die machtbewußten Leitungsgremien der sĂ€chsischen Landeskirche herauszufordern: Eine Bekenntnissynode sei dringend geboten, weil die leitenden Organe ihrer Kirche die konkret gottwidrige SĂŒnde statt des umkehrenden SĂŒnders rechtfertigten. Damit gefĂ€hrde Kirche das Heil der SĂŒnder, denn sie schneide ihnen durch die kirchenamtliche Legalisierung der SĂŒnde den Weg der Umkehr zur Vergebung ab. So schafft tatsĂ€chlich ein ethisches Problem die Situation des status confessionis, des Bekenntnisfalls, in dem sich die Wahrheit von der LĂŒge, das Leben vom Tod trennt. Das wird offenbar selbst in bekennenden Gruppierungen nicht ĂŒberall klar und scharf gesehen.

Niemand, der bereit ist, Gott zu hören, kann leichthin bei Paulus (z.B. 1. Kor 6,9-10) die Gerichtskonsequenz konkreter SĂŒnde ĂŒberspringen. Nur ideologisch besessener Verstand kann ĂŒbersehen, daß Gottes heiliger Schöpferwille durch die kirchliche Legitimierung homosexueller Praxis dekonstruiert, Gottes vernĂŒnftig geschaffene Natur denaturiert wird. Angesichts der Eindeutigkeit der Bibel ist es ausgeschlossen, homosexuelle Praxis unter dem Gesichtspunkt der Heiligung zu leben. Unter soteriologischem Aspekt, das heißt unter der Frage, wer wird in Ewigkeit gerettet, muß also die Einstellung zur homosexuellen Praxis um Gottes und des Menschen willen zum status confessionis werden, der geistlich Kirche von Kirche trennt. Gilt dies in eschatologisch-biblischer QualitĂ€t, dann ist es alles andere als theologische Hysterie, in der gegenwĂ€rtigen Situation des landeskirchlichen Protestantismus Bekenntnissynoden zu fordern und an den Kirchenkampf zu erinnern.

Dietzfelbinger statt Harnack

Die prophetische Diagnose des ehemaligen EKD-Ratsvorsitzenden Dietzfelbinger, die er 1971 in seinem Rechenschaftsbericht der EKD-Synode vortrug, beschreibt nÀmlich inzwischen die Situation umfassend und prÀzis:

„Wenn nicht alles tĂ€uscht, so stehen wir heute in einem Glaubenskampf, einem Kirchenkampf, gegenĂŒber dem der Kirchenkampf des Dritten Reiches ein Vorhutgefecht war. Das Unheimliche daran ist, daß dieser heutige Kampf vielfach kaum erkannt, zu allermeist verharmlost wird und unter Tarnworten wie ‚Pluralismus’ voranschreitet.“

Dietzfelbinger sah im kirchlichen Pluralismus das Wort Gottes um seine scheidende und rettende Macht gebracht. In der Nazizeit war es sichtbarer als heute der Außendruck einer dĂ€monisierten Ideologie, die darauf zielte, die Kirche der Herrschaft Christi zu entwinden und gesellschaftspolitisch zu mißbrauchen. Heute wirkt diabolischer Geist sehr viel intelligenter, sanfter, aber auch dreister mitten in der Kirche, und das demokratisch legitimiert durch Gremien-Mehrheiten, denen Vertreter eines gescheit formulierenden und wissenschaftlich-theologisch argumentierenden Pluralismus weite Spielfelder fĂŒr fast beliebige anthropologische, spirituelle und ethische Konstrukte eröffnen. Auf dieser Ebene von Kirchenleitung werden wie einst in den deutsch-christlich beherrschten Kirchen Wahrheitsfragen in Machtfragen pervertiert, Lehrzucht durch Disziplinarzucht ersetzt. Einheit mit der Kirchenleitung und geistliche LoyalitĂ€t werden selbst dann beansprucht, wenn irrende Kirchenleitung methodisch geschult das Wort Gottes fĂ€lscht. Sachsen demonstriert es. Die geistliche Einheit in Christus ist jedoch lĂ€ngst zerbrochen, wo das, „was Christum treibet“ als ausgehöhlte Chiffre fĂŒr beliebige religiöse und ethische Inhalte dient.

