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Evangelische Kirche hat sich arrangiert

Mittwoch 18. August 2010 von Dr. Joachim Cochlovius


Dr. Joachim Cochlovius

Evangelische Kirche hat sich arrangiert

Das Urteil des Bundesgerichtshofs vom 6. Juli 2010, dass die PrĂ€implantationsdiagnostik (PID) zur Entdeckung schwerer genetischer SchĂ€den des extrakorporal erzeugten Embryos nicht strafbar sei (Pressestelle des BGH Nr. 137/2010), sehen Kritiker als Beginn „einer neuen Zeitrechnung der Fortpflanzungsmedizin in Deutschland
weg vom bisherigen Schutzgedanken, hin zu selektiver WillkĂŒr, die menschliches Leben den Wunschvorstellungen seiner Erzeuger“ opfert (Weihbischof A. Losinger, Augsburg, Mitglied des Deutschen Ethikrates). Was ist dran an dieser Kritik, oder anders gefragt, lĂ€ĂŸt sich die PID ĂŒberhaupt mit dem christliche Ethos vereinbaren?

Stellen wir uns das Verfahren kurz vor Augen. Bei der PID versucht man durch Entnahme einer Zelle von einem „in vitro“, also im Reagenzglas erzeugten Embryo Erbkrankheiten oder AuffĂ€lligkeiten im Chromosomenbestand zu finden, und zwar bevor er in die GebĂ€rmutter eingepflanzt wird. Ist der Befund positiv, lĂ€ĂŸt man den Embryo absterben oder tiefgefrieren, werden keine AuffĂ€lligkeiten gefunden, wird er in die GebĂ€rmutter eingesetzt.

Vom christlichen Menschenbild her gesehen, brechen hier und ĂŒberhaupt an der modernen Fortpflanzungsmedizin viele Fragen auf: Ist es mit der dem Menschen von Gott verliehenen WĂŒrde (1 Mose 1,26) vereinbar, dass die Zeugung eines Menschen aus der personalen Vereinigung von Mann und Frau herausgenommen und in ein Reagenzglas verlagert wird? Welches Rechtsgut steht eigentlich höher, das unbedingte Lebensrecht jedes einzelnen Menschen, unabhĂ€ngig von seinem Alter und seinem gesundheitlichen Befund, oder das wissenschaftliche Interesse an der Erforschung von Erbkrankheiten bzw. das Interesse der Eltern an einem möglichst gesunden Kind?

Bis zum BGH-Urteil vom 6.7.10 konnte die Rechtslage zugunsten des Lebensschutzes ausgelegt werden. Das 1990 erlassene Embryonenschutzgesetz stand der Anwendung der PID in Deutschland entgegen. Zwar hatte sich schon 2003 der „Nationale Ethikrat“ fĂŒr eine begrenzte Zulassung ausgesprochen, aber sie blieb bis jetzt bei uns verboten. Nun aber herrscht eine neue Rechtslage. Was Stammzellforscher wie Oliver BrĂŒstle schon seit Jahren fordern, nĂ€mlich „einige wenige der hunderttausendfach verworfenen ĂŒberzĂ€hligen Eizellen zu nutzen, um potentiell therapeutisch relevante Zelllinien herzustellen“ (Rhein. Merkur vom 19.3.2008), das ist nach dem BGH-Urteil nun  auch möglich.

Die Evangelische Kirche hat sich bis jetzt gegen die PID ausgesprochen. Der frĂŒhere Ratsvorsitzende Manfred Kock hat 2003 erklĂ€rt, daß die WĂŒrde des menschlichen Lebens es verbietet, „dass es bloß als Material und Mittel zu anderen Zwecken genutzt und –erst recht – gar nur erzeugt wird“. Hermann Barth, der noch einige Monate amtierende KirchenamtsprĂ€sident der EKD, erklĂ€rte nach dem jetzigen BGH-Urteil, dass die PID „auf Verbrauch und Vernichtung menschlicher Embryonen“ beruhe. Es ist allerdings offen, ob die EKD diesen Kurs beibehĂ€lt, nachdem Ende 2007 der frĂŒhere Ratsvorsitzende Wolfgang Huber die verbrauchende Embryonenforschung fĂŒr „noch notwendig“ erklĂ€rt und seine vorherige ablehnende Haltung aufgegeben hatte.

Das BGH-Urteil lĂ€ĂŸt die Frage aufkommen, ob nicht demnĂ€chst der ganze Embryonenschutz auf der Kippe steht. Die ZEIT titelte nach der Bekanntgabe des Urteils „Moralische Fragen sollten politisch entschieden werden“. Wird im Bundestag bald ĂŒber den Grundsatz der MenschenwĂŒrde abgestimmt? Das kann nicht die Lösung sein.

Was wir in Deutschland brauchen, ist eine grundsĂ€tzliche Neubesinnung ĂŒber einen konsequenten Lebensschutz. Wenn O. BrĂŒstle die Frage stellt, warum eigentlich bei uns die befruchtete Eizelle mehr Rechtsschutz genießt als der Embryo nach Eintritt der Schwangerschaft, dann rĂŒhrt er zweifellos an den wundesten Punkt des Dilemmas. Seitdem die Politik 1995 die Abtreibung in die VerfĂŒgung der schwangeren Frau gestellt und sich die EKD im Gegensatz zur Röm.-kath. Kirche damit arrangiert hat, ist es schlechterdings nicht mehr einsichtig, warum der Embryo vor der Einnistung in die GebĂ€rmutter einen höheren Rechtsschutz genießt als nach der Einnistung.

Das christliche Menschenbild achtet das menschliche Leben vom Beginn der befruchteten Eizelle bis zum letzten Atemzug als ein unverfĂŒgbares Geschenk Gottes. Es ist höchste Zeit, dass die Politik genauso wie die Evangelische Kirche diese von den VĂ€tern des Grundgesetzes gewollte Norm neu entdecken und konsequent umsetzen.

Evangelische Zeitung vom 15.8.2010

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Mittwoch 18. August 2010 um 16:05 und abgelegt unter Lebensrecht, Medizinische Ethik.