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Wie ein Laie evangelische Theologie erlebt

Dienstag 12. Juni 2012 von Andreas Rau


Andreas Rau

Wie ein Laie evangelische Theologie erlebt

„Damit stehen wir aber vor dem tiefsten Gegensatz, der heute die Geister scheidet, dem Gegensatz zwischen zwei Standpunkten, die so radikal verschieden sind, da√ü sie sich √ľberhaupt nicht mehr miteinander verst√§ndigen k√∂nnen ‚Ķ Es stehen sich hier in der Tat zwei Geisteshaltungen gegen√ľber, zwei Auffassungen der Wirklichkeit, zwei Religionen und zwei Deutungen unserer von Geburt und Tod begrenzten Existenz. Zwischen diesen beiden Standpunkten ist jede Br√ľcke des Verst√§ndnisses abgebrochen. Sie m√ľssen sich gegenseitig Lebensfremdheit und Wirklichkeitsferne vorwerfen. Auf beiden Seiten kann man das Wort „Gott“ gebrauchen, wenn man vom H√∂chsten sprechen will, f√ľr das man lebt … Und doch lebt man auf beiden Seiten auf verschiedenen Sternen und steht auf entgegengesetzten Fundamenten. Dieser Gegensatz zwischen zwei Lebensdeutungen ist nicht blo√ü eine theoretische Konstruktion, eine akademische Angelegenheit, die man … ruhig zur√ľckstellen k√∂nnte. Dieser Gegensatz ist vielmehr eine ganz und gar praktische Angelegenheit …“ (Karl Heim: Glaube und Denken – Band 1; Einleitung, Verlag der Liebenzeller Mission, Bad Liebenzell 2003).

Unter Theologen geht die Rede vom „garstigen Graben der Geschichte“. Der verliefe quer durch die Zeit und meint die Jahrhunderte, die seit der Entstehung der Bibel vergangen sind. In dieser Zeit habe sich das Denken grundlegend ver√§ndert, wodurch dem aufgekl√§rten Zeitgenossen heute der Zugang zu den Worten der Apostel und Propheten erschwert oder gar unm√∂glich gemacht werde.

Als Laie steht man h√§ufig vor einem anderen Graben; einem, der quer durch den Raum verl√§uft; genauer: zwischen Kanzel und Kirchenb√§nken. Er trennt das verquollene Denken vieler Theologen von der Alltagslogik der Gemeinde. Durch ihn wird ’normalen Menschen‘ der Zugang zu theologisch-kirchlichem Reden erschwert oder gar unm√∂glich gemacht.

In der weltweiten Christenheit findet sich ein weiterer, besonders garstiger Graben; einer, der immer tiefer und breiter wird. Er ist auf den ersten Blick kaum zu erkennen und dennoch ist er wie „eine gro√üe Kluft befestigt“ zwischen zwei theologischen bzw. religi√∂sen Welten. Die anglikanische Weltkirche droht an ihm zu zerbrechen. Beim lutherischen Weltbund brennt seinetwegen die Luft. Selbst bei den Katholiken rumort es. Dort streitet man √ľber andere Themen, aber der Graben ist der gleiche.

Auch in der EKD werden die Probleme gr√∂√üer und gr√∂√üer. Hier allerdings l√§√üt sich der Verlauf dieses Grabens nur schwer beschreiben. In erster Linie trennt er wohl die „Kerngemeinde“ von ihren Kirchenleitungen. Dieses Heft ist der Versuch, einen Blick in diesen dritten Graben zu werfen.

*   *   *

Der Autor ist ein Laie; ein schlichter Christ, der wohl zur „Kerngemeinde“ z√§hlt. Als solcher hat er keine Ahnung von akademischer Theologie. Doch er hat hier und dort einige Brosamen aufgeschnappt. Und viele davon kommen ihm sehr, sehr merkw√ľrdig vor. Deshalb ist er √ľberzeugt, die Wurzel vieler kirchlicher √úbel ist ein grunds√§tzlicher Widerspruch zwischen Fachtheologie und Gemeindefr√∂mmigkeit.

Dieses Heft ist ein Versuch, diesen Widerspruch aus der Perspektive der Gemeinde zu beschreiben. Dabei ist bitte, bitte zu beachten: Theologen schauen gern „dem Volk aufs Maul“ – solange das Volk selbiges h√§lt und schweigt. Wenn das Volk dieses sein Maul aber auftut und eine eigene Meinung vertritt, dann wirken manche Theologen irritiert. Diese Sprache sind sie nicht gewohnt. Denn das Maul des Volkes redet nicht, wie Akademiker reden. Es redet auch nicht wie Diplomaten reden. Das Volk redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist: gerade heraus, mit klaren Worten, mitunter unbeholfen oder ungehobelt – und ausdr√ľcklich nicht um den hei√üen kirchlichen Brei herum.

Mit anderen Worten: Im M√§rchen von „Des Kaisers neue Kleider“ war es ein Kind, das die Wahrheit sah und aussprach: „Er hat ja nichts an!“ Der Autor ist kein Kind sondern ein Narr. Ein Narr, der ausspricht, was er sieht. Er meint, dies seiner Kirche schuldig zu sein.

Der garstige Graben

¬†I. Gott: „Ich glaube an Gott den Vater, den Allm√§chtigen, den Sch√∂pfer des Himmels und der Erde“. Wenn man sich diese Worte auf der Zunge zergehen l√§√üt, kann einem schwindelig werden. Da soll es irgendwo ein Wesen geben, das buchst√§blich alle Macht hat; das nicht nur all die Wunder auf unserer Erde sondern auch den Mond, die Sonne und den unvorstellbar gewaltigen Kosmos geschaffen hat. Gegen solch einen Gott w√§re der Mensch nichts, absolut nichts. Das Verh√§ltnis w√§re nicht wie Maus und Elefant sondern wie M√ľcke und Sonne. Dieser Gott ist f√ľr uns v√∂llig unerreichbar; und selbst wenn die M√ľcke die Entfernung zur Sonne √ľberwinden k√∂nnte – es w√ľrde nicht einmal „pffft“ machen und sie w√§re verdampft. Bei einem Streit h√§tten wir null Chancen; absolut null. Auf diese Vorstellung kann man nun auf zwei grunds√§tzlich verschiedene Weisen reagieren:

A) Man versteht sie als Chance. Was w√§ren das f√ľr M√∂glichkeiten, wenn solch ein Gott tats√§chlich existierte und uns wohlgesonnen w√§re; wenn er uns beraten, uns beistehen w√ľrde; wenn er uns teilhaben lie√üe an seiner Kraft, an seinem Geist; wenn er auch uns winzigen M√ľcken ewiges Leben schenkte? Was k√∂nnte uns besseres passieren, als solch einen „Vater unser im Himmel“ zu haben?

Oder aber B), man empfindet solch einen Gott als Gefahr, als Bedrohung. Es ist wahrhaft kein angenehmer Gedanke, da√ü da jemand sein soll, der uns immer sieht; der buchst√§blich alles von uns wei√ü: jede Tat, jedes Wort, jeden Gedanken. Der auch noch Gebote erl√§√üt, was wir tun und lassen sollen; der einmal Gericht halten und ein Urteil sprechen will √ľber uns und unser Leben.

Das Problem ist, man kann nicht sicher wissen, ob es solch einen Gott gibt oder nicht. Es gibt keinen eindeutigen Beweis f√ľr ihn; es gibt aber auch keinen Beweis gegen ihn. Deshalb mu√ü jeder Mensch f√ľr sich selbst eine Entscheidung treffen: ja oder nein; glaube ich an diesen Gott oder lehne ich ihn ab; akzeptiere ich eine allm√§chtige Autorit√§t √ľber mir oder will ich mein eigener Herr sein?

Diese Entscheidung trifft man weniger mit dem Verstand; sondern sie kommt aus dem Herzen, dem tiefsten Innersten unserer Seele. Von dort heraus pr√§gt sie unser Wollen, unser F√ľhlen, unser Denken, unser ganzes Sein. Und von dort heraus bestimmt diese Entscheidung auch unseren Glauben, unsere Theologie. Die einen, A), stellen sich dem Gedanken an einen gro√üen, allm√§chtigen Gott – mit all den Problemen, die das mit sich bringt („Wie kann Gott das zulassen?“); die anderen, B), tun alles, um Gott klein und entsprechend sich selber gro√ü zu denken.

Zum Beispiel Jesus Christus: Die einen riefen aus Leibeskr√§ften: „Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich unser!“ Die anderen riefen, auch aus Leibeskr√§ften: Weg mit dem – „Kreuzige ihn!“ Heute ist Jesus nicht mehr sichtbar unter uns; daf√ľr haben wir die Bibel. Auch hier: Die von A) glauben, die Bibel ist „Gottes Wort“; Worte, die von Gott durch Menschen hindurch zu uns kommen. Also nehmen sie die Bibel, wie sie ist. F√ľr A) ist sie das, was der gro√üe, allm√§chtige Gott uns M√ľcken zu sagen hat.

Die von B) dagegen dulden keinen Gott √ľber sich; folglich akzeptieren sie auch kein „Wort Gottes“ als Autorit√§t, der sie sich unterordnen m√ľ√üten. Allerdings rufen sie nicht: „Weg mit der Bibel“, sondern ihre Parole lautet: „Interpretieren, nicht eliminieren!“ Auf deutsch hei√üt das wohl: „Wir ver-werfen die Bibel nicht, aber sie hat nach unserer Pfeife zu tanzen! Das hei√üt, wir m√ľssen sie (historisch) kritisch untersuchen. Was uns darin gef√§llt, in Ordnung, das lassen wir gelten; was uns nicht zusagt, wird umgedeutet“.

In der Folge wird die Bedeutung der unbequemen Textstellen ver√§ndert; sie werden verdreht, sie werden umgebogen und zwar so, wie der Theologe es braucht. Die Aussagen der Bibel werden den W√ľnschen der M√ľcken angepa√üt. Dadurch ist heutige Theologie in alle Himmels-richtungen deut- und dehnbar. Sie beinhaltet nicht mehr, was Gott sagen will, sondern was Menschen h√∂ren wollen, wonach „ihnen die Ohren jucken“ (2Ti 4,3). Neuerdings geht man sogar noch einen Schritt weiter: Man beginnt, die Bibel selbst zu ver√§ndern; man schreibt sie nach aktuellen W√ľnschen um in eine „Bibel in gerechter Sprache“.

In der EKD-Monatszeitschrift „Zeitzeichen“ (11/05, S. 39) wurde der Kirchenpr√§sident der ev. Landeskirche Hessen und Nassau gefragt: „Ist die Bibel Gottes Wort?“ Seine Antwort: „Nein … Die Bibel ist nicht mit dem Wort Gottes identisch. Das Wort Gottes ist kein Buch, sondern lebendiges Geschehen. Es ist √ľberall in der Welt zu vernehmen, auch nonverbal, zum Beispiel in der liebevollen Zuwendung zu einem anderen Menschen.“¬† Das Wort Gottes wird hier zu einem beliebigen Etwas ohne jede objektive Substanz. Da kann dann tats√§chlich „jeder nach seiner Fasson selig werden“; sprich: jedermann kann sich seinen Glauben nach seinem je eigenen Geschmack gestalten. Was ihm pers√∂nlich zusagt bzw. n√ľtzlich erscheint, ist dann „Gottes Wort“, und was ihm nicht gef√§llt, ist es eben nicht.

