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Wie lange hinkt ihr auf beiden Seiten?

Dienstag 13. November 2007 von Andreas Rau


Andreas Rau

Wie lange hinkt ihr auf beiden Seiten?
Oder: Wie ein Laie evangelische Theologie erlebt

 I

„Ich glaube an Gott den Vater, den Allm√§chtigen, den Sch√∂pfer des Himmels und der Erde“. Wenn man sich diese Worte auf der Zunge zergehen l√§√üt, kann es einem schwindelig werden. Da soll es irgendwo ein Wesen geben, das buchst√§blich alle Macht hat; das nicht nur all die Wunder auf unserer Erde sondern auch den Mond, die Sonne und den unvorstellbar¬†¬†gewaltigen Kosmos aus dem Nichts geschaffen hat. Gegen solch einen Gott w√§re ein Mensch nichts; absolut nichts. Das Verh√§ltnis w√§re nicht wie zwischen M√ľcke und Elefant, sondern wie M√ľcke und Sonne. Dieser Gott ist f√ľr uns v√∂llig unerreichbar; und selbst wenn die M√ľcke die Entfernung zur Sonne √ľberwinden k√∂nnte – es w√ľrde nicht einmal pfft machen und sie w√§re verdampft. Bei einem Streit h√§tten wir null Chancen; absolut null.Auf diese Vorstellung kann man nun auf zwei grunds√§tzlich unterschiedliche Weisen¬†reagieren: A) Man versteht sie als Chance. Was w√§ren das f√ľr M√∂glichkeiten, wenn solch ein Gott uns wohlgesonnen w√§re; wenn er uns beraten, uns beistehen w√ľrde; wenn er uns teilhaben lie√üe an seiner Kraft, an seinem Geist; wenn er auch uns winzigen M√ľcken ewiges Leben schenkte? Was k√∂nnte uns besseres passieren, als solch einen „Vater unser im Himmel“ zu haben? Oder aber B), man empfindet solch einen Gott als Gefahr, als Bedrohung. Es ist wahrhaft kein angenehmer Gedanke, da√ü da jemand sein soll, der uns immer sieht; der buchst√§blich alles von uns wei√ü: jede Tat, jedes Wort, jeden Gedanken. Der auch noch Gebote erl√§√üt, was wir tun und lassen sollen; der einmal Gericht halten und ein Urteil sprechen will √ľber uns und unser Leben.

Das Problem ist, man kann nicht sicher wissen, ob es solch einen Gott gibt oder nicht. Es gibt keinen eindeutigen Beweis f√ľr ihn; es gibt aber auch keinen Beweis gegen ihn. Deshalb mu√ü jeder Mensch f√ľr sich selbst eine Entscheidung treffen: ja oder nein; glaube ich an¬†diesen Gott oder lehne ich ihn ab; akzeptiere ich eine allm√§chtige Autorit√§t √ľber mir oder will ich mein eigener Herr sein?

Diese Entscheidung trifft man weniger mit dem Verstand; sondern sie kommt aus dem¬†Herzen, dem tiefsten Innersten unserer Seele. Von dort heraus pr√§gt sie unser Wollen, unser F√ľhlen, unser Denken, unser ganzes Sein. Und von dort heraus bestimmt diese Entscheidung auch unseren Glauben, unsere Theologie. Die Einen stellen sich dem Gedanken an einen ¬†gro√üen, allm√§chtigen Gott – mit all den Problemen, die das mit sich bringt (wie kann Gott das zulassen?); die Anderen tun alles, um Gott klein und entsprechend sich selber gro√ü zu¬†¬†denken.

Zum Beispiel bei Jesus Christus. Die Einen schrieen aus Leibeskr√§ften: „Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich unser!“ Die Anderen schrieen, auch aus Leibeskr√§ften: „Weg mit dem – „Kreuzige ihn!“

Heute ist Jesus nicht mehr sichtbar unter uns, daf√ľr haben wir die Bibel. Auch hier: Die ¬†Einen glauben, die Bibel ist Wort Gottes; Worte, die von Gott durch Menschen hindurch zu uns kommen. Also nehmen sie die Bibel, wie sie ist; und suchen darin das Erbarmen und die Zuwendung Gottes; das, was der gro√üe, allm√§chtige Gott uns M√ľcken zu sagen hat.

Die Anderen sagen: Nein, die Bibel ist nicht Gottes Wort. Wenn man sie beim Wort nimmt, dann ist das gef√§hrlich; das machen nur Fundamentalisten. Deshalb m√ľssen wir die Bibel (historisch) kritisch untersuchen: Was uns darin gef√§llt, in Ordnung, das lassen wir gelten; was uns nicht zusagt, das mu√ü weg!

Nun ruft man allerdings nicht: „Kreuziget die Bibel!“ Sondern man sagt: „Nicht eliminieren, sondern interpretieren!“ (Bultmann) D. h., die Bibel wird umgedeutet. Die Bedeutung der unbequemen Worte und Texte wird ver√§ndert; sie werden zurechtgebogen und zwar so, wie der Theologe es braucht.

Ein besonders sch√∂nes Beispiel daf√ľr, wie man die Bibel „interpretieren“ kann, findet sich in der offiziellen EKD-Monatszeitschrift „Zeitzeichen“. Im Januar 2006 (S. 48) zog dort der Theologie-Student Florian Dieckmann eine Bilanz seines Studiums. Er schreibt sinngem√§√ü: Am Anfang meines Studiums habe ich noch an einen Gott im Himmel geglaubt; jetzt am ¬†Ende meines Studiums habe ich mich von dieser Vorstellung verabschiedet. Jetzt glaube ich: „Es gibt Gott nicht au√üerhalb unseres Glaubens an ihn… Gott ist da, wo von ihm geredet wird … Anderswo mu√ü man ihn nicht suchen. Das ist ern√ľchternd, … weil der Thron im Himmel quasi verlassen ist und leer. Weil da keiner sitzt √ľber den Wolken. Keiner regiert im soundsovielten Himmel.“

Das lernen Theologie-Studenten heute an den Universit√§ten! „Der Thron im Himmel ist leer. Gott ist nur da, wo von ihm geredet wird; anderswo mu√ü man ihn nicht suchen.“ Mit anderen Worten: wenn man √ľber Gott redet, dann existiert er; wenn man nicht mehr √ľber ihn redet, dann gibt es ihn auch nicht mehr. Der ewige, allm√§chtige Gott wird hier zu einer Art Westentaschen-G√∂tzen. Bei Bedarf holt man ihn heraus; wenn man ihn nicht mehr braucht, wird er zusammengeklappt und wieder weggesteckt.

Das wird selten so deutlich gesagt. Aber dennoch, heutige Theologie ist Рweithin Рder groß angelegte Versuch, Gott klein zu machen, ihn schön handlich und berechenbar und vor allem beherrschbar zu denken Рund entsprechend den Menschen (genauer wohl: den Theologen) groß zu machen. Der Gott der heutigen Theologie ist immer lieb und nett und brav und gnädig; er sagt und tut grundsätzlich nur das, was die Theologen von ihm erwarten.

Wohlgemerkt – es geht hier nicht darum: die Einen sind die Guten, die machen alles richtig; und die Anderen sind die B√∂sen, die machen alles falsch. Die Vertreter beider Seiten sind S√ľnder und machen Bl√∂dsinn. Auch die von A) haben oft genug allen Grund, sich an die ¬†eigene Nase zu fassen. Es geht hier nur um die zwei grunds√§tzlich verschiedenen, nicht zu vereinbarenden Grundformen von Theologie:

Bei A) der große Gott und ein kleiner Mensch; bei B) der große Mensch und ein kleiner Gott. Oder im Blick auf die Bibel: Bei A) ist die Bibel die Autorität und der Mensch steht unter ihr. Die Bibel kritisiert den Menschen. Bei B) ist der Theologe die Autorität und die Bibel steht unter ihm. Der Mensch kritisiert die Bibel.

