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„Das Reich Gottes ist mitten unter euch.“

Montag 29. November 2010 von Erzbischof Janis Vanags


Erzbischof Janis Vanags

Predigt: „Das Reich Gottes ist mitten unter euch.“¬†¬†¬†

Predigt von Erzbischof Vanags im ökumenischen Gottesdienst zum 92 jährigen Gedächtnis der Ausrufung der Republik Lettland im Dom zu Riga am 18. November 2010.

„Als er aber von den Pharis√§ern gefragt wurde: Wann kommt das Reich Gottes?, antwortete er ihnen und sprach: Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man es beobachten kann;¬† man wird auch nicht sagen: Siehe, hier ist es oder: Da ist es! Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch.“(Lukas 17, 20-21).

Am 18. November, dem Tag der Ausrufung der Republik Lettland, feiern wir unseren Staatsfeiertag.¬† Und so nennen wir ihn auch: ‚ÄěStaatsfeiertag,‚Äú¬† Aber weshalb feiern wir eigentlich den Staatsfeiertag? ¬†Ist der Staat nicht eine ganz nat√ľrliche und unvermeidliche Realit√§t?¬† Jeder Mensch wird in einem Staat geboren, lebt und stirbt dort. Gibt es bei einem Staat √ľberhaupt etwas zu feiern? Viele Menschen feiern nicht den Staat, sondern leiden unter ihm und bek√§mpfen ihn sogar.

Alles wird durch das kleine Wort ‚Äěunser‚Äú ver√§ndert. Wir k√∂nnen den Staat feiern, wenn es unser Staat ist. W√§hrend der Freiheitskriege haben die lettischen Sch√ľtzen f√ľr¬† ihren Staat gek√§mpft. Unsere bedeutenden Staatsm√§nner und Volkswirtschaftler haben unseren Staat errichtet. Den Verlust unseres Staates haben wir in den Jahren der Besatzung erlitten und in unseren Herzen die Hoffnung auf dessen Neuentstehung getragen. F√ľr unseren Staat bildeten wir den Baltischen Weg und standen auf den Barrikaden. Selbst die Hockeyfans reisen um die ganze Welt, um mit der Einheit ihres Staates mitzuf√ľhlen. Niemand w√ľrde das f√ľr eine Mannschaft eines fremden Staates tun.

Weshalb ist es so wichtig, von unserem Staat zu sprechen? Weshalb sind Menschen sogar bereit, f√ľr dieses kleine Wort ihr Leben in die Waagschale zu werfen? Nur mit dem Verstand kann man das nicht erkl√§ren, denn dabei ist in erster Linie nicht vom Geld, von der Macht oder von der Volkszugeh√∂rigkeit die Rede, sondern von der Beziehung zwischen den Menschen. Die Hauptsache dabei ist die √úberzeugung, dass es sich in unserem Staat am besten leben l√§sst. Dort geschieht alles in unserem, und nicht im Sinn der Fremden. Wir alle stehen f√ľr die Unseren ein, nicht wahr? Das Wesentliche, was Menschen von ihrem Staat erwarten, ist dessen Beziehung zu uns und die Beziehung der Menschen zueinander ‚Äď die Beziehungen der Ihren und nicht der Fremden zueinander. Und in diesem Sinne stimmen die Hoffnungen der Menschen mit den Tr√§umen Gottes √ľberein.

Auch Gott hat Tr√§ume. Wenn er irgendeinen Gegenstand oder den Menschen erschafft, wenn er einem Volk seinen Staat mit seinen Grenzen schenkt, dann hat er einen Traum von unserem Leben und unserer Gesellschaft die er uns geschenkt hat, damit wir in ihr leben. Er hat auch einen Traum von Lettland. Wie sollte dieses Land sein? Einfach gesagt, ein Land, in dem sich der Mensch unter seinesgleichen f√ľhlt. Was ist notwendig, damit wir diesen Traum Gottes Wirklichkeit werden lassen k√∂nnen? Ich m√∂chte sagen, mehr als alles andere ‚Äď christliche Werte.

