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SĂŒndenvergebung praktizieren – Von der befreienden Kraft der Beichte

Freitag 21. MĂ€rz 2008 von Prof. Dr. Ralf K. WĂŒstenberg


Prof. Dr. Ralf K. WĂŒstenberg

SĂŒndenvergebung praktizieren – Von der befreienden Kraft der Beichte (1)

I. EinwĂ€nde gegenĂŒber der Beichte

In der Beichte geht es um die Befreiung von persönlicher Schuld (2). Diese individuelle Bearbeitung von Schuld entfaltet sich nach Martin Luther (3) in drei Dimensionen. Danach geht es um das Aussprechen-dĂŒrfen von erkannter und im Herzen gefĂŒhlter Schuld, um die stellvertretende Zusage der Vergebung im Namen Gottes und um die Annahme der göttlichen Vergebung im Glauben.

Mit dieser AuffĂ€cherung wird ein enges VerstĂ€ndnis von Beichte zugrunde gelegt, wonach die Einzelbeichte die eigentliche Form der Beichte ist. Daneben werden als beichtverwandte Formen des SĂŒndenbekenntnisses u.a. genannt (4): die Herzensbeichte des einzelnen SĂŒnders vor Gott; die Versöhnungsbeichte eines Christen gegenĂŒber dem anderen nach Mt.5; die allgemeine Beichte im Gottesdienst; schließlich das RĂŒstgebet zu Beginn des Gottesdienstes (confiteor), mit dem die Gemeinde ihre UnwĂŒrdigkeit vor Gott bekennt und Vergebung erbittet.

Martin Luther gab so hohe StĂŒcke auf die Einzelbeichte, daß er meinte: nicht die Kirche mĂŒsse ihre GlĂ€ubigen zur Beichte drĂ€ngen, sondern die Menschen wĂŒrden von sich aus ihre Pfarrer bedrĂ€ngen, damit sie ihnen die Beichte abnehmen. Trotz mancher NeuansĂ€tze zur Einzelbeichte zunĂ€chst in lutherisch geprĂ€gten Erweckungsgebieten im 19.Jh., dann durch Bruderschaften wie die Michaelsbruderschaft und freie Werke wie den CVJM, durch die Geistliche-Gemeinde-Erneuerung und Aufbau-Initiativen, wie den Erlanger Kreis um Manfred Seitz im 20 Jh., bis zur EinfĂŒhrung eines festen wöchentlichen Beichtangebotes am Berliner Dom 2003 – 305 Jahre nach dem Ende des sog. Berliner Beichtstuhlstreites – die Voraussage Luthers hat sich nicht erfĂŒllt. Eher gleicht die Lage dem, was in einem ökumenischen Informationsblatt von 1988 zu lesen ist: „Der Ruf nach Beichte in heutigen lutherischen Gemeinden ist sicher auszuhalten.“(5)

Es sind im Kern drei EinwĂ€nde, die immer wieder gegenĂŒber der Beichte vorgebracht werden und ihre Verankerung im Leben der Evangelischen Kirche erschweren. Beichte habe mit Zwang zu tun; Beichte bringe die Mittlerschaft der Kirche neu ins Spiel; Beichte habe keinen Sitz im Leben der Evangelischen Kirche.

Einwand 1: Beichte habe mit Zwang zu tun, denn – so wird vor allem aus der kontroverstheologischer Position (6) eingewandt – : man dĂŒrfe nicht vergessen, daß die Beichte ihrer Herkunft nach „organischer Bestandteil des katholischen Bußsakraments“ sei und die GefĂ€hrdung der Gewissen „im Sinne unevangelischer Gesetzlichkeit“ bestĂŒnde. Die SĂŒndenvergebung darf auch nicht von der Aufrichtigkeit und VollstĂ€ndigkeit des SĂŒndenbekenntnisses abhĂ€ngig gemacht werden. In diesem Fall wĂ€re nĂ€mlich das SĂŒndenbekenntnis und nicht Christus Ursache der Rechtfertigung. Die zentrale Frage ist also die nach dem Stellenwert des Bekenntnisses. Kurz: Was ist die Voraussetzung fĂŒr die Lossprechung?

