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Warum wir die Wahrheit nicht ertragen

Samstag 14. August 2010 von Prof. Dr. G√ľnter Rohrmoser (1927-2008)


Prof. Dr. G√ľnter Rohrmoser (1927-2008)

Prof. Dr. G√ľnter Rohrmoser (1927 – 2008)

Warum wir die Wahrheit nicht ertragen ‚Äď √ľber die Diktatur des Relativismus

Wir haben uns in diesem Vortrag ein elementares Ziel gesetzt, n√§mlich einige Reflexionen zu unserer Lage, zur geistig-religi√∂sen Situation der Gegenwart zu machen. Im Thema haben Sie den Satz formuliert, da√ü die Wahrheit gef√§hrlich geworden ist. Das ist sehr merkw√ľrdig, da√ü man offenbar unterstellt, da√ü es Wahrheit geben k√∂nnte, aber sie darf sich nicht manifestieren. Sie darf nicht proklamiert werden. Sie wird zugelassen, insoweit sie privat ist. Wenn die Wahrheit den privaten Raum verl√§√üt und in der √Ėffentlichkeit mit einem gewissen Geltungsanspruch auftritt, dann gilt sie als gef√§hrlich.

Die Frage ist: Warum ist die Wahrheit gef√§hrlich? Gerade hat ein Soziologe aus M√ľnchen ein Buch geschrieben mit dem Titel: ‚ÄěDer eigene Gott‚Äú. Und mit diesem eigenen Gott ist die These verbunden, da√ü die Christen um des Friedens willen darauf verzichten m√ľ√üten, mit ihrem Wahrheitsanspruch eine √∂ffentliche Geltung zu verbinden. Das hei√üt also: Die Wahrheit ist gef√§hrlich, weil sie friedenssch√§dlich ist.

Wir k√∂nnen aber noch einen Schritt weitergehen, wenn wir das Verdikt √ľber die Wahrheit auf die Religion √ľberhaupt ausdehnen. Das ist eigentlich ein erfreuliches Zeichen, denn die Religion scheint wieder ernst genommen zu werden. Manche sehen in ihr die Wiederkehr eines m√∂glichen Feindes. Sie empfinden daraus die Notwendigkeit, den Kampf der Aufkl√§rung gegen die Religion neu zu entfachen und fortzuf√ľhren. Dann ist die Religion gef√§hrlich, weil sie dem Verdacht bis dem Verdikt unterliegt, gewaltf√∂rderlich zu sein. Verbindet sich heute mit der Religion, genauer gesagt mit dem Monotheismus, die √úberzeugung, es k√∂nne, wenn dieser Glaube an diesen einen Gott wieder geglaubt und Ernst genommen wird, nicht nur ein Frieden st√∂render Faktor sein, sondern die Quelle des Ausbruchs neuer Gewalt.

Nat√ľrlich ist diese Verkn√ľpfung von Religion √ľberhaupt und des Monotheismus im Besonderen mit der Gewalt eine sehr merkw√ľrdige Sache. Sie scheint f√ľr Manche eine gewisse Plausibilit√§t zu haben, weil sie sich verbindet mit dem Angriff der islamistischen Selbstmordattent√§ter auf New York. Das hei√üt: Hier hat etwas stattgefunden, was die meisten vor wenigen Jahren f√ľr v√∂llig unvorstellbar gehalten haben, da√ü n√§mlich, vorsichtig formuliert, nicht ohne die Impulse und Antriebe, auch m√∂gliche Legitimierungen aus der Religion, eine Gruppe von Selbstmordattent√§tern auftritt, die eine symbolische Kathedrale des westlichen Kapitalismus zerst√∂rt hat. Seitdem unterliegt die Religion insgesamt dem Verdikt, gewaltf√∂rderlich zu sein.

Dies sind zwei Punkte, die man mit besonderen Situationen und Ereignissen verkn√ľpfen konnte. Wenn man die Frage etwas grunds√§tzlicher und allgemeiner stellt, lautet sie, ob religi√∂se christliche Wahrheit √ľberhaupt noch kompatibel vereinbar ist mit Demokratie. Kann es sich eigentlich eine liberale Demokratie noch erlauben, da√ü es in ihr Menschen, vielleicht sogar Gruppen f√∂rmlich zusammengeschlossen, gibt, die ihre Wahrheit mit dem Anspruch der Absolutheit vertreten? Vor wenigen Jahren oder Monaten hat ein bekannter deutscher Professor daher die Frage aufgeworfen, ob die Christen eigentlich demokratief√§hig seien, ob man es eigentlich hinnehmen k√∂nnte, da√ü sie ihre exklusive mit absolutem Anspruch versehene Wahrheit √∂ffentlich vertreten, denn das sei ein Verhalten, das mit unserer Demokratie unvereinbar ist. Dann mu√ü man fragen: Wenn die Demokratie nicht auf dem Boden einer Wahrheits√ľberzeugung beruht, auf welchem geistigen Fundament beruht sie denn dann, so da√ü sie einen Wahrheitsanspruch und dessen Vertretung f√ľr nicht mehr ertr√§glich h√§lt. Und in diesem Zusammenhang mu√ü man in der Tat die von Papst Benedikt XVI. h√§ufig gebrauchte Formel verwenden, da√ü wir zwar keine Wahrheit haben, aber wir haben Werte. Das hei√üt: Wir sind √ľberzeugt, da√ü an die Stelle, an der in den traditionellen religi√∂sen Gesellschaften einst die Wahrheit stand, wie immer formuliert und welchem Geltungsgrad auch immer verbunden – was auch weithin noch f√ľr die gesamte neuzeitliche staatsverfa√üte Gesellschaft bis in die Gegenwart gilt – die Rede von den Werten getreten ist. Wenn ich es etwas provokant formulieren darf: Nicht Wahrheit, sondern Werte.

