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Europa im Wettstreit der Religionen

Donnerstag 8. Februar 2007 von Albrecht Hauser


„Europa im Wettstreit der Religionen“. Der Islam – Anfrage und Herausforderung für die Kirche und Gesellschaft (1)

Ich freue mich sehr, heute Nachmittag hier unter ihnen zu sein, in diesem Kreis des Netzwerks bekennender Christen. In islamischen Ländern wäre es undenkbar, eine kulturelle, politische oder religiöse Veranstaltung zu eröffnen, ohne das Aufsagen einiger Verse aus dem Koran an den Anfang zu stellen. Ich erlaube mir daher, an den Anfang meines Vortrags zwei Bibelverse zu stellen, die sowohl die Nähe, als auch die Ferne des christlichen Glaubens zum Islam verdeutlichen.

In 2. Mose 20,1-2 ist zu lesen: “Ich bin der Herr dein Gott, du sollst keine anderen Götter neben mir haben.“ Ein Grundanliegen des jüdischen Glaubens, des christlichen Glaubens, aber auch des Islams ist, dass der Mensch nur den einen wahren und lebendigen Gott anbetet. Als Christen teilen wir dieses Anliegen, den einzigen wahren und lebendigen Gott anzubeten und ihm mit Leib und Leben zu gehören. Als zweites Wort, das auch mit einem „Ich bin“ beginnt, lese ich Johannes 11,25-26: “Ich bin die Auferstehung und das Leben“ sagt hier Jesus, „wer an mich glaubt der wird leben auch wenn er stirbt und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben.“

Zwischen diesem ersten „Ich bin“ und dem zweiten „Ich bin“ ist für uns Christen das Anliegen, Gott wirklich Gott sein zu lassen, nicht aufgelöst, sondern vielmehr bestätigt und vertieft. Wir glauben, dass sich der eine, wahre und lebendige Gott in Jesus Christus entschlüsselt und uns im Angesichte Jesu Christi das wahre Wesen der leidenden Liebe Gottes offenbart wird. Angesicht des Islam steht die Frage, ob Gott existiert, nicht im Raum, wohl aber die alles entscheidende Frage, wie wir Gott verstehen und wie sich der eine, wahre und lebendige Gott letztendlich offenbart hat, ja in welcher Beziehung er mit uns Menschen steht. Wenn Muslime und Christen über Gott reden, ist das Verständnis wie Gott ist und wie er sich offenbart so grundlegend verschieden, dass die Frage aufkommen kann, ob wir über den Gleichen reden.

Je mehr ich mich mit dem Islam und mit den Muslimen beschäftige, desto weniger würde ich behaupten den Islam erschöpfend zu kennen. Der Vater des schwäbischen Pietismus, Johann Albrecht Bengel, sagte einmal: „Beginnen sie niemals eine Diskussion ohne Sachkenntnis, ohne Liebe, ohne Notwendigkeit und ohne Gebet.“ Dieser weise Rat Albrecht Bengels ist mir im Blick auf den Islam sehr wichtig geworden. Denn im Islam begegnet uns eine Religion und eine Weltanschauung, die am Anfang des 21. Jahrhunderts zu Existenzfrage der Kirche, wie auch der freiheitlichen demokratischen Werteordnung westlicher Länder geworden ist. Der Islam ist eine theologische, eine missionarische, eine geistliche, wie auch politische und ideologische Herausforderung. Diese Herausforderung wird in den nächsten Jahren nicht abnehmen, sondern eher zunehmen. Denn alle Ideologien haben die Tendenz ihre Ziele zu verschleiern, kritisches Denken und Hinterfragen zu blockieren und Angst zu verbreiten.

In der Begegnung mit Menschen anderen Glaubens versuche ich als Christ aber immer drei Regeln zu beachten:

  1. Sei fair und gehe wissenschaftlich vom Selbstverständnis des Gegenüber aus, so dass sich der Muslim verstanden weiß, wenn ich über ihn rede; auch wenn er es nicht akzeptieren sollte, was ich über seinen Glauben aussage. Dabei gilt es zu beachten, niemals nur die negativen Aspekte einer Religion mit den Idealen seines eigenen Glaubens zu vergleichen.
  2. Sei empfindsam und barmherzig mit dem einzelnen Menschen. Es ist zu unterscheiden zwischen der Religion als System und dem einzelnen Menschen in diesem System. Ich habe über die Jahre in der Begegnung mit Menschen anderen Glaubens auch sehr viel Zwischenmenschlichkeit erfahren, die mein Leben bereichert hat.
  3. Sei als Christ im Umgang mit Andersgläubigen bemüht, Jesus Christus gegenüber immer die Treue zu halten; auch wenn der Zeitgeist suggerieren sollte, dass der christliche Glaube ja nur eine Spielart des Religiösen sei.

Die Begegnung mit Andersgläubigen kann immer auch eine potentielle Konfrontation beinhalten, denn es begegnen sich Menschen mit verschiedenen Interessen und Loyalitäten. Die Treue zu Jesus Christus macht mich als Christ aber nicht intolerant, wie manche unserer Zeitgenossen meinen zu glauben, sondern ich erhalte in und aus dieser Treue zu Jesus Christus die Toleranz des langen Atem Gottes, der diese Welt in all seiner Unfertigkeit – einschließlich meiner eigenen Unfertigkeit – trägt bis zum Ziel.

In der Beschäftigung mit dem Thema Islam geht es mir weder um ein „Wunschbild Islam“, noch um ein „Feindbild Islam“, sondern um ein sachlich differenziertes Verständnis des real-existierenden Islams in Geschichte und Gegenwart und das Ernstnehmen der uns durch den Islam gestellten Herausforderungen und Anfragen.

