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Predigt: Vom Herrschen und Dienen. (Markus 10,35-45)

Sonntag 6. Mai 2012 von Pastor Jens Motschmann


Pastor Jens Motschmann

Predigt: Vom Herrschen und Dienen. (Markus 10,35-45)

„Da gingen zu ihm Jakobus und Johannes, die Söhne des ZebedĂ€us, und sprachen: Meister, wir wollen, dass du fĂŒr uns tust, um was wir dich bitten werden. 36 Er sprach zu ihnen: Was wollt ihr, dass ich fĂŒr euch tue? 37 Sie sprachen zu ihm: Gib uns, dass wir sitzen einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit. 38 Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr wisst nicht, was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder euch taufen lassen mit der Taufe, mit der ich getauft werde? 39 Sie sprachen zu ihm: Ja, das können wir. Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr werdet zwar den Kelch trinken, den ich trinke, und getauft werden mit der Taufe, mit der ich getauft werde; 40 zu sitzen aber zu meiner Rechten oder zu meiner Linken, das steht mir nicht zu, euch zu geben, sondern das wird denen zuteil, fĂŒr die es bestimmt ist. 41 Und als das die Zehn hörten, wurden sie unwillig ĂŒber Jakobus und Johannes. 42 Da rief Jesus sie zu sich und sprach zu ihnen: Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre MĂ€chtigen tun ihnen Gewalt an. 43 Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; 44 und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein. 45 Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld fĂŒr viele.“ (Markus 10,35-45)

Liebe Gemeinde!

Viele von uns bemĂŒhen sich redlich, den Glauben auch zu leben. Viele von Ihnen und Euch nehmen Sonntag fĂŒr Sonntag am Gottesdienst der Gemeinde teil, weil sie wissen:

Wir brauchen das Wort der Heiligen Schrift, wir brauchen die Gemeinschaft mit Jesus Christus und seiner Gemeinde.  Ich habe mich gefreut, als ich kĂŒrzlich las, was der bekannte Fernsehmoderator Wolf von Lojewski zur Bibel gesagt hat:

„Die Bibel ist in mich eingesickert wie eine Urmelodie des Lebens. NatĂŒrlich könnte man auch an anderes glauben. Irgendetwas, das dem Verstand leichter eingĂ€ngig wĂ€re – mit mehr Politik, moderner Wissenschaft und mehr sozialer Erkenntnis durchsetzt.“

Aber mir ist noch nichts ĂŒber den Lebensweg gekommen, das mir die letzten Fragen ĂŒberzeugender beantwortet hat und alle Zweifel gestillt. Ja, wir brauchen die Heilige Schrift und den Glauben als Fundament fĂŒr unser Leben.

Aber selbst den Frommen kann es gelegentlich so ergehen, wie hier den beiden JĂŒngern Jakobus und Johannes, daß in ihren Glauben etwas hineinkommt, was da nicht hingehört. Zum Beispiel der Wunsch, ganz oben zu sein:

„Meister, gib uns, daß wir sitzen einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit.“

Zwei der JĂŒnger sprechen es aus, die anderen zehn Ă€rgern sich gewaltig darĂŒber. Hier zeigt sich, wie sehr es auch in der Gemeinde Jesu – sogar bei seinen engsten GefĂ€hrten – „menscheln“ kann. Darum muß anhand dieses Textes etwas gesagt werden ĂŒber die Neigung oben zu sein, aber auch ĂŒber die Bereitschaft zum Opfer und ĂŒber die Notwendigkeit zu dienen.

Erstens: die Neigung oben zu sein.

Jesus spricht hier kritisch ĂŒber die Herrschenden und MĂ€chtigen, genauer gesagt ĂŒber die, die andere unterdrĂŒcken und ihre Macht rĂŒcksichtslos zum eigenen Vorteil ausnutzen.

Als die beiden JĂŒnger Jakobus und Johannes mit dem Wunsch herausrĂŒcken, in der Ewigkeit einen besonderen Platz an Jesu Seite zu bekommen, da sagt Jesus ein sehr ernstes Wort ĂŒber diese Neigung ganz oben zu sein:

„Ihr wißt, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre MĂ€chtigen tun ihnen Gewalt an.“

Das geschieht leicht, daß die, die oben sind, auf die, die unten sind, herabsehen und sie niederhalten. Es wĂ€re allerdings ungerecht, wenn wir gewissenhaft regierende Könige und FĂŒrsten der Vergangenheit oder die frei gewĂ€hlten Volksvertreter der Gegenwart mit den Tyrannen aus der Herodes-Dynastie zur Zeit Jesu oder mit Despoten und Diktatoren der Weltgeschichte auf eine Linie stellen wollten.