Aber wenn die Demokratie nicht wahrheitskonform ist, warum soll sie wertekonform sein? Dies ist nat√ľrlich nur dann denkbar, wenn der Formulierung der Werte das Attribut ‚Äěrelativ‚Äú hinzugef√ľgt wird. Das hei√üt: Werte d√ľrfen vertreten werden mit dem Bewu√ütsein, da√ü sie relativ sind. Dann kann man eigentlich jede Wahrheitsbehauptung als subjektiv privat von Bedeutsamkeit, als eine zugelassene Vertretung eines a priori relativen Wert einsch√§tzen.

Nun w√§re das zwar eine wunderbare Sache, wenn wir wirklich ernst machten mit dem Begriff der Relativit√§t der Werte. Philosophisch ist das ganz unm√∂glich zu verk√ľnden, da√ü die √∂ffentlichkeitswirksame und -vertretbare Wahrheit der Relativismus der Werte ist. Denn die Behauptung, da√ü alles relativ ist, ist ja selber ein Satz, der mit dem Anspruch aufgestellt wird, wahr zu sein. Das hei√üt: Wenn also die Relativit√§t der Werte an die Stelle der nicht mehr vertretbaren und zu duldenden Wahrheit tritt, setze ich in Wahrheit eine neue Wahrheit, und zwar die eine Wahrheit, und dies soll die einzige Wahrheit sein. Und wer sich zu dieser einzigen Wahrheit nicht bekennt, der ist in einer liberalen pluralistisch organisierten Demokratie unertr√§glich und mu√ü au√üerhalb der wahren Gemeinschaft der Demokraten gestellt werden. Das ist nicht eine Hypothese, sondern eine t√§glich bew√§hrte These, von der man sich st√§ndig √ľberzeugen kann. Wer sich nicht zu dieser exklusiven einzigartigen Wahrheit der Relativit√§t aller Werte bekennen kann, ist damit eigentlich dem Verdacht ausgesetzt, kein guter Demokrat zu sein und darf nicht in der Gemeinschaft der Demokraten zugelassen werden.

Es ist aber mit der Relativit√§t der Werte so eine Sache. Denn unsere Verfassung unterscheidet sich ja von der Verfassung der Weimarer Zeit in einer grundlegenden Frage, und zwar der Frage, da√ü die Weimarer Verfassung sich auf den Boden der Wertneutralit√§t gestellt hat. Die Weimarer Verfassung hat auf die Durchsetzung eines oder mehrerer Werte verzichtet, sondern sie hat die Wertfrage indifferent offen gelassen und ihre Entscheidung dem Kampf der Gesellschaftsgruppen √ľberlassen. Damit hat sich Weimar also auf den Boden der Wertneutralit√§t (mindestens was den ersten Teil der Verfassung angeht), ja sogar des Wertenihilismus gestellt. Aber das hat die Gesellschaft gerade nicht vor Absolutheitsanspr√ľchen bewahrt, sondern hat sie geradezu provoziert. Wenn man nach dem Verh√§ltnis von Wahrheiten und Demokratie fragt, kommen wir ja in der j√ľngeren Geschichte von einer uns bis heute zentral pr√§genden und bestimmenden Erfahrung her: N√§mlich von der Erfahrung, da√ü dieser wertneutrale Staat den Raum freigegeben hat auch f√ľr geistige, genauer: ideologisch zu nennenden M√§chte, die die Wahrheit, die sie vertreten, zur einzigen und damit absoluten gef√ľhrt haben, und das sich einzig und absolut gehaltene Wahrheiten so gegen√ľber standen, da√ü eben nur eine wahr sein konnte. Diesen Streit haben wir mit der gr√∂√üten Katastrophe der deutschen Geschichte, dem Zweiten Weltkrieg und seinen Folgen, zu bezahlen.

Das hei√üt also: Die Relativierung oder Selbstneutralisierung bewahrt uns nicht vor der Wiederkehr absoluter Wahrheitsanspr√ľche, sondern schafft gerade durch die Selbstrestriktion das Vakuum, das eine solche Sogkraft entwickelt hat, da√ü sich gerade dann absolute Wahrheitsanspr√ľche formieren und in den Formen durchsetzen k√∂nnen, die das 20. und 21. Jahrhundert an technischen M√∂glichkeiten bietet.

Auf diesem Hintergrund ist es verst√§ndlich, da√ü die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland nicht auf dem Boden der Wertneutralit√§t errichtet wurde, sondern auf dem Boden der Werte. Wenn wir von Relativismus als einer philosophischen Position reden, d√ľrfen wir nicht vergessen, da√ü wir das in einem Staat tun, zu dessen Verfassung der Anspruch geh√∂rt, eine wertekonstituierte Verfassung zu sein. Diese Wertkonstitution der Verfassung, die wir haben, glaubt, bisher einsehbar, die richtige Konsequenz aus der Wertneutralit√§t der Weimarer Verfassung gezogen zu haben.