Einwand 2: Beichte bringe die Mittlerschaft von Kirche und Klerus neu ins Spiel, denn – so wird aus sozialkritischer Sicht vorgebracht –: bei der WiedereinfĂŒhrung der Beichte im evangelischen Raum geht es letztlich um „klerikalistische“ Interessen, die das Sozialprestige des zurĂŒckgesunkenen kirchlichen Amtes aufwerten wollten.(7) In der antiklerikalen Polemik Ă€ußert sich ein Grundproblem. Die Beichte kann mit dem Grundsatz in Konflikt geraten, daß kein menschlicher Vermittler zwischen Gott und Mensch treten darf. Denn dann wĂ€re das Evangelium als befreiender Zuspruch an die Vermittlung der Institution Kirche gebunden. Die zentrale Frage ist die nach dem Subjekt und Medium des Zuspruchs. Kurz: Wer darf die SĂŒndenvergebung an Christi statt zusprechen?

Einwand 3: Beichte habe keinen Sitz im Leben der evangelische Kirche richtet sich gegen fehlende Strukturen. An wen kann man sich mit der Bitte um Einzelbeichte wenden? Wie bereitet man sich auf die Beichte vor? Neben der „Schwellenangst“ (8) des Beichtwilligen werden in pastoraltheologischer Sicht zwei weitere Hindernisse genannt: „das verlorene Vertrauen der Gemeinde in die seelsorgerliche Verschwiegenheit der AmtstrĂ€ger sowie „die Angst des Seelsorgers davor, Beichte hören zu mĂŒssen.“

Zur Bearbeitung der drei EinwĂ€nde und den in ihnen thematisierten Fragen möchte ich eine zentrale Leitkategorie aus der reformatorischen Theologie heranziehen, nĂ€mlich die Unterscheidung von Gesetz und Evangelium. Ich möchte darlegen, wie die befreiende Kraft der Beichte als Durchbruch zum Evangelium verstanden werden kann. Über die innere VerschrĂ€nkung zwischen einer systematisch-theologischen Leitkategorie (Gesetz und Evangelium) und einem auf praktischen Vollzug hin ausgerichteten Erkenntnisgegenstand (Beichte) soll exemplarisch zugleich ein GesprĂ€chsangebot zwischen Praktischer und Systematischer Theologie unterbreitet werden.

Formal ergibt sich eine Dreigliederung dieses Beitrags. Auf die einleitende Problemskizze, in der die drei EinwĂ€nde gegenĂŒber der Beichte zur Sprache kamen, folgt nun die systematische Betrachtung des Themas unter dem Aspekt von Gesetz und Evangelium. Im III. Teil soll perspektivisch die AnschlußfĂ€higkeit der systematischen Betrachtung fĂŒr die Wiederbelebung der Beichte geprĂŒft werden. Werden im II. Teil die beiden ersten EinwĂ€nde widerlegt werden, so im III. Teil der dritte Einwand.

II. Beichte unter dem Aspekt von Gesetz und Evangelium

Die Unterscheidung von Gesetz und Evangelium

In dieser reformatorischen Leitunterscheidung geht es um die Beschreibung von zwei existentiellen Grunderfahrungen. „Gesetz“ meint die Begegnung mit einer Forderung oder Norm, an der gemessen ein Mensch erkennt: So sollte, ja, so möchte ich sein, aber so bin ich gerade nicht. „Evangelium“ meint die andere Erfahrung, nĂ€mlich angenommen, geliebt, akzeptiert zu werden, ohne Vorleistung, – und das, obwohl das liebende GegenĂŒber erkennt, wie es um den Menschen steht. Gesetz und Evangelium beschreiben Art und Weisen, wie der Mensch angesprochen wird: anklagend, die SĂŒnde beim Namen nennend – fordernd; oder freisprechend, die SĂŒnde nicht anrechnend – beschenkt. Dabei ist es die persönliche Erfahrung des Scheiterns, des „Nicht-Schaffens“, die erst den Einbruch des Heilsamen ermöglicht. In der Unterscheidung von Gesetz und Evangelium entsteht ein Kontrast zu der bisher unheilvollen Lebenssituation. Der kann allerdings erst entstehen, wo der Mensch sich auf seine unheilvolle Lebenssituation ansprechen lĂ€ĂŸt, wo er bereit ist, den Schmerz, die Scham und die Reue zu empfinden, die mit der Erkenntnis verbunden ist: „Du lebst unter der macht der SĂŒnde!“ – Man begegnet, auch im Alltag, Strategien, um sich dem zu entziehen, also die Begegnung mit dem anklagenden Gesetz, zu vermeiden. Ich nenne – im Anschluß an Wilfried HĂ€rle (9) – vier solcher Vermeidungsstrategien und ergĂ€nze eine fĂŒnfte:

