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Gogarten oder der Kampf gegen die Eitelkeit

Freitag 5. Februar 2010 von Pastor Heinrich Kemner (1903-1993)


Pastor Heinrich Kemner (1903-1993)

Gogarten oder der Kampf gegen die Eitelkeit

In den schwersten aller Konflikte geriet ich aufgrund einer charakterlichen SchwĂ€che, mit der der Herr nun offensichtlich einmal fertig werden wollte, so krĂ€ftig stieß er mich darauf: es war eine kleine, aber nicht unwirksame Eitelkeit. Sie fĂŒhrte mich an den Rand einer SelbsttĂ€uschung, die meinem Leben eine völlig andere Wendung zu geben im Begriff war.

WĂ€hrend meines Studiums hatte mich neben Karl Barth besonders auch Gogarten beeindruckt. So versuchte ich nach dem Kriege mit letzterem neue theologische Kontakte aufzunehmen. Aus der LektĂŒre seiner Schriften glaubte ich schließen zu dĂŒrfen, dass er den modernen Menschen in seiner Denknot verstehe und ihn nun so abzuholen und anzusprechen suche, dass es zu einer Begegnung mit der zentralen Mitte des Evangeliums komme. Weil mein eigener Weg in der KlĂ€rung der Wahrheitsfrage selber von Nietzsche ĂŒber Kierkegaard gefĂŒhrt hatte, war ich auch der Meinung, dass es dem BegrĂŒnder des Existenzialismus, Sören Kierkegaard, weitgehend gelungen sei, die Wirklichkeit des Evangeliums so modern zu bezeugen, dass damit keine VerĂ€nderung in der Substanz verbunden war. lch kam mit Gogarten ĂŒberein, bei ihm ĂŒber das Thema „Rechtfertigung und Heiligung bei Luther und Bezzel“ zu promovieren.

Schon vor dem Kriege hatte ich von Gogarten ein Thema bekommen: lch sollte ĂŒber den Unterschied von natĂŒrlicher Eschatologie und Glaubenseschatologie schreiben. Weil ich dabei naturgemĂ€ĂŸ zu Ergebnissen kam, die nicht im Sinne des Dritten Reiches lagen, hatte er ernsthafte Bedenken, die Arbeit der FakultĂ€t vorzulegen. Mit dem Professor gIaubte ich nun, durch eine Arbeit, die die Grundstruktur der Theologie Bezzels mit der Luthers vergleicht, viel Gewinn fĂŒr die theologische Praxis zu erhalten. Doch ich wurde eines anderen belehrt. Das Ärgernis des Kreuzes in seiner rettenden Struktur wurde in der Dialektik von Bultmann und Gogarten so entschĂ€rft, dass es keinen Anstoß mehr zu einer Bewegung gab, die in Buße und Bekehrung VerĂ€nderung schafft. Die sogenannte Beseitigung der Denknot ging in Wahrheit auf Kosten der Existenznot.

Als ich das erkannte, fiel mir tatsĂ€chlich ein großer Gewinn fĂŒr meine theologische Praxis in den Schoß. Je mehr ich den grĂ¶ĂŸten Sohn der bayrischen Kirche verstehen lernte und zu seinem SchĂŒler wurde, erkannte ich die Gefahr einer Theologie, die in ideologischer Selbsterfassung endet. Hermann Bezzel wurde in meiner theologischen Ausrichtung nĂ€chst Luther zu meinem geistlichen Vater, dem ich bis in die Ewigkeit Dank schulde. Das Ergebnis dieser Arbeit liegt in meinem Buch „Christus oder Chaos“ vor, zu dem Professor Radschow das Vorwort schrieb.

Die Frage der Promotion war damit vom Tisch. Der Griff nach den Sternen des akademischen Himmels wurde zum demĂŒtigen Dankgebet fĂŒr die Frucht dieser Arbeit und noch mehr fĂŒr die weise FĂŒhrung Gottes aus eitler SelbsttĂ€uschung heraus.

Dennoch – wenn auch bei nĂ€chtelangen Besprechungen und Überlegungen die Unterschiede zwischen meiner lutherisch-pietistischen Ausrichtung und der von Fichte mit bestimmten idealistischen des Professors deutlich wurden – die gemeinsame Arbeit war doch recht befruchtend. Gogarten glaubte in mir einen Theologen zu sehen, der, wie er meinte, als Pietist theologisch zu einer kritischen Denkarbeit fĂ€hig war. lch verdanke ihm viele Anregungen und DenkanstĂ¶ĂŸe, und ich habe von ihm viel gelernt.