Bereits bei dem Aussprechen dieser Worte wei√ü ich, dass viele ihr Gesicht verziehen werden. Die Phrase ‚Äěchristliche Werte‚Äú h√∂rt man oft, und sie wird oft an der unpassenden Stelle benutzt. Was sind christliche Werte? Wenn ich diese Frage einem Passanten auf der Stra√üe stellen w√ľrde, dann w√ľrde wohl¬† meistens die Antwort sein: ‚ÄěH√§ngt das wohl vor allem mit der Familie oder mit der sexuellen Orientierung zusammen?‚Äú¬† Meistens wird jemand das vielleicht in diesem Zusammenhang geh√∂rt haben. Ja, das sind wichtige Aspekte des Lebens. √úber sie gibt es in der Bibel an mehreren Stellen sehr konkrete Aussagen. Es w√§re n√ľtzlich, bei passender Gelegenheit einmal von ihnen zu sprechen. Aber beschr√§nken sich christliche Werte wirklich nur darauf?

Was christliche Werte wirklich sind, das machten uns zwei Staatsm√§nner sehr belehrend deutlich. Der dritte Pr√§sident der USA und der Hauptverfasser der Unabh√§ngigkeitserkl√§rung Thomas Jefferson h√§tte aus seiner Bibel alle Stellen herausgeschnitten, die von Wundern sprechen, von allem √úbernat√ľrlichen, von Gott, der in der Geschichte und im Leben der Menschen wirkt. Als Deist glaubte er einfach nicht an solche Dinge. Nach dieser Operation h√§tte ein st√§rkerer Wind die Bibel einfach vom Tisch blasen k√∂nnen ‚Äď so leicht ist sie geworden. Der zweite Staatsmann, der fr√ľhere australische Premier und heutige Au√üenminister Kevin Rad berichtet, dass er auch in unseren Tagen Zeuge eines √§hnlichen Experimentes gewesen sei, wo einer seiner Freunde es sich vorgenommen h√§tte, aus der Bibel alle Aufrufe und Befehle Gottes herauszuschneiden, die von sozialer Gerechtigkeit sprechen. Er setzte sich hin und schnitt, und schnitt und schnitt, und das Ergebnis war fast das Gleiche ‚Äď durch alle L√∂cher in der Bibel konnte der Wind hindurchwehen. Aus den vielen L√∂chern der beiden Bibeln kann man sehr deutlich erkennen, was christliche Werte sind:

Das Leben vor Gott, der lebendig und leibhaftig da ist, der hier und jetzt zugegen ist.       

Alles, was wir denken, reden und tun, das tun wir vor Seinen Augen. Ihm gegen√ľber sind¬†wir verantwortlich und Ihm m√ľssen wir eines Tages Rechenschaft geben. Und das ist ein¬†solcher Gott, der ohne Unterlass durch die Seiten der Heiligen Schrift aus dem Munde¬†der Propheten und Apostel aufruft, auffordert, befiehlt, sich um die Witwen und Waisen¬†zu sorgen, und es verbietet, die Ecken der Ackerfelder abzum√§hen, damit f√ľr die Armen¬†und Fremdlinge etwas √ľbrig bliebe, was sie f√ľr sich aufsammeln k√∂nnten. ‚ÄěWenn ein¬†Bruder oder eine Schwester Mangel hat an Kleidung und an der t√§glichen Nahrung, und jemand unter euch spr√§che zu ihnen: Geht hin in Frieden, w√§rmt euch und s√§ttigt¬†euch!, ihr g√§bet¬† ihnen aber nicht, was der Leib n√∂tig hat ‚Äď was k√∂nnte ihnen das helfen? So ist der Glaube, wenn er nicht Werke hat, tot in sich selbst.‚Äú

Dar√ľber hat Gott nicht nur viel ‚Äědurch die Propheten und V√§ter‚Äú geredet, sondern ist auch gekommen und hat selbst nach Seinen Worten gehandelt. Was christliche Werte bedeuten, kann man am besten an der Person und am Leben¬† Jesu Christi erkennen.