 II

Von Physik habe ich keine Ahnung. Es mu√ü aber mal einen gro√üen Streit gegeben haben √ľber die Frage: Woraus besteht das Licht? Die einen sagten: „Licht besteht aus Teilchen“; die ¬†anderen sagten: „Licht ist Welle, ist reine Energie.“ Ich habe das nie so richtig begriffen, aber damals galt wohl: entweder – oder, entweder Teilchen – oder Welle. Das eine schlo√ü das¬†andere aus; beides gleichzeitig ging nicht.

Der Witz war nun, machte man ein bestimmtes Experiment, konnte man beweisen: Licht ist Teilchen. Machte man ein anderes Experiment, konnte man das genaue Gegenteil beweisen: Licht ist Welle. Das Experiment entschied √ľber das Ergebnis; bzw. das Ergebnis war abh√§ngig vom Verhalten des Forschers: was er suchte, das fand er auch. Obwohl beide Ergebnisse absolut nicht zusammenpa√üten und sich gegenseitig ausschlossen.

„Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht.“ Gott hat das Licht geschaffen. In Folge dessen, sollte Gott unendlich komplizierter beschaffen sein als das Licht. Deshalb d√ľrfte auch und gerade bei Gott gelten: das Experiment bestimmt das Ergebnis; bzw. das Ergebnis h√§ngt ab von uns, von unserem Verhalten: was wir suchen, das finden wir auch.

Zum Beispiel Jesus Christus: Wer bei ihm Gottes Liebe und Hilfe suchte, der fand sie auch. Der konnte ehrlichen Herzens sagen: „Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes“. Bis heute, durch die Jahrtausende hindurch, k√∂nnen unz√§hlige Christen aus ganzem, tiefsten ¬†¬†Herzen bekennen: „Mein Herr und mein Gott!“

Und die Anderen, die von oben herab, herablassend auf Jesus geschaut haben, die sagten: „Zeig mal was du kannst. Tu‘ doch mal ein Wunder. Bist du Gottes Sohn, dann steig herab vom Kreuz“. Die kamen zu dem Ergebnis: Jesus ist ein ganz gew√∂hnlicher Mensch, der Sohn des Zimmermanns; nichts Besonderes, im Gegenteil ein „Fresser und Weins√§ufer“.

Oder die Bibel: Wer sie gewisserma√üen auf Knien, mit betendem Herzen liest, der merkt, darin steckt die Liebe und der Segen und die Kraft des ewigen, allm√§chtigen Gottes. Wer aber die Bibel von oben herab, mit kritisierendem Verstand betrachtet, der kommt halt zu dem Ergebnis: Die Bibel ist „menschliches Zeugnis“ (E. J√ľngel); sie ist „eine von Menschen geschriebene religi√∂se Urkunde und daher zu lesen und zu verstehen wie andere menschliche Urkunden auch“ (H. Zahrnt). Nichts Besonderes, ein Buch wie jedes andere. Das Ergebnis h√§ngt ab von unserem Verhalten: was wir suchen, das finden wir auch.

Der Marburger Theologie-Professor Wilfried H√§rle hat eine Dogmatik geschrieben. Auf Seite 13 erw√§hnt er eher am Rande die Frage: Ist Theologie die Lehre von Gott oder die¬†Lehre von Verk√ľndigung und Glauben? Mit anderen Worten: Ist Theologie ein Experiment, das auf Gott hin ausgerichtet ist, das Gott erkennen will? Oder ist Theologie ein Experiment, das auf den Menschen hin ausgerichtet ist, das den Glauben und die Verk√ľndigung der ¬†Christen untersucht? Zugespitzt: Sucht Theologie nach Gott oder nach dem Menschen?

Seine Antwort: Es gibt ein Argument f√ľr Theologie als Lehre von Gott, aber das sei „nicht durchschlagend“; deshalb sei Theologie die „Bezeichnung der institutionalisierten, wissenschaftlichen Form der Reflexion √ľber Inhalte der christlichen Botschaft und Vollzugsweisen ihrer Vermittlung“. Auf deutsch: Theologie untersucht, was der Mensch, der christliche Mensch, aber eben der Mensch glaubt, denkt und redet.

Das Ergebnis h√§ngt ab von uns, von unserem Verhalten: was Theologen suchen, das finden sie auch! Und was Theologen alles finden, kann man im SPIEGEL nachlesen. In der Ausgabe 50/1999 (S. 130) stand ein Interview mit Andreas Lindemann, Professor f√ľr Neues Testament an der kirchlichen Hochschule in Bethel:¬† „SPIEGEL: Hielt Jesus sich f√ľr Gottes Sohn?¬†Lindemann: Nein.“ An anderer Stelle: „SPIEGEL: … Also verstand auch Jesus selbst seinen Tod nicht als S√ľhnetod f√ľr die S√ľnden der Menschen… Lindemann: Davon hat Jesus in der Tat nicht gesprochen. Die Worte, mit denen er seinem Sterben Heilsbedeutung zuschreibt, sind ihm nachtr√§glich in den Mund gelegt worden.“

In diesem Stil geht das √ľber vier Seiten: Jesus sei nicht in Bethlehem geboren; die Weihnachtsgeschichten seien komplette Erfindungen; Jesus hat vielleicht Kranke geheilt aber andere Wunder habe er nicht getan; er habe weder die Bergpredigt gehalten noch das Abendmahl eingesetzt noch den Missionsbefehl erteilt; das leere Grab sei eine Legende, Himmelfahrt nat√ľrlich auch. Kurz gesagt: Die Evangelien berichten nicht, was Gott durch Jesus getan hat; sondern die Evangelien sind von Menschen erfundene Geschichten. Und gewisserma√üen als T√ľpfelchen aufs i: „SPIEGEL: Herr Lindemann, wenn wir Sie so h√∂ren, kommt uns der Gedanke: Was man √ľber den Menschen Jesus wei√ü, ist dem christlichen Glauben im Wege. Lindemann: Das bestreite ich nicht“.

Das ist heutige wissenschaftliche Theologie! „Was wir √ľber den Menschen Jesus wissen, ist dem christlichen Glauben im Wege.“ Auch hier wieder diese Zweiteilung: A) Wer Gott sucht und die Bibel als Wort Gottes liest, der findet in den Evangelien die Taten des gro√üen Gottes; der findet dort, was Gott durch seinen Sohn Jesus Christus auf dieser Erde getan hat. B) Wer den Menschen sucht und die Bibel als Menschenwort liest, der findet von der Urgemeinde erfundene, von Menschen ausgedachte Geschichten.

Besonders bemerkenswert: „SPIEGEL: Papst Johannes Paul II… behauptet, ‚da√ü es sich bei den Evangelien um Lebensbeschreibungen Jesu handelt‘. Lindemann: „Das wird seit Jahrzehnten von keinem Ernst zu nehmenden Exegeten mehr behauptet. SPIEGEL: Der Papst … verk√ľndet, die Evangelien seien … ‚als historische Zeugnisse … zuverl√§ssig‘. Lindemann: Ich kenne jedenfalls im deutschsprachigen Raum keinen Exegeten, auch keinen katholischen, der sich so √§u√üert.“

Das ist nat√ľrlich Quatsch; selbstverst√§ndlich gibt es solche Exegeten – insbesondere an den von der Kirche nicht anerkannten Bibelschulen. Dennoch, hier schreibt einer, der es wissen mu√ü: Er kenne keinen Theologie-Professor – weder einen evangelischen, noch einen katholischen – der glaubt, da√ü das, was die Evangelien berichten, tats√§chlich geschehen ist.

(Soweit ich wei√ü, spricht man heute in der Physik vom „Welle-Teilchen-Dualismus“. Nicht nur das Licht sondern alle Atome sind sowohl Welle – als auch Teilchen. √Ąhnliches sollte auch f√ľr Jesus gelten: Er war sowohl wahrer Mensch – als auch wahrer Gott; sowohl 100¬†Prozent Mensch – als auch 100 Prozent Gott. Genau wie die Bibel: sowohl 100 Prozent Menschenwort – als auch 100 Prozent Wort von Gott. Nicht: entweder – oder; sondern: sowohl – als auch. Die Physiker haben es inzwischen begriffen; die Theologen offenbar noch nicht.)