Wie dieses „lebendige Geschehen“ konkret aussehen kann, l√§√üt sich ebenfalls in – der offiziellen kirchlichen Zeitschrift! – „Zeitzeichen“ nachlesen. Im Januar 2006 (S. 48) schrieb der Theologie-Student Florian Dieckmann dort sinngem√§√ü: Am Anfang meines Theologiestudiums habe ich noch an einen Gott im Himmel geglaubt; heute, am Ende des ¬†Studiums, tue ich das nicht mehr. Jetzt glaube ich: „Es gibt Gott nicht au√üerhalb unseres Glaubens an ihn … Gott ist da, wo von ihm geredet wird … Anderswo mu√ü man ihn nicht suchen. Das ist ern√ľchternd … weil der Thron im Himmel quasi verlassen ist und leer. Weil da keiner sitzt √ľber den Wolken. Keiner regiert im soundsovielten Himmel.“

Das lernen Theologie-Studenten heute an den Universit√§ten: „Der Thron im Himmel ist leer. Gott ist nur da, wo von ihm geredet wird; anderswo mu√ü man ihn nicht suchen“! Mit anderen Worten: wenn man √ľber Gott redet, dann existiert er; wenn man nicht √ľber ihn redet, dann gibt es ihn auch nicht. Der ewige, allm√§chtige Gott wird hier zu einer Art Westentaschen-G√∂tzen. Bei Bedarf holt man ihn heraus; wenn man ihn nicht mehr braucht, wird er zusammengeklappt und weggesteckt.

Das wird selten so deutlich gesagt. Dennoch, heutige Theologie ist weithin der gro√ü angelegte Versuch, Gott klein zu machen, ihn berechnen und vor allem kontrollieren zu k√∂nnen – damit der Menschen entsprechend gro√ü sein und herrschen kann. Der Gott der heutigen Theologie ist lieb und nett und brav und gn√§dig; er sagt und tut grunds√§tzlich nur das, was die B)-Theologen von ihm erwarten. Genauer wohl: man sucht sich ein pflegeleichtes Etwas, mit dem man machen kann, was man will – und das wird dann zum ‚ÄúGott‚Äú ernannt (z. B. ‚Äúdie Alles bestimmende Wirklichkeit‚Äú oder ‚Äúder Grund der M√∂glichkeit von √ľberhaupt allem‚Äú).

Wohlgemerkt; es geht hier nicht darum: die einen sind die Guten, die machen alles richtig; und die anderen sind die B√∂sen, die machen alles falsch. Die Vertreter beider Seiten sind S√ľnder und machen Bl√∂dsinn. Auch wir Frommen haben oft genug allen Grund, uns an die eigene Nase zu fassen. Hier geht es zun√§chst nur um die zwei grunds√§tzlich verschiedenen, nicht zu vereinbarenden Grundformen von Theologie: Bei A) der gro√üe Gott und ein kleiner Mensch; bei B) der gro√üe Mensch und ein kleiner Gott. Oder im Blick auf die Bibel: Bei A) ist die Bibel die Autorit√§t und der Mensch steht unter ihr. Die Bibel kritisiert den Menschen. Bei B) ist der Mensch die Autorit√§t und die Bibel steht unter ihm. Der Theologe kritisiert die Bibel.

II. Theologie: In der ¬†Physik hat es einmal einen gro√üen Streit gegeben √ľber die Frage: Woraus besteht das Licht? Einige Physiker sagten: „Licht besteht aus Teilchen“; andere sagten: „Licht ist Welle, ist reine Energie.“ Schlichte Laien k√∂nnen das nur schwer begreifen, aber es galt wohl: entweder – oder, entweder Teilchen – oder Welle. Das eine schlie√üt das andere aus; beides gleichzeitig geht nicht. Der Witz war nun, machte man ein bestimmtes Experiment, konnte man beweisen: Licht ist Teilchen. Machte man ein anderes Experiment, konnte man das genaue Gegenteil beweisen: Licht ist Welle. Das Experiment entschied √ľber das Ergebnis; bzw. das Ergebnis war abh√§ngig vom Verhalten des Forschers: was er suchte, das fand er auch – obwohl beide Ergebnisse nicht zusammenpa√üten und sich gegenseitig ausschlossen.

„Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht.“ Falls dieser gro√üe, allm√§chtige Sch√∂pfer tats√§chlich existiert, dann sollte er selbst unendlich komplizierter ‚beschaffen sein‘ als das von ihm geschaffene Licht. Deshalb d√ľrfte auch und gerade bei Gott gelten: das Experiment bestimmt das Ergebnis. Was wir √ľber Gott herausfinden, was wir mit ihm erleben, ist abh√§ngig von uns, von unserem Verhalten: Was wir suchen, das finden wir auch.

Wieder das Beispiel Jesus Christus: Wer bei ihm Gottes Liebe und Hilfe suchte, der fand das auch. Der konnte ehrlichen Herzens sagen: „Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes“. Bis heute, durch die Jahrtausende hindurch, bekennen unz√§hlige Christen aus ganzem, tiefsten Herzen: „Mein Herr und mein Gott!“ Und die anderen, die von oben herab geringsch√§tzig auf Jesus geschaut haben, die sagten: „Zeig uns was du kannst. Tu‘ doch mal ein Wunder. Bist du Gottes Sohn, dann steig herab vom Kreuz“? Die kamen zu dem Ergebnis: Jesus ist ein ganz gew√∂hnlicher Mensch, der Sohn des Zimmermanns; nichts Besonderes, im Gegenteil ein „Fresser und Weins√§ufer“.

Oder die Bibel: Wer sie gewisserma√üen auf Knien, mit betendem Herzen liest, der merkt, darin steckt die Liebe und der Segen und die Kraft des gro√üen ewigen Gottes. Wer die Bibel aber von oben herab, mit kritisie-rendem Verstand betrachtet, der kommt halt zu dem Ergebnis: Die Bibel ist „eine von Menschen geschriebene religi√∂se Urkunde und daher zu lesen und¬† zu verstehen wie andere menschliche Urkunden auch“ (H. Zahrnt); nichts Besonderes, ein Buch wie jedes andere. Auch hier, das Ergebnis h√§ngt ab von unserem Verhalten: was wir suchen, das finden wir auch.

Der Marburger Theologie-Professor Wilfried H√§rle hat eine „Dogmatik“ (2. Aufl., Berlin, 2000) geschrieben. Auf Seite 13 erw√§hnt er eher am Rande die Frage: Ist Theologie die Lehre von Gott oder die Lehre von Verk√ľndigung und Glauben? Mit anderen Worten: Ist Theologie ein Experiment, das auf Gott hin ausgerichtet ist, das Gott erkennen will? Oder ist Theologie ein Experiment, das herausfinden will, was Menschen denken und tun, das Glauben und Verk√ľndigung der Christen untersucht? Zugespitzt: Sucht Theologie nach Gott oder nach dem Menschen?

Seine Antwort: Es gibt ein Argument f√ľr Theologie als Lehre von Gott, aber das sei „nicht durchschlagend“; deshalb sei Theologie die „Bezeichnung der institutionalisierten, wissenschaftlichen Form der Reflexion √ľber Inhalte der christlichen Botschaft und Vollzugsweisen ihrer Vermittlung“. Auf deutsch: Theologie untersucht, was der Mensch – zwar der christliche Mensch, aber dennoch der Mensch – denkt und redet. Theologie sucht den Menschen.

Und was Theologen auf der Suche nach dem Menschen so alles finden, konnte man im SPIEGEL nachlesen. In der Ausgabe 50/1999 (S. 130) stand ein Interview mit Andreas Lindemann, Professor f√ľr Neues Testament an der kirchlichen Hochschule in Bethel.¬† „SPIEGEL: Hielt Jesus sich f√ľr Gottes Sohn? Lindemann: Nein.“ An anderer Stelle: „SPIEGEL: … Also verstand auch Jesus selbst seinen Tod nicht als S√ľhnetod f√ľr die S√ľnden der Menschen … Lindemann: Davon hat Jesus in der Tat nicht gesprochen. Die Worte, mit denen er seinem Sterben Heils-bedeutung zuschreibt, sind ihm nachtr√§glich in den Mund gelegt worden.“

In diesem Stil geht das √ľber vier Seiten: Jesus sei nicht in Bethlehem geboren; die Weihnachtsgeschichten seien komplette Erfindungen; Jesus hat vielleicht Kranke geheilt, aber andere Wunder habe er nicht getan; er habe weder die Bergpredigt gehalten noch das Abendmahl eingesetzt noch den Missionsbefehl erteilt; das leere Grab sei eine Legende, Himmelfahrt nat√ľrlich auch. Kurz gesagt: Die Evangelien berichten nicht, was der gro√üe, allm√§chtige Gott durch Jesus getan hat; sondern die Evangelien seien √ľberwiegend von Menschen erfundene Geschichten.

Besonders bemerkenswert: „SPIEGEL: Papst Johannes Paul II … behauptet, ‚dass es sich bei den Evangelien um Lebensbeschreibungen Jesu handelt‘. Lindemann: „Das wird seit Jahrzehnten von keinem Ernst zu nehmenden Exegeten mehr behauptet. SPIEGEL: Der Papst … verk√ľndet, die Evangelien seien … ‚als historische Zeugnisse … zuverl√§ssig‘. Lindemann: Ich kenne jedenfalls im deutschsprachigen Raum keinen Exegeten, auch keinen katholischen, der sich so √§u√üert.“ Das ist nat√ľrlich Quatsch; selbstverst√§ndlich gibt es solche Exegeten (insbesondere an den von der Kirche nicht anerkannten Bibelschulen). Dennoch, hier schreibt einer, der es wissen mu√ü: Er kenne keinen Theologie-Professor – weder einen evangelischen, noch einen katholischen – der glaubt, da√ü das, was die Evangelien berichten, tats√§chlich geschehen sei.

Und als T√ľpfelchen aufs i: „SPIEGEL: Herr Lindemann, wenn wir sie so h√∂ren, kommt uns der Gedanke: Was man √ľber den Menschen Jesus wei√ü, ist dem christlichen Glauben im Wege. Lindemann: Das bestreite ich nicht ‚Ķ“. Das sagt ein Vertreter der modernen wissenschaftlichen Theologie: Der Jesus, der damals gelebt hat, und der Christus, den wir heute glauben und bekennen, seien verschiedene Gestalten; beide passen nicht zusammen. „Was man √ľber den Menschen Jesus wei√ü, ist dem christlichen Glauben im Wege“.

Was wir suchen, das finden wir auch: A) findet in der realen Person, die vor 2000 Jahren im heutigen Nahen Osten gelebt hat, sowohl einen richtigen Menschen als auch Gott selbst; Jesus war wahrer Mensch und wahrer Gott. B) dagegen meint, der Christus der Bibel sei eine „kerygmatische“ Gestalt; ein geglaubter, ein gepredigter, letztlich ein erfundener Christus. Der wirkliche, der „historische Jesus“ sei nur Mensch gewesen; sicherlich ein au√üergew√∂hnlicher Mensch, aber eben doch nur ein Mensch. Das G√∂ttliche sei ihm erst nachtr√§glich angedichtet worden. Das h√§tte sich die Urgemeinde erst nach seinem Tode ausgedacht, um ihren Glauben in einer der damaligen Zeit gem√§√üen Form verst√§ndlich zu machen; ihn gewisserma√üen mit mythologischen Bildern zu illustrieren.

Nochmals, es geht nicht darum, die einen sind die Guten und die anderen sind die Bösen. Auch wir von A) suchen und finden oft genug nicht Gott sondern uns selbst. Hier geht es nur um das Grundprinzip. Das Ergebnis hängt ab von uns, von unserem Verhalten: Was wir suchen, das finden wir auch.

A) Wenn der kleine Mensch zu dem großen Gott aufsieht, ihn sucht, ihn anbetet Рdann findet er den Gott, der in die Geschichte der Menschheit eingegriffen, sich in dieser Geschichte offenbart hat; dann findet er in der Bibel bezeugt, was dieser große Gott getan und geredet hat Рin der Geschichte seines Volkes, durch die Apostel und Propheten und vor allem durch seinen Sohn Jesus Christus.

B) Wenn aber der große Mensch nur sich selber anschaut; sich selber sucht, sich selber anbetet Рdann wird er auch nur sich selbst, den Menschen, finden; dann sieht er in der Bibel Geschichten, die von Menschen erfunden wurden.

