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Künstliche Befruchtung und Menschenwürde

Mittwoch 4. August 2010 von Prof. Dr. Manfred Spieker


Prof. Dr. Manfred Spieker

Künstliche Befruchtung und Menschenwürde
Zur Bedeutung des BGH-Urteils vom 6. Juli 2010

Reproduktionsmediziner rechtfertigen die künstliche Befruchtung mit dem Leiden ihrer Patienten. Kinderlosigkeit gilt als Krankheit, die künstliche Befruchtung als deren Therapie. Die Krankenkassen haben sich dem nicht verschlossen und die assistierte Reproduktion als Sterilitätstherapie in ihren Leistungskatalog aufgenommen, obgleich die Sterilität selbst nach einer erfolgreichen, also zur Geburt eines Kindes führenden Behandlung die gleiche ist wie zuvor. Reproduktionsmediziner behandeln mit der In-Vitro-Fertilisation und der Intracytoplasmatischen Spermieninjektion also nicht eine Krankheit, sondern einen Wunsch, den Wunsch nach einem Kind. Dieser Wunsch ist legitim. Er ist Teil der conditio humana. Die Fortpflanzung gehört zu den zeit- und kulturunabhängigen Bedürfnissen, den existentiellen Zwecken der menschlichen Natur. Dass sich ein Ehepaar Kinder wünscht, dass Mann und Frau sich danach sehnen, miteinander und durcheinander Vater und Mutter zu werden und ihre Liebe in der Geburt eines gemeinsamen Kindes sich manifestieren zu lassen, all dies ist Teil der menschlichen, geschlechtsbezogenen Identität. Legitim ist auch, dass Medizin und Psychologie Probleme bei der Realisierung des Kinderwunsches in Forschung und Therapie behandeln. Die Legitimität einer medizinischen Intervention hängt allerdings davon ab, dass sich der intervenierende Arzt der Tatsache bewusst bleibt, dass es ein Recht auf ein Kind nicht gibt und dass er es nicht nur mit einem Paar, sondern mit dem Kind als einem dritten Subjekt zu tun hat. Eine Therapie, die dieser Verantwortung gerecht werden will, kann sich deshalb nicht darauf beschränken, das Kind nur als Objekt von Elternwünschen oder Fertilisationsmethoden zu betrachten. Das Ziel jeder assistierten Reproduktion ist ein Objekt eigener Art, ein Objekt, das zugleich Subjekt ist, ein Subjekt, dem Menschenwürde zukommt. Warum kommt dem Embryo Menschenwürde zu? Die Menschenwürde kommt ihm zu, weil er Mensch ist. Mensch sein heißt Person sein und Person sein heißt, ein „Jemand“ und nicht ein „Etwas“ zu sein. Aus einem „Etwas“ kann nie ein „Jemand“ werden. Würde haben bedeutet somit, ein Rechtssubjekt zu sein. Kein Mensch ist bloß Objekt. Würde haben bedeutet, niemals und nirgends rechtlos da zu stehen. Kein Mensch fängt also – rechtlich betrachtet – bei Null an. Dieses Bekenntnis war eine kopernikanische Wende in der deutschen Verfassungsgeschichte.

Die sich aus der Menschenwürde ergebende Achtungspflicht erstreckt sich auf den Menschen in jeder Phase seines Lebens. Wo menschliches Leben existiert, so das Bundesverfassungsgericht in seinem ersten Abtreibungsurteil 1975, kommt ihm Menschenwürde zu. Es ist nicht entscheidend, ob der Träger sich dieser Würde bewusst ist und sie selbst zu wahren weiß. Die von Anfang an im menschlichen Sein angelegten potentiellen Fähigkeiten genügen, um die Menschenwürde zu begründen. Dass die Menschenwürdegarantie auch dem Embryo zukommt, wird in der Bioethikdebatte der vergangenen Jahre zunehmend bestritten. Der Zweck des Bestreitens liegt auf der Hand. Wenn ihm die Menschenwürdegarantie nicht zukommt, haben die Präimplantionsdiagnostik und die Forschung an und mit embryonalen Stammzellen freie Bahn. Dem ist entgegenzuhalten, dass die Entwicklung einer befruchteten Eizelle mit dem doppelten Chromosomensatz unleugbar die Entwicklung einer lebendigen Substanz ist, die von Anfang an das volle Lebensprogramm für die Entwicklung eines Menschen in sich trägt. Weder die Nidation noch die Geburt noch sonstige Zäsuren sind mit einer genetischen Nachbesserung verbunden. Deshalb ist die natürliche Finalität der befruchteten menschlichen Eizelle eine Vorgegebenheit des Rechts. Deshalb steht der Embryo unter dem Schutz der Menschenwürdegarantie.