Die Worte Jesu können aber ein Anstoß sein, wieder einmal darĂŒber nachzudenken, wie kostbar eine freiheitliche Gesellschaftsordnung ist, in der Gewaltenteilung herrscht und die Macht auf viele verteilt ist, um ihren Mißbrauch möglichst zu verhindern.

DafĂŒr sollten wir dankbar sein und diejenigen, die da oben, wie es so schön heißt, diesen Dienst tun, nicht stĂ€ndig mit Nörgelei und Besserwisserei begleiten, sondern sie so gut wir können unterstĂŒtzen und in der FĂŒrbitte fĂŒr sie eintreten. Das kann auch gelegentlich harte Kritik einschließen, denn die Versuchung, Macht in einem egoistischen Sinn zu gebrauchen, ist natĂŒrlich immer gegeben. Aber es ist billig, grundsĂ€tzlich diejenigen, die nach oben gekommen sind, herabzusetzen, vor allem dann, wenn man selber danach schielt, irgendwie auch nach oben zu kommen.

Die Neigung oben sein zu wollen, hat viele Gesichter. Ich will Ihnen nur ein ganz alltĂ€gliches Beispiel nennen: Bei den zahllosen Demonstrationen, die wir in unseren StĂ€dten erleben, begegnen uns immer wieder Menschen, die nicht nur zutiefst davon ĂŒberzeugt sind, daß sie den totalen Durchblick in einer bestimmten Sache hĂ€tten, sondern daß sie auch moralisch denen, gegen die sie demonstrieren, ĂŒberlegen wĂ€ren.

Wir dĂŒrfen diese Bitte der beiden JĂŒnger Jakobus und Johannes nicht nur abfĂ€llig zur Kenntnis nehmen.  In ihr steckt ja auch ein ganz rĂŒhrender Wunsch: nĂ€mlich der, in der Ewigkeit ganz dicht bei Jesus sein zu wollen.  Wer liebt, sucht immer die NĂ€he dessen, den er liebt oder verehrt. Wer Jesus liebt, sucht seine NĂ€he, will ganz dicht in seiner NĂ€he sein und bleiben. Deshalb wollen alle frommen Christen die ewige Seligkeit.

Mag darĂŒber auch immer wieder gespottet und gewitzelt werden, wir lassen uns nicht von diesem Ziel abbringen. Wir wollen tatsĂ€chlich einen Platz im Himmel, wobei das deutsche Wort „Himmel“ nichts anderes meint als die NĂ€he Gottes.

Ich erinnere an eine Begebenheit auf dem Evangelischen Kirchentag in Leipzig in den fĂŒnfziger Jahren: Empfang im Rathaus! Die Spitzen der Partei, der Behörden und der Kirche waren versammelt. Und dann wurden Reden gehalten, möglichst unverbindlich, damit man sich nicht gegenseitig – wie man so sagt – auf die HĂŒhneraugen trat.

 Heinrich Giesen von der Berliner Stadtmission, der damalige GeneralsekretĂ€r des Deutschen Evangelischen Kirchentages, hatte das Schlußwort. An die Spitzen der kommunistischen Partei, der SED, gewandt, sagte er:

 „Sie fragen uns, meine Herren, was wir fĂŒr Leute sind. Ich möchte es Ihnen mit einem Satz sagen: Wir sind Leute, die beten: ‘Lieber Gott, mach mich fromm, daß ich in den Himmel komm.’“

 Und dann setzte er sich hin. Einer, der dabei war, sagte spĂ€ter:  Es herrschte einen Augenblick betretenes Schweigen –  und einige waren sichtlich ergriffen.

 (Zit. nach: Heinz SchÀfer: Mach ein Fenster dran. Bd. 2, S. 233)

Jesus entrĂŒstet sich nicht, wenn Menschen nach oben streben, in den Himmel kommen wollen, aber er stellt diesem Streben einen ewig-gĂŒltigen Maßstab an die Seite: die Bereitschaft zum Opfer. Wie ist das gemeint?

Zweitens: die Bereitschaft zum Opfer.

Wir mĂŒssen zugeben, daß die beiden BrĂŒder dazu durchaus bereit waren. Es gibt ja genug Streber anderer Art, die nach oben drĂ€ngen, aber möglichst so, daß es nicht zu viel MĂŒhe kostet, schon gar nicht persönliche Opfer.

