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Die dunkle Seite der Kindheit

Donnerstag 21. Juni 2012 von Dr. med. Rainer Böhm


Dr. med. Rainer Böhm

Die dunkle Seite der Kindheit

Kleinkinder dauerhaftem Stress auszusetzen, ist unethisch, verstößt gegen Menschenrecht, macht akut und chronisch krank. Dieses Wissen hindert die Bundesregierung und Wirtschaftsverbände nicht daran, die Erhöhung der Zahl der außerfamiliären Betreuungsplätze zum Ausweis moderner Familienpolitik zu stilisieren. Eine Analyse der Risiken und Nebenwirkungen der deutschen Krippenoffensive.

Geht es nach der Bundesministerin Kristina Schr√∂der (CDU), dann wird es im kommenden Jahr in Deutschland 750 000 Betreuungspl√§tze f√ľr Kinder unter drei Jahren geben, die meisten davon in Krippen. Dieses Ziel der Familienpolitik ist ehrgeizig: Bezogen auf drei Geburtsjahrg√§nge, entspr√§che die Vorgabe der Bundesregierung einer au√üerfamili√§ren Betreuungsquote von 47 Prozent. Verteilte man Pl√§tze auf nur auf Ein- und Zweij√§hrige, dann betr√ľge die Quote ann√§hernd 70 Prozent.

Soll das Lebensumfeld der Kleinstkinder derart einschneidend ver√§ndert werden, ist eine hohe Sensibilit√§t bei der Planung und der Einf√ľhrung des nahezu fl√§chendeckenden Angebots an Betreuungsm√∂glichkeiten unabdingbar. Doch auch damit ist es noch nicht getan. Ebenso unabdingbar ist es, die gesetzlichen Vorgaben an dem jeweils aktuellen Stand der psychologischen, medizinischen und anthropologischen Forschung auszurichten. In dieser Hinsicht sind den politischen Entscheidungstr√§gern schwerwiegende Vers√§umnisse vorzuwerfen.

Im Kreis der Industrienationen ist Deutschland, zumindest in den Grenzen der alten Bundesrepublik, in Bezug auf au√üerfamili√§re Betreuung eher ein Nachz√ľgler. Diese Position bietet aber auch die Chance, Fehler zu vermeiden, die andere gemacht haben. Es lohnt sich also, einen Blick ins Ausland zu werfen, etwa in die Vereinigten Staaten und damit in ein Land, das einer der Vorreiter auf dem Feld der au√üerfamili√§ren Kinderbetreuung ist.

Dort haben die Globalisierung und eine staatlich tolerierte, zunehmende Ungleichheit der Erwerbseinkommen dazu gef√ľhrt, dass aufgrund √∂konomischer Zw√§nge der Doppelverdienerhaushalt seit den achtziger Jahren zur Regel geworden ist. Parallel dazu die Nachfrage nach einem System umfassender Kinderbetreuung bis herab zum S√§uglingsalter. Inzwischen ist ‚Äědaycare‚Äú, die Tagesbetreuung f√ľr S√§uglinge und Kinder von null bis vier Jahren, zusammen mit ‚Äěpreschool‚Äú und ‚Äěkindergarten‚Äú der Regelfall.

Indes entbrannte in den Vereinigten Staaten gleichfalls in den achtziger Jahren eine Debatte √ľber die Frage, ob kleine Kinder in diesem grundlegend ver√§nderten Umfeld nicht wom√∂glich Schaden n√§hmen. Wissenschaftliche Untersuchungen erbrachten zun√§chst uneinheitliche Ergebnisse. F√ľr Unruhe sorgte die L√§ngsschnittstudie des Entwicklungs¬≠psychologen Thomas Achenbach (Universit√§t Vermont), der an mehr als 3000 Sch√ľlern einen deutlichen R√ľckgang sozioemotionaler Kompetenzen feststellte. Im Vergleich zu den Siebziger Jahren waren amerikanische Kinder 15 Jahre sp√§ter verschlossener, m√ľrrischer, ungl√ľcklicher, √§ngstlicher, depressiver, aufbrausender, unkonzentrierter, fahriger, aggressiver und h√§ufiger straff√§llig. Sie zeigten bei 42 Verhaltensindikatoren schlechtere Ergebnisse, bei keinem Kriterium schnitten sie besser ab.