Das Ergebnis hängt ab von uns, von unserem Verhalten: was wir suchen, das finden wir auch: A) Wenn der kleine Mensch zu dem großen Gott aufsieht, ihn sucht, ihn anbetet Рdann will der ewige, allmächtige Gott sich von ihm finden lassen. B) Wenn aber der große Mensch nur sich selber anschaut; sich selber sucht, sich selber anbetet Рdann wird er auch nur sich selbst, den Menschen, finden.

 III

Von Physik habe ich keine Ahnung; von Biologie auch nicht. Ich habe aber mal nachgeschlagen unter dem Stichwort „Einsiedlerkrebs“. Dort stand: „Gruppe von Mittelkrebsen, die den h√§ufig weichh√§utigen Hinterleib in Schneckenschalen bergen.“ Also: nach au√üen hin, das Geh√§use, sieht aus wie eine Schnecke; innen ist aber etwas ganz anderes drin, n√§mlich ein Krebs.

Noch einmal der Theologie-Professor Lindemann. SPIEGEL: „Da√ü die Jungfrauengeburt nicht historisch ist, ist feste protestantische √úberzeugung … Ist es f√ľr Sie ein Problem, einerseits √ľberzeugt zu sein, da√ü es keine Jungfrauengeburt gegeben hat, und andererseits das Glaubensbekenntnis zu sprechen: ‚geboren von der Jungfrau Maria‘?“ Lindemann: „Nein, √ľberhaupt nicht“.

Wohlgemerkt, wir leben – Gott sei Dank – in einem freien Land. Hier darf jeder denken und glauben, was er f√ľr richtig h√§lt. Wenn jemand der Meinung ist, Jesus hatte einen menschlichen Vater, dann darf er das selbstverst√§ndlich denken. Aber dann darf und sollte und mu√ü er dies auch klar und deutlich sagen. Wenn aber jemand meint, Maria war keine Jungfrau, und dennoch bekennt „Ich glaube … geboren von der Jungfrau Maria“, dann ist das Heuchelei, dann ist das Betrug, dann ist das L√ľge.

Und hier best√§tigt ein Theologie-Professor in aller √Ėffentlichkeit: Es sei feste protestantische √úberzeugung, da√ü es keine Jungfrauengeburt gegeben hat – aber dennoch lautet das offizielle Bekenntnis der protestantischen Kirchen: „ich glaube … geboren von der Jungfrau¬†Maria“. Und das wird Sonntag um Sonntag von knapp einer Million Protestanten gesprochen. D. h., laut Lindemann denken Protestanten „Jungfrau: nein“, aber sie sagen „Jungfrau: ja“; sie glauben: „falsch“, aber sie bekennen; „richtig“; sie sagen etwas anderes, als sie meinen und sie meinen anderes, als sie sagen.

Solchen L√ľgen begegnet man in unserer Kirche auf Schritt und Tritt. Der anfangs zitierte Student Florian Dieckmann d√ľrfte inzwischen Vikar sein. Als solcher zieht er sich einen Talar an, tritt vor die Gemeinde und spricht mit lauter Stimme: „Ich glaube an Gott…“ Und im Stillen denkt er: „Der Thron im Himmel ist leer; da sitzt keiner, der regiert.“

Oder: Professor Lindemann behauptet im SPIEGEL, das leere Grab sei eine Legende; d. h. er und viele seiner Kollegen sind √ľberzeugt, Jesus sei im Grab verfault wie jeder andere Mensch auch. Und dennoch bekennen sie alle: „Ich glaube ‚Ķ an Jesus Christus … am dritten Tage auferstanden von den Toten.“

Oder: Der s√§chsische Bischof verschickt Rundschreiben an seine Pfarrer und Gemeinden. Im Sommer 2006 war dem ein „hilfreicher Vortrag“ der Leipziger Theologie-Professorin¬†¬†G. Schneider-Flume beigef√ľgt. Darin hei√üt es sinngem√§√ü: Wenn jemand an eine Macht glaubt, die „alles kann“, an eine √úbermacht – sei es in der H√∂he oder in der Tiefe, an einen Allesmacher-Gott – dann sei das Aberglaube, eine Projektion der eigenen W√ľnsche. Der¬†¬†Bischof und die Professorin stellen sich hin und bekennen: „Ich glaube an Gott, den Vater, den Allm√§chtigen“ –¬†und im Stillen denken sie, das sei Aberglaube.

Diese Aufz√§hlung lie√üe sich noch lange fortsetzen. Allein von der Sprache her ist unsere Kirche schon lange keine Kirche des Wortes mehr, sondern eine Kirche der Heuchelei, des Betruges, eine Kirche der L√ľge – und das in einem Ausma√ü, das viele aufrichtige Christen sich nicht im Entferntesten tr√§umen lassen. Ich pers√∂nlich gewinne immer mehr den¬†Eindruck, heutige evangelisch-kirchliche Theologie ist kaum mehr als eine Anh√§ufung von Sprechblasen: sie schillern fromm-christlich, innen aber sind sie hohl und leer.

Zum Beispiel: Der letzte Kirchentag hat viel vom „Wort Gottes“ geredet. N. Schneider, der Pr√§ses der rheinischen Landeskirche, sagte in ideaSpektrum am 13.06.07: „Das Wort Gottes ist die Klammer, die die F√ľlle der Veranstaltungen in ihrer bunten Vielfalt umschlie√üen soll.“ Klingt das nicht wunderbar christlich? Nur leider, da gibt es halt die kirchliche Zeitschrift „Zeitzeichen“. Dort wurde der Kirchenpr√§sident von Hessen Nassau, P. Steinacker, gefragt: „Ist die Bibel das Wort Gottes?“ Seine Antwort: „Nein… Die Bibel ist nicht mit dem Wort Gottes identisch. Das Wort Gottes ist kein Buch, sondern lebendiges Geschehen.“ Das sagt der (praktisch) Bischof einer Landeskirche: Die Bibel ist nicht das Wort Gottes!

Blo√ü wenn nicht die Bibel – was dann? Was ist gemeint, wenn auf dem Kirchentag vom „Wort Gottes“ geredet wird? Ich habe Herrn H√∂ppner geschrieben; ich habe Frau √úberschaer pers√∂nlich gefragt; ich habe der kirchlichen Presse geschrieben; ich habe alles M√∂gliche versucht – eine Antwort habe ich nicht erhalten. Ich habe mich ernsthaft bem√ľht, aber ich habe bisher nicht herausgefunden, was genau der Kirchentag meint, wenn er so fromm vom „Wort Gottes“ redet. Scheinbar wird der Begriff wie Fassade aufgerichtet, wie eine Art „potjemkinsches Sprachdorf“; und hinter dieser frommen Fassade kann dann im Grunde jeder reden, was er will: Fliege, der Dalai Lama, Muslime, j√ľdische Schriftgelehrte, PDS-Atheisten und wer wei√ü noch. Hinter der Sprechblase „Wort Gottes“ ist nahezu alles erlaubt.

Oder: Der Papst meint, die Evangelischen seien keine richtige Kirche. Prompt protestieren die Protestanten trutzig: Kirche ist dort, wo das Evangelium rein gepredigt wird. Sehr sch√∂n und sehr lutherisch! Aber was genau hei√üt das denn: „Evangelium rein predigen“? Was unterscheidet dieses reine Evangelium von schmutzigem? Und wer pr√ľft denn nach, ob in den ¬†evangelischen Gottesdiensten das Evangelium tats√§chlich „rein“ gepredigt wird? Auch das habe ich noch nicht herausgefunden.

Evangelische Theologie erinnert sehr an einen Einsiedlerkrebs: Außen sieht es aus wie eine Schnecke, innen aber ist es ein Krebs; die äußere Form ist christlicher Glaube, der Inhalt aber ist ein anderer; nach außen hin sieht es aus wie Gott; doch drinnen steckt der Mensch.