der Versuch, das Böse zu kompensieren, indem man auf das Gute verweist, das es im eigenen Leben doch auch gibt; die Entschuldigung durch Verweis auf die Gesellschaft, die schuld ist oder andere Personen; die Verharmlosung von Schuld durch den Vergleich mit anderen, bei dem man noch gut abschneidet; die maßlose Übertreibung, durch die eine Anklage scheinbar aufgenommen und verstĂ€rkt wird: „mir gelingt nie etwas“; „ich bin an allem schuld!“ ergĂ€nzend zu HĂ€rle möchte ich fĂŒnftens die VerdrĂ€ngung von Schuld nennen; hier wird gar nicht erst eine innere Verbindung zur Schuld hergestellt, die dann verharmlost, ĂŒbertrieben oder kompensiert werden könnte. Die genannten Vermeidungsstrategien hindern daran, die Erfahrung von der Befreiung von Schuld zu machen. Denn erst die Identifikation mit der Schuld, also die Übernahme eigener Anteile ermöglicht die entscheidende Öffnung und Befreiung. So liegt die Funktion des Gesetzes als Forderung und Anklage darin, die unheilvolle Situation aufzudecken. Der Weg zur Neuwerdung fĂŒhrt also ĂŒber Scham, Reue und Schmerz. Dabei ist das Gesetz selbst nicht der Ausweg. Es kann dazu antreiben, einen solchen Weg zu suchen; aber es kann auch in Resignation und Verzweiflung stĂŒrzen. Das war zunĂ€chst Luthers Situation im Kloster. Er machte als Mönch die Erfahrung, daß das Gesetz zum Richter und AnklĂ€ger wird, weil es die richtige Herzenseinstellung gegenĂŒber einem strafenden Gott fordert. Es fordert nĂ€mlich Glauben von ganzen Herzen, obwohl der Mensch, weil SĂŒnder, außerstande ist, diese Forderung zu erfĂŒllen. Das Gesetz Gottes fordert: Du sollst lieben den Herrn deinen Gott von ganzem Herzen (Dtn. 6,5) und klagt damit etwas ein, was der Mensch aus eigenem Vermögen nicht vollbringen kann. Die Funktion des Gesetzes ist die der Gewissensanklage angesichts des nicht erfĂŒllten Gesetzes. Das Evangelium legt aber den Menschen nicht auf das fest, was er ist, sondern spricht ihn auf das hin an, wozu er von Jesus Christus her bestimmt ist, nĂ€mlich einen vor Gott gerechtfertigten Menschen.Es soll nun dargelegt werden, wie die Unterscheidung von Gesetz und Evangelium der von Reue und Lossprechung in der Beichte entspricht.