Das demokratisch entfremdete „Lehramt“

Der plural entwickelte Protestantismus hat kein geistliches Lehramt gestalten können, das Gottes heiliges Wort gegen die sĂ€kularisierende Macht aufgeklĂ€rter Wissenschaft und den Subjektivismus der „allgemeinen Priester“ zu schĂŒtzen vermocht hĂ€tte. Theologische FakultĂ€ten können dieses geistliche Lehramt nur begrenzt wahrnehmen, weil sie selbst Teil des wissenschaftlichen Pluralismus sind. Theologische Arbeit vollzieht sich zwar in der Regel auf hohem intellektuellem Niveau und mit prĂ€zis ausdifferenzierten Begriffsinstrumentarien. In wissenschaftlich sĂ€kularem Umfeld ist sie heute jedoch oft nicht viel mehr als ein artifizielles formales Spiel im Elfenbeinturm, das die Weltdistanz in Christus genau so wenig durchhĂ€lt wie die gegenwĂ€rtig real existierenden Landeskirchen. Evangelium und Gesetz wurden in diesem Spiel nicht selten zu gescheit gedachten Konstrukten und Gottes geistmĂ€chtiges Wort zum Wort des aufgeklĂ€rt religiösen Menschen mit vernunftbegrenzter Geltung.

An die Stelle eines geistlichen Lehramts sind im Namen des allgemeinen Priestertums aller Glaubenden in der Neuzeit Synoden getreten, die Lebens- und Glaubensfragen inzwischen demokratisch durch Mehrheiten entscheiden und ihre Ergebnisse dann als „magnus consensus“, als große Übereinstimmung im Glauben empfinden. Auch das ist leicht erkennbar FalschmĂŒnzerei, denn das Instrument des magnus consensus fordert zwingend, die 2000jĂ€hrige Glaubens- und Lehrerfahrung der VĂ€ter und MĂŒtter des gemeinsamen Glaubens verbindlich ins GesprĂ€ch einzubeziehen. Zu dieser Geschichte gehören nicht zuletzt auch die Schwestern und BrĂŒder in den alten klassischen Kirchen. Der magnus consensus hat nĂ€mlich auch eine ökumenische Dimension. Eine dem Leib Christi, also dem gesamten Gottesvolk aller Zeiten verpflichtete Bekenntnissynode stĂŒnde – selbst als Minderheit im Protestantismus – geistlich fĂŒr den magnus consensus. Das „allgemeine Priestertum“ aller Kirchensteuerzahler, synodal-demokratisch ausgeĂŒbt, ist in sich sĂ€kularisierender Kirche nicht imstande, Brandmauern gegen die SchwelbrĂ€nde des Zeitgeistes zu errichten und Kirche in der Kraft des Heiligen Geistes bei Christus zu halten. Die EKD zeigt es auf allen synodalen Ebenen schlagend, und ausgerechnet das vermeintlich nur ethische Problem homosexueller Lebenspraxis ist zum Schiboleth geworden.

In dieser diffusen Situation bedĂŒrfte das Wort Gottes zweifellos dringend der geistvollen Stimme einer Bekenntnissynode.

Warum findet sich keine Bekenntnissynode zusammen, die innerhalb der landeskirchlichen Organisation mit einer Stimme bekennt, was zum Kerngehalt des Evangeliums gehört, ethisch dem Willen Gottes entspricht, und die öffentlichkeitswirksam feststellt, was dem Evangelium und dem lebensdienlichen Willen Gottes widerspricht, also zu verwerfen ist? Es bedĂŒrfte dringend dieser einen Stimme, die das zunehmende Versagen der in vieler Hinsicht zu Sympathisanten des postmodernen sĂ€kularisierten Pluralismus gewordenen landeskirchlichen Leitungsgremien grundlegend korrigiert und recht lehrende Kirchenleitung von irrlehrender unterscheiden lĂ€ĂŸt. Was hindert es?

