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Die ganze Theologie auf einem Bogen Papier

Donnerstag 28. Juni 2012 von Prof. Dr. Peter Brunner (1900-1981)


Die ganze Theologie auf einem Bogen Papier

Graf Zinzendorf hat einmal gesagt, man mĂŒsse die ganze Theologie mit großen Buchstaben auf ein Oktavblatt schreiben können. Was ĂŒber den Inhalt unseres christlichen Glaubens zu lehren ist, muss sich in der Tat in wenigen SĂ€tzen zusammenfassen lassen. Martin Luther hat uns in seiner Auslegung der drei Artikel unseres christlichen Glaubens eine solche kurze Zusammenfassung geschenkt, deren Inhalt fĂŒr alle Zeiten in der christlichen Kirche eine vorbildliche und verpflichtende Bedeutung behalten wird. Doch wird jede Generation die Aufgabe haben, diese unauflöslichen Elemente des christlichen Glaubens auf Grund der Heiligen Schrift und in Übereinstimmung mit dem Bekenntnis der VĂ€ter auch mit eigenen Worten und nach dem Maße der geschenkten Einsicht und Gewissheit auszusprechen. Bei dem Versuche, solche Einsicht und Gewissheit in wenigen SĂ€tzen zusammenzufassen, wird sich herausstellen, was tatsĂ€chlich zu unserem inneren geistlichen Besitz geworden ist.

Die folgenden SĂ€tze sind das Ergebnis eines Versuches, auf einem Bogen Papier zusammengefasst das niederzuschreiben, was durch das uns verkĂŒndigte Evangelium zu den Grundpfeilern unseres Glaubens geworden ist. Keiner dieser SĂ€tze kann bewiesen werden. Darum steht ĂŒber jedem Satz: „Ich glaube.“ Der Aussage „Ich glaube“ kommt aber eine Gewissheit zu, die es sonst in der Welt nicht gibt. Dieses Vorzeichen „Ich glaube“ bringt zum Ausdruck, dass der Inhalt dieser SĂ€tze von mir, von der Existenzgrundlage meiner Person, nicht mehr abgelöst werden kann. Es ist kein Zufall, dass in jedem Absatz „Ich“ oder „Wir“ vorkommt, obwohl in diesen SĂ€tzen auch von Ereignissen gesprochen wird, die lange vor meinem Geburtstag geschehen sind und wahrscheinlich erst lange nach meinem Todestag geschehen werden. Aber dies ist das Geheimnis des christlichen Glaubens, dass ich selbst jetzt und hier von diesem Geschehen, das sich da außerhalb meines Lebens zugetragen hat und zutragen wird, in einer sehr konkreten Weise betroffen bin. Von dieser Geschichte außer mir – sie beginnt mit der Erschaffung der Welt, sie ist zusammengefasst in dem einen Namen Jesus Christus, sie kommt an ihr Ende in der Auferstehung von den Toten – von dieser Geschichte bin ich mit allem, was ich bin, so umfasst, dass durch sie das Urteil ĂŒber

Leben und Tod ĂŒber mich ergeht. Doch genug der Vorworte! Hier folgt der Bogen Papier, auf dem m.E. ‚die ganze Theologie‘ geschrieben steht. Der Leser prĂŒfe sich und frage sich, ob er sich selbst zusammen mit dem Schreiber dort wiederfindet, wo etwas von ‚mir‘ und ĂŒber ‚mich‘ ausgesagt wird.

I. Ich glaube: Gott der Vater hat mich und alles, was ist, durch seinen Sohn, der von Ewigkeit vor aller Welt beim Vater ist, erschaffen und mich mit allen Menschen und Engeln in seinem Sohn zu einer durch den Heiligen Geist vermittelten Gemeinschaft mit sich bestimmt und zur Teilhabe an seinem eigenen ewigen Leben ausersehen.

II. Ich glaube: Infolge des SĂŒndenfalles bin ich mit allen Menschen schon mit der Geburt unter die Herrschaft der SĂŒnde, des Todes und des Teufels getreten. Ich habe mich von Gott in Feindschaft abgewandt. Ich kann mit meinen eigenen KrĂ€ften seine Gebote nicht erfĂŒllen. In der Verfassung, in der ich geboren bin, bin ich notwendig und dennoch schuldhaft ein SĂŒnder, der unter Gottes Zorn steht. Daher bin ich im Gericht Gottes verloren, verdammt und tot in Ewigkeit, wenn mir nicht Rettung kommt von woanders her.

