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Gottes Wort – Die Grundlage fĂĽr Glauben und Handeln der Kirche

Donnerstag 29. September 2011 von Pfr. Till Roth


Pfr. Till Roth

„Gottes Wort – die Grundlage für Glauben und Handeln der Kirche“

I  Die Bibel ist Grundlage der Kirche

Ich freue mich, dass ich zu diesem schönen Thema reden darf: „Gottes Wort – die Grundlage für Glauben und Handeln der Kirche.“ Es ist aber auch ein anspruchsvolles Thema, und deshalb will ich Sie auch in einige schwierigere Gedankengänge mit hinein führen, versuche diese aber immer wieder mit Beispielen, mit Erlebtem zu verbinden. Ich hoffe, dass auf diese Weise zum einen jeder von Ihnen etwas mitnehmen kann, das weiterbringt, das klärt, das besser verstehen lässt, das im guten Sinne erbaut; dass zum anderen aber dieser Vortrag auch als Gesprächsimpuls in unsere bayerische evangelisch-lutherische Kirche hinein gehört und ernst genommen werden kann.

„Die […] Kirche […] lebt […] aus dem Worte Gottes, das in Jesus Christus Mensch geworden ist und in der Heiligen Schrift Alten und Neuen Testamentes bezeugt wird.“ Dieses Zitat stammt nicht aus einem christlich-fundamentalistischen Pamphlet, sondern aus dem Grundartikel unserer Kirchenverfassung. Ich habe nur das „Evangelisch-Lutherisch“ und „in Bayern“ weggelassen. Inhaltlich ähnlich, nur mit anderen Worten, steht es in allen anderen Verfassungen der evangelischen Landeskirchen in Deutschland, seien sie nun lutherisch oder reformiert oder uniert. Auch wenn diese Verfassungen vor 60 oder mehr Jahren geschrieben und angenommen wurden, sind sie aufgrund des Verstreichens von einigen Jahrzehnten nicht veraltet oder überholt, sondern heute in Geltung. Viele andere Abschnitte im kirchlichen Recht sind verändert worden, ja, sie mussten an veränderte Verhältnisse angepasst werden. Auch grundlegendere Abschnitte im Kirchenrecht mit einiger theologischer Bedeutung wie z.B. die Ordnung des kirchlichen Lebens (bzw. ihr Anwendungsgesetz) hat man verändert und an die Zeitumstände angepasst; es sei jetzt dahingestellt, ob man das in dieser Art und Weise tun musste. Aber mir ist kein ernst zu nehmender Vorschlag oder Vorhaben bekannt, das diese Aussage am Anfang der kirchlichen Verfassungen, dass die Bibel Grundlage für Glauben und Handeln der Kirche ist, verändern oder an die Zeit anpassen will.

Dass diese grundlegende Aussage in Geltung steht, wird u.a. daran deutlich, dass sie bis heute bei den Ordinationen von Pfarrern und Pfarrerinnen und ähnlichen Einsegnungshandlungen bis hin zur Einführung von Kirchenvorständen aufgenommen wird, wenn sie gefragt werden, ob sie ihr Amt „gemäß dem Evangelium von Jesus Christus, wie es in der Heiligen Schrift gegeben (usw.)“ ist, führen wollen.[1]

Ist es nicht seltsam, dass damit nicht alles geklärt und mein Vortrag beendet ist? Warum kommen wir dann innerhalb der Kirche in wichtigen theologischen und ethischen Fragen nicht zu gleichen Meinungen? Warum müssen wir, wenn die Grundlage unserer Kirche so klar formuliert ist, hier zu einem Glaubens- und Besinnungstag zusammen kommen?

Ich denke nicht, dass wir in der Kirche bei allen Themen ganz identische Standpunkte und Überzeugungen haben müssen! Aber wenn es wenigstens Meinungen wären, die nahe beieinander lägen und miteinander verträglich wären. Aber selbst das ist nicht der Fall! Sondern es gibt Themen – und nicht nur zwei oder drei wichtige theologische Themen – bei denen die Anschauungen so gegensätzlich zu sein scheinen, dass hier auch die Möglichkeiten der besten Mediatoren, Kriseninterventionsteams, Vermittlungsausschüsse und Gesprächsrunden an ihre Grenzen kommen. Wir sind ja letztlich wegen eines solchen strittigen Themas hier versammelt; und solche tiefen Unterschiede im Verständnis der Heiligen Schrift machen uns sehr zu schaffen. Es belastet uns, aber auch nicht wenige, die bei diesem oder bei anderen Themen die entgegengesetzte Meinung vertreten. Ja, ich beobachte, dass es auch Kirchenleitende – ob in der Synode oder im Landeskirchenrat – belastet und eine beklemmende Ratlosigkeit hervorruft.

Diese Spannungen in unserer Kirche, die aus total verschiedenen, gegensätzlichen Auslegungen der Bibel entstehen, machen uns zu schaffen. Wir sehen hier keine gesunde Pluralität mehr, keine schöne „bunte Vielfalt“ des Glaubens, wie sie oft an der evangelischen Kirche gepriesen wird! Darüber würden wir uns freuen. Nein, wir erkennen Abweichungen von der „Gestalt des Glaubens“ (Röm 6,17), die uns „ein für allemal überliefert ist“ (Judas 3) – von der Gestalt, die (1.) anzunehmen notwendig ist für das Heil der Menschen und die (2.) festgehalten werden muss um der Einheit der Kirche willen.[2]

Beispiel 1: Um nicht zu oft das Thema der Beurteilung homosexueller Lebensweise zu bemühen, etwas anderes: Ich habe es erlebt, dass ein Kollege, also ein Pfarrer, in einer theologischen Diskussion während einer Pfarrkonferenz über meine Ansicht staunte, sich klar von ihr distanzierte und dann erregt mit erhobener Stimme in die Runde fragte: „Ja, gibt’s das denn, dass noch jemand an die leibliche Auferstehung Jesu glaubt?“ Es geht mir nicht darum, dass ich hier in unschöner Weise bloß gestellt wurde. Die Empörung und Aufgeregtheit in solchen Diskussionen, die es auf beiden Seiten gibt, sind vielmehr ein Hinweis auf den tiefer liegenden Konflikt, auf den Dissens in der Glaubenslehre und in der Auffassung der Bibel.[3]

Doch zurĂĽck zur wichtigen Frage: Warum kommen wir innerhalb der Kirche in wichtigen theologischen und ethischen Fragen nicht zu gleichen, wenigstens kompatiblen Meinungen, wenn doch als unsere gemeinsame, von allen anerkannte Grundlage gilt, dass die Bibel Grundlage fĂĽr Glauben und Handeln der Kirche sei? Um die Antwort auf diese Frage muss es in diesem Vortrag gehen.

