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Licht am dunklen Ort (2 Petr 1,16-21)

Samstag 1. Dezember 2012 von Dr. Joachim Cochlovius


Dr. Joachim Cochlovius

Jeder, der sich noch nicht hat anstecken lassen von der Freude am prophetischen Wort und von der Freude an der Wiederkunft des HERRN, hat in diesem Abschnitt ein großes LernstĂŒck vor sich. Wer das 1. Kapitel im 2. Petrusbrief richtig versteht, der kann gar nicht anders: Er wird hineingenommen in diese gewaltige Perspektive der Wiederkunft unseres HERRN.

Wir bleiben zunĂ€chst beim Zusammenhang. Wichtig sind da vor allem die Verse 3 und 4 des ersten Kapitels. Hier ist die Rede von den „allergrĂ¶ĂŸten Verheißungen“ (ÎŒÎ­ÎłÎčστα áŒÏ€Î±ÎłÎłÎ­Î»ÎŒÎ±Ï„Î±), die uns gegeben sind. Das ist ein seltenes Wort. Die Bibel ist sehr sparsam mit euphorischen Kundgebungen, aber manchmal setzt sie solche Begriffe besonders gern ein. Paulus liebt diese euphorischen und ĂŒberdimensionierten Aussagen. Was signalisieren sie? Da muß man genau hinsehen. Es handelt sich im ersten Kapitel in der Tat um die „allergrĂ¶ĂŸten Verheißungen“, die der Gemeinde Jesu gegeben sind.

NatĂŒrlich sind alle Verheißungen großartig, aber hier haben wir etwas Besonderes vor uns. Spurgeon hat ein Buch geschrieben, das wir wahrscheinlich alle kennen: „Kleinode göttlicher Verheißungen“. Es wĂŒrde uns schwer fallen, in diesem Buch zu unterscheiden zwischen großen und allergrĂ¶ĂŸten Verheißungen. Aber wenn wir den Zusammenhang von 2 Petr 1,16-21 betrachten, merken wir schnell, worauf Petrus hinaus will. Er hat eine Offenbarung Christi empfangen, die ihm signalisiert hat, dass er bald heimgerufen wird (1,14). In dieser Perspektive gesehen, ist der zweite Petrusbrief nicht nur ein Brief, sondern ein Testament, und alles wird ganz tiefgrĂŒndig.

Wenn man die Mitteilung vom HERRN erhalten hat, dass man bald heimgerufen wird, dann konzentriert man sich auf das Wichtigste. Ich hoffe, dass wir alle in unseren letzten Stunden noch so hell im Geiste sind, dass wir uns auf das Wichtigste und letztlich ja auch auf das Schönste bewußt konzentrieren können.

Die allergrĂ¶ĂŸten Verheißungen

Nun gibt uns Petrus also die „allergrĂ¶ĂŸten Verheißungen“ mit auf den Weg. Er sagt: „Durch die Erkenntnis Gottes haben wir Zugang zu den allergrĂ¶ĂŸten Verheißungen“. Er sagt zunĂ€chst noch nicht, worum es geht. Das ist sehr spannungsvoll. Aber man merkt bald, worauf er hinaus will. Es ist die Wirklichkeit von Röm. 8, dem großen Herrlichkeitskapitel, mit seiner Umwertung aller VerhĂ€ltnisse. „Die Leiden dieser Zeit sind nicht vergleichbar gegenĂŒber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll“ (Röm.8,18). Und man denkt an den 1. Petrusbrief gleich am Anfang: Dort lesen wir von der Verheißung des „unverwelklichen und unauslöschlichen Erbes“ (1 Petr 1,4).

Wir fragen: was ist hier gemeint? Was ist das fĂŒr eine Herrlichkeit? Was ist das fĂŒr ein Erbe, auf das wir zugehen? Auch in Römer 8 ist ja von einem Erbe die Rede: „Bist du Kind Gottes, dann bist du auch Erbe“ (Röm 8,17). Wenn man sich in diese zwei Kapitel (Röm 8 und 1 Petr 1) vertieft, sie mit 1.Kor. 15 verbindet und dann dieses Kapitel 2 Petr 1 liest, merkt man, was Petrus sagen will: Es geht um die VerklĂ€rung unserer Leiblichkeit. Es geht um ein ewigkeitliches Anteilbekommen an der Herrlichkeit Gottes. Es geht um einen Leib ohne SĂŒnde, ohne Tod, ohne Krankheit. Es geht um die totale Umwertung aller irdischen Werte und Ranglisten.