III. Ich glaube: Damit mir und allen Menschen Rettung widerfahren könne, erhĂ€lt Gott mich und alle Menschen in seiner Langmut trotz SĂŒnde und Schuld leiblich und geistig in diesem irdischen Leben.

IV. Ich glaube: Die Rettung aus Verlorenheit, Verdammnis und ewigem Tod ist fĂŒr mich und alle Menschen gekommen in Jesus Christus, der wahrhaftiger Gott ist, vom Vater vor alter Zeit in Ewigkeit geboren, der um unserer Rettung willen auf die Erde gekommen, auch als wirklicher Mensch geboren und in allem uns Menschen gleichgeworden ist – doch ohne SĂŒnde. Er hat nach dem Willen des Vaters in freier Hingabe Gottes Zorn und Gericht in seinem Leiden und Sterben erduldet, die Herrschaft von SĂŒnde, Tod und Teufel zerbrochen und aus Tod und Grab heraus in seiner Auferstehung ein neues, unzerstörbares Leben ans Licht gebracht, das allein und in Wahrheit Leben ist und ewig wĂ€hrt.

V. Ich glaube: Jesus Christus hat in der Vollmacht Gottes die VerkĂŒndigung seines Evangeliums, die heilige Taufe und sein heiliges Mahl als die rettenden Machtmittel eingesetzt, durch die er uns in das Heilsereignis seines einmaligen Sterbens und Auferstehens hineinnimmt, uns der Herrschaft der finsteren MĂ€chte entreißt und uns der von ihm gewirkten Erlösung teilhaftig macht, wenn wir das Evangelium und die Sakramente in dem Glauben empfangen, den der Heilige Geist selbst durch das Evangelium und die Sakramente in uns wirkt. Die Gemeinschaft derer, die das Evangelium und die Sakramente im Glauben empfangen, ist die eine, heilige, unzerstörbare Kirche Gottes auf Erden.

VI. Ich glaube: Ich bin kraft der Wirkung des Evangeliums und der Sakramente Jesu Christi Eigentum durch den Glauben und von Gott um Jesu Christi willen von allen meinen SĂŒnden freigesprochen, fĂŒr gerecht erklĂ€rt und durch solchen lebenschaffenden Freispruch in Wahrheit gerecht gemacht. Obwohl ich tĂ€glich noch viel sĂŒndige und bis zu meinem Tode auf die gnĂ€dige Vergebung meiner SĂŒnden angewiesen bleibe, glaube ich doch zuversichtlich, dass ich nicht mehr notwendig sĂŒndigen muss, sondern anfangen darf, aus der Kraft des geistgewirkten neuen Lebens heraus Gottes Gebote in einem neuen Gehorsam gern und fröhlich zu erfĂŒllen, wenn auch in großer Schwachheit und Gebrechlichkeit.

VII. Ich glaube: Jesus Christus wird in Herrlichkeit wiederkommen. Dann muss ich mit allen Menschen, die gelebt haben und noch leben werden, in der Auferstehung von den Toten vor seinem Richterthron offenbar werden. Dann wird er zwischen den UnglĂ€ubigen, die die Gabe seines Heils verworfen haben, und seinen GlĂ€ubigen endgĂŒltig scheiden. Die, die er als UnglĂ€ubige erkennt, bleiben unter dem Zorn Gottes in ewigem Tod und in ewiger Pein. In denen aber, die er als seine GlĂ€ubigen erkennt, wird der Heilige Geist sein umschaffendes Werk zusammen mit der Neuschöpfung von Himmel und Erde vollenden zu ewiger Seligkeit. Dann wird Gott sein alles in allem.

Peter Brunner, 21. Mai 1950

Quelle: Kirche und Gemeinde. Evangelisches Sonntagsblatt fĂŒr Baden (1950)

 

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Donnerstag 28. Juni 2012 um 8:53 und abgelegt unter Allgemein.