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Leben wir im Advent?

Leben wir im Advent?

Advent ist gelebter Glaube; man könnte auch sagen, das Geheimnis einer Glaubensbewegung, die ihren Grund hat und die dem Unglauben nicht einsichtig ist. Diese Erwartung markiert das Gottesvolk aller Zeiten. Christen leben in der Welt, nicht von der Welt. Sie sehen, mit anderen Worten, immer über den Erdentag hinaus.

So sind sie gewandert, die Menschen des Advent, vom ersten Blatt der Bibel an bis zum letzten. So haben sie gehofft und geglaubt, die Menschen des Advent, wo nach vernünftiger menschlicher Einsicht nichts zu hoffen und zu glauben war. Die Mathematik des Glaubens ist eine andere als die des Verstandes. Manche machen den vielleicht ehrlichen Versuch, den christlichen Glauben so zu übersetzen, daß er im Grunde, weil man die Glaubenserwartung nivelliert, eine Bestätigung des gelebten Unglaubens wird. Wenn das Gottesvolk die Glaubenserwartung verkauft, hat es der Welt im Grunde nichts mehr zu sagen. Die Glaubensgestalten der Bibel, die Propheten und Apostel, waren Menschen, die alle die zeitliche Glaubenserwartung durchbrachen. Sie wurden dadurch Positionslampen der Ewigkeit. Jesus sagt von Abraham: „Abraham, euer Vater, ward froh, daß er diesen Tag sehen sollte; und er sah ihn und freute sich“ (Joh.8,56).

Dieses heimliche Wissen wurde geboren aus dem Quellgrund einer Freude, die sich letztlich nur deuten läßt als Gewißheit im Heiligen Geist. Diese Adventsgewißheit leuchtet gerade in den Tiefpunkten israelitischer Geschichte, wo irdische Hoffnung, etwa wie in Babel, für immer dahin zu sein schien, am herrlichsten auf. Als man, wie Hesekiel es ausdrückt, in der Gefangenschaft in Babel sagte: „Unsere Hoffnung ist dahin“, schlug die Geburtsstunde der Adventsprophetie: „Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben.“

Es war nur eine kleine Schar, die zur Zeit Jesu noch auf den Trost Israels wartete. Die Träger der lebendigen Hoffnung sind zu allen Zeiten nie die vielen, sondern immer nur der heilige Rest gewesen. Das Geheimnis ihrer Erwartung lag in der Unbedingtheit ihres Vertrauens, daß Gott unbeirrbar durch das Hoch und Tief menschlicher Geschichte seine Ewigkeit vollendet. Dieses Vertrauen zu den Verheißungen Gottes gab Mose die Sturheit, die Anfechtung vor Pharao zu durchstehen. „Er fürchtete nicht des Königs Grimm; denn er hielt sich an den, den er nicht sah, als sähe er ihn“ (Hebr. 11,27).

Wenn ich die Weihnachtsgeschichte lese, muß ich immer bei der Gestalt des alten Simeon verweilen. Von ihm heißt es, daß er sein ganzes Leben auf Weihnachten gewartet hat und immer nach dem Christkind unterwegs war. Ich mochte wissen, was die Pharisäer wohl von diesem Mann gedacht haben, der so gar nicht ihren Denkkategorien entsprach. Ich möchte wissen, wie die Schriftgelehrten über ihn urteilten, die den Weisen aus dem Morgenland wohl hätten sagen können, daß Jesus in Bethlehem geboren werden sollte, aber die Weihnachtsstunde verpaßten, weil sie ohne Advent lebten. Menschen des Advent leben in einer Wirklichkeitsdeutung, die ohne das Christkind nicht Ereignis, sondern nur Leerlauf ist. In dieser Glaubenserwartung war es dem alten Simeon eine Antwort geworden, daß er den Tod nicht sehen wurde, er hätte denn zuvor den Christus des Herrn gesehen. Diese Antwort Gottes im Heiligen Geist auf die Adventserwartung des Simeon wurde zweifellos mehr unmittelbar gelebt, als in klugen Reden debattiert. Das Reden vom Heiligen Geist steht oft im umgekehrten Verhältnis zu seinem Selbstzeugnis. Das Selbstzeugnis ist immer nur echt, wenn es nicht in emotionaler Bewegtheit, sondern in Demut, mehr durch Leben als durch Wort, Hinweis auf Christus ist.

Diese adventlich nüchterne Unmittelbarkeit, die Begegnung nach Christus hin, sollte in unseren Kreisen das geistliche Klima bestimmen. Unsere Glaubenszentren haben keinen Sinn und sicherlich ihren Lohn dahin, wenn sie sich nur selbst bestätigen wollen. Ich sehe das Hindernis für eine Erweckung mehr in einer eigenen diplomatischen, kirchlichen oder frommen Verkrustung als in der kindhaften Erwartung, daß Gott immer da sein Reich baut, wo wir die Adventserwartung eines Simeon haben, die sich der Erfüllung gewiß ist. Das Heilige überholt nicht das Natürliche, aber es erfüllt das Natürliche.

An jenem Morgen, als Maria das Jesuskind zum Tempel brachte, haben es viele Augen gesehen. War es nicht ein Kind wie alle anderen? Da war nichts von einem Strahlenkranz, den das Mittelalter malte. Und doch, die Augen des Simeon sehen ganz anders. Sie sehen durch die Windeln hindurch, sie sehen in diesem Kind die Erfüllung aller Adventshoffnung: „Dieser ist gesetzt zum Fall und zum Auferstehen vieler in Israel und zu einem Zeichen, dem widersprochen wird“ (Luk. 2, 34). Das Ereignis der Weihnacht, und darin besteht weiterhin die Fälschung, ist nicht nur Anlaß zu frommer und besinnlicher Feier, ist nicht die Begegnung mit einem Vater im Himmel, der zu allen Sünden der Welt die Augen zudrückt. Bei Gott sind Zorn und Liebe eines Lichtes Flamme. Das Kind in der Krippe deutet die Heiligkeit Gottes in seinem Kreuz. Wer deshalb von Advent nach Weihnachten hin sucht, kann die Krippe nie vom Kreuz trennen. Begegnung mit dem Christkind ist immer nur möglich mit gebeugten Knien und mit vom Heiligen Geist erhellten Augen. Die Weihnachtsbotschaft deckt nicht die Sünde zu, sondern auf. Sie ist provokativ. Auch Krelingen möchte als Gemeinde des lebendigen Gottes ein Pfeiler und eine Grundfeste der Wahrheit sein, wie Paulus es ausdrückt: „Denn kündlich groß ist das gottselige Geheimnis: Gott ist geoffenbart im Fleisch, gerechtfertigt im Geist, erschienen den Engeln, gepredigt den Heiden, geglaubt in der Welt, aufgenommen in die Herrlichkeit“ (1. Tim. 3, 16).

Es ist deshalb die entscheidende Frage, ob Weihnachten frommer Selbstbetrug für uns oder wie bei Simeon das Ereignis unseres Lebens überhaupt ist. Wer alle Herrlichkeiten dieser Welt gesehen, aber die köstliche Perle in der Krippe nicht entdeckt hat, bleibt deshalb ein betrogener Betrüger. Wir wollen uns deshalb für unser Leben und Sterben erbitten, daß wir nur die eine Wirklichkeit bezeugen, die Simeon wußte: „Herr, nun lässest du deinen Diener in Frieden fahren, denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen“ (Luk. 2, 29-30).

Pastor Heinrich Kemner, Dezember 1984, Erweckliche Stimme, Nr. 12, 24. Jahrgang