In Gal 2,11ff wird beschrieben, da√ü Petrus eine bestimmte Gruppe in der Gemeinde f√ľrchtete, den gesetzestreuen Kreis um Jakobus. Und aus Angst vor denen tat Petrus etwas, von dem er genau wu√üte, da√ü es falsch war: Erst ‚Äěa√ü er mit den Heiden, als aber einige von Jakobus kamen, zog er sich zur√ľck und sonderte sich ab, weil er die aus dem Judentum f√ľrchtete. Und mit ihm heuchelten auch die andern Juden, so da√ü selbst Barnabas verf√ľhrt wurde, mit ihnen zu heucheln.‚Äú

Und genau das spielt sich weithin in unserer Kirche ab. Wenn all die Einsiedlerkrebse ihren weichen Hintern √∂ffentlich pr√§sentierten, d. h. ihre wirklichen √úberzeugungen ehrlich beim Namen nennen w√ľrden, bek√§men sie einen Haufen √Ąrger: in den eigenen Reihen, mit den Katholiken, in der √Ėkumene usw. Es g√§be es eine Riesenaufregung. Weil man das nicht will, wird eben „geheuchelt“. Der Krebs versteckt sich im Schneckenhaus. Man tarnt sich mit einer frommen Sprache. Man benutzt die √§u√üeren Formen von A) und f√ľllt sie mit den Inhalten von B). Man spricht das apostolische Glaubensbekenntnis Sonntag um Sonntag – und glaubt doch etwas v√∂llig anderes.

Wohlgemerkt: Auch bei A) ist nicht alles Gold, was gl√§nzt. Auch da redet man oft von Gott und meint doch nur sich selbst, das fromme Ego. Dennoch – man kann √ľber vieles diskutieren, aber diese verlogene, heuchlerische Sprache von B) ist nicht zu entschuldigen.

 IV

Von Physik habe ich keine Ahnung, von Biologie auch nicht und erst recht nicht von Medizin. Immerhin, dort gibt es verschiedene Fachrichtungen. Z. B. die Anatomie: da nimmt der Arzt ein scharfes Messer und schneidet den Menschen auf, um zu sehen, was alles in ihm drinsteckt. Und es gibt die Psychologie; dort arbeitet der Arzt gewissermaßen mit dem Ohr; er hört zu, um zu verstehen, was den Menschen bewegt, was in seiner Seele vorgeht.

√Ąhnlich ist es in der Theologie. Auch hier werden unterschiedliche Instrumente benutzt bzw. unterschiedliche Organe. Bei A) arbeitet man mit dem Herzen; mit einem betenden, h√∂renden Herzen, um zu verstehen, was der gro√üe, allm√§chtige Gott uns M√ľcken sagen und schenken will. Oder vielleicht auch: A) arbeitet mit den H√§nden, und zwar mit leeren¬†H√§nden. Denn ohne Gott bin ich ja v√∂llig hilflos. „Ohne mich k√∂nnt ihr NICHTS tun“! Ein Pfarrer hat in sich selber NICHTS, absolut NICHTS, was den Menschen in seiner Gemeinde eine bleibende, ewige Hilfe w√§re. Folglich streckt dieser Pfarrer – bildlich gesprochen – seine leeren H√§nde zu Gott hin aus und bittet: Herr, zeige DU mir, was DU mit diesem Bibelwort sagen willst. Gib DU mir die rechten Worte f√ľr die Predigt, damit sie den Menschen eine Hilfe wird; segne DU diesen Gottesdienst und jeden einzelnen Besucher… Ich habe NICHTS, aber DU hast unendlich viel; DU hast Worte ewigen Lebens.

B) dagegen arbeitet mit dem Gehirn. Die heutige Theologie arbeitet ganz bewu√üt vor dem „Forum der Vernunft“, habe ich mal gelesen. Und dort benutzt man den Verstand wie ein scharfes Messer, um Glauben und Bibel Satz um Satz, Wort um Wort zu sezieren. Mit den Methoden der Geschichtswissenschaft, der Literaturwissenschaft, der Sprachwissenschaft, der Philosophie usw. usw., will man herausfinden, was da so alles drinsteckt.

[Selbstverst√§ndlich arbeitet man bei A) auch mit dem Verstand. Die Frage ist blo√ü, hat der eine dienende oder eine herrschende Funktion. Steht der Verstand unter der Bibel und dient ihr; oder steht er √ľber der Bibel und will sie beherrschen?]

In der Folge entstehen durch die unterschiedlichen Organe nat√ľrlich auch unterschiedliche „Produkte“. √úber A) steht die Verhei√üung: „Wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen“ (Jer 29,13). D. h., wenn A) sauber arbeitet (und nicht die eigene, fromme Einbildung mit dem Geist Gottes verwechselt), wird dort ein „Heil“ geschenkt, das nicht von dieser Welt ist; ein Heil, das unsere M√∂glichkeiten und unsere Vorstellungskraft √ľbersteigt; Gott schenkt einen „Frieden, der h√∂her ist als alle Vernunft.“

√úber B) dagegen steht 1Ko 2,14: „Der nat√ľrliche Mensch vernimmt nichts vom Geist Gottes; es ist ihm eine Torheit; und er kann es nicht erkennen.“ Gott l√§√üt sich nicht vor das „Forum der Vernunft“ zitieren. Die menschlichen Wissenschaften k√∂nnen sehr hilfreich sein; man kann mit ihnen viel Sinnvolles leisten – nur eines nicht: Sie k√∂nnen nicht Gott finden, das ist v√∂llig ausgeschlossen. Sie k√∂nnen auch Gottes Heil nicht verstehen; „es ist ihnen eine Torheit; sie k√∂nnen es nicht erkennen“. Unm√∂glich; v√∂llig ausgeschlossen!

Wenn man das Heil Gottes aber nicht erkennt, kann man es auch nicht weitergeben. Folglich muß B) sich eben selbst was ausdenken. Der große Mensch erfindet und erzeugt sein Heil selbst. Und genau das besagt die offizielle heutige Theologie.

¬†A) glaubt, die Bibel schildert, was der gro√üe, allm√§chtige Gott getan hat: an seinem Volk Israel, durch die Apostel in seiner Kirche und vor allem durch seinen Sohn Jesus Christus. Deshalb beschreibt das Neue Testament zuverl√§ssig und „glaubw√ľrdig“ genau die Person, die vor 2000 Jahren tats√§chlich gelebt hat; die gepredigt hat, die Wunder getan hat, die¬†gekreuzigt wurde und auferstanden ist; Jesus Christus war und ist tats√§chlich der Sohn¬†Gottes.

B) dagegen glaubt, die Bibel enthalte Geschichten, die sich Theologen ausgedacht haben. Prof. R. Bultmann meinte, da√ü man von dem historischen, dem wirklichen Jesus (w√∂rtlich) „so gut wie nichts“ mehr wei√ü. D. h., Bultmann war √ľberzeugt, der Jesus, den die Evangelien beschreiben, ist praktisch frei erfunden. Oder Prof. Lindemann best√§tigt im SPIEGEL: „Nicht was ein Mensch namens Jesus gedacht, gewollt, getan hat, sondern was nach seinem Tod mit ihm gedacht, gewollt, getan worden ist, hat die christliche Religion bestimmt“.

Es gibt da die unterschiedlichsten Theorien, aber die Grundaussage ist stets die gleiche: ¬†Jesus war im Grunde ein ’normaler‘ Mensch; ein j√ľdischer Wanderprediger, wie es viele gab. Erst nach seinem Tod haben die Theologen der Urgemeinde ihn gewisserma√üen „auf-gemotzt“; sie haben ihn mit wundersamen Geschichten ausstaffiert, ihm besondere F√§higkeiten angedichtet und ihn zum Sohn Gottes ernannt.

Mit anderen Worten: Heutige kirchliche Theologie ist √ľberzeugt, der wirkliche, der historische Jesus und der geglaubte bzw. gepredigte Christus stimmen nicht √ľberein. D. h. der Jesus Christus, den die Bibel beschreibt und an den wir glauben, den habe es so niemals gegeben; er sei eine theologische Erfindung; letztlich ein „von Menschen gemachtes Bild“. Da√ü die Bibel den Glauben an ein solches Bild als G√∂tzendienst bezeichnet, scheint die theologischen Wissenschaftler nicht sonderlich anzufechten.