II  Alles Auslegungssache!?

Ich habe schon angedeutet, dass es um verschiedene Auslegungen der Bibel geht. Und an dieser Stelle müssen wir alle etwas Wichtiges verstehen, das uns auch helfen kann, andere Meinungen nicht vorschnell abzutun. Es hängt in der Tat auch mit der Art unserer Grundlage zusammen, dass die Ergebnisse ihrer Auslegung nicht die gewünschte Eindeutigkeit haben können wie in anderen Bereichen, z.B. wie teilweise in den vergleichsweise exakt arbeitenden Naturwissenschaften. Wenn es um das Lesen und Verstehen eines Buches geht, können verschiedene Leser durchaus zu verschiedenen Auffassungen kommen.

Beispiel 2: Wir können das mit anderen Gebieten ansatzweise vergleichen: So lässt ein Gedicht von Rainer Maria Rilke durchaus unterschiedliche Auslegungen zu, genauso wie eine Sinfonie von W.A.Mozart, ein Klavierstück von Robert Schumann oder ein Gemälde von Emil Nolde unterschiedlich interpretiert werden können.[4] Wohlgemerkt: unterschiedlich, aber nicht beliebig!

Trotzdem verstehen wir von daher vielleicht besser, dass auch Bibelleser zu unterschiedlichen Auslegungen kommen. Das sollte uns nicht allzu sehr überraschen, und das haben wir sicher alle schon erlebt, wenn wir denn in einer Gemeindebibelstunde, in einem Hauskreis oder bei anderer Gelegenheit ernsthaft über die Bibel ins Gespräch gekommen sind. Wir haben also mit einem Streit im positiven Sinne, mit einem Ringen um die rechte Auslegung immer auch zu rechnen. Aber nicht nur das; so erklärt sich auch, dass andere zu entgegengesetzten Auffassungen gelangen – zu solchen, die wir gar als „falsch“, ja, als „unbiblisch“, also als mit der Glaubenslehre (regula fidei) unvereinbar ansehen würden – und gleichzeitig behaupten, sie halten dabei an der Bibel als Grundlage für ihren Glauben und ihr Handeln fest.[5] Man sollte es ihnen nicht von vorneherein absprechen, dass sie ihre Standpunkte subjektiv als legitime Auslegung der Bibel verstehen.

Deshalb sehe ich – solange jemand den Anspruch hat, die Autorität der Heiligen Schrift anzuerkennen und in Übereinstimmung mit ihr zu reden – keinen anderen Weg, als diesen Anspruch zunächst einmal zu respektieren und im konkreten Auslegungsstreit mit ihm nachzuweisen, dass sein Verständnis oder seine Auslegung nicht sachgemäß und angemessen ist.[6]

Wie kann das gehen? Wenn wir anhand des Vergleichs mit der Interpretation eines Musikstücks verstehen lernen, dass eine gewisse  Auslegungsbreite zugestanden werden darf und soll, so sehen wir daran aber zugleich ein anderes, nämlich dass es immer auch eine Grenze legitimer, ernsthafter, sachgemäßer Interpretation gibt. Wenn Schumann forte vorschreibt, dann hat der Interpret nicht die Freiheit, pianissimo zu spielen – jedenfalls nicht dann, wenn er als seriöser Interpret angesehen werden will, der den Anspruch der Texttreue erhebt. Es gibt auch in der Musik tatsächlich den Begriff der „Texttreue“. Damit wird sehr wohl eine gewisse Interpretationsfreiheit zugestanden, aber zugleich ausgesagt, dass sich der Interpret im Rahmen der vom Autor des Notentextes, also des Komponisten, vorgeschriebenen Vortragsweisen bewegen solle. Eben: unterschiedliche, aber nicht beliebige Interpretationen.

Wir lernen noch etwas Wichtiges an diesem Beispiel: Es ist erlaubt danach zu fragen, was denn der Autor „ursprünglich“ geschrieben hat. Es muss sogar ein erklärtes Ziel guter Auslegung sein dies herauszufinden. Ich sage „ursprünglich“; weil ja eine längere Zeit vergangen sein kann, seitdem der Komponist sein Musikstück geschrieben hat. Daher gibt es auch in der Musikwissenschaft die Forschung nach dem „Original“. Und es kann auch sein, dass es die Notenblätter, die der Komponist mühsam handschriftlich beschrieben hat, gar nicht mehr gibt. Das kommt umso öfter vor, je weiter man zeitlich zurück geht. Dann muss man die vorhandenen überlieferten Drucke oder Ausgaben vergleichen, und so gibt es auch in der Musik so genannte „kritische Urtexteditionen“. Genauso ist es in der Theologie: Die Forschung, die sich bemüht, die hebräischen und griechischen Urtexte der biblischen Bücher festzustellen, ist legitim und sehr wichtig. Aber der berechtigte „Auslegungsspielraum“ wird dann überschritten, wenn ich den Text gegen seinen Wortsinn auslege.

Nun muss ich doch kurz auf das aktuelle Streitthema kommen. Diejenigen Bibelausleger, die das Gesamtzeugnis der Bibel zum Thema Homosexualität so verstehen, dass sie nur bestimmte missbräuchliche oder promiskuitive gleichgeschlechtliche Praktiken ablehne und als Sünde bezeichne, legen aus meiner Sicht die heilige Schrift gegen ihren Wortsinn aus. Sie überdehnen den Auslegungsspielraum. Sie stellen die These auf, dass die Bibel „ethisch gestaltete“, dem Liebesgebot verantwortete gleichgeschlechtliche Partnerschaften gar nicht thematisiere, und daraus, dass die Bibel dies angeblich gar nicht im Blick habe, folgern sie, dass solche „in Verlässlichkeit und gegenseitiger Verantwortung“ gelebte homosexuelle Partnerschaften auch gar nicht als sündig beurteilt werden können. Wenn das so wäre, dann ist übrigens eine logische Folgerung und eine berechtigte Erwartung, dass solche Partnerschaften auch kirchlich gesegnet werden.