Wenn der Embryo aber unter die Menschenwürdegarantie fällt, muss sich die assistierte Reproduktion einer Reihe von Fragen stellen. Seit der Geburt des ersten künstlich erzeugten Kindes in England haben sich In-Vitro-Fertilisation und Intracytoplasmatische Spermieninjektion als „Sterilitätstherapie“ durchgesetzt. In Deutschland sind seit der ersten Geburt nach künstlicher Befruchtung 1982 in der Erlanger Universitätsklinik rund 200.000 Kinder auf diese Weise geboren worden. Im Jahr 2008 waren es rund 11.400 bei rund 71.000 IVF/ICSI-Behandlungen in 120 Fertilisations- bzw. „Kinderwunsch“-Zentren. Rund zwei Jahrzehnte gab es, sieht man von der katholischen und der evangelischen Kirche sowie einigen feministisch orientierten Stimmen ab, so gut wie keine In-Frage-Stellung der künstlichen Befruchtung. Dies hat sich mit der 2001 beginnenden Bioethik-Debatte geändert. Zunehmend wird die In-Vitro-Fertilisation als die Quelle aller ethischen Probleme gesehen, vor denen Wissenschaft, Medizin und Politik stehen.

Wie lässt sich der Zweifel an der Vereinbarkeit der assistierten Reproduktion mit der Menschenwürdegarantie begründen? Nicht alle Probleme, mit denen sich die Reproduktionsmedizin auseinandersetzen muss, haben etwas mit der Menschenwürdegarantie zu tun. Dass die Erfolgsquote der IVF- und ICSI-Behandlungen nur bei rund 15 bis 17 % liegt, mithin nur jedes sechste Paar dadurch zu einem Kind kommt, dass die Reproduktionsmediziner mit gelungener Befruchtung und erzielter Schwangerschaft oft andere Erfolgskriterien haben als die Eltern, für die erst die Geburt eines Kindes ein Erfolg ist ist, dass die Fehlbildungsrate bei Kindern nach IVF und ICSI deutlich höher ist als nach natürlicher Zeugung, was lange bestritten wurde, inzwischen aber selbst den Ethikrat beschäftigt, dass auch die Mehrlingsraten mit entsprechenden Frühgeburten und Gesundheitsbelastungen deutlich höher liegen, und dass die Verfahren der assistierten Reproduktion ohne Prüfung ihrer Wirkungs- und Schädigungspotentiale, also fahrlässiger als jedes Grippemedikament eingeführt wurden, all dies beschäftigt zwar die Gynäkologen, zum Teil auch die Politik, kollidiert aber noch nicht mit der Menschenwürdegarantie.

Mit der Menschenwürde und der aus ihr abgeleiteten Pflicht, alles zu unterlassen, was Leben, Freiheit und Gleichheit des Embryos existentiell bedroht, kollidiert aber eine Reihe anderer Aspekte der Reproduktionsmedizin. Der offenkundigste, weil empirischer Beobachtung am leichtesten zugängliche Verstoß ist der euphemistisch „Mehrlingsreduktion“ genannte Fetozid nach erfolgreicher Implantation mehrerer Embryonen. Es kommt mindestens 150 mal jährlich vor. Auch das offizielle Jahrbuch der Reproduktionsmedizin, das DIV-Register weist für 2006 150 „fetale Reduktionen“ aus. Die Lage für die Eltern ist geradezu dramatisch. Die In-Vitro-Fertilisation zwingt sie zu paradoxen Entscheidungen. Sie wollen ein Kind, entschließen sich aber bei der Mehrlingsreduktion gleichzeitig, ein Kind oder mehrere töten zu lassen, eine Beziehung zwischen Geschwistern zu zerstören und dem überlebenden Mehrling ein Heranwachsen an der Seite des getöteten Bruders bzw. der getöteten Schwester zuzumuten – bleibt der getötete Mehrling doch bis zur  Geburt des lebenden in der Gebärmutter.