Um diese auch als ‚Äěchild care wars‚Äú bezeichneten Auseinandersetzungen zu befrieden, wurde eine Gro√üstudie ins Auge gefasst. Unter der Regie des renommierten National Institute of Child Health and Development (NICHD) entwickelte eine Gruppe weltweit f√ľhrender Spezialisten f√ľr fr√ľhkindliche Entwicklung Anfang der neunziger Jahre ein ausgefeiltes Untersuchungsdesign, in dem nahezu alle Faktoren ber√ľcksichtigt wurden, die f√ľr die kindliche Entwicklung relevant sind. Daraufhin wurden mehr als 1300 Kinder, √ľberwiegend aus wei√üen Mittelschichtfamilien, im Alter von einem Monat in die Studie aufgenommen. √úber einen Zeitraum von f√ľnfzehn Jahren wurden sodann die kognitive Entwicklung und das Verhalten der Kinder detailliert gemessen. Ebenso wurden √ľberdies der Bildungsstand, der sozio√∂konomische Status und der Familienstand der Eltern, dazu verschiedene Dimensionen der Eltern-Kind-Interaktion sowie eine Vielzahl an Daten zur au√üerfamili√§ren Betreuung wie Art der Einrichtung, Besuchsdauer und Betreuungsqualit√§t. Dieser weltweit einzigartige Datensatz wurde bis heute in √ľber 300 wissenschaftlichen Publikationen ausgewertet und steht auch externen Forschern f√ľr eigene Analysen zur Verf√ľgung.

In Deutschland wurden die Ergebnisse der Studie im vergangenen Jahr wurden w√§hrend des Kinder√§rztekongresses in Bielefeld vorgestellt. Wie Jay Belsky, ein Psychologe aus San Francisco, berichtete, konnte nachgewiesen werden, dass die Eltern-Kind-Bindung durch au√üerfamili√§re Betreuung nicht grunds√§tzlich negativ beeinflusst wird. Unzweifelhaft ist aber auch, dass sehr fr√ľhe und umfangreiche Betreuung von zweifelhafter Qualit√§t mit erheblichen Risiken f√ľr das Bindungsmuster zwischen Mutter und Kind einhergeht. Damit erh√∂ht sich auch das Risiko, sp√§ter an einer psychischen St√∂rung zu erkranken. Hohe Betreuungsqualit√§t f√ľhrte, im Vergleich zu geringerer Qualit√§t, zu etwas besseren kognitiven Leistungen im Vorschulalter. Dieser Unterschied war auch noch in der Sekundarstufe nachweisbar. Die Dauer au√üerfamili√§rer Betreuung hatte hingegen keinen signifikanten Einfluss auf die schulischen Leistungen.

Am beunruhigendsten war indes der Befund, dass Krippenbetreuung sich unabh√§ngig von s√§mtlichen anderen Messfaktoren negativ auf die sozioemotionalen Kompetenzen der Kinder auswirkt. Je mehr Zeit kumulativ Kinder in einer Einrichtung verbrachten, desto st√§rker zeigten sie sp√§ter dissoziales Verhalten wie Streiten, K√§mpfen, Sachbesch√§digungen, Prahlen, L√ľgen, Schikanieren, Gemeinheiten begehen, Grausamkeit, Ungehorsam oder h√§ufiges Schreien. Unter den ganztags betreuten Kindern zeigte ein Viertel im Alter von vier Jahren Problemverhalten, das dem klinischen Risikobereich zugeordnet werden muss. Sp√§ter konnten bei den inzwischen 15 Jahre alten Jugendlichen signifikante Auff√§lligkeiten festgestellt werden, unter anderem Tabak- und Alkoholkonsum, Rauschgiftgebrauch, Diebstahl und Vandalismus. Noch ein weiteres, ebenfalls unerwartetes Ergebnis kristallisierte sich heraus: Die Verhaltensauff√§lligkeiten waren weitgehend unabh√§ngig von der Qualit√§t der Betreuung. Kinder, die sehr gute Einrichtungen besuchten, verhielten sich fast ebenso auff√§llig wie Kinder, die in Einrichtungen minderer Qualit√§t betreut wurden. Grunds√§tzlich zeigte sich aber, dass das Erziehungsverhalten der Eltern einen deutlich st√§rkeren Einfluss auf die Entwicklung aus√ľbt als die Betreuungseinrichtungen.