Wenn aber der biblische Jesus von Menschen erfunden wurde, dann ist auch das biblische Heil eine menschliche Erfindung. Es wurde nicht von einer realen Person erwirkt, sondern von der Urgemeinde erdacht. Dieses ‚ÄěHeil‚Äú wurde und wird letztlich von Theologen gestaltet und vermittelt. Folglich kommt Bultmann konsequenterweise zu dem Schlu√ü: „Das Wort der Verk√ľndigung ist der Grund des Glaubens, es ist sein einziger Grund“. Oder an anderer¬†Stelle: „Die Predigt ist selbst Offenbarung… sie selbst ist das Heilsgeschehen“. Mit anderen Worten: Einst hie√ü es: „Einen anderen Grund kann niemand legen, au√üer den der gelegt ist: Jesus Christus“ (1Kor 3,11). Heute hei√üt es: Der Grund des Glaubens ist die Verk√ľndigung. Nicht mehr das Leiden und Sterben Jesu ist das Heilsgeschehen, sondern die Predigten der Theologen sind das Heilsgeschehen.

Kurz: Bei A) hei√üt es: „Christus ist uns gemacht von Gott zur Weisheit und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erl√∂sung“. Bei B) denkt man (im Kern): „Der Theologe hat sich gemacht f√ľr uns Menschen zur Weisheit und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erl√∂sung“ (1Kor 1,30). Bei A) dreht sich alles um die Person Jesu; hier glaubt man an¬†Jesus Christus; bei B) dreht sich alles um die Person des Theologen; dort soll man letztlich an den Pfarrer glauben. Das wird selten so deutlich gesagt. Der Einsiedlerkrebs wei√ü sich zu tarnen. Dennoch:¬†A) sucht ein buchst√§blich √ľbernat√ľrliches Heil; Gnade, Segen, Hilfe, Trost kommen direkt von dem gro√üen, allm√§chtigen Gott. Bei B) ist Heil ein rein innerweltliches Geschehen; es wird von Menschen erdacht, von Menschen erzeugt; Gnade, Segen, Hilfe, Trost kommen direkt aus dem Theologenhirn.

(Als Zugabe: Wenn ein Vertreter von A) auf einen B)-Kollegen trifft, wird der nat√ľrlich mit seinem gro√üen, klugen Hirn etwas mitleidig auf die leeren H√§nde von A) herabsehen. In der Tat liest man in der kirchlichen Presse immer wieder mal Bemerkungen wie die von A) „sind eher einfach gestrickt“ oder sie haben „den Verstand an der Kirchent√ľr“ [Zeitzeichen] abgegeben usw. Viele von B) f√ľhlen sich sehr erhaben und meinen, die von A) seien ein wenig beschr√§nkt. Umgekehrt ist es mir schleierhaft, wie intelligente Menschen ihr ganzes Leben mit solch sinnloser Hirnakrobatik verplempern k√∂nnen; oder mehr noch: wie man mit solch leeren Theorien die Kirche erhalten will.¬†¬†A) und B) sind v√∂llig unterschiedliche Welten.)

 V

Es d√ľrfte eine Binsenweisheit sein: die Welt ist nicht so, wie sie sein sollte. Auch ich selbst bin nicht so, wie ich sein sollte. Und das d√ľrfte f√ľr alle Menschen gelten. Der heilige Gott h√§tte allen Grund, uns aus seinem Reich auszuschlie√üen; Abstand zu wahren; uns auf Distanz zu halten. Auf einer Distanz wie zwischen Sonne und M√ľcken: dem Abstand der S√ľnde.

Um diesen Abstand zu √ľberwinden, braucht es ein gewaltiges, alles ver√§nderndes Geschehen: „Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, da√ü er seinen eingeborenen Sohn gab, auf da√ü alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben“ (Joh 3,16). Jesus Christus ist am Kreuz gestorben – f√ľr uns, um unserer S√ľnde willen; um diesen unendlichen Abstand zwischen Gott und Menschen zu √ľberbr√ľcken.

Und deshalb sagen Bibel und evangelisches Bekenntnis: Jesus ist der Weg zwischen Gott und Mensch; und zwar Jesus allein, „solus Christus“. Der Mensch kann diesen Weg gehen durch Glauben; und zwar allein durch Glauben, „sola fide“. Dieser Grundsatz ist so wichtig, da√ü meine Landeskirche ihn in ihre Grundordnung (Kirchenverfassung) aufgenommen hat (Vorspruch 3): Die Kirche „bekennt… da√ü Jesus Christus allein unser Heil ist, offenbart allein in der heiligen Schrift… geschenkt allein aus Gnade, empfangen allein im Glauben.“

Soweit Theologie A); nun zu Theologie B): Eberhard J√ľngel ist der derzeit wohl bekannteste evangelische Theologie-Professor in Deutschland. 2002 hat er vor einem Bioethik-Kongre√ü in Berlin – also vor nichtchristlichem Publikum – Thesen vorgestellt „Zum christlichen Verst√§ndnis des Menschen aus theologischer Sicht“. In These 4 hei√üt es: „Als gerechtfertigter S√ľnder bleibt er [der Mensch] die [unwiderruflich] von Gott bejahte und anerkannte Person“. Der Mensch sei ein „gerechtfertigter S√ľnder“ – den Glauben, „sola fide“, erw√§hnt J√ľngel in diesem Zusammenhang nicht. (www.ekd.de)

Meine Tochter besucht eine „christlich orientierte Schule in freier Tr√§gerschaft“. In der letzten Schulschrift schrieb ein Religionslehrer einen Beitrag zur Frage „Woran zeigt sich, da√ü unsere Schule eine christliche Schule ist?“ Dort hei√üt es (unter Berufung auf Professor W. H√§rle): Das christliches Menschenbild beruhe auf der „Rechtfertigung des Menschen vor Gott… Luther definiert den Menschen als justificari fide (aus Glauben gerechtfertigt)“. Da√ü es Sch√ľler geben k√∂nnte, die nicht „aus Glauben gerechtfertigt“ sind, erw√§hnt der Religionslehrer in diesem Zusammenhang nicht.

√Ąhnliches findet sich in der theologischen Fachliteratur. In „Das Evangelium von der Rechtfertigung des Gottlosen als Zentrum des christlichen Glaubens“ schreibt Prof. J√ľngel (S. 141): „… da√ü der Mensch – jeder Mensch! – am Kreuz Jesu Christi tats√§chlich gestorben ist“. Und auf Seite 227f hei√üt es, da√ü Verbrecher „auch im schlimmsten Fall“ die „unzerst√∂rbare W√ľrde einer von Gott gerechtfertigten menschlichen Person“ besitzen. Von ‚Äěsola fide‚Äú schreibt J√ľngel in diesem Zusammenhang nichts.

Offiziell gilt in unserer Kirche „allein“: allein durch Christus, allein durch Glauben wird der Mensch von Gott gerechtfertigt. Inoffiziell aber herrscht die √úberzeugung „alle“ bzw.¬†‚Äějeder‚Äú: jeder Mensch ist vor Gott gerecht; alle Menschen sind von Gott durch eine Art¬†Generalamnestie gerechtfertigt; die gesamte Menschheit wurde durch einen pauschalen Akt der Gnade gerecht gesprochen.

Bei A) gibt es eine Grenze zwischen drinnen und drau√üen; zwischen gerettet und verloren. Bei B) gibt es diese Grenze nicht. Dort ist „jeder Mensch“ drinnen im Reich Gottes, dort sind alle Menschen gerettet, keiner geht verloren.

F√ľr A) gilt Joh 3,36: „Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben. Wer dem Sohn nicht glaubt, der wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt √ľber ihn.“ F√ľr B) existiert der Zorn Gottes √ľberhaupt nicht; dort gibt es nur die allen und alles vergebende Gnade. Und mit dem Zorn Gottes sind auch die Strafen nicht mehr vorhanden. Das 2. Gebot: „Der Herr wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen mi√übraucht“ – kommt nicht vor; das Gericht Gottes – gibt es nicht (h√∂chstens eines mit ausschlie√ülich positiven Folgen f√ľr den Menschen); eine ewige Verdammnis – unm√∂glich. Letztlich sind sogar die Gebote au√üer Kraft gesetzt. Denn ob ich die halte oder nicht, spielt keine Rolle, ich bin ja eh gerecht.