Jesus fragt die beiden BrĂŒder: „Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke…?“

Damit spielt Jesus auf den bitteren Kelch des Leidens an, der ihm bevorsteht. Jesus hat ja unmittelbar vor dieser Geschichte seinen JĂŒngern die volle, bittere Wahrheit mitgeteilt:

„Siehe, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und der Menschensohn wird ĂŒberantwortet werden den Hohenpriestern und Schriftgelehrten, und sie     werden ihn zum Tode verurteilen und den Heiden ĂŒberantworten (gemeint sind die Römer). Die werden ihn verspotten und anspeien und geißeln und töten, und nach drei Tagen wird er auferstehen.“ (33-34)

 Der Kelch, den Jesus an die Lippen setzen muß,

– randvoll mit Bitterkeit,

– randvoll mit Einsamkeit,

– randvoll mit EnttĂ€uschungen,

– randvoll mit Schmerzen.

Wollt ihr diesen Kelch trinken?  Jeder bewußte Christ wird sich schon einmal gefragt haben: Wenn der letzte Ernst kommt, könnte ich dann bereit sein auch zum letzten Opfer, das ein Mensch bringen kann? Es muß ja nicht so kommen und mit großer Wahrscheinlichkeit werden lĂ€ngst nicht alle in eine solche letzte Entscheidungssituation geraten. Aber fĂŒr den einen oder anderen könnte es dahin kommen. Willst du diesen Kelch trinken?

 Die Antwort der beiden JĂŒnger: „Ja, das können wir.“ Jesus weiß, daß sie den Mund nicht zu voll nehmen. Er sagt ausdrĂŒcklich:

„Ihr werdet zwar den Kelch trinken, den ich trinke…“ Jesus sieht im Geist klar voraus, was geschehen wird:

Jakobus wird der erste sein, der aus dem Kreis der zwölf JĂŒnger das Martyrium auf sich nehmen wird. Und so geschah es: Er wurde auf Befehl des Königs Herodes Agrippa hingerichtet. Johannes wird als Verbannter in der Fremde sterben.

Und seitdem gibt es eine unzĂ€hlbare Schar von Glaubenszeugen, die alle bereit waren, fĂŒr ihre GlaubensĂŒberzeugung zu leiden und sogar ihr Leben hinzugeben. Wir haben viel Grund, dankbar der Glaubenszeugen zu gedenken, der MĂ€rtyrer.

Ihnen werden jetzt bekannte Namen aus der Kirchengeschichte vor Augen stehen: angefangen von den ersten christlichen MÀrtyrern, die in den römischen Christenverfolgungen ihr Leben hingaben bis hin zu den MÀrtyrern im Dritten Reich oder heute z.B. in den LÀndern, die immer noch unter kommunistischer Herrschaft sind und zunehmend in vielen islamischen LÀndern.

Wie viele unbekannte MĂ€rtyrer gibt es? Wer kennt schon den Namen Martha Myers? Sie war eine Ärztin aus den USA, die als bewußte Christin in den Jemen ging, um dort in einem der Ă€rmsten arabischen LĂ€nder Menschen zu dienen, Kranken zu helfen. Sie wurde von radikalen Moslems entfĂŒhrt, kam wieder frei und setzte unbeirrt ihre Arbeit fort. „Ich fĂŒhle, daß Gott mich im Jemen haben will“ – sagte sie. Am 30. Dezember 2002 wurde sie im Krankenhaus von Jibla (Jemen), in dem sie ihren Dienst tat, von einem moslemischen Extremisten erschossen. Der TĂ€ter wurde gefaßt und gab vor der Polizei zu Protokoll: Mit der Tat habe er nĂ€her zu Allah gelangen wollen.

Martha Myers wĂŒrde uns jetzt sagen: Habt keine Gedanken des Hasses, der Vergeltung! Nur Gedanken der Liebe! Ja, es gibt eine Wolke der Zeugen durch die Jahrhunderte hindurch bis in unsere Tage hinein – bekannte Namen und noch viel mehr unbekannte. Und dahinter steht eine ungeheure Zahlungsbereitschaft besonderer Art: nĂ€mlich die Bereitschaft, seine Überzeugung mit dem eigenen Leben zu bezahlen. Das ist ergreifend – diese Opferbereitschaft, die es in der Gemeinde Jesu zu allen Zeiten gegeben hat.

Jesus sagt den beiden BrĂŒdern: „Ihr werdet zwar den Kelch trinken, den ich trinke, und getauft werden mit der Taufe, mit der ich getauft werde…“

Das Bild des Kelches stammt aus der Prophetie des Alten Bundes. Da ist die Rede vom „Taumelkelch” und vom „Zornesbecher”. Gott verordnet sie, wenn ein Volk zum Gericht reif ist. So wird der Heiland in seinem Leiden und Sterben den Zornesbecher trinken fĂŒr das dem Gericht und der Strafe verfallene Volk.

