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Immer mehr MĂ€nner kinderlos

Dienstag 29. Dezember 2009 von Institut fĂŒr Demographie, Allgemeinwohl und Familie e. V.


Institut fĂŒr Demographie, Allgemeinwohl und Familie e. V.

Immer mehr MĂ€nner kinderlos: Ist Vater werden doch schwer?

Moderne MĂ€nner sollen „neue“ VĂ€ter“ sein. Das „traditionelle“ mĂ€nnliche SelbstverstĂ€ndnis als „FamilienernĂ€hrer“ gilt als antiquiert. Stattdessen wird von VĂ€tern erwartet, dass sie sich nicht nur um das Einkommen, sondern auch um das „Auskommen“ und die „Innenarchitektur“ der Familie sorgen (1). Um diesem neuen Ideal entsprechen zu können, mĂŒssen MĂ€nner allerdings erst einmal VĂ€ter werden. Dies ist immer weniger selbstverstĂ€ndlich: Der Anteil der alleinstehenden MĂ€nner ohne Kinder im Haushalt steigt rasch und stetig: Zwischen 1996 und 2008 hat er sich unter den 35-40-JĂ€hrigen in Westdeutschland von rund 10 Prozent auf etwa 28 Prozent fast verdreifacht. Parallel dazu ist der Anteil der verheirateten MĂ€nner mit Kindern von rund 60 auf etwa 50 Prozent gesunken. Der Anteil von MĂ€nnern in einer nichtehelichen Lebensgemeinschaft mit Kindern ist marginal geblieben. Fast die HĂ€lfte der westdeutschen MĂ€nner zwischen 35-40 Jahren lebt ohne Kinder im Haushalt (2).

Nun können MĂ€nner aber außerhalb ihres Haushalts lebende Kinder haben oder erst nach ihrem 40. Lebensjahr (erstmals) VĂ€ter werden. Neue demographische Analysen zeigen die tatsĂ€chliche Kinderlosigkeit von MĂ€nnern: Von den 35-39-JĂ€hrigen haben demnach etwa 40 Prozent und von den 40-44-JĂ€hrigen rund 30 Prozent keine Kinder. Nach dem 45. Lebensjahr sind erste Vaterschaften selten. Im Vergleich zu den ĂŒber 50-JĂ€hrigen MĂ€nnern (21-23 Prozent Kinderlose) werden jĂŒngere MĂ€nner daher hĂ€ufiger zeitlebens kinderlos bleiben (3). Über alle Generationen hinweg sind MĂ€nner deutlich hĂ€ufiger kinderlos als Frauen. Die zentrale Ursache hierfĂŒr ist der sog. „birth-squeeze-Effekt“: Bis zur Altersgruppe der 50-JĂ€hrigen gibt es in allen JahrgĂ€ngen anteilig mehr MĂ€nner als Frauen. Zugleich sind in Partnerschaften die Frauen im statistischen Durchschnitt etwa drei Jahre jĂŒnger als die MĂ€nner. Durch den GeburtenrĂŒckgang seit den 60er Jahren verschĂ€rft sich deshalb der MĂ€nnerĂŒberschuss auf dem Heiratsmarkt: Jede MĂ€nnerkohorte trifft auf eine zahlenmĂ€ĂŸig kleinere Kohorte noch nicht partnerschaftlich gebundener Frauen (4). So ist es zu erklĂ€ren, dass nur rund 26 Prozent der Frauen aber mehr als ein Drittel der MĂ€nner zwischen 35 und 40 Jahren ohne Partner im Haushalt leben (5). Zwar sind nicht wenige MĂ€nner mit einer außerhalb ihres Haushalts wohnenden Frau liiert. Vater werden MĂ€nner in einer solchen Konstellation jedoch nur selten: Mehr als 70 Prozent der in einer „Living- Apart-Together“- Beziehung lebenden MĂ€nner ĂŒber 30 Jahren sind kinderlos. Selbst alleinlebende MĂ€nner sind hĂ€ufiger VĂ€ter. Dies erscheint zunĂ€chst paradox, ist aber leicht zu erklĂ€ren: Zu den alleinlebenden MĂ€nnern gehören auch Geschiedene und Verwitwete, die hĂ€ufig Kinder aus einer frĂŒheren Ehe haben. In Ehen wiederum werden MĂ€nner in der Regel VĂ€ter: Fast 85 Prozent der verheirateten MĂ€nner zwischen 30-59-Jahren haben mindestens ein Kind, die meisten sogar zwei oder mehr Kinder. Dagegen sind nur etwa die HĂ€lfte der unverheiratet mit einer Frau zusammenlebenden MĂ€nner dieses Alters VĂ€ter; zwei oder mehr Kinder hat nur etwa jeder Sechste von ihnen (6).