(Soweit ich wei√ü, spricht man heute in der Physik vom „Welle-Teilchen-Dualismus“. Nicht nur das Licht sondern alle Atome seien sowohl Welle – als auch Teilchen. √Ąhnliches sollte auch f√ľr Jesus gelten: Er war sowohl wahrer Mensch – als auch wahrer Gott; sowohl 100 Prozent Mensch – als auch 100 Prozent Gott. Genau wie die Bibel: sowohl 100 Prozent Menschenwort – als auch 100 Prozent Wort von Gott. Nicht: entweder – oder; sondern: sowohl – als auch. Die Physiker haben es inzwischen begriffen …)

III. Heil: Es war einmal – da hatte das Handwerk noch goldenen Boden. Damals gab es Schmiede, B√§cker, Schneider usw., die aus unter-schiedlichen Materialien mit unterschiedlichen Verfahren unterschiedliche Erzeugnisse herstellten. √Ąhnlich ist es in der Theologie. Auch hier werden aus unterschiedlichen Materialien mit unterschiedlichen Verfahren sehr unterschiedliche „Produkte gefertigt“.

Die Theologen von A) sind Zeugen. Sie finden Wahrheit vor. Was sie „geh√∂rt, gesehen, betrachtet, betastet“ (1Joh 1,1), was sie „akribisch erkundet“ (Luk 1,3) haben, das bezeugen sie. Der gro√üe Gott bzw. dessen Taten und Worte sind Norm und Vorgabe, an die all ihr Denken, Reden und Tun gebunden ist.

B) dagegen lehnt einen gro√üen Gott ab; deshalb akzeptiert man auch keine g√∂ttliche Vorgabe, der man verpflichtet w√§re. Hier ist es der gro√üe Mensch bzw. dessen W√ľnsche und Bed√ľrfnisse, an die alles Denken, Reden und Tun gebunden ist. Hier schafft der Mensch sich seine eigenen Normen. Wahrheit wird letztlich vom Menschen „hergestellt“. B)-Theologen sind Erzeuger.

Und genau dies ist der Kern der heutigen offiziellen evangelischen Theologie. Nochmals der SPIEGEL 50/1999: „SPIEGEL: Wenn sich nahezu alles, was √ľber Jesus in der Bibel steht, als unhistorisch erwiese, k√∂nnte es ihren Glauben ersch√ľttern? Lindemann: Nicht im Geringsten … Ich kann ihn [den Glauben] nicht davon abh√§ngig machen, was wir historisch forschenden Theologen jeweils feststellen.“ Und weiter: „SPIEGEL: War das Grab denn leer? Lindemann: Das wei√ü ich nicht. Aber selbst wenn das Grab und Reste des Leichnams Jesu gefunden w√ľrden, w√ľrde dies meinen Glauben an die Auferweckung Jesu durch Gott nicht ber√ľhren.“

Dies l√§uft letztlich auf eines hinaus: Die geschichtlichen Fakten sind eine Sache, der christliche Glaube ist eine andere. Beides hat im Grunde wenig miteinander zu tun. Der christliche Glaube ist nicht abh√§ngig von historischen Tatsachen, sondern er ist ein Produkt menschlicher Phantasie. Er wurde von der Urgemeinde bzw. den ersten Theologen frei erfunden. Oder mit anderen Worten, nochmals der „SPIEGEL: … Rudolf Augstein hat … folgenden Kernsatz formuliert: ‚Nicht, was ein Mensch namens Jesus gedacht, gewollt, getan hat, sondern was nach seinem Tode mit ihm gedacht, gewollt, getan worden ist, hat die christliche Religion … bestimmt.‘ Stimmen Sie dem zu? Lindemann: Ich w√ľrde es nicht so apodiktisch formulieren, aber im Prinzip kann ich diesem Satz zustimmen …“

Der bekannte Theologe R. Bultmann hatte diese Haltung auf die Spitze getrieben. Er war (H. Zahrnt „Die Sache mit Gott“; DTV 1982, S. 273) „der Meinung, da√ü wir vom Leben und von der Pers√∂nlichkeit Jesu so gut wie nichts mehr wissen k√∂nnen“. Folglich war hielt er das, was damals tat-s√§chlich geschehen ist, f√ľr belanglos. Er soll gesagt haben (S. 274): „es m√∂ge gewesen sein, wie es wolle“. Seine Nachfolger sind wieder etwas zur√ľckgerudert; dennoch auch sie sagen letztlich nichts anderes. Z. B. schreibt Prof. W. H√§rle in seiner Dogmatik (S. 305): Das Bild des Menschen Jesus von Nazareth sei „durch die – notwendigen – Vermittlungen und Interpretationen der √úberlieferung ausgeschm√ľckt und ver√§ndert worden“.

Und dieses „Ausschm√ľcken und Ver√§ndern“ ist kein abgeschlossener Proze√ü, sondern dauert an bis heute. Das ‚Erzeugen von Wahrheit‘ gilt als Kernkompetenz und Hauptaufgabe evangelischer Theologie. Deren zentraler Begriff lautet halt „Interpretation“: Die biblischen Texte werden √ľbernommen, ihre Aussage, ihre Bedeutung aber werden vom Wortsinn, vom „Buchstaben“, losgel√∂st und den aktuellen Bed√ľrfnissen ent-sprechend jeweils neu „erzeugt“ bzw. erfunden. In die alten Worte werden neue Inhalte gef√ľllt, in die alten Schl√§uche neuer Wein, in die alte Kirche immer wieder neues, anderes Evangelium.

F√ľr A) dagegen dauert das „Vorfinden von Wahrheit“ noch immer an. Gott redet und handelt bis heute. Der gro√üe, allm√§chtige Gott will auch heute eingreifen in die Geschichte und zwar in die ganz pers√∂nliche Geschichte eines jeden Menschen. Und das geschieht dort, wo der historische, der wirkliche, der auferstandene Jesus pers√∂nlich „mitten unter uns ist“ – und durch seinen Geist Menschen buchst√§blich „begegnet“, ihnen „Heil widerfahren“ l√§√üt, ihr Leben von Grund auf ver√§ndert. Der Auferstandene selbst ist – auch heute – „die Wahrheit“; er ist der Ma√üstab, an dem die gesamte A)-Theologie h√§ngt: „Ohne mich k√∂nnt ihr nichts tun“ (Joh 15,5).

Hinzu kommt: „Woran du dein Herz h√§ngst, das ist dein Gott“. Der Mensch sucht etwas, woran er sich halten, sich in der Not festklammern kann. Der Glaube braucht einen Haken, einen festen Punkt, an den er sich h√§ngen kann. A) sucht diesen Halt im „Wort Gottes“, in der Bibel. „Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen“ (Mt 24, 35). „Es steht geschrieben!“ ist das Fundament, auf das der A)-Glaube sich stellt. Und durch diese Worte hindurch klammert er sich an den, der f√ľr mich gestorben ist. Und in Christus h√§nge ich am ewigen, allm√§chtigen Gott.

B) dagegen lehnt verbindliche Vorgaben ab. Folglich kann auch die Bibel keinen festen, belastbaren Halt bieten. Also mu√ü der B-Glaube einen anderen Aufh√§nger suchen. Auch den bringt Bultmann wieder auf den Punkt (H. Zahrnt, a.a.O. S. 263): „Das Wort der Verk√ľndigung ist der Grund des Glaubens, es ist sein einziger Grund.“ Und weiter (S. 259): „Die Predigt geh√∂rt zum Heilsgeschehen hinzu, sie selbst ist das Heilsgeschehen.“ Hier soll der Glaube sich h√§ngen an den Prediger; soll Halt finden in dem, was der jeweilige Pfarrer sich ausdenkt und von der Kanzel verk√ľndet. In der Not, im Leben und im Sterben, soll ich mich klammern an das, was das historisch-kritische Theologenhirn erzeugt.

Zugespitzt hei√üt das: A) glaubt, durch die Bibel hindurch ist „Christus uns gemacht von Gott zur Weisheit und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erl√∂sung“ (1Ko 1,30). B) meint im Kern, „der Theologe hat sich gemacht zur Weisheit und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erl√∂sung“. Bei A) dreht sich alles um die – in der heiligen Schrift bezeugte – Person des Auferstandenen; hier glaubt man an Jesus Christus; bei B) dreht sich alles um die Person des Theologen; dort soll man letztlich an seinen Pfarrer glauben. Kurz: f√ľr A) gilt allein Christus und allein die Bibel, „solus Christus“ und „sola scriptura“; bei B) z√§hlt allein der Theologe und dessen Wort, „solus theologus“ bzw. „solo verbo“.

In der Folge sucht A) ein „Heil“, das direkt von Gott kommt, das buchst√§blich √ľbernat√ľrlich, nicht von dieser Welt ist. A) bittet um Trost, Hilfe, Kraft, Segen ‚Ķ die menschliche M√∂glichkeiten weit √ľbersteigen; um einen „Frieden, der h√∂her ist denn alle Vernunft“. Gott selbst „heilt“ den Menschen – und wirkt durch ihn hindurch heilend in die Welt hinein. Deshalb lautet der Kernsatz des A)-Glaubens bzw. sein gr√∂√ütes Gebot: „Du sollst Gott lieben von ganzem Herzen und deinen N√§chsten wie dich selbst.“ Hier geht es um Gott und den Menschen, um Gott und die Welt.

B) dagegen sucht ein „Heil“ zu verwirklichen, das Menschen sich ausdenken; sucht das umzusetzen, was Theologen unter einer „heilen Welt“ verstehen. Die h√∂chsten Ziele hei√üen hier: „Frieden, Gerechtigkeit, Umweltschutz“. D. h., es geht letztlich nur um den Menschen bzw. nur um die Welt. Wobei man sich weniger um das „Heil“ des Einzelnen m√ľht sondern um die Verh√§ltnisse, die Lebensbedingungen, eben um eine „heile Welt“. Z. B. sollte beim Kirchentag in Bremen 2009 „die weltweite Wirtschaftskrise im Zentrum … stehen“; man wollte „den Sinn f√ľr Verantwortung sch√§rfen“ und „neue, ‚eben menschliche Ma√üst√§be‘ f√ľr die Gesellschaft … finden“ („DIE+Kirche“ 3/09). Eine – im eigentlichen Sinne – religi√∂se Botschaft ist von den Kirchentagen nicht zu h√∂ren.

Wohlgemerkt: Diese Haltung wird oft genug in eine fromme Sprache gewickelt. Dann werden „Christus“ und „der Geist Gottes“ leicht zu Aktivisten, die immer haargenau die Weltverbesserungs-Pl√§ne unterst√ľtzen, die gerade aktuell sind. Und „Gott“ erinnert an einen Wunschzettel zu Weihnachten: wie auf einem leeren Bogen Papier werden ihm all die Eigenschaften und Absichten zugeschrieben, die B) sich w√ľnscht. Doch auch wenn diese religi√∂se Verpackung geschickter erfolgt, bleibt im Kern der grundlegende Unterschied: Bei A) will Gott den einzelnen Menschen heilen und durch ihn hindurch die Welt verbessern; bei B) will der Mensch die Welt heilen und dadurch dem einzelnen Menschen ein besseres Leben erm√∂glichen.

Nochmals: dies alles soll nicht hei√üen, die einen sind die Guten und die anderen die B√∂sen. Auch wir von A) predigen oft genug „uns selbst“, sprich: von Gott losgel√∂ste fromme Theorien; d. h., wir bleiben Lichtjahre hinter unseren Anspr√ľchen zur√ľck. Dennoch bleibt der grundlegende Unterschied:

A) nutzt als „Material“ die Worte und Taten Gottes, vorgegeben in der Geschichte seines Volkes Israel, in seinem Sohn (dem historischen Jesus), in seinem Wort (der Bibel) und heute durch seinen Geist, um mit dem Verfahren Bezeugen, Dienen, Haushalten (1Ko 4,1) als Produkt ein von Gott geschenktes, √ľberweltliches, ewiges „Heil“ zu vermitteln.

B) dagegen nutzt als Material den menschlichen Geist, die menschliche Intelligenz, die menschliche Phantasie um mit dem Verfahren Interpretation, Ausdenken, Erfinden, Erzeugen als Produkt eine „heile Welt“ zu schaffen, d. h. ein zeitliches, innerweltliches, von Menschen gemachtes „Heil“ (gern „Schalom“ genannt).