Die LehrmĂŒdigkeit der bekennenden Opposition

Soweit ich sehe, gibt es in den Landeskirchen kaum eine bekennende Gruppierung, die nicht direkt oder indirekt unter pietistischen EinflĂŒssen stĂŒnde. Im Pietismus hatte die Echtheit des subjektiven Glaubens von Anfang an den Vorrang vor der objektiven Wahrheit, die AuthentizitĂ€t des geistlichen Lebens vor der Klarheit der Lehre. Dies ist bis heute StĂ€rke und SchwĂ€che zugleich. Definierte Lehre war im Urchristentum die unverzichtbare Konsequenz geklĂ€rten Glaubens. Der von Harnack am Anfang des 20. Jh. vorausgesehenen Ablösung der Landeskirchen von verbindlichen LehrĂŒberlieferungen entspricht innerhalb der bekennenden Gruppierungen die Versuchung zu Kompromiß bereiten pragmatischen Arrangements im GefĂŒge der bergenden Institution auf Kosten der klaren biblischen Lehre. Zur Anpassung verfĂŒhrt heute zusĂ€tzlich der allgegenwĂ€rtige Druck postmodern fĂŒhlender Gesellschaften. Hier wird jede Grenzen ziehende Lehre als Diskriminierung gebrandmarkt und als „Fundamentalismus“ geradezu kriminalisiert. Aber dĂŒrfen landeskirchliche Gruppierungen, die der Lehre Jesu und seiner Apostel folgen wollen, darauf verzichten, das geistlich trennende Urteil ĂŒber dogmatische oder ethische Irrlehre verbindlich zu fĂ€llen, weil der postmodern fĂŒhlende Mensch innerhalb und außerhalb der Kirche im Unterschied zu Jesus und seinen Aposteln nicht mehr verstehen will, daß es keinen Glauben ohne definierte, also auch verwerfende Lehre gibt? DĂŒrfen sie es innerkirchlich im Namen einer Liebe, die der Wahrheit ausweicht?

Die soteriologische Entwarnung

Dem in die westlichen Wohlstandsgesellschaften integrierten Mainstream-Protestantismus fehlt es lĂ€ngst wieder an der eschatologischen RadikalitĂ€t, die Karl Barth mit anderen nach der geistig-kulturellen Katastrophe des ersten Weltkriegs zurĂŒckgewinnen wollte. Es gelang nicht. Barth hat neben vielen anderen mit seiner NĂ€he zur Allversöhnungslehre sogar am Ende dem Evangelium wie dem Gesetz die eschatologische SchĂ€rfe genommen und in seinem grandiosen Jahrhundertwerk im etablierten Protestantismus fĂŒr eine beruhigte eschatologisch-soteriologische GemĂŒtlichkeit gesorgt. Was aber, wenn wirklich, wie es die Bibel einschĂ€rft, jeder Mensch am Ende vor dem Richterstuhl Christi erscheinen muß? Wenn an Gottes konkreten Geboten Maß genommen wird? Wenn sich ein doppelter Ausgang öffnet und Menschen in Ewigkeit verloren gehen, auch weil die Kirche sie verfĂŒhrt und die MaßstĂ€be gefĂ€lscht hat? Und selbst die bekennenden Christen hĂ€tten durch die historisch-kritisch operierende Theologie verunsichert und durch den Zeitgeist verĂ€ngstigt ihrem Einspruch die Verbindlichkeit und Eindeutigkeit entzogen? Schweigen wir nicht allzu oft verunsichert, wenn in unseren Landeskirchen Gottes richtendes Wort desavouiert wird? Was wenn die Hölle keine Fiktion und keineswegs leer wĂ€re?

