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Psychokonzept von Carl R. Rogers auf Abwegen

Freitag 19. November 2010 von Kultur und Medien


Kultur und Medien

Psychokonzept von Carl R. Rogers auf Abwegen:
Der MitbegrĂŒnder der Gruppendynamik „therapierte“ jenseits moralischer Prinzipien

Zu jenen „Ikonen“ moderner Psychotherapie und Gruppendynamik, die auch und gerade im kirchlichen Beratungsmilieu Eingang gefunden haben, gehört vor allem Carl R. Rogers, BegrĂŒnder der sog. „klientenzentrierten GesprĂ€chspsychotherapie“ und der „Encounter-Gruppen“, mitunter auch als „Begegnungs-Gruppen“ bezeichnet.

Der 1902 in Oak Park (USA) geborene Carl Rogers war ein SchĂŒler des Freud-SchĂŒlers Otto Rank. Die in viele Sprachen ĂŒbersetzten BĂŒcher Prof. Rogers wurden internationale Bestseller und dienen in zahlreichen kirchlichen Beratungsstellen und Fortbildungsmaßnahmen als programmatische Grundlage und psychologische Richtschnur.

Rogers‘ spezielle GesprĂ€chstherapie wird auch als „nicht-direktive Beratung“ bezeichnet, weil sie bewußt darauf verzichtet, dem psychisch belasteten „Klienten“ VerhaltensmaßstĂ€be zu vermitteln oder auch nur eine Empfehlung zu geben.

Der problemgeplagte „Ratsuchende“ darf also im Grunde keiner sein – zumindest soll der Berater nach Rogers keinen Rat erteilen, sondern die GefĂŒhle und die innere „Befindlichkeit“ des „Klienten“ voll und ganz akzeptieren und ihm so das GefĂŒhl des Angenommenseins vermitteln. Durch diese wohlwollende AtmosphĂ€re eröffne sich dann im „Klienten“ sozusagen von selber die fĂŒr ihn geeignete Lösung seiner Schwierigkeiten.

Kritiker weisen darauf hin, daß der seelisch kranke Patient mit diesem – auf den ersten Blick wohlklingenden – Konzept auf sich selber zurĂŒckgeworfen wird, daß man den Dingen nicht auf den Grund geht und die Ursachen seelischer Störungen nicht fachmĂ€nnisch analysiert, daß der „Klient“ stattdessen lediglich das „Bonbon“ einer freundlichen Beziehung zum Therapeuten erhĂ€lt, was ihn tatsĂ€chlich stimmungsmĂ€ĂŸig einige Zeit „erheben“ kann, ohne jedoch die zugrundeliegenden Probleme und Konflikte zu beleuchten, geschweige zu lösen.

Von christlich-konservativer Seite wird ĂŒberdies der Einwand erhoben, daß Rogers Therapie auf einem unbiblischen und unrealistischen Menschenbild aufbaut, daß SĂŒnde, Schuld und persönliches Versagen ausgeklammert werden, daß die menschliche Willensfreiheit kaum zum Tragen kommt und daß tatsĂ€chliche Schuld aus dem Blickfeld gerĂ€t oder durch psychologische Floskeln und eine ausufernde Akzeptanz-Ideologie verdrĂ€ngt und verbrĂ€mt wird.

Daß diese Kritik durchaus berechtigt ist, mag folgendes Beispiel demonstrieren, das angesichts der monatelangen deutschen Debatte um Kindesmißbrauch und sexuelle Gewalt nicht „nur“ aufschlußreich, sondern ĂŒberdies auch aktuell ist:

In seinem 1987 im Frankfurter Fischer-Verlag erschienenen, gruppendynamisch orientierten Buch „Encounter-Gruppen – Das Erlebnis der menschlichen Begegnung“ entfaltet Rogers seine „GesprĂ€chstherapie“ auf der Gruppenebene und erlĂ€utert, wie wichtig die „Begegnungs-Gruppe“ fĂŒr das Erlernen von „Akzeptanz“ sei.

