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Im Bann der Monokultur

Montag 18. Juli 2011 von Junge Freiheit


Junge Freiheit

Im Bann der Monokultur

Es gibt Begriffe, die klingen rundum positiv und scheinen unanfechtbar gegenĂŒber jeder Kritik. Biomasse ist ein solches Wort. Bio ist gut fĂŒr den Verbraucher, und Masse verspricht doppelten Gewinn. Als redlicher Beitrag gegen die KlimaerwĂ€rmung und gute Erwerbsquelle fĂŒr den modernen Agrarunternehmer. Ein Großteil der Gesellschaft und vor allem die Politik sieht in der Bioenergie ein innovatives ökologischökonomisches Win-win-Prinzip. Die ökologische Grundlogik: Das beim Verbrennen von Biomasse freigesetzte Kohlenstoffdioxid entspricht genau der Menge, die zuvor im Pflanzenwachstum aus der AtmosphĂ€re heraus gebunden wurde. Um das zu garantieren, soll ĂŒber Zertifikate belegt werden, daß durch die Verwendung der Biokraftstoffe im Vergleich zu fossilen EnergietrĂ€gern eine Treibhausgasminderung von 35 Prozent, ab 2018 sogar von 60 Prozent erreicht wird.

Dramatische Preissteigerung bei den Tortillas

Hinter dieser Energiewende stehen politische Vorgaben. Nach EU-Richtlinie mĂŒssen Anteile aus Sonne, Wasserkraft, Wind, Geothermie und eben Biomasse am Gesamtenergiebedarf der EU bis 2020 auf 20 Prozent erhöht werden. Allein im Bereich Kraftstoff will die EU-Kommission zehn Prozent ĂŒber Biosprit absichern. DafĂŒr wĂŒrden EUweit aber 17 Prozent der AckerflĂ€che benötigt, und ab 2020 reichte fĂŒr den Bedarf der eigene Anbau gar nicht mehr aus, sondern mĂŒĂŸte durch zusĂ€tzliche Importe gedeckt werden. Also wĂ€ren Transporte nötig, die wiederum Emissionen bedingen. Mit dem Biospritaufkommen der Bundesrepublik sollen national bis acht Millionen Tonnen Kohlenstoffdioxid (CO2) im Jahr eingespart werden, bis 2020 gilt dann gestaffelt eine Biokraftstoffquote von zehn Prozent. Hochgerechnet wird die Umsetzung eine FlĂ€che von rund drei Millionen Hektar beanspruchen, was etwa 25 Prozent der deutschen AckerflĂ€chen entspricht! Seit ĂŒber einem Jahrzehnt boomt die landwirtschaftliche Erzeugung der Energiepflanzen dank Subventionen und fester Abnahmepreise, vor allem fĂŒr Raps, Energieweizen und -roggen sowie Mais. Aus dem alten Landwirt soll nun der moderne Energiewirt werden, als solcher bessergestellt, weil er nicht mehr ausschließlich unsicheren LebensmittelmĂ€rkten und dem Preisdiktat der Discounter ausgesetzt ist. Was Kritiker schon als Monokulturen wahrnehmen, das sieht die Landwirtschaft als rettendes Ufer: Raps-, Sonnenblumen- und Maisfelder, die zu Sprit (E10, BtL-Kraftstoff, Biodiesel) und Strom werden. Der hessische Landwirt Bernd Winter aus Butzbach, angesprochen auf das sich problematisch verschiebende AnbauverhĂ€ltnis von ErnĂ€hrungs- und Energiepflanzen: „Ob Tank oder Teller – das ist grundsĂ€tzlich schon ein Thema, aber solange wir allein fĂŒr Teller nicht genug Geld bekommen, mĂŒssen wir auch Tank machen.“ Der Rapsanbau könnte laut hessischem Bauernverband glatt noch verdoppelt werden. Doch was ökorechnerisch so eingĂ€ngig klingt, erweist sich nicht nur im Detail als Problem. Die ethisch erhobene Nachfrage, ob man aus AckerfrĂŒchten, die immer der ErnĂ€hrung dienten, nun einfach Sprit herstellen dĂŒrfe, wird von der Biomassen-Lobby dadurch entkrĂ€ftet, daß es eine Konkurrenz von Teller und Tank nicht gebe. Selbst wenn der Zentralverband des Deutschen BĂ€ckerhandwerks vorrechnet, in einer TankfĂŒllung steckten 18 Kilogramm Brot, stimme das zwar, aber die Bundesministerin fĂŒr ErnĂ€hrung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Ilse Aigner, wendet ein, die Landwirtschaft steuere im Bereich der erneuerbaren Energie schon jetzt 70 Prozent mit Biomasse bei, benötige dafĂŒr aber – bislang – nur 5,4 Prozent der AckerflĂ€che. Weltweit flössen lediglich 6,4 Prozent der Getreideernte in die Produktion von Treibstoffen. Aber in der Tendenz offenbart sich ein exorbitantes Ausmaß: 23 Prozent der US-Getreideproduktion sowie weltweit 14 Prozent des Weltgetreideverbrauchs, 54 Prozent des brasilianischen Zuckerrohrs und 47 Prozent der EU-Pflanzenölproduktion werden schon zu Kraftstoff. Von 2004 bis 2007 hat sich die Biodieselproduktion in den USA um 1.200 Prozent erhöht. FĂŒr Bioethanol brauchten die USA 2007 mehr als 80 Millionen Tonnen Mais, rund elf Prozent der Weltproduktion. Die Maispreise stiegen daher von 2006 auf 2007 abrupt um 54,3 Prozent und fĂŒhrten in Mexiko zu dramatischen Preiserhöhungen bei Tortillas.