Die EntschÀrfung des Gesetzes durch das Evangelium

Luthers manchmal fast dualistische Differenzierung von Gesetz und Evangelium ist in der evangelischen Glaubensgeschichte allzu oft zur billigen Gnade auf Kosten der Gebote degeneriert. Immer wieder begegnet gegenwĂ€rtig in diesem Zusammenhang der Verweis auf die von Luther geistvoll beanspruchte Definitionsmacht: Ist Christus unser, so machen wir neue, prĂ€zisere Dekaloge als Mose. Wer indessen mit Luther voll Finderfreude so argumentiert, hat fasziniert durch diese Schwindel erregende Freiheit entweder nicht weitergelesen oder schlimmer: er fĂ€lscht Luther. Luther stellte nĂ€mlich 1535 in den Glaubensthesen genau im Zusammenhang dieser Bemerkung sehr nĂŒchtern fest, daß wir nicht so vollmĂ€chtig im Heiligen Geist leben wie die Apostel und Propheten und deshalb an die biblischen Gebote gewiesen bleiben. Er nennt hier die Fabrikanten neuer Gebotstafeln Schwarmgeister. Ihm war jederzeit bewußt, daß der Mensch auch im Kraftfeld der erlösenden und erneuernden Liebe Christi tödlich gefĂ€hrdet bleibt durch die Macht der SĂŒnde. Deshalb ist der Verzicht auf Gottes Gebote und Lebensformen im Namen einer formalisierten Liebe ein enthusiastisch anmaßender, zutiefst Luther und der Bibel widersprechender Versuch, den Himmel auf die Erde zu zwingen. Wer so verfĂ€hrt, bringt den Menschen um Gottes SchutzrĂ€ume. Aber lauert hier nicht auch fĂŒr Christen, die Schrift und Bekenntnis ernst nehmen wollen, die theologische Schlange, welche lockt, die in der Heiligen Schrift konkret definierte und mit Gerichtsfolgen bewehrte EinzelsĂŒnde am Ende doch verschwiemelt landeskirchlicher Beliebigkeit zu ĂŒberlassen im Glauben, daß die Übermacht der Gnade am Ende dem Gesetz die SchĂ€rfe nĂ€hme?

Fehlen uns Mut, Klarheit und Gewißheit des Geistes? Eine Bekenntnissynode, die zusammentrĂ€te, bedeutete nicht den Austritt aus der Landeskirche. Hier geht es auch nicht um Zweifel an der persönlichen IntegritĂ€t von landeskirchlichen Amtsinhabern, hier steht die AutoritĂ€t von Gottes Wort auf dem Spiel. Eine Bekenntnissynode wĂ€re sowohl geistliche Notmaßnahme wie Provokation aus der Wahrheitsmacht der Heiligen Schrift heraus. Es gibt keine Liebe, die nicht auch verwirft. Eine so verstandene Bekenntnissynode hĂ€tte ihre Wurzel auch nicht in der Spaltkraft die dem Protestantismus von Anfang an innewohnt, sondern mĂŒĂŸte dem ökumenischen Geist Jesu Christi in der Weltchristenheit verpflichtet sein, der den magnus consensus, die große Übereinstimmung sucht. Auch die Widerstand leistenden Sachsen inszenieren nicht einen kirchenpolitischen Machtkampf, sondern stellen im Rahmen dessen, was im Leib Christi immer und ĂŒberall gegolten hat, die Wahrheitsfrage. Erzwingt die Wahrheit, die Christus in Person ist, nicht unausweichlich das Bekennen und damit die eine klare Stimme, die im landeskirchlichen Protestantismus gegenwĂ€rtig nur eine Bekenntnissynode sein kann?

Dr. Dieter MĂŒller

Quelle: Kirchliche Sammlung um Bibel und Bekenntnis, 33. Jahrgang, Nr. 2/2012, Oktober 2012, S. 8-11

 

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Montag 3. Dezember 2012 um 10:47 und abgelegt unter Allgemein, Gemeinde, Kirche, Theologie.