Wir haben bei der Lesung des Predigttextes im Evangelium nach Lukas ein Gespr√§ch Jesu mit den Pharis√§ern geh√∂rt. Das fand zu der Zeit statt, als das Volk sehnsuchtsvoll das Kommen des Messias erwartete, wodurch er ihr Reich erneuern w√ľrde. Die Leute hatten sehr verschiedene Vorstellungen von dem, wie er kommen m√ľsste ‚Äď vielleicht sollte er wie ein Engel vom Himmel herabfliegen, vielleicht sollte er wie ein K√∂nig mit einem Heer vor den Toren Jerusalems eintreffen und die fremden Besatzer und Unterdr√ľcker vertreiben und ein Reich des Wohlstandes gr√ľnden, in dem Gottes Gerechtigkeit herrscht. ‚ÄěWann kommt das Reich Gottes?‚Äú fragen die Leute Jesus. Aus ihrer Frage k√∂nnen wir heraush√∂ren, dass das irgendwann in der Zukunft geschehen sollte.

Erinnert das uns nicht auch an unsere Gegenwart? Auch wir hoffen immer wieder von neuem, und ganz besonders angesichts bevorstehender Wahlen, dass wir dieses Mal alles weiser und besser machen w√ľrden, und dass wir endlich unseren Staat haben werden. Viel mehr als einmal haben wir auf jemand wie den Messias mit einer strengen Hand und einem aufrichtigen Herzen gewartet, der ein Reich des Wohlstandes errichten wird, in dem wir mit denen, die zu uns geh√∂ren, gemeinsam leben werden. Und mit der gleichen Regelm√§√üigkeit haben wir alle, die wir mit messianischen Erwartungen begr√ľ√üt haben, nach wenigen Jahren mit Verbitterung verabschiedet. Weshalb geschieht das so mit uns? Haben wir da etwas falsch gemacht? Haben wir da etwas falsch verstanden?

Wenn wir das Neue Testament aufschlagen, dann √ľberrascht es uns, dass Jesus es seinen J√ľngern¬†recht lange untersagt, von ihm als vom Messias zu reden. Nicht deshalb, weil er es nicht w√§re, sondern weil er mit den F√ľ√üen in die Luft die Vorstellungen der Leute dar√ľber, wie der Messias¬† und wie das neu zu errichtende Reich sein m√ľsste, in das Gegenteil verkehrt. Oder sollte ich lieber sagen ‚Äď diejenigen, die bisher mit den F√ľ√üen in die Luft gelebt haben, dreht er richtig um, so, dass sie wieder ihren Kopf oben haben?

Das Himmelreich brauchte sich nicht von oben oder von au√üen her niederzulassen und der Messias brauchte nicht an der Spitze einer Armee einzuziehen. Das Reich, in dem Gottes Gerechtigkeit herrscht und in dem die Menschen mit den Ihrigen zusammenleben, musste in einem Ort aus dem, was dort war, heranwachsen: aus den Geringen und Armen in einem kleinen Dorf in Galil√§a, aus den S√ľndern, Versto√üenen und Verlorenen. Das war das Material, aus dem vor Ort das erwartete Reich, das Reich Gottes zu wachsen beginnen sollte. Doch dort gab es auch noch Andere ‚Äď bestechliche Zollbeamte, ordentliche und ehrliche M√§nner der Regierung, sogar einen Offizier der Besatzer. Mit einem Wort gesagt, gab es dort einen Querschnitt durch die Gesellschaft, die unterschiedlichsten Leute, und in ihrer Mitte Jesus und seine J√ľnger. ‚Äě Das Reich Gottes gleicht einem Senfkorn, das ein Mensch nahm und in seinen Garten s√§te, und es wuchs und wurde ein Baum und die V√∂gel des Himmels wohnten in seinen Zweigen.‚Äú (Lukas 13,19)