Aber diese Auslegung ist beliebig. Es ist eine Abweichung vom eindeutigen Notentext. Es ist gleichsam so, als wenn man bei einem schönen, langsamen Satz einer Mozart-Sinfonie, bei dem die Streicher ruhig dahin spielen, eine Oberstimme erfinden würde, die von einer Trompete laut hinzu geblasen wird. „Klingt doch gut!“, sagen sie. Ja, es mag sein, dass die Harmonien zusammen passen, aber (1.) steht die Oberstimme einfach nicht da und (2.) passt sie auch nicht zum Stil dieses Musikstücks. Liebe Gemeinde, was heute von vielen evangelischen Theologen, Synoden und Kirchenleitungen in Deutschland, in Nordamerika, in Schweden, neuerdings in Italien und anderswo über die Möglichkeit einer gottgefälligen Gestaltung homosexueller Lebensweise behauptet wird, steht so einfach nicht in der heiligen Schrift, und es passt auch insgesamt nicht zu ihrem Geist.

III  Einheitliche Bibel?

Nun liegt es auf der Hand, dass es sich bei der Auslegung der Bibel viel komplizierter verhält als beim Vortragen eines Musikstücks oder bei einer Gedichtinterpretation: Die Bibel ist vielschichtiger und wesentlich anspruchsvoller als ein Notentext oder ein Gemälde – entsprechend ist die biblische Hermeneutik, die Lehre vom Verstehen der Bibel, viel komplizierter.

Zum einen ist die Bibel eine Bibliothek. Sie besteht aus vielen Büchern, die über einen langen Zeitraum von vielen Verfassern geschrieben wurde. Das stellt unweigerlich die Frage nach ihrer Einheitlichkeit. Im Vergleich gesprochen: Es gibt Ausleger, die verstehen die Bibel so, dass Mose im Alten Testament forte anzeigt, wo Johannes im Neuen Testament piano vorschreibt – und das sozusagen an derselben Stelle im Notentext, so dass sie sich zu widersprechen scheinen. Und so lesen sie viele Gegensätze und Widersprüche innerhalb der Bibel, so dass es für sie fast unmöglich wird, zu einem kurzen, eindeutigen Ergebnis zu kommen: „Die Bibel lehrt zu diesem und jenem Thema folgendes…“ Für manche Ausleger gibt es keine einheitliche, harmonische biblische Sichtweise, weil es – in vielen Fällen jedenfalls – nur viele verschiedene, teilweise gegensätzliche Sichtweisen gibt.

Wir stoßen hier auf etwas, das ich ein Geheimnis des Glaubens nennen möchte: Es ist das Wunder, das Geschenk Gottes, dass viele Christen – darunter auch ich – die vielen Töne, Lautstärken und Tempi in den 66 biblischen Büchern als eine wunderbare Sinfonie hören können, als etwas Ganzes, das sehr wohl zusammen gehört und zusammen passt und einen – großartigen – „Sinn“ ergibt. Ich nenne es deshalb ein Geheimnis des Glaubens, weil ich es eben nur als „Wunder“ oder „Geschenk“ in dem Sinne bezeichnen kann, dass ich diesen Zusammenklang, diese Sym-phonie weder selbst machen oder erzeugen kann noch nachweisen oder anderen aufzeigen kann, wie das genau funktioniert mit dem Zusammenklang. In diesen Zusammenhang der Rede vom Glaubensgeheimnis gehört – wenn man das Bibelverständnis grundsätzlich darlegen will – die Rede von der Inspiration (siehe 2 Tim 3,16f; 2 Petr 1,20f).[7] Aber auch die Rede von der Inspiration, also der Einhauchung der biblischen Schriften durch den Geist Gottes, erklärt lange nicht alles, sondern deutet nur an, dass der Realgrund für dieses Geheimnis darin besteht, dass hinter den menschlichen Autoren der biblischen Schriften das Wirken des Heiligen Geistes steht. Er ist letztlich der Urheber dieser Sym-phonie, nicht ich oder irgendein Ausleger.[8]

Nun kann man historisch zeigen, dass man in der Auslegungsgeschichte bis Luther, bis einschließlich zu den Reformatoren selbstverständlich davon ausging, dass die Heilige Schrift – obgleich sie eine vielschichtige Bibliothek ist – eine Einheit, eine Sinfonie darstellt. Diese Sicht ging mit dem seit der Renaissance bzw. des Humanismus aufkommenden Umgang mit der Bibel verloren, den man gemeinhin den „historisch-kritischen“ Umgang nennt.[9]

Was bedeutet das? Das Aufkommen dieses Verständnisses und Umgangs mit der Bibel hat mehrere geistesgeschichtliche Hintergründe.[10] Dabei spielten Erkenntnisse und Entdeckungen in verschiedenen Bereichen der Naturwissenschaften, die zu einer anderer Auslegung als der traditionellen zwangen, genauso eine Rolle wie die Kirchenspaltung des 16. Jahrhunderts: Wie konnte es geschehen, wenn die Bibel einheitlich ist, dass die Einheit der Kirche zerbrach? So löste man sich mehr und mehr von der kirchlichen Glaubenslehre, die ja nach der Kirchenspaltung der Reformationszeit keine einheitliche mehr war, und wollte sie nicht mehr als geeignete Voraussetzung der Bibelauslegung betrachten. An die Stelle der Glaubenslehre trat ein versachlichter, von allgemein anerkannten Methoden geleiteter Zugang zur Bibel; und an die Stelle des persönlichen Glaubens des Auslegers traten die menschliche Vernunft und die jeweils geltenden Vernunftmaßstäbe.[11]

Wie Marius Reiser eingehend gezeigt hat, trat dabei völlig in den Hintergrund, dass der Auslegungsgegenstand, also die Bibel, aus dem Glauben und für den Glauben geschrieben wurde und dass ihr normaler Gebrauch immer in der Kirche geschah.[12] So kam es, dass sich – in einem langen, schweren und immer hart umkämpften Prozess, der vor 400 Jahren begann – Bibel und Kirche, Bibel und Glaube voneinander lösten. Und dies, liebe Schwestern und Brüder, ist der geistige Nährboden, das geistige Klima, in dem wir Pfarrer nach wie vor ausgebildet werden.

