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Bausteine fĂĽr eine Ethik des Lebens

Freitag 21. Mai 2010 von Dr. Werner Neuer


Dr. Werner Neuer

Bausteine fĂĽr eine Ethik des Lebens

Vorbemerkung: Das folgende Referat ist angesichts der zur Verfügung stehenden Zeit eigentlich eine „unmögliche  Möglichkeit“: Es kann aufgrund der gebotenen Kürze nicht mehr sein als ein skizzenhafter Überblick, der wenigstens kurz die in meiner Sicht wichtigsten Fragen einer christlichen Lebensethik auf dem Hintergrund der gegenwärtigen medizinethischen Probleme anspricht, ohne ausführliche Begründungen und Belege geben zu können.

A. Die besonderen Herausforderungen einer Ethik des Lebens heute
Eine Ethik des Lebens steht heute unter ganz besonderen Herausforderungen. Diese lassen sich in folgenden drei Punkten zusammenfassen:

1. Der weltweite Krieg gegen das Leben und die Spirale des Schweigens
Das menschliche Leben ist heute weltweit in einem Ausmaß bedroht, das man nur als dramatisch bezeichnen kann: Für die erste Lebensphase ist hier an die international weit verbreitete Massenabtreibung zu erinnern. Seine Endphase ist in wachsendem Maß  gefährdet durch die um sich greifenden Euthanasiepraktiken, die in den Niederlanden, Belgien und Luxemburg bereits in gewissen Grenzen gesetzlich sanktioniert sind.[1] Angesichts von derzeit etwa 40 Millionen geschätzten Abtreibungen jährlich, zu denen noch die Zahl der (ebenfalls in die Millionen gehenden!) Embryonen hinzuzurechnen ist, die durch nidationshemmende Mittel bzw. durch die Embryonenforschung ums Leben kommen, ist es wahrlich keine Übertreibung, von einem weltweiten „Krieg gegen das menschliche Leben“ zu sprechen. Besonders bestürzend an diesem weltweiten Kampf gegen das Leben ist die Tatsache, dass er seit den 1960er Jahren ausgerechnet von den demokratischen Rechtsstaaten Europas und Nordamerikas seinen Ausgang genommen hat, obwohl in deren Verfassungen das Grundrecht auf Leben ausdrücklich geschützt und für unantastbar erklärt wird. Die ursprünglich einmal vom Christentum und der Menschenrechtstradition geprägten westlichen Staaten folgten damit paradoxerweise dem Beispiel der bewusst auf einer atheistisch-materialistischen Weltanschauung aufgebauten Sowjetunion, die im Jahre 1920 als erstes europäisches Land die Abtreibung legalisierte.[2] Es war Mutter Teresa, die in ihrer berühmten Rede bei der Entgegennahme ihres Friedensnobelpreises am 10. Dezember 1979 den Skandal der weltweiten Abtreibung mit den drastischen, aber treffenden Worten anprangerte: „… der größte Zerstörer des Friedens ist heute der Schrei des unschuldigen, ungeborenen Kindes … Für mich sind die Nationen, die Abtreibung legalisiert haben, die ärmsten Länder.“[3] Einige Jahre später (1995) machte Papst Johannes Paul II. in seiner  Enzyklika Evangelium Vitae auf die „erschütternde Vermehrung und Verschärfung der Bedrohungen des Lebens“ und auf die um sich greifende „Verfinsterung des Wertes des Lebens“ aufmerksam, die letztlich in einer „Verfinsterung des Sinnes für Gott und den Menschen“ ihre Grundlage habe.[4] Die Dramatik dieser neuen Bedrohungen des Lebens besteht nach Johannes Paul II. darin, dass sie von „breite[n] Schichten der öffentlichen Meinung … im Namen der individuellen Freiheit“ gerechtfertigt werden und für sie „Straffreiheit“ bzw. die „Genehmigung des Staates“ eingefordert wird.[5] Durch die in fast allen Industrieländern erfolgte Legalisierung der Abtreibung ist die massenhafte Tötung ungeborener Kinder inzwischen nicht nur in erschreckendem Umfang gesetzlich abgesichert, sondern wird sogar vom Staat oder von den Krankenkassen finanziert. Das Unheimliche dieses „Weltkrieges gegen das Leben“ besteht nicht zuletzt darin, dass er – obwohl er vor den Augen der Regierungen, Kirchen und der breiten Bevölkerung stattfindet – in den meisten Ländern weder auf große Beachtung in den Medien noch auf nennenswerten Protest der breiten Bevölkerung oder wenigstens des Kirchenvolks stößt: Die jährlich weit über 100.000 „legalen“ Abtreibungen in Deutschland veranlassen gerade noch etwa 1.000 Bundesbürger dazu, am jährlichen Protestmarsch für das Leben in Berlin teilzunehmen. Zur Legalisierung der Verbrechen gegen das menschliche Leben gesellt sich also eine „Spirale des Schweigens“, die sich mit den Menschen verachtenden Verhältnissen abgefunden hat und darauf verzichtet, mit Nachdruck, Beharrlichkeit und Engagement auf eine Änderung der Situation hinzuwirken bzw. auf eine Wiederherstellung des vollen Rechtsschutzes für das menschliche Leben von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod zu bestehen.

2. Die Herausforderung für Kirche und Theologie angesichts ihrer Identitätskrise
Die beschriebene Lage trifft zumindest in Europa und in Nordamerika die meisten christlichen Kirchen in einer schweren Krise ihrer Identität: Elementare geistliche Überzeugungen, mit denen der Glaube steht und fällt, können auch unter Pfarrern und Theologen längst nicht mehr als selbstverständlich vorausgesetzt werden. Die Auseinandersetzung mit der säkularen Gesellschaft und den nichtchristlichen Religionen (v.a. dem Islam) hat viele  Christen in eine große Verunsicherung versetzt, welche die freudige Gewissheit missionarischen Zeugnisses beeinträchtigt oder sogar verhindert.  „Selbstsäkularisierung“ der Kirche (Bischof Huber) und die auch unter Theologen verbreitete Infragestellung des Absolutheitsanspruches Jesu[6] hatten und haben auf viele Christen eine lähmende Wirkung. Die angesprochene Identitätskrise betrifft die meisten christlichen Kirchen und ist sicher ein maßgeblicher Grund dafür, dass sie in dogmatischer und ethischer Hinsicht viel an Überzeugungskraft eingebüßt haben. In lebensethischer Hinsicht zeigt sich dieser Schwächezustand in Deutschland z.B. darin, dass in der jährlich von den beiden großen Kirchen veranstalteten „Woche für das Leben“ seit Jahren die Abtreibungsfrage so in den Hintergrund getreten ist, dass Stefan Rehder kürzlich feststellen musste: „Die Kirchen haben sich – von einzelnen Stimmen abgesehen – damit abgefunden, dass in einem der reichsten Länder der Erde jedes Jahr hunderttausende unschuldige und wehrlose Kinder im Mutterleib getötet werden.“[7]

3. Die Herausforderung fĂĽr die christliche Ethik angesichts der Krise der ev. Ethik
Zur beschriebenen Identitätskrise kommt – vor allem auf Seiten der evangelischen Ethik im deutschsprachigen Raum – häufig ein situationsethischer Relativismus,[8] dessen Infragestellung der unbedingten Geltung der göttlichen Gebote im Namen einer situationsgemäßen „Freiheit“ oder „Liebe“ der vordringenden „Kultur des Todes“ den Weg geebnet hat, anstatt ihr entschlossen zu widerstehen. Auch der in der säkularen Gesellschaft weitverbreitete Utilitarismus[9] blieb in den evangelischen Kirchen nicht ohne Folgen: Die Infragestellung göttlicher Gebote aufgrund von Güterabwägung führte z.B. dazu, dass die EKD in der Schwangerenberatung bis heute die vom Staat den Kirchen aufgenötigte Beratungsscheinpraxis akzeptiert, die eine kirchliche Mitwirkung bei der straffreien Tötung ungeborener Kinder beinhaltet, um dadurch möglicherweise Abtreibungen zu verhindern.[10]

All diese Einflüsse waren maßgebliche Gründe dafür, dass die Preisgabe des unbedingten Lebensschutzes durch den säkularen Staat bei den evangelischen Kirchen in der Regel auf wesentlich geringeren Widerstand stieß als bei der römisch-katholischen Kirche.[11] Mit dem situationsethischen und utilitaristischen Relativismus verband sich in der evangelischen Ethik eine tiefgreifende Abkehr von der biblischen Schöpfungsethik: Anstelle einer entschiedenen Neubesinnung auf Ehe und Familie als geistlich und menschlich alternativlosen Schöpfungsordnungen Gottes, die in der auf egoistische „Selbstverwirklichung“ ausgerichteten säkularen Gesellschaft in starke Bedrängnis geraten sind, öffnete sich die protestantische Ethik vielfach ideologischen Strömungen, die unter dem Einfluß einer oft aggressiv agierenden internationalen Schwulenbewegung auf eine prinzipielle ethische Neubewertung praktizierter Homosexualität (bis hin zu deren Anerkennung als „Schöpfungsvariante Gottes“) hinausliefen[12] oder unter dem Einfluß des Feminismus bzw. der neueren Bestrebungen um Gender mainstreaming eine grundlegende Überwindung der traditionellen Geschlechterpolarität anstreben.[13]

Die skizzierten Tendenzen im gegenwärtigen Protestantismus sind im Lichte einer reformatorischen Ethik beurteilt zweifellos schwerwiegende Fehlentwicklungen, die sich nicht auf die Reformation berufen können. Sie bedrohen vielmehr das gemeinsame Erbe der christlichen Ethik aller Konfessionen! Dies hat der namhafte katholische Moraltheologe Eberhard Schockenhoff kürzlich in einem sehr kritischen, aber durchaus  fairen Aufsatz zur gegenwärtigen evangelischen Ethik mit Recht herausgearbeitet.[14] Die Folgen dieser Situation für die evangelische Lebensethik sind gravierend: Eine wirklich konsequente „Ethik des Lebens“, die trotz der herrschenden „Kultur des Todes“ ein unzweideutiges Nein zu Abtreibung und Euthanasie hat, scheint im deutschsprachigen Protestantismus zur Minderheitenposition geworden zu sein und am ehesten noch von Theologen vertreten zu werden, die der evangelikalen Bewegung nahe stehen oder zu ihr gehören.[15]

B. Die fundamentalethischen Herausforderungen einer Ethik des Lebens
Die fundamentalethischen Herausforderungen einer Ethik des Lebens möchte ich ebenfalls in drei Punkten zusammenfassen:

1. Die Notwendigkeit einer deontologischen BegrĂĽndung der Ethik in Gottes Gebot:
In der neueren christlichen Ethik ist es üblich geworden, das ethische Handeln einer möglichst umfassenden Reflexion zu unterziehen und auf diese Weise möglichst stichhaltig zu begründen. Dieses Bemühen ist in keiner Weise zu beanstanden und ist unverzichtbarer Bestandteil jeder wissenschaftlichen christlichen Ethik. Dabei droht jedoch ein Wesensmerkmal der christlichen Ethik in den Hintergrund zu treten, das ihr unverzichtbar eigen ist und nie preisgegeben werden darf: Die Tatsache nämlich, dass der christlichen Ethik Gottes Wille und Gebot zugrunde liegen. Gottes Wille und Gebot aber sind unbedingt verpflichtend und zielen auf den Gehorsam des Menschen. Das göttliche „Du sollst“ hat kategorischen Charakter und kann nicht im Sinne eines bloßen „Du darfst“ gedeutet oder gar dadurch ersetzt werden. Die heute auch im Raum der Kirche häufige Leichtfertigkeit, mit der klare Gebote Gottes relativiert oder sogar gebrochen werden, zeigt, dass die Ehrfurcht vor dem unbedingt zu respektierenden und zu befolgenden Willen Gottes vielfach geschwunden ist – wie überhaupt das Wissen um den gebietenden und uns gesamthaft verpflichtenden Gott weithin dem anthropozentrischen Gedanken der letztlichen Autonomie und Verantwortlichkeit des Menschen gewichen ist. Es liegt auf der Hand, dass die Folgen dieser fehlenden Ehrfurcht nirgendwo verheerender sind als im Bereich der Lebensethik, weil hier das Leben selbst als das fundamentale kreatürliche Gut des Menschen auf dem Spiel steht.

2. Die Notwendigkeit einer ontologischen BegrĂĽndung der Ethik in Gottes Werk
Die deontologische Verankerung der Ethik in Gottes Gebot darf freilich in keiner Weise zu einer Vernachlässigung ihrer ontologischen Begründung führen, weil sich Gottes Wille immer auch in seinem Werk (d.h. im Sein der Schöpfung und Erlösung) kundtut und dessen Struktur und Eigentümlichkeit bestimmt. Für die Schöpfungsethik bedeutet das: Dem Schöpferwillen Gottes entspricht zutiefst immer auch die Beschaffenheit seiner Schöpfung, so dass das Gebot Gottes für den Menschen zugleich das „Schöpfungsgemäße“ (oder „Seinskonforme“) ist, das mit dem kreatürlichen Wesen des Menschen in Übereinstimmung steht – was sich (jedenfalls in gewissen Grenzen) dann auch empirisch aufzeigen lässt.[16] So lässt sich zeigen, dass etwa die zweite Tafel der Zehn Gebote dem kreatürlichen Wesen des Menschen gerecht wird, indem die Befolgung der Gebote sein Leben erhält und sein leib-seelisches Wohl ermöglicht, während deren Missachtung Leben und Lebensqualität zerstört.[17]

Die ontologische Begründung der christlichen Ethik ermöglicht ihre Verstehbarkeit nicht nur für Christen, sondern auch für Nichtglaubende: Für die Lebensethik hat dies die gewichtige Konsequenz, dass sich ihre Normen als allgemeingültig erweisen lassen und daher grundsätzlich auch für Nichtchristen einsehbar sind. Diese Tatsache ermöglicht den Christen, die für jede Lebensethik notwendige Unverfügbarkeit menschlichen Lebens auch in der säkularen Gesellschaft plausibel zu machen und ihre fundamentale Bedeutung für jede humane Gesellschaft und humanitäre Ethik und jeden Rechtsstaat aufzuzeigen. Das Eintreten der Christen gegen Abtreibung und Euthanasie ist daher kein Ausdruck christlicher „Binnenethik“, sondern notwendiges Engagement für den Erhalt einer rechtsstaatlichen, die Menschenwürde respektierenden Gesellschaftsordnung. Es sollte daher eigentlich von jedem überzeugten Demokraten oder Humanisten begrüßt und unterstützt werden.

Die ontologische Begründung der christlichen Ethik bestimmt nicht nur ihre Lebens- und Schöpfungsethik, sondern auch ihre spezifisch christliche Reich-Gottes-Ethik: Da das Glaubensleben des Christen in dem neuen Sein der Liebe gründet, das dem Glaubenden von Gott als Frucht der Erlösung Jesu geschenkt wird (Röm 5,5; Gal 5,6), ist die christliche Ethik mehr als bloß geschöpfliche Lebensethik, sie ist Ethik des Reiches Gottes und des ewigen Lebens, die auf die Lebensfülle und Vollendung des Menschen in der Gemeinschaft mit dem dreieinigen Gott zielt. Diese eschatologische Dimension der christlichen Ethik bestätigt die Schöpfungsethik, weil das geschöpfliche Leben die Voraussetzung des ewigen Lebens mit Christus ist. Sie überbietet, vertieft und erweitert aber auch die Schöpfungsethik als Ethik des „Vorletzten“ (Bonhoeffer), insofern sie das ewige Ziel menschlicher Existenz als „letzten“ Horizont der Ethik ernst nimmt. Die auf das ewige Heil ausgerichtete Erlösungsethik relativiert also in keiner Weise die auf das „irdische“ Wohl ausgerichtete Schöpfungsethik, sondern verstärkt sogar noch deren Bedeutung, insofern das Schöpfungshandeln Gottes die Voraussetzung seines erlösenden und vollendenden Gnadenhandelns ist. Um diesen Zusammenhang an einem konkreten Beispiel der Lebensethik zu verdeutlichen: Das schon in der Erschaffung gründende unbedingte liebende Ja Gottes zum Menschen als Geschöpf wird durch die Tatsache vertieft, dass Gott in Jesus auch den Menschen als Sünder liebt, und zwar so sehr, dass er am Kreuz seinen geliebten Sohn für den Menschen dem Tod preisgibt! Die Tötung eines Menschen ist in dieser Perspektive nicht nur ein Angriff auf Gottes Schöpferhandeln, sondern auch eine Verneinung des erlösenden Leidens und Sterbens Jesu am Kreuz. Sie ist nicht nur Empörung gegen Gott den Schöpfer, sondern auch gegen Gott als Erlöser und Vollender des Menschen.

3. Die Notwendigkeit einer theologischen BegrĂĽndung in Gottes Wesen
Die christliche Lebensethik hat ihre tiefste Verankerung im Wesen des dreieinigen Gottes. Denn Gott ist das vollkommene, absolut gute und gerechte Leben, die alles menschliche Begreifen sprengende göttliche Lebens- und Liebesfülle in Person. Weil der dreieinige Gott das Leben und die Liebe in Person ist, ist er alleiniger Geber aller kreatürlichen Lebendigkeit, ein „Freund des Lebens“, der jeden Angriff auf das Leben des Menschen verbietet und verwirft. Schon der noachitische Bund Gottes mit der vorchristlichen Menschheit macht deutlich: Wer den Menschen als Abbild Gottes antastet, tastet Gott selber an und hat den Tod verdient (1 Mo 9,6)! Gottes Gebot „Du sollst nicht töten“ ist also nicht eine bloß auf eine bestimmte Zeit oder Gruppe (sei es Israel oder die Christenheit) zu beziehende – und deshalb mit einem Vorbehalt zu versehende – theokratische Anordnung, sondern eine der ganzen Menschheit geltende und somit universale Norm, weil sie in seinem ewigen und unwandelbaren göttlichen Wesen begründet. Damit hat die christliche Lebensethik ein absolut gültiges Fundament, das sich jeder relativierenden Willkür des Menschen entzieht.

C. Die inhaltlichen Herausforderungen einer heutigen Ethik des Lebens:
Auch die mannigfaltigen Herausforderungen einer heutigen Ethik des Lebens möchte ich in drei Punkten zusammenfassen.

1. Neue Betonung der UnverfĂĽgbarkeit des eigenen Lebens:
Da in den letzten Jahren immer häufiger das Recht auf einen „selbstbestimmten Tod“ geltend gemacht wird,[18] wird die christliche Lebensethik wieder ganz neu daran erinnern müssen, dass wir Menschen aufgrund unserer Geschöpflichkeit nicht das Recht haben, das uns anvertraute Leben nach unserem Gutdünken vorzeitig zu beenden. Dies gilt nicht nur für das unserer Verfügung ohnehin entzogene Leben des Anderen, sondern gleichermaßen auch für das uns geschenkte eigene Leben: Da wir nicht Geber des Lebens sind, sind wir auch nicht berechtigt, darüber zu verfügen, indem wir es beenden. Denn damit würden wir Gottes Eigentums- und Herrschaftsrecht antasten. Weil der Ruf nach vorzeitiger Beendigung des eigenen Lebens in den allermeisten Fällen Folge mangelnder menschlichen Zuwendung ist, schließt das kategorische Verbot, das eigene Leben vorzeitig zu beenden, freilich auch die Pflicht für die Mitmenschen ein, den Sterbewilligen so zu lieben und mit ihm umzugehen, dass diesem Wunsch die Grundlage entzogen wird. Langjährige Erfahrungen in der Palliativmedizin bestätigen, dass sich die Sterbewilligkeit auf diese Weise in der Regel beseitigen lässt.[19]

Neue Betonung der UnverfĂĽgbarkeit allen menschlichen Lebens vor und nach der Geburt:
Angesichts der weltweiten Massenabtreibung beinhaltet diese Betonung zunächst einmal das unzweideutige Nein ohne jedes Ja zur Tötung des ungeborenen Kindes durch Abtreibung. Dies hat nicht nur individualethische Konsequenzen für jeden einzelnen Betroffenen (Mütter, Väter, deren Eltern und Ärzte), sondern auch sozialethische: Die Überwindung der Abtreibung ist eine Aufgabe für den Staat (indem er den Rechtschutz des ungeborenen Kindes garantiert und Ehe und Familie unter seinen besonderen Schutz stellt und fördert), für die Gesellschaft (indem sie Hilfen für schwangere Frauen und deren Familien bereitstellt und für ein familien- und kinderfreundliches Klima sorgt) und für die Kirchen (indem diese in ihrer Verkündigung und Lehre kraftvoll das „Evangelium des Lebens“ bezeugen und den betroffenen Müttern und Familien die nötige seelsorgerliche und karitative Hilfe anbieten). Das Ziel muß jeweils sein, dass der Staat, die Gesellschaft und die Kirchen sich in „Wort und Tat“ als lebensbejahend, ehe- und familienfreundlich erweisen, damit eine „Kultur des Lebens“ entsteht, die von der Wertschätzung jedes menschlichen Lebens und vom alternativlosen Wert von Ehe und Familie geprägt ist.

Das unbedingte Ja zum menschlichen Leben in allen seinen Phasen beinhaltet auch eine unzweideutige Verwerfung der Embryonenforschung, der nidationshemmenden Mittel und der In-Vitro-Befruchtung (IVF).[20] Diesem Bereich der Lebensethik wird (auch unter Evangelikalen!) meist zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet, weil von vielen offenbar das Leben in den ersten Tagen seiner Entwicklung (d.h. vor der Einpflanzung in die Gebärmutter) noch nicht als vollmenschliches Leben angesehen wird. Hier muß die christliche Lebensethik das weithin fehlende Bewußtsein dafür schärfen, dass auch Nidationshemmung Tötung menschlichen Lebens ist! In diesem Zusammenhang ist viel zu wenig bekannt, daß zu den nidationshemmenden Mitteln nicht nur die sog. postcoitale „Pille danach“ gehört, sondern leider auch die ganz „normale“, als Ovulationshemmer bekannte „Anti-Baby-Pille“! Es wird höchste Zeit, dass in den christlichen Ethiken und in der kirchlichen Katechese dieser hinreichend nachgewiesenen, [21] teils aber noch immer unbekannten, teils verschwiegenen und teils immer bagatellisierten Tatsache endlich die gebührende Aufmerksamkeit zuteil wird. Die mangelnde Aufklärung über die multifaktorielle und potentiell nidationshemmende Wirkung der Pille trug nicht wenig zur jener weitgehenden Akzeptanz der „Pille“ in christlichen Kreisen bei, die auf dem Münchener Kirchentag in der medizinisch und theologisch gleichermaßen unverantwortlichen Äußerung der ehemaligen EKD-Ratsvorsitzenden Margot Käßmann gipfelte, dass die Pille ein „Geschenk Gottes“ sei.[22]

Die bedingungslose Bejahung des menschlichen Lebens beinhaltet natürlich auch die vorbehaltlose Ablehnung der sog. „aktiven Sterbehilfe“ bzw. Euthanasie.[23] Hier bedarf es in den nächsten Jahren der Wachsamkeit und des Engagements möglichst vieler christlicher Theologen, Kirchenführer und sog. „Laien“, damit der Kampf um die Verhinderung europaweiter Euthanasie nicht in ähnlicher Weise verloren geht wie der leider (jedenfalls vorerst) verloren gegangene Kampf um die Aufrechterhaltung bzw. Wiederherstellung des Rechtsschutzes für ungeborene Kinder.

In diesem Zusammenhang muß m.E. auch die derzeitige Praxis der Organtransplantation kritisch angesprochen werden. Die Transplantationsmedizin ist ja als medizinische Errungenschaft solange begrüßenswert und ethisch unbedenklich, solange die Organe toten Menschen mit deren Einwilligung entnommen werden. Das Problem der gegenwärtigen  Transplantationsmedizin besteht aber gerade darin, dass sie zu etwa 75% auf der Organentnahme von sog. „Gehirntoten“ basiert. Dagegen wäre – wie gesagt – nichts einzuwenden, wenn es sich bei den sog. „Hirntoten“ um biologisch unzweideutig tote Menschen handeln würde. Davon aber kann keine Rede sein: Die Ersetzung des biologischen Todes durch den sog. „Gehirntod“ beruht auf einer willkürlichen (weil biologisch völlig unbegründeten und unhaltbaren!) Definition, die erst im Jahre 1968 von einer Harvard-Kommission formuliert wurde und sich international trotz des Protestes und der Einwände namhafter Mediziner, Ethiker, Theologen und Philosophen sehr rasch verbreitet hat, um für die Transplantationsmedizin möglichst optimale Voraussetzungen zu schaffen. Diese Neudefinition des Todes war zwar unter utilitaristischen Gesichtspunkten sehr nützlich (weil sie die Möglichkeiten der Organtransplantation erheblich erweitert hat), ließ und lässt sich aber bis auf den heutigen Tag biologisch nicht bestätigen, da der Organismus sog. „Hirntoter“ vor Eintritt des biologischen Todes noch zahlreiche unzweifelhafte Lebensfunktionen (z.B. Herzschlag, Kreislauf, Nieren- und Verdauungsfunktion, Hormonproduktion, Reflexe, Heilungsprozesse, u.U. sogar Gebärfähigkeit) erkennen lässt. Bestimmte Organe (Herz, Lunge, Bauchspeicheldrüse, Leber) lassen sich nämlich nach Eintreten des biologischen Todes (der durch das Erlöschen der für den Gesamtorganismus wesentlichen Lebensvorgänge wie Herz-Kreislauftätigkeit und der Gehirnfunktionen gekennzeichnet ist) nicht mehr transplantieren, wohl aber auf der Basis des sog. „Hirntodes“, der ein irreversibles Erlöschen der messbaren Gehirnfunktionen beinhaltet, keineswegs aber ein Ende aller wesentlichen Lebensfunktionen des Organismus. Seit 1968 arbeitet die Transplantationsmedizin weltweit überwiegend auf der Basis des Gehirntodes, obwohl die Debatte um die Legitimität und Plausibilität des „Hirntodkonzeptes“ noch längst nicht beendet ist.[24] Geht man von dem für die Lebensethik unausweichlichen Grundsatz „in dubio pro vita“ (d.h. „im Zweifelsfall für das Leben“) aus, dann ist diese medizinische Praxis ethisch absolut untragbar, auch wenn sie sich längst durchgesetzt hat.

Hinwendung zu einer allgemeinen Ethik der „Ehrfurcht“ vor dem Leben und vor Gottes Schöpferweisheit:
Abgesehen von der unabdingbaren Respektierung der Unverfügbarkeit allen menschlichen Lebens ist in Kirche und Gesellschaft eine tiefgreifende Änderung der Gesinnung notwendig: Wir (post) moderne Menschen haben weithin auch als Christen die tiefe Ehrfurcht vor dem Wunder des Lebens im Allgemeinen und des Menschen im Besonderen verloren. Das ehrfürchtige Staunen und der Jubel der biblischen Frommen angesichts der Gottes unermessliche Weisheit widerspiegelnden Herrlichkeit der Schöpfung, wie sie sich in den sog. Schöpfungspsalmen kundtun (Ps 8; 19; 33; 104; 139 u.a.), sind uns weithin abhanden gekommen. Stattdessen sind wir vielfach Opfer eines Machbarkeitsdenkens geworden, das sich anmaßt, das geschöpfliche Leben nach unserem persönlichen Belieben und Gutdünken zu behandeln, zu manipulieren oder – im Konfliktfall – sogar zu töten. Die auch unter vielen Christen heimisch gewordene Verhütungsmentalität, die sich in einem inflationären und selbstverständlichen Gebrauch von Verhütungsmitteln äußert, ist beispielsweise ein Symptom dafür, dass anstelle der ehrfürchtigen Bejahung der in der Bibel so vielfach gepriesenen Segensgabe der Fruchtbarkeit[25] heute vielfach deren Verneinung, Ausschaltung oder gar Zerstörung getreten ist. Kinder werden allzu häufig nicht mehr einfach und vorbehaltlos als „Gabe des Herrn“ (Ps 127,3) willkommen geheißen und bejaht, sondern zu einem erwünschten oder unerwünschten “Produkt“ der Familienplanung degradiert oder gar als bedauerlicher „Verhütungsfehler“ abgelehnt, der dann nachträglich durch Abtreibung „korrigiert“ werden. Die gegenwärtige, historisch in Friedenszeiten noch nie da gewesene demographische Entwicklung in den Ländern Europas[26] ist das Ergebnis einer verbreiteteten Haltung, die man ohne Übertreibung als fruchtbarkeits- und kinderfeindlich bezeichnen kann, die sich jedenfalls weit entfernt hat von jener tiefen „Ehrfurcht vor dem Leben“, von der das biblische Schöpfungsdenken geprägt ist und die – zur Beschämung von uns Christen sei es gesagt – teilweise sogar in den nichtchristlichen Religionen zu beobachten ist. Albert Schweitzer hat mit seiner berühmten Formulierung „Ehrfurcht vor dem Leben“ jedenfalls die biblische Haltung zur Schöpfung treffend in Worte gefasst. Auch wenn mit dieser Formel längst nicht alle lebensethischen Fragen geklärt sind,[27] so ist doch mit ihr die Grundhaltung beschrieben, die uns als Christen im Umgang mit dem menschlichen Leben bestimmen sollte.[28] Der große Bibeltheologe Adolf Schlatter hat in seiner Dogmatik diese Grundhaltung ähnlich wie Schweitzer in folgende Worte gefasst: „Daß wir uns nicht in unserer, sondern in Gottes Welt be­wegen, das gibt uns die Ehrfurcht vor der Wirklichkeit und verwehrt uns, klü­ger sein zu wollen als jener Gedanke, durch den das Bestehende entstand.“[29]

Die notwendige Ehrfurcht vor der Schöpfung und dem kreatürlichen Leben wird sich freilich nicht einstellen, solange wir nicht zu einer neuen Hinwendung zu Gott gelangen, die ihn wieder ganz neu als Schöpfer und Herrn unseres Lebens ehrt. Erst wenn wir wieder IHN, die Quelle allen Lebens, „fürchten, lieben und vertrauen“ (Luther), werden wir auch gegenüber der Schöpfung, dem geschöpflichen Leben und dem Menschen als Krone der Schöpfung die rechte Grundhaltung gewinnen: „Der Mensch bleibt uns Mensch und die Natur Natur, solange uns Gott Gott ist.“[30] Denn Er, der dreieinige Gott, ist es, der uns in Seiner Lebensfülle täglich überreichlich und gänzlich unverdient beschenkt mit Seinen Gaben. Die kostbarste seiner Gaben aber ist das Leben: das kreatürliche Leben in seiner Zerbrechlichkeit und das im Glauben an Jesus Christus empfangene unzerstörbare ewige Leben. Dieses uns geschenkte und anvertraute Leben zu ehren, zu erhalten und zu entfalten, ist unsere Aufgabe als Geschöpfe und Kinder Gottes! Um dieser anspruchsvollen Aufgabe gerecht zu werden, sollte uns die christliche Lebensethik verlässliche Orientierung und Hilfestellung geben.


[1] S. die Kongressbeiträge von T.S. Hoffmann und O.W. Hahn auf diesem Blog.

[2] Vgl. dazu meinen Artikel „Abtreibung“ in: Evangelisches Lexikon für Theologie und Gemeinde (hg. v. H. Burkhardt/U.Swarat), Wuppertal/Zürich, Bd. 1, 14-16.

[3] Zit. nach J. Mc Govern, Christi Liebe weitergeben, Freiburg/Basel/Wien 1980, 154f.

[4] Enzyklika Evangelium vitae von Papst Johannes Paul II., Nr.4; 40; 41

[5] Ebd. Nr.4

[6] Vgl. dazu meine Untersuchung: Heil in allen Weltreligionen? Die pluralistische Religionstheologie John Hicks, GieĂźen/Neuendettelsau 2009.

[7] Idea Nr. 103 (13.4.2010) 11f.

[8] Zur Situationsethik und ihren Folgen vgl. die Publikationen von K. Bockmühl (z.B. Gott im Exil. Zur Kritik der „neuen Moral“,  Wuppertal 1975)  und H. Burkhardt, Einführung in die Ethik. Teil I: Grund und Norm sittlichen Handelns (Fundamentalethik), Gießen/Basel 1996 44–47.

[9] Vgl. dazu als Erstinformation zu diesem komplexen ethischen Ansatz H. Burkhardt, aaO, 34–39 und R. Spaemann, Moralische Grundbegriffe, München 31986,  61–72.

[10] Die ethische Unhaltbarkeit der kirchlichen Beteiligung an der gesetzlichen Schwangerschaftsberatung hat R. Spaemann in seinem brillianten FAZ-Aufsatz „Die schlechte Lehre vom guten Zweck. Der korrumpierende Kalkül hinter der Schein-Debatte“ dargelegt (abgedruckt in: R. Spaemann, Grenzen. Zur ethischen Dimension des Handelns, Stuttgart 2001, 391–400). Vgl. zur ganzen Problematik die grundlegende Darstellung von M. Spieker, Kirche und Abtreibung in Deutschland. Ursachen und Verlauf eines Konflikts, Paderborn/München/Wien/Zürich 2001 und den Beitrag von B. Büchner auf diesem Blog.

[11] Vgl. dazu den instruktiven Überblick bei H. Steeb: Die Protestanten und das Lebensrecht des Menschen – unverbindliche Klarheit oder verbindliche Unklarheit?, in: R. Jung/F. Koppelin/T. Schirrmacher (Hg.), Tabuthema Tod? Vom Sterben in Würde, Idea-Dokumentation 9/2004, Bonn 2003, 45–62.

[12] Zur ethischen Bewertung der (praktizierten) Homosexualität vgl. zur Erstinformation H. Burkhardt, Ethik Bd. II/2: Das gute Handeln. Sexualethik – Wirtschaftsethik – Umweltethik – Kulturethik, Gießen/Basel 2008, 115–130.

[13] Zur Debatte um Gender Mainstreaming vgl. D. Klenk (Hg.), Gender Mainstreaming. Das Ende von Mann und Frau? Reichelsheim/Gießen/Basel 2009 und G. Kuby, Die Gender Revolution: Relativismus in Aktion, Kissleg 2006; zur theologischen Bewertung des Feminismus vgl. mein Buch Mann und Frau in christlicher Sicht, Gießen/Basel 1993 und M. Hauke, Gott oder Göttin. Feministische Theologie auf dem Prüfstand, Aachen 1993.

[14] Vgl. E. Schockenhoff, Wider eine schlechte Arbeitsteilung. Besteht noch der Konsens der Kirchen in ethischen Fragen? in: Herder Korrespondenz 63 (12/2009) 605–610 und die inhaltlich leider recht unbefriedigende Replik von H. Bedford-Strohm, Gemeinsames Zeugnis ist gefragt. Besteht aber noch Konsens in ethischen Fragen? in: Herder Korrespondenz 64 (1/2010) 56-60.

[15] Abgesehen von meinen eigenen Publikationen möchte ich in dieser Hinsicht auf die Veröffentlichungen von K. Bockmühl (Christliche Lebensführung. Eine Ethik der Zehn Gebote, Gießen/Basel 1993, 121–127), H. Burkhardt, aaO (Anm.8), 113–125, H. Afflerbach (Handbuch Christliche Ethik, Wuppertal 2002, 397–434) und  – besonders ausführlich – T. Schirrmacher (Ethik, Bd. 3: Gottes Ordnungen. Erziehung, Wirtschaft, Kirche und Staat, Nürnberg/Hamburg 22001, 821–926) verweisen.

[16] Ein schöner Beleg, wie sich z.B. das biblische Verständnis der Ehe als alternativloser Gestalt der Partnerschaft zwischen Mann und Frau auch empirisch bestätigt, ist die zahlreiche familiensoziologische Studien zusammenfassende Untersuchung von T. Schirrmacher: Der Segen von Ehe und Familie. Interessante Erkenntnisses aus Forschung und Statistik, Idea-Dokumentation 3/2006, Bonn 2006.

[17] In dieser Tatsache liegt auch das theologische Recht der in der Alten Kirche und in der Reformation vollzogenen Identifikation der Dekalognormen mit dem Naturrecht. Vgl. dazu die moderne und populäre Veranschaulichung des Naturrechtsgedankens bei C.S. Lewis, Pardon ich bin Christ. Meine Argumente für den Glauben, Gießen/Basel 1977, 14–26.

[18] Vgl. dazu den Überblick bei S. Holthaus/T. Jahnke, Aktive Sterbehilfe. Ausweg oder Irrweg? Gießen 2008, 37–58.

[19] Vgl. dazu meinen Aufssatz „’Sterbehilfe’ – Liebestat oder Grenzüberschreitung? 124, in: V R. Jung/F. Koppelin/T. Schirrmacher (Hg.), aaO (Anm.16), 121–126.

[20] Das Hauptproblem bei der IVF sind in lebensethischer Hinsicht die nicht in die Gebärmutter verpflanzten überzähligen Embryonen, die selbst bei der – verglichen mit anderen Ländern – strengen derzeitigen deutschen Regelung (die z.B. Präimplantationskontrolle verbietet) nicht zu vermeiden sind (vgl. dazu W. Huber,  Der gemachte Mensch. Christlicher Glaube und Biotechnik, Berlin 2002, 8: „… unweigerlich bleiben bei der In-Vitro-Fertilisation Embryonen übrig.“). In Deutschland sind es z.Zt. schätzungsweise 100–150 „überzählige“ Embryonen (E. Schockenhoff, Ethik des Lebens. Grundlagen und neue Herausforderungen, Freiburg/Basel/Wien 2009, 455).

[21] S. u. in dieser DOKUMENTATION* den Beitrag von R. Ehmann.

[22] Zit. nach: www.heute.de/ZDFheute. Die Äußerung Käßmanns stellt die Tatsachen in mehrfacher Hinsicht auf den Kopf: Ausgerechnet jenes von Menschen hergestellte Produkt, das ausdrücklich auf die Verhinderung oder gar potentielle Tötung von Kindern zielt, darüber hinaus gravierende Leben zerstörende Auswirkungen für die Frauen und noch unabsehbare ökologische Folgen für Umwelt, Mensch und Tier hat (vgl. dazu den Beitrag von R. Ehmann in dieser DOKUMENTATION), wird hier zum „Geschenk Gottes“ deklariert! Hier rächt sich freilich, dass man in der evangelischen Ethik – in falscher Abgrenzung zur römischen Kirche – weithin nun schon seit vielen Jahren kein eindeutiges Nein gegen die Pille gefunden hat, sondern deren Verwendung allzu häufig der „verantwortlichen Gewissensentscheidung“ der Paare überlässt.

[23] S.u. auf diesem Blog die Kongressbeiträge von T.S. Hoffmann und O. Hahn.

[24] Wie sehr die Hirntoddefinition gerade in neuerer Zeit wieder problematisiert wird, zeigt: S. Müller, Revival der Hirntod-Debatte: Funktionelle Bildgebung für die Hirntod-Diagnostik [Ethik in der Medizin 22 (1010/1) 5–17]. Vgl. zu dieser Thematik auch die kritischen Stellungnahmen von R. Beckmann, Der Hirntod: Kein sicheres Todeszeichen! [Lebensforum 93 (2010) 26–29], P.A. Byrne, Tod – die Abwesenheit von Leben [Lebensforum 81 (2007) 10–15], M. Balkenohl, Der Hirntod – Zur Problematik einer neuen Todesdefinition [Theologisches 37 (2007/1-2) 31–64] und die größeren Publikationen von M. Reuter, Abschied von Sterben und Tod? Ansprüche und Grenzen der Hirntodtheorie, Stuttgart/Berlin/Köln 2001 und W. Ramm (Hg.), Organspende.  Letzter Liebesdienst oder Euthanasie?, Abtsteinach 2000.

[25] Zur hohen biblischen Wertschätzung der Fruchtbarkeit vgl. das dreifache Zeugungsgebot in 1Mo 1,28; 9,1.7 und Stellen wie 1Mo 15,5; 16,10; 22,17; 26,4; 35,11; 5 Mo 7,13f.; Jer 23,3; Hes 36,11. Daß sich in dieser Wertschätzung der Fruchtbarkeit eine denkbar hohe Einschätzung des Kindes manifestiert zeigen Stellen wie Ps 127,3 und Mt 18,3.

[26] Vgl. dazu den französischen Historiker P. Chaunu, Die verhütete Zukunft, Stuttgart 1979 und den renommierten Demographen H. Birg, Die demographische Zeitenwende. Der Bevölkerungsrückgang in Deutschland und Europa, München 2001.

[27] Vgl. dazu die kritischen Bemerkungen von E. Schockenhoff, aaO (Anm. 20), 86–92.

[28] Vgl. zur vertiefenden Weiterführung die Ausführungen von E. Schockenhoff (ebd. 608– 621) die m.E. zu den Höhepunkten seiner „Ethik des Lebens“ gehören.

[29] A. Schlatter, Das christliche Dogma, Stuttgart  41984, 99 (Hervorhebung W.N.).

[30] Ebd. 165.

Referat von Pfr. Dr. Werner Neuer (Theologisches Seminar St. Chrischona) am 6.3.2010. Konferenz „Verfügungsmasse Mensch?“ des Gemeindehilfsbundes, Haus Felsengrund Bad Teinach-Zavelstein.

*Die Beiträge des Kongresses erscheinen in einer idea-Dokumentation, die ab Juni 2010 unter www.gemeindehilfsbund.de oder in der Geschäftsstelle des Gemeindehilfsbundes, Lerchenweg 3, 29664 Walsrode bestellt werden kann.

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Freitag 21. Mai 2010 um 8:43 und abgelegt unter Lebensrecht, Medizinische Ethik, Theologie.