Die Apostel haben viel mehr als uns das heute bewusst ist in dieser neuen Rangfolge gelebt. Ihnen war diese neue Leiblichkeit unendlich wichtig. Ich selber bin erst durch Römer 8 und 1 Petr. 1 auf das richtige VerstĂ€ndnis von 2 Petr 1 gestoßen. Hier ist davon die Rede, dass diese „allergrĂ¶ĂŸten Verheißungen“ uns Anteil verschaffen an der „göttlichen Natur“ (1,4). Luther hat diese Stelle geistlich ausgelegt: FĂŒr ihn ist Gottes Natur die Weisheit Gottes, die Kraft, die Vergebung.

Aber dann habe ich mir diese Aussage noch einmal genauer angesehen und festgestellt, dass hier von „physis“ (φύσÎčς) die Rede ist, also von der Leiblichkeit. Hier geht es um eine neue Leiblichkeit. Die göttliche Natur ist nicht nur der göttliche Charakter, sondern wir bekommen Anteil an der unzerstörbaren Herrlichkeit Gottes. Wir bekommen einen neuen Leib. Die Bibel denkt „leibhaft“, wir leider oft nicht. Der Leib kommt unter „ferner liefen“. Interessanterweise gibt es kein Wort „Leibsorge“ – „Seelsorge“ gibt es! Das zeigt, dass wir uns in der christlichen Kirche eine EngfĂŒhrung geleistet haben. Wir denken vorrangig an die Seele. Aber der Mensch hat auch einen Leib. Ein guter Seelsorger muß ein guter Leibsorger sein und umgekehrt.

Es geht also um die physis, es geht um ein Anteilbekommen an der Natur Gottes. Es geht um eine neue Leiblichkeit, nicht nur ohne Krankheit und Tod, sondern vor allen Dingen auch ohne SĂŒnde. Großartig! Ich kann Petrus gut verstehen, wenn er hier von diesen allergrĂ¶ĂŸten Verheißungen redet.

Das Festmachen der Berufung

Wir betrachten nun den Abschnitt 1,5-11. Es liegt Petrus hier nun daran, dass wir, denen diese allergrĂ¶ĂŸten Verheißungen zugesprochen worden sind, auch einen Anteil an ihnen erhalten. Das ist sehr interessant. Es gibt hier keinen Automatismus. Du hast Christus erkannt durch die Gnade Gottes. Aber wenn du jetzt denkst, nun lĂ€uft alles automatisch ab, dann wĂŒrde dich Petrus sofort korrigieren. Er wĂŒrde sagen: „Die Verheißung, die dir zugesprochen worden ist, musst du nun auch festmachen.“ Dieses persönliche Festmachen ist entscheidend.

Wie macht man denn seine eigene Berufung und seine eigene AuserwĂ€hlung fest? Geht das ĂŒberhaupt? Können wir dazu ĂŒberhaupt etwas dazu beitragen? In der lutherischen Tradition wird man eher geneigt zu sagen: Es ist alles Gnade. Du hast ĂŒberhaupt nicht die Möglichkeit, von dir her etwas fest zu klopfen. Aber Petrus denkt hier differenzierter. Wir stellen bei ihm fest: Das Festklopfen der eigenen Berufung und AuserwĂ€hlung geschieht dadurch, dass ich dem Glauben die Regie ĂŒbertrage in meinem Leben. Das ist das Festmachen.

Und damit es nicht nur Theorie bleibt, fĂŒgt Petrus gleich ganz praktische Konkretionen an, wie der Glaube tatsĂ€chlich in unserem Leben in die Regie kommt. NĂ€mlich erstens, indem wir aus dem Glauben heraus göttliche Tugenden zur Entfaltung bringen. Und zweitens, indem wir uns vom Glauben neue Erkenntnisse schaffen lassen.

Als ich 1970 bei Billy Graham zum Glauben kam – am Ende eines langen Theologie- und Philosophiestudiums, bedeutete das fĂŒr mich einen totalen Umbruch. Was ich in 14 Semestern studiert hatte, musste nun alles noch einmal neu bedacht, von neuen Erkenntnissen her gesichtet, relativiert, geprĂŒft oder auch eliminiert werden. So sah das Festmachen fĂŒr mich aus.

Dann spricht Petrus weiter von der Selbstbeherrschung, von der Ausdauer, von der Gottesfurcht, von der Bruderliebe. Und als letzte Steigerung – die Siebenzahl spielt auch hier wieder eine Rolle – spricht er von der Gottesliebe, von der Agape (áŒ€ÎłÎŹÏ€Î·), und damit ist immer auch die Feindesliebe gemeint. Das ist die „Vollkommenheit“ in der Bergpredigt. Die Agape hilft uns, unseren Feind zu lieben und ihm alles nur erdenklich Gute zu gönnen.