In der Begegnung mit dem Islam haben wir es eben nicht nur mit Menschen anderen Glaubens zu tun, die sich mit etwas gutem Willen leicht in einer multikulturellen Gesellschaft integrieren lassen, sondern auch mit einer religionspolitischen Ideologie, die diesem Integrationswillen zäh entgegen steht und der freiheitlichen demokratischen Werteordnung westlicher Demokratien, die islamische Scharia als letztgültige Rechtleitung entgegenstellt. Da der klassische Islam keine Trennung von Religion und Staat kennt und sich der Islam eine Erneuerung aus seiner Rückbesinnung auf seine geschichtlichen Wurzeln erhofft und zum Teil ja auch gewinnt, können wir natürlich den europäischen Kontext nicht losgelöst vom globalen Kontext sehen. Die Frage ist nämlich nicht, wie wir Westeuropäer den Islam definieren, sondern wie der Islam sich selbst versteht und definiert. Diese Definition geschieht aber weder in Berlin, noch in Brüssel, sondern in den Herzzentren der islamischen Umma, der weltweiten islamischen Gemeinde, nämlich in Mekka, Medina, der Al Azhar in Kairo und in Qum/Iran, und zunehmend natürlich auch durch entsprechende Internetseiten und Sender wie „Al Jazira“. Die religiösen Zentren und Denkfabriken der islamischen Welt liegen also nicht in Europa. Wohl aber befinden sich deren Vertreter und Meinungsbildner unter uns und sie haben schon längst die Islamisierung des Westens auf ihre Tagesordnung geschrieben.

Wenn ich über den Islam und über Muslime spreche, möchte ich nochmals klarstellen und auch betonen, dass ich zwischen den einzelnen muslimischen Mitmenschen und dem Islam als Religion differenziere. Aber der Islam als Religion kann nicht losgelöst von dem schon in seinen Anfängen vorhandenen religionspolitischen Willen gesehen werden; er ist eine Religion mit einem universalen, theokratischen und auch zum Teil totalitären Anspruch. Der einzelne Muslim muss natürlich nicht Träger dieses Anspruchs sein, denn dieses entscheidet sich daran, in wie weit er seinen Glauben kennt und sich von ihm in Pflicht genommen weiß. Ich sehe also in dem einzelnen Muslim nicht gleich den Vertreter des ganzen Islams. Achte aber auf die Aussagen der islamischen Meinungsbildner und gebe mich mit den von ihnen geäußerten Halbwahrheiten und Behauptungen, alle Religionen wollten ja nur den Frieden, nicht zufrieden.

Es gibt natürlich nicht den Muslim, wie es auch nicht den Christen gibt. Da gibt es fromme Muslime, die den ganzen Koran auswendig aufsagen können, (das wäre so wie wenn ihr Pfarrer oder ihr Prediger das neue Testament in der griechischen Sprache auswendig könnte) und dann gibt es andere, die sich eher zum Volks- oder Kulturislam zählen. Viele sind darunter, die kaum in die Moschee gehen, aber sich doch als Muslime bezeichnen würden. Es gibt natürlich auch viele sog. „Kulturmuslime“, die froh sind, wenn sie nicht ständig von der Moschee kontrolliert werden.

Das Wesen einer Religion und Ideologie wird aber nicht daran glaubhaft erkennbar, wo dieser „Glaube“ sich in der Minderheit befindet und um seine Anerkennung ringt, sondern da, wo diese Glaubensweise das Sagen hat und wie sie da mit Minderheiten, den nicht-muslimischen Minderheiten, in ihrem Land umgeht. Daran wird das Wesen einer Religion deutlich. Dies in einer zunehmend globalisierten Welt wahrzunehmen, ist das Gebot der Stunde. Da es im Islam im letzten Grunde noch keine Aufklärung gegeben hat und verschiedene Versuche diesbezüglich in der Geschichte immer wieder am Diktat des orthodoxen Islams gescheitert sind, ist es umso wichtiger, die Gestalt des Islams in Geschichte und Gegenwart ernst zu nehmen und sich weder durch Angst noch durch political correctness in eine Position der „schweigenden Selbstzensur“ drängen zu lassen, die der Islam selbstverständlich von allen Nichtmuslimen erwartet. Ein führender Geistlicher in der Türkei hat letzte Woche behauptet: „Wer den Islam kritisiert, gefährdet den Weltfrieden!“(2) Soweit ist es also gekommen. Nun, ich hoffe, dass unser geistliches und geistiges Rückrat stark genug ist, sich diesem Diktat nicht zu unterstellen.

Wenn wir uns also mit dem heutigen Thema beschäftigen, gilt es besonders aufmerksam zu sein im Blick auf den so genannten Islamismus, nämlich den politischen Islam, der in der Rekonstruktion der frühen islamischen Umma (der weltweiten islamischen Gemeinschaft), seine Stärke sucht. Ihre Vertreter sagen, dass der Kommunismus und das Christentum versagt hätten und das 21. Jahrhundert dem Islam gehört. Ihre Parole lautet: „ Der Islam ist die Antwort.“

Eine deutsche muslimische Studentin hat bei einem Gespräch in einer Moschee, wo auch junge Vikare mit dabei waren, mit dem Imam ein Gespräch geführt. Sie fragte nach islamischen Richtlinien im Blick auf ihren Wunsch, politisch tätig zu sein; wie sie sich denn in einem Land verhalten soll, in dem die Scharia nicht Teil des Grundgesetztes sei. Die Antwort war eine Überlieferung Mohammeds, und ich zitiere frei: „Was du nicht mit Gewalt verändern kannst, das verändere durch bessere Argumente. Und was du auch nicht durch bessere Argumente verändern kannst, das verdamme in deinem Herzen“ Wo diese Grundhaltung zu hören ist, versteht es sich, warum wir zusehends einer Parallelgesellschaft, ja eigentlich einer Gegengesellschaft begegnen, die sich bewusst von der „sog. dekadenten Gesellschaft des Westens“ absondert und eine eigene islamische Identität anstrebt. Natürlich mit dem längerfristigen Ziel, dass in der Zivilgesetzgebung der europäischen Ländern die islamische Scharia berücksichtigt wird.