FĂŒr MĂ€nner gilt damit wie fĂŒr Frauen, dass Elternschaft eng an die Ehe gebunden ist (7). Erst recht gilt dies fĂŒr eine aktive Vaterschaft, die Zeit fĂŒr Kindererziehung und Beziehungspflege erfordert: Sie lĂ€sst sich in einer auf (Lebens)Dauer ausgerichteten Ehe sehr viel eher verwirklichen als in einem Lebensentwurf der „seriellen Monogamie“ (8). Dessen ungeachtet erklĂ€ren Juristen das Leitbild der ehelichen Familie fĂŒr â€žĂŒberholt“ und relativieren in höchstrichterlichen Urteilen zum Unterhaltsund Sorgerecht ihren verfassungsmĂ€ĂŸigen Schutz (9). Damit fördern sie lĂ€ngerfristig weniger das Engagement von MĂ€nnern fĂŒr Kinder und Familie als vielmehr das ungehinderte Erwerbsstreben und die Vereinzelung beider Geschlechter.

(1) Beispielhaft fĂŒr diese Sichtweise: Paul M. Zulehner: Neue MĂ€nnlichkeit – neue Wege der Selbstverwirklichung, S. 5-12, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 46/2004, S. 7-8.

(2) Bezogen auf Ostdeutschland zeigt die Auswertung des Mikrozensus eine noch rasantere Entwicklung: Der Anteil der alleinstehenden MĂ€nner ohne Kinder im Haushalt ist hier unter den 35-40- JĂ€hrigen von weniger als 5 Prozent auf fast ein Drittel explodiert und der Anteil der Verheirateten mit Kindern von rund 65 Prozent auf etwa 42 Prozent eingebrochen. Von den Frauen dieses Alters leben immerhin noch 73 in West- und 79 Prozent in Ostdeutschland mit Kindern im Haushalt. Vgl.: Bundesinstitut fĂŒr Bevölkerungsforschung (Hrsg.)/bearbeitet von Evelyn GrĂŒnheid: Die demographische Lage in Deutschland im Jahr 2008, Wiesbaden 2009, S. 11. Abrufbar unter: http://www.bib-demographie.de; hier unter: Download-Center/Bevölkerungsbilanz & Aufbau.

(3) Vgl.: Kerstin Ruckdeschel/Robert Naderi: FertilitĂ€t von MĂ€nnern, S. 2-9, in: Bevölkerungsforschung aktuell, Mitteilungen aus dem Bundesinstitut fĂŒr Bevölkerungsforschung, 30. Jahrgang, November 2009, S. 3.

(4) Vgl. ebenda, S. 4.

(5) Siehe Abbildung unten: „Lebensformen junger MĂ€nner und Frauen“.

(6) Siehe Abbildung unten: „Kinderzahl von MĂ€nnern nach Lebensform“.

(7) Mehr noch als bei Frauen ist bei MĂ€nnern bereits der Wunsch nach Kindern an StabilitĂ€t der Partnerschaft abhĂ€ngig. Siehe hierzu: http://www.i-daf.org/77-0-Woche-35-2008.html. Zur Bedeutung des Familienstands bzw. der Ehe fĂŒr die Mutterschaft: http://www.i-daf.org/107-0-Woche-50- 2008.html.

(8) Zur StabilitĂ€t unterschiedlicher Partnerschaftsformen und zur „seriellen Monogamie“: http://www.idaf. org/201-0-Woche-33-2009.html sowie http://www.i-daf.org/247-0-Woche-46-2009.html.

(9) So postuliert die Direktorin des Instituts fĂŒr Deutsches, EuropĂ€isches und Internationales Familienrecht an der UniversitĂ€t Bonn: „Das Leitbild der ehelichen Familie, das dem BĂŒrgerlichen Gesetzbuch zugrunde liegt, wird den vielfĂ€ltigen Lebensformen, in die Kinder hineingeboren werden und in denen sie aufwachsen, nicht mehr gerecht.“ Siehe: Nina Dethloff: Kindschaftsrecht des 21. Jahrhunderts: Rechtsvergleichung und Zukunftsperspektiven, S. 141-147, in: Zeitschrift fĂŒr Kindschaftsrecht und Jugendhilfe, Heft 4/2009, S. 141. Das deutsche Kindschaftsrecht sieht Dethloff in drei Bereichen als besonders reformbedĂŒrftig an: der nichtehelichen Elternschaft, dem Recht der Stieffamilien sowie der Eltern-Kind-Beziehungen in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften. Angesichts der „bestehenden europĂ€ischen Standards“ war es fĂŒr Dethloff nur eine Frage der Zeit bis der der EuropĂ€ische Gerichtshof fĂŒr Menschenrechte „das mĂŒtterliche Vetorecht des deutschen Rechts als eine mit Art. 8 und 14 EMRK unvereinbare Diskriminierung der VĂ€ter außerehelich geborener Kinder ansehen wird“ (vgl. ebenda, S. 141-142). Am 3. Dezember 2009 hat der EuropĂ€ische Gerichtshof fĂŒr Menschenrechte nun die Schlechterstellung lediger VĂ€ter im Sorgerecht als Verstoß gegen das Diskriminierungsverbot beurteilt:

http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,664931,00.html.

Quelle: newsletter des Instituts fĂŒr Demographie, Allgemeinwohl und Familie e.V. 49/2009

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Dienstag 29. Dezember 2009 um 12:17 und abgelegt unter Ehe u. Familie, Gesellschaft / Politik.