Zur Reduzierung der Mehrlingsraten und gleichzeitig zur Steigerung der Erfolgsraten der  assistierten Reproduktion schlagen Reproduktionsmediziner, allen voran der frühere Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, Klaus Diedrich, immer wieder die Präimplantationsdiagnostik vor. Sie ermögliche die Selektion von Embryonen nicht nur mit genetischen Defekten, sondern auch mit erhöhten Nidationschancen. Dass sie in Deutschland verboten ist, war bisher die weit überwiegende Überzeugung von Juristen, Medizinern und Politikern. Sie ist verboten, weil das Embryonenschutzgesetz nach § 1, Abs. 1, Ziffer 2 die künstliche Befruchtung nur zum Zwecke der Herbeiführung einer Schwangerschaft zulässt. Heribert Kentenich, Vorsitzender einer Arbeitsgruppe „Reproduktionsmedizin“ der Bundesärztekammer, forderte deshalb am 26. Mai 2008 in Spiegel Online eine Revision des Embryonenschutzgesetzes. Eine Diagnostik vor der Implantation würde für ihre Testverfahren die Herstellung einer wesentlich größeren Zahl von Embryonen erfordern als die In-Vitro-Fertilisation. Die Präimplantationsdiagnostik bedeutet somit Herstellung von Embryonen auf Probe. Sie bedeutet gleichzeitig die tödliche Selektion all jener Embryonen, die nicht für eine Implantation in Frage kommen. Nach Daten der Europäischen Gesellschaft für Reproduktionsmedizin und Embryologie kommen auf eine Geburt nach einer Präimplantionsdiagnostik 32 verworfene, also getötete Embryonen. Mit der Menschenwürde und den daraus resultierenden Unterlassungspflichten ist dies  unvereinbar.

Die menschliche Fortpflanzung ist ein integraler Bestandteil der menschlichen Sexualität. Die Vereinigung von Mann und Frau ist nicht nur ein physiologischer Vorgang. Sie ist eine gegenseitige Hingabe und Übereignung, die den Leib und die Seele umfasst. Sie ist eine kommunikative Praxis von Personen unterschiedlichen Geschlechts, nicht ein Machen oder Herstellen. Die leib-seelische Einheit der Vereinigung und des Zeugungsgeschehens geht durch die IVF verloren. Schon 1985 hatte die EKD in einer heute weithin vergessenen „Handreichung zur ethischen Urteilsbildung“ bei künstlicher Befruchtung auf die Interdependenzen physischer und psychischer Vorgänge in Zeugung, Schwangerschaft und Geburt hingewiesen und vor dem Verlust der leib-seelischen Ganzheit des Zeugungsvorganges durch die IVF gewarnt. Dies gilt in verstärktem Maße für die heterologe IVF und die Leihmutterschaft, aber es gilt auch für die homologe IVF. Die katholische Kirche verteidigt in den Erklärungen der Glaubenskongregation „Donum Vitae“ (1987) und „Dignitas Personae“ (2008) den ehelichen Liebesakt in seiner leib-seelischen Ganzheit als den einzigen legitimen Ort, der der menschlichen Fortpflanzung würdig ist. Die Eheleute hätten das Recht und die Pflicht, „dass der eine nur durch den anderen Vater oder Mutter wird.“ Die Fortpflanzung werde ihrer eigenen Vollkommenheit beraubt, wenn sie nicht als Frucht des ehelichen Liebesaktes, sondern als Produkt eines technischen Eingriffs angestrebt werde. Mit der Verteidigung der Sexualität und des ehelichen Liebesaktes als einer leib-seelischen Einheit bringen die Kirchen zum Ausdruck, dass es eine Würde der menschlichen Fortpflanzung gibt, die gewiss vielfach missachtet wird, nicht nur in der IVF – die aber dennoch eine Voraussetzung gelingenden Lebens ist. Die EKD spricht von der „Würde werdenden Lebens“, die katholische Kirche von der „Würde der Fortpflanzung“. Die Menschenwürde und die aus ihr abgeleitete Pflicht, den anderen Menschen nicht ausschließlich als Instrument – zur Erfüllung des Kinderwunsches – zu benutzen, gebieten eine Form der Fortpflanzung, in dem sich Mann und Frau als Personen begegnen und im biblischen Sinne „erkennen“. Sie gebieten, in Zeugung und Schwangerschaft nicht nur technische Vorgänge, sondern anthropologische Grundbefindlichkeiten zu sehen.

Welche Gründe sprechen aus der Perspektive des Kindes gegen die IVF? Es ist von seinen Eltern gewünscht. Das unterscheidet es nicht von den meisten natürlich gezeugten Kindern. Aber es ist im Unterschied zu diesen nicht die Frucht des ehelichen Liebesaktes, die zwar erhofft, aber nie gemacht werden kann, sondern es ist das Produkt des Fortpflanzungsingenieurs und des Willens der sich ihm anvertrauenden Eltern. Kant würde sagen, es ist ihr „Gemächsel“. Es verdankt seine Entstehung einem technischen Verfügungs- und Herrschaftswissen, einer „instrumentellen Vernunft“ (M. Horkheimer). Als „Gemächsel“ aber befindet sich der Mensch in einer existentiellen Abhängigkeit von denen, die ihn machen, nicht erst dann, wenn er deren Erwartungen nicht erfüllt. Der Beginn seiner Existenz steht unter dem Vorbehalt des Willens seiner Eltern und des Wissens des Fortpflanzungsingenieurs. Dies gilt für jede IVF – Behandlung, also nicht erst für jene, die mit einer PID verbunden wird, mittels der der Embryo einem Qualitätscheck unterzogen, nach bestimmten Merkmalen ausgewählt, für bestimmte therapeutische Zwecke erzeugt oder mittels einer Gentherapie programmiert wird. Diese bedingte Existenz widerspricht der Symmetrie der Beziehungen, die eine wesentliche Voraussetzung für interpersonale Beziehungen und für den egalitären Umgang von Personen ist. Sie widerspricht seiner fundamentalen Gleichheit als Mensch wie auch seiner Freiheit. Damit verletzt die IVF die Menschenwürdegarantie, auch wenn der künstlich erzeugte Mensch nach seiner Nidation zum geliebten Kind seiner Eltern wird, sich normal entwickelt und als Mitbürger die gleichen Rechte und Pflichten hat wie jeder andere.

Kann man dem Kind das Recht zusprechen, auf natürliche Weise gezeugt und nicht im Labor eines „Kinderwunsch-Zentrums“ erzeugt zu werden? Selbst wenn man einen derartigen Rechtsanspruch verneint mit der Begründung, niemand könne vor seinem Dasein ein subjektives Recht geltend machen, so lassen sich aus der Menschenwürdegarantie, die jedem Menschen von Beginn seiner Existenz an zukommt, doch Pflichten für die Eltern ableiten, die nicht erst mit der Geburt oder der Nidation des Kindes einsetzen, sondern bereits seine Zeugung betreffen. Die erste Pflicht der Eltern ist die, das Kind vom ersten Augenblick seiner Existenz an als Person zu achten. Es ist weder ihr Produkt noch ihr Eigentum. Dem entspricht ein Recht des Kindes, von der Empfängnis an als Person geachtet zu werden. Es ist Rechtssubjekt. Es hat das Recht, „die Frucht des spezifischen Aktes der ehelichen Hingabe seiner Eltern zu sein“. Diese Verteidigung des Geschlechtsaktes seitens der katholischen Kirche ist zugleich eine Verteidigung der Würde des Kindes.

Die In-Vitro-Fertilisation hat das Tor geöffnet für die Präimplantationsdiagnostik, den Qualitätscheck der Embryonen und damit für die Zertifizierung der Zeugung. Der Weg vom zertifizierten Qualitätsmanagement des reproduktionsmedizinischen Zentrums zum Qualitätsmanagement seines Produkts ist konsequent. Der Bundesgerichtshof hat ihn mit seinem Urteil vom 6. Juli 2010 weit geöffnet. Dass die Präimplantationsdiagnostik nicht auf die viel zitierten 100 tragischen Fälle von Embryonen mit bestimmten genetischen Anomalien zu begrenzen ist, sondern der Produktion von Embryonen mit den jeweils von Eltern oder Reproduktionsmedizinern gewünschten Merkmalen dient, hat nach der Enquetekommission des 14. Deutschen Bundestages „Recht und Ethik in der modernen Medizin“ und dem damaligen Ethikrat im Sommer 2004 auch der Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung des 15. Deutschen Bundestages festgestellt. Die britische Behörde zur Genehmigung der PID hat in ihrem Krankheiten-Register inzwischen rund 130 Krankheitsdispositionen, die eine PID ermöglichen. Die Präimplantationsdiagnostik ist die logische Konsequenz der In-Vitro-Fertilisation und die Genmanipulation wird die logische Konsequenz der Präimplantationsdiagnostik sein.

Quelle: Lebensforum, Nr. 94, 2/2010

Manfred Spieker unterrichtet Christliche Sozialwissenschaft an der Universität Osnabrück. In dem von ihm herausgegebenen Buch „Biopolitik. Probleme des Lebensschutzes in der Demokratie“, Paderborn 2009 erörtert er ausführlich die Problematik der künstlichen Befruchtung.

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Mittwoch 4. August 2010 um 7:57 und abgelegt unter Lebensrecht, Medizinische Ethik.