Das seit dem 11.9.2001 stark zugenommene Interesse an Information über den Islam wird natürlich auch durch den organisierten Islam in der Bundesrepublik und weltweit sehr gekonnt in PR Aktionen umgemünzt. So hat der organisierte Islam in der Bundesrepublik z.B. den dritten Oktober – den Tag der deutschen Einheit – mit dem Tag der offenen Moschee besetzt. Dies ist natürlich Teil der islamischen Missionsstrategie, die Da’wa genannt wird, nämlich das sich Einsetzen für den Islam. Die Da’wa (also der islamische Ruf zum wahren Glauben und die damit zusammenhängende Öffentlichkeitsarbeit) ist aber nicht primär das Bemühen, möglichst schnell viele Einzelbekehrungen zu erzielen, auch wenn dies natürlich logischerweise erwartet wird, sondern die Da’wa setzt eigentlich strategischer und struktureller an, nämlich sie beinhaltet den Versuch, die Institutionen und Strukturen einer Gesellschaft so zu beeinflussen und zu verändern, dass dadurch die Rahmenbedingungen für die Muslime nachhaltig verbessert werden und eine Gesellschaft sich mit islamischen Tagesordnungspunkten beschäftigen muss. Man denkt dabei strategisch und handelt vernetzt, wobei es auch um Macht geht. Als vor einigen Jahren die Kultusministerin von Baden-Württemberg, Frau Annette Schavan, einer muslimischen Lehrerin mitteilte, sie könne nicht Beamtin werden, wenn sie das Kopftuch tragen wolle, hat der organisierte Islam in der BRD dies wohl als eine geschenkte Gelegenheit betrachtet, rechtliche Schritte einzuleiten und war sicherlich auch dankbar für die hohe Medienpräsenz.

Durch die islamische Da’wa möchten die Muslimen die Neutralität eines säkularen Staates gegenüber der Religion überwinden. Denn eine Gesellschaft sollte in ihren Grundstrukturen islamkonform sein, um nach islamischen Verständnis Unglaube und Unwissenheit zu überwinden. Es ist daher durchaus ein Teil der Da’wa-Strategie, wenn die islamische Führungsschicht und ihre Meinungsbildner dafür Sorge tragen, dass sich ein freiheitlicher demokratischer Staat und seine Gesellschaft, einschließlich der Gerichte und der Medien, mit möglichst vielen islamischen Themen und Tagesordnungspunkten beschäftigen. Nach diesem Verhalten sind eigentliche die Muslime sehr erfolgreich. Der sog. Kopftuchstreit muss durchaus auch in diesem Lichte gesehen werden, so auch die islamische Charta des Zentralrats der Muslime in Deutschland aus dem Jahre 2002. Diese Charta verschleiert in der Sprache, wie sehr sie vom islamischen Rechtsdenken geprägt ist. Wenn z.B. dort in §10 zu lesen ist. „Das islamische Recht verpflichte Muslime in der Diaspora, sich grundsätzlich an die lokale Rechtsordnung zu halten“. Aber was bedeutet hier nur „grundsätzlich“? Was nicht gesagt wird ist dies, dass die Scharia als islamisches Recht nach islamischem Verständnis eigentlich die übergeordnete Größe ist. (3)

Auf der Erde gibt es etwa 1,2 Milliarden Muslime und davon etwa 3,2 Mio. in der Bundesrepublik Deutschland. Manche reden heute schon von 3,5 Mio. Aber ich bin nicht ganz so sicher, ob diese Statistik so schnell wächst. In der Bundesrepublik sind es wohl mehr als 100 000 Personen, welche zum Islam übergetreten sind, davon natürlich auch viele Frauen, die einen Muslim geheiratet haben. Aber es gibt auch eine ganze Reihe von intellektuelle Personen, die Muslime geworden sind und die sich zum Teil auch durch Publikationen zu Wort melden. Ich denke hier z. B. an Murad Hofmann, Hadayatullah Hübsch oder Ahmad von Denffer, um nur wenige zu nennen. Wir können also den Islam nicht mehr länger nur als eine Ausländerfrage betrachten, zumal der Islam in Europa und auch in Deutschland die politischen und religiösen Karten unserer Gesellschaft neu mischen will.

Es wird viel von Integration gesprochen, doch was wird unter diesem Begriff eigentlich verstanden, wenn es um die Frage der kulturellen, sozialen und politischen Beheimatung der etwas mehr als 3 Mio. Muslime in der Bundesrepublik geht? Oft wird noch behauptet, dass die Gesellschaft und die Politik versagt hätten, da nicht genug darauf geachtet wurde, dass alle hier lebenden Ausländer die deutsche Sprache erlernen und unsere freiheitliche demokratische Gesellschaftsordnung akzeptieren. Dieses eher auf Assimilierung abzielende Immigrationsverständnis geht wohl stillschweigend davon aus, dass der Islam eine ähnlich gelagerte Religion sei wie das Christentum und es nur an unserer Überzeugungskraft liege und eine Frage der Zeit sei, dass die bei uns lebenden Muslime sich anpassen, da natürlich unsere westliche Gesellschaftsordnung ohnehin das Beste sei, was sich freiheitsliebende Menschen wünschen könnten. Was aber, wenn der Islam nicht nur eine Religion im herkömmlichen Sinne ist, sondern auch zuletzt und zugleich eine religionspolitische Ideologie, die sich durch einen anderen Wertekodex und eine globale Sendung definiert. Was aber, wenn die Repräsentanten des organisierten Islam in der Bundesrepublik darauf drängen, dass freiwillig oder durch Rechtsmittel für die hier lebenden Muslime Scharia-konforme Lebensräume und Gesetze erlassen werden und der Begriff „Integration“ letztendlich die Anpassung und Rücksichtnahme der Mehrheitsgesellschaft bedeutet, ja die Integration der islamischen Gebote in das deutsche Rechtssystem. Im Blick auf das richterliche Zugeständnis im Jahre 2002 betreffs des Schächtens, sagte nämlich Mehmed Sabri Erbakan, der damalige Vorsitzende der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs IGMG), und ich zitiere: „Das Bundesverfassungsgericht musste sich erstmals mit der Frage der Integration der islamischen Gebote in das deutsche Rechtssystem befassen.“ (4)

Das bedeutet also: je mehr Zugeständnisse gemacht werden, je höher ist die Tendenz in Richtung Parallelgesellschaft. Die freiheitliche demokratische Grundordnung wird durch dieses Verständnis von „Integration“ längerfristig subtil ausgehöhlt. Das selbstverständlich zugestandene Recht auf Unterschied, das natürlich auch Muslimen zugestanden werden muss, darf nicht zu der Annahme verleiten, man könnte sich dann auch unterschiedliches Recht erringen. Wo dies nämlich geschieht, wird über kurz oder lang eine Gegengesellschaft aufgebaut und unser Land „balkanisiert“.