Die Autoren der NICHD-Studie leiteten aus diesen Ergebnissen zahlreiche Empfehlungen ab. Kurz gefasst lauten diese: Die Qualit√§t der Betreuung m√ľsse gesteigert werden, die Dauer der Betreuung sei zu reduzieren, w√§hrend die Eltern in ihrem Erziehungsauftrag gest√§rkt werden m√ľssten. In den Vereinigten Staaten hat sich allenfalls des ersten Punktes angenommen. In Deutschland wiederum sind die Politiker auf dem besten Weg, die erste und dritte Empfehlung nicht ernst zu nehmen und die zweite Empfehlung ‚Äď die Verringerung der Betreuungsdauer ‚Äď in ihr Gegenteil zu verkehren.

Warum dieses Vorgehen mehr als bedenklich ist, zeigen wissenschaftliche Daten, die in den letzten zehn Jahren erhoben wurden. Sie belegen, dass es sich bei den Verhaltensauff√§lligkeiten, die die NICHD-Studie registriert wurden, nur um die sprichw√∂rtliche Spitze des Eisbergs handelt. Dank einer neuen Technik konnten Wissenschaftler in den Vereinigten Staaten Ende der neunziger bei Kleinkindern in ganzt√§giger Betreuung in zwei Daycare Centers erstmals das Tagesprofil des wichtigsten Stresshormons Cortisol bestimmten. Entgegen dem normalen Verlauf im Kreis der Familie – hoher Wert am Morgen und kontinuierlicher Abfall zum Abend hin – stieg die Aussch√ľttung des Stresshormons w√§hrend der ganzt√§gigen Betreuung im Verlauf des Tages an ‚Äď ein untr√ľgliches Zeichen einer erheblichen chronischen Stressbelastung. In der ersten Einrichtung, deren Betreuungsqualit√§t als gehoben gelten konnte, zeigten fast alle Kinder diesen auff√§lligen Verlauf. In der zweiten Einrichtung mit sehr hoher Betreuungsqualit√§t standen am Abend immerhin noch fast drei Viertel der Kinder unter abnormem Stress. Eine Metaanalyse einer niederl√§ndischen Wissenschaftlerin, die neun √§hnliche Folgestudien auswertete, hat diese Ergebnisse best√§tigt. Somit muss als gesichert gelten, dass besorgniserregende Ver√§nderungen des Cortisolprofils vor allem bei au√üerfamili√§rer Betreuung von Kleinkindern auftreten, und das selbst bei qualitativ sehr guter Betreuung.

Jene Cortisol-Tagesprofile, wie sie bei Kleinkindern in Kinderkrippen nachgewiesen wurden, lassen sich am ehesten mit den Stressreaktionen von Managern vergleichen, die im Beruf extremen Anforderungen ausgesetzt sind. Bei Kindern liegen die Hormonwerte weit jenseits der milden und punktuellen Aktivierungen des Stresssystems, die als entwicklungsf√∂rderlich anzusehen sind. Vielmehr muss in der chronischen Stressbelastung eine Ursache daf√ľr gesehen werden, dass Krippenkinder h√§ufiger erkranken. Sie leiden nicht √∂fter an Infektionen, sondern auch an Kopfschmerzen oder immunologischen St√∂rungen wie Neurodermitis.