2. Die Reue als Anklage des Gesetzes

Die Contritio wurde nach einer interessanten und wechselvollen Geschichte im SpĂ€tmittelalter zum festen Bestandteil des dreigliedrigen römisch-katholischen Bußsakraments, das neben der Reue das Bekenntnis und die Genugtuung umfasste. Nach dem Durchleben von contritio, confessio und satisfactio konnte der SĂŒnder wieder Anschluss ans Heil gewinnen; er war – vermittelt durch die Absolution des Priesters – wieder versöhnt mit der Kirche und Gott. Wir werden nach und nach sehen, wie sich Luther in vierfacher Hinsicht gegen das römische Bußsakrament gewandt hat: (1.) strukturell gegen eine Dreigliederung, (2.) christologisch gegen die satisfactio als ein Bestandteil, (3.) dogmatisch (durch Unterscheidung von Werk Gottes und Werk des Menschen) gegen die contritio und die confessio und (4.) sakramentaltheologisch ĂŒberhaupt gegen die Buße als eigenstĂ€ndiges Sakrament neben der Taufe.

Über die Reue lehrte die Theologie, mit der Luther aufgewachsen war, daß sie eine wirkliche Zerknirschung des Herzens ĂŒber die SĂŒnde sein mĂŒsse. Zum Teil wird ausdrĂŒcklich von der FĂ€higkeit des Menschen ausgegangen, daß dieser aus eigener Kraft die Liebe und die Reue hervorzubringen vermag, die die Voraussetzung der SĂŒndenvergebung bilden. Gerade diese Lehre hatte Luther im Kloster zur Verzweiflung gebracht, weil die Wirkung des Bußsakraments an die rechte menschliche Vorbereitung gebunden war.(10) Reue ist aber nicht Werk des Menschen, sondern Gottes Werk im Menschen, sein uneigentliches Werke, denn in ihm wird der alte Menschen durch das Scheitern am Gesetz getötet, damit der neue zum Leben entstehen kann. Das ist Gottes eigentliches Werk. Das Scheitern am Gesetz setzt also etwas Positives frei, weil der Umkehr-Gedanke der Reue berĂŒcksichtigt wird, nĂ€mlich die im Glauben an die göttliche Barmherzigkeit gewonnene Hinwendung des Menschen zu Gott. Contritio ist also nach lutherischer Auffassung zweierlei: Gottes richtende Macht durch das Gesetz und das Erschrecken ĂŒber dieses Gericht, das dem Gewissen eingejagt wird. (CA 12 spricht von den terrores conscientiae).

Die Lossprechung als Befreiung durch das Evangelium

Nach der Auffassung, mit der Luther in der Kirche aufgewachsen war, ist die Lossprechung ein richterlicher Akt, in dem der Priester als Sachverwalter der göttlichen Barmherzigkeit auftritt. DemgegenĂŒber haben die Reformatoren die rein deklarative VerkĂŒndigung des Vergebungswortes Gottes betont.(11) In der Lossprechung legt Gott dem Menschen ‚sein Wort in den Mund’. Im Satz: „Dir sind deine SĂŒnden vergeben“ redet nach evangelischem VerstĂ€ndnis Gott selbst, die Lossprechung ist nach der Apol. CA 12 „vera vox evangelii“, entsprechend Lukas 10,16: „Wer euch hört, der hört mich.“ Manfred Seitz illustriert treffend: „Wer eine Beichte hört, handelt in Gottes Namen. Er ist das Ohr, dessen sich Gott bedient, um uns anzuhören, und er ist der Mund, den Gott gebraucht, um uns mitzuteilen, daß wir freigesprochen sind. So ist die Beichte unabhĂ€ngig von der Beschaffenheit des Beichtigers.“(12) Damit ist auch alles Notwendige zum Einwand 2 (oben aus der Einleitung) gesagt. Gott selbst ist Subjekt der Lossprechung. Sein Medium ist das Wort, das dem Menschen in den Mund gelegt ist und im Glauben empfangen wird. Der Glaubende glaubt, daß er von seinen SĂŒnden losgesprochen wurde. Und dieser Glaube an die Barmherzigkeit Gottes ersetzt die nach dem katholischen Bußsakrament Gott geschuldete Genugtuung fĂŒr die begangenen SĂŒnden.