Im Islam begegnet uns ein recht komplexes, nachchristliches Glaubenssystem, das sich seit seinen Anfängen als die letztgültige, alle anderen Glaubensweisen überbietende Religion versteht. Ansätze einer möglichen Aufklärung, wie schon gesagt, wurden in der Geschichte immer im Keim erstickt. Die sozio-politische Herausforderung des Islams liegt besonders in seinem Einheitsverständnis von Staat und Religion (Din wa Daula). Daher wird im Grunde die Loyalität zur islamischen Umma, also zur islamischen Nation, für einen gläubigen Muslim immer höher stehen als die Loyalität zu einer freiheitlichen demokratischen Regierung. Dies ändert sich auch nicht, wenn die demokratischen Spielregeln und die Sprache demokratischer Gepflogenheit beherrscht werden und die Mechanismen der politischen Korrektheit, die tatsächliche Herausforderung des Islams verschleiern.

Das Problem wird auch dadurch nicht aus der Welt geschafft, indem man ein Konstrukt macht, hier der gut integrierbare Islam und dort der Islamismus, als ob Wasser nichts mit Regen zu tun hätte. Natürlich gibt es in der islamischen Geschichte wechselvolle Entwicklungen und auch verschiedene religiöse Ausprägungen. Dennoch wäre es ein Trugschluss zu glauben, dass der politische Islam eine zeitliche Randerscheinung und ein Missbrauch des wahren friedlichen Islams wäre. Die konservativen Muslime und Islamisten haben den Koran und die Hadith und die Sunna, nämlich Aussagen Mohammeds und sein Leben, mehr auf ihrer Seite als diejenigen, die einen dem Westen angepassten Islam herbeireden wollen. Die große Herausforderung und Tragik unserer Tage ist aber, dass der Zeitgeist suggeriert, der christliche Glaube sei eben nur eine Spielart des Religiösen. Für die Philosophen sind ohnehin alle Religionen falsch. Aber die Politiker könnten auf die Idee kommen, dass alle Religionen gleich brauchbar sind. Ich kann ihnen garantieren: die islamischen Meinungsbildner wissen, wie in der Politik gedacht wird und wie sie funktioniert und reagiert.

Der Islam ist eigentlich in der Auseinandersetzung mit dem jüdischen und christlichen Glauben im Anfang des 7. Jahrhunderts auf der saudi-arabischen Halbinsel entstanden. Diese Auseinandersetzung zieht sich wie ein roter Faden durch die ganze Geschichte bis in unsere Tage. Man kann beim Islam sehr wohl von einer nachchristlichen Religion sprechen. Das Bild einer Karawane steht im Raum, die durch die Wüste zieht. Die Religionen sind alle nach einander müde geworden und stehen geblieben. Das Judentum etwas früher als das Christentum, aber der Islam allein ist die Religion, die das Ganze zum Ziel bringt. Der Islam versteht sich auch nicht als eine Religion, die neu wäre, nein, sondern als die Religion des Ursprungs. Denn Adam und Abraham seien bereits Muslime gewesen. Hätten Mose und Jesus zur Zeit Mohammeds gelebt, wahrlich sie hätten sich unter Mohammed gestellt, ist die Meinung.(5) Da aber scheinbar die Juden und die Christen den Glauben korrumpiert haben, musste Allah Mohammed senden um uns alle auf den Pfad der Scharia, der göttlichen Gebote, zurückzuführen. Weil der Islam sich aus islamischer Sicht als die Uroffenbarung versteht, die alle vorherigen Glaubensweisen korrigiert, ist es daher logisch dass vor einigen Jahren in Qum, im Iran, ein Buch erschienen ist mit dem Titel „Christentum“ (Masihat). Hier wurde unverfroren behauptet, dass die Christen sich den Quellen des Islams zuwenden müssten, wenn sie den verborgenen oder verschütteten Jesus der Bibel kennenlernen wollten. Muslime haben also eine vorgefasste Meinung auch über den christlichen Glauben, und über die zentralsten christlichen Glaubensaussagen. Jesus ist im Koran nicht der Unbekannte, sondern eigentlich der Verkannte, der von Mohammed in den Dienst gestellt wird, um das Kommen Mohammeds vorzubereiten und auf ihn hinzuweisen. Dieses überlegene Selbstbewusstsein der Muslime ist natürlich im Koran begründet. Da lesen wir z.B. in Sure 3,110 und ich zitiere: „Ihr (Gläubigen) seid die beste Gemeinschaft, die unter den Menschen entstanden ist (wörtlich: die den Menschen hervorgebracht worden ist). Ihr gebietet, was recht ist, verbietet was verwerflich ist, und glaubt an Gott. Wenn die Leute der Schrift (ebenfalls) (gemeint sind hier Juden und Christen) glauben würden (wie ihr), wäre es besser für sie. Es gibt (zwar) Gläubige unter ihnen. Aber die meisten von ihnen sind Frevler.“ (Übersetzung von Rudi Paret) Yusuf Ali kommentiert in seiner Übersetzung zu dieser Stelle folgendes, und ich zitiere: “Die Leute der Schrift, hätten sie den Glauben, wären sie Muslime, denn sie sind für den Islam vorbereitet. Leider gibt es unter ihnen Unglauben, aber dies kann denjenigen, welche das Banner des Glaubens hochhalten und für das Recht eintreten, niemals Schaden zufügen. Denn dieser Pfad muss immer siegreich sein.“ (6)

Der Islam ist also eine Religion, die sich als die letztgültige, alle anderen Glaubensweisen überbietende Religion versteht. Die Gleichheit der sog. abrahamitischen Religionen akzeptiert der Islam nicht, sondern alle vorherigen Glaubensweisen werden als zeitbedingt und sinnentleert angesehen, auch die sog. Buchreligionen, also Judentum und Christentum.(7) Sie haben höchstens noch vor Allah ein Duldungsrecht. Im Blick auf den Religionswechsel ist der Islam eine „Einbahnstrasse“, denn der Abfall vom Islam ist in allen vier Rechtsschulen ein todeswürdiges Verbrechen. Daher sind Muslime der christlichen Mission gegenüber äußert skeptisch und ablehnend, da sie die Mission in der gleichen Kategorie der Kardinalssünden sehen wie die Kreuzzüge und die Kolonialzeit.(8)