Aus der psychobiologischen Forschung ist bekannt, dass chronische Stressbelastung ein Kernph√§nomen bei misshandelten und vernachl√§ssigten Kindern darstellt. Die amerikanische Anthropologin Meredith Small bezeichnete Stress, sexuelle √úbergriffe und Gewalt daher auch als ‚Äědunkle Seite der Kindheit‚Äú: Die dauerhafte Aktivierung des Stresssystems m√ľndet oft in einer Ersch√∂pfungsreaktion: Das Stressregulationssystem geht sozusagen unter dem Stress-Trommelfeuer in die Knie. Genau dieser Effekt wurde jetzt auch in Wien in einer Studie √ľber Kinderkrippen nachgewiesen. Vor allem Kinder im Alter unter zwei Jahren zeigten nach f√ľnf Monaten qualitativ durchschnittlicher Krippenbetreuung stark abgeflachte Cortisol-Tagesprofile – vergleichbar mit den Werten, die in den neunziger Jahren bei zweij√§hrigen Kindern in rum√§nischen Waisenh√§usern gemessen wurden. Diese Befunde lassen keinen anderen Schluss zu als den, dass eine gro√üe Zahl von Krippenkindern durch die fr√ľhe und langdauernde Trennung von ihren Eltern und die ungen√ľgende Bew√§ltigung der Gruppensituation emotional massiv √ľberfordert ist.

Wie sich diese √úberforderung im sp√§teren Leben auswirken kann, l√§sst sich mittlerweile der NICHD-Studie entnehmen. K√ľrzlich wurden die morgendlichen Cortisol-Werte der inzwischen 15 Jahre alten Studienteilnehmer gemessen. Bei den Probanden, die schon fr√ľh ganztags betreut worden waren, zeigten sich die gleichen Ver√§nderungen wie Kindern, die in der Familie emotional vernachl√§ssigt oder misshandelt worden waren. Besonders f√§llt auf, dass die Effekte in beiden Gruppen gleich stark waren, dass die Ver√§nderungen unabh√§ngig von der Qualit√§t der Betreuung auftraten und dass sich die Stresseffekte von Tagesbetreuung und famili√§rer Vernachl√§ssigung addierten. Mit anderen Worten: Die Krippenbetreuung wirkte sich weder kompensatorisch noch sch√ľtzend aus. Alles in allem steht damit fest, dass Krippenbetreuung die Stressregulation auch langfristig negativ beeinflusst. Und: Das in der √Ėffentlichkeit verbreitete Mantra ist falsch, alle Probleme der Krippenbetreuung lie√üen sich alleine mit Qualit√§t l√∂sen.

In den vergangenen Jahren ist in einer F√ľlle von Publikationen dargelegt worden, dass und wie chronische Stressbelastungen die Entwicklung des Gehirns beeintr√§chtigt, speziell die Zentren zur Stressregulation und sozioemotionale Kompetenz. Nun z√§hlen die beiden ersten Lebensjahre zu den besonders heiklen Phasen der Entwicklung des Gehirns. In dieser sensiblen Periode gr√§bt sich chronischer Stress sogar in die Gene ein und f√ľhrt auf dem Weg sogenannter epigenetischer Mechanismen zu dauerhaften Regulationsst√∂rungen, die sogar an die folgenden Generationen vererbt werden k√∂nnen. Die Wissenschaft wei√ü mittlerweile, dass chronische Stressbelastung durch kindliche Vernachl√§ssigung und Misshandlung mit einem langfristig deutlich erh√∂hten Risiko verbunden ist, an schwer behandelbarer Depression zu erkranken oder aber Suizid zu begehen. Neben psychischen St√∂rungen geht mit chronischem Stress auch ein erh√∂htes Risiko f√ľr k√∂rperliche Krankheiten einher wie Herz-Kreislauf¬≠erkrankungen und Fettsucht, ja sogar f√ľr Krebs.