Und damit sind wir bei zwei fundamentalen Fragen:

–¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬† Was sind √ľberhaupt Werte?

–¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬† Und die zweite Frage ist: Welche Funktion erf√ľllen Werte?

Wenn man die Frage der Werte diskutiert, dann ist der entscheidende Ausgangspunkt ein ganz schlichter, so da√ü man fast z√∂gert und nicht den Mut hat, zu formulieren. Wenn ich mich schon auf Werte verpflichte und Werte durch die Verfassung verbindlich erkl√§re, dann ist nat√ľrlich die alles entscheidende √úberlegung: Was sind die Werte selbst wert, die ich f√ľr verbindlich erkl√§re? Weil diese Frage nun gerade nicht gestellt wird, ist die gegenw√§rtige Situation unseres Landes weitestgehend eine Konsequenz der Weigerung, die Frage nach dem Wert der Werte zu stellen, die gesetzt werden, die umgewertet werden. Wir befinden uns in einem st√§ndigen Proze√ü des Wandels der Werte, der Setzung von Werten, der Abwertung von Werten, der Aufwertung von Werten, der Ersetzung von Werten durch andere Werte, so da√ü einem ganz schwindelig wird. Dann fragt man sich: Wo ist denn nun der Ma√üstab, an dem gemessen ich entscheiden kann, was die Werte, die gesetzt werden, nun selber wert sind. Der Ma√üstab nach der Bewertung von Werten impliziert direkt oder indirekt die Wahrheitsfrage. Sobald irgendeine These mit einem Geltungsanspruch verbunden wird, ist ihr automatisch implizit und unvermeidbar die Wahrheitsfrage eingeschrieben. Die Wahrheitsfrage ist unentrinnbar. Diejenigen, die sagen, da√ü es keine Wahrheit gibt, nehmen f√ľr diese Aussage in Anspruch, da√ü sie einen wahren Satz formulieren. Da braucht man keine besonderen Bekenntnisse, da√ü man noch zu der Wahrheit steht. Man mu√ü den Leuten klarmachen: Sobald wir einen Satz mit einem √ľberindividuellen Geltungsanspruch formulieren, ist in einem solchen Satz die Wahrheitsfrage impliziert. Sie ist ganz unentrinnbar. Denn sonst w√ľrde man sinnlose und bedeutungslose S√§tze formulieren.

Aber die Frage ist: Wo kommen die Werte her? Sie fallen ja nicht vom Himmel. Es gibt auch nicht, wie manchmal Max Scheler zu suggerieren scheint, einen Wertehimmel, auf den man nur hinzuschauen braucht, dann sehen wir sie √ľber uns h√§ngen und wir brauchen sie nur auf die Erde herabzuholen.

Sondern Werte sind gesetzt.

Das Zweite: Ich kann keinen Wert setzen, ohne daß der gesetzte Wert korrelativ bezogen ist auf einen Un-Wert, der zu vermeiden ist. Die Wertsetzung impliziert die Un-Wertsetzung.

Das Dritte: Werte m√ľssen interpretiert werden.

Die Substanz des geistig-kulturellen Prozesses oder Kampfes in unserer Welt ist im Kern ein Interpretationskampf. Nietzsche hat das vorhergesehen: Im 20. Jahrhundert wird die Politik die Gestalt eines geistigen Krieges annehmen. Dann werden philosophische Konzeptionen um die Durchsetzung ihrer Interpretationen miteinander ringen. Es ist ein hermeneutischer und nur hermeneutisch zu erfassender und beschreibbarer Kampf.

√úbrigens ist der gar nicht so neu: Denn die Eliminierung der Wahrheit als Fundament des modernen Verfassungsstaates ist ja das Ergebnis eines solchen Deutungs- und Interpretationskampfes um die Auslegung der christlichen Wahrheit am Anfang der Neuzeit in den konfessionellen Kriegen gewesen. Hier ging es nicht darum, da√ü eine der Parteien die christliche Wahrheit als solche geleugnet h√§tte. Selbst bei dem h√§ufig f√§lschlich als Atheisten verschrienen Thomas Hobbes steht √ľber allem und der erste alles fundierende Satz: ‚ÄěJesus is the Christ!‚Äú Den darf man auch bei der Interpretation von Hobbes nicht √ľbersehen, sondern worum es geht, ist dies: Wer interpretiert die christliche Wahrheit richtig und zul√§nglich? Das ist ein Kampf um die Instanz oder das Monopol um die verbindliche und richtige Auslegung der christlichen Wahrheit, aber nicht der christlichen Wahrheit selber. Dieser Interpretationskampf ist strukturell v√∂llig √ľbereinstimmend mit dem Interpretationskampf, den wir heute zwangsl√§ufig f√ľhren, weil ‚ÄěWert – Wert‚Äú sagen gar nichts sagt, sondern Werte m√ľssen interpretiert werden. Wenn Sie die Entwicklung der Verfassung der Bundesrepublik Deutschland mit ihren gegenw√§rtigem Stand vergleichen mit dem, wie die M√ľtter und V√§ter der Verfassung sie verstanden und gewollt haben, dann werden Sie erstaunliche Ver√§nderungen feststellen. Das Recht von Minderheiten hat sich tendenziell und proportional verschoben auf Kosten der Rechte der Mehrheiten zugunsten der Minderheiten. Das Verfassungsgericht hat sich im Ernst damit befa√üt, ob ein Kruzifix in einer bayrischen christlichen Schule an der Wand h√§ngen darf. Es ist der Meinung, wenn einer der V√§ter eines der Kinder daran Ansto√ü nehmen sollte, hat es von der Wand entfernt zu werden. Damit ist die Privilegierung von Minderheiten gegen√ľber den Mehrheiten in eine geradezu absurde H√∂he emporgetrieben.