In die gleiche Richtung zielt das hier an dieser Stelle von Jesus gebrauchte Bild von der Taufe. Taufe bedeutet hier in diesem Zusammenhang „untertauchen”, sterben. (Vgl. dazu: Fritz Rienecker in: Wuppertaler Studienbibel)

 Diese Taufe und dieser Kelch werden auch auf Jesu JĂŒnger zukommen. Jesus sagt nun allerdings den beiden BrĂŒdern:

 „… zu sitzen aber zu meiner Rechten oder zu meiner Linken, das steht mir nicht zu, euch zu geben, sondern das wird denen zuteil, fĂŒr die es bestimmt ist.“

Das bedeutet ganz einfach: keiner kann sich durch fromme Leistung das Himmelreich verdienen. Wir tun doch nicht etwas Gutes, weil wir dann hinterher eine Auszeichnung bekommen wollen oder einen Ehrenplatz. Das meint Jesus.

Und darum sagt er den beiden: Vergeßt mal ganz schnell, was ihr euch da gewĂŒnscht habt. Die GrĂ¶ĂŸe eures Opfers wird nicht allein darin bestehen, ob ihr bereit seid, euer Leben in die Waagschale zu werfen, sondern ob ihr bereit seid, es mit andern zu teilen und den andern das zu wĂŒnschen, was ihr fĂŒr euch selbst erhofft. Und genau das hatten Jakobus und Johannes vergessen. Nur wir zwei – von diesem Gedanken waren sie erfĂŒllt! Nur wir zwei!

Wichtiger als die Frage „Sind wir die Besten?” ist die andere: Wem sind wir gut?  Wem können wir dienen mit unseren Gaben? Das Gemeinwohl hĂ€ngt davon ab. Wird mehr gefordert als gegeben, stirbt die Gemeinschaft, verkĂŒmmert das Leben.

Darum spricht Jesus die Notwendigkeit des Dienens an. Das Opfer, das Gott ansieht, muß aus dem Geist der Liebe fĂŒr den andern kommen, aus dem Geist des Dienens.

Drittens: die Notwendigkeit des Dienens.

Jesus sagt seinen JĂŒngern:  „… wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein.“

Aber wer will schon dienen? „Dienen“ wird heute fast ĂŒberall klein geschrieben. Verdienen dagegen ganz groß. Jesus lehrt, wichtiger als die Frage „Was verdiene ich?” ist die andere Frage „Wie und wem kann ich dienen?”.

Dienen – das riecht heute nach UnterwĂŒrfigkeit, nach Sklavenmoral. Ich habe den Eindruck: viele meinen, es sei unter ihrer WĂŒrde zu dienen. Schon das bloße Wort „dienen” mag  ja kaum noch jemand in den Mund nehmen.

(Vgl. Manfred Hausmann: Die große Kunst des Dienens.)

Ein MĂ€dchen in dienender Stellung heißt nicht mehr DienstmĂ€dchen, sondern Hausgehilfin. FrĂŒher nannte sich der Mann, der fĂŒr den Zustand des SchulgebĂ€udes verantwortlich war, Schuldiener. LĂ€ngst ist diese Bezeichnung ausgetauscht worden gegen das Wort Hausmeister.

Die TĂ€tigkeit ist dieselbe geblieben, aber der Mann, der sie ausĂŒbt, soll nicht mehr Diener, sondern Meister genannt werden. Warum? Weil man im Dienen offensichtlich etwas Minderwertiges sieht.

Können Sie sich noch daran erinnern, daß frĂŒher an den Schaltern der Post oder an den Fahrkartenschaltern der Bahn kleine Schilder aufgestellt waren. Darauf stand:

Hier bedient sie Frau MĂŒller. Hier bedient Sie Herr Meier.

Diese Schilder werden Sie heute nicht mehr finden. Viele GeschĂ€fte bieten auch nicht mehr ihre Dienste an, sondern das heißt schon seit lĂ€ngerem: Service. An der Tankstelle, im Hotel, bei der Bahn, bei der Post, im ReisebĂŒro: Service hier und Service da.

Dienen ist etwas Gewöhnliches. Wer einen Service leistet, macht doch einen ganz andern Eindruck! Dabei wird vergessen, daß das Wort Service auf das lateinische servus zurĂŒckgeht – und das bedeutet – wie entsetzlich: Sklave.