Bei A) hei√üt glauben auch: „Tu‘ Bu√üe“; d. h. beuge die Knie vor dem gro√üen Gott, akzeptiere deine Schuld und bitte darum, da√ü er dich buchst√§blich aus Gnade in sein ewiges Reich aufnimmt.

Bei B) ist das alles nicht n√∂tig. Der Mensch ist ja „eine von Gott unwiderruflich bejahte und anerkannte Person“. Der gro√üe Mensch kann gro√ükotzig durchs Reich Gottes stolzieren. Was soll ihm denn passieren? Rausschmei√üen kann man ihn nicht – es gibt ja nichts anderes!

Im Kern bedeutet das: Bei A) wird die unendliche Distanz der S√ľnde durch den Glauben an das unschuldige Leiden und Sterben von Jesus Christus, dem eingeborenen Sohn Gottes, ¬†√ľberwunden. Bei B) wird der Abstand zur Sonne von den M√ľcken durch theologische¬†Gehirnakrobatik weginterpretiert. Der gro√üe Mensch rechtfertigt sich selbst, indem er die S√ľnde f√ľr abgeschafft erkl√§rt. Oder mit anderen Worten: Der gro√üe Mensch stellt sich selbst einen modern-theologischen Abla√übrief aus, der ihm die Vergebung s√§mtlicher S√ľnden¬†¬†garantiert – der vergangenen, der gegenw√§rtigen und der zuk√ľnftigen.

Damit sind die B)-Theologen fein raus. Ein Problem bleibt ihnen allerdings: Wenn alle Menschen vor Gott gerecht sind Рwarum soll man sie noch missionieren? Wozu braucht es dann noch eine Kirche? Mit ihren kunstvollen Theorien machen die heutigen Theologen sich selber groß Рaber unsere Kirche machen sie kaputt.

Viel schlimmer aber ist: Mal angenommen – ein Mensch, der kein Christ ist, wird unruhig √ľber der Frage nach Gott. Und will wissen wie damals der Kerkermeister (Apg 16,30): „Was soll ich tun, da√ü ich gerettet werde?“ Oder wie damals zu Pfingsten (Apg 2,37): „Ihr M√§nner, liebe Br√ľder, was sollen wir tun?“

Ger√§t solch ein Mensch an einen Pfarrer von A), sagt der ihm wie einst Paulus und Silas: „Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig“. Oder er sagt wie Petrus: „Tu Bu√üe… zur Vergebung deiner S√ľnden“. Mit anderen Worten, A) sagt: Du kannst deine S√ľnden loswerden; du kannst ein neues Leben beginnen. Deshalb lade ich dich ein: komm¬†her√ľber √ľber die Grenze. Ich helfe dir, ein Kind Gottes zu werden.

Ger√§t er aber an einen Vertreter von B), dann sagt der zu ihm: Kein Grund zur Sorge, du bist doch schon gerettet. Du bist von Geburt an ein Kind Gottes; deine S√ľnden sind dir l√§ngst vergeben; du hast „unwiderruflich“ ewiges Leben. Mit dir ist alles in Ordnung; deshalb gehe hin: suche Frieden, √ľbe Gerechtigkeit und bewahre die Sch√∂pfung.

Und deswegen mu√ü man die Vertreter von B) fragen, ob ihnen nicht genau die Jacke pa√üt, die ihre Kollegen sich bereits vor 2000 Jahren anziehen mu√üten: „Weh euch, Schriftgelehrte und Pharis√§er, ihr Heuchler, die ihr das Himmelreich zuschlie√üt vor den Menschen! Ihr gehet nicht hinein, und die hinein wollen, die la√üt ihr nicht hineingehen“ (Mt 23,13). Das ist die gro√üe Frage an J√ľngel, H√§rle und Kollegen: „Die hinein wollen, la√üt ihr nicht hinein – weil ihr sagt: Friede, Friede und ist doch kein Friede!“ (Jer 8,11)

 VI

√úber theologische Theorien kann man viel und lange streiten. √úber „die Sache selbst“, den Glauben, kann man das nicht. Denn der ist ein Geschenk des Heiligen Geistes und somit ¬†jeder menschlichen Kontrolle entzogen. Au√üerdem sitzt er so tief in uns drin, da√ü weder wir selbst geschweige denn andere ihn untersuchen k√∂nnten. Keine M√ľcke kann und darf sich ein Urteil dar√ľber erlauben, wie es im Innersten anderer M√ľcken aussieht. Das kann nur Gott.

Aber immerhin, es gibt es kritische Punkte, wo etwas deutlich wird davon, wie es im Innersten, im Herzen, eines Menschen aussieht. Zum Beispiel – wie immer – Jesus Christus: Gott hatte sich ein Volk erw√§hlt; unter den zahlreichen V√∂lkern auf der Erde sucht er sich ein einziges („das kleinste“; 5Mo 7,7) heraus und schlie√üt mit dem einen Bund. In der Folge verstehen die Juden sich als „auserw√§hltes Volk“ – v√∂llig zu Recht! In diesem Volk Gottes gab es Priester, Schriftgelehrte usw.; Menschen, die mit gro√üem Ernst versuchten, Gott zu dienen und seinen Willen zu tun. Und dann kam der kritische Moment, wo Gott sein Volk „besuchte“ (Luk 1,68); wo der Sohn Gottes als Mensch, als Jude unter den Juden lebte. Das Ergebnis: mit den einfachen Leuten kam Jesus gut zurecht; nur mit den „religi√∂sen Aktivisten“, den Schriftgelehrten und Hohenpriestern gab es laufend Theater. Und die haben dann daf√ľr¬†¬†gesorgt, da√ü Jesus gekreuzigt wurde. Nach au√üen hin, so lange alles seinen normalen religi√∂sen Trott ging, waren die damaligen ‚Diener Gottes‘ wer wei√ü wie gottesf√ľrchtig; aber am kritischen Punkt, als es ernst wurde, zeigte sich, da√ü sie in ihrem Innersten Gottes Feinde waren..

Und heute? Auch die (meisten) evangelischen Diener Gottes sind nach au√üen fromm und gottesf√ľrchtig – so lange alles seinen normalen kirchlichen Trott geht. Doch wie ist das an den kritischen Punkten, wo der Glaube etwas kostet oder gar Opfer fordert? Jesus ist nicht mehr sichtbar unter uns; daf√ľr wir haben den Grundsatz „solus christus“. Der wird auch lautstark vertreten – z. B. in der „Gemeinsamen Erkl√§rung zur Rechtfertigungslehre“: „Allein durch Christus werden wir gerechtfertigt“. Doch was ist, wenn es kritisch wird?

