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Sozialprobleme in Ostasien

Dienstag 25. Oktober 2011 von Institut fĂĽr Demographie, Allgemeinwohl und Familie e. V.


Institut fĂĽr Demographie, Allgemeinwohl und Familie e. V.

Wenn die Familie ausfällt: Sozialprobleme in Ostasien

Kapital oder Kinder? Exemplarisch fĂĽr diesen Grundwiderspruch moderner Gesellschaften sind die ostasiatischen Handels- und Finanzzentren Hong Kong und Macao: Mit nur rund einem Kind pro Frau weisen sie die niedrigsten Geburtenraten weltweit auf. Sie gehören gemeinsam mit den „Tigerstaaten“ Taiwan, SĂĽdkorea und Singapur zu einer Gruppe von Gesellschaften „ultra-niedriger-Fertilität“, die noch deutlich kinderärmer sind als Deutschland und andere rasch alternde Länder Europas.

Noch Mitte des 20. Jahrhunderts waren diese Länder wirtschaftlich rückständig und kinderreich: In den 1950er Jahren lagen die Geburtenraten bei fünf bis sechs Kindern pro Frau; Kinder zählten damals noch als Arbeitskräfte in der Landwirtschaft und Altersvorsorge (1). Mit der Industrialisierung gingen die Kinderzahlen in Ostasien aber rasch zurück, in Japan sanken sie erstmalig1956, inSingapur und Macao um 1975 und in Hong Kong, Korea und Taiwan in den 1980er Jahren unter den Generationenersatz von zwei Kindern pro Frau (2). Die neuen Industrieländer Ostasiens erlebten so in wenigen Jahrzehnten einen noch stärkeren Geburtenrückgang als die westlichen Industrieländer seit dem 19. Jahrhundert.

In Westeuropa und Nordamerika sanken die Geburtenraten in zwei zeitversetzten Phasen von vorindustriell hohen Geburtenziffern auf das heutige niedrige Niveau. In der ersten Phase des GeburtenrĂĽckgangs zwischen 1880 und 1920 sank zugleich die Kindersterblichkeit, trotz rĂĽckläufiger Fertilität nahmen deshalb die Bevölkerungszahlen weiter zu. In der zweiten Phase des GeburtenrĂĽckgangs ab 1970 sanken die Geburtenraten unter den Generationenersatz; seitdem nehmen die Bevölkerungsanteile jĂĽngerer Menschen ab – die Gesellschaften ĂĽberaltern (3). Zwischen diesen beiden Phasen des sog. „demographischen Ăśbergangs“ erlebten die westlichen Industriegesellschaften ein halbes Jahrhundert demographischer Stabilität mit einem Geburtenniveau in der Nähe des Generationenersatzes. In dieser Zeit profitierte die Wirtschaft von einem groĂźen Angebot junger Arbeitskräfte, gleichzeitig blieb der Anteil der zu versorgenden Ă„lteren (noch) gering (4). Diese historisch einmalig gĂĽnstige Konstellation ermöglichte nach dem Zweiten Weltkrieg ein beispielloses Wohlstandswachstum. In diesem „goldenen Zeitalter“ bauten die Regierungen Wohlfahrtssysteme auf, die bis heute (gerade in Deutschland) eine relativ gute Gesundheits- und Altersvorsorge sichern. Aber als Folge der Bevölkerungsalterung steigen nun die Versorgungslasten und diese zwingen die Regierungen, RentenbezĂĽge zu kĂĽrzen und Gesundheitsleistungen zu rationieren (5).

Trotz der schmerzhaften Einschnitte ist der „Westen“ im Vergleich zu Ostasien noch in einer privilegierten Lage: In den „Tigerstaaten“ fielen die Geburtenziffern abrupt und ĂĽbergangslos unter den Generationenersatz –  eine demographisch „stabile Moderne“ haben diese Länder nie erlebt (6). Als Folge des zeitlich komprimierten GeburtenrĂĽckgangs verschieben sich die Gewichte zwischen den Generationen noch dramatischer als im Westen: FĂĽr den Altersunterhalt der „Baby-Boomer“ der 1950er und 1960er Jahre mĂĽssen schon bald schwach besetzte Jugendjahrgänge aufkommen. Ihre Express-Modernisierung lieĂź den jungen Industriestaaten aber kaum Zeit, eine öffentliche soziale Infrastruktur (Pflegedienste etc.) aufzubauen, so dass die Versorgung fĂĽr Ă„ltere eine Aufgabe der Familie blieb. Mit den gesunkenen Kinderzahlen schwinden aber die FĂĽrsorgekapazitäten der Familie; ein Problem, das der Wandel der Familien- und Geschlechterrollen noch verschärft: Auch in Ostasien sind junge Frauen nicht mehr so selbstverständlich wie frĂĽher bereit, ihre Schwiegereltern zu versorgen. Um die Pflege der Ă„lteren zu sichern, arbeiten schon heute in Hong Kong, Singapur, Taiwan und Korea zahlreiche Pflegekräfte aus ärmeren asiatischen Ländern (7). Schon heute ist dieser FĂĽrsorgeimport kostspielig, mit der wachsenden Nachfrage dĂĽrften diese Kosten weiter steigen und ärmere Familien ĂĽberfordern. Die FĂĽrsorgeleistungen fĂĽr Ă„ltere könnten sich zu einem Privileg Wohlhabender entwickeln und so die Kluft zwischen Arm und Reich vertiefen. GeburtenrĂĽckgang, Alterung, soziale Spaltung – wie im Brennglas zeigen sich in Ostasien die Probleme moderner Gesellschaften, die eigenen Nachwuchs durch Kapital ersetzen wollen.

(1) Siehe hierzu: „Ostasien: Hypermodernisierung vs. Fertilität“ (Abbildung einsehbar unter . www.i-daf.org (Nachricht der Wochen 43 und 44/2011)

(2) Emiko Ochiai: Unsustainable Societies: The failure of Familialism in East Asia´s compressed modernity, S. 219-245, in: Historical Social Research, Vol. 36, No. 2-2011, S. 220.

(3) Siehe hierzu: http://www.i-daf.org/296-0-Wochen-13-14-2010.html.

(4) Scharfsichtigen Zeitdiagnostikern war diese besondere Situation schon damals bewusst. So wies z. B. der Psychologie Peter. R. Hofstätter darauf hin, dass Ende vom des 19. bis Mitte des 20. Jahrhunderts die „Last des Unterhalts der Kinder und der Alten“ fĂĽr die erwerbsfähige Bevölkerung „kontinuierlich leichter geworden“ sei. Eine „weitere Verbesserung diese Situation sei aber „kaum zu erwarten“, vielmehr „könnte sich sogar eine rĂĽckläufige Bewegung einstellen, ein Absinken des Prozentsatzes der Ernährer nämlich“. Siehe: P. R. Hofstätter: EinfĂĽhrung in die Sozialpsychologie, Stuttgart 1966.

(5) Zur Diskussion um die Folgen der demographischen Alterung:

http://www.i-daf.org/252-0-Woche-47-2009.html.

(6) Vgl.: Emiko Ochiai: Unsustainable Societies, a. a. O., S. 222-223.

(7) Vgl. ebenda, S. 233-234.

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Dienstag 25. Oktober 2011 um 22:16 und abgelegt unter Ehe u. Familie, Weltreligionen.