Jesus war sich seines besonderen Auftrages und seines besonderen Status wohl bewusst. Er wusste, dass Er das Senfkorn war, von dem aus alles zu keimen und zu wachsen beginnt und zu einem gro√üen Baum heranw√§chst, in dessen Zweigen sich die V√∂gel ihre Nester bauen. Doch er ermahnte seine J√ľnger, dass sie ihn nicht Christus nennen sollten, bevor sich das Bewusstsein der Menschen ver√§ndert h√§tte. Sie sahen in Gott einen wohlwollenden Diktator, der eines Tages kommen und alle nach ihrem Verdienst belohnen w√ľrde. H√§tten die J√ľnger Jesus Messias genannt, dann h√§tten die Menschen erwartet, dass er mit einer gro√üen Armee eintreffen und einen Kampf beginnen, und in dem er alle seine Gegner besiegen w√ľrde und Gottes Gesetz mit der Hilfe des Schwertes zur Geltung br√§chte. Jesus sieht Gott ganz anders ‚Äď als liebenden Vater, der t√§glich am Ende des Weges steht und auf die R√ľckkehr seines verlorenen Sohnes wartet, um ihn in seine Arme zu nehmen und ihm zu vergeben, ihm den Schlamm der S√ľnde der Vergangenheit abzuwaschen, ihn in seine Familie hineinzuf√ľhren und ihn als einen der Seinen an den Tisch zu setzen. Deshalb sieht Jesus den Messias v√∂llig anders als die Leute es erwarten. Ein Herrscher h√§tte einmal vor einer Schlacht auf folgende Weise seine Soldaten angesprochen:¬† ‚ÄěIn diesem Kampf¬† werden viele von euch ihr Leben lassen, und das ist ein Opfer, das zu tragen ich bereit bin.‚Äú Christus ist nicht ein solcher Herrscher Statt an seiner Statt einen anderen zu opfern, opfert er sich selbst am Kreuz f√ľr andere, um mit seinem Leben die Schuld der S√ľnde derer auszul√∂sen, durch die das Reich Gottes entsteht und w√§chst.. Um alle diejenigen, die nicht nur ges√ľndigt, sondern sich auch aneinander vers√ľndigt haben, aneinander schuldig geworden sind und sich gegenseitig erz√ľrnt haben, an einem Tisch zu versammeln in einer Familie, und diese so verschiedenen und oft einander widersprechenden Leute zu den Seinigen zu machen.

Dadurch erschafft Christus eine v√∂llig andere politische Kultur. Ja, er ist der Leiter, ihm geh√∂rt alle Macht im Himmel und auf Erden., doch er m√∂chte diese dadurch aus√ľben, dass er dient, leidet und f√ľr sein Volk stirbt. Jesus formuliert das sehr radikal: ‚ÄěWer sein Leben findet, der wird es verlieren, doch wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird es finden.‚Äú Mit anderen Worten: wenn wir nicht bereit sind, unser Leben anderen hinzugeben, sondern nur sich selbst zu leben, der ist f√ľr Gottes Reich bereits tot. Doch wenn wir bereit sind, unser Leben anderen zu geben, dann¬† leben wir wirklich.¬† Auf diese Weise f√ľhrt Jesus ein v√∂llig neues Wertesystem ein. Und wenn wir von den ‚Äěchristlichen Werten reden‚Äú, dann reden wir genau dar√ľber.

Man k√∂nnte aber auch meinen, dass wir, wenn wir von den christlichen Werten sprechen, auch ganz sicher von der Familie sprechen k√∂nnen. Wenn wir von der Familie sprechen, dann kann daran nichts falsch sein. Wenn wir die Familie lieben und f√ľr die Kinder sorgen, dann entspricht das doch hundertprozentig den¬† christlichen Werten, nicht wahr? Und dennoch ist die Sache nicht so einfach. Bei Markus 3 lesen wir von einem Geschehen, in dem Jesus gemeldet wird: ‚ÄěSiehe, deine Mutter und deine Br√ľder und deine Schwestern drau√üen fragen nach dir.‚Äú Und er antwortete ihnen und sprach: ‚ÄěWer ist meine Mutter und wer sind meine Br√ľder?‚Äú Und er sah ringsum auf die, die um ihn im Kreise sa√üen, und sprach: ‚ÄěSiehe, das ist meine Mutter und das sind meine Br√ľder. Denn wer den Willen Gottes tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.‚Äú¬† Im Wertesystem Christi ist die Familie mehr als das H√§uflein von Blutsverwandten. F√ľr Jesus ist die Familie vielleicht nicht die ganze Menschheit, sondern die Kinder des himmlischen Vaters, die einander lieben. Im christlichen¬† Wertesystem kannst du deine blutsverwandte Familie nicht h√∂her stellen alsdie ganze √ľbrige Gemeinschaft, zu der du geh√∂rst. Bei der Errichtung des Reiches Gottes sieht Jesus sie als eine gro√üe Familie, in der sich die Menschen als zueinander geh√∂rend betrachten. Wenn jemand zum Beispiel seine Kinder so sehr liebt, dass er auf ihre Konten das √ľberweist, was¬† er anderen vorenthalten hat, dann handelt er nicht nach den Grunds√§tzen der Werte einer christlichen¬† Familie, sondern gegen sie.