Ich will aber dieses Beispiel nur gebrauchen als die Tendenz. Wenn man fragt, was ist der Grund f√ľr die tendenzielle Abwertung der Rechte der Mehrheiten zugunsten der Minderheiten, dann ist diese Entwicklung der Verfassung das Ergebnis von Interpretationsk√§mpfen der Werte, die als konstituierend f√ľr unsere Verfassung in Anspruch genommen werden. Es ist also nicht die Frage: Werte oder nicht Werte, sondern entscheidend ist: Wer interpretiert die Werte?

Dann sind wir ja noch nicht am Ende, wenn wir uns dar√ľber verst√§ndigt haben, wer die Werte interpretiert und wie sie interpretiert werden. Sondern Werte m√ľssen durchgesetzt werden. Sie sind Appelle und Anforderungen und rufen nach ihrer Realisierung. Auf die Frage, was Werte durchsetzt, gegen andere Werte verwirklicht oder gegen Werte, die zu Un-Werten erkl√§rt werden, hat einer der gr√∂√üten Philosophen nach dem deutschen Idealismus eine provozierende Antwort gegeben. Ich meine niemanden anders als Friedrich Nietzsche. Der sagt n√§mlich: ‚ÄěWas sind Werte? Werte sind die Prinzipien f√ľr die Perspektiven der Setzung und Steigerung von Macht.‚Äú Werte sind von der Macht um ihrer selbst und ihrer Steigerung willen gesetzte Bedingungen und Perspektiven. Das hei√üt: Die Umsetzung der Werte, die von sich aus nach Umsetzung und Verwirklichung schreien, bed√ľrfen der Macht. Darum l√§uft jeder Wertekampf, wie auch immer die Macht definiert werden mag und welcher Mittel sich die Macht bedienen darf, in der Realit√§t auf einen Machtkampf hinaus. Wenn wir das Ergebnis zusammenfassen, dann haben der b√ľrgerliche Teil der Bundesrepublik Deutschland und an der Spitze die Evangelische Kirche, mit einigem Unterschied die katholische, diesen Kampf um die Durchsetzung der Werte verloren.

Die gro√üe Aufgabe wird es sein, einmal eine Tagung oder ein Seminar zu veranstalten, in dem man versucht, dieser Frage einmal nachzugehen, woran das gelegen hat. Nehmen wir den ehemals b√ľrgerlichen Teil, die CDU. Die hat vor f√ľnfzehn oder zwanzig Jahren noch erkl√§rt, die ‚ÄěGr√ľnen‚Äú seien der Untergang des Abendlandes. Das sind sie auch, und sind es auch heute geblieben. Da hat die CDU auch v√∂llig Recht. Und die gleiche CDU eliminiert heute die substanziell konservativen Bestandteile ihrer selbst und ihres Programms und macht sich die gr√ľne Kulturrevolution in einer die Gr√ľnen zum Teil noch √ľberbietenden Weise zu eigen. Und wenn Sie h√∂ren (entschuldigen Sie bitte, da√ü ich nun in einer v√∂llig unprofessoralen Weise nun allm√§hlich in Erregung gerate, aber Sie wissen, da√ü Lessing mal gesagt hat: ‚ÄěWer √ľber bestimmte Dinge nicht den Verstand verliert, der hat keinen zu verlieren‚Äú), da√ü in Schleswig-Holstein ein Schwulenpropst um die Ernennung zum Bischof k√§mpft, dann darf man doch dar√ľber noch erstaunt sein. Jeder hat das Recht, in einer liberalen Demokratie schwul zu sein ‚Äď darum geht es gar nicht. Aber man darf doch wenigstens noch sagen d√ľrfen, da√ü man verwundert ist, da√ü in der Evangelischen Kirche ein Schwuler Bischof werden soll, wenn man an die einschl√§gigen Verse des Apostels Paulus √ľber das denkt, was er sagt, was in den Augen des HERRN ein Greuel ist. Aber wir d√ľrfen uns nicht einmal wundern, weil wir dann gegen die herrschenden Werte versto√üen. Und die herrschenden Werte sind liberal und links-liberal. Alles, was jenseits von liberal und links-liberal ist, ist eigentlich nicht mehr verfassungsw√ľrdig.