Auf der Buch-RĂŒckseite gibt sich der Fischer-Verlag euphorisch:

„Die Encounter-Gruppe ist eine der aufregendsten Erfahrungen unseres Jahrhunderts, ein bedeutender Schritt vorwĂ€rts auf dem Wege zu einer humaneren, freieren und demokratischeren Gesellschaft; ihr zum Durchbruch verholfen zu haben, ist das große Verdienst Carl R. Rogers.“

Zum „Durchbruch“ kam hierbei allerdings auch der Abbruch dessen, was unter Begriffen wie „Sittlichkeit“, „Ethos“ oder „Naturrecht“ gelĂ€ufig ist.

Nach Inzest-Vergewaltigung: „SchuldgefĂŒhle“ abtrainieren

Das bĂŒrgerliche Sittengesetz (von christlichen Prinzipien ganz zu schweigen) wird bei Rogers völlig seiner Verbindlichkeit beraubt, denn objektive MaßstĂ€be gibt es nicht, alles muß schließlich „akzeptiert“ werden – selbstverstĂ€ndlich auch Inzest und Vergewaltigung bzw. beides zusammen in einer Handlung.

Selbst bei perversen Verbrechen (diese sind bei den Betreffenden ein „wichtiger Aspekt seiner selbst“) gibt Rogers seine verstiegene und fehlgeleitete Ideologie einer allumfassenden „Akzeptanz“ nicht auf.

Hierzu der Beweis:

In seinem Buch „Encounter-Gruppen“ heißt es auf den Seiten 27 und 28 wörtlich: „Der Prozeß der Exploration ist nicht immer einfach und nicht immer ist die ganze Gruppe empfĂ€nglich fĂŒr derartige SelbstenthĂŒllungen.

In einer Gruppe von jugendlichen Heimbewohnern, die alle in der einen oder anderen Weise in Schwierigkeiten geraten waren, eröffnet ein Junge einen wichtigen Aspekt seiner selbst und trifft damit sofort und gleichzeitig auf Akzeptierung und scharfe Ablehnung bei den ĂŒbrigen Gruppenmitgliedern.

George: Die Sache ist die, ich habe zu Hause zu viele Probleme. Ich glaube, ein paar von euch wissen, warum ich hier bin und weshalb ich verurteilt wurde.
Mary: Ich nicht.
Leiter: Willst du darĂŒber reden?
George : Naja – es ist irgendwie peinlich.
Carl : Komm schon, so schlimm kann es nicht sein.
George : Also, ich habe meine Schwester vergewaltigt. Das ist das einzige Problem, das ich zu Hause habe – und ich glaube, das habe ich bewĂ€ltigt. (Ziemlich lange Pause.)
Freda: Das ist ja grausam.
Mary : Jeder hat seine Schwierigkeiten, Freda. Ich meine, du weißt doch schließlich….
Freda : Ja, natĂŒrlich, aber trotzdem!!!
Leiter (zu Freda): Du kennst solche Probleme, aber trotzdem erscheinen sie dir grausam.
George: Ich habs ja gesagt. Es ist peinlich, darĂŒber zu reden.
Mary: Ja, aber es ist gut so.
George : Es tut weh, darĂŒber zu reden, aber ich weiß, daß ich es tun muß, wenn ich nicht fĂŒr den Rest meines Lebens mit SchuldgefĂŒhlen herumlaufen
will.“

Soweit die aufschlußreiche Darstellung einer Gruppensitzung. Letztlich steht nicht der ÜbeltĂ€ter und seine Untat am Pranger, sondern Freda, da sie sich weigert, hierzu eine „akzeptierende“ Haltung einzunehmen.

Hingegen hat George sein „einziges Problem“ – eigenen Angaben zufolge – wohl durchaus „bewĂ€ltigt“. Ob seine vergewaltigte Schwester „es“ bewĂ€ltigt hat, spielt offenbar keine Rolle – weder fĂŒr ihn noch fĂŒr die anderen Gruppenteilnehmer: mit Ausnahme Fredas.