Alle Religionen sind auf der einen Seite der Ausdruck der menschlichen Sehnsucht nach Gott; der Suche des Menschen nach Heil. Auf der anderen Seite liegt im Religiösen natürlich immer die Gefahr und das Dilemma, dass der Mensch auf seiner religiösen Suche sich gleichzeitig gegen Gott verschanzt und sich mit seinen eigenen Vorstellungen über Gott zufrieden gibt. In diesem Sinn ist natürlich Jesus Christus das Ende der Religion, weil in ihm Gott Mensch wurde und Gott sein wahres Gesicht der Liebe zeigt. Im Islam übrigens offenbart Gott sein Wesen gar nicht, – er bleibt der ewig Verborgene – sondern er lässt uns Menschen nur seinen Willen kund werden durch Mohammed. Gott ist im Islam nicht leidensfähig. Und dass Gott Mensch werden könnte, ist natürlich eine Blasphemie im islamischen Verständnis. Islam bedeutet: Unterwerfung und Auslieferung an den Willen Allahs und zwar wie dieser Wille durch Mohammed kundgetan wurde. Das Wort „Islam“ bedeutet Auslieferung, sich völlig in die Hand Allahs ausliefern und seinen Willen abgeben an ihn. Im Gespräch mit Muslimen begegnet uns manchmal die Bemerkung, dass Islam „Frieden“ bedeutet. Das Wort „Islam“ bedeutet aber nicht Frieden. Natürlich ist jedem Menschen die Friedenssehnsucht ins Herz gegeben und auch Muslime grüßen mit „Asalam aleikum“ (= der Friede Allahs sei mit dir). Im subjektiven Sinne ist Islam natürlich „Frieden“, denn wenn alle Menschen Muslime geworden sind, dann ist endlich Frieden eingetreten. Die Friedensstörer sind immer die anderen, die sich weigern, den logischen Frieden des Islams zu akzeptieren. Aber das ist natürlich die Grundhaltung einer Ideologie.

Es gibt innerhalb des Korans Verse, die den Rückschluss zulassen, dass Mohammed am Anfang seines Wirkens eine eher positive Haltung gegenüber Juden und Christen hatte. Er hat wohl erwartet, dass sie ihn als Propheten anerkennen. Die späteren Verse in seinem Wirken sind dann die Verse, die sehr stark auf Abgrenzung abzielen und sehr den Djihad, d. h. den kriegerischen Einsatz für Allah, in den Vordergrund stellen, nämlich das Kämpfen auf dem Wege Allahs. In Gesprächen mit Muslimen werden gerne diese friedlichen Verse vorangestellt. Was dabei aber oft nicht zur Sprache kommt ist der Auslegungsgrundsatz von „Nasikh wa Mansukh“. Das heißt, wenn innerhalb des Korans Aussagen im Konflikt miteinander stehen, haben die später offenbarten Verse die Gültigkeit und die früheren Verse gelten als aufgehoben. Dies ist das Auslegungsprinzip „Nasikh wa Mansukh“, bei dem, gerade oft die „milderen“ Koranverse durch die späteren aufgehoben sind; z.B. durch den Schwertvers in Sure 9,5, in dem der Aufruf zum Töten von Ungläubigen durchaus koranisch legitimiert ist. Solange aber islamische Geistliche, die Mullahs und die Scheichs, die Selbstmordattentäter als Märtyrer bezeichnen und Konvertiten weiterhin brutal verfolgt werden, ist es schwer, an einen „friedlichen Islam“ zu glauben.

Natürlich hat der Islam viele Gesichter, je nachdem wie hoch sein Anteil in der Bevölkerung ist. Das gibt es das „kooperative Gesicht“, nämlich meistens da, wo sich die Muslime in der Minderheit befinden. Dann gibt es auch ein „intolerantes Gesicht“ des Islam, nämlich immer da, wo die Muslime das absolute Sagen haben und daher alle Nichtmuslime wie zweitklass Bürger im eigenen Land behandelt werden. Nichtmuslime haben weniger Rechte, weil sie die „Schutzbefohlenen“ sind und als Nichtmuslime eine marginalisierte „Unterklasse“ bilden. Wo aber die Bevölkerungszahl der Muslime gegenüber Nichtmuslimen sich in einem Gebiet die Wage hält, hat der Islam in unseren Tagen gerne ein „konfliktgeladenes Gesicht“. Dies trifft z. B. zu in Nigeria, wo es im mittleren Teil des Landes etwa 40-45% Christen und ebenso ca. 40-45% Muslime gibt. Hier werden bewusst Konflikte ausgelöst, um an die Macht zu kommen. So wurde in Nigeria in zwölf Bundesstaaten die Scharia eingeführt, obwohl dies gegen die Verfassung des Gesamtlandes ist. Es gibt noch andere Länder, in denen nach der Scharia gerufen wird, und in denen dann oft gerade die Minderheiten, selbst wenn es große Minderheiten sind, enorm zu leiden haben. Es gibt eine Hadith, die praktisch alle Muslime kennen: „Der Islam herrscht und wird nicht beherrscht“. Eine weitere Aussage Mohammeds besagt, dass der Islam zu alle Zeiten und allen Orten die gleiche Gültigkeit hat. Das heißt im Klartext, dass nicht die Religion, sondern der Mensch sich ändern muss, um islamkonform zu werden. Das ist das Argument der Islamisten und des orthodoxen Islams gegen alle diejenigen, die „Neuerungen“ einführen wollen. Man wehrt sich innerhalb der islamischen Welt gegen eine historische Lesart des Korans und gegen eine historisch-kritische Betrachtung der Aussagen Mohammeds. Diese Ansätze werden blockiert und Personen, die hier eine Neuerung einführen wollen, werden oft massiv bedroht.(9)

Das größte Anliegen des Islams ist, als monotheistische Religion, die Einheit Allahs zu bewahren. Diese Haltung ist so zentral, dass alles was die Einheit Allahs (Tauhid) gefährdet, eine unvergebbare Sünde ist. Deswegen werden wir Christen in den Augen der Muslime gerne beschuldigt, durch die Trinität an mehrere „Götter“ glauben. Nach islamischen Vorstellungen ist die Trinität ohnehin durch Paulus und Athanasius aus heidnischen Quellen in den christlichen Glauben eingeführt worden. Je länger ich aber als Christ unter Muslimen lebte, je bedeutender wurde für mich die Trinität; sie ist zentralstes christliches Glaubensgut. Daher ist es entscheidend, dass wir in der Begegnung mit Muslimen wieder ganz neu unseren eigenen Glauben entdecken und nicht meinen, wir müssten anfangen unseren Glauben ihnen gegenüber anzupassen und zu redigieren.