Eins der wesentlichen Kennzeichen f√ľr eine Familie ist, dass sie sich um den Tisch versammelt. Unter seinen Nachfolgern gr√ľndete Jesus das Mahl der Agape, bei dem sie sich alle um einen Tisch versammelten. Jeder brachte mit, was er zur Hand hatte. Die Wohlhabenderen brachten viel, die √Ąrmeren brachten weniger mit. Doch vor allem achtete man darauf, dass alle ges√§ttigt fort gingen. Auch hierbei ist Jesus sehr radikal. Nach der Auffassung der damaligen Zeit (und nicht nur damals) waren die Reichen diejenigen, die Gott gesegnet hatte, w√§hrend die Armut ein Zeichen daf√ľr war, dass Gott mit ihnen nicht zufrieden war. Doch Jesus hatte sich daf√ľr entschieden, einer zu sein, der nicht einmal etwas hatte, auf das er sein Haupt hinlegen konnte. Er sagte: ‚ÄěSelig seid ihr Armen, denn euer ist das Himmelreich.‚Äú Er sagt: ‚ÄěWehe euch, ihr Reichen, die ihr jetzt sattgegessen seid, denn ihr werdet Hunger leiden.‚Äú Das bedeutet nicht, dass es gut sei, in Armut und Verzweiflung zu leben. Das bedeutet auch nicht, dass Gott reiche Menschen mehr lieben w√ľrde als arme und sie deshalb ausschl√∂sse. Gott liebt alle Menschen und l√§dt jeden ein. Jesus ist auch nicht √ľber die Reichen erz√ľrnt, sondern um sie besorgt, weil es ihnen so schwer f√§llt, das, was sie haben, mit anderen zu teilen. In der heutigen Welt k√∂nnen wir dasselbe beobachten, was Jesus im Tempel am Opferstock gesehen hatte. Arme Leute sind freigiebiger und spenden von ihrem Einkommen prozentual einen gr√∂√üeren Teil als die Reichen. Deshalb sorgt sich Jesus um die Reichen, dass sie es schwer haben werden, um im Reiche Gottes leben zu k√∂nnen. ‚ÄěWie schwer ist es f√ľr einen Reichen, in das Reich Gottes einzugehen.‚Äú¬† Denn das Teilen mit anderen ist einer der ersten christlichen Werte.

Wir k√∂nnen dazu bemerken, dass Jesu Auffassung vom Reich Gottes sich sehr von der Auffassung der Leute unterschied, auch aus zeitlicher Sicht. Sie fragten ihn, wann es kommen w√ľrde. Das war f√ľr sie ein Geschehen in der Zukunft. Jesus sagte: Das Reich Gottes ist mitten unter euch. Vielleicht als kleines Senfkorn, das aber wachsen muss, hier und heute.

Wir feiern heute den 92. Jahrestag des Bestehens unseres Lettlands. Fast 20 Jahre sind vergangen, seitdem wir die Wiederkehr unserer Unabh√§ngigkeit erleben konnten. Wie weit ist das Pfl√§nzchen des Reiches Gottes in unserer Mitte herangewachsen? Wie geht es ihm bei uns?¬† Wie f√ľhlen wir uns selbst? Empfinden wir Lettland als unseren Staat, in dem wir unsere Beziehungen wie zu den Unseren pflegen und nicht wie zu Fremden? W√§hrend der Zeit des nationalen Erwachens waren diese Beziehungen sehr lebendig, Wie sind sie jetzt? Sehr verschieden.