In Klammer: Manche Vertreter von B) sehen in ihrem gro√üartigen Schaffen etwas mitleidig auf das eher unscheinbare Dienen ihrer Kollegen von A) herab. Z. B. gilt die Ausbildung an den von A) verantworteten Bibelschulen als „unwissenschaftlich“ und wird in unserer Kirche nicht anerkannt. Auch liest man in der kirchlichen Presse mitunter Bemerkungen wie: die von A) seien „eher einfach gestrickt“ (DIE+KIRCHE) oder sie h√§tten „den Verstand an der Kirchent√ľr“ abgegeben (Zeitzeichen) usw. D. h., die Vertreter von A) gelten im Theologen-Olymp als ein wenig beschr√§nkt.

Umgekehrt ist es mir schleierhaft, wie intelligente Menschen ihr ganzes Leben solch sinnloser Hirnakrobatik widmen können? Oder wie sie mit den leeren, selbstgestrickten B)-Theorien die Kirche erhalten wollen? A) und B) sind halt völlig unterschiedliche Welten. Klammer zu.

IV. Rechtfertigung: Es d√ľrfte eine Binsenweisheit sein: die Welt ist nicht so, wie sie sein sollte. Auch ich bin nicht so, wie ich sein sollte. Und das gilt f√ľr alle Menschen: Der heilige Gott h√§tte allen Grund, uns aus seinem Reich auszuschlie√üen; Abstand zu wahren; uns auf Distanz zu halten. Auf einer Distanz wie zwischen Sonne und M√ľcken: der Abstand der S√ľnde.

Um diesen Abstand zu √ľberwinden, braucht es ein gewaltiges, alles ver√§nderndes Geschehen: „Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, da√ü er seinen eingeborenen Sohn gab, auf da√ü alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben“ (Joh 3,16). Jesus Christus hat am Kreuz diese unendliche Distanz zwischen Gott und Menschen √ľberwunden; er hat eine Br√ľcke gebaut, einen Weg gebahnt. Der Mensch kann den Weg √ľber diese Br√ľcke gehen durch Glauben; und zwar allein durch Glauben, „sola fide“. Dieser Grundsatz ist offenbar so wichtig, da√ü die ehemalige Landeskirche der Kirchenprovinz Sachsen ihn seinerzeit in ihre Grundordnung (Kirchenverfassung) aufgenommen hatte (Vorspruch 3): Die Kirche „bekennt … da√ü Jesus Christus allein unser Heil ist … empfangen allein im Glauben.“

Soweit Rechtfertigungslehre A); nun zu Rechtfertigungslehre B). Die klingt sehr √§hnlich, besagt aber etwas v√∂llig anderes. Zum Beispiel: In Magdeburg gibt es das Domgymnasium, eine „christlich orientierte Schule in freier Tr√§gerschaft“. In der Schulschrift 2003/5 schrieb ein Religionslehrer zur Frage „Woran zeigt sich, da√ü unsere Schule eine christliche Schule ist?“ Dort hei√üt es (unter Berufung auf Prof. W. H√§rle): Das christliche Menschenbild beruhe auf der „Rechtfertigung des Menschen vor Gott … Luther definiert den Menschen als justificari fide (aus Glauben gerechtfertigt)“.

Oder: Prof. E. J√ľngel ist der derzeit wohl bekannteste evangelische Theologe in Deutschland. 2002 hat er vor dem Bioethik-Kongre√ü in Berlin – also vor nichtchristlichem Publikum – Thesen vorgestellt „Zum christlichen Verst√§ndnis des Menschen aus theologischer Sicht“. In These 4 hei√üt es: „Als gerechtfertigter S√ľnder bleibt er [der Mensch] die [unwiderruflich] von Gott bejahte und anerkannte Person“ (www.ekd.de).

Oder: Am 02. Juni 2008 hat die Bischofskonferenz der VELKD eine Erkl√§rung ver√∂ffentlicht „Die Rechtfertigung des Menschen vor Gott“. Darin hei√üt es: „Nach christlicher √úberzeugung ist der Mensch … von Gott bejaht, geliebt, anerkannt, und das hei√üt: gerechtfertigt“.

Da√ü es Menschen geben k√∂nnte, die nicht (aus Glauben) „gerechtfertigt“ sind, wird dabei weder vom Religionslehrer noch von Prof. J√ľngel noch von den lutherischen Bisch√∂fen erw√§hnt. Diese M√∂glichkeit wird nicht in Betracht gezogen; im Gegenteil, Prof. J√ľngel schreibt an anderer Stelle („Das Evangelium von der Rechtfertigung des Gottlosen als Zentrum des christlichen Glaubens“, Mohr Siebeck 1998, S. 227f), Menschen w√ľrden „auch im schlimmsten Fall“ die „unzerst√∂rbare W√ľrde einer von Gott gerechtfertigten menschlichen Person“ besitzen.

F√ľr A) braucht es zur Rechtfertigung Gnade und Glauben, „sola gratia“ und „sola fide“; Joh 3,36: „Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben. Wer dem Sohn nicht glaubt, der wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt √ľber ihn.“ Hier gibt es eine Trennung zwischen „gerechtfertigt“ und „nicht gerechtfertigt“; eine Grenze zwischen drinnen und drau√üen, zwischen gerettet und verloren, zwischen ‚Reich Gottes‘ und ‚der Welt‘, zwischen Himmel und H√∂lle.

F√ľr B) dagegen hat der Glaube praktisch keine Bedeutung. Dort gilt nur „sola gratia“. Dort ist ‚der Mensch an sich‘, d. h. jeder Mensch, aus Gnaden gerechtfertigt. B) kennt kein „Entweder – Oder“, keine Trennung, keine Grenze. Dort existiert nur ein einziges gro√ües Ganzes; man glaubt nur drinnen, nur gerettet, nur Himmel und Reich Gottes.

Mit anderen Worten: Gnade heißt, eine nach geltendem Recht gebotene Strafe wird erlassen. Unschuldige brauchen keine Gnade; sie können Gerechtigkeit verlangen. Der Schuldige jedoch ist auf Gnade angewiesen. Allerdings, er hat keinerlei Anspruch darauf; er kann sie weder fordern noch erstreiten noch erkaufen. Sein Schicksal liegt einzig und allein in der Hand dessen, der begnadigen kann. Der Schuldige ist vollkommen abhängig von ihm und seiner Entscheidung.

Doch genau das will B) nicht akzeptieren. Deshalb wird „Rechtfertigung“ konstruiert als eine Art g√∂ttliche Generalamnestie, durch welche die gesamte Menschheit ein f√ľr alle Mal unwiderruflich „aus Gnaden gerechtfertigt“ sei. Zorn Gottes, strafende Gerechtigkeit, verurteilendes Gericht oder gar ewige Verdammnis werden ausgeschlossen. Kurz: B) legt Gott fest; l√§√üt ihm keine Wahl; nimmt ihm jeden Entscheidungsspielraum: Er wird zum Gn√§digsein gezwungen, zum Begnadigen verurteilt; Gott wird zum Gnade Gew√§hren regelrecht verdammt. Anders ausgedr√ľckt: in der B)-Rechtfertigungslehre eignet der Mensch sich die Gnade an; er schreibt sich Rechtfertigung als unzerst√∂rbaren, unverlierbaren Besitz fest; der Mensch stellt sich selbst einen „unwiderruflichen“ modern-theologischen Ablassbrief aus, der die Vergebung s√§mtlicher S√ľnden in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft garantiert.

Noch eines: ‚Begnadigung‘ kann nicht verdient werden. Dennoch sollte der Schuldige schon deutlich machen, 1.) da√ü er seine Schuld bereut. „Gott, sei mir S√ľnder gn√§dig“, sagte der Z√∂llner im Gleichnis und ging gerechtfertig hinab; nicht aber der Pharis√§er, der meinte, diese Haltung nicht n√∂tig zu haben. Und 2.) da√ü er, der Schuldige, gewillt ist, „hinfort nicht mehr zu s√ľndigen“ d. h. die geltende Rechtsordnung anzuerkennen. Er sollte – mit Paulus gesprochen (Phil 2,10f) – „die Knie beugen in dem Namen Jesu und bekennen, da√ü Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.“

Deshalb spielt „Bu√üe“ f√ľr A) eine entscheidende Rolle. „Da unser Herr und Meister spricht: ‚Tut Bu√üe‘ usw., hat er gewollt, da√ü das ganze Leben der Gl√§ubigen Bu√üe sei …“, beginnt Luther die Geburtsurkunde unserer evangelischen Kirche. B) dagegen empfindet das Ansinnen, vor einem gerechten, heiligen und deshalb auch konsequenten Gott die Knie beugen zu m√ľssen als „m√∂rderischen Alptraum“ (Drewermann). Deshalb schafft man sich halt eine Rechtfertigungs-Theologie, die „Bu√üe“ vor Gott √ľberfl√ľssig macht.

Falls dann Fragen aufkommen wie Apg 2,37 „Ihr M√§nner, liebe Br√ľder, was sollen wir tun?“ oder Apg 16,30 „Was soll ich tun, da√ü ich gerettet werde?“, so antwortet A): Ja, du mu√üt und du kannst etwas tun – n√§mlich „Bu√üe … zur Vergebung deiner S√ľnden“. Heute ist der Tag deines Heils! Heute kann dir Heil widerfahren! Darum, bitte, komm her√ľber √ľber die Grenze; lasse dich vers√∂hnen mit Gott: „Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig“.

B) dagegen hat daf√ľr kein Verst√§ndnis. Dort m√ľ√üte die Antwort lauten: Kein Grund zur Sorge, du bist schon gerettet, d. h. gerechtfertigt; deine S√ľnden sind dir vergeben; du bist mit Gott vers√∂hnt. Du brauchst dazu nichts tun. Dies alles ist unwiderruflich unzerst√∂rbare Wirklichkeit f√ľr dich. Deshalb mu√ü heute nichts mehr geschehen. Mit dir ist alles in Ordnung!

Mit anderen Worten: Bei A) ist Rechtfertigung „Konjunktiv“; eine M√∂glichkeit, die „allein durch Glauben“ zur Wirklichkeit wird. F√ľr B) ist Rechtfertigung „Indikativ“ (J√ľngel); eine f√ľr jeden Menschen „unzerst√∂rbare“ Wirklichkeit. Oder wie Bonhoeffer es formuliert: bei A) ist Rechtfertigung „Resultat“; f√ľr B) ist sie „prinzipielle Voraussetzung f√ľr eine Kalkulation“.

Auch hier geht es nicht um die Guten oder die B√∂sen. Auch bei A) ist die Grenze oft genug nur leere Theorie; bzw. uns fehlt die geistliche Kraft, Menschen √ľber diese Grenze zu helfen. Dennoch, in diesem Punkt m√ľssen die Vertreter von B) sich fragen lassen, ob ihnen nicht genau die Jacke pa√üt, die ihre Kollegen bereits vor 2000 Jahren anziehen mu√üten: „Weh euch, Schriftgelehrte und Pharis√§er, die ihr das Himmelreich zuschlie√üt vor den Menschen! Ihr gehet nicht hinein, und die hinein wollen, die la√üt ihr nicht hineingehen“ (Mt 23,13)? Das ist die gro√üe Frage an J√ľngel, H√§rle und Kollegen: „Die hinein wollen, la√üt ihr nicht hinein – weil ihr sagt: Friede, Friede und ist doch kein Friede!“?

Und B) mu√ü sich die Frage gefallen lassen: Wenn alle Menschen vor Gott gerecht sind – wozu soll man sie dann noch missionieren? Wozu braucht es dann noch eine Kirche? Mit ihrem bequemen, Bu√ü-losen Glauben rauben die B)-Theologen der kirchlichen Arbeit Ziel und Motivation. Sie betten den Menschen (bzw. sich selbst) in eine sichere, „unzerst√∂rbare“ Gnade – doch unsere Kirche geht daran kaputt. Bonhoeffer ist heute aktueller denn je: ‚ÄěDie billige Gnade ist der Todfeind unserer Kirche‚Äú.