Z. B. auf dem evangelische Kirchentag: Dort darf ja nahezu jeder auftreten. Nur eine kleine Gruppe wird konsequent ausgeschlossen: die messianischen Juden; d. h. Juden, die an Jesus Christus als ihren Messias glauben. Kirchentagspr√§sident H√∂ppner wurde gefragt (sinngem√§√ü), warum das so ist? Seine Antwort (ideaSpektrum 21/07, S. 17): „Es gibt ziemlich klare Entscheidungen,… da√ü Judenmission nicht das Thema des Kirchentages ist. Da haben wir eine Grenze gesetzt…, weil wir den Dialog mit den Juden sonst sogar zum Teil unm√∂glich machen w√ľrden.“ Frei √ľbersetzt: ‚ÄěWenn wir die Judenchristen auftreten lie√üen, w√ľrde dies die j√ľdischen Schriftgelehrten ver√§rgern; die w√ľrden dann nicht mehr mit uns sprechen. Deswegen haben Leute wie Petrus oder Paulus auf dem Kirchentag Redeverbot.“

Mit anderen Worten: Kurz nach Pfingsten wurde in Jerusalem an der T√ľr des Tempels ein Lahmer geheilt – „im Namen Jesu Christi von Nazareth“. Petrus und Johannes wurden daraufhin verh√∂rt und bekamen vom Hohen Rat den Befehl, „da√ü sie nicht redeten noch lehrten in dem Namen Jesu“ (Apg 4,18). Nach au√üen hin, besonders wenn es gegen Katholiken geht, gibt sich heutige Theologie stramm protestantisch: „solus Christus!“; mit dem Herzen aber steht sie auf der Seite derer, die seit fast 2000 Jahren zu verhindern suchen, da√ü der „Name Jesu“ dem Volk Gottes bezeugt wird. (S. a. die EKD-Studie „Christen und Juden III“)

Ein anderer dieser kritischen Punkte ist die Ehre bzw. das Ansehen in der „Welt“. Jesus l√§√üt keinen Zweifel daran (Joh 15,19): „W√§ret ihr von der Welt, so h√§tte die Welt das Ihre lieb. Weil ihr aber nicht von der Welt seid, sondern ich euch aus der Welt erw√§hlt habe, darum ha√üt euch die Welt… Haben sie mich verfolgt, so werden sie auch euch verfolgen“. Die Apostel haben das durchlitten; Luther hat das erlebt; in vielen Teilen der Welt ist das auch heute der Fall: Christen werden geha√üt, mitunter sogar blutig verfolgt. In Europa geschieht dies – Gott sei Dank – derzeit (noch) nicht. Doch auch hier gibt es kritische Punkte, sprich: heikle Themen. Wer da eine unerw√ľnschte Meinung vertritt, wird von den Medien geha√üt und ¬†gnadenlos fertiggemacht; er wird gewisserma√üen verbal ausgepeitscht; mit Worten gesteinigt. Gibt es nun ein aktuelles Beispiel, da√ü ein evangelischer Kirchenf√ľrst von der Welt geha√üt wird? Da√ü er (oder sie) – in einer dieser heiklen Fragen – so Stellung bezogen hat, da√ü die Medien √ľber ihn hergefallen sind? Mir f√§llt keiner ein. Die evangelischen Schriftgelehrten und Hohenpriester geben sich (h√§ufig) wer wei√ü wie gottesf√ľrchtig; aber wenn es wirklich kritisch wird, dort wo es hart auf hart kommt, dort spielen sie das Spiel „der Welt“ mit; meist eiern sie etwas herum, aber sie spielen mit.

Und das offenbar (mitunter) in geradezu „vorbildlicher“ Weise. Im „SPIEGEL special Weltmacht Religion“ (9/2006 S. 52) stand ein Artikel √ľber Bisch√∂fin K√§√ümann: „Popstar des Protestantismus“. Darin findet sich ausschlie√ülich Positives; nicht der Hauch einer Kritik. Der SPIEGEL l√§√üt sonst kein gutes Haar am christlichen Glauben; aber Frau K√§√ümann wird¬†gelobt und zwar „√ľber den gr√ľnen Klee“. Oder: Am 10. Mai 2007 wurde ihre bevorstehenden Scheidung bekannt gegeben. Tags darauf (?) startete BILD eine Kampagne intensivster Propaganda f√ľr die Bisch√∂fin. √úber die Scheidung kann jeder denken, was er will – aber was bringt BILD dazu, sich derart massiv und uneingeschr√§nkt hinter diese Frau zu stellen? Eva Hermann wird von der Welt geha√üt und in den Medien niedergemacht. Frau K√§√ümann z√§hlt offenbar zu den Lieblingen der Welt; zumindest wird sie von BILD und SPIEGEL bedingungslos unterst√ľtzt.

„Wie k√∂nnt ihr glauben, die ihr Ehre voneinander annehmt, und die Ehre, die von dem alleinigen Gott ist, sucht ihr nicht?“ (Joh 5,44). Oder noch deutlicher (Jak 4,4): „Wisset ihr nicht, da√ü der Welt Freundschaft Gottes Feindschaft ist? Wer der Welt Freund sein will, der wird Gottes Feind sein“ (Jak 4,4). Kein Mensch kann den Glauben eines anderen beurteilen; wie es in dessen Innersten aussieht, wei√ü nur Gott allein! Dennoch m√ľssen die Vertreter von B) sich fragen lassen, auf wessen Seite sie eigentlich stehen? Theologie B) erhebt den Menschen √ľber Gott. Sie mag nach au√üen hin fromm und gottesf√ľrchtig auftreten; aber in ihrem Innersten? Mu√ü sie da nicht zwangsl√§ufig zur „Welt“, zu den Feinden Gottes, geh√∂ren? Und: sie mag nach au√üen hin viel von Toleranz, Menschenfreundlichkeit und N√§chstenliebe reden; aber im Herzen? Wird sie da nicht zwangsl√§ufig auf der Seite der W√∂lfe stehen – gegen diejenigen, die „gesandt sind wie Schafe mitten unter die W√∂lfe“ (Mt 10,16)? Damals galten diese Schafe als „Pest“, die „den Weltkreis erregt“ (Apg 24,5 u. 17,6) und die Gesch√§fte st√∂rt (Apg 16,19 u. 19,24ff). Heute sind sie eben „Fundamentalisten“, die „die Freiheit des Einzelnen“ bedrohen (Zeitzeichen 6/2005 S. 57) oder zu einer „Bedrohung f√ľr die Menschenrechte werden“ k√∂nnen (parlamentarische Versammlung des Europarates). Im Zweifelsfall – wenn es wirklich hart auf hart kommt – ist es sehr fraglich, ob die Schafe bei ihrer Kirche Hilfe finden werden.

In 2Th 2,3f ist die Rede von einem „Menschen der Gesetzlosigkeit, ‚Ķ der Sohn des Verderbens. Er ist der Widersacher, der sich erhebt √ľber alles, was Gott oder Gottesdienst hei√üt, so da√ü er sich in den Tempel Gottes setzt und vorgibt, er sei Gott.“ Theologie B) mu√ü sich¬†fragen lassen, ob sie genau das Mistbeet ist, auf dem dieser „Sohn des Verderbens“ heranreift. Denn der bzw. sie schickt sich gerade an, in das Allerheiligste des evangelischen¬†Tempels einzudringen und Gottes Gerechtigkeit durch die eigene, menschliche Gerechtigkeit zu ersetzen. An die Stelle von „sola scriptura“ soll eine neue, eine andere Bibel treten. Und dieses Buch der Gesetzlosigkeit soll als Wort Gottes geachtet und geglaubt werden.

 VII

Was können wir denn tun?

a) Nichts. Die Schl√ľsselpositionen in unserer Kirche, dort wo es um Macht und Einflu√ü geht, wo das Geld verteilt wird, die sind fest in der Hand von B). Synoden, Kirchenleitungen, Verwaltungen, Bischofs√§mter und ganz besonders ev. Akademien, kirchliche Ausbildungsst√§tten, die Lehrst√ľhle an den Universit√§ten, die kirchliche Presse, der Kirchentag usw. usw. werden weithin von B) dominiert. Vor Ort, in den Gemeinden, sind vielerorts noch die von A) aktiv und suchen in oft m√ľhseliger, treuer Kleinarbeit den Laden am Laufen zu halten. Aber die Machtpositionen wurden zielstrebig von B) besetzt. Das ist ein dichter, undurchdringlicher Filz; dagegen kann man praktisch nichts machen.

b) Nochmals Nichts. Die ev. Kirchen in Deutschland haben j√§hrlich Einnahmen von etwa 8.000.000.000,- (in Worten: acht Milliarden) Euro. Das ist eine Menge Speck! In den¬†Gemeinden – dort wo das Geld hereinkommt – wird zwar immer mehr gespart; dennoch gibt es noch genug P√∂stchen, wo die Einsiedlerkrebse gem√ľtlich leben k√∂nnen – eben wie die Maden im Speck. Folglich haben sie keinerlei Interesse, diesen Zustand zu √§ndern. Sie¬†¬†¬†werden sich niemals um wirkliche Aufkl√§rung bem√ľhen: da√ü die theologischen Probleme beim Namen genannt und sachlich L√∂sungen gesucht werden.