Als ich die Letten in Irland besuchte, begegnete ich solchen, die sich v√∂llig gewiss waren, dass sie in unsere Heimat zur√ľckkehren w√ľrden. Aber es waren mindestens ebenso viele, die sich genau so sicher waren, dass sie nie mehr zur√ľckkehren m√∂chten. Und als ich sie nach dem Warum fragte, war ihre Antwort immer die gleiche, und dabei ging es nicht um das Geld. ‚ÄěDort verhielt man sich gegen√ľber uns nicht wie zu den eigenen Leuten. Hier empfinden wir es viel eher, dass wir in unserem eigenen Staat leben.‚Äú, sagten sie. Eine der am meisten Sorge machenden Realit√§ten ist die Bereitschaft so vieler Menschen in Lettland, wegzufahren. Sogar Auf Nimmer Wiedersehen. Und auch unter denen, die bleiben m√∂chten, gibt es viel Pessimismus, Verbitterung und Entt√§uschung. Manches Mal scheint es, dass der einzige vorhandene Patriotismus noch darin besteht, die Leute mit einer anderen Volkszugeh√∂rigkeit nicht zu bemerken. ¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬† ¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†

Nat√ľrlich ist das nur ein Aspekt. In Lettland gibt es viel hervorragendes, vieles, auf das wir stolz sein k√∂nnen, viele gro√üartige und wirklich uneigenn√ľtzige Menschen mit dem Empfinden eines echten Patriotismus. Und dennoch ist im Hintergrund die Resignation und der Zorn so laut geworden, dass wir sie nicht unbeachtet lassen d√ľrfen. Besonders weil das Reich Gottes, nach dessen Prinzipien zu leben Christus uns bereits jetzt aufruft, uns, die wir uns Kinder Gottes nennen, die einander lieben. Deshalb schlie√üt sich derjenige, der hasst, selbst aus der Gemeinschaft der Familie aus, und die Familie zerf√§llt.

Wie sind wir dahin geraten? Welchen Werten sind wir nachgefolgt?¬† Haben wir das freie Lettland nach den Prinzipien der Ideologie der Gesellschaft der Verbraucher errichtet, bei welcher der Wert eines Menschen¬† nicht dadurch bestimmt wird, dass er ein Kind Gottes ist, sondern dadurch, dass er zu produzieren und zu verbrauchen, anzusammeln und auszugeben vermag, und wo die Konkurrenzf√§higkeit f√ľr die h√∂chste menschliche Qualit√§t gehalten wird? Was kann da herauskommen?

Daran musste ich denken, als ich einmal¬† in einem Lebensmittelgesch√§ft Eier einkaufte. Nat√ľrlich w√§hlte ich dabei die billigsten aus. Als ich sie zu Hause auspackte, fand ich auf der Verpackung eine Aufschrift, die wohl den niedrigen Preis erkl√§ren sollte:¬† Eier aus K√§fighaltung.¬† Das rief mir die Fernsehbilder in die Erinnerung √ľber die H√ľhnerfabriken mit in Brutapparaten zusammengedr√ľckten K√ľken, die in K√§fige umgesetzt werden, die sie nie wieder verlassen werden, ehe von ihnen alles verarbeitet worden ist, was verarbeitet werden konnte. Gebratene Eier, das Fleisch in der Pfanne, die Federn im Kissen. Die Reste vielleicht als Futter f√ľr wilde Tiere., ich wei√ü es nicht.¬† Sogar den Mist verkauft man Kleing√§rtnern als D√ľnger.. Als Gott die H√ľhner schuf, hatte er sicher auch einen Traum √ľber deren Leben. Ganz gewiss nichts Gro√ües, aber dennoch, dass es scharrend durch die Wiesen streift, K√∂rner und W√ľrmer aufpickt, K√ľken ausbr√ľtet und diese in der Sonne spazieren f√ľhrt. Das alles haben wir ihnen weggenommen. Sogar ihren Namen haben wir ihnen nicht mehr gelassen. In einer Zeitung las ich, dass das, was wir kaufen, keine H√ľhner seien, sondern ein Produkt mit der Nummer Ros-380.