Im Unterschied zu den Sakramenten Taufe und Abendmahl fehlt der Absolution ein „Àußerliches Zeichen“, wie Wasser, Brot oder Wein. Das ist der erste Grund, warum Luther sich nach 1520 davon löste, Beichte als Sakrament zu bezeichnen. Der zweite liegt in der engen Verbindung zur Taufe. Im Scheitern am Gesetz geht es im ĂŒbertragenen Sinne um den Durchgang durch den Tod ins Leben, also die Erneuerung dessen, was in der Taufe bereits geschehen ist. Das alte Ich muß sterben, damit der neue Mensch leben kann. Beichte „ist die RĂŒckkehr in die Ursprungssituation des Soeben-Getauftworden-Seins“, wie Christof Gestrich (13) formuliert.

Beichte unter dem Aspekt von Gesetz und Evangelium

Es soll nun gezeigt werden, wie Gesetz und Evangelium in seiner inneren Dynamik zum VerstĂ€ndnis der befreienden Kraft der Beichte beitrĂ€gt. Wir sahen: Die Reue steht in einem inneren Zusammenhang mit der Funktion des Gesetzes als Anklage. Die Lossprechung steht in einem inneren Zusammenhang mit der Funktion des Evangeliums als Befreiung. Die innere Dynamik entsteht darin, daß die befreiende Kraft des Evangeliums wahrnimmt, wer sich als SĂŒnder erkennt. Und wer sich als SĂŒnder bekennt – und damit das Scheitern am Gesetz annimmt -, dem wird die befreiende Kraft des Evangeliums zuteil. Diese Dynamik von Gesetz und Evangelium durchzieht aber das ganze christliche Leben. DafĂŒr steht die reformatorische Neuentdeckung des Begriffs Buße als tĂ€gliche Hinkehr zu Gott in Reue und Glauben – gemĂ€ĂŸ Markus 1,15: Tut Buße, und glaubt an das Evangelium. „Wenn unser Herr und Meister Jesus Christus spricht: Tut Buße!, so hat er gewollt, daß das ganze Leben der GlĂ€ubigen eine Buße sei“ – so Luther bereits 1517 in der ersten der 95 Thesen.

Die Beichte ist nun gewissermaßen eingebettet ist in den umfassenden Vorgang der Buße, also der tĂ€glichen Hinkehr zu Gott in Reue und Glauben. Die Einzelbeichte kann in Anspruch genommen werden, wenn sich in der tĂ€glichen Buße ein Thema so herauskristallisiert, daß es einen bedrĂŒckt und sich langsam oder plötzlich wie ein lĂ€hmender Bann auf das Leben legt. Dann reichen Gebet und allgemeine Beichte nicht mehr aus, um zu entlasten. In diesem Fall kann die erkannte Schuld im individuellen Bekenntnis in der Einzelbeichte ausgesprochen werden. Es ist das Bekennen eines Versagens, das nicht in die Verzweiflung fĂŒhrt, sondern zur Befreiung. So hĂ€ngen Reue und Bekenntnis (als Werk des Menschen) zusammen: Die Reue als Werk Gottes lĂ€ĂŸt dem Menschen Raum fĂŒr die Erkenntnis, daß er das, was Gott in seinem Gesetz fordert, nicht erfĂŒllt hat. Und das lĂ€ĂŸt ihn ausrufen: Ich habe gesĂŒndigt! In der Beichte darf das Bekenntnis „abgelegt“ werden. Der Stellenwert der confessio hat sich gegenĂŒber dem katholischen Bußsakrament grundlegend verschoben, so daß es keinen Gewissenszwang mehr gibt. Der Einwand 1 von oben kann mit vier Überlegungen zurĂŒckwiesen werden. Wo die AufzĂ€hlung zur Voraussetzung der Vergebung wird, da kann auch die göttliche Vergebung nur bedingt geschehen, weil ja abhĂ€ngig von der VollstĂ€ndigkeit. Zweitens stĂŒnde das Bekenntnis im Mittelpunkt und nicht die Absolution, was wiederum zum Gewissenszwang und Werkgerechtigkeit fĂŒhrt. Drittens ist das AufzĂ€hlen aller SĂŒnden nicht schriftgemĂ€ĂŸ, weil der Mensch ganz und gar SĂŒnder ist und gemĂ€ĂŸ Psalm 19,13 keiner bis ins letzte weiß, wie oft er gesĂŒndigt hat. Viertens schließlich ist die Funktion des Beichthörenden verschieden. Er ist nicht geistlicher Richter, der ein stellvertretendes Urteil Gottes spricht, und muß entsprechend auch nicht alle Details der SĂŒnde kennen und auf ein vollstĂ€ndiges Bekenntnis drĂ€ngen.