Petrus sagt: So machst du deine Berufung fest, indem du dich einĂŒbst in diese sieben Regieanweisungen, die der Glaube in deinem Charakter und in deinem Leben ĂŒbernimmt. Und dann „wirst du einen reichlichen Eingang in die Königsherrschaft Christi haben“ (Vers 11). Dann werden sich nĂ€mlich diese „allergrĂ¶ĂŸten Verheißungen“ in vollem Umfang in deinem Leben erfĂŒllen.

Glaube und Liebe – das ein unsichtbares Kreuzeszeichen, das vor uns erscheint. Wir finden es in allen apostolischen Briefen. Der Glaube wird gefördert und gefordert – das ist die Bewegung nach oben, die Vertikale. Zur Liebe wird ermahnt – das ist die Bewegung zum NĂ€chsten, das ist die Horizontale. Es entsteht ein Kreuzeszeichen. Am deutlichsten sehen wir das in den ersten 11 Kapiteln im Römerbrief: Hier wird der Glaube konstituiert, ausgerichtet und mit Inhalt gefĂŒllt. Ab Kapitel 12 redet Paulus dann von der Liebe.

Das ist das große Programm der Christen, auch das große Programm jeder einzelnen Gemeinde. Im 1. Timotheus-Brief ist es genau so. In Kapitel 3 lesen wir die Darlegungen fĂŒr die Gemeindeleiter: Sie mĂŒssen sich um die Glaubensdinge kĂŒmmern. Danach folgen die Anleitungen fĂŒr Diakone und Diakonissen. Sie mĂŒssen dafĂŒr sorgen, dass Liebe in dieser Gemeinde praktiziert wird und sich multipliziert. So wird die Berufung der Christen festgemacht.

Erweckung durch Erinnerung

Wir betrachten nun die Verse 12 bis 15. Hier kommt ein Wort, das mir sehr gelĂ€ufig ist. Wenn man 16 Jahre Mitarbeiter von Heinrich Kemner in Krelingen war, kennt man den Begriff der Erweckung. Paulus und Petrus wissen viel von Erweckung. Hier redet Petrus von seinem großen Anliegen. „Ich will euch erwecken“, aber nun nicht durch eine neue Predigt oder neue Inhalte, sondern durch Erinnerung. Das ist eine interessante Wortkombination: „Ich will euch erwecken durch Erinnerung.“

Erinnerungen können erwecken, wenn sie richtig verstanden werden. JĂŒdische Feste sind Erinnerungsfeste. Das deutsche Wort bringt uns auf die Spur: „Er-innern“. Hier wird etwas zum persönlichen Eigentum gemacht. Wenn die Juden ihr LaubhĂŒttenfest feiern, dann machen sie ein Geschehen in ihrem Inneren fest. Unser Abendmahl ist eine Er-innerungs-Handlung. Da wird ein historisches Geschehen geistlich in unser Inneres verpflanzt durch den Glauben. Wir werden gleichzeitig mit Christus am Kreuz. Er wird gleichzeitig mit uns.

Es ist großartig zu sehen, wie Petrus hier zum Erweckungsprediger wird. „Wenn ich abgeschieden bin, dann möchte ich, dass allezeit diese Erinnerung in euch lebendig bleibt“, und das heißt mit anderen Worten, dass diese allergrĂ¶ĂŸten Verheißungen euer Leben bestimmen. Man sollte jeden Tag ĂŒber sein Sterben nachdenken und diese Gedanken nicht wegschieben, sondern sie im Gegenteil fördern und den HERRN bitten: „HERR, mach diese allergrĂ¶ĂŸten Verheißungen in mir so fest, dass ich gar nicht mehr anders kann als mich auf meinen Tod freuen und auf das, was dann kommt!“