Nachdem die Dissertation fertig war und wir ĂŒber das Rigorosum gesprochen hatten, kam es zu einer Entfremdung. Gogarten suchte mich fĂŒr den akademischen Lehrauftrag zu erwĂ€rmen; in vertraulichen GesprĂ€chen stellte er mir sogar vor, ich könne einmal seinen Lehrstuhl einnehmen. Das blieb nicht ohne Eindruck auf mich. Doch schon kurz darauf sah ich wieder klar.

Mehr oder weniger verhĂŒllt ließ mich Gogarten wissen, dass ich als Systematischer Theologe fĂŒr die UniversitĂ€t nur tragbar sei, wenn es fĂŒr mich grundsĂ€tzlich keinen Heiligen Geist mehr gĂ€be. Den gĂ€be es nur fĂŒr das Volk. Diese Aussage ergĂ€nzte er noch am nĂ€chsten Tag, als ich mich anschickte, einen Mann meiner Gemeinde zu beerdigen und er mich nach dem Predigttext fragte. lch antwortete etwas ausfĂŒhrlicher und sagte:

„Wir liegen alle im Krankenhaus mit der Krankheit zum Tode, bewusst oder unbewusst, mit gelebter Verzweiflung. Nur mit einem Unterschied: die einen liegen auf der rechten Seite als solche, die eine lebendige Hoffnung haben, die sind auf dem Weg zur Genesung; die anderen liegen auf der linken, sie haben keine Hoffnung. Der Mann, den ich zu beerdigen habe, lag im Leben auf der rechten Seite. So meine ich, den Text auslegen zu können: „Jesus lebt, nun ist der Tod mir der Eingang in das Leben“.“

Aufgeregt erwiderte Gogarten: „Eben das können Sie nicht!“ „Aber was darf denn mit intellektueller Redlichkeit gepredigt werden?“ Bei der Beerdigung von Max Planck habe er im Grunde nur ĂŒber die Worte gesprochen: Er ruht in Gott.

Weil ich plötzlich die PrĂ€misse seines Denkens erkannt zu haben glaubte, fragte ich: „Sie meinen, Herr Professor, er ruht in der Idee Gottes?“ „Genau das meine ich!“

Damit kam es zum Bruch, und der Graben war auch nicht mehr mit Hilfe der Dialektik zu ĂŒberbrĂŒcken. Ich erwiderte: „Ich verzichte auf die Promotion. Welten liegen zwischen uns. Schon im theologischen Ansatz sind wir verschieden. Nach meiner Meinung bewegen Sie sich in einem großen Irrtum, wenn Sie geglaubt haben, von Fichte zu Luther gekommen zu sein. Verzeihen Sie mir, wenn ich Sie in dieser SelbsttĂ€uschung sehen muss. Sie sind niemals zu Luther gekommen, wenn Luthertum Glaube in getroster Verzweiflung ist, wenn man mit Luther weiß, Gott handelt in allem Geschehen. Wie kann man Gott Gott sein lassen, wenn die ErfĂŒllung unseres Glaubens darin besteht, dass man in der Idee Gottes ruht! Sie stehen immer noch bei Fichte. Wenn das alles ist, dass ich in der Idee Gottes ruhe, dann sehe ich nicht, worin der wesentliche Unterschied zwischen Atheismus und Christentum besteht.“

Dieses GesprĂ€ch ist mir im GedĂ€chtnis geblieben, weil ich es so oft wiederholen musste: meiner Frau gegenĂŒber, meinen kirchlichen Vorgesetzten, Freunden und Gemeindegliedern, die ja alle damit rechneten, dass sie es bald mit einem Dr. theol. zu tun hĂ€tten.

Ich verdanke es in erster Linie meiner Frau, dass ich standhaft blieb. Sie sagte zu mir, nachdem ich ihr alles berichtet hatte: ,,Wenn du in diesen Zug gestiegen wĂ€rst, wĂŒrdest du in eine falsche Richtung gefahren sein; dann endest du nicht am Ziel, das dir ErfĂŒllung bringt.“

Sie hat recht behalten, denn hĂ€tte ich in jener Stunde einen Kompromiss gesucht, wĂ€re vieles nicht geworden, was unser Leben so ĂŒberaus reich gemacht hat. Wenn wir die Einfalt des Glaubens verlieren, bedeutet Gewinn immer Verlust. Und doch muss ich bekennen: Es war mir nicht leicht, meinen Ehrgeiz zu begraben und dem Herrn mehr zu vertrauen als meinen Gedanken, die Erfolg und Frucht verwechseln wollten.