Sowohl der Leiter wie die Dame Mary versuchen, auf Freda einzuwirken, damit sie ihre moralisch geschockte Haltung ĂŒberwindet und sich in den verstĂ€ndnisvollen Kreis der „Akzeptierenden“ begibt. Schließlich will George durchaus nicht, wie er abschließend selber erklĂ€rt, „fĂŒr den Rest meines Lebens mit SchuldgefĂŒhlen herumlaufen“ – das wĂ€re doch zuviel verlangt….

Eben dieser Meinung ist offensichtlich auch Rogers, der große Therapeut der unbedingten und umfassenden Akzeptanz von allem und jedem (Verbrechen).

Direkt nach dem vorhin zitierten Gruppen-Dialog wĂŒrdigt er Mary, die ein „besonders tiefes Akzeptieren“ zeige, wogegen George von Freda „psychologisch ganz offensichtlich ausgeschlossen wird“ – wie bitter aber auch: “Freda schließt ihn psychologisch ganz offensichtlich völlig aus, wĂ€hrend Mary ein besonders tiefes Akzeptieren zeigt. George ist eindeutig entschlossen, das Risiko einzugehen.“

Wie „fortschrittlich“ also, daß es Encounter-Gruppen gibt, damit die therapeutisch unbedarften Fredas dieser Welt ihren moralischen „Tick“ abbauen – und Untaten aller Arten und Abarten sich einer „besonders tiefen Akzeptanz“ erfreuen dĂŒrfen.

Zugleich wird an diesem Beispiel anschaulich klar, daß Encounter-Gruppen und die gruppendynamische Bewegung insgesamt einen psychologischen „Religionsersatz“ darstellen:

Der TĂ€ter sucht nicht den Beichtvater auf, sondern die „Begegnungs-Gruppe“: was er von ihr will, ist im Grunde eine Absolution („ich will nicht fĂŒr den Rest meines Lebens mit SchuldgefĂŒhlen herumlaufen“). Die Gruppe soll ihm vermitteln: „Du bist o.k. so, wie Du bist.“

Erinnert dies nicht an christliche NĂ€chstenliebe und Barmherzigkeit, gar an das Sakrament der Beichte? Dies ist nur auf den ersten Blick der Fall, denn es handelt sich um einen Freispruch ohne Buße: Tugenden und sittliche Herausforderungen wie klare Selbsterkenntnis, wahrheitsgemĂ€ĂŸe Selbstanklage, Umkehr und Versuch einer Wiedergutmachung kommen nicht vor. Vielmehr werden unbußfertige SĂŒnder durch die Akzeptanz der Gruppe „absolviert“, furchtbare Verbrechen zu „Problemen“ verniedlicht, die der Betreffende angeblich bereits „bewĂ€ltigt“ hat – oder wohl doch nicht ganz, da er offensichtlich die „Absolution“ der Gruppe herbeisehnt. Zugleich wird es von der Gruppe her problematisiert, wenn jemand Untaten zutreffend beim Namen nennt (Freda: „Das ist ja grausam!“) und sich nicht mit dem TĂ€ter, sondern mit dem Opfer identifiziert und solidarisiert.

Abgesehen davon, daß weder eine „Encounter-Gruppe“ noch sonst eine irdische Einrichtung als gĂŒltige „Instanz“ fĂŒr eine moralische „Absolution“ fungieren kann, ist das „Freispruch-Verfahren“ frei nach Rogers „klientenzentrierter GesprĂ€chstherapie“ samt uferloser „Akzeptanz“ selbst unter rein psychologischen Gesichtspunkten völlig verfehlt – dies vor allem deshalb, weil es notwendigerweise „tĂ€terzentriert“ ist, statt den TĂ€ter zum Guten hin zu therapieren, was ohne Reue und Umkehr nicht möglich ist.

Felizitas KĂŒble, Leiterin des kath. KOMM-MIT-Jugendverlags in MĂŒnster

Quelle: „Kultur und Medien“, Internet-Zeitschrift der Aktion Kinder in Gefahr

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Freitag 19. November 2010 um 17:36 und abgelegt unter Seelsorge / Lebenshilfe, Theologie.