Au√üerdem d√ľrften zumindest einige Vertreter von B) inzwischen begriffen haben, da√ü sie mit ihrer weltfremden Hirnakrobatik kaum einen Hund hinter dem Ofen hervorzulocken¬†¬†verm√∂gen geschweige denn „Heiden“ in die Kirchen. Folglich sucht man das Heil der Kirche in den Formen von A). In der Sache wird B) konsequent durchgezogen; in der Form aber will man wieder fr√∂mmer werden, um die Menschen mit religi√∂s-kirchlichem Schein zu locken. Folglich d√ľrften die theologischen Nebelschwaden in unserer Kirche immer dichter und¬†undurchdringlicher werden. Auch dagegen kann man praktisch nichts ausrichten.

c) Noch einmal Nichts. Denn die „evangelische Theologie“ gibt es gar nicht. Es gibt nur zahlreiche evangelische Theologen – vom Pfarrer bis zum Professor. Sie alle wurschteln vor sich hin und jeder macht, was ihm gerade einf√§llt. Es gibt buchst√§blich nichts, was sie miteinander verbindet (abgesehen vom Geld und der frommen Sprache). Es gibt nichts, was sie in „der Sache“ zusammenh√§lt. Synoden, Kirchenleitungen, der Rat der EKD leiten die Organisation Kirche, den Beamtenapparat. In Fragen des Glaubens, der Theologie, gibt es solche¬†Leitung nicht. Wenn ein Pfarrer ordiniert ist und in seiner Pfarrstelle sitzt, kann er predigen, was er will – es fragt praktisch niemand nach. (Falls in den Gemeinden doch mal einer protestieren sollte, wird er ausgelacht.) Und wenn jemand erst einmal Professor an der Universit√§t ist, kann er die Studenten lehren, was er will – das kontrolliert kein Mensch.

Es gibt in unserer Kirche keine Stelle, wo die Fragen des Glaubens zusammenlaufen; keine Instanz, die sich f√ľr das Ganze verantwortlich f√ľhlt. Jeder Theologe ist letztlich sich selbst √ľberlassen. Es gibt auch keinen gemeinsamen Glauben, keine √úberzeugung, keine theologische Theorie, die alle verbindet. Angeblich w√ľrden Bibel und Bekenntnis das tun – aber die werden ja „interpretiert“, die werden umgedeutet. Und jeder kann deuten, wie er es pers√∂nlich f√ľr richtig h√§lt: der eine H√ľ, die andere Hot, die n√§chsten hotteh√ľ… Die einen predigen A) , die anderen B) und die meisten eine je eigene Mixtur aus A) und B), aus Gott und Mensch, aus warm und kalt. Es gilt – frei √ľbersetzt Jes 53,6: „Sie alle laufen durcheinander wie Schafe, ein jeder sieht nur seinen eigenen Weg.“ Kurz: es herrscht theologische Anarchie. Oder wie Melanchthon klagte: die „rabies theologorum“, die Tollwut der Theologen. Und es ist¬† niemand da, der daran etwas √§ndern k√∂nnte.

d) Und wieder Nichts. Denn der „Zeitgeist“ oder der „Geist der Welt“ ist ja nicht nur eine bildliche Umschreibung f√ľr sich st√§ndig wandelnde √úberzeugungen; sondern er ist eine ganz reale Kraft, die bestimmte Entwicklungen vorantreibt; eine Kraft, die nicht nur „die Welt“ sondern weithin auch unsere Kirche beherrscht (Eph 6,12): „Denn wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu k√§mpfen, sondern mit M√§chtigen und Gewaltigen, n√§mlich den Herren der Welt, die in dieser Finsternis herrschen, mit den b√∂sen Geistern unter dem Himmel.“ Nur ein Beispiel: Anfang der 70ger Jahre wurde sowohl in der DDR als auch in der BRD die¬†Abtreibung praktisch freigegeben. In den Jahrhunderten davor wurde das zwar auch gemacht; dennoch war allen klar: Abtreibung ist Unrecht. Doch dann wurde in v√∂llig verschiedenen Gesellschaftsordnungen nahezu gleichzeitig Gottes Gebot au√üer Kraft gesetzt; wurde Unrecht zum Recht erkl√§rt. D. h. solche Dinge entspringen nicht dem Gehirn einzelner Menschen. Sondern dort reifen im Verborgenen Dinge heran, bei denen es buchst√§blich nicht mit rechten Dingen zugeht. So ist es mit manchem Geschehen der Geschichte: dahinter standen Kr√§fte, die mit dem menschlichen Verstand nicht zu erkl√§ren sind. Gegen solche Kr√§fte hat der Mensch grunds√§tzlich keine Chance

e) Ein Mittel, das unsere sterbende Kirche heilen k√∂nnte, haben wir nicht. Vielleicht aber ein Salbe, die das Elend hier und da etwas lindert: Tr√§nen. So wie Jesus √ľber Jerusalem weinte (Lk 19,41), sollten wir √ľber unsere Kirche weinen: „Gott… gedenke an deine Gemeinde… richte doch deine Schritte zu dem, was so lange w√ľst liegt. Der Feind hat alles verw√ľstet im Heiligtum. Deine Widersacher br√ľllen in deinem Hause und stellen ihre Zeichen darin auf… Unsere Zeichen sehen wir nicht, kein Prophet ist mehr da, und keiner ist bei uns, der etwas wei√ü. Ach Gott, wie lange soll der Widersacher noch schm√§hen und der Feind deinen Namen immerfort l√§stern? Warum ziehst du deine Hand zur√ľck?“ (Ps 74)

Genau hier liegt die gro√üe Anfrage an A): Wissen wir noch, was beten hei√üt; k√∂nnen wir das wirklich? Und tun wir es auch so, wie es n√∂tig w√§re? Apg 4, 24ff: „Da sie das h√∂rten erhoben sie ihre Stimme einm√ľtig zu Gott und sprachen: Herr, der du Himmel und Erde… gemacht hast… gib deinen Knechten, mit allem Freimut zu reden dein Wort, und strecke deine Hand aus, da√ü Heilungen und Zeichen und Wunder geschehen durch den Namen deines heiligen Knechtes Jesus.“

Die „Hand Gottes“ ist unsere einzige Hoffnung! Wobei „Heilungen“ nicht unbedingt hei√üen mu√ü, da√ü Krebskranke schlagartig gesund werden. Heilung hei√üt ja auch: da√ü ein Mensch, dessen Glaube von der heutigen Theologie zerst√∂rt wurde, im Innersten wieder heil wird; da√ü er wieder einen klaren Blick auf seinen gro√üen Gott bekommt; da√ü er wieder lernt, im Glauben aufrecht und gerade zu stehen. Und „Zeichen“ mu√ü ja nicht unbedingt eine Totenauferweckung sein; sondern Zeichen sind auch Gemeinden oder Christen, deren Glaube weithin sichtbar ist und vielen Menschen Hoffnung und Orientierung bietet. Z. B. U. Parzany oder¬†P. Hahne sind ja ganz gut – 20 von ihrer Sorte w√§ren besser. Oder was sind Wunder? Das gr√∂√üte „Wunder“ ist doch, da√ü ein Mensch von neuem geboren wird; da√ü ein gro√üer, stolzer Mensch die Knie beugt und sein Leben in die H√§nde von Jesus Christus legt. Darum w√ľnschte ich mir, da√ü diejenigen in unserem Land, deren Leben Jesus Christus geh√∂rt, die an einen gro√üen Gott glauben, nicht so viel diskutieren. Sondern da√ü sie „einm√ľtig ihre Stimme¬†¬†erheben“ und tagt√§glich aus tiefstem Herzen beten: „Herr, wir sind am Ende; wir k√∂nnen nichts mehr machen. Deshalb strecke DU, der du Himmel und Erde gemacht hast, strecke DU DEINE Hand aus, da√ü Heilungen und Zeichen und Wunder geschehen durch den Namen¬†deines heiligen Knechtes Jesus.“ Amen.

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Dienstag 13. November 2007 um 15:06 und abgelegt unter Kirche, Theologie.