Jesus dagegen bekannte sich zum Dienen, auch zum Sklavendienst, wenn er etwa seinen JĂŒngern nach einem mĂŒhsamen Tag auf staubigen Landstraßen abends die FĂŒĂŸe wusch, was damals ein Dienst war, fĂŒr den eigentlich ein Haussklave zustĂ€ndig war. Dazu bekannte sich Jesus: „Der Menschensohn ist nicht gekommen, daß er sich dienen lasse, sondern daß er diene und sein Leben gebe als Lösegeld fĂŒr viele.“

Sein Tun bis hin zum Kreuz ist das Urbild des Dienens. Warum dient Christus den Menschen in dieser völligen Hingabe? Weil er die Menschen liebt. Wer dient, der liebt. Das ist das eindeutigste Kennzeichen christlicher Liebe, daß sie bereit ist, Entbehrungen auf sich zu nehmen, die das Dienen mit sich bringt.

Ich muß da an ein GesprĂ€ch denken, das die inzwischen heimgegangene Ordensschwester Mutter Teresa in Kalkutta mit einem Reporter fĂŒhrte. Mutter Teresa hatte sich jahrelang zusammen mit anderen Schwestern ihres Ordens der Menschen in den Elendsvierteln der indischen Großstadt Kalkutta angenommen.

Dieser Reporter, der Mutter Teresa an einem ganz normalen Arbeitstag begleitete, war tief beeindruckt von ihrer hingebungsvollen Liebe. Als er sah, wie sie sich zu einem dieser Ärmsten der Armen hinab beugte, entstellt von Krankheit, in Lumpen gehĂŒllt und dieses HĂ€ufchen Elend in die Arme nahm, da konnte er nur fassungslos stammeln:

„Offen gestanden, das wĂŒrde ich nicht fĂŒr 1000 Dollar tun!“ Darauf Mutter Teresa ganz trocken: „Ich auch nicht.“ Nein, fĂŒr 1000 Dollar kann man solche Liebe nicht geben. Man kann sie nur geben, weil man sich selbst in einem letzten und tiefsten Sinn geliebt weiß – durch Jesus.

Wenn seine Liebe mich erfĂŒllt, mich ganz und gar erfĂŒllt, dann kann ich nicht mehr anders, dann lebt und  liebt er aus mich heraus, dann leitet er mich, dann bekomme ich von ihm die Kraft, selbst dann, wenn ich mich selber schwach und elend fĂŒhle. Ich denke an Paulus, der an einen Punkt kam, wo er sich genauso schwach und elend fĂŒhlte und dann den Zuspruch Jesu hörte:

„Und er hat zu mir gesagt: Laß dir an meiner Gnade genĂŒgen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mĂ€chtig.“ (2. Korinther 12,9)

Diese Kraft werden auch Sie bekommen, wenn Sie darum bitten! Zum Dienen gehört, daß man den andern kennt: seine HilfsbedĂŒrftigkeit, seine SchwĂ€che, seine Not. Man kennt, man erkennt den andern nur dann, wenn man ihn liebt.

Das Sprichwort behauptet zwar das Gegenteil, wenn es meint, Liebe mache blind. Aber das trifft nicht zu. Nicht Liebe macht blind, sondern die Leidenschaft. Und so meint es das Sprichwort auch. Liebe dagegen macht nicht blind, sondern sehend. Es gehört mit zu dem schönsten auf dieser Welt, Menschen zu erleben, die ohne Berechnung ganz schlicht dienen:

– Das kann in einer beruflich gehobenen Position sein.

– Das kann sich in einem ehrenamtlichen Dienst niederschlagen.

– Das kann sich in der FĂŒrsorge fĂŒr einen Kranken oder Behinderten ausdrĂŒcken.

– Oder umgekehrt, daß ein Kranker z.B. einen andern, dem es nicht gut geht,          durch seine Haltung ermutigt und durch seinen Zuspruch, der ja viel mehr Wirkung haben kann, weil er von jemandem kommt, der nicht nur gutgemeinte    Worte daherredet, sondern der weiß, wie elend einem zumute sein kann.

Es gibt so viele Möglichkeiten in dieser Welt – auch in Ihrer, in Eurer kleinen Welt – mit den Gaben, die uns gegeben sind, zu dienen.

Gott hat uns Augen und Ohren gegeben, diese Möglichkeiten zu erkennen – und er hat uns dazu auch ein Herz gegeben, das fĂ€hig ist zur Liebe und zum Dienen.

 Jesus sagt: „Daran wird jedermann erkennen, daß ihr meine JĂŒnger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.“ (Johannes 13,35)  Amen.

Pastor Jens Motschmann, FĂŒnfter Sonntag der Passionszeit Judika, 2009

 


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Dieser Beitrag wurde erstellt am Sonntag 6. Mai 2012 um 9:45 und abgelegt unter Predigten / Andachten.