Weshalb tun wir das? Ich nehme an, dass den meisten von uns diese Fakten aus dem Leben¬† der H√ľhner bekannt sind, wir uns aber daf√ľr entschieden haben, dar√ľber nicht weiter nachzudenken. Nicht deshalb, weil es uns gef√§llt, dass diese Hausv√∂gel gequ√§lt werden, sondern weil wir sie brauchen und zu einem niedrigen Preis erwerben k√∂nnen. Viele unserer Mitmenschen haben keine M√∂glichkeit, sich anders zu verhalten und sich mit ethischen √úberlegungen zu diesem Thema¬† zu befassen, weil sie selbst¬† wie die Hausv√∂gel in einem K√§fig zusammengezw√§ngt leben m√ľssen. Sie sind f√ľr einen Mindestlohn besch√§ftigt und m√ľssen selbst auf diesen Monate lang warten, und oft warten sie sogar vergebens. Und wenn man ihnen alles weggenommen hat, was man nur wegnehmen konnte ‚Äď die Krankenf√ľrsorge und die Rente bewegen sich auf einem unbeschreiblich niedrigen Niveau, was dann?¬† Weshalb das alles? Weil ihre Arbeitgeber daf√ľr sorgen m√ľssen, dass alles zu einem niedrigen Preis verkauft werden kann. Das steigert ihre Konkurrenzf√§higkeit. Deshalb nimmt man ihnen Gottes Traum von ihrem einmaligen und nicht wiederholbaren Leben weg. Man bel√§sst ihnen nicht einmal ihren Namen. Einfach ein Armer. Auch die Arbeitgeber tun das sicher nicht bewusst in b√∂ser Absicht. Auch sie versp√ľren irgendeinen Druck von oben her ‚Äď Steuern, Gesetze, unehrliche Konkurrenten, ungn√§dige Kreditgeber und vieles andere mehr. Die Befreiung beginnt oben. Derjenige, der noch nicht aus seinem eigenen K√§fig befreit worden ist, kann auch nicht denjenigen aus seinem K√§fig befreien, der ihm untergeben ist. Und so geht es uns allen¬† miteinander‚Ķ Wir m√∂chten gerne die Herren in unserem Lande sein und vers√§umen es dabei, unseren wahren Herrn zum Vorbild zu nehmen, der gekommen ist, uns zu befreien und uns zu dienen, und uns nicht einzusperren und zu versklaven. Unseren wahren Herrn Jesus Christus.

Wie brauchen wirklich die christlichen Werte ‚Äď aus der ganzen Bibel und nicht aus der zusammengeschnitten und leeren Bibel. Wir brauchen die Werte, die Menschen als Kinder des himmlischen Vaters am Tisch zusammenf√ľhren, und die einander lieben, die sich um das Schicksal des N√§chsten Sorgen machen, die sich in das Ergehen des N√§chsten hineinversetzen k√∂nnen, die einander helfen und unterst√ľtzen und das, was sie haben, miteinander teilen.¬†¬†¬†¬†¬†¬†

Vor Kurzem waren wir Zeugen eines langen und komplizierten Weges bis zur Bildung einer Koalition und dem Abschluss eines Koalitionsvertrages. Dazu k√∂nnen wir die f√ľhrenden Vertreter unseres Staates begl√ľckw√ľnschen. Das geh√∂rt zu einem politischen Prozess. Doch ein Koalitionsvertrag ist einfach ein √úbereinkommen dar√ľber, wie die politischen Kr√§fte¬† die die Verantwortung, den Einfluss und die Mittel untereinander verteilen. Wir brauchen etwas, was viel mehr bedeutet und¬† viel schwerer wiegt. Wir brauchen ein Verm√§chtnis, ein Testament. Ein Testament geht viel tiefer als Vertr√§ge. Jetzt braucht unser Staat ein neues Verm√§chtnis, das etwas √ľber die Verh√§ltnisse aussagt, in denen Menschen, frei von allem Misstrauen und allen √Ąngsten einander Gottes Traum √ľber ihr Leben nicht wegnehmen, und √ľber die Verh√§ltnisse, die es uns erm√∂glichen, Lettland als unseren Staat zu erleben, f√ľr den zu k√§mpfen, den zu erbauen und den zu feiern wir bereit sind..