Investoren sichern sich Ackerland in Afrika

Joachim von Braun, Direktor des International Food Policy Institute in Washington, schĂ€tzt, daß 30 Prozent der Preissteigerung von Lebensmitteln durch die Nachfrage nach Biokraftstoff verursacht werden. Stefan Tangermann, OECD-Direktor fĂŒr Handel und Landwirtschaft, meint sogar, daß 60 Prozent des Preisauftriebs bei Getreide und Pflanzenöl darauf zurĂŒckgehen. Zu den direkten Folgen der Biomassenproduktion gehört, daß wieder mehr Land in Kultur genommen werden muß. Dabei sollen zwar keine ökologisch wertvollen oder kohlenstoffreichen FlĂ€chen wie Wald, GrĂŒnland, Torf- und Feuchtgebiete einbezogen werden, aber die fĂŒr die Natur so wertvollen Brachen, bis 2008 noch als StillegungsflĂ€chen von der EU hoch subventioniert, werden allesamt wieder in den Reproduktionsprozeß der Agrarunternehmen einbezogen. Das zerstört gerade in Agrarregionen mit GroßflĂ€chenwirtschaft wichtige Refugien von Flora und Fauna, die sich in den 1990er Jahren bereits stabilisiert hatten. Außerdem: Wenn der Anbau der bisherigen Agrarprodukte Raps, Weizen oder Mais zur Biokraftstoff-Produktion umgenutzt wird, bleibt die Nachfrage nach den ursprĂŒnglichen Nahrungs- und Futtermitteln trotzdem bestehen. Also weicht die Produktion fĂŒr den durch das Bevölkerungswachstum noch vergrĂ¶ĂŸerten Bedarf auf andere FlĂ€chen aus. Gerade der erhöhte Fleischkonsum in Schwellen- und EntwicklungslĂ€ndern verschĂ€rft die FlĂ€chenkonkurrenz. Seit 1970 gingen ĂŒberdies weltweit 30 Prozent der landwirtschaftlichen NutzflĂ€che durch Urbanisierung, WĂŒstenausbreitung, Versalzung und Bodenerosion verloren. Hinzu kommen Extremwetterlagen, die beispielsweise die weltweiten GetreidevorrĂ€te im Jahr 2007 auf einen Tiefstand schrumpfen ließen. Investoren sicherten sich in Afrika und Asien bereits die Nutzung von 20 Millionen Hektar Ackerland fĂŒr Ölpalmenanbau, Jatropha, Reis und Mais zur Spritherstellung, wodurch die dortige Bevölkerung hĂ€ufig den Zugang zu Boden und Wasser verliert. Die VerdrĂ€ngungseffekte zugunsten der Biomasse können auch außerhalb des eigenen Landes stattfinden und bedingen oft signifikante Kohlenstoffdioxid-Emissionen. Laut Modellrechnungen der Bioglobal- Studie fallen Treibhausgaseffekte aus solchen indirekten LandnutzungsĂ€nderungen sehr hoch aus. Insofern verfehlen Biokraftstoffe die geforderte Treibhausgasminimierung von 35 Prozent erheblich.