S√§uglinge und Kleinkinder k√∂nnen Stressbelastungen noch nicht in Worte fassen. Auch in ihrem Verhalten sind Anzeichen f√ľr chronischen Stress oft diskret, wenn nicht fast unmerklich. Jetzt haben die neuen Techniken zur Messung von Stress ein weiteres Fenster zur Seele des Kleinkinds ge√∂ffnet. Derzeit f√§llt es vielen noch schwer, das Bild anzunehmen, das diese neuen, objektiven Messdaten zu erkennen geben. Aber es f√ľhrt kein Weg um die Einsicht herum, dass die Mehrheit ganztagsbetreuter Krippenkinder, selbst wenn sie bestenfalls in sch√∂nen R√§umen mit anregendem Spielzeug von engagierten Erziehern oder Erzieherinnen betreut wird, den Tag in √§ngstlicher Anspannung verbringt, dass sich dies bei einem Teil der Kinder in anhaltenden Verhaltensauff√§lligkeiten niederschl√§gt, und dass mit dieser Form der Betreuung Risiken f√ľr die langfristige seelische und k√∂rperliche Gesundheit einhergehen. Die Gesellschaft muss sich also der Tatsache stellen, dass sich emotionale Misshandlung nicht nur unter famili√§ren oder institutionellen Deprivations¬≠bedingungen, sondern ‚Äď unbeabsichtigt – h√§ufig auch im kognitiv stimulierenden Umfeld einer Krippe ereignet.

Indes hat sich selbst die Kinder- und Jugendmedizin in Deutschland diesem Thema bislang nicht eingehend gestellt. Noch im Jahr 2008 hie√ü es in der Monatsschrift ‚ÄěKinderheilkunde‚Äú, dass es ‚Äěkeinen einzigen Artikel gebe, in dem Daten zum Thema Krippen und Gesundheit in Deutschland in einer peer-reviewed-Zeitschrift publiziert wurde und der somit eine daten-gest√ľtzte Antwort auf die Frage geben k√∂nnte, inwieweit mit der Kinderbetreuung in einer Krippe erh√∂hte (oder auch verminderte) gesundheitliche Risiken verbunden sind. Dieser Befund ist umso bemerkenswerter, als die damalige Bundesfamilienministerin von der Leyen (CDU) das Ziel ausgab, binnen weniger Jahre 750 000 Kinder in U3-Betreuung zu haben.

In dieser Situation erfordert das ‚Äěprimum nil nocere‚Äú – das erste Gebot √§rztlichen Handelns, keinen Schaden zuzuf√ľgen ‚Äď gr√∂√üere Anstrengungen. Niemand kann exakt vorhersehen, wie ein einzelnes Kind in Betreuung entwickeln wird. Zu vielf√§ltig sind die Faktoren, die Einfluss auf die kindliche Entwicklung nehmen. Wichtig neben den famili√§ren Lebensumst√§nden ist vor allem die genetische Ausstattung eines Kindes, denn sie ist miturs√§chlich f√ľr die Resilienz gegen√ľber Belastungssituationen. Fachleute m√ľssen Eltern und Politikern jedoch angemessene Informationen √ľber statistisch erfassbare Risiken der U3-Betreuung geben.

Dieses Risiko liegt f√ľr Verhaltensauff√§lligkeiten in einem moderaten Bereich. Hinsichtlich einer chronischen Beeintr√§chtigung des emotionalen Wohlbefindens ist das Risiko jedoch stark erh√∂ht. Nicht zu verschweigen ist ferner ein erh√∂htes Risiko f√ľr sp√§te seelische Erkrankungen.