Vor einiger Zeit hat es mich bewegt, als mir ein befreundeter Pfarrer in einer stillen Stunde erklĂ€rte, worin das eigene Verschulden in seiner LebensfĂŒhrung lĂ€ge. Er meinte, dass in seinem Leben vieles anders geworden wĂ€re, wenn er der FĂŒhrung Gottes unmittelbarer vertraut hĂ€tte. Er habe fĂŒnfmal in seinem Leben die Pfarre gewechselt, immer mit dem geheimen Gedanken, sich dabei von Schwierigkeiten zu befreien, aber doch auch, Gottes Willen zu tun. Er habe nicht gemerkt, dass der Wunsch der Vater der Gedanken gewesen sei und habe deshalb erleben mĂŒssen, dass er immer nur die Schwierigkeiten gewechselt habe.

Auf Grund meiner eigenen LebensfĂŒhrung glaube auch ich, dass die Gelegenheiten Gottes vor der HaustĂŒr liegen. Wenn mich in jener Zeit manche Rufe erreichten, die mir manches Angenehme brachten und die einer Beförderung gleich kamen, so bin ich doch dankbar, dass ich geblieben bin. Es gehört zu den Erfahrungen meines Lebens, dass uns der Heilige Geist, wenn er uns fruchtbar machen will, mehr in Schwierigkeiten und Tiefen als in ein angenehmes und geruhsames Leben fĂŒhrt.

Wenn BrĂŒder vor dĂ€monischen WĂ€nden zerbrechen wollten und wenn die Arbeit ohne jede Freude geschah, dann habe ich ihnen wohl geraten, den Platz zu wechseln. Es kann aber auch sein, dass in den Schwierigkeiten der Herr bei uns zum Zuge kommen will. Nichts fördert die verborgene Eitelkeit mehr, als wenn man uns in unserem Amt und Dienst nur bewundert. Der Heilige Geist verklĂ€rt keinen menschlichen Namen, sondern den Namen Jesu. Er offenbart sich mehr in erfĂŒllter Wirklichkeit als in vielen Worten. Nichts steht aber dem Namen Jesus so im Wege wie unser ungebrochenes, selbstsĂŒchtiges und eitles ICH. Nichts bringt uns deshalb der Vollmacht nĂ€her als der völlige Zerbruch im Eigenen. Wie ein heiliger Schrecken durchfuhr es mich im DĂŒshorner Wald, aIs ich die Pistole an der SchlĂ€fe hatte. War mein Leben wirklich in das Bild Christi verwandelt? War mein Personsein wirklich geschenkte Persönlichkeit? War mein Dienst frei von Eitelkeit und SelbstgefĂ€lligkeit? In den Schrecken jener Minute und in den anderen Hiobsstunden meines Lebens habe ich Luther begriffen: „Die Angst mich zum Verzweifeln trieb, dass nichts denn Sterben bei mir blieb, zur Hölle muss ich sinken.“ Es ist das Paradox des Glaubens, dass sich mitten in der Unheilsgewissheit das Geheimnis der Heilsgewissheit im Kreuz Christi offenbart. Hier wird erfahrbar: „In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt ĂŒberwunden.“

Wir sollten, wenn wir Jesu JĂŒnger sind, uns vor nichts mehr fĂŒrchten als vor unserem ungebrochenen ICH. Nur mit Bruchsteinen baut Gott sein Reich. Es sind die BettlerhĂ€nde, die das Himmelreich empfangen. Wer nie das Eigene verlor, wird nie fĂ€hig zum Opfer.

Bezzel sagt: „Wer an jenem Tage zu Jesus sagen wird, ich habe meine Pflicht getan, dem wird er antworten: „Wenn du nur deine Pflicht getan hast, dann hast du gar nichts getan. In meinem Kreuz suchte ich nicht deine Pflicht, sondern dein Opfer“.“ Nur aus dem Opfer wird die Frucht. Nur im Verlust der eigenen Mitte entdecken wir, dass der Glaube das Geschenk eines großen Herrn ist.

„Aus der Enge in die Weite, aus der Tiefe in die Höh fĂŒhrt der Heiland seine Leute, dass man seine Wunder seh.“

Pastor Heinrich Kemner (1903-1993), „Da kann ich nur staunen“, R. Brockhaus: Wuppertal, 1984. Mit freundlicher Genehmigung des Verlages und nach Absprache mit dem Bibelbund, der diesen Auszug aus der sehr empfehlenswerten Autobiographie Heinrich Kemners in seiner Zeitschrift „Bibel und Gemeinde“ (1/2010) veröffentlicht hat.

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Freitag 5. Februar 2010 um 14:29 und abgelegt unter Allgemein, Theologie.