Tierische Nebenprodukte werden benachteiligt

Die gepriesene Effizienz der grĂŒnen Treibstoffe steht – etwa durch die Empa- Studie 2007 – generell in Zweifel. Selbst die OECD bewertet die Biokraftstoffpolitik als extrem teuer. Ihr zufolge verursacht ĂŒber Biosprit eingespartes CO2 je Tonne Kosten zwischen 600 und 1.070 Euro. Auch werden nur 30 bis 60 Prozent der CO2-Emissionen gegenĂŒber Benzin und Diesel eingespart. Statt auf neuen FlĂ€chen gesondert massenhaft Energiepflanzen anzubauen und klassische Landwirtschaft abzudrĂ€ngen, empfiehlt sich, Energie aus Abfall- und Reststoffen (Altspeisefett, organische AbfĂ€lle) zu gewinnen. Dabei entstehen im Gegensatz zu den Biomasse-Monokulturen kaum Risiken. Doch die junge Branche hat mit Problemen zu kĂ€mpfen. So kritisiert der Verband der Deutschen Biokraftstoffindustrie (VDB), daß in Deutschland verkaufter Biodiesel „immer seltener“ aus Abfall- und Reststoffen produziert wird. Der Anteil sei von fĂŒnf Prozent im Jahr 2009 auf rund ein Prozent gesunken. Der Grund hierfĂŒr sei, so der VDB, „daß der deutsche Gesetzgeber hinsichtlich des Verkaufs von Biodiesel aus Abfall- oder Reststoffen nur schwer zu ĂŒberwindende HĂŒrden geschaffen“ habe. So werden unter anderem tierische Nebenprodukte der EU-Kategorie 1 (von Tierseuchen betroffene Tiere) entgegen EU-Richtlinien nicht als förderfĂ€hige Biomasse anerkannt. Entsprechend sieht der Verband der Verarbeitungsbetriebe Tierische Nebenprodukte (VVTN) tierischer Nebenprodukte als Bestandteil des Biodiesels gegenĂŒber pflanzlichen Rohstoffen benachteiligt. Überhaupt drohe mit dem vollstĂ€ndigen Ausschluß tierischer Fette von der Biodieselproduktion ab 1. Januar 2012 das Ende eines „nachhaltigen“ Verfahrens fernab von Monokulturen. Doch selbst wenn die gesamte Getreide- und Zuckerernte der Welt zu Bioethanol verarbeitet wĂŒrde, deckte dies den derzeitigen Benzinbedarf nicht einmal zur HĂ€lfte. Ebenso könnte die Weltpflanzenölproduktion nur 20 Prozent des jĂ€hrlichen Dieselverbrauchs ersetzen, und dies bei nur geringen positiven Klimawirkungen, hohen CO2- Vermeidungskosten und erhöhtem FlĂ€chenbedarf. Gerade der FlĂ€chenfraß durch neue Strom- und Erdgastrassen sowie durch den forcierten Biomasseanbau ist dem Deutschen Bauernverband (DBV) ein Dorn im Auge. Zwar möchte sich der DBV der Energiewende nicht verschließen, machte aber dennoch in einer Entschließung zum Deutschen Bauerntag am 1. Juli darauf aufmerksam, daß der Spagat zwischen der Sicherung der Nahrungsmittelversorgung und dem Anbau „von mehr Biomasse“ nur dann gemeistert werden kann, wenn die Landwirtschaft „mit Hilfe der Wissenschaft und Beratung eine nachhaltige Effizienzsteigerung verwirklichen kann“. Parallel mahnte der PrĂ€sident des Deutschen Raiffeisenverbandes, Manfred NĂŒssel, in seinem Grußwort zum Bauerntag an, „den Ausbau der energetischen Nutzung von Biomasse mit Augenmaß“ zu betreiben: „Ansonsten wĂŒrden wir unwiederbringlich die WettbewerbsfĂ€higkeit insbesondere der deutschen Milch- und Veredelungswirtschaft schwĂ€chen.“

Heino Bosselmann, Junge Freiheit, Nr. 29/11 vom 15.07.2011 (www.junge-freiheit.de)

 

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Montag 18. Juli 2011 um 16:40 und abgelegt unter Gesellschaft / Politik.