In Klammer: 1. Falls jemand diese Ausf√ľhrungen ins Reich der M√§rchen verweist, der lese bitte das Grundsatzreferat von Prof. J√ľngel vor der EKD-„Missionssynode“ 1999. Finden sich dort Hinweise auf eine Grenze zwischen „gerettet und verloren“? Finden sich dort Begriffe [bzw. ‚die Sache dahinter‘] wie „Rettung“, „Bu√üe“, „sola fide“ . . . ? Oder betont er da: „Das ist der souver√§ne Indikativ des Evangeliums: dass die ganze Welt bereits im Licht der Gnade Gottes existiert, dass also auch der noch nicht ‚missionierte‘, dass auch der noch nicht ‚evangelisierte‘ Mensch bereits vom Licht des Lebens erhellt wird“?

2.¬† Immerhin, J√ľngels Aussagen sind v√∂llig korrekt und zutreffend – f√ľr Adam und Eva im Garten Eden. Da√ü aber inzwischen der S√ľndenfall eingetreten ist, scheinen die B)-Theologen nicht bemerkt zu haben. Folglich treiben sie eine Paradies-Theologie, die die S√ľnde ignoriert. Klammer zu.

V. Sprache: „Gehet hin und machet zu J√ľngern alle V√∂lker: taufet sie … und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe“ (Mt 28,19f). Der Ruf nach „Mission“ t√∂nt derzeit bis in die letzten Winkel unserer Kirche. Zu diesem Zwecke will A) das Evangelium m√∂glichst klar und eindeutig predigen. Man schaut dem Volk aufs Maul, um ihm „die gro√üen Taten des HERRN“ verst√§ndlich bezeugen zu k√∂nnen. Das Volk soll genau verstehen, wovon die Rede ist. Es soll wissen, was es glauben kann und was nicht; wof√ľr oder wogegen es sich entscheiden mu√ü. Die M√ľcken sollen verstehen, was der gro√üe, allm√§chtige Gott ihnen zu sagen hat; welch ungeheure Bedeutung seine Worte haben; was dabei auf dem Spiel steht: buchst√§blich ewiges Leben oder ewiger Tod.

Bei B) dagegen hat man ein Problem. Wenn deren √úberzeugungen f√ľr jedermann verst√§ndlich formuliert w√ľrden, g√§be es √Ąrger. Wenn z. B. laut gesagt w√ľrde: Wir glauben nicht „an Gott … den Allm√§chtigen, den Sch√∂pfer des Himmels und der Erden“; oder: Wir glauben nicht „geboren von der Jungfrau Maria“; oder: Wir glauben nicht „am dritten Tage auferstanden von den Toten“ usw., dann g√§be es gewaltige Schwierig-keiten mit dem Papst, in der √Ėkumene und in den eigenen Gemeinden. Und man st√ľnde nackt und blo√ü in der √Ėffentlichkeit: Wer braucht schon eine Kirche, die nichts anderes predigt als die s√§kulare Umwelt auch?

Also l√§√üt man sich etwas einfallen. Nochmals der „SPIEGEL: Dass die Jungfrauengeburt nicht historisch ist, ist feste protestantische √úberzeugung … Ist es f√ľr Sie ein Problem, einerseits √ľberzeugt zu sein, dass es keine Jungfrauengeburt gegeben hat, und andererseits das Glaubensbekenntnis zu sprechen: ‚geboren von der Jungfrau Maria‘? Lindemann: Nein, √ľberhaupt nicht …“ (SPIEGEL 50/99, S. 134). Hier best√§tigt ein Theologie-Professor in der Presse: Unser Glaubens-bekenntnis ist sachlich falsch. Wir Protestanten glauben selber nicht, was wir Sonntag f√ľr Sonntag in unseren Gottesdiensten √∂ffentlich bekennen. Wir bezeugen einen Glauben, den wir gar nicht haben. Wir denken „Jungfrau falsch“, bekennen aber „Jungfrau richtig“; wir glauben „nein“, aber wir bezeugen „ja“; wir meinen „schwarz“, aber wir sagen „wei√ü“.

Dieser Geisteshaltung begegnet man in unserer Kirche auf Schritt und Tritt. Der unter I. zitierte Student Florian Dieckmann d√ľrfte inzwischen Vikar bzw. Pfarrer sein. Als solcher zieht er sich einen Talar an, tritt vor die Gemeinde und spricht mit lauter Stimme: ‚ÄúIch glaube an Gott …“ Und im Stillen denkt er: Der Thron im Himmel ist leer; da sitzt keiner, der regiert.

Oder: Professor Lindemann behauptet im SPIEGEL, das leere Grab sei eine Legende; d. h. er und viele seiner Kollegen sind √ľberzeugt, Jesus sei im Grab verfault wie jeder andere Mensch auch. Und dennoch bekennen sie alle: „Ich glaube … an Jesus Christus … am dritten Tage auferstanden von den Toten.“

Oder: Der s√§chsische Bischof verschickt Rundschreiben an seine Pfarrer und Gemeinden. Im Sommer 2006 war dem ein „hilfreicher Vortrag“ der Leipziger Theologie-Professorin G. Schneider-Flume beigef√ľgt „Jesus Christus als Mitte der Schrift“. Darin hei√üt es: „Aberglaube wirft sich auf die √úbermacht – sei es in der H√∂he oder in der Tiefe, die Macht, die ‚alles kann‘. Das ist die Allmacht des Selbst, oder die Projektion des Allesmacher-Gottes, die Macht der W√ľnsche und des Sehnens“. Auch hier: Bischof und Professorin bekennen „Ich glaube an Gott … den Allm√§chtigen“ – und im Stillen denken sie, das sei Aberglaube.

Wenn ein Mensch seine Seele aushaucht, stirbt er. Bei B) haben die Worte ihre Seele verloren. Gott, der Allm√§chtige, Sch√∂pfer, Jungfrau, Auferstehung, Heiliger Geist, Vergebung der S√ľnden ‚Ķ bis hin zur Auferstehung der Toten und dem ewigem Leben. Sie alle werden st√§ndig benutzt, aber sie sagen nichts mehr. Diese Worte sind leer und tot. Und mit den Worten hat auch die Sache ihre Seele verloren. Der Glaube ist kaum mehr als ein leeres Gef√§√ü: fromme Formeln ohne Inhalt, ohne Leben, ohne Kraft. Alle sprechen das gleiche Bekenntnis, doch das hat jeden Wert verloren. Es ist „dumm geworden“ (Mt 5,13). Es wurde auf die Stra√üe gesch√ľttet und wird von den Leuten zertreten. Jedermann kann es benutzen, sprich: deuten, wie er oder sie es gerade braucht.

Nicht zu vergessen: B)-Theologen sind intelligent! Sie wissen sich darzustellen. Sie wissen genau, was das jeweilige Publikum h√∂ren will. So k√∂nnen sie praktisch jedermann ‚besoffen reden‘. Doch genau das ist das Problem. Unsere Kirche wirkt wie ‚besoffen‘: N√ľchterne, auf die Gemeindepraxis bezogene Theologie findet kaum noch statt. Selbst in den einfachsten Fragen des Glaubens herrscht (weithin) Unsicherheit oder schlicht Schweigen. Die erdr√ľckenden theologischen Probleme werden nicht angepackt geschweige denn gekl√§rt. Es wird zwar viel und fromm geredet – doch hinter all den sch√∂nen Worten breitet sich die t√∂dliche Leere immer weiter aus.

Zum Beispiel das „Wort Gottes“. A. Noack, Bischof der Kirchenprovinz Sachsen, sagte in Bibel-TV (vor eher frommen Publikum): „F√ľr mich ist die Bibel Gottes Wort“.

Kirchenpr√§sident P. Steinacker in Hessen und Nassau dagegen meint (zeitzeichen 11/05, S. 39;¬† vor eher liberalen Lesern): „das Wort Gottes ist kein Buch sondern ein lebendiges Geschehen“.

Fachtheologen bieten h√§ufig eine dritte Variante an: „Die Bibel ist nicht Gottes Wort, aber sie enth√§lt Gottes Wort“. So warnt der badische Landesbischof U. Fischer vor „einem ’naiven Biblizismus‘, der das Wort Gottes mit den Worten der Bibel gleichsetze. Vielmehr lasse sich in einem mehrstufigen Verfahren aus theologischen, historischen und soziolo-gischen Einsichten ein ethisches Urteil gewinnen, ‚das beanspruchen kann, an dem aus der Bibel zu uns sprechenden Wort Gottes orientiert zu sein'“ (badische Synode im April 2012; nach www.idea.de).

N. Schneider, Pr√§ses der rheinischen Landeskirche und EKD-Ratsvorsitzender, ist etwas gro√üz√ľgiger. Im Blick auf den Kirchentag (ideaSpektrum 13. 06. 07) sagte er: „Das Wort Gottes ist die Klammer, die die F√ľlle der Veranstaltungen umschlie√üen soll.“ Fernsehpfarrer Fliege, der Dalai Lama, Muslime, j√ľdische Schriftgelehrte, PDS-Atheisten … – sie alle werden von „der Klammer des Wortes Gottes“ umschlossen?

Kurz: in der gro√üen, bunten EKD scheint jeder Bischof √ľber ein eigenes „Wort Gottes“ zu verf√ľgen?

Oder wenn der Papst meint, die Evangelischen seien keine richtige Kirche. Dann stehen diese trutzig auf und protestieren: Kirche sei dort, „wo das Evangelium rein gepredigt“ werde. Sehr sch√∂n und sehr lutherisch! Doch wer pr√ľft denn nach, ob in den evangelischen Gottesdiensten das Evangelium tats√§chlich „rein“ gepredigt wird? Und vor allem, was hei√üt das √ľberhaupt: „Evangelium rein predigen“? Was genau unterscheidet denn reines Evangelium von unreinem, von schmutzigem Evangelium?

Der ehemalige Wolfsburger Superintendent Dr. H. Koch ist wahrhaft kein Pietist. Dennoch schreibt er in „Die Kirchen und ihre Tabus“ (2006, Patmos Verlag D√ľsseldorf) auf Seite 81: „Man bringt ‚Das Evangelium‘ immer dann ins Spiel, wenn dessen Autorit√§t als das Wort Gottes einem kirchlichen Anliegen besonderes Gewicht verleihen soll. Da sie so gut wie nie mit Inhalt gef√ľllt wird, eignet sich die Worth√ľlse ‚Evangelium‘ bestens dazu, wie ein Nagel benutzt zu werden, den man bei Bedarf in die Wand schl√§gt, um ein jeweils anderes, aber in den jeweiligen Zusammenhang passendes Bild aufzuh√§ngen.“ Auf deutsch: das evangelische Kirchenverst√§ndnis ist (heute!) kaum mehr als „verbo“-Schaum, fromm klingendes Gerede ohne ernsthafte Aussage.

Eine solche Nagel-Rolle scheinen inzwischen alle Grundworte des Glaubens zu spielen. Sie alle haben keine verbindliche inhaltliche Substanz mehr. Letztlich kann jeder Theologe damit ausdr√ľcken, was er will; oder eben seine je eigenen W√ľnsche und Theorien daran aufh√§ngen. So hat kirchliches Reden (heute!) ein trauriges Gef√§lle: von klaren Worten hin zu tr√ľben Sprachnebeln, von eindeutigen Aussagen zu verschwommenen Andeutungen, vom Inhalt zur Form, vom Sein zum Schein, vom Suchen bzw. Bezeugen von Wahrheit hin zur Selbstdarstellung; kurz: ev. Kirche ‚Äúplappert wie die Heiden‚Äú: es wird viel geredet, aber kaum noch etwas gesagt.

Wohlgemerkt: Auch bei A) redet man oft genug frommes Fach-Chinesisch bzw. unverst√§ndliches Kanaan√§isch; wir sprechen oft von Gott und meinen doch nur uns selbst, unser frommes Ego. Dennoch, hier in diesem Punkt geht es tats√§chlich darum: Die einen sind die Guten und die anderen die B√∂sen! Denn die von B) tun Unrecht: Sie sind Diebe. Sie stehlen Zeichen; sie stehlen Worte; sie stehlen Sprache. Genauer: Sie stehlen Gef√§√üe mit der Aufschrift „Gott“; doch den gie√üen sie aus und f√ľllen stattdessen „Mensch“ hinein. Das Ganze verkaufen sie dann als „reines Evangelium“.