Beispiel 3: Ich hörte davon, dass ein Theologiestudent im Seminar, in dem man den eben ganz knapp skizierten historisch-kritischen Umgang mit der Bibel erlernt, ganz unvermittelt von „meinem Herrn Jesus“ sprach. Diese drei Worte erregten bei den Mitstudenten eine außergewöhnliche Empörung, und ich nehme an, nicht deshalb, weil sie die Frömmigkeitsrichtung nicht teilten, der sie möglicherweise diese Äußerung zuordneten, sondern weil diese Formulierung grundsätzlich nicht in diesen Zusammenhang des Umgangs mit der Bibel passte. Es mag zwar sein, dass in dem Text, der methodisch exakt ausgelegt wurde, von Jesus die Rede war, aber es wurde offenbar als völlig abwegig und unangemessen angesehen, diese Ebene persönlichen Glaubens ins Spiel zu bringen.

Sie könnten vielleicht ähnliche Erlebnisse aus dem Kirchenvorstand, dem Dekanatsausschuss oder einer anderen Begegnung berichten. Und sie mögen erahnen, was für eine enorme geistige und geistlichen Herausforderung das Theologiestudium darstellt. In diesem Sinne sagte der inzwischen über 80-jährige Münchner Theologieprofessor Wolfhart Pannenberg über das Theologiestudium: Es „stellt die Studenten vor eine außerordentliche intellektuelle Herausforderung. Ein begründetes eigenes Urteil über die Inhalte des christlichen Glaubens zu gewinnen, ist eine faszinierende Aufgabe, aber sie kann nur im Zusammenhang der Auseinandersetzung mit dem ganzen kulturellen Erbe Europas bewältigt werden.“ Und Pannenberg fährt fort: „Aber nicht alle Studenten sind einer solchen Herausforderung intellektuell“ – ich würde ergänzen: und geistlich – „gewachsen… So dürfte das Studium eher zur Verunsicherung über die Inhalte des Glaubens beitragen… Es ergibt sich daraus die begründete Vermutung, dass die in der Pfarrerschaft der evangelischen Kirchen verbreitete Verunsicherung im Hinblick auf den Glauben, den die Amtsträger öffentlich zu verkündigen haben, das größte (!) Problem der Kirche darstellt.“[13] Sollten solche Worte nicht die Kirchenleitungen aufrütteln?

Ich halte an dieser Stelle fest: Die glaubende Gemeinde heute geht – in Übereinstimmung mit der Kirche von den Aposteln bis zu den Reformatoren – von der Einheitlichkeit der ganzen Bibel aus. Das heißt nicht, dass wir gegen eingewandte Widersprüche und Missklänge immer die Sym-phonie, den Wohlklang der Heiligen Schrift beweisen könnten oder auch sollten. Dennoch halten wir als Glaubensgeheimnis an der Einheitlichkeit fest, die zugleich eine wichtige Voraussetzung ist, dass die Kirche Jesu Christi sowohl ihre Einheit bewahren als auch mit Vollmacht das Evangelium bezeugen kann. Und noch etwas: Interessanterweise hat es der historisch-kritische Umgang mit der Bibel, der inzwischen doch schon viele Generationen lang dominiert, nicht geschafft, zu einer übereinstimmender Auslegung der Bibel und zu einem Lehrkonsens in der Kirche zu führen, geschweige denn dahin, die Kirche mit erneuern zu helfen.

IV  Welche Autorität hat die Schrift?

Die Bibel ist vielschichtiger und wesentlich anspruchsvoller als ein Musikstück, habe ich gesagt. Nicht nur, weil sie eine große Bibliothek ist. Sondern auch, weil ihr Inhalt wesentlich gewichtiger und umfassender ist. Denn es geht hier um das menschliche Leben in allen seinen Tiefendimensionen. Es geht, um es einmal mit Immanuel Kant zu sagen, um die drei großen Fragen der Menschheit: Was können wir glauben? Was sollen wir tun? Was dürfen wir hoffen?[14]

Deshalb stellt sich im Blick auf die Heilige Schrift die Frage nach ihrer Legitimation bzw. ihrer Autorität viel brennender als bei irgendeinem anderen Gegenstand aus der Literatur, der bildenden Kunst oder der Musik. Mit welchem Recht sprechen die Autoren der biblischen Schriften diese großen Lebensthemen an. Woher haben sie ihre Weisheit? Warum sollten wir ihnen Glauben schenken? Hier geht es – ähnlich wie bei der Frage nach der Einheitlichkeit, aber noch direkter – um die Frage, ob die Sammlung der alt- und neutestamentlichen Schriften Gottes Wort ist oder nicht. Genau an diesem Punkt, bei der Frage nach der Autorität der Bibel, ist die Rede vom „Wort Gottes“ angebracht. Denn wenn Gott durch die Heilige Schrift redet – was ist dann die angemessene Haltung, die wir – als Menschen, als Geschöpfe Gottes – gegenüber diesem Reden des Schöpfers einnehmen sollten? Die Antwort versteht sich von selbst: Aufnehmen und hören, annehmen und sich unterordnen, übernehmen und tun.

Es gab von den Anfängen des historisch-kritischen Umgangs mit der Bibel bis heute viele, die Einspruch und Widerspruch geäußert haben und auf die Grenzen und Gefahren dieses Umgangs deutlich und – wie ich meine – überzeugend hingewiesen haben. Ich habe von diesen tiefen, grundsätzlichen Auseinandersetzungen um Recht und Grenze des historisch-kritischen Umgangs mit der Bibel in meinem Theologiestudium nichts gehört, sondern ich bin mit großer Selbstverständlichkeit in diesen Umgang eingeführt worden.[15] Die Hintergründe und die Entstehung des historisch-kritischen Zugangs zur Bibel, ohne deren Kenntnis man kaum seine Grenzen, Engführungen und Irrwege erkennen kann, musste ich mir selbst erarbeiten, bzw. ich hatte die Gelegenheit, dies in außeruniversitären Zusammenhängen zu lernen. Ich bin bis heute dankbar für das, was ich im Vorstudienjahr in Krelingen oder in studienbegleitenden Seminaren des Albrecht-Bengel-Hauses in Tübingen gelernt habe.[16]

Dieser seit Jahrzehnten und Jahrhunderten selbstverständlich bei uns eingeübte Umgang mit der Bibel stellt die Bibel als Wort Gottes in Frage.[17] Stattdessen sieht er die Bibel als eine Sammlung ganz unterschiedlicher antiker Schriften an. Er liest die Bibel „wie jede andere Literatur“. Was die biblischen Verfasser sagen, betrachtet er als „Ausdruck der Frömmigkeit bestimmter Personen“. Er „beschränkt die Geltung der biblischen Texte zunächst auf ihre Entstehungszeit und auf ihren Entstehungsort“. So verliert man nicht nur aus dem Blick, dass Gott „vormals gesprochen hat … durch die Propheten“ (Hebr 1,1) und nun durch das Zeugnis der Propheten und Apostel in den biblischen Schriften zu uns spricht. Nein, schlimmer noch: Dieses wird einem methodisch abgewöhnt und ausgetrieben.