III. Zur AnschlußfĂ€higkeit der theologischen Betrachtungen fĂŒr die kirchliche Praxis der SĂŒndenvergebung

Klar ist: FĂŒr das kirchliche Leben anschlußfĂ€hig kann sich die Einzelbeichte nur erweisen, wenn die drei zentralen EinwĂ€nde ausgerĂ€umt sind: Beichte habe etwas mit Zwang zu tun – Beichte setzte die kirchliche Mittlerschaft voraus – Beichte habe keinen Sitz im Leben der ev. Kirche.

Die beiden ersten EinwĂ€nde sind bereits widerlegt worden. Zum Schluß soll der Einwand 3 bedacht werden: die Beichte habe keinen Sitz im Leben der Ev. Kirche. Neben der „Schwellenangst“ des Beichtwilligen wurde das fehlende Vertrauen der Gemeinde in die seelsorgerliche Verschwiegenheit der AmtstrĂ€ger vorgebracht. Überhaupt fehle es an Strukturen. Hinter dem Einwand steht die Frage nach Praxis und Bedingungen der evangelischen Beichte. Als anschlussfĂ€hig zur Bearbeitung des 3. Einwands erweisen sich Dietrich Bonhoeffers Reflexionen zur Beichte aus seiner Schrift „Gemeinsames Leben“, in der ja praktische Erfahrungen mit der Beichte im Predigerseminar verarbeitet werden. Zudem nehme ich auf eigene Erfahrungen Bezug, die beim regelmĂ€ĂŸigen Abnehmen der Beichte am Berliner Dom gemacht werden konnten.(14)

Die Verzahnung von systematischer Analyse und Empirie entspricht dem Versuch, BrĂŒcken auch innerhalb der Theologischen Disziplinen zu schlagen. Buße und Beichte als Gesetz und Evangelium kehren in der vierfachen Bestimmung dessen wieder, worum es nach Bonhoeffer (15) in der Beichte geht, nĂ€mlich um verschiedene Formen des Durchbruchs: zur Gemeinschaft, zum Kreuz, zum Leben, zur Gewißheit – die befreiende Kraft der Beichte als Durchbrucherfahrung.

Beichte als Durchbruch zur Gemeinschaft. Wo die Schwellenangst ĂŒberwunden ist, bleibt der Mensch mit der Schuld nicht allein. Das Kommen in die Beichte kann mit Bonhoeffer als der Durchbruch in die Gemeinschaft beschrieben werden. Die Isolation des Menschen von Gott, sich selbst und den anderen Menschen ist aufgebrochen. SĂŒnde hat einsam gemacht. Die Versöhnungsperspektive kann durchbrechen. Die SĂŒnde bezog ihre Macht zum großen Teil aus dem Dunkel, der Verstecktheit und AnonymitĂ€t. Das Aussprechen der SĂŒnde als RealitĂ€t des eigenen Lebens befreit aus diesem Bann. Um die „Schwellenangst“ des Beichtwilligen zu ĂŒberwinden, kann ein verlĂ€ĂŸliches, regelmĂ€ĂŸiges und offenes Beichtangebot hilfreich sein, wenn man z.B. weiß, daß an einem bestimmten Tag die Kirche offen steht zum BeichtgesprĂ€ch. Auch Information ĂŒber Inhalt und Form der Beichte kann helfen, SchwellenĂ€ngste abzubauen, etwa ein Flyer am Ausgang der Kirche.