Im Islam gibt es eine absolute Transzendenz. Allah zeigt sich nicht. Natürlich wird das im Volksislam zum Teil zu überwinden versucht. Aber weil Gott eins ist und die Religion eins ist, ist natürlich die Sendung des Islams von absoluter Dringlichkeit. Die Welt wird daher in zwei Bereiche eingeteilt:

In Dar-al-Islam, der Raum und das Gebiet wo der Islam das Sagen hat.

In Dar-al-Harb, das „Haus des Krieges“ oder das Gebiet, wo es den Islam auszubreiten gilt.

In Zeiten des Friedens, deren Bedingungen durch einen Vertrag festgelegt werden können, werden manchmal nichtmuslimische Gebiete als Dar-al-Ahad, sozusagen als Haus des Vertrags, deklariert. Oder dort, wo es einen Friedenschluss gibt, wird von Dar-al-Sul gesprochen. Aber diese Verträge mit Ungläubigen sind immer zeitbedingt und gelten höchstens und solange es dem Islam dient, für zehn Jahre. Andere Rechtsschulen sagen, dass eine Hudna (Vertrag) nur zwei bis drei Jahre gelten darf. Das Endziel ist immer der Dar-al-Islam.

Das kurze Glaubensbekenntnis der Muslime ist daher Zusammenfassung, Auftrag und Programm zugleich: „Es gibt keinen Gott außer Allah und Mohammed ist sein Prophet“. Den ersten Teil des Glaubensbekenntnisses scheint Mohammed aus dem Judentum entlehnt zu haben. „Höre Israel, der Herr dein Gott ist ein einiger Gott“ Aber das Personhafte fehlt im Islam. Im Islam kann Allah nicht personhaft sein. Im letzten Grunde haben wir hier daher eher ein deistisches Gottesbild. Der zweite Teil des islamischen Glaubensbekenntnisses „…und Mohammed ist der Prophet Gottes“ ist sozusagen die islamische Legitimation Mohammeds in der Reihe der Propheten zu sein. Mohammed ist dabei im islamischen Verständnis der letztgültige Prophet, das Siegel aller Propheten. Der Abschluss der prophetischen Sendung, an dem sich alle vorherigen Propheten messen lassen müssen. Durch seine Person allein wird der letztgültige, zeitlose Wille Allahs für die ganze Menschheit definiert. Das ist die eine islamische Grundhaltung. Für Muslime ist das Leben Mohammeds normativ, sodass es nötig ist, um den Islam zu verstehen, auch das Leben Mohammeds zu studieren. Als Regel könnten wir als Christen aber festhalten, dass keine Religion über ihren Gründer hinauswächst. Hier aber können wir auch die Komplexität von Friedensbereitschaft und Konfliktbereitschaft verankert sehen.

Jesus wird im Koran eine Vorreiterrolle für das Kommen Mohammeds zugespielt. In der Moschee in Pforzheim ist in der Kuppel die Sure 61 geschrieben, in der Jesus in den Mund gelegt wird, dass Mohammed kommt. Als nach islamischer Vorstellung Mohammed im Paradies einen Besuch macht, ist er im zweiten Himmel Jesus, seinem Vetter, begegnet. (Hier wird wohl auch deutlich, wie der christliche Glaube eingestuft wird.) Im sechsten Himmel ist Mohammed dann Moses und im siebten Himmel seinem Vater Abraham begegnet. Er durfte dann noch ein bisschen weiter gehen – zwei Bogenschusslängen – bis vor Allah. Nach islamischer Sicht wird Jesus, wenn er wieder kommen wird, sich unter die Scharia stellen, die Kreuze zerbrechen und die Schweine töten. Er wird dann auch heiraten und vierzig Jahre lang den Islam predigen. Und dann ist der Platz für sein Grab zwischen Fatima und Mohammed bereitgestellt.(10) So lässt sich dann auch verstehen, wenn Mutawakil – der frühere Außenminister der Taliban – eine Pressekonferenz mit dem Satz abgeschlossen hat: „Wir enden nun diese Pressekonferenz mit der Aussage: Preis sei Jesus Christus der einmal als Muslim kommen wird und der dann den Lehren des Islams folgen wird.“(11) Die deutsche Presse hat dies m. W. nicht gebracht, ich habe diese Aussage Mutawakils in der New York Times gelesen.

Es ist dem Islam wesensfremd, die Gleichheit der monotheistischen Religionen anzuerkennen. Sie haben also höchstens Duldungsrecht. (12)

Dass daher eine in der europäischen Union sich integrierende Türkei mäßigend auf radikalisierende Entwicklungen in der übrigen islamischen Welt Einfluss nehmen könnte, ist kaum zu erwarten. Zu erwarten aber ist vielmehr, dass die Türkei sich für die Rechte der Muslime in Europa einsetzen wird. Dies würde aber bedeuten, dass die islamische Lobby für Europa auch islamkonforme Rahmenbedingungen und Gesetze anstreben würde. Dies würde weder die freiheitlichen säkularen Kräfte in der Türkei, noch in ganz Europa fördern, sondern dies würde meines Erachtens eine wirkliche europäische Integration blockieren und eher mithelfen, kulturelle und religiöse Konflikte zu vertiefen. Ich hoffe und bete, dass wir die grundlegenden Werte und Normen unserer freiheitlichen demokratischen Grundordnung nicht durch eine falsch verstandene Toleranz verschleudern, noch durch politischen Pragmatismus aufs Spiel setzen, sondern uns immer neu auf die jüdisch-christlichen Wurzeln unserer Abendländischen Kultur besinnen und darauf achten, dass weder der islamistische Terror noch der politische Islam, weder linke noch rechte Ideologien, unsere Verfassung aushöhlen. Die europäische Staatengemeinschaft hat dafür Sorge zu tragen, ein Haus zu werden, indem die Würde des Menschen geachtet, wie auch die universalen Menschenrechte, einschließlich der Religions- und Gewissensfreiheit, im vollen Umfang bewahrt und erhalten bleiben.(13)

Noch kurz einige abschließende Gedanken: Im Islam begegnet uns aus christlicher Sicht eine verkürzte und umgepolte Christologie. Wenn dann aber ein gewisser P. Schwarzenau in seiner „Korankunde für Christen“(14) den Islam als ein Geschenk ansieht, der uns wieder die frühen juden-christlichen und gnostischen Quellen, welche die frühe Christenheit aus dem Kanon der Schrift ausgeschieden hatte, zugänglich macht, dann können Sie ahnen, dass die sozio-politische und die theologische Herausforderung des Islams uns im Westen eigentlich erst noch bevorsteht und die Frage einer wirklich christlichen Theologie gegenüber den Religionen durch innerchristliche Pluralität noch zunehmend erschwert wird. Nach islamischer Glaubenslehre ist der Mensch im Kern gut, er ist dabei auch sein eigener Erlöser. Und hier stehen wir vor der Herausforderung, unseren christlichen Glauben fröhlich zu bekennen, warum wir Christen sind und auch angesichts des Islams gerne Christen bleiben wollen, ja uns sogar freuen, wenn Muslime zum Glauben an Jesus Christus kommen.