Beispiel 4: Ich selbst habe zu Beginn meiner Zeit im Vikariat folgendes erlebt: Wir waren zum ersten Mal als Vikare im Predigerseminar versammelt. Die Leiter des Predigerseminars meinten es gut, als sie diesen zweiten Ausbildungsabschnitt mit dem Hören und Besinnen auf kräftige Verheißungsworte Gottes einleiten wollten. Sie leiteten uns zu einer geistlichen Lektüre der ersten Verse von Josua 1 (V.1-9) an: „Siehe, ich habe dir geboten, dass du getrost und unverzagt seist. Lass dir nicht grauen und entsetze dich nicht; denn der HERR; dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst.“ (V.9) Aber der tröstenden, ermutigenden Anwendung dieser Sätze auf uns Vikare kam der im Studium erlernte andere Umgang mit der Bibel in die Quere, und er machte sich bald durch einige Mitvikare laut, es sei doch eine Zumutung, solche Sätze aus einem Zusammenhang imperialistischen Machtgebarens auf uns zu beziehen. Gemeint war die gewaltsame, militärische Einnahme des Landes Kanaan durch die Israeliten, die Thema des Buches Josua ist.

Die Bibel selbst führt das Anwenden von Verheißungsworten (aus einem anderen historischen Zusammenhang) auf den gegenwärtigen Leser selbst vor.[18] Aber das ist im historisch-kritischen Denken auch kein Argument mehr, denn auch das Schriftverständnis der Apostel, ja wohl auch das von Jesus selbst, ist aus den damaligen Zeitumständen heraus zu verstehen und deshalb in seiner Bedeutung zu relativieren und keineswegs als verbindlich für alle Zeiten zu betrachten.

Ich glaube, Sie können erkennen, in welcher tiefen Krise des Schriftverständnisses und des Umgangs mit der Bibel wir uns seit langem befinden. Wir müssen aber auch erkennen, dass es nicht nur um eine geistige Auseinandersetzung geht, also darum, wer die besseren Argumente für seinen Standpunkt vorbringen kann. Letztlich geht es um eine geistliche Auseinandersetzung. Auch das ist ein Geheimnis des Glaubens und ein Geschenk des Heiligen Geistes, die Bibel als Wort Gottes zu erkennen.[19]

Und wenn das so ist – dass die Aussage, die Bibel sei Gottes Wort, ein Glaubensbekenntnis ist, und der Streit um das rechte Bibelverständnis auch eine geistliche Sache ist und daher auch nicht mit den Möglichkeiten des Verstandes zu lösen – dann müssen wir auch mit geistlichen Mitteln arbeiten: das heißt vor allem mit dem Gebet um Umkehr und Erneuerung in der Theologie. Wollen wir das miteinander tun?

V  Als Kirche leben wir vom beständigen geistlichen Umgang mit der Bibel

Aber wir können noch etwas anderes tun: Wir können und sollten selbst den geistlichen Umgang mit der Heiligen Schrift praktizieren und beständig üben. Es ist wichtig, dass wir treu sind im Hören auf Gottes Wort. Viele von uns kämpfen an dieser Stelle um Disziplin und Regelmäßigkeit. Diesen Kampf kann niemand von uns vermeiden oder umgehen. Viele von uns erleben es, dass ihnen die Bibel von Zeit zu Zeit anstrengend oder langweilig wird. Das kann auch mit vom jeweiligen Charakter abhängen, und auch deshalb ist es gut, wenn wir Gemeinschaft mit anderen Glaubenden haben im Gebet und Bibellesen. Da können wir uns gegenseitig ermutigen und stärken, so dass auch der Kampf um die persönliche Andacht leichter gefochten werden kann. Da können wir uns aber auch gegenseitig helfen und raten, wie wir die persönliche Andacht halten können. Manche von uns haben da ihre bestimmte, eigene Art und Weise gefunden und brauchen keine Variation. Anderen von uns tut es gut, von Zeit zu Zeit in ihrer Andacht etwas zu verändern. Ein neues Andachtsbuch, eine andere Bibellesehilfe kann den Zugang und die Freude an der Bibel durchaus beleben.

Beispiel 5: Ich selbst habe z.B. im jetzigen Sommerurlaub für mich hilfreiche neue Impulse gewonnen durch das Buch „Gemeinsames Leben“ von Dietrich Bonhoeffer.[20] Es hat mich angerührt, was er dort von der Stille und dem Alleinsein schreibt. Davon, dass wir „warten auf Gottes Wort an uns“: „Wir setzen uns dem einzelnen Satz und Wort so lange aus, bis wir persönlich von ihm getroffen sind.“ (S.70) Und ich habe mich darin wiedergefunden, wenn er sagt: „Oft sind wir so belastet und überhäuft mit andern Gedanken und Bildern, Sorgen, dass es lange dauert, ehe Gottes Wort das alles beiseite geräumt hat und zu uns durchdringt.“ (S.70) Und weiter: „Es ist nicht nötig, dass wir in der Meditation neue Gedanken finden. Das lenkt uns oft nur ab und befriedigt unsere Eitelkeit. Es genügt vollkommen, wenn das Wort, wie wir es lesen und verstehen, in uns eindringt und bei uns Wohnung macht.“ (S.71)

Diese schlichten Ratschläge haben mir geholfen. Aber entscheidend ist, dass wir im Glaubensgehorsam zum dreieinigen Gott leben. Dass wir Acht geben, dass nichts den „Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesus Christus“ (Röm 5,1) trübt und nichts uns den „Zugang zum Thron der Gnade“ (Hebr 4,14) verbaut oder abschneidet. Die heilige Schrift ist das uns von Gott geschenkte Mittel dazu. Durch sie wird uns dieser Zugang eröffnet; durch sie wird uns der Friede mit Gott bewahrt; durch sie werden wir zum Glaubensgehorsam gestärkt. Natürlich tut dies alles Gott durch seinen Heiligen Geist; aber er gebraucht dazu sein Wort, die heilige Schrift, als Mittel. Martin Luther betonte daher, dass die heilige Schrift „seine“, des Heiligen Geistes, Schrift sei: „Hier hat er nämlich sein Versteck errichtet… Im Psalm 1 wird einer als glückseliger Mann gepriesen, weil er Tag und Nacht nicht über andere Bücher sinnt, sondern über das Gesetz des Herrn… Es steht nämlich geschrieben, dass das Antlitz des Mose erstrahlt war infolge der Gesprächsgemeinschaft mit dem Herrn, jedenfalls nicht infolge des gemeinsamen Gesprächs mit Menschen…“[21]

Deshalb ist es für das geistliche Leben des einzelnen Glaubenden wie für die Vollmacht der Kirche insgesamt entscheidend, das Vertrauen und die Liebe zur heiligen Schrift zu erhalten und zu pflegen. Dazu ist das Gebet unentbehrlich. So wie wir um Gottes Vergebung und Gnade, um seine Leitung und seinen Heiligen Geist nur bitten können, da sie nicht in unserer Verfügungsgewalt sind, so können wir nur bitten um die Liebe zu Gott und die Liebe zu seinem Wort. „Herr, öffne mir die Herzenstür, zieh mein Herz durch dein Wort zu dir, lass mich dein Wort bewahren rein, lass mich dein Kind und Erbe sein.“ (Johann Olearius EG 197,1; in der Losung des gestrigen Tages)

Ebenso sollten wir vor jedem Lesen der Bibel – egal in welchem Zusammenhang, egal in welchem Raum und mit welchen Menschen – um das Licht des Heiligen Geistes bitten. Denn Christus muss uns das Verständnis der Schriften öffnen (Lukas 24,32.45). Es ist das Buch des Heiligen Geistes; und es ist Wunder und Geschenk Gottes, wenn wir es als solches annehmen und Gottes herrliche Musik darin klingen hören dürfen.

Beispiel 6: Die Bitte um das rechte Verständnis des Wortes ist für uns vor der Predigt oder vor dem Gottesdienst selbstverständlich. Das gehört zur Liturgie. Ich denke, auch bei der Predigtvorbereitung. Aber ich habe das eigenartigerweise nie im universitären Zusammenhang erlebt. Offenbar scheut man sich dort oder ist der Meinung, das habe hier keinen Ort. Auch habe ich kaum erlebt, dass ein Theologieprofessor uns Studenten gegenüber in einer nicht frömmelnden, aber doch persönlichen Art und Weise von seiner Liebe oder sagen wir: von seiner Wertschätzung für das Wort Gottes gesprochen hat. Der Psalmist sagt: „Ich will rühmen des Herrn Wort.“ (Ps 56,11; Herrnhuter Losungswort vom 22.9.) Und auch Martin Luther, der Doktor der Theologie war, sprach freimütig von seiner Liebe zur Schrift: „Der Galaterbrief ist mein Epistelchen, dem ich mich vertraut habe; er ist meine Käthe von Bora.“[22]

Wenn wir solchen vertrauten und vertrauensvollen Umgang mit der Bibel pflegen (und dabei die Einheitlichkeit und Autorität der Bibel möglicherweise neu als Geheimnis des Glaubens entdecken), dann beginnt das eigentliche erst, nämlich dass die Bibel zur Grundlage von Glauben und Handeln der Kirche wird.

Die Entwicklung der westeuropäischen Gesellschaft nötigt uns, als Kirche immer öfter anderslautende Positionen zu beziehen. Wir können diese Entwicklung nur dann annehmen, wenn wir wirklich aus dem Wort Gottes leben. Manche beklagen diese Entwicklung mit ihren Werteverschiebungen und ihrer Verabschiedung der Wahrheitsfrage. Aber das Beklagen und Entsetzen entspricht nicht der Zuversicht, die der Glaube schenkt, und es bessert die Lage nicht. Andere versuchen, Kirche und Gesellschaft zusammen zu halten und den Einfluss der Kirchen auf die Entwicklungen hoch zu halten. Das stellt m.E. eine Überforderung dar, bei der man allzu leicht der Gefahr der Anpassung erliegt.

Wir müssen es akzeptieren, dass sich die Gesellschaft mehr und mehr vom christlichen Glauben entfernt. Das heißt natürlich nicht, dass wir das gutheißen. Umso mehr müssen wir mit unseren Kindern offen darüber reden und sie in einer auf der Bibel gegründeten Weltanschauung und Lebensführung stärken, ohne sie aus der Welt zurückzuhalten im guten Willen, sie zu schützen.

Beispiel 7: (a) Es hat keinen Sinn, sich aufzuregen darüber, dass Dutzende Abgeordnete den Papst nicht hören wollen und dass die Mehrheit unseres Volkes sich nicht über seinen Deutschlandbesuch freuen kann. Die Ausgabe des „Stern“ macht dies zu seinem Titelthema in dieser Woche, bezeichnet den Papstbesuch als Besuch „aus einer anderen Welt“ und versucht die „Geschichte einer Entfremdung“ zu beschreiben.[23] Das ist gar nicht polemisch formuliert, und Bibelkennern wird dazu in den Sinn kommen, dass „Fremdheit“ in der Welt schon die Selbstwahrnehmung der ersten Christen war (z.B. 1 Petr 1,1; 4,4)

(b) Es bringt nichts, den Kopf darüber zu schütteln, dass Millionen von Getauften in unserem Land Umfragen zufolge nicht einmal an Gott glauben. – Oder dass viele stattdessen eher von der Anwesenheit von Geistern und Engel überzeugt sind.

(c) Was hilft es, wenn wir schimpfen und warnen, dass sich ein eigener Fernsehsender „ASTRO-TV“ seit 2004 „hauptsächlich mit Astrologie, Horoskopen, Hellsehen und Kartenlegen“ beschäftigt?[24]

(d) Und was ändert es, wenn wir beklagen, dass Kirche und Glauben in den Medien mehr und mehr verunglimpft werden? Schlimmer als böse Verleumdungen und Verzerrungen finde ich, dass bei Journalisten oftmals gar kein Vermögen mehr da ist, sich in den christlichen Glauben einzufühlen. Sie können teilweise christliche Positionen – seien es ethische oder Glaubensthemen – nicht korrekt darstellen. Sie merken das alle, wie teilweise in der Regionalpresse das Gespür für den Sinn oder auch nur die richtigen Vokabeln mangelt. Und darin sind die Journalisten nicht einfach nur Meinungsmacher, sondern ein Spiegelbild der Gesellschaft: Sie zeigen, wie weit sich viele Zeitgenossen in Deutschland, mögen sie auch getauft sein, innerlich vom christlichen Glauben entfernt haben.

Das waren nur wenige Beispiele. Ich sagte, wir müssen es akzeptieren, dass sich die Gesellschaft so entwickelt. Und wir können es akzeptieren, wenn wir aus dem Wort Gottes leben. Denn unsere Bestimmung als Kirche ist es, Salz der Erde zu sein und Licht der Welt. Also „lebt als Kinder des Lichts!“ (Eph 5,8)

Pfarrer Till Roth, Impulsreferat des Glaubens- und Besinnungstages in Castell am 24.09.2011

Pfarrer Till Roth
1. Vorsitzender des Arbeitskreis bekennender Christen in Bayern (ABC)
Rosenstr. 2
96257 Redwitz a.d.Rodach



[1] Agende fĂĽr Evangelisch-Lutherische Kirchen und Gemeinden, Band IV, hg. von der Kirchenleitung der VELKD, Hannover 1987,S.93. Vgl. dort die Ordinationsfragen auf S.23 bzw. S.30, die Verpflichtungsfrage fĂĽr Synodale auf S.98 bzw. fĂĽr Mitglieder der Generalsynode auf S.100.
[2] Auch Wolfhart Pannenberg sprach sehr deutlich davon, dass „von einem kirchlichen Lehrkonsens auf der Basis des Schriftzeugnisses, wie er der Reformation vorgeschwebt hat, … trotz der formellen Geltung der reformatorischen Bekenntnisse in den evangelischen Kirchen heute keine Rede sein (kann).“ Angst um die Kirche. Zwischen Wahrheit und Pluralismus, in: Ders., Beiträge zur Systematischen Theologie, Bd. 3, Göttingen 2000, 34-42; Zitat auf S.39.
[3] Das hat vor allem Reinhard Slenczka immer wieder und mit großer Schärfe erkannt und beschrieben. Vgl. ders., Kirchliche Entscheidungen in theologischer Verantwortung, Göttingen 1991.
[4] Natürlich ist die Parallele der Auslegung von anderen Texten, von Literatur, als die der Auslegung biblischer Texte am nächsten kommende anzusehen und dem Vergleich mit der Musik oder bildenden Kunst daher vorzuziehen. Mir ist das bewusst, auch wenn ich im Folgenden immer wieder auf den Vergleich mit der Musikinterpretation zurückgreife.
[5] Ein gutes Beispiel dafür ist die Aussage des damaligen Kirchenpräsidenten Peter Steinacker, der auf theologisch begründete heftige Kritik am Beschluss der hessen-nassauischen Synode, die Segnung homosexueller Paare zuzulassen, schlicht antwortete: „Das sehe ich anders.“ (ideaSpektrum Nr. 1/2/2003, S.19)
[6] Gleichzeitig ist der Vorwurf als unsachlich abzuweisen, wir würden damit das Auslegungsmonopol beanspruchen oder würden behaupten, dass wir das einzig wahre Verständnis der Bibel besitzen. Dieser Vorwurf ist deshalb unsachlich, weil er sich dem konkreten Auslegungsstreit entzieht und den Kontrahenten auf einer anderen Ebene disqualifizieren will.
[7] Diese beiden Belegstellen haben gerade als Selbstzeugnis biblischer Schriften – m.E. weithin unterschätztes – Gewicht, wenn man denn in einem auch nach allgemeinen hermeneutischen Einsichten einleuchtenden Schritt nach dem jeweiligen Selbstverständnis von Texten fragen will.
[8] Deshalb hat die Lehre von der Heiligen Schrift sehr viel mit der Gotteslehre bzw. mit der Lehre vom Heiligen Geist und mit der Glaubenslehre zu tun. Dies muss deutlich gemacht werden, egal an welchem Ort in der Systematischen Theologie man das Thema behandelt.
[9] Vgl. dazu Marius Reiser, Bibelkritik und Auslegung der Heiligen Schrift. Beiträge zur Geschichte der biblischen Exegese und Hermeneutik, WUNT I/217, Tübingen 2007.
[10] Dazu ist nach wie vor eine gute Studie Klaus Scholder, UrsprĂĽnge und Probleme der Bibelkritik im 17. Jahrhundert. Ein Beitrag zur Entstehung der historisch-kritischen Theologie, MĂĽnchen 1966.
[11] So hat z.B. Oswald Bayer nachgewiesen, dass die affectiones der Heiligen Schrift, wie sie in der Reformation und der lutherischen Tradition erkannt und gelehrt wurden, bei und seit I. Kant durch die Vernunft abgelöst und ersetzt wurden: „Bei Kant ist die Autorität der Schrift durch die Autorität der Vernunft beerbt. Das lässt sich im einzelnen leicht nachweisen: Die affectiones scripturae, die Wirkweisen der Schrift: auctoritas, infallibilitas, perfectio, sufficientia, perspicuitas und efficacia, vor allem aber die Selbstauslegung, Kritikfähigkeit, Selbstrichterschaft und Normkraft – alle diese Wirkweisen und Eigenschaften der heiligen Schrift, die nur die Wirkweisen und Eigenschaften des dreieinigen Gottes selbst sein können, schreibt Kant der Vernunft zu…“ in: Ders., Autorität und Kritik, Tübingen 1991, S.44.
[12] M.Reiser (s.o. Anm. 9), S.1 in Aufnahme und Zustimmung eines Aufsatzes von R.L.Wilken.
[13] W.Pannenberg, Angst um die Kirche. Zwischen Wahrheit und Pluralismus, in: Ders., Beiträge zur Systematischen Theologie, Bd. 3, Göttingen 2000, 34-42; hier S.39.
[14] Hier liegt auch die Grenze der Anwendbarkeit allgemeiner hermeneutischer Regeln, denn hier geht es nicht mehr um die Interpretation von Gedichten, Dramen oder ähnlicher poetischer oder Prosa-Literatur auf ästhetischer Ebene. Vielmehr tritt in den biblischen Texten ein Anspruch an ihren Leser entgegen, der alles Bemühen um das rechte Verständnis der Texte nur als zwar notwendige, aber letztlich doch sekundäre Vorarbeiten erkennen lässt, nun aber das Selbstverständnis des Lesers seinerseits zum Thema macht. Und dabei geht es nicht nur um politische oder moralische Optionen, sondern eben um die Grundfragen des Menschseins, die sonst vergleichbar nur in den großen Texten der Philosophiegeschichte behandelt werden. Diese sind die nächste Parallele zu biblischen Texten, und auch bei ihnen geht es um viel mehr als um ein „sachgemäßes Verständnis“, es sei denn dieses Verständnis schließt die geforderte weltanschauliche Auseinandersetzung und gegebenenfalls das entsprechende „Glauben und Handeln“ aus gewonnener Überzeugung ein. Vgl. dazu die berühmten und großartigen Vorworte von Karl Barth sowohl zur 1. als auch zur 2. Auflage seines Römerbriefes (1918. 1922)!
[15] Ich habe allenfalls von den sog. „neueren Zugängen“ zur Bibel erfahren, wie z.B. den literaturwissenschaftlichen, den feministischen oder den canonical approach. Diese sind aber immer als ergänzend und auf dem historisch-kritischen Zugang aufbauend dargestellt worden.
[16] Ich würde mir wünschen, dass die Beschäftigung mit Quellensammlungen und Darstellungen der geschichtlichen Entwicklung der Bibelauslegung zur selbstverständlichen Lektüre im Theologiestudium wird. Gute Quellen- bzw. Textsammlungen stellen z.B. H.Hempelmann, Grundfragen der Schriftauslegung, Wuppertal 1983, K.-H.Michel, Anfänge der Bibelkritik. Quellentexte aus Orthodoxie und Aufklärung, Wuppertal 1985, oder J.Cochlovius/P.Zimmerling, Evangelische Schriftauslegung, Wuppertal 1987, dar. Hilfreiche geschichtliche Abrisse finden sich bei W.G.Kümmel, H.J.Kraus, K.Scholder (s.o. Anm. 10), H.G.Reventlow, Bibelautorität und Geist der Moderne, Göttingen 1980; Ders., Epochen der Bibelauslegung, 4 Bände, München 1990-2001 oder M.Reiser (s.o. Anm. 9), bes. S.1-38.219-276.Solche Studien können entscheidend helfen, das von W. Pannenberg (s.o. Anm. 12) Angemahnte zu leisten, nämlich eine theologisch fundierte intellektuelle Durchdringung der europäischen Geistesgeschichte. Manchmal habe ich den Eindruck, dass bei einigen kirchenleitenden Personen und bei Dozenten des theologisches Lehrbetriebs die leise Erkenntnis erwacht oder zumindest die kritische Frage, dass in der theologischen Ausbildung etwas grundsätzlich falsch laufen könnte im Blick auf den erlernten Umgang mit der Bibel. Aber noch ändert sich nichts. Etwa weil die (vermeintliche) Freiheit der theologischen Forschung und Lehre als höheres Gut angesehen wird?
[17] So Wolfhart Schlichting in Thesen „zur Frage rechter Schriftauslegung“, in: Hört, denn Gott redet! Über das gebrochene Verhältnis der Kirche zu Gottes Wort. Dokumentation der 3.Versammlung um Bekenntnis, Erneuerung und Einheit der Kirche vom 7.-9. Februar 1997 in Nürnberg, S.24-35 (Zitat auf S.26). Auch die folgenden Zitate sind diesen Thesen entnommen. Ebenso lesenswert sein Aufsatz im selben Band: „Rede, Herr, denn dein Knecht hört!“ (1. Sam 3,9.10) Ist es wirklich Gott, der redet, oder projiziert der Mensch religiös seine Wünsche in den Himmel?, S.37-54.
[18] Ein schönes Beispiel dafür ist Hebr 13,5-6, wo zwei alttestamentliche Stellen aus sehr verschiedenen geschichtlichen Kontexten – die schon erwähnte Zusage Gottes an Josua (Jos. 1,5) und die zuversichtliche Aussage eines Psalmbeters (Ps 118,6 – also auch eine ganz andere literarische Form!) – als Trost und Ermutigung an die Leser angewandt werden. Genau dies wird bei Paulus Röm 15,4 zur allgemeinen Hermeneutik erklärt.
[19] In diesen Zusammenhang gehören Martin Luthers Aussagen zur „inneren Klarheit“: „Wenn du von der inneren Klarheit sprichst, nimmt kein Mensch auch nur ein Jota der Schrift wahr, wenn er nicht den Geist Gottes hat. Alle haben ein verfinstertes Herz, so dass sie, mögen sie auch alles, was in der Schrift steht, sagen und vorzubringen wissen, trotzdem nichts davon wahrnähmen oder wahrhaft erkennten.“ (M.Luther, Dass der freie Wille nichts sei (1525), Ausgewählte Werke, hg. v. H.H.Borcherdt und G.Merz, Ergänzungsreihe Bd. 1, München ³1962, S.16.) Diese geistliche Dimension im Umgang mit der Heiligen Schrift ist genauso wie das Thema der Person des Auslegers in historisch-kritisch geprägten Arbeiten zu Schriftverständnis und Bibelauslegung weithin vernachlässigt worden.
[20] GĂĽtersloh, 27. Aufl. 2004. Nach dieser Ausgabe auch die Zitate.
[21] Martin Luther, Assertio omnium articulorum, Vorrede (1520), WA 7,95ff., ĂĽbersetzt von E.Werner, in: J.Cochlovius/P.Zimmerling (s.o. Anm. ), S.25.
[22] WA TR 1, 69,18-20 (Nr. 146; 1531?). Zitiert nach: O.Bayer, Martin Luthers Theologie. Eine Vergegenwärtigung, Tübingen, 2. Durchges. Aufl. 2004, S.83. Darin die ausgezeichnete Darstellung von Luthers Bibelverständnis: „Was macht die Bibel zur Heiligen Schrift?“, S.62-83. Weiter vom selben Autor: Lust am Wort, in: Ders., Gott als Autor. Zu einer poietologischen Theologie, Tübingen 1999, S.221-229.
[23] „Stern“ Nr. 39 vom 22.9.2011, S.8.36-65.
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Dieser Beitrag wurde erstellt am Donnerstag 29. September 2011 um 14:36 und abgelegt unter Kirche, Theologie.