Die frohe Botschaft ist, dass wir alles haben, um das zu erreichen. Wir haben ein wundervolles Land und das Meer und eine freundliche und liebliche Natur. Wir haben gro√üartige, begabte, gebildete und f√§hige Menschen. Wir haben √§u√üere Sicherheit an unseren Grenzen. Wir haben das Evangelium von Christus. Christus selbst ist seit vielen Jahrhunderten mitten unter uns. Wir haben sogar einen freien Staat, und damit ein Privileg, auf das viele V√∂lker noch verzichten m√ľssen. Es bleibt uns nur noch die Arbeit, die wir tun m√ľssen, um das alles f√ľr uns alle zu erreichen. Wirklich f√ľr uns alle.

Wann kommt das Reich Gottes?¬† Wo ist es?¬† Es ist schon hier. Es ist mitten unter euch. Oder ist es das nicht?¬† Das, was wir besiegen und ver√§ndern m√ľssen, befindet sich nicht so sehr auf unseren Bankkonten, sondern bei uns selbst, in unseren K√∂pfen und unseren Herzen. Ich bin mir dessen wohl bewusst, dass das nicht so einfach ist, wie man es auch von kirchlicher Seite h√∂ren konnte: geben wir den Menschen die Zehn Gebote zu lesen, dann werden sie sich auch sittlich verhalten. So einfach funktioniert es nicht, auch nicht in der Kirche. Aber seien wir ehrlich ‚Äď dasselbe k√∂nnen wir auch √ľber den Ethikunterricht sagen. Von dem, dass man den Menschen etwas √ľber Ethik erz√§hlt, werden sie noch nicht zu sittlichen Pers√∂nlichkeiten. Der Mensch allein vermag es bei sich eine innere Ver√§nderung zu bewirken, die zu neuen Beziehungen f√ľhrt. Doch die Erfahrung vieler Jahrhunderte und vieler Tausend Menschen bekunden, dass der pers√∂nliche und lebendige Christus es vermag. Das Herz empfindet die Sehnsucht, ihn n√§her kennen zu lernen, um ihn vollkommener zu lieben und ihm in der Nachfolge n√§her zu sein. Es w√ľnscht sich, wie er zu leben und ihm immer √§hnlicher zu werden.

Ich wei√ü, was man mir sagen wird. Die Kirche ist vom Staat getrennt. Man sollte das als Wahlfach unterrichten. Man sollte das in den Familien unterrichten. Wir erkennen sofort, dass das nicht ganz ehrlich ist, denn 50 Jahre lang wurde alles getan, um den Familien das Wissen und die F√§higkeiten zu nehmen, um das zu tun. Dar√ľber brauchen¬† wir nicht miteinander zu streiten. Wen jemand einen guten Gedanken hat, wie man unsere Seelen ver√§ndern und erleuchten kann, der halte sein Licht nicht unter dem Scheffel. Denn die Zeit ist fortgeschritten und der Bedarf ist gro√ü.¬† Doch jetzt lasst uns h√∂ren, was Christus sagt: ‚ÄěSiehe, ich stehe vor der T√ľr und klopfe an. So jemand meine Stimme h√∂ren wird und die T√ľr auftut, zu dem werde ich eingehen und das Abendmahl mit ihm halten, und er mit mir.‚Äú Gebe Gott, dass wir das h√∂ren und uns dem √∂ffnen, und das wir den 18. November einst feiern k√∂nnen werden als unseren Staatsfeiertag an Seinem Tisch als Glieder eines Leibes.

Predigt von Erzbischof Vanags im ökumenischen Gottesdienst zum 92 jährigen Gedächtnis der Ausrufung der Republik Lettland im Dom zu Riga am 18. November 2010.

√úbersetzung aus dem Lettischen: Johannes Baumann

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Montag 29. November 2010 um 17:55 und abgelegt unter Christentum weltweit, Predigten / Andachten.