„H√ľtet euch vor dem Sauerteig der Pharis√§er, welches ist die Heuchelei“ (Luk 12,1). Dieser Sauerteig tr√§gt heute die vornehm-wissenschaftliche Bezeichnung „Interpretation“ und genau die ist wie ein Krebsgeschw√ľr, das Sprache, Theologie und Glauben zerfrisst. Die „Kirche des Wortes“ lebt von der Klarheit ihrer Sprache – und wenn die Worte sterben, stirbt die Kirche mit ihnen. Die von B) verursachte babylonische Kirchen-Sprachverwirrung, sprich: die Interpretations-Heuchelei, ist durch nichts, aber auch gar nichts, zu entschuldigen!

In Klammer: Es k√∂nnte sein, da√ü jemand √ľberzeugt ist, der Eiffelturm st√ľnde in Berlin. Dann w√ľrde er diese seine Meinung u. U. aus tiefsten, ehrlichen Herzen vertreten. Dennoch ist sie falsch. Und eine falsche √úberzeugung bleibt falsch, auch wenn sie tausendfach geglaubt und wiederholt wird.

Theologen haben „Interpretation“ mit der akademischen Muttermilch aufgesogen. Folglich sind viele von ihnen zutiefst √ľberzeugt, Gott, Kirche und Menschheit einen Dienst zu erweisen, wenn sie Bibel und Bekenntnis umdeuten. Dennoch, die deutsche Sprache ist eine recht eindeutige Sprache: Ja hei√üt ja und nein hei√üt nein; richtig meint richtig und falsch meint falsch, Jungfrau bedeutet Jungfrau und Etikettenschwindel ist Etikettenschwindel. Wenn man Worte der deutschen Sprache in einem anderen Sinne verwendet, als ’normale Menschen‘ sie verstehen, dann ist das Betrug! Klammer zu.

VI. Wahrheit: In W√ľrttemberg wird die Synode der Landeskirche in den Gemeinden direkt gew√§hlt. Folglich bietet diese Synode – als einzige in der EKD – ein realistisches Abbild der Situation in dieser Kirche; sprich: es gibt u. a. je eine starke Fraktion von A) und von B), „Lebendige Gemeinde“ und „Offene Kirche“. Anfang 2002 bat der damalige – in der EKD ebenfalls einzige – A)-Bischof die Synodalen, nach einem „theologischen Grundkonsens“ zu suchen; d. h. „in allgemein verst√§ndlicher Weise die Inhalte evangelischen Glaubens“ darzustellen. Das wurde versucht – und scheiterte. Die Mitglieder der Synode einer Landeskirche konnten sich nicht darauf einigen, was sie denn gemeinsam glauben!

Dies konnte so nicht im Raum stehen bleiben. Also wurde ein zweiter Versuch gestartet. Heraus kam „Daran glauben wir“; zehn Merks√§tze mit kurzen Erkl√§rungen, von „Gott der Sch√∂pfer“ bis „Die neue Welt – Gottes Zukunft f√ľr uns“. Der Autor hat sie gelesen – und nichts gefunden, wor√ľber er h√§tte meckern k√∂nnen. Er findet sonst immer was, hier aber nichts, absolut nichts. Aber: er hat auch nichts gefunden, das sich ihm eingepr√§gt hat, das ihn bewegt oder geholfen hat. Es ist ein runder, glatter Text ohne Ecken und Kanten. Er wurde zwischen A) und B) so lange gerieben, bis alle Substanz aufgeweicht und jedes Profil abgeschliffen war.

Wohlgemerkt: der Versuch war wichtig und aller Ehren wert(!), auch ist das Ergebnis nicht schlecht. Dennoch, man h√§tte auch anders verfahren k√∂nnen, n√§mlich Gemeinden und √Ėffentlichkeit aufkl√§ren, ihnen die Wahrheit sagen: „In unserer Landeskirche begegnen sich zwei unterschiedliche Religionen; folglich existieren auch zwei unterschiedliche Theologien und zwei unterschiedliche Formen von Glauben. Beide Seiten vertreten gegens√§tzliche √úberzeugungen und sind nicht zu vereinbaren: A) glaubt das und das; B) glaubt dies und jenes; in den Punkten sind wir grunds√§tzlich verschiedener Meinung; in jenen Fragen gibt es einige Gemeinsamkeiten.“

Man h√§tte dies tun k√∂nnen im Vertrauen darauf, da√ü „Wahrheit frei macht“: frei zu gegenseitigem Verstehen, zu eigenem Denken, zu bewussten Entscheidungen. Doch genau dies scheint unsere Kirche zu f√ľrchten wie der Teufel das Weihwasser. Also werden die Gegens√§tze √ľbert√ľncht, die offenen Fragen vernebelt, die Probleme sch√∂ngeredet. Man verr√ľhrt beide Religionen und sucht ein harmonisches Miteinander zu demonstrieren. Doch solch ein harmonisches Miteinander ist ausgeschlossen. Gott akzeptiert die Herrschaft des Menschen nicht und der Mensch duldet die Herrschaft Gottes nicht. Also liegen A) und B) in einem st√§ndigen, erbitterten Streit; einem Streit, der beide Seiten l√§hmt, sie aufreibt, ihnen schwersten Schaden zuf√ľgt.

Zum Beispiel: Viele Theologie-Studenten kommen aus Familie und Gemeinde von einer A)-Pr√§gung her. Im Studium werden sie dann mit knallharter B)-Theologie konfrontiert. Doch ihnen wird nicht die Wahrheit gesagt: Die Gegens√§tze und Widerspr√ľche der ev. Theologie werden verschwiegen; stattdessen werden ihnen die B)-Theorien als der einzig wahre (weil „wissenschaftliche“) christliche Glaube eingebl√§ut. D. h., die Studenten werden nicht sachlich informiert, sondern einseitig „missioniert“ (richtiger wohl: manipuliert). Das Ergebnis sind oft genug theologisch gespaltene Pers√∂nlichkeiten, geistliche Zwitterwesen: in ihnen stecken Reste von A) vermengt mit Elementen von B); von allem etwas, nur nichts richtig. In der Folge ist das A)-Lager heute nur noch ein Schatten seiner selbst.

√Ąhnlich ergeht es den Neutralen; all denen, die irgendwo zwischen den St√ľhlen sitzen, vielleicht weil sie dieses Spiel nicht durchschauen: Ein wenig A), ein wenig (mehr) B), irgendwo zwischen ‚ÄúGott‚Äú und ‚ÄúMensch‚Äú, weder Fisch noch Fleisch; „glatte“ Pfarrer mit einem „glatten“ Glauben ohne Ecken und Kanten, ohne innere Kraft; weder f√ľr Gott noch f√ľr den Menschen wirklich zu gebrauchen.

Die B)-Seite ist auch nicht besser dran. Sie hat zwar¬† – abgesehen von W√ľrttemberg – alle wichtigen Positionen in EKD und Landeskirchen fest im Griff. Doch daf√ľr m√ľssen ihre Vertreter sich in die Formen, in die Kleider, von A) zw√§ngen. Und die passen einfach nicht. Wenn „Mensch“ sich selbst als „Gott“ verkauft, wirkt das wenig √ľberzeugend: Predigten, „Wort zum Sonntag“, Andachten in Rundfunk und Presse, die unz√§hligen Papiere aus Synoden und Kirchenleitungen … Menschliche Klugheit mit religi√∂sen Andeutungen garniert: nett, „glatt“, belanglos.

Diese Belanglosigkeit hat auch das Herz der evangelischen Theologie erfasst, die Rechtfertigungslehre. Zum Beispiel Prof. E. J√ľngel: In dem im Kapitel IV genannten Buch bescheinigt er auf Seite 228f dem Menschen „auch im schlimmsten Fall“ die „unzerst√∂rbare W√ľrde einer von Gott gerechtfertigten menschlichen Person“. Auf Seite 211 dagegen hie√ü es noch: „In diesem Sinne ist nun noch einmal einzusch√§rfen, da√ü es allein der Glaube ist, durch den der Mensch gerechtfertigt wird, da√ü der Mensch sola fide eine gerechtfertigte und also neue Person wird.“ Mal B), mal A) – immer wie man es gerade braucht?

Oder: 1999 wurde die „Gemeinsame Erkl√§rung zur Rechtfertigungslehre“ verabschiedet: „Die Rechtfertigung wird uns zuteil durch Christus Jesus, ‚den Gott dazu bestimmt hat, S√ľhne zu leisten mit seinem Blut, wirksam durch Glauben‘ … Allein durch Christus werden wir gerechtfertig … die Lehre von der Rechtfertigung … ist ein unverzichtbares Kriterium, das die gesamte Lehre und Praxis der Kirche unabl√§ssig auf Christus hin orientieren will.“ Fast zeitgleich ver√∂ffentlichte die EKD ihre amtliche Studie „Christen und Juden III“: „… das apostolische Zeugnis von der bleibenden Erw√§hlung Israels neu entdeckt. Aus ihm ergibt sich f√ľr uns die notwendige Folgerung, dass Juden keineswegs im Status der Heilsferne und Heillosigkeit stehen.“ Mit anderen Worten: Jahrelang feilschen Lutheraner und Katholiken, ob die Lehre von der Rechtfertigung¬† d a s¬† oder nur¬† e i n¬† Kriterium ist, an dem sich „die gesamte Lehre und Praxis der Kirche“ zu orientieren hat. Und parallel dazu erstellt die EKD eine Studie, wo genau diese Rechtfertigungslehre pl√∂tzlich¬† g a r¬†¬† k e i n¬† Kriterium mehr ist?

√úber all diesen Eiert√§nzen liegt stets der gleiche Geruch: gegen√ľber den Katholiken will man sich behaupten; also gibt man sich stramm lutherisch und f√ľhrt die A)-Theologie wie eine Kriegsfahne ins Feld. Im inner-evangelischen oder s√§kularen oder interreligi√∂sen Bereich zeigt man seine wirklichen √úberzeugungen; da wird das B)-F√§hnlein im Wind des Zeitgeistes geschwenkt. Satirisch zugespitzt: Gegen√ľber Katholiken gilt: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders!“; in allen anderen F√§llen hei√üt es: „Hier stehe ich, was wollt ihr h√∂ren?‚Äú

Zum Beweis: Als die „Gemeinsame Erkl√§rung zur Rechtfertigungslehre“ verabschiedet wurde, protestierten 250 Theologieprofessoren, lautstark in aller √Ėffentlichkeit. Bei „Christen und Juden III“ war von Protesten nichts zu h√∂ren. Offenbar gilt im Umgang mit Katholiken: „M√ľcken seihen!“ und gegen√ľber Juden: „Kamele schlucken!“ (s. Mt 23,24).

Evangelische Theologie hat kaum noch eigene Substanz, sondern ersch√∂pft sich weithin in opportunistische Taktiererei – hinter der sich aber oft genug knallharte B)-Interessen verstecken. Sprich: die Kirche wird scheibchenweise theologisch ausgeh√∂hlt und umgepolt. (Dies l√§√üt sich derzeit sehr gut beobachten an den Beispielen „Opfertod Jesu“ und „Homo-Ehe im evangelischen Pfarrhaus“.)

Das Ergebnis: Seit 1945 haben die ev. Kirchen in Deutschland mehr als 50 Prozent ihrer Mitglieder verloren; Kirchengeb√§ude m√ľssen aufgegeben werden; die EKD verliert ihren Einflu√ü in der Gesellschaft; das Impulspapier beschw√∂rt eine d√ľstere Zukunft … Allerweltsweisheiten in religi√∂ses Gehabe verpackt passen nicht mehr in die Zeit

Genug davon. Der t√∂dliche Virus, der unsere Kirche langsam zerst√∂rt, hei√üt nicht Geldmangel oder Unglaube der modernen Umwelt oder was auch immer – sondern es ist der un√ľberwindliche Graben zwischen A) und B); die unselige Vermengung letztlich zweier, sich gegenseitig ausschlie√üender Religionen; das st√§ndige Hinken auf beiden Seiten (1K√∂ 18,21), das fortw√§hrende Pendeln zwischen „Gott“ und „Mensch“ – und die daraus folgende „Gl√§tte“; sprich: die unendlich-bodenlose Leere evangelischer Theologie.