Beichte als Durchbruch zum Kreuz. Ein Mensch kann sich nur das vergeben lassen, was er als eigene Schuld erkannt hat. Vergebung ohne Schuldanerkennung ist ebenso unmöglich wie innere Befreiung ohne Anerkennung der Knechtschaft. Menschen, die in die Beichte kommen, identifizieren sich freiwillig mit ihrer je individuellen Schuld und wĂ€hlen nicht eine der eingangs genannten Vermeidungsstrategien. Wo der Mensch sein Scheitern vorbringt, da ist der Stolz im Kreuz ĂŒberwunden. Der Gedanke von der Reue als Anklage des Gesetzes (vgl. oben II.2) begegnet bei Bonhoeffer unter dem Stichwort: Durchbruch zum Kreuz. „Im Bekenntnis konkreter SĂŒnden stirbt der Mensch unter Schmerzen einen schmachvollen Tod.“(16)

Als konkrete SĂŒnden wird das Scheitern an Geboten bekannt, wie „Du sollst nicht töten!“, wenn es etwa um Schwangerschaftsabbruch geht, oder „Du sollst nicht Ehe brechen!“ – in der Partnerschaft. Die theologische AnschlußfĂ€higkeit dieser Beobachtung ergibt sich ĂŒber die systematische Unterscheidung zwischen Schuld und SĂŒnde. Menschen, die in die Beichte gehen, haben allgemein gesprochen ein intuitives VerstĂ€ndnis davon, daß ihr verfehltes Handeln, also ihre ethische Schuld, etwas mit der gestörten Gottesbeziehung zu tun hat, also der SĂŒnde. In der Beichte von heute werden hauptsĂ€chlich moralische Verfehlungen, ethische Schuld thematisiert. Es geht weniger um das verfehlte Sein vor Gott, als um das dem anderen Menschen oder sich selbst gegenĂŒber – auch wenn letztlich alle drei Dimensionen im Blick scheinen. In dieser Beobachtung sehe ich zum einen die AktualitĂ€t der reformatorischen Einsicht, daß moralische Schuld in der SĂŒnde wurzelt. Pointiert gesagt: Wer Schuld auf sich lĂ€dt, hat eine Ahnung davon, daß etwas mit seiner Gottesbeziehung nicht stimmt, daß letztlich alle ethische Schuld im Scheitern am ersten Gebot grĂŒndet. Zum andern haben sie eine Ahnung davon, daß im Scheitern am Gesetz etwas Positives steckt. Die verheißungsvolle Ahnung vom Evangelium ist bereits da, wo Schuld bekannt wird.

In der Beichte geschieht hier das, was Bonhoeffer den „Durchbruch zum neuen Leben“ nennt: „Wo SĂŒnde gehaßt, bekannt und vergeben ist, dort ist der Bruch mit der Vergangenheit.“(17) – ‘Das Alte ist vergangen’. Menschen, die in die Beichte kommen, wollen ihre Schuld „ablegen“. Da ist zunĂ€chst die große Entzauberung oder Befreiung, die allein schon durch das Aussprechen von Schuld geschieht und die Beichte in diesem Aspekt anschlußfĂ€hig fĂŒr psychologische Betrachtungen macht. Bei der Bearbeitung von Schuld in der Beichte kommt zum Aussprechen der SĂŒnde etwas Entscheidendes hinzu: der Zuspruch der Vergebung. Wie oft nĂ€mlich wurde ein Problem, das das Gewissen belastet, im Freundeskreis oder an anderer Stelle besprochen? Wie oft hat der Schwangerschaftsabbruch, der Jahre zurĂŒckliegt, „dem Gewissen Schrecken eingejagt“ (vgl. CA 12)? Wie oft war das Empfinden da: Ich bin schuldig – auch vor Gott? Du sollst nicht töten – als Anklage, als Gesetz, das die Gewissen martert?

Der Gedanke von der Lossprechung als Befreiung durch das Evangelium, der oben unter II.3 entfaltet wurde, begegnet bei Bonhoeffer in der Figur der Beichte als Durchbruch zur Gewißheit. Es ist die Gewißheit, daß die in der Beichte zugesprochene Vergebung wirklich Gottes Vergebung ist. Wer schafft in uns hier Gewißