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Die Aufgaben und das Versagen der Christen in unserer Zeit

Freitag 9. September 2011 von Prof. Dr. G√ľnter Rohrmoser (1927-2008)


Prof. Dr. G√ľnter Rohrmoser (1927-2008)

Die Aufgaben und das Versagen der Christen in unserer Zeit

Zu dem Thema, „Aufgabe und Versagen der Christen“ habe ich bereits in vielen meiner B√ľcher und in √∂ffentlichen Vortr√§gen Stellung genommen. Als erstes m√∂chte ich ausf√ľhren, wie ich zu der √úberzeugung kam, da√ü wir dringend einer geistigen Wende bed√ľrfen. Danach w√§re die Frage zu stellen, warum dieses Ansinnen, die Menschen f√ľr eine geistige Wende zu gewinnen, sich als unausweichlich notwendig darstellt. Auch werden wir die Frage kl√§ren m√ľssen, ob die Christen in unserem Land √ľberhaupt ein geeigneter Adressat einer solchen Erwartung sind. Und wenn sie es sind, ob sie dann im Hinblick auf diese Zielsetzung einen wirksamen Beitrag zu leisten in der Lage w√§ren. Als dritten Punkt bedarf es noch einmal eines kurzen Ausblickes √ľber die Lage, in der wir uns gegenw√§rtig befinden und welche weiteren Entwicklungen sich abzeichnen.

Wenn ich autobiographisch beginnen darf, dann gehen eigentlich die √úberlegungen √ľber die Notwendigkeit einer geistigen Wende auf die 80er Jahre zur√ľck. Ich m√∂chte noch einmal daran erinnern, weil ein solches Programm zun√§chst nur wenigen und den meisten eigentlich erst sehr viel sp√§ter eingeleuchtet hat, und da√ü diese √úberzeugung nur w√§chst in dem Ma√üe, wie sich die geschichtlichen Abl√§ufe dramatisch beschleunigen. D.h. ohne diese Lehren, die uns die Geschichte erteilt, konkret die gesellschaftliche, politische und kulturelle Entwicklung in der Bundesrepublik, w√ľrde keiner glauben, da√ü es Sinn macht, von der Notwendigkeit einer geistigen Wende in Deutschland zu sprechen.

Der Ausgangspunkt war eine Vorlesung, die ich kurz nach dem Aufbruch der studentischen Revolution Mitte der 60er Jahre in K√∂ln als junger Privatdozent zu halten hatte, ich hatte mir damals das Thema gew√§hlt: „Die negative Dialektik Adornos“. Die Lekt√ľre dieses zentralen philosophischen Grundwerkes, √ľber die gesamten kulturrevolution√§ren Str√∂mungen und Bewegungen bis zum heutigen Tag erscheint mir unerl√§√ülich, wenn man diese verstehen will. Wenn man dann auch noch ihre philosophischen Erm√∂glichungen und Grundlegungen nachvollziehen will, kommt man eigentlich an der schwierigen Lekt√ľre dieses Buches von Adorno nicht vorbei und wir k√∂nnen leider nicht davon ausgehen, da√ü dieses Buch heute mehr Leser finden wird, als es damals der Fall war. Die erste der Kernthesen dieses Buches stellt fest, da√ü nicht nur die Entwicklung der Neuzeit seit der Aufkl√§rung, und auch keineswegs nur die Entwicklungen unseres Jahrhunderts unter das Zeichen des Verfalls gestellt sind, sondern die gesamte europ√§isch-abendl√§ndische Geschichte, im Grunde genommen die Weltgeschichte, soweit sie durch Europa mitbestimmt war, mit eingeschlossen ist. Dies ist die bis heute eigentlich radikalste Absage an alle Formen des Glaubens, da√ü es in der Geschichte einen Fortschritt gegeben h√§tte, und auch des Glaubens, da√ü unter den bisher eingetretenen Bedingungen der Geschichte, Fortschritt √ľberhaupt m√∂glich sei. Das erstaunlichste ist, da√ü diese Verfallsthese, dieses dann sp√§ter immer mehr dem Marxismus zuzuordnenden Denkers eigentlich die radikalste konservative Position darstellte, die nicht auf Karl Marx, sondern vielmehr auf Friedrich Nietzsche zur√ľckgeht.

Die zweite These war die Aussage √ľber unsere Gegenwart, die die damaligen Systeme in Ost und West betraf und die behauptete, da√ü die herrschenden Systembedingungen totalit√§r seien. Der Totalitarismus wurde also nicht einer bestimmten ideologischen oder politischen Bewegung, sei es dem Nationalsozialismus oder dem Stalinismus zugeordnet, sondern als ein die Gegenwart als Ganzes bestimmendes Ph√§nomen beschrieben.

Die dritte These, die mit der zweiten aufs engste zusammenh√§ngt, geht davon aus, da√ü dieser gesamte totalit√§re Charakter, der alle politischen und gesellschaftlichen Systeme in Ost und West √ľberspannt, nicht zur√ľckgef√ľhrt werden kann auf irgend ein weltanschauliches System, sondern die Ursache wurde dem technischen Fortschritt zugeschrieben, in dem Ma√üe wie dadurch die Lebensformen und Lebensbedingungen der Menschen unter die Herrschaft der Technologien und des technischen Denkens geraten sind. Wir denken alle mehr oder weniger technisch und das eigentlich wichtigste Zeichen dieses technologischen Zeitalters ist, da√ü wir die Wahrheitsfrage abgeschafft haben, also keinen Begriff mehr f√ľr das Absolute haben, sondern als Wahrheit das verstehen, was funktioniert. Indem wir sagen, wahr ist alles, was funktioniert, setzen wir voraus, da√ü wir alles f√ľr machbar und alles f√ľr ver√§nderbar halten. Dadurch gibt es aber keinen kulturellen, keinen menschlichen und auch keinen kirchlich-religi√∂sen Sachverhalt mehr, der nicht unter diesen Aspekt der Machbarkeit und der Ver√§nderbarkeit ger√§t und sich damit von einem Wahrheitsverst√§ndnis leiten l√§√üt, das vereinfacht ausgedr√ľckt lautet: Wenn etwas klappt, wenn es funktioniert, dann haben wir nicht nur technisch richtig gedacht, sondern dann ist es auch wahr.

Der vierte und entscheidende Punkt dieser negativen Dialektik ist folgender: Wenn man eine geistige Bewegung f√ľr diesen Verfall und das Ende der europ√§isch-christlichen Geschichte unter der Herrschaft eines in der Technologie seinen Ausdruck findenden Bann verantwortlich machen k√∂nne und m√ľsse, dann sei das die Bewegung der Aufkl√§rung. Bei dieser Sichtweise beginnt die Aufkl√§rung dann eigentlich nicht erst im 18. Jahrhundert, sondern bereits in den fr√ľhesten Mythen bei Odysseus und Homer.

Das f√ľnfte ist, da√ü Adorno, und alle die ihm bis zum heutigen Tag, sei es auch zum Teil unbewu√üt gefolgt sind, keine Antwort gefunden haben, wie dieser uns beherrschende und unterdr√ľckende, den Menschen in seiner Natur zerst√∂rende Bann, √ľberwunden werden kann. Es ist wichtig sich klarzumachen, da√ü f√ľr diese Dinge, die heute in verschiedenen Formen des Zeitgeistes da sind und in denen viele Menschen, wenn nicht denken aber doch f√ľhlen, bisher noch kein konstruktiver Ausweg gefunden wurde. Dennoch sind verschiedene Wege versucht worden, die auch letztenendes das demokratisch-politische, aber auch das √∂konomische Schicksal der Bundesrepublik bis zum heutigen Tag bestimmen. Es ist charakteristisch f√ľr die politische Klasse der Bundesrepublik und die geistigen Kr√§fte, aus denen diese Parteien heraus leben, da√ü sie die ganze Radikalit√§t, die in einer solchen situationsgeschichtlichen Analyse liegt, bis zum heutigen Tage nicht begriffen und sie zum gr√∂√üten Teil nicht einmal zur Kenntnis genommen haben und daher auch gar nicht um die Frage bem√ľht sein konnten, was denn eine konstruktive Antwort sein k√∂nnte.

Es gibt eigentlich drei gro√üe kulturrevolution√§re Str√∂mungen, die mehr oder weniger inspiriert durch eine solche d√ľstere ins gnostisch-apokalyptische sich ausweitende Geschichts- und Situationsanalyse eine Antwort versucht haben. Zun√§chst ist die schon genannte, von den Studenten an den deutschen Universit√§ten ihren Ausgang nehmende kulturrevolution√§re Bewegung zu nennen. Wir d√ľrfen dieses Ph√§nomen, mit dem wir es zu tun haben, keineswegs untersch√§tzen, n√§mlich da√ü die eigentliche, fundierende Grundbewegung unserer Zeit, nicht nur im politischen, gesellschaftlich-kulturellen Raum, sondern auch im kirchlichen, zum Teil sogar im theologischen Bereich, von der Art einer Kulturrevolution ist. Es handelt sich um eine Kulturrevolution, die sich an die progressiven Bewegungen der Aufkl√§rung des 18. Jahrhunderts, den Marxismus des 19. Jahrhunderts und die Psychoanalyse des 20. Jahrhunderts anschlo√ü. Dabei ist die Psychoanalyse in der kritischen Theorie der Frankfurter Schule noch eine Symbiose mit einem einseitig interpretierten und verf√§lschten Hegel-Marxismus eingegangen. Dieses Konglomerat von aufkl√§rerischen Ideen ist die Herausforderung dieser Kulturrevolution. Wenn nun jemand, ganz gleich von welchem Ansatz aus und mit welcher Zielsetzung eine Antwort finden will, mu√ü er sich dieser Kulturrevolution als der eigentlichen Herausforderung stellen. Den ersten Niederschlag fand diese kulturrevolution√§re Bewegung in der Studentenrevolte, die erfolgreicher war als sie selbst glaubt es gewesen zu sein. Kulturrevolution hei√üt eine nicht prim√§r politische, √∂konomische oder nur eine industriell-wissenschaftliche, sondern eine die ganze Gesellschaft auch im Innern umw√§lzende Ver√§nderung.

Nun hat einer der f√ľhrenden Theoretiker des damaligen SDS, Prof. Rabehl, vor einigen Tagen in der F AZ eine Bilanz gezogen, ob diese, wesentlich von den Studenten initiierte und vorangetriebene sp√§t-sozialistische Kulturrevolution ihre Ziele erreicht habe. Dieser Cheftheoretiker stellt fest, da√ü diese Bewegung an ihren eigenen Widerspr√ľchen zugrundegegangen sei. Sie sei mit ihren Widerspr√ľchen, die sie eigentlich selbst produziert habe, nicht fertig geworden. D.h. diese Bewegung ist nicht gescheitert am Widerstand der um ihrer Freiheit und Substanz bem√ľhten Gesellschaft, sondern sie ist an sich selbst gescheitert. Im Kontrast dazu kann man jedoch feststellen, da√ü gleichzeitig der ehemalige engste Mitarbeiter von Herrn Gei√üler, Herr Radunski erkl√§rt, da√ü die Bundesrepublik dieser Bewegung gro√üe und starke Impulse zu verdanken habe und da√ü sie sich au√üerordentlich heilsam auf die CDU ausgewirkt habe. Das also sagt der fr√ľhere Gesch√§ftsf√ľhrer der CDU, jetzt Kultursenator in Berlin, nachdem der Cheftheoretiker des SDS die Auffassung vertritt, diese Bewegung sei an ihren eigenen Widerspr√ľchen gescheitert. Das zweite, was Prof. Rabehl feststellt ist, da√ü sie durch ihr Scheitern nicht nur keines ihrer Ziele erreicht h√§tte, sondern sogar das Gegenteil, denn sie h√§tte negativ gewirkt, indem sie die ganzen noch vorhanden Best√§nde an Kultur aufgel√∂st und beseitigt habe. Nicht zuletzt h√§tte sie als Folge dieser Kulturzerst√∂rung den Kapitalismus erst richtig entfesselt. Also sei nicht die √úberwindung des Kapitalismus, sondern seine totale Freisetzung und Entfesselung die Konsequenz dieser Kulturrevolution gewesen, von der heute noch ein gro√üer Teil des deutschen Establishments auch in der Wirtschaft und in der Politik voller Stolz bekennt, da√ü sie 68er seien. Diese blicken mit vor Erinnerung verkl√§rtem Blick auf ihre eigene heroische Fr√ľhzeit und Epoche zur√ľck, die aber leider die erstrebenswerten Ziele nicht erreicht habe.

Wir d√ľrfen auch nicht vergessen, da√ü dieser kulturrevolution√§re Impetus mit manchen Abschw√§chungen und neu hinzugekommenen Motiven sich fortgesetzt hat in der Friedensbewegung und in der √Ėkologiebewegung. Der geistige Grund aus dem die Gr√ľne Bewegung in Deutschland hervorgegangen ist, ist nicht das kulturkonservative Motiv der Erhaltung und der Rettung der Natur, sondern die kulturzerst√∂rerische Bewegung der 60er Jahre.

Nun m√ľssen wir uns die Frage stellen, was die Reaktion der Kirchen, des kirchlich verfa√üten Christentums in Deutschland auf diese, in ihrem Kern teilweise nihilistische, aber politisch durchwegs anarchistisch konzipierte Bewegung gewesen ist. Man kann leider nur vom gro√üen Versagen unserer Kirchen sprechen. Das Versagen des kirchlich verfa√üten Christentums besteht darin, da√ü es auf diese Herausforderung nicht nur keine Antwort gegeben hat, sondern da√ü diese kulturrevolution√§re Bewegung in vielf√§ltiger Weise tief in unsere Kirche eingedrungen ist. Mindestens das √∂ffentliche Erscheinungsbild, die √∂ffentliche Rolle, des kirchlich verfa√üten Christentums in Deutschland l√§√üt heute erkennen, da√ü man von einer essentiellen √úbereinstimmung mit dieser Bewegung ausgehen mu√ü. Ich will dazu nur drei beliebige Beispiele aus einer Vielzahl weiterer, die ich anf√ľhren k√∂nnte, herausgreifen. Das f√ľr mich eindrucksvollste Beispiel war die Bisch√∂fin Jepsen, die auf dem H√∂hepunkt der Debatte √ľber das Kruzifix-Urteil im Deutschen Fernsehen ein Bild herauszog, auf dem in Kreuzform sch√∂ne, gelbe Sonnenblumen, gr√ľnes Gras und andere bunte Blumen abgebildet waren. Dieses Bild bot sie dem deutschen Fernsehpublikum als eine humanere und menschenfreundlichere, weil fr√∂hliche Version des Kruzifixes an. Sie wollte also nachweisen, da√ü derjenige, der psychisch belastende Folgen f√ľr sein Kind durch den Anblick des Schmerzensmanns bef√ľrchtete, durchaus begr√ľndbare Motive hatte und da√ü man deshalb dieses Kruzifix auch so darstellen kann, da√ü von ihm fr√∂hliche, muntere und menschenfreundliche Gedanken ausgehen k√∂nnen. Wenn man √ľber solche Vorstellungen einer Bisch√∂fin nachdenkt, dann wird das ganze Ausma√ü der Einwirkung dieser kulturrevolution√§ren Bewegung auch auf unsere Kirchen klar. Man mu√ü an Solowjew denken, der ein gro√üartiges Traktat √ľber den Antichristen geschrieben hat. Diesen Antichristen beschrieb er als einen Mann, der nicht wie ein schreckenerregendes Monster daher kommt, sondern der ein junger, edler J√ľngling ist, der in einem wei√üen Gewande mit segnender Menschenfreundlichkeit, irdische Wohltaten versprechend durch das Land ziehe. Ich bin √ľberzeugt, da√ü der Antichrist dort auftritt, wo man ihn am wenigsten sieht und vermutet.

Ein weiteres Beispiel: Diese Kirche richtet ein Institut f√ľr Frauen ein und beruft an die Spitze zwei feministische Theologinnen, die das Kreuz als einen Ausdruck quasi inhumanen Terrors abgeschafft sehen wollen und die das Menstruationsblut f√ľr die Sakramente als das nun allein Heilversprechende in ihren Schriften verbreiten. Sicher darf man solche Vorg√§nge nicht verallgemeinern, aber sie haben dennoch eine enorme Aussagekraft und einen beachtlichen symbolischen Wert.

Mein drittes Beispiel ist ein Bischof, der sich mit einem Iman, also einem islamischen Geistlichen, hinstellt und mit ihm Koran und Bibel austauscht. Wenn Bibel und Koran austauschbar sind, bedeutet dies, da√ü es gleichg√ľltig ist, ob ich Mohammedaner oder Christ bin. Man kann vielleicht sogar so weit gehen und vermuten, da√ü die urspr√ľnglichen Impulse dieser kulturrevolution√§ren Bewegung in die Kirchen, vor allem in die evangelischen, st√§rker eingedrungen sind als in andere Institutionen unserer Gesellschaft.

Eine der erstaunlichsten Stimmen nun ist die der Mitherausgeberin der „Zeit“, Gr√§fin D√∂nhoff, die in einem Aufsatz geschrieben hat, da√ü das eigentliche Problem, von dem mehr als von jedem anderen die √úberlebenschance der Bundesrepublik abh√§ngig sein wird, das metaphysische Vakuum sei. Vergessen wir nicht, dies schreibt kein Bischof, kein Theologe, sondern eine der ausgewiesensten Liberalen in unserem Land. Das metaphysische Vakuum schlie√üt nat√ľrlich das religi√∂se mit ein. Man kann sich vorstellen, da√ü an der uns√§glichen Banalisierung des Lebens, die aus diesem metaphysischen Vakuum folgt, sich eines Tages Entwicklungen ergeben k√∂nnten, an deren Ende man diese Bundesrepublik und mit ihr auch ihre Parteien nicht wiedererkennen wird. Wenn heute Bedenken ge√§u√üert werden, die √ľber die Analyse der √∂konomischen und sozialen Daten hinausgehen, kommen sie eher von der liberalen und zum Teil ehemals progressiven Seite, als von denen, die man f√ľr konservativ h√§lt, oder die sich selber daf√ľr halten. Soweit zun√§chst zum Versagen der Christen in unserem Land.

Wir erleben dar√ľber hinaus noch etwas sehr Merkw√ľrdiges, was mit dem Ph√§nomen der sogenannten Vergangenheitsbew√§ltigung zu tun hat. Die evangelische Kirche hat sich seit 1945 schuldbewu√üt an die Brust geschlagen und sie hatte auch Grund dazu, dies zu tun. Ob allerdings die Stuttgarter Erkl√§rung das wirklich Richtige war, wollen wir dahingestellt sein lassen, aber da√ü sie geforscht und gepr√ľft hat, welchen Anteil sie an dieser Katastrophe der nationalsozialistischen Geschichte gehabt haben k√∂nnte, war sicher wichtig. Argumentativ ist die evangelische Kirche geneigt zu glauben, da√ü ihr Schuldanteil sehr hoch war, und bei genauerem Hinsehen sogar auf Martin Luther und die Reformation zur√ľckgef√ľhrt werden.

Dabei wird die Auffassung vertreten, die Reformation h√§tte die Deutschen unt√ľchtig zur Revolution gemacht, und sie damit gegen√ľber den weltlichen Traditionen, die demokratiestiftend waren, entfremdet und ihnen einen apolitischen Pietismus, eine Untertanengesinnung und eine Obrigkeitsh√∂rigkeit anerzogen. Daher war man entschlossen, es besser zu machen, um eine Wiederholung zu vermeiden. Die Schlu√üfolgerung, die gezogen wurde – wenn man es auf einen einfachen Nenner bringt -lautet, da√ü es jetzt vor allem darum geht, das Gegenteil von dem zu tun, was uns in die Katastrophe gef√ľhrt habe, in der Gewi√üheit, da√ü dies dann apriori das Richtige sei. Dies sei der Sozialismus und die christliche Emanzipation, also die Umdeutung des Christentums von einer Erl√∂sungsreligion in eine sozial-emanzipatorische Befreiungsreligion, auf jeden Fall w√§re auch eine umfassende Politisierung der Kirche w√ľnschenswert.

Die machtvollsten und eindrucksvollsten Massenkundgebungen, in denen bis vor einigen Jahren dieser emanzipatorische, neo-sozialistische Zeitgeist seinen Ausdruck fand, waren nicht zuletzt die evangelischen Kirchentage. Was von ihnen dort an Staatsverachtung, an Ha√ü gegen alles, was mit Milit√§r und Polizei zusammenh√§ngt, an Aufl√∂sung jeder Autorit√§t und an Aufwiegelung zu anarchistischen Unruhen ausging, darin lie√üen sich die Protestanten von keiner anderen Gruppe der Gesellschaft √ľbertreffen, und das aus innerer Gewissens√ľberzeugung, denn das Gewissen steht immer √ľber allen Argumenten. Das ist diese rigide, entleerte, abstrakte und pseudochristliche Gewissensmoral der Protestanten, die sie in der jetzigen Epoche der deutschen Geschichte genauso unf√§hig werden lie√ü, die Realit√§ten dieser Welt noch wahrzunehmen, wie auch zur Zeit der v√∂lkisch-nationalen Revolution von 1933. Von einer √úberwindung oder auch gar nur von neuen Ans√§tzen, von denen man sagen k√∂nnte, man habe aus dieser furchtbaren, geschichtlichen Erfahrung gelernt, kann strukturell gesehen gar keine Rede sein. Es haben sich die Vorzeichen ge√§ndert, aber die absolute H√∂rigkeit und Blindheit gegen√ľber dem herrschenden Zeitgeist ist identisch und ihre Verfallenheit an ihn unterscheidet sich in keiner Weise gegen√ľber derjenigen ihrer V√§ter, die sie angeklagt haben. Die totale Durchmischung der beiden Reiche, von denen Luther spricht, ist das eigentlich Erschreckende. Die Politisierung der christlichen Verk√ľndigung f√ľhrt zu einer so starken gegenseitigen Durchdringung der beiden Reiche, da√ü diese Vermischung nach Luthers Urteil nur als satanisch bezeichnet werden kann.

Die Vielzahl kulturrevolution√§rer Bewegungen haben sich auch durchgesetzt in Form einer Entchristlichung unseres Landes, die geschichtlich wohl fast ohne Beispiel ist. Ich habe noch w√§hrend des dritten Reiches einen Religionsunterricht genossen, in dem weder von Antisemitismus noch von Rassismus, sondern eigentlich nur von der Bibel und von Luther die Rede war und in dem die herrlichen Ges√§nge der christlichen Tradition gepflegt wurden. Heute jedoch wird in Brandenburg der Religionsunterricht durch einen konfessionell neutralen Weltanschauungskundeunterricht ersetzt. Hitler h√§tte nie gewagt, den Religionsunterricht in dieser Form aus der Schule zu vertreiben. Nicht weil er nicht entschlossen war, mit den Christen genauso zu verfahren wie mit den Juden, aber er wu√üte, da√ü er das erst nach einem erfolgreichen Abschlu√ü des Krieges tun konnte und das Christentum in den Menschen noch so tief verankert war, da√ü er meinte, das nicht riskieren zu k√∂nnen. Man k√∂nnte dies auch an seinem Verhalten gegen√ľber dem Bischof von Galen in M√ľnster darstellen. W√§hrend heute die Verankerung inzwischen so gelockert ist, da√ü das Christentum ununterscheidbar von Zeitgeiststr√∂mungen so privatisiert worden ist, da√ü es aufgeh√∂rt hat eine wirkliche, f√ľr das √∂ffentliche Bewu√ütsein bestimmende und bildende kulturelle Macht zu sein. Das bedeutet nicht, da√ü es heute und in der Zukunft keine Christen mehr gibt, auch nicht das Ende der christlichen Kirche, denn wir wissen, da√ü die Pforten der H√∂lle die Kirche Jesu Christi nicht √ľberwinden werden. Also das ist und braucht nicht unsere erste Sorge sein. Die entscheidende Frage ist vielmehr, ob angesichts dieses Kulturzerfalls, der inneren und moralischen Aufl√∂sungserscheinungen, die unsere Gegenwart und unsere Gesellschaft bestimmen, es noch eine geistig kulturelle Kraft gibt, der man eine Wende oder auch nur einen Widerstand gegen diese Prozesse zutrauen kann. G√§be es noch eine solche Kraft, w√ľrde man vielleicht sagen, die Christen sollten sich zun√§chst um sich selbst und um ihre Verh√§ltnisse in den Gemeinden und Kirchen k√ľmmern, dort h√§tten sie genug zu tun. Aber leider ist die geschichtliche Lage nicht so, denn es gibt keine geistig-kulturelle Kraft oder Organisation, die imstande w√§re das von der Gr√§fin D√∂nhoff beklagte Vakuum auszuf√ľllen. Die auf dem Boden der Aufkl√§rung gewachsenen Ideologien gehen an ihrer Unglaubw√ľrdigkeit zugrunde. Die Gewerkschaftsf√ľhrer k√∂nnen zwar jetzt durch die Einschr√§nkung der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall behaupten, da√ü der „Kapitalismus pur“ ausgebrochen ist, und f√ľhren damit die Sprache des alten sozialistischen Klassenkampfes, wenigstens zum Teil wieder ein. Nur n√ľtzt das nichts, weil dies keiner mehr glaubt. Es gibt auch keine nachvollziehbare sozialistische L√∂sung f√ľr die Probleme. Die institutionellen Rahmenbedingungen, unter denen wir den Aufbau, den √§u√üeren wie den inneren, der Bundesrepublik in den letzten 50 Jahren gestaltet haben, brechen vor unseren Augen weg. Der Staat ist nicht mehr bezahlbar, er kann seinen bisherigen Sozialleistungen nicht mehr nachkommen, die gesamte soziale Ordnung wird nicht mehr zu halten sein, weil sie an die Grenzen der Finanzierbarkeit st√∂√üt.

Die Mittel, die einem souver√§nen Staat wie Deutschland zur Verf√ľgung stehen, um gegen diese Prozesse anzugehen, sind √§u√üerst gering. Die Globalisierung der Weltwirtschaft bedeutet nicht nur, da√ü der Kapitalaustausch weltweit geworden ist, sondern da√ü es auch keine Kontrolle der Kapitalbewegungen mehr gibt. Solange die Kosten f√ľr eine Arbeitsstunde in den nahegelegenen √∂stlichen L√§ndern wesentlich geringer sind und es gleichzeitig keine Verhinderung von Arbeitskr√§ftewanderungen gibt, zerf√§llt der gesamte institutionelle Rahmen, unter dessen Bedingungen wir die Bundesrepublik zu einer der erfolgreichsten Demokratien in der ganzen Welt aufgebaut haben. Ein f√ľhrender deutscher Historiker, Christian Meier, bef√ľrchtet, da√ü wenn das Maastricht Europa vollendet wird, und damit die M√∂glichkeiten des Staates noch weiter beschr√§nkt werden und der Austausch innerhalb Europas noch intensiver und quantitativ gr√∂√üere Ausma√üe annehmen wird, die Frage gestellt werden m√ľsse, ob die Demokratie in Europa √ľberhaupt eine √úberlebenschance hat.

Außerhalb von Deutschland stellen wir fest, daß die politische Antwort auf diese Prozesse, von denen ich jetzt nur einige angesprochen habe, im rechten politischen Spektrum und nicht mehr links gesucht werden. Im amerikanischen Wahlkampf ist gegenwärtig das Wort liberal ein so belastendes Wort, daß der amtierende Präsident Clinton sich ständig dagegen wehren muß, weil er als ein Liberaler gilt. In Frankreich gibt es Städte, die zum Teil 40 % Le Pen Anhänger haben. In Italien ist die Mitte-Rechts Formierung nicht schwächer als die Mitte-Links Bewegung. Die Labour- Party in Großbritannien ist so konservativ wie die Konservativen, die derzeit die Regierung stellen. Osteuropa brauchen wir gar nicht anzusprechen, dort gibt es nur noch Nationalisten, die anderen Gruppierungen hat die geschichtliche Bewegung aufgelöst.

Wenn wir √ľberhaupt eine geistige Tradition haben, wenn auch vielleicht noch so verd√ľnnt und geschw√§cht, dem wir vertrauen k√∂nnten, dieses Vakuumproblem zu l√∂sen, dann ist dies unser christliches Erbe. Dieses Christentum, das sich selbst in der Deformation und Negation befindet, ist die geistige Grundlage von all dem, was den Staat der Bundesrepublik bisher ausgemacht hat. Der Rechtsstaat wie der Sozialstaat lebt von den Resten des zwischenzeitlich privatisierten Christentums. Alle Werte, auf die sich dieser Staat beruft, sind nicht allein, aber entscheidend christlicher Herkunft und Substanz. Der gro√üe Ruf nach einer solidarischen Gesellschaft hat, wenn wir das christliche Bewu√ütsein weiter ausl√∂schen, √ľberhaupt keine Evidenz mehr. Die Klage, da√ü zunehmend in dieser Gesellschaft nur noch jeder an sich selber denkt und versucht, den gr√∂√ütm√∂glichen Vorteil f√ľr sich herauszuholen, ist das Ergebnis einer 40j√§hrigen Orientierung in der Bundesrepublik. Woher soll die Forderung, da√ü der Starke mit dem Schwachen und der Reiche mit dem Armen teilen soll, ihre Evidenz erhalten, wenn das christliche Ethos f√ľr unverbindlich erkl√§rt wurde? Wenn die Christen nicht bereit sind, die Verantwortung f√ľr die Entwicklungen in Staat und Gesellschaft, zu deren Zustandekommen sie selber beigetragen haben, zu √ľbernehmen, dann werden wir in der Barbarei enden. Wenn man die √∂ffentlichen Erscheinungen dieser Gesellschaft, vor allem im Fernsehen beobachtet, dann ist dies teilweise die nackte, brutale Barbarei, die dort aus √∂konomischen Zwecken durch die eintr√§glichste Industrie in Deutschland, die Unterhaltungsindustrie, zelebriert wird. Es gibt keine Schweinerei, keinen Tabubruch, keinen Unsinn, kein Verbrechen, mit denen die Seelen der heranwachsenden Generationen nicht schon gef√ľllt werden. Und dann wundern wir uns, wenn morgen Kinder gesch√§ndet werden. Da kann keine Politik mehr wirksam eingreifen, da gen√ľgt es nicht, nach der Polizei zu rufen, da kann auch keine der modernen, am allerwenigsten eine liberale Ideologie etwas dagegen machen. Nachdem die Liberalen in der Bundesrepublik das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung durchgesetzt haben, ist schwer zu begr√ľnden, warum einer von diesem, ihm zuerkannten sexuellen Selbstbestimmungsrecht nicht dahingehend Gebrauch machen soll, indem er Kinder hierf√ľr benutzt.

Hier stellen sich die Aufgaben. Ob sie mehr als ein Versuch sein k√∂nnen, h√§ngt letzten Endes von drei Bedingungen ab. Die erste Bedingung wird sein, ob die Christen die Zeichen der Zeit erkennen, denn Sie wissen, da√ü Paulus den Christen unter anderen als eine sie auszeichnende Gabe die F√§higkeit zur Unterscheidung der Geister zugesprochen hat und damit die Erkenntnis der Zeichen der Zeit. Zum Christsein geh√∂rt das aufmerksame Beobachten der Zeit. Paulus kann das ungeheuere Wort formulieren, „Der Christ ist jemand, der alle erkennt, selber aber von niemand erkannt wird“. Wenn wir an dieses Verh√§ltnis des Christen zur Zeit erinnern, mu√ü man sich wundern, wieso es unter gl√§ubigen Christen Zweifel daran geben kann, da√ü auch sie ihrer eigenen Zeit eine Erkenntnis schuldig sind. Denn sie k√∂nnen erkennen, was andere nicht erkennen. Sie k√∂nnen sehen, da√ü z. B. die Verschuldung der √∂ffentlichen H√§nde und die totale Unordnung der Staatsfinanzen nicht eine Frage der Steuerreform und der Finanzpolitik ist, sondern da√ü dieser Zustand ein Indikator f√ľr den inneren geistigen und moralischen Zustand der Nation ist. Auch da√ü keine noch so subtile und perfekte Finanzpolitik daran etwas √§ndern wird, wenn nicht der moralische und geistige Zustand der Nation ver√§ndert wird. Und so trifft das auch f√ľr den Gesamtbereich des Politischen zu. Es hat noch nie eine Generation von Christen gegeben, vielleicht vom allerfr√ľhsten Christentum abgesehen, die nicht Verantwortung empfunden hat f√ľr den sittlichen Zustand des Gemeinwesens, in dem sie leben. „Suchet der Stadt Bestes“ hei√üt es. Ein Christ, der nicht das Beste der Stadt sucht, der damit modern gesprochen nicht auch um willen des Gemeinwesens bereit ist, sich politisch im weitesten Sinne zu engagieren, kann sein Verhalten nicht rechtfertigen.

Es ist zwar eine traditionell im Pietismus verankerte Skepsis bis Abneigung gegen alles Politische da, und man konnte sich dieses apolitische Verhalten auch leisten, solange wir mit halbwegs stabilen Formen √∂ffentlicher Ordnung rechnen konnten. Aber ob man angesichts der Entwicklung, von der ich gerade gesprochen habe, auch dann noch f√ľr sich in kleinen Kreisen bleiben kann, ohne bereit zu sein, Verantwortung zu √ľbernehmen, ist doch sehr zweifelhaft.

Und das zweite, was bei einem solchen Engagement der Christen sehr wichtig ist, ist der f√ľr die gesamte Moderne hohe Wert der Freiheit. Man hat den Eindruck, da√ü nach 50 Jahren die Leute an allem interessiert sind, nur nicht mehr an der Freiheit. Wenn der Mensch vor die Alternative Sicherheit oder Freiheit gestellt wird, w√§hlen die meisten Menschen in der Regel die Sicherheit. Nur man mu√ü wissen, da√ü man diese Moderne, die man √ľber mehrere Jahrhunderte hervorgebracht hat, nun auch verantworten mu√ü. Verantwortung hei√üt zu erkennen, da√ü diese Moderne in totalit√§r versklavende entmenschlichende Bedingungen umschlagen mu√ü und in letzter Konsequenz sich auch selbst vernichtet, wenn diese Moderne nicht Freiheit gew√§hrt, Freiheit erm√∂glicht und Institutionen der Freiheit bewahren kann. Die dramatische Herausforderung dieser Welt an die Christen besteht darin, da√ü diese moderne Welt diesem Freiheitspostulat gefolgt ist, die Freiheit fast totalit√§r durchgesetzt hat, mindestens f√ľr den moralischen und kulturellen Bereich, gleichzeitig aber auch neue Formen der Knechtschaft hervorgebracht hat, die ohne geschichtliche Analogie sind. Denn die Freiheit, die nun da ist, ist leer. Wenn wir fragen, warum die Menschen an den Sozialismus, an den Kommunismus und den Nationalsozialismus geglaubt haben, und zwar nicht die sogenannten einfachen Christen, sondern die Intellektuellen und die Eliten der V√∂lker, dann doch deshalb, weil sie es bei der Leerheit ihrer eigenen Freiheit nicht mehr aushielten. Die Freiheit hat keinen Inhalt und keine Substanz mehr. Wir sind jetzt vielleicht zum ersten Mal am Ende der Neuzeit imstande zu verstehen und zu begreifen, was Luther eigentlich mit der Freiheit gemeint hat, n√§mlich da√ü sie selber der Befreiung bedarf. Sie mu√ü befreit werden, denn sie verf√§llt dem m√§chtigsten D√§mon, der diese Welt beherrscht, n√§mlich dem Ego des Menschen, dem Selbst, dem auf seine Selbstbefriedigung, seine Selbstverwirklichung, auf seine Selbstdurchsetzung gerichteten Willen des Menschen. Vielleicht ist dies die wichtigste Erkenntnis der reformatorischen Tradition, die wir Luther verdanken, da√ü diese Form des auf den Thron erhobenen Selbst des Menschen die tiefste Form seiner Versklavung ist. Der eigene Wille ist der an das Ich versklavte.

Ein weiterer wichtiger Gedanke ist ebenfalls eine Einsicht der reformatorischen Tradition, da√ü der Mensch auch vor sich selbst gesch√ľtzt werden mu√ü. Modern ausgedr√ľckt kann die Freiheit nur √ľberleben, wenn sie Institutionen findet, die sie einbindet, begrenzt, erm√∂glicht und sch√ľtzt. Und damit stehen wir vor der letzten und wichtigsten christlichen Einsicht, der nicht nur die Deutschen so viel, sondern eigentlich das ganze europ√§ische Abendland, wenn man genauer hinsieht, alles zu verdanken hat, bei dem, was mit den zwei Reichen gemeint ist. Das Reich Gottes zur rechten und das Reich Gottes zur linken darf jedoch nicht verwechselt werden mit dem christlichen Heilsreich und mit dem Reich der Welt. Das ist der fundamentale Irrtum der sich aus der Politik heraushaltenden Christen, die meinen, sie d√ľrften sich auf das eine Reich nicht einlassen, weil es das Reich der Welt ist, sie m√ľ√üten sich nur um das Heil der Seele k√ľmmern und auf die Wiederkehr des Herrn harren, von dem, Gott sei Dank, keiner wei√ü, wann er kommen wird. Sondern das Reich zur linken ist genauso Reich Gottes wie das Reich zur rechten. Das Reich, in dem das Evangelium regiert, ist eine bestimmte Weise, in der Gott seine Ziele durchsetzt und das Reich, durch das Gott mit dem Gesetz regiert, ist nur eine andere Weise wie Gott wirkt. Wenn wir uns in den Bereich der Politik und Gesellschaft begeben, begeben wir uns nicht in das Reich des Satans oder in einen religi√∂s-christlich indifferenten Bereich, den wir den Kindern dieser Welt √ľberlassen d√ľrfen und der nichts mit Gott zu tun hat. Dies bedeutet, Ungehorsam gegen Gottes Willen. Wir haben es in allen Belangen, Ordnungen und Institutionen der Welt genauso mit dem Willen Gottes zu tun. Daher sagt Luther, da√ü wenn alle Christen sind, wir keinen Staat mehr brauchen, keinen Richter, keinen Henker, sondern der Christ wird der beste B√ľrger sein, und wenn alle Christen sind, werden auch so gro√üartige Werte und Ideale der Aufkl√§rung, einschlie√ülich des Sozialismus erf√ľllt. Das ist sicherlich wahr. Nur, wir sind nicht alle Christen.