Kurz; Off 3,15: „Ich wei√ü deine Werke, da√ü du weder kalt noch warm bist. Ach da√ü du kalt oder warm w√§rest! Weil du aber lau bist und weder warm noch kalt, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde.“

In Klammer: Bei der EKD hat man jetzt die L√∂sung gefunden: „Qualit√§t“! Was wohl hei√üen soll: Jetzt krempelt B) die frommen √Ąrmel hoch und wird allen zeigen, wie erfolgreich Kirche gemacht wird? Na dann viel Gl√ľck, liebe EKD! Klammer zu.

VII. Kirchenpolitik: √úber die Gegens√§tze und Spannungen zwischen A) und B) deckt unsere Kirche einen dicken, schweren Mantel des Schweigens. Dar√ľber spricht man nicht. Doch an einer Stelle kocht der Konflikt immer wieder hoch: dort wo Glaube konkret werden mu√ü; wo Dogmatik zur Ethik, wo Theologie zur „Kirchenpolitik“ wird. Das begann wohl mit der Frauenordination, setzte sich fort √ľber Abtreibung, Embryonen-Schutz … und entz√ľndet sich heute an der Homosexualit√§t.

Damit aber ist ein Punkt erreicht, wo es langsam kritisch wird. Mit den Anglikanern droht eine ganze Weltkirche an dieser Frage zu zerbrechen. Eben weil es dabei nicht nur um (relativ) ein paar wenige Homosexuelle geht, sondern weil hier theologische Welten im Streit liegen. Der Kampf der „religi√∂sen Kulturen“, der zumeist im Verborgenen unter dem Teppich gef√ľhrt wird, tritt bei diesem Problem offen ans Tageslicht. Es wird f√ľr jedermann sichtbar: zwischen A) und B) ist ein Kompromiss ausgeschlossen.

Sebastian Moll schreibt in seinem lesenswerten Buch „Jesus war kein Vegetarier“ auf Seite 61: „Hatte man bei der Rechtfertigung der Frauenordination noch versucht, einzelne Stellen der Schrift gegeneinander auszuspielen … so steht man nun vor dem Befund, dass die Heilige Schrift gleichgeschlechtliche Sexualit√§t eindeutig verurteilt. Beabsichtigen diejenigen, die ein kirchliches Wohlwollen gegen√ľber der Homosexualit√§t einfordern, also die Autorit√§t der Bibel und damit die gesamte reformatorische Theologie in Frage zu stellen?“

Der Hamburger Propst Johann Hinrich Claussen erwiderte in „Christ & Welt“ 37/2011: „Leider geht Moll ein grunds√§tzliches Verst√§ndnis f√ľr die Dialektik des Protestantismus ab … das Wesen des Christentums … ist nicht einfach identisch mit dem Textbestand der Bibel … das eigentlich Entscheidende ist das freie Gespr√§ch evangelischer Christen untereinander und die Art, wie sie ihr Zusammenleben gestalten.“

Das war und ist und bleibt der entscheidende Punkt: Gr√ľndet sich unser Glaube A) auf Offenbarung, sprich: auf ein Fundament, das uns von Gott ‚objektiv vorgegeben‘ ist? Oder ist er B) das Ergebnis eines demokratischen Prozesses, letztlich von Verhandlungen? Zugespitzt: Wer hat die Macht? Wer ist die entscheidende Autorit√§t? Die Heilige Schrift oder das freie Gespr√§ch; der Wortlaut der Bibel oder die Interpretation, „sola scriptura“ oder „solo verbo“ („solus theologus“); Gott oder die M√ľcken?

Im Tiefsten rennen all die unz√§hligen Debatten sich fest an einer schlichten, einfachen Tatsache; Jh 15,18ff: „weil … ich euch aus der Welt erw√§hlt habe, darum hasset euch die Welt … haben sie mich verfolgt, so werden sie euch auch verfolgen … das alles werden sie euch tun um meines Namens willen“. Und Jak 4,4 „wisset ihr nicht, da√ü der Welt Freundschaft Gottes Feindschaft ist? Wer der Welt Freund sein will, der wird Gottes Feind sein“. Denn auch hier, und gerade hier, gilt Mt 6,24: „Niemand kann zwei Herren dienen: entweder wird er den einen hassen und den anderen lieben, oder er wird dem einen anhangen und den anderen verachten. Ihr k√∂nnt nicht Gott dienen“ und „der Welt“ (dem Menschen).

An dieser Frage entscheidet sich auch, was Mission bedeutet. Denn die setzt voraus, da√ü Kirche und „Welt“ sich unterscheiden. Deshalb will A) die √úberzeugungen der Kirche in „die Welt“ tragen in der Hoffnung, da√ü die „Heiden“ dadurch besser werden. Bei B) dagegen will man die √úberzeugungen „der Welt“ in die Kirche tragen, damit die Christen besser werden. Der derzeitige Streit um die Homosexualit√§t ist ja nicht aus Theologie oder Kirche heraus aufgebrochen, sondern „die Welt“ hat ihre Haltung bzw. ihre Ma√üst√§be ver√§ndert. Die dr√ľcken nun in unsere Kirche herein. Und prompt finden sich darin Kr√§fte, die tausend Gr√ľnde wissen, warum wir Christen uns „der Welt“ gleichstellen (R√∂ 12,2) und deren – sich immerzu wandelnden – Ma√üst√§be unbedingt √ľbernehmen m√ľssen.

Wohlgemerkt: Diese Gr√ľnde sind selbstverst√§ndlich hoch theologisch und tief fromm. In einem umstrittenen Beschlu√ü der s√§chsischen Kirchenleitung vom 21. Januar 2012 hei√üt es: „In den verbleibenden unterschiedlichen Auffassungen in Bezug auf das Schriftverst√§ndnis und die theologische Bewertung der Homosexualit√§t erkennt sie [die Kirchenleitung] jeweils eine geistlich und theologisch angemessen begr√ľndete Position.“ Der Bischof rechtfertigte die dort getroffene Entscheidung (Pastor@lbrief 2-12): Die Kirchenleitung wusste „sich dem Bem√ľhen um die Wahrheit im H√∂ren auf die Schrift verpflichtet; sie hat konzentriert und in einer geistlich gepr√§gten Atmosph√§re diskutiert.“ Wenn es brenzlig wird, neigen auch B)-Theologen zu besonders intensiver Fr√∂mmigkeit (s. a. im Kapitel V „Sprache“ das Stichwort „besoffen reden“).

Der missionarische Eifer von B) ist in der Tat beeindruckend. 1998 hatte die Bischofsversammlung der Anglikaner mit gro√üer Mehrheit entschieden: gelebte Homosexualit√§t sei „unvereinbar mit der Heiligen Schrift“. Dennoch wurde nur f√ľnf Jahre sp√§ter in New Hampshire, USA, ein Homosexueller demonstrativ zum Bischof geweiht und die anglikanische Kirche damit – sehenden Auges – an den Rand der Spaltung gebracht. Ebenso scheint beim Lutherischen Weltbund die Luft zu brennen und wird von der Gefahr einer Spaltung gesprochen. Bei den Katholiken streitet man √ľber andere Themen, doch der Konflikt ist letztlich der gleiche. Nur l√§√üt die katholische Kirche sich dank ihrer Strukturen so leicht nicht aushebeln.

Auch hierzulande sorgt der Missionseifer von B) f√ľr Aufregung. Die EKD-Synode hat – einstimmig! – ein neues Pfarrerdienstgesetz beschlossen. In einer beigef√ľgten „Begr√ľndung“ wird „famili√§res Zusammenleben“ definiert als „jede Form des rechtsverbindlich geordneten Zusammenlebens von mindestens zwei Menschen“. Damit wird der Homo-Ehe im evangelischen Pfarrhaus T√ľr und Tor ge√∂ffnet.

Dagegen protestierten acht ehemalige Bisch√∂fe in einem offenen Brief an alle Mitglieder der Synoden der ev. Kirche in Deutschland: „es geht dabei im Grunde um nichts Geringeres als um die Frage, ob die evangelischen Kirchen darauf bestehen, dass die Heilige Schrift die alleinige Grundlage f√ľr den Glauben und das Leben ihrer Mitglieder und f√ľr den Dienst und die Lebensf√ľhrung ihrer ordinierten Pfarrerinnen und Pfarrer bleibt, oder ob eine Landeskirche nach der anderen eine Angleichung an die in der Gesellschaft √ľblich gewordenen Lebensformen f√ľr so wichtig halten, das sie daf√ľr die Orientierung an der Heiligen Schrift aufgeben bzw. aufweichen.“

Doch dieser und zahlreiche andere Proteste haben praktisch keine Wirkung. Die Leitungen der Landeskirchen schreiten zielstrebig voran und folgen den Vorgaben der EKD-Synode – die Mehrzahl forsch und mit Hurra, einige wenige diplomatisch z√∂gernd. In Sachsen z. B. hatte die Kirchenleitung 2001 noch festgestellt, dass „eine homosexuelle Beziehung nicht im Pfarrhaus gelebt und nicht zum Inhalt der Verk√ľndigung gemacht wird“. Keine 11 Jahre sp√§ter √∂ffnet genau diese Kirchenleitung auch die s√§chsischen Pfarrh√§user f√ľr die Homo-Ehe: im Einzelfall bei „einm√ľtiger Zustimmung des jeweiligen Kirchenvorstandes“ – obwohl mehr als 120 Kirchgemeinden gefordert hatten, dies nicht zu tun. Das Beispiel Frauenordination war ihnen wohl eine Warnung: Einschr√§nkungen werden √ľber kurz oder lang aufgehoben ‚Ķ

In der EKD ist eine Spaltung nicht zu bef√ľrchten. Daf√ľr ist das A)-Lager schon allein wegen seiner heillosen Zersplitterung zu schwach. Doch etwas anderes wird vermutlich geschehen: Die evangelischen Kirchen in Deutschland hatten nach dem 2. Weltkrieg noch um die 50 Millionen Mitglieder. Heute sind es weniger als 24 Millionen. Dies hat verschiedene Ursachen. Dennoch gibt es in zunehmenden Ma√üe ein relativ neues Problem: Unsere Kirche zerbr√∂selt von innen heraus; die geistliche und personelle Substanz der Gemeinden, ihr „harter Kern“, l√∂st sich langsam aber sicher auf.

Z. B. werde es immer schwieriger, √Ąlteste f√ľr die Gemeindeleitungen zu finden. Laut ideaSpektrum 7/2012 (S. 32) seien am 5. 2. 2012 die entsprechenden Wahlen „in 50% der rheinischen, in 77 % der westf√§lischen und 93% der lippischen Gemeinden“ ausgefallen. Grund: es gab nur so viele (bzw. weniger) Kandidaten wie Pl√§tze in den Presbyterien.

Oder: immer wieder sind Klagen zu h√∂ren, wonach gerade engagierte Christen aus der evangelischen Kirche austreten und sich freien Gemeinden anschlie√üen. IdeaSpektrum 44/2011 wu√üte zu vermelden, da√ü allein in Heidelberg seit 1989 zwanzig neue Gemeinden gegr√ľndet wurden. Deren Gottesdienste w√ľrden ca. 3000 Besucher z√§hlen, die der ev. Landeskirche nur 2000. Von diesen Neugr√ľndungen seien zwar die H√§lfte Migranten-Gemeinden, dennoch ist der Trend un√ľbersehbar.