Das ist natĂŒrlich ein Vorteil der Pfarrer. Sie lernen Menschen am Sterbebett kennen. Ich habe manche kennengelernt, die sterben konnten. Meine erste Erinnerung an ein solches Erlebnis geht nach Erlangen zurĂŒck. Da war ich junger Vikar. Ich wurde zu einem sterbenden Mann gerufen. Ich war innerlich angespannt, ob ich diese Situation wohl meistern könne. Ich werde in das Schlafzimmer gefĂŒhrt und sehe dort den Mann liegen. Da richtet er sich mit letzter Kraft auf und sagt: „Wie schön, der neue Vikar. Wissen Sie, ich kann mir gut vorstellen, wie es Ihnen jetzt geht. Und ob Sie das auf der UniversitĂ€t gelernt haben, mit einem sterbenden Menschen umzugehen, wohl eher nicht. Aber ich habe alles schon vorbereitet. Sehen Sie, hier ist das Stark’sche Gebetsbuch. Da habe ich auf dieser Seite mein Sterbegebet. Hier ist mein Gesangbuch, und hier habe ich den Bibeltext. Das können Sie mir jetzt alles vortragen. Darauf freue ich mich. Und dann feiern wir zusammen das Abendmahl. Und wissen Sie: Ich kann sterben!“ Es ist schön, wenn man so etwas erleben kann.

Genau das will Petrus hier tatsĂ€chlich erreichen. Paulus sagt es etwas anders in 1 Thess. 4,18: „Tröstet euch mit den Verheißungen der EntrĂŒckung. Denn ihr habt eine lebendige Hoffnung, anders als die, die keine Hoffnung haben.“

Der wiederkommende Christus auf dem VerklÀrungsberg

Damit sind wir bei dem zentralen Text angekommen: die Verse 16 bis 18. Wir erhalten eine AufklĂ€rung, wann die ewige Königsherrschaft Christi eintritt. Das ist fĂŒr die Gemeinden, an die Petrus schreibt, ĂŒberhaupt nichts Neues. Er bezieht sich ja auf die Predigt, die sie oft gehört hatten: „Denn wir sind nicht schlauen Mythen gefolgt, als wir euch kundgetan haben die Kraft und das Kommen unseres HERRN Jesus Christus.“ Sie wussten das alles. Hier geht es um Er-Innerung im eigentlichen Sinne des Wortes. Sie wussten, dass diese Verheißungen eintreten, wenn Christus wiederkommt.

Nun nimmt die Argumentation eine ĂŒberraschende Wendung. Es kommt eine unerhörte BekrĂ€ftigung der ursprĂŒnglichen Predigt, die Petrus diesen Gemeinden ja schon lĂ€ngst gegeben hat. Er sagt: Wenn ich von der Wiederkunft des HERRN spreche, dann ist das kein schlauer Mythos, also keine von Menschen ausgedachte GöttererzĂ€hlung. Im Urtext ist hier von Mythen (ÎŒÏÎžÎżÎč) die Rede. Es ist eben keine Sehnsuchtsmelodie, kein Wunschprogramm, kein Weltuntergangsszenario. Die Wiederkunft ist ein absolutes Faktum. Und jetzt kommt das Überraschende: Er gibt einen Beweis: „Denn wir haben seine Herrlichkeit gesehen.“ Im Urtext steht: „Wir sind Augenzeugen“ (ጐπόπταÎč). Da fragt man gleich zurĂŒck: Augenzeugen der Auferstehung? Augenzeugen der Wiederkunft? Wie geht denn das?

Aber genau darum geht es! Petrus hat den wiederkommenden Herrn geschaut. Wann war das? Auf dem Berg der VerklĂ€rung! Das muß ich jetzt natĂŒrlich erlĂ€utern.

Da ging es nicht nur um die Herrlichkeit des verklĂ€rten Leibes Christi. Dieses Geheimnis hĂ€tte Christus ihnen auch bei einer anderen Gelegenheit zeigen können. Hier ging um unendlich mehr als nur um einen Eindruck von der Herrlichkeit Christi. Hier ging es um die Wiederkunft des HERRN. „Berg“ – das wissen wir – ist in der Heiligen Schrift meistens ein Offenbarungsort. Denken wir an den Sinai, den Berg der Bergpredigt und an den VerklĂ€rungsberg. Arnold Fruchtenbaum hat gemeint, das sei der Hermon gewesen, aber darum geht es jetzt hier nicht. Es geht darum, uns dieses Geschehen auf dem VerklĂ€rungsberg noch einmal vor Augen zu stellen.

Was ist auf diesem Berg geschehen? In der Lukas-Fassung (9,31) heißt es: „Sie redeten ĂŒber den Ausgang, den er in Jerusalem haben sollte.“ Das klingt sehr geheimnisvoll. Beim oberflĂ€chlichen Lesen wird man wahrscheinlich an die Kreuzigung und das ganze Geschehen um Golgatha denken. Aber es geht hier um mehr. Das wird uns gleich deutlich werden. Petrus gibt uns eine Stimme Gottes weiter, und die Stimme Gottes erweist Christus eine ganz besondere Ehrerbietung: „Ehre und Preis“ (τÎčΌᜎ Îșα᜶ ΎόΟα). Und wer die Offenbarung ein wenig kennt, der weiß, dass das dieselben Begriffe sind, die dem Lamm zukommen und zugesprochen werden. In Offb 5 lesen wir das gleiche: „Herrlichkeit und Ehre“ (Offb 5,12).