Erh√∂hte Stressbelastung und vermehrte Verhaltensauff√§lligkeiten wurden mittlerweile auch bei ersten systematischen Untersuchungen zur U3-Betreuung in Tagespflege gefunden. Durch nichts zu belegen ist dagegen die Hoffnung auf F√∂rderung des Sozialverhaltens, die viele Eltern derzeit einen fr√ľhen Krippenbesuch in Betracht ziehen l√§sst. Eine signifikante, moderate F√∂rderung der Lernleistungen kann nur bei hoher Betreuungsqualit√§t erwartet werden. Diese ist in deutschen Krippen derzeit nur in Ausnahmef√§llen anzutreffen. Die von der Bertelsmann-Stiftung mit gro√üem publizistischen Aufwand plakatierte hohe Rate an Gymnasialanmeldungen nach Krippenbetreuung ist daher eher auf h√∂here Anspr√ľche der Eltern zur√ľckzuf√ľhren und nicht auf einen tats√§chlichen Gewinn kognitiver F√§higkeiten.

Anstatt dass die Erziehungsleistung der Eltern von politischer oder gesellschaftlicher Seite schleichend entwertet wird, muss M√ľttern und V√§tern die Bedeutung bewusst gemacht werden, die ihre liebevolle und kontinuierliche Pr√§senz f√ľr die gesunde seelische Entwicklung ihrer Kinder gerade in deren ersten Lebensjahren hat. Die herk√∂mmliche Aufteilung von famili√§ren Aufgaben kann durchaus √ľberdacht werden. W√§hrend M√ľtter durch Geburt und Stillzeit die Hauptbeziehungsperson der ersten Lebensphase sind, sollten V√§ter darin best√§rkt und gef√∂rdert werden, diese Rolle h√§ufiger im fortgeschrittenen Kleinkindalter ihrer Kinder zu √ľbernehmen.

Aufgrund der dargelegten Risiken ist es unumg√§nglich, dass alle Eltern die Entscheidung √ľber eine m√∂gliche fr√ľhe au√üerfamili√§re Betreuung frei von √∂konomischen Zw√§ngen treffen k√∂nnen. Hierf√ľr muss der Grundsatz ‚Äěthe money goes with the child‚Äú (das Geld geht mit dem Kind) wegweisend werden. Die Wahlfreiheit f√ľr Eltern k√∂nnte √ľber ein Kinder-Grundeinkommen oder ein Betreuungsgeld sichergestellt werden, wie es mittlerweile in allen skandinavischen L√§ndern gezahlt wird und deutlich h√∂her ist, als die eher symbolische Summe, die in Deutschland zur Debatte steht. Es w√§re dann in das Ermessen der Eltern gestellt, ob sie sich ganz der Erziehungsaufgabe der Kinder widmen oder Kind und Geld einer au√üerfamili√§ren Betreuungsinstanz anvertrauen m√∂chten, um selbst einer Erwerbst√§tigkeit nachzugehen.

Wissenschaftlich fundierte und evidenzbasierte Vorbehalte gegen√ľber fr√ľher Krippenbetreuung d√ľrfen freilich nicht dazu f√ľhren, dass auf die fr√ľhe F√∂rderung jener Gruppen von Kindern verzichtet wird, die besonderen sozialen oder biologischen Entwicklungsrisiken ausgesetzt sind. Allerdings zeigen uns alle Studien, dass auch diese Kinder in ihren ersten Lebensjahren im Rahmen ihrer Familie und in Anwesenheit ihrer prim√§ren Bindungspersonen gef√∂rdert werden sollten, etwa durch Familienhebammen, Elterntrainings, heilp√§dagogische Fr√ľhf√∂rderung, sozialp√§dagogische Familienhilfe oder auch in gemeinde- oder stadtteilzentrierten Kleinkind-Spielgruppen. F√ľr alle diese Ma√ünahmen liegen Wirksamkeitsnachweise vor.