Die Auseinandersetzung und Begegnung zwischen Christen und Muslimen, kann natürlich nicht auf dem Kampfplatz: hier Bibel – da Koran stattfinden. Es geht also nicht in erster Linie um ein Vergleichen der Religionen. In der Begegnung zwischen Christen und Muslimen muss uns das gemeinsame Menschsein bewusst werden und darf uns nicht verloren gehen. Ich sehe im einzelnen Muslimen, dem ich begegne, nicht primär den Vertreter einer Religion, sondern einen Mitmenschen, geschaffen vom Vater, erlöst durch den Sohn und umworben durch den heiligen Geist, der Menschen immer wieder die Augen öffnen will für Jesus Christus. Gott kann und will alle Menschen erlösen. Wir haben aber die Verantwortung, das Evangelium zu verkündigen. Gott hat dem Menschen die Ewigkeit ins Herz gelegt, also dieses Verlangen, das Augustin beschrieb: Unser Herz ist unruhig, bis dass es Ruhe findet in Gott. Jesus Christus bleibt die Antwort auf das Suchen und Sehnen der Menschen; er ist der Erlöser der Welt. Der Islam hat aus christlicher Sicht ein zu optimistisches Menschenbild und ein verkürztes Heilsverständnis. Im Islam ist der Mensch ein zutiefst auf sich Gestellter, der trotz aller Bemühungen um Rechtleitung doch keine letzte Heilsgewissheit kennt. Im Volksislam und in der islamischen Mystik wird dies dann überspielt. In der Begegnung mit Christen sollten Muslime daher verspüren, dass das Evangelium nicht ein philosophisches Gedankensystem über Gott ist, sondern die heilvolle Selbstoffenbarung Gottes in Jesus Christus. Und hier hat Franz von Assisi einmal gesagt: „Zu evangelisieren und zu predigen ist nichts anderes als sich so zu benehmen dass die Personen fragend und suchend werden. Und dann auch finden, indem der Person Freundschaft zuteil wird und sie hinein genommen wird in die Liebe Gottes, offenbart in Jesus Christus.“(15) Und so ist die Herausforderung des Islams zunächst eine Anfrage und Herausforderung an uns als Christen: Nämlich Rechenschaft abzulegen über die Hoffnung, die uns trägt.

Eine afghanische Studentin hat sich vor einigen Jahren taufen lassen und hat einige ihrer deutschen Mitstudenten am Sonntagmorgen in die Kirche „geschleppt“. Auf dem Weg nach Hause, so erzählte sie, haben ihre deutschen Mitstudenten viele Fragen gestellt, warum ausgerechnet sie als ehemalige Muslimin Christ geworden sei. Dies war für die afghanische Studentin befremdlich und sie gewann den Eindruck, dass einige nicht wussten, warum sie Christen sind und was sie am christlichen Glauben haben. Auf die Frage, warum sie Christ geworden ist, hat sie geantwortet: „Wenn man Menschen begegnet, die Jesus Christus lieb haben, möchte man diesen Herrn auch kennen lernen. Darum bin ich Christ geworden.“ Hier liegt meines Erachtens die Herausforderungen. Auf der einen Seite begegnen wir im Islam einer Ideologie, die den christlichen Glauben als überholt ablehnt. Auf der anderen Seite begegnen wir aber auch Menschen, die erlösungsbedürftig und erlösungswürdig sind. Und wer ist hierzu tüchtig, den Weg zu zeigen zu dem, der das Heil ist: Jesus Christus, unser Herr.

Anmerkungen

1 Vortrag bei der Jahreskonferenz des Netzwerkes bekennender Christen – Pfalz (NbC) am 4. November 2006 in Speyer.

2 Associated Press, Ankara, Nov. 1st, 2006: Cleric: Criticizing Islam Threatens Peace

3 EZW Texte 180, Ulrich Dehn (HG.) Islam in Deutschland – quo vadis, Evang. Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, Berlin 2005. Hier besonders der Artikel: Rainer Glagow, Die Islamische Charta des Zentralrats der Muslime – Eine kritische Wertung, S. 28ff

4 Yassin Musharbash, Mittwoch 16.01 2002 aus Internet: http://www.islam.de (Webseite des Zentralrats der Muslime) gelesen am 24.01.02. Der lesenswerte Artikel endet mit der Schlussbemerkung: “Nicht alle Fragen des Zusammenlebens zwischen Muslimen und Nichtmuslimen werden so einfach zu lösen sein wie der Streit um das Schächten. Im Falle des Islamunterrichts etwa liegen die Hürden höher. Aber Islamisten rekrutieren ihre Anhänger aus der Menge jener, denen sie einreden, ein wahres islamisches Leben in Deutschland sei unmöglich. Beim Symbol beladenen Schächten hat sich das Gegenteil gezeigt.