Der Kern der Dinge reduziert sich dann auf die Frage, wer die Macht hat, seine Interpretation der Werte durchzusetzen. Wenn wir die Frage schon konkret stellen wollen: Wer hat diese Macht? Das sind ja nicht die Politiker, die wir gew√§hlt haben. Das sind diejenigen, die die √∂ffentlichen Medien und die √∂ffentlichen Kommunikationsmittel beherrschen. Um ein Beispiel zu nennen: Die Bundesrepublik r√ľckt heute nach links, sagt man. Es geht nur noch um die Frage der sozialen Gerechtigkeit, was ein Wert ist. Und daher mu√ü man fragen, woher kommt pl√∂tzlich das √ľberw√§ltigende Bed√ľrfnis nach sozialer Gerechtigkeit? Das ist aber normal, wenn ein halbes Jahr lang und l√§nger in jeder politischen Talkshow nur Unrechtstatbest√§nde in der Gesellschaft aufgedeckt und diskutiert werden. Nicht da√ü die diskutiert werden, ist das Problem, sondern da√ü nichts anderes diskutiert wird. Nicht, was die Fragestellungen der Talkshows sind, ist das Problem, sondern das Problem ist, welche Fragen nicht gestellt werden. Das ist heute einer der entscheidenden Schl√ľssel am Anfang einer Kette, bei der auch am Ende die politische Machtfrage steht: Wer stellt die Fragen? Denn alle die Antworten k√∂nnen nur antworten auf die Fragen, die gestellt sind. Hier hat die Kirche ihre unverzichtbare Aufgabe: Sie mu√ü Fragen stellen. Einige in ihr m√ľssen das deutlich machen. Sie m√ľssen Fragen stellen, und zwar die Fragen, die nicht gestellt werden. Zum Beispiel die Fragen nach der schleichenden Islamisierung Deutschlands. Das beunruhigt die Leute elementar. Aber sie ist sozusagen √∂ffentlich nicht mehr verhandelbar, weil alle die die √∂ffentliche Meinungsbildung erzeugenden Instrumente f√ľr andere Fragen, f√ľr eine andere Durchsetzung und damit f√ľr andere Werte eingesetzt werden. Wir sind also mitten im Gegenteil dessen gelandet, was die V√§ter und M√ľtter der Verfassung meinten, n√§mlich die Wiederkehr dessen, woran die Weimarer Republik zugrunde gegangen ist, verhindern zu k√∂nnen, indem sie die Werte zu den konstituierenden M√§chten unserer Verfassung gemacht haben. Das hei√üt: Es ist der permanente Wertekampf, der st√§ndige Kampf: Wer interpretiert? Wer setzt seine Interpretation durch? Wer hat die Macht zu sagen, welche praktischen Konsequenzen f√ľr die Politik daraus abzuleiten sind?

Diese Homogenisierung im Namen der Werte wird heute faktisch in Frage gestellt von einer ganz neuen Macht, von der wir uns vor 30 Jahren noch nichts haben tr√§umen lassen. N√§mlich der Islam ist mitten unter uns. Er ist nicht in der T√ľrkei, sondern er ist hier. Diese Leute sind fromm und glauben an die alleinige exklusive Wahrheit ihres Gottes Allah des Gn√§digen und Barmherzigen. Sie sind nicht bereit, wie Herr Sch√§uble es in seinem Einladungsschreiben an die Vertreter der Islamischen Organisationen suggerierte, jeden nach seiner Facon selig werden zu lassen ‚Äď das gestatten wir uns: Wir lassen jeden nach seiner Facon selig werden – , nur unsere t√ľrkisch-islamistischen Br√ľder und Schwestern, wie man sie nennt, wollen weder nach beliebiger Facon selig werden, sondern nach einer Facon und sie haben auch nicht vor, uns auf die Dauer nach unserer Facon selig werden zu lassen. Das hei√üt also: Das Christentum in diesem Lande sieht sich einer Herausforderung gegen√ľber, die im Vergleich zu allen in der Geschichte vergangenen eine einzigartige und neue Herausforderung ist. Durch die pure Existenz von wahrscheinlich mehr als 3 Millionen Anh√§ngern Allahs unter uns ist eine neue und andere Religion da. Wir haben sie als Arbeitskr√§fte geholt. Die Wirtschaft wollte sie haben. Und alle waren der Meinung, da√ü sie nach einigen Jahren wieder gehen. Die gehen¬† aber nicht, sondern sie hielten ihre Familien, kamen nach und sie pflegten ihre Kultur. Auch da haben wir gesagt: ‚ÄěDas ist prima!‚Äú Die Gr√ľnen haben gesagt: ‚ÄěJetzt haben wir endlich das, was wir brauchen: Eine multikulturelle Gesellschaft!‚Äú Das w√§re die L√∂sung der deutschen Frage und die einzig wahre und richtige Konsequenz, die wir aus der Erfahrung mit dem Nationalsozialismus ziehen, wenn wir eine wahrhafte multikulturelle Gesellschaft werden und uns des Reichtums dieser Gesellschaft und ihrer Anregungs- und Angebotskraft erfreuen.

Nun stellt man pl√∂tzlich fest, da√ü das nicht nur Arbeitskr√§fte, nicht nur Familien aus einer anderen Kultur, sondern Menschen einer anderen Religion sind. Sie glauben, aber sie glauben etwas anderes. Und sie glauben etwas anderes als Wahrheit. Da fragt man sich nun: Was ist die Antwort, die Christen ‚Äď ich sage jetzt nicht: Kirchen, auch nicht ihre Vertreter -, gegeben haben? Empfinden sie √ľberhaupt diese Herausforderung? Was meinen sie, wie sie darauf antworten k√∂nnten? Wir haben ein gro√ües Schlagwort gefunden: Das hei√üt Dialog. Aber das Bedauerliche ist, da√ü dieser Dialog nirgends stattfindet. Ich habe noch nie von einem Dialog geh√∂rt oder gesehen, in dem Christen ernsthaft ihre Position mit der gleichen Feurigkeit und Gewissheit gegen√ľber der von den anderen eingenommenen vertreten. Aber erst, wenn man sich seiner Verschiedenheit und Unterschiedenheit bewu√üt ist und sie ehrlich ausspricht und formuliert, kann doch √ľberhaupt ein wahrheitsf√∂rdernder Dialog entstehen. Sonst dient doch der Dialog und sein Geschw√§tz der blo√üen Verschleierung der Unterschiede und erzeugt eine surreale Form der Gemeinsamkeit, die gar keinen Anhalt in der Realit√§t hat.

Das verbindet sich nicht nur mit der Zukunft Deutschlands, sondern auch der Zukunft Europas. Denn nicht nur Deutschland, sondern auch Europa ist Ort und Schauplatz einer Konfrontation mit einer anderen Religion. Und was Europa gemacht? Es hat sich geweigert, den Namen Gottes in die Verfassung aufzunehmen. Das hei√üt: Sie haben so getan, als h√§tte es tausend Jahre Christentumsgeschichte in Europa nicht gegeben. Als die neue Philosophie wurde die alte Aufkl√§rung beschworen. Dieses neue Europa tritt an, indem es angesichts der neuen Konstellation a priori kapituliert und sich √ľberhaupt nicht anschickt, sondern sich auf einen der gro√üen ‚ÄěGrundwerte‚Äú der Aufkl√§rung beruft, n√§mlich auf die Religionsfreiheit. Der gr√∂√üte Wert in diesen Fragen und Zusammenh√§ngen ist die Religionsfreiheit.

Da mu√ü man nat√ľrlich genauer hinsehen. Denn es ist richtig, da√ü die Religionsfreiheit erk√§mpft wurde von der Aufkl√§rung gegen das damalige kirchent√ľmliche Christentum. Diese Religionsfreiheit ist erk√§mpft in einem Kampf auch der Kritik, der Absonderung gegen√ľber dem Kirchenchristentum der damaligen Zeit. Nur gedacht war damals, da√ü der dazu Befreite, eine Religion zu haben oder nicht oder welche Religion ihm einleuchtet oder nicht einleuchtet und damit abzulehnen ist, das einzelne Individuum war. Ich kann nun formal den Begriff der Religionsfreiheit unver√§ndert beibehalten, aber qualitativ √§ndert sich nat√ľrlich die Situation ums ganze: Wenn wir jetzt von dem Wert der Religionsfreiheit sprechen, haben wir es nicht mehr mit einem einzelnen, sondern mit einer ganzen Religion und einer Religionsgemeinschaft zu tun. Wenn dieser Staat in dieser Situation f√ľr sich die Garantie der Religionsfreiheit √ľbernimmt, d.h. sich nur zu der Freiheit von der Religion oder zu der Freiheit zu einer anderen Religion verh√§lt, dann verh√§lt er sich in der Vollendung seiner s√§kularen Tendenzen und seines s√§kularen Selbstverst√§ndnisses zur Religion √ľberhaupt nicht mehr. Dann ist die Einstellung des s√§kularen Staates zu den Religionen gekennzeichnet durch Indifferenz. Er gew√§hrt jeder Religion, die eine ist, die gleichen Rechte. Darum vertreten unsere Bisch√∂fe nicht mehr die Wahrheit ihrer Religion, sondern sie setzen sich f√ľr die Religionsfreiheit ein. Das bedeutet, da√ü sie daf√ľr eintreten, da√ü zum Beispiel dem Islam die gleiche Freiheit und die gleichen Rechte gew√§hrt werden wie der eigenen, n√§mlich der christlichen Religion.

Wenn ich eine Vermutung √§u√üern darf, so kommt mir manchmal der Gedanke, als k√∂nne f√ľr das Schicksal der Bundesrepublik die Religionsfreiheit die gleiche Rolle spielen wie die Wertneutralit√§t f√ľr die Weimarer Republik gespielt hat. Formal ist das v√∂llig in Ordnung. Denn die Kernfrage ist doch, ob der diese Freiheiten und Rechte gew√§hrende Staat selber keinen Anteil zu haben braucht an den Freiheiten und Rechten, die er anderen gew√§hrt. Das hei√üt: Ist der s√§kulare Staat der Bundesrepublik heute so religionsneutral und ‚Äďunabh√§ngig, wie er sich verh√§lt? Wir w√ľrden von einer Erkl√§rung ganz absehen. Stimmt das eigentlich? Zu dieser Frage ist viel gesagt worden. Durchgesetzt hat sich die so genannte B√∂ckenf√∂rder Formel: Der s√§kulare Staat lebt von Voraussetzungen, die er selber nicht garantieren kann. Die Voraussetzung, von der er lebt, aber nicht garantieren kann, ist das Lebendighalten eines Ethos, ohne den es einen Staat ganz gleich welcher Art √ľberhaupt nicht geben kann, geschweige denn einen Staat, der die Freiheiten sch√ľtzt, indem er sie zugunsten der Freiheiten von anderen nur begrenzt.

M√ľssen wir nicht den Schritt weitergehen? Es ist klar, da√ü das besondere Verh√§ltnis von Staat und Kirche nach dem Dritten Reich in Deutschland von der √úberzeugung getragen war, da√ü die christlichen Gemeinden in dieser Gesellschaft eine Form der geschichtlichen Erinnerung gegenw√§rtig halten und eine sittliche Einstellung f√∂rdern und lebendig halten, deren Existenz nicht nur f√ľr den Bestand dieses Staates, sondern f√ľr das Zusammenleben der Menschen von grundlegender Bedeutung ist. Wir stehen vor dieser Frage, nachdem wir eine Antwort auf die Frage nach dem Zusammenhalt dieser Gesellschaft mit dem Sozialstaat gefunden haben. Dieser Sozialstaat lebt von materiellen und Wachstumsvoraussetzungen, die er seinerseits nicht mehr garantieren kann, auch nie garantieren konnte. Was wird aus dieser Gesellschaft, wenn der Sozialstaat seine zusammenhaltende, seine Funktion des ‚ÄěKitts‚Äú nicht mehr erf√ľllt? Was bleibt dann noch √ľbrig au√üer der totalen √Ėkonomisierung und der Unterwerfung unter den Wachstumsimperativ von all und jedem ohne die Aussicht, ihn wirklich garantieren zu k√∂nnen?

Das ist die eigentliche Existenzfrage des Sozialstaates in einer sich krisenhaft zuspitzenden Entwicklung, die wir damit aufgegriffen haben. Wenn dieser Staat von Freiheit spricht und das Recht des Einzelnen in seiner Freiheit anerkennt, sich nur der Wahrheit verbunden zu wissen, die er in seinem Gewissen vereinigt, dann w√§re dieses auch vom s√§kularen Staat in Anspruch genommene Freiheitsverst√§ndnis ohne das Christentum undenkbar gewesen. Sie brauchen sich nur zu erinnern an Thomas von Aquin, der sagte, wenn einer durch sein Gewissen gen√∂tigt sei, m√ľsse er dem folgen, auch wenn es ihn aus der Kirche herausf√ľhrt. Das hei√üt also: Die Religionsfreiheit in ihrem spezifischen Freiheitsverst√§ndnis hat zur Wurzel den christlichen Freiheitsbegriff. Ein Mann wie Marx war ja noch gebildet genug und hat seine die Weltgeschichte vollendende Revolution des Proletariats als die Vollendung der Freiheit verstanden, die mit Luther begonnen hat. Einem Marxisten, dem Erfinder des Marxismus war der unaufl√∂sliche Zusammenhang mit diesem Freiheitsbegriff und allem, was sukzessive in der Geschichte der Neuzeit bis zur Gegenwart Freiheit genannt wurde, noch bewu√üt ‚Äď bis wir dann eine ehemalige Ministerin der F.D.P. bekamen, die ihren Hund Martin Luther genannt hat. Darauf k√∂nnen die Bayern besonders stolz sein, da√ü diese Ministerin aus ihrem Lande stammt. Wenn dieses Freiheitsverst√§ndnis nicht mehr den Staat tr√§gt und er nicht sieht, da√ü seine Existenz diese Freiheit und ihre Pr√§senz gebunden ist, werden wir entweder de facto neototalit√§re Verh√§ltnisse mit einer mehr oder weniger demokratischen Fassade bekommen oder eines Tages werden sich die Vertreter einer absoluten g√∂ttlichen Wahrheit selber durchsetzen. Wenn sie es erreicht haben, werden sich die, die heute gegen die Religion und den Gottesglauben als einen Wahn k√§mpfen, tr√§nenreich der Zeit erinnern, als das Christentum der Freiheit noch ein religi√∂ses Fundament gegeben hat. Die Frage nach der Zukunft Deutschlands wie die Zukunft Europas ist mit der Frage verbunden, ob es auch in dieser neuen Herausforderung die Substanz, aus der es herkommt und die es getragen hat und die jetzt immer d√ľnner wird und einem sich st√§ndig beschleunigenden Schwundproze√ü unterliegt, noch gegenw√§rtig hat. Denn mit der Eliminierung dieser Substanz l√∂st sich alles in ¬†einen leeren und formalen Freiheitsbegriff auf, den jeder, der √ľber die entsprechenden Instrumente und die Kunst der Manipulation verf√ľgt mit jedem beliebigen Inhalt ausf√ľllen k√∂nnte. Dann kommen wir nicht daran vorbei, die Frage nach der Wahrheit zu beantworten. Aber dazu sind wir sicher gegenw√§rtig kaum in der Lage. Was in dieser Situation wichtig ist, ist diese Frage nach der Wahrheit trotzdem zu stellen und sie offen zu halten ‚Äď unabdingbar und kompromi√ülos, darauf zu bestehen, da√ü diese Frage gestellt wird. Jeder, der die Wahrheit behauptet zu wissen, soll veranla√üt werden, seine Wahrheit nicht nur zu verk√ľnden, sondern auch als Wahrheit zu begr√ľnden und zu rechtfertigen. Nicht mehr und nicht weniger ist ja auch vom Christentum verlangt: Auch die Christen sind gefordert, Rechenschaft abzulegen √ľber ihre Hoffnung. Dem Glauben wird in dieser Welt abverlangt, da√ü er seinen Logos, seine Vernunft beibringt. Eine vernunftlose oder -widrige Trennung oder Darstellung des Christentums ist dem christlichen Glauben nicht gem√§√ü. Es mu√ü nicht die Verwicklung der Einheit von Vernunft und Glauben gefordert werden, sie ist eine Forderung des Glaubens selber: Wir m√ľssen den Logos beibringen. Hier taucht die Schwierigkeit auf, was denn der Logos ist. Das Neue Testament hat keine Antwort auf die Frage, wie ich philosophisch den Logos interpretieren mu√ü. Der wird im Johannesevangelium als bekannt vorausgesetzt. Entwickelt ist dieser Logos in der griechischen Philosophie von keinen geringeren als vor allem von Platon und Aristoteles. Dieser Logos hat ja das Christentum nicht nur mit erm√∂glicht. Es hat sich die Logos-Tradition sogar angeeignet und ist erst dadurch geschichtsf√§higes Christentum geworden. Zugleich hat der Logos eine eigene Wahrheit an den Tag gebracht, die wir die Wahrheit der Metaphysik nennen.

Da sind wir an dem entscheidenden Punkt unserer ganzen Fragestellung: Was Werte sind, was sie wert sind, nach dem Ma√üstab ihrer m√∂glichen Beurteilung. Metaphysik ist, wie Aristoteles sagt, ‚ÄěTheorie der Wahrheit √ľber die Wirklichkeit‚Äú. Der Gegenstand der Metaphysik ist die Explikation dessen, was in Wahrheit wahr ist zu explizieren. Die tiefste Dimension unserer Lage ist die, die Nietzsche auf den Begriff gebracht hat, wenn er sagt: ‚ÄěWir sind das erste Geschlecht, das keine Antwort auf die Frage nach der Wahrheit wei√ü‚Äú. Dann, wenn wir erkennen, wie unverzichtbar die Wahrheitsfrage ist, wenn wir erkennen, da√ü wir sie so oder so auch immer schon beantwortet und entschieden haben, dann kann das wahre Gespr√§ch, der wahre Dialog der Christen mit der Gesellschaft und mit dem Islam beginnen, n√§mlich das gro√üe Gespr√§ch √ľber die Wahrheit. Denn man kann doch daran zweifeln, ob es einen Frieden ohne und gegen die Wahrheit geben kann. Ist nicht der Frieden der Neuzeit im 20. Jahrhundert zusammengebrochen, als absolut erkl√§rte Wahrheiten in sie einbrachen und die Moderne zerrissen und vernichtet haben? Der Verzicht auf Wahrheit, die Freisetzung des Vakuums, in dem sich dann Wahrheit bilden und durchsetzen k√∂nnte, hat schon einmal zu einem Ende aller Traditionen gef√ľhrt, die die Moderne ausmachen und die sie tragen.

Daher k√§me es darauf an, dar√ľber nachzudenken, ob nicht die Moderne, wenn sie sich vom Christentum verabschiedet, sich nicht selber zerst√∂rt. Ist nicht die Substanz des Christentums die Bedingung, unter der die Moderne ihre besten Errungenschaften und Resultate bewahren kann? Hat Hegel nicht Recht mit seinem gro√üen Versuch darzulegen, da√ü das Christentum nicht nur die Voraussetzung f√ľr die aufgekl√§rte moderne Welt ist, sondern die substanzielle Bedingung derselben und nicht nur das, was als Voraussetzung nur vorausgegangen und zu √ľberwinden ist? Und ist nicht mit dem Verlust dieser Bedingung die Moderne selbst am Ende? Wissenschaft, Technik und Wirtschaft florieren in der Welt. Sie globalisiert sich. Aber die Grundannahmen, das Hoffnungs ‚Äďund Verhei√üungspotential, die Quasi-Religionen, die die Moderne getragen, aus denen sie ihre Impulse, ihre Antriebe und Legitimation bezogen haben, diese herkunftsbestimmten religi√∂sen Elemente, die Sedimente alter Religion und die Setzung quasi neuer Religion, diese die Moderne immer schon tragende Religion ist heute zerst√∂rt und am Ende. Diese Moderne tr√§gt kein Hoffnungspotential mehr in sich, hat keine Verhei√üung mehr zu verk√ľnden, ist nicht mehr utopief√§hig. Und dann kommt der gro√üe Habermas, der Papst der Aufkl√§rung, spricht mit dem Papst zu Rom und erkl√§rt hinterher, man sollte die Christen zum √∂ffentlichen Diskurs doch wieder zulassen. Denn es k√∂nnte ja sein, da√ü die Christen in ihrem Glauben noch Hoffnungs -und Utopiepotentiale bergen, die, wenn man sie richtig √ľbersetzt, auch eine neue Kraft f√ľr die so schwer dahinsiechende und daniederliegende Aufkl√§rungswelt zu sein. Wenn das kein Wort zur Ermunterung am Abend ist, dann wei√ü ich es nicht‚Ķ

Der obenstehende Vortrag war das letzte √∂ffentlich gehaltene Referat des gro√üen deutschen Sozialphilosophen G√ľnter Rohrmoser (gehalten auf der Jahrestagung der Kirchlichen Sammlung um Bibel und Bekenntnis in Bayern, Riederau/Ammersee 11.-13.7.2008). G√ľnter Rohrmoser verstarb am 15.9.2008 in Stuttgart.¬† Der Text wurde erstellt anhand eines Mitschnitts, den die KSBB freundlicherweise zur Verf√ľgung gestellt hat.¬† Weitere Ver√∂ffentlichungen dieses Textes nur mit Genehmigung des Gemeindenetzwerks.

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Samstag 14. August 2010 um 20:47 und abgelegt unter Gesellschaft / Politik.