Worin besteht die Ehre, die dem Lamm zugesprochen wird? Sie besteht darin, dass dieses Lamm fĂŒr wĂŒrdig befunden wird, die siebenfach versiegelte Rolle zu öffnen. Was war das fĂŒr eine Rolle? Das war die Proklamationsurkunde Christi. Sie setzt ihn ein zum König ĂŒber Zeit und Ewigkeit, ĂŒber die sichtbare und unsichtbare Welt. Das steht auf dieser Schriftrolle. Und wenn die sieben Siegel geöffnet, entsiegelt sind, dann öffnet sich die Rolle. Dann kann man lesen: „Wer diese Rolle in der Hand hat, ist eingesetzt zum ewigen König.“ Man kann eigentlich nur von der Offenbarung her recht deuten, was hier auf dem VerklĂ€rungsberg geschah.

Aber wir mĂŒssen noch weiter gehen. Was hat denn der HERR dort mit Mose und Elia gesprochen? Wir wollen wir uns vor Spekulationen hĂŒten. Aus dem bloßen Bericht, dass er mit Mose und Elia gesprochen hat, lĂ€sst sich noch kein Inhalt erheben. Auch die kleine Andeutung im Lukasevangelium (Luk 9,31) reicht nicht. Dass er ĂŒber den „Ausgang“, den er in Jerusalem haben sollte, gesprochen hat, das ist sehr offen und mehrdeutig formuliert und hilft noch nicht recht weiter.

Die Bibel muß aus der Bibel erklĂ€rt werden. Hier hilft das letzte Buch der Bibel weiter. Denn Mose und Elia spielen eine entscheidende Rolle im endgeschichtlichen Zusammenhang. Das sind die zwei Zeugen, angetan mit TrauergewĂ€ndern, von denen im 11. Kapitel berichtet wird. Sie haben die unmittelbar bevorstehende Wiederkunft Christi zu verkĂŒndigen, unabhĂ€ngig davon, ob das einer glaubt oder nicht. Sie sind berufen, ihren Dienst zu tun. Und in dem Moment, in dem der falsche Christus (der „Pseudo-Messias“ oder „Anti-Christus“) seine Maskerade ablegen und aus dem Abgrund hervorsteigen wird, da wird er als erstes die zwei Zeugen umbringen. Das ist eines der rĂ€tselhaften Geschehnisse der Offenbarung. Dreieinhalb Tage liegen sie dort, danach werden sie in den Himmel geholt. Ich beteilige mich ĂŒbrigens nicht an Spekulationen darĂŒber, aus welcher NationalitĂ€t der Antichrist kommen könnte. Warum nicht? Weil es nach meiner Erkenntnis ĂŒberhaupt nicht um NationalitĂ€ten geht. Der Anti-Christus kommt aus dem Abgrund, also von dort, wo die DĂ€monen wohnen. Er ist ein DĂ€mon!

Wenn wir den VerklĂ€rungsberg von der Offenbarung her auslegen, dann wird alles griffig und verstĂ€ndlich. Dann verstehen wir auch Petrus hier, weshalb er ausgerechnet auf dieses Geschehen auf dem VerklĂ€rungsberg hinweist. Er hat auf dem Berg den wiederkommenden HERRN gesehen, und das bezeugt er. Als Johannes in Offb 1 diese majestĂ€tische Christusgestalt plötzlich vor Augen bekommt und zu Boden stĂŒrzt, war dieser Anblick fĂŒr ihn nichts absolut Neues. Denn er hatte diesen wiederkommenden Christus, der als Richter wiederkommen wird, auf dem VerklĂ€rungsberg genau so schon gesehen.

Warum schildert nun Petrus dieses Geschehen so intensiv, obwohl er doch eigentlich von den „allergrĂ¶ĂŸten Verheißungen“ reden will? Weil diese allergrĂ¶ĂŸten Verheißungen vom wiederkommenden Christus eingelöst werden. Deswegen ist unsere Hoffnung als Gemeinde Jesu auf die EntrĂŒckung ganz eng verknĂŒpft mit der Fundamentaltatsache der Wiederkunft des HERRN.