Die Situation ist regional sehr verschieden. Dennoch, dieser Trend d√ľrfte sich weiter verst√§rken. Denn je intensiver B) den „Geist der Welt“ in die evangelische Kirche dr√ľckt, desto dringender wird f√ľr A) die Frage: „Warum soll ich in einer Kirche bleiben, deren Theologen meinen Glauben im Grunde ablehnen? Warum soll ich einen Beamtenapparat finanzieren, dessen Repr√§sentanten eine Religion vertreten, die nicht die meine ist?“ Die Homo-Ehe im Pfarrhaus wird vermutlich keine Austrittswelle zur Folge haben. Auch werden die distanzierten „Kartei-Leichen“ einer solchen Kirche weiterhin die Treue halten. Doch viele von denen, die mit ganzem Herzen in den Gemeinden aktiv sind, werden weiter verunsichert. Gerade bei den Engagierten wird die Offenheit f√ľr Alternativen wachsen.

In Klammer: Dies alles d√ľrfte eine moderne Variante des protestantischen Geburtsfehlers sein: die Verbindung von Thron und Altar. Einst haben die jeweiligen Landesf√ľrsten auch in ihren Kirchen geherrscht, seit 1918 tun das die jeweils regierenden Ideologien – unabh√§ngig davon, ob die braun, schwarz, rot oder aktuell eher gr√ľn sind. Einst wurde in Eisenach ein Institut gegr√ľndet „zur Erforschung und Beseitigung des j√ľdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben“ („Entjudungs-institut“). Heute schwenkt man die Regenbogenf√§hnlein. Und in 30 Jahren, wenn der Wind noch viel heftiger in Richtung Islam wehen d√ľrfte ‚Ķ

Es ist immer nur eine Minderheit, die Widerstand leistet. Die Mehrheit – insbesondere „die Amtskirche“ –¬† treibt im Strom der √∂ffentlichen Meinung. Auch heute ist m√∂glich, je ein politisches und ein kirchliches Spitzenamt gleichzeitig auszu√ľben. Offenbar ist der Geist der evangelischen Kirche identisch mit dem der deutschen Politik. Klammer zu.

Nachtrag: Bei Hes 13, 2ff hei√üt es „Weissage gegen die Propheten Israels und sprich zu denen, die aus eigenen Antrieb heraus weissagen … die ihrem eigenen Geist folgen … Sie sind nicht in die Bresche getreten …“ Oder Hes 22,30 nach Luther 1912: „Ich suchte unter ihnen, ob jemand … wider den Ri√ü st√ľnde vor mir f√ľr das Land, da√ü ich’s nicht verderbte; aber ich fand keinen.“ Dies ist sicherlich etwas gro√üz√ľgig „interpretiert“; dennoch ist genau das das allergr√∂√üte Elend unserer Kirche: Es gibt niemanden mehr, der „in die Bresche tritt“ und „wider den Ri√ü steht“ f√ľr unsere Kirche, da√ü sie nicht verderbe; niemanden, der mit Kraft und Vollmacht¬† die theologischen Probleme beim Namen nennt. Deshalb bleibt die Frage: Was k√∂nnen wir denn tun?

1) Nichts. Denn die Schl√ľsselpositionen – wo es um Macht und Einflu√ü geht, wo das Geld verteilt wird – sind fest in der Hand von B). Synoden, Kirchenleitungen, Verwaltungen, Bischofs√§mter und besonders ev. Akademien, kirchliche Ausbildungsst√§tten, die Lehrst√ľhle an den Universit√§ten, die kirchliche Presse, der Kirchentag usw. usw. werden weithin von B) dominiert. In den Gemeinden sind vielerorts noch die von A) aktiv und suchen in m√ľhseliger, treuer Kleinarbeit den Laden am Laufen zu halten. Aber die Machtpositionen wurden zielstrebig von B) besetzt. Das ist ein dichter, undurchdringlicher Filz; dagegen kann man praktisch nichts ausrichten.

2) Nochmals nichts. Die ev. Kirchen in Deutschland haben j√§hrlich Einnahmen von etwa 8.000.000.000,- (in Worten: acht Milliarden) Euro. Dazu kommen noch die Einrichtungen der Diakonie und vom Staat be- zahlte Stellen (z. B. an den Universit√§ten). Das ist eine Menge Speck! In den Gemeinden – dort wo das Geld hereinkommt – wird immer mehr gespart; dennoch gibt es in der gro√üen weiten EKD noch genug P√∂stchen, wo sich gem√ľtlich leben l√§√üt – eben wie die Maden im Speck. Folglich haben die Maden keinerlei Interesse, diesen Zustand zu √§ndern. Sie werden sich niemals um Aufkl√§rung bzw. L√∂sungen bem√ľhen, die ihre Positionen in Frage stellen.

Au√üerdem haben zumindest einige Vertreter von B) inzwischen begriffen, da√ü ihre weltfremden Theorien kaum jemanden zu √ľberzeugen verm√∂gen und dadurch den Fortbestand unserer Kirche ernsthaft gef√§hrden. Also sucht man deren Heil umso entschiedener in den Formen von A). In der Sache wird B) konsequent durchgezogen; in der Form aber will man wieder fr√∂mmer werden, um die Menschen mit religi√∂s-kirchlichem Schein zu locken. Folglich d√ľrften die theologischen Nebelschwaden in unserer Kirche immer dichter und undurchdringlicher werden. Auch dagegen kann man praktisch nichts ausrichten.

3) Noch einmal nichts. Denn „die evangelische Theologie“ gibt es gar nicht. Es gibt nur zahlreiche evangelische Theologen – vom Pfarrer bis zum Professor. Sie alle wurschteln vor sich hin und jeder macht, was ihm gef√§llt. Es gibt nichts, was sie miteinander verbindet (abgesehen vom Geld und der frommen Sprache). Es gibt nichts, was sie in der Sache zusammenh√§lt. Synoden, Kirchenleitungen, der Rat der EKD leiten die Organisation Kirche, den Beamtenapparat. In den Fragen des Glaubens und der Theologie gibt es solche Leitung nicht. Wenn ein Pfarrer ordiniert ist und in seiner Pfarrstelle sitzt, kann er predigen, was er will – da fragt praktisch niemand nach. (Falls doch mal jemand aus der Gemeinde protestieren sollte, wird er ausgelacht.) Erst recht wer Professor an einer Universit√§t ist, kann seinen Studenten erz√§hlen, was er will, – das kontrolliert kein Mensch.

In einer „Kirche der Interpretationen“ gibt es keinen Ort, wo die Fragen des Glaubens zusammenlaufen; keine Stelle, die sich f√ľr das Ganze verantwortlich f√ľhlt. Es gilt – frei √ľbersetzt – Jesaja 53,6: „Sie alle laufen durcheinander wie Schafe, ein jeder sieht nur seinen eigenen Weg.“ Kurz: es herrscht theologische Anarchie. Oder wie Melanchthon klagte: die „rabies theologorum“, die Tollwut der Theologen. Und es ist niemand da, der daran etwas √§ndern k√∂nnte.

4) Ein weiters Mal nichts. Denn der „Zeitgeist“ oder der „Geist der Welt“ ist ja nicht nur eine bildliche Umschreibung f√ľr sich st√§ndig wandelnde √úberzeugungen; sondern er ist eine ganz reale Kraft, die bestimmte Entwicklungen vorantreibt; eine Kraft, die nicht nur „die Welt“ sondern zunehmend auch unsere Kirche beherrscht (Eph 6,12): „Denn wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu k√§mpfen, sondern mit M√§chtigen und Gewaltigen, n√§mlich den Herren der Welt, die in dieser Finsternis herrschen, mit den b√∂sen Geistern unter dem Himmel.“

D. h., es gibt Ideen, geistige Prozesse, religi√∂se Entwicklungen, die letztlich nicht dem Gehirn einzelner Menschen entspringen. Dort reifen im Verborgenen Dinge heran, bei denen es buchst√§blich nicht mit rechten Dingen zugeht. Hinter so manchem Geschehen der Geschichte standen bzw. stehen Kr√§fte, die mit dem menschlichen Verstand nicht zu erkl√§ren sind. Wenn, z. B., Gott eine Kirche, ein Volk oder einen ganzen Kontinent „dahingibt in ihrer Herzen Gel√ľste“ – wie sollten einzelne dem wehren?

5) Ein Mittel, das unsere sterbende Kirche heilen k√∂nnte, haben wir nicht. Vielleicht aber ein Salbe, die das Elend hier und da etwas lindert: Tr√§nen. So wie Jesus √ľber Jerusalem weinte, k√∂nnen wir √ľber unsere Kirche weinen: „Gott … gedenke an deine Gemeinde … richte doch deine Schritte zu dem, was so lange w√ľst liegt. Der Feind hat alles verw√ľstet im Heiligtum. Deine Widersacher br√ľllen in deinem Hause und stellen ihre Zeichen darin auf … Unsere Zeichen sehen wir nicht, kein Prophet ist mehr da, und keiner ist bei uns, der etwas wei√ü. Ach Gott wie lange soll der Widersacher noch schm√§hen und der Feind deinen Namen immerfort l√§stern? Warum ziehst du deine Hand zur√ľck?“ (Ps 74)

Das ist die gro√üe Frage, die A) sich gefallen lassen mu√ü: Wissen wir noch, was beten hei√üt; k√∂nnen wir das wirklich? Und tun wir es auch so, wie es n√∂tig w√§re? Apg 4, 24ff: „Da sie das h√∂rten erhoben sie ihre Stimme einm√ľtig zu Gott und sprachen: Herr, der du Himmel und Erde … gemacht hast … gib deinen Knechten, mit allem Freimut zu reden dein Wort, und strecke deine Hand aus, da√ü Heilungen und Zeichen und Wunder geschehen durch den Namen deines heiligen Knechtes Jesus.“

Die „Hand Gottes“ ist unsere einzige Hoffnung! Wobei „Heilungen“ nicht unbedingt hei√üen mu√ü, da√ü Krebskranke schlagartig gesund werden. Heilung hei√üt ja auch: da√ü Menschen, deren Glaube von der heutigen Theologie zerst√∂rt wurde, im Innersten wieder heil werden; da√ü sie wieder einen klaren Blick auf ihren gro√üen Gott bekommen; da√ü sie wieder lernen, im Glauben aufrecht und gerade zu stehen. Und „Zeichen“ mu√ü auch nicht unbedingt eine Totenauferweckung sein; sondern Zeichen sind auch Gemeinden oder Christen, deren Glaube weithin sichtbar ist und vielen Menschen Hoffnung und Orientierung bietet. Oder was sind denn „Wunder“? Das gr√∂√üte Wunder ist doch, da√ü ein Mensch von neuem geboren wird; da√ü ein gro√üer, stolzer Mensch die Knie beugt und sein Leben in die H√§nde von Jesus Christus legt.

Darum w√ľnschte ich mir, da√ü diejenigen in unserem Land, deren Leben Jesus Christus geh√∂rt, die an einen gro√üen Gott glauben, etwas weniger reden – und stattdessen „einm√ľtig ihre Stimme erheben“; da√ü sie tagt√§glich aus tiefstem Herzen beten: „Herr, wir sind am Ende; wir k√∂nnen nichts mehr machen. Deshalb strecke Du, der Du Himmel und Erde gemacht hast, strecke Du Deine Hand aus, da√ü Heilungen und Zeichen und Wunder geschehen durch den Namen deines heiligen Knechtes Jesus.“

Amen.

Andreas Rau,  rau@Derlaie.com (www.DerLaie.com)

Diesen Beitrag k√∂nnen Sie in der Gesch√§ftsstelle des Gemeindehilfsbundes¬† als Brosch√ľre bestellen (M√ľhlenstr. 42, 29664 Walsrode, 05161/911330, info@gemeindehilfsbund.de). Die Kosten betragen 5,00 Euro zzgl. Versandkosten.

Dort sind¬†au√üerdem erh√§ltlich die Brosch√ľren von Andreas Rau „Wie lange hinkt ihr auf beiden Seiten? Kritische Fragen eines Nichttheologen an die akademische Theologie“ (2,00 Euro zzgl. Versandkosten) und „Die Judenbrille – Die deutsche Meinungsindustrie und der Nahostkonflikt“ (5,00 Euro zzgl. Versandkosten).

 

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Dienstag 12. Juni 2012 um 10:36 und abgelegt unter Kirche, Theologie.