Die deutsche ‚ÄěKrippenoffensive‚Äú geht wesentlich auf die massive politische und publizistische Lobbyarbeit von Wirtschaftsverb√§nden zur√ľck, die angesichts der demographischen Entwicklung versuchen, Arbeitskraftreserven auch unter jungen Eltern zu mobilisieren. So wird etwa in Publikationen wirtschaftsnaher Institute versucht, den Begriff ‚ÄěFamilienfreundlichkeit‚Äú wesentlich √ľber das Angebot an Krippenbetreuungspl√§tzen zu definieren. Die Bertelsmann-Stiftung, der operative Arm des gr√∂√üten europ√§ischen Medienkonzerns, bereitet seit Jahren systematisch den Boden f√ľr eine langfristig geplante Expansion der Konzernaktivit√§ten ins lukrative und konjunkturunabh√§ngige Bildungsgesch√§ft. Dabei wird auch die Meinungsf√ľhrerschaft im Sektor fr√ľhkindliche Bildung angestrebt. Kritische Stimmen werden marginalisiert, andere dagegen in eigene ‚ÄěStudien‚Äú eingebunden, die die Konzernziele unterst√ľtzen. Auch die Betreuungsbranche macht sich f√ľr die Ausweitung des Krippenangebots stark, dass sie sich von diesem Schritt Wachstumschancen erwartet, die durch staatliche Subventionierung abgesichert sind. Marktchancen winken auch Fachverlagen, die sich einen neuen Publikationssektor erschlie√üen k√∂nnen. Universit√§ten und Fachschulen schlie√ülich hoffen auf Steuergelder f√ľr neue Ausbildungsg√§nge.

Der Eigendynamik all dieser Entwicklungen muss mit besonderer Wachsamkeit begegnet werden. Auf der Basis der NICHD-Studie und der neuen Ergebnisse der Stressforschung wurde während des Kinderärztekongresses in Bielefeld ein Vorschlag zu einer entwicklungsmedizinisch evidenzbasierten Empfehlung unterbreitet. Erstens: Keine Gruppentagesbetreuung von Kindern unter zwei Jahren. Zweitens. Zwischen dem zweiten und dritten Geburtstag maximal halbtägige Betreuung von bis zu zwanzig Stunden in der Woche. Drittens: Ab dem dritten Geburtstag je nach individueller Bereitschaft ganztägige Betreuung möglich. Viertens: Konsequente Orientierung an hohen Qualitätsstandards in jeglicher außerfamiliärer Betreuung. Notwendig sind außerdem wissenschaftliche Begleitstudien sowie eine laufende Anpassung von Empfehlungen an den aktuellen Stand der Forschung. Dabei muss auch die bisher völlig vernachlässigte Stressbelastung von berufstätigen Eltern kleiner Kinder und von Krippenerzieherinnen in den Blick genommen werden.

Chronische Stressbelastung ist im Kindesalter die biologische Signatur der Misshandlung. Kleinkinder dauerhaftem Stress auszusetzen, ist unethisch, verst√∂√üt gegen Menschenrecht, macht akut und chronisch krank. Ein freiheitlicher Staat, der fr√ľhkindliche Betreuung in gro√üem Umfang f√∂rdert, ist verpflichtet nachzuweisen, dass die betroffenen Kleinkinder keine chronische Stressbelastung erleiden. Der Gesetzgeber sollte daher von seinen derzeitigen Planungen Abstand nehmen, ein Recht auf au√üerfamili√§re Betreuung ab dem ersten Geburtstag einzuf√ľhren.

Dr. med. Rainer Böhm

Kinder- und Jugendarzt mit Schwerpunkt Neuropädiatrie

Leitender Arzt des Sozialpädiatrischen Zentrums Bielefeld-Bethel

Kongresspr√§sident der 63. wissenschaftlichen Jahrestagung der DGSPJ (Deutsche Gesellschaft f√ľr Sozialp√§diatrie und Jugendmedizin) 2011 in Bielefeld

Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Verfassers

Mehr Informationen auf www.fachportal-bildung-und-seelische-Gesundheit.de

Dieser Beitrag erschien in der FAZ Nr. 81 vom 4. April 2012.

 

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Donnerstag 21. Juni 2012 um 12:57 und abgelegt unter Ehe u. Familie, Gesellschaft / Politik.