Die BekrĂ€ftigung der Verheißung

Wir gehen jetzt noch etwas weiter. Petrus kommt erneut auf diese Verheißungen zu sprechen. Er wendet nun seinen Blick weg vom VerklĂ€rungsberg-Geschehen hin zur Heiligen Schrift, in der er diese allergrĂ¶ĂŸten Verheißungen ausgesprochen sieht. Er sagt zeugnishaft, dass ihm diese Verheißungen nun viel gewisser geworden, seitdem er den wiederkommenden Christus auf dem VerklĂ€rungsberg gesehen hat. Dass Christus wiederkommen wird, das wusste er schon lĂ€ngst. Aber nun den wiederkommenden Christus selbst gesehen zu haben, das macht ihm diese Verheißung völlig sicher, fest, gewiß, unumstĂ¶ĂŸlich. Das wird ihm niemand jemals wieder nehmen können.

Es ist ja schon großartig, wenn man Zusagen erhĂ€lt von vertrauenswĂŒrdigen Menschen. Dass mir meine Frau vor 47 Jahren versprochen hat, dass sie mir lebenslang die Treue hĂ€lt, das war damals eine große Sache. Aber dass sie mir nun tatsĂ€chlich die Treue ĂŒber diese ganze Zeit gehalten hat, dass sie also ihre Zusage von damals bestĂ€tigt hat, das ist natĂŒrlich etwas ganz besonders Schönes. Ich hoffe, dass wir alle Menschen kennen, die uns Zusagen gegeben haben, die nicht nur Schall und Rauch sind, sondern die das dann auch bekrĂ€ftigt haben in ihrem Leben.

Die Verheißung der Wiederkunft wurde hier in unerhörter Weise bekrĂ€ftigt. „Das prophetische Wort ist uns desto gewisser geworden“ (1,19). Eine stĂ€rkere BekrĂ€ftigung der Wiederkunft Christi gibt es nicht als das, was da auf dem VerklĂ€rungsberg geschehen ist.

Der schmutzige Ort

Aber nun bleibt Petrus nicht stehen bei diesem persönlichen Erlebnis. Er sagt: „Ihr tut gut daran, dem prophetischen Wort absolut zu vertrauen“ (1,19). Und damit sind nun wir ganz direkt gemeint. Jetzt folgt die Anleitung und die Ermahnung: „Achtet auf die Verheißungen und Weissagungen wie auf eine Leuchte an dunklen Orten“.

Im Urtext heißt es eigentlich nicht „dunkel“, sondern „schmutzig“, also an dreckigen PlĂ€tzen. Jetzt wird Petrus sehr diagnostisch. Was ist damit gemeint? Es gibt verschiedene Auslegungen, aber ich habe mich fĂŒr diese Auslegung entschieden, dass er hier ganz grundsĂ€tzlich und global spricht. Die Welt ist ein dunkler, schmutziger Ort fĂŒr Christen: Ohne Leuchte, voller Gefahren, voller Klippen und Hindernisse. Wir haben eigentlich keine Chance, da durchzukommen. Die 50 Helden von Fukushima in Japan, die ohne Stromversorgung in den havarierten KernkraftgebĂ€uden versuchten, erste AufrĂ€umarbeiten zu leisten, hatten nur eine Taschenlampe. Was wĂ€ren sie ohne Taschenlampe gewesen!

Wir haben keine Chance, ohne göttliche Leuchte durch den schmutzigen und verdreckten Ort  durchzukommen, der unsere Welt nun einmal ist. Das mĂŒssen wir uns immer neu klarmachen. Ich will keine Eulen nach Athen tragen. Wir leben in einem Weltzustand, der voll ist von sexueller Perversion, voller Missachtung des ungeborenen Lebens und voller Okkultismus in unendlich vielen Gestalten.

Ich bin zusammen mit meiner Frau seit vielen Jahren in der Eheseelsorge tĂ€tig. Neulich war ein Paar bei uns, bei dem die Ehe ĂŒberhaupt nicht mehr funktionierte. Wir wussten gar nicht mehr, was wir noch ansprechen könnten. Auf einmal fiel mir ein zu fragen: „Liegt vielleicht bei Ihnen eine Belastung vor?“ Und da sprudelte es geradezu heraus: „Ja, wenn Sie das meinen! Meine Mutter hat Zeit ihres Lebens Karten gelegt.“ – „Ja, in der Tat – das ist es! Warum haben Sie das nicht eher gesagt! Okkultbelastung. Da brauchen Sie sich nicht zu wundern, was Sie da  fĂŒr Lasten durch das Leben schleppen. Sind Sie bereit und willens, das erst einmal abzulegen und ans Kreuz Christi zu tragen? Und dann reden wir weiter.“ Daraufhin haben wir erst einmal gebetet. Diese Okkultverseuchung in unserem Land ist ganz erstaunlich und erschreckend.