Luther ist daher noch einen Schritt weiter gegangen und hat gesagt, es ist zwar das beste f√ľr ein Gemeinwesen, wenn die Herrschenden Christen sind, aber es m√ľsse nicht sein, denn diese Welt mu√ü durch die Vernunft geleitet und regiert werden. Dieser Satz ist die eigentliche Erm√∂glichung der Aufkl√§rung und aller Errungenschaften der Moderne. Es ist nicht Descartes und der Franz√∂sischen Revolution zu verdanken, sondern dieser entscheidenden Einsicht Luthers, da√ü der Christ befreit ist zur Gestaltung der Welt unter dem Gesetz Gottes nach den Einsichten und Prinzipien der Vernunft. Es kann also aus diesem Grunde nicht sein, da√ü wir aus dem Christentum eine Art Ajatolla-System machen und da√ü christliche Fundamentalisten die Macht erringen und dem Rest der Gesellschaft ihre Glaubens√ľberzeugungen oder Moralvorstellung aufzwingen. Nein, sondern die Christen tragen die Verantwortung daf√ľr, da√ü es in dem Gemeinwesen vern√ľnftig zugeht. Sie m√ľssen vern√ľnftiger sein als die anderen. Und was die Vernunft angeht, sagt Luther, sind die Heiden in der Regel vern√ľnftiger gewesen als die Christen, hier lohne es sich, in die Schule des Aristoteles und des Cicero zu gehen. Hier hatte Luther keine Hemmungen zu sagen, da√ü die antiken Heiden, was die Einsicht in die Vernunft und die vern√ľnftige Verwaltung der irdischen Dinge angeht, den Christen in der Regel, von wenigen Ausnahmen abgesehen, weit √ľberlegen sind.

Das bedeutet, daß wenn diese so durch sich selbst bedrohte moderne Welt das Beste, was sie in den letzten 200 Jahren hervorgebracht hat, bewahren und retten will, muß sie sich zu den christlichen Grundlagen und Einsichten bekennen. Aber auch, daß das bewahrenswerte der Moderne eine Sache und zur Verantwortung der Christen werden muß. Es gibt gerade bei Konservativen und Fundamentalisten, wie man sie nennt, die Meinung, daß seit der Französischen Revolution Europa von Gott abgefallen sei, und daß alle Katastrophen der Moderne das Resultat dieses Abfalls von Gott gewesen sind. Sie stellen es so dar, als seien die letzten 200 Jahre eine Geschichte gewesen, die die Menschen alleine gegen und ohne Gott gemacht haben. Das ist nichts anderes als partieller Atheismus, denn entweder ist Gott der Herr der Geschichte, dann ist er auch der Herr der modernen Geschichte, dann kann man nicht einfach sagen, diese Moderne ist gottlos oder wir sind alle, insofern wir modern sind, zum Atheismus verurteilt, sondern in dieser Welt ist Gott genauso anwesend wie im Mittelalter und in anderen scheinbar oder wirklich dem Christentum näherstehenden Abschnitten der Geschichte, und dann unterliegt auch diese Geschichte, mit allem was sie ist, der Herrschaft Gottes.

Der Zusammenbruch der modernen Ideologien, nicht nur des Sozialismus, bedeutet die offensichtliche Widerlegung des von den Menschen in Anspruch genommenen Rechtes, die Geschichte selber zu machen. Es ist die Folge der Selbstherrlichkeit des Menschen. Das ist die gro√üe Erfahrung des 20. Jahrhunderts. Daher ist nicht der Anfang des Glaubens aber der Anfang aller Weisheit die Furcht des Herrn. Unsere Welt braucht Vernunft und Weisheit. Denn ohne Weisheit werden wir die ungeheueren Potentiale der Macht, die wir uns verschafft haben, nur zur Selbstzerst√∂rung gebrauchen. Was uns vor dieser Selbstzerst√∂rung sch√ľtzen kann, ist allein die Weisheit, deren Anfang die Furcht des Herrn ist. Wenn die Deutschen eine Lektion aus der Erfahrung mit dem Nationalsozialismus gelernt h√§tten, dann h√§tten sie dies in ihren Herzen verankert. Durch das Vergessen dieser Erfahrung sind wir in der Gefahr, eine dritte deutsche Katastrophe vorzubereiten.

Mit freundlicher Genehmigung der Gesellschaft f√ľr Kulturwissenschaft e. V. (www.gfk-web.de)

Der vorstehende Text ist abgedruckt in: G√ľnter Rohrmoser, Christliche Dekadenz in unserer Zeit ‚Äď Pl√§doyer f√ľr die christliche Vernunft, ISBN-10: 3930218283, Oktober 1996, 240 S., gebunden, 17,75 ‚ā¨. Das Buch kann¬†unter www.gfk-web.de¬†bezogen werden.

 

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Freitag 9. September 2011 um 12:16 und abgelegt unter Gesellschaft / Politik, Kirche.