5 F.A. Klein, The Religion of Islam, S. 76ff

6 Johan Bouman, Christen und Moslems, Glauben sie an einen Gott? Gemeinsamkeiten und Unterschiede, Brunnen Verlag, Gießen, 1993, S. 9

7 Unification of Religions, Fatwa Nr. 19402 vom 25. Muharram 1418H zur Frage der Stellung des Islams gegenüber den anderen sogenannten monotheitischen Religionen. Aus Internet http://isgkc/interfaith1.htm (Islamic Society of Greater Kansas), gelesen 18.12.2001 oder “Unification of Religions” unter http://www.islaam.com (Article http://www.islaam.com/Article.asp?id=273 ) gelesen 18.12.2001

8 Siehe hierzu Artikel in „Muslimische Review, Soest, 1995, Heft 4: „Mohammedaner“ – Mission, S. 243 „Nun scheint der im Neuen Testament überlieferte Missionsbefehl zwischenzeitlich auch in kirchlichen Kreisen umstritten zu sein, zumindest aber die Methode, mit der er in der Vergangenheit ausgefüllt worden ist. Gleichwohl gilt, dass der Missionsbefehl zum Wesen des Christentums gehört. Das Christentum würde, wollte es auf den Missionsbefehl verzichten, seinen prägenden Charakter verlieren. Und dennoch würden Moslems oder islamische Organisationen unaufrichtig handeln, wenn sie, um das Wohlwollen kirchlicher Kreise zu erlangen, vergessen, das Ende der christlichen Islammission zu verlangen. Der Koran macht die Möglichkeit des Dialogs von der Erfüllung dieser Forderung abhängig.“

9 Neue Zürcher Zeitung, Online, 9. September 2005: Realität oder traurige Farce, Ein arabischer Denker widerruft seine Thesen.

10 Aluma Dankowitz, Accusing Muslim Intellectuals of Apostasie, MEMRI, Inquiry and Analysis, 18. Februar 2005

11 F.A. Klein, The Religion of Islam, S. 89; S.M. Zwemer, Islam, A Challenge to Faith, New York, 1907, S. 94; S.M. Zwemer, Arabia, The Cradle of Islam. S.49

12 Afghans Present Aid Team’s Sins, Complete with Theology Lesson, by Barry Bearak, The New York Times, Sept. 07.2001. Im Internet gelesen am: 10.01.01

siehe Fatwa No. 19402, 25. Muharram 1418H, The Presidency of Islamic Research and Ifta (Verdict) President Abdul-Aziz Ibn Baz. Hier handelt es sich um ein Rechtsgutachten des juristischen Ständigen Ausschusses in Saudi Arabien. Die Fatwa ist eine Abwehr gehen die „Vereinnahmung“ des Islam in einer „Ökumene abrahamitischer Religionen“. Im folgenden wird zusammengefasst betont:

1. Grundlegend und allgemein anerkannt im Islam ist, dass alle vorherigen Religionen sinnentleert sind und nur der Islam die letztgültige Religion auf Erden ist, welche alle anderen Religionen abrogiert hat (Sure 3,85).

2. Der Koran hat alle vorherigen Heiligen Bücher, auch die ganze Bibel, abrogiert (Sure 5,48).

3. Die Bibel ist aus islamischer Sicht ein gefälschtes Buch (Sure 5,13).

4. Mohammed allein ist der letzte der Propheten und das Siegel aller Prophetie. Jesus und all die anderen Propheten, wären sie zur Zeit Mohammeds unter uns gewesen, hätten sie an Mohammed geglaubt. Wenn Jesus wiederkommt, wird er sich Mohammed und seiner Scharia unterstellen.

5. Juden und Christen, welche der Einladung, den Islam anzunehmen, nicht Folge leisten, müssen als Ungläubige bezeichnet werden. Die Scharia verlangt dies, um nicht selbst zu den Ungläubigen gezählt zu werden.

6. Der Unterschied zwischen der wahren Religion des Islam und anderen Religionen darf nicht verwischt werden. Religionen als Einheit zu verstehen ist als eine üble Machenschaft abzulehnen.

7. Wer zur Einheit der Religionen aufruft, will den Islam zerstören, denn Christen und Juden haben keinen Glauben, der vor Allah bestehen kann. Schon Sheikh Al-Islam Ibn Taymiyyah (1263 – 1328 n.Chr.) hat in seiner „Manjou Al Fatawa“, einer Sammlung islamischer Regeln, betont: „Kirchen und Synagogen sind keine Häuser Allahs, sondern Allahs Häuser sind nur die Moscheen. Im Gegenteil sind diese (Kirchen und Synagogen) die Häuser des Unglaubens, auch wenn dort der Name Allahs Erwähnung findet. Häuser müssen vom Glaubensbekenntnis der Menschen her verstanden werden. Diese Leute lehnen den letzten Propheten Allahs (Friede sei mit ihm) ab und daher sind sie Ungläubige (Kuffaar), daher sind ihre Gotteshäuser geweiht für die Praxis derer, die Ungläubige sind.“

Diese Fatwa endet mit einem Aufruf an alle Gläubigen und Gelehrten im Islam, sich im Dialog nicht von den Ungläubigen betören zu lassen.

Im Gespräch (April 1999) mit einem führenden Muslim in der BRD, der sich sehr Dialogbereit zu verstehen gibt, wurde mir versichert, dass Rechtsgutachten vom Ständigen Ausschuss für Rechtsangelegenheiten in Saudi-Arabien, deren Präsident Sheikh bin Baz bis zu seinem Tode im Herbst 1999 war, als die höchste Autorität für Rechtsangelegenheiten im sunnitischen Islam zu verstehen sind.

13 Albrecht Hauser, Wirklich kein Zwang im Glauben? Religionsfreiheit und Menschenrecht aus islamischer Sicht – eine theologische Betrachtungsweise, Sonderdruck Nr. 7, Institut für Islamfragen, Bonn 2006, siehe: www.islaminstitut.de

14 Paul Schwarzenau, Korankunde für Christen, Kreuzverlag, 1982, S.115ff

15 Seelsorgerlicher Brief von Bernardo G. Gremoli O.F.M Cap. In an „Encounter“ – Circular Letter

Vortrag beim Netzwerk bekennender Christen in der Pfalz am 4.11.2006

Albrecht Hauser ist Pfarrer und Kirchenrat i.R. der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Er war bis Januar 2004 für nahezu 20 Jahre als Fachreferent für Mission und als Geschäftsführer der Württembergischen Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Weltmission und des Landeskirchlichen Arbeitskreises für Islamfragen tätig. Zusammen mit seiner Frau und seinen drei inzwischen erwachsenen Kindern lebte er von 1962 bis 1980 in den islamisch geprägten Ländern Pakistan und Afghanistan. Seit langem beschäftigt er sich intensiv mit dem Islam, sowie mit der Situation christlicher Minderheiten in islamischen Ländern. Er ist Mitbegründer des Instituts für Islamfragen und der Vorsitzende des Islam Arbeitskreises der Deutschen Evangelischen Allianz.

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Donnerstag 8. Februar 2007 um 20:27 und abgelegt unter Theologie, Weltreligionen.