Das ist der schmutzige Ort, und durch den kommen wir alleine nicht durch. Wir brauchen die Verheißungen Gottes im Wort Gottes. Das ist der seelsorgerliche Aspekt von 2 Petr 1,16-21. Ohne die Verheißungen gehen wir kaputt. Die „Kleinode göttlicher Verheißungen“ von Spurgeon habe ich schon genannt. Wir sollten dieses Buch immer wieder einmal als JahreslektĂŒre fĂŒr unsere Andacht wĂ€hlen. Unser Glaube braucht Verheißungen. Es gibt heute viele Tendenzen in Kirche und Gemeinde, wo die Christen vom Verheißungsglauben zum Erfahrungsglauben hingelenkt werden, manchmal ohne daß sie es merken. Dann wird’s immer schwierig. Unser Glaube ist ein Verheißungsglaube, und deswegen brauchen wir Verheißungen!

Ich bin so dankbar fĂŒr meinen Konfirmationsspruch: „Die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit FlĂŒgeln wie Adler“ (Jes 40,31). Den ergreife ich mir immer wieder neu. Das ist fĂŒr mich UnterstĂŒtzung, Grundlage, Ausrichtung, Ziel – nicht nur, wenn ich kraftlos bin. Wir alle brauchen Verheißungen, und wir brauchen sie immer wieder neu.

Bis der Tag anbricht

Und nun der endgeschichtliche Aspekt: „Achtet auf diese Verheißungen, bis der Tag anbricht und der Morgenstern in euren Herzen aufgeht“ (V.19). Das kann man verschieden auslegen, aber im Blick auf Röm 13,13 meine ich, dass es hier um nichts anders geht als um die Wiederkunft Christi. Der Morgenstern kann nur Christus sein (Offb 22,16). Dass er aufgeht in unseren Herzen, das kann ja nur eine Beschreibung dieses großartigen VerklĂ€rungsgeschehens sein, das dann geschieht, wenn er kommt, uns heimholt und sich mit seiner verklĂ€rten Leiblichkeit in uns verklĂ€rt und uns sich selbst Ă€hnlich macht.

Ein kurzer Ausflug zu Phil 3: „Unser BĂŒrgerrecht ist im Himmel (V. 20ff), woher wir auch erwarten den Heiland, den HERRN Jesus Christus, der unsern nichtigen Leib verwandeln wird, dass er gleich werde seinem verherrlichten Leibe nach der Kraft, mit der er sich alle Dinge untertan machen kann.“ (Phil 3,20ff).

Dieses Aufgehen des Morgensterns in unseren Herzen scheint mir eine wunderschöne bildhafte Beschreibung dieses großen endgeschichtlichen VerklĂ€rungs- und Umwandlungsgeschehens zu sein. Das wird im Bruchteil einer Sekunde geschehen, wenn Christus wiederkommt und seine Gemeinde zu sich holt. Er holt sie aus den GrĂ€bern heraus – das ist kein Problem fĂŒr ihn. Und wenn sie bei irgendwelchen Atomangriffen umgekommen und in alle Winde zerstĂ€ubt sind und keine materielle Substanz mehr da ist – das alles ist kein Problem fĂŒr Gott. Denn jeder Mensch ist ein Gedanke Gottes. Bildhaft gesprochen: Gott erinnert sich kurz, und dann ist der Mensch wieder da. Auch die abgetriebenen Kinder – alle sind sie wieder da bei Gott! Das ist fĂŒr mich der einzige Trost in dieser entsetzlichen Mörderwerkstatt unserer KrankenhĂ€user.

Achtet auf die Verheißungen Gottes – ihr kommt sonst nicht durch! Und achtet solange darauf, bis dieser große Tag kommt und Christus sich in euren Herzen verklĂ€rt. Dann habt ihr es geschafft, und dann habt ihr den schmutzigen Ort hinter euch gelassen. Man darf natĂŒrlich nun nicht daraus die Konsequenz ableiten, dass diese Welt fĂŒr uns ĂŒberhaupt nichts anderes zu bieten hĂ€tte als Schmutz. Ich hoffe nicht, dass einer auf diese Idee kommt. Sie ist ja nach wie vor wunderschön, trotz SĂŒndenfallstatus. Aber geistlich gesehen ist sie verschmutzt. Deswegen gibt es ja einen neuen Himmel und eine neue Erde, weil diese mit SĂŒnde durchtrĂ€nkte Erde und der mit teuflischer DĂ€monie gefĂŒllte Himmel keinen Bestand haben können in der Ewigkeit. Sie mĂŒssen erneuert werden. Deswegen redet die Bibel von einem neuen Himmel und einer neuen Erde.

Der Heilige Geist öffnet uns das VerstĂ€ndnis der Verheißungen

Ich komme zum Schluß. Wir sind bei den letzten Versen 20 und 21. Achtet auf die Verheißungen! Aber bitte bedenkt dabei, dass ihr es tatsĂ€chlich mit dem Wort des lebendigen Gottes zu tun habt, das er durch den Heiligen Geist Menschen eingegeben hat. Ihr habt darum keine Chance, mit euren Begriffen, mit eurer Erfahrung und mit eurem Intellekt die Dimensionen dieser Verheißungen auszuloten. Das geht nicht. Ich musste das schmerzhaft lernen. Ich habe historisch-kritisch studiert. Es war ein Umdenkprozess sondergleichen, bis ich nicht mehr versuchte, mit meinem kleinen Intellekt die Verheißungen Gottes zu verstehen und bis Gott mir durch den Heiligen Geist tatsĂ€chlich die TiefgrĂŒndigkeiten und die MehrdimensionalitĂ€t auch gerade der Prophetie immer wieder neu gezeigt hat.

Ich werde eine Szene nie vergessen. Als junger Pfarrer in Oberfranken besuchte ich einen 80-jĂ€hrigen zum Geburtstag. Er hat mich auf die Spur des prophetischen Wortes gebracht. Ich wunderte mich, als ich zu ihm hineinkam. Der ganze Tisch war leergerĂ€umt, die ganzen Blumen und alle anderen Geschenke waren an den Rand gerĂŒckt. Vor ihm lagen die Bibel und ein Kommentar zur Johannes-Offenbarung. Eigentlich wollte ich nur einen kurzen Besuch machen. Aber daraus wurde die Lektion meines Lebens, wie ein 80-jĂ€hriger mir sagte: „Herr Pfarrer, dieses Wort brauchen Sie, wenn Sie durchkommen wollen in unserer Zeit!“

Dann habe ich einen Jugendkreis gegrĂŒndet. Weil kein anderer Abend mehr frei war, wĂ€hlte ich den Samstagabend. Daraufhin meinten alle, dass am Wochenende niemand kommen wĂŒrde. Es kamen drei Jugendliche, und wir einigten uns schnell: „Wir lesen die Johannes-Offenbarung.“ Zwei Jahre war ich dort noch Pfarrer, bis mich Heinrich Kemner nach Krelingen holte. In diesen zwei Jahren wuchs der Kreis auf 25 Personen. Wir lasen in dieser Zeit die ersten 12 Kapitel der Offenbarung. Das Meiste haben wir nicht verstanden. Und doch wurden wir sehr gesegnet, bis heute! Aus diesem Kreis sind Pfarrer und BibelschĂŒler und andere erwachsen, die jetzt noch geistliche StĂŒtzen dieser Gemeinde sind!

Gehen wir also nicht mit dem eigenen Intellekt an die göttlichen Verheißungen heran, sondern lassen wir uns beschenken vom Heiligen Geist. Der Heilige Geist gibt uns meistens nicht, was wir wollen – das wollen wir festhalten. Der Heilige Geist gibt uns das, was wir brauchen. Das sagen wir in unseren Eheseminaren. Viele Frauen wissen nicht, was in dem Begriff Hilfe steckt. Eine Frau ist ja Hilfe fĂŒr ihren Mann (nach 1 Mose 2,18). Die meisten Frauen denken: „Wenn ich meinem Mann das gebe, was er will, dann bin ich ihm eine Hilfe.“ Und wir sagen dann immer: „Nein! Sie mĂŒssen Ihrem Mann das geben, was er braucht! Erst dann sind Sie ihm eine Hilfe. Und dafĂŒr mĂŒssen Sie erst einmal beten, damit Gott Ihnen das zeigt!“

So ist es mit dem Heiligen Geist ebenfalls. Er gibt uns das, was wir brauchen. Er gibt uns nur das Beste. Er ist unser bester Seelsorger.

Vortrag auf der Propheticon-Konferenz Kassel, MĂ€rz 2011

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Samstag 1. Dezember 2012 um 9:00 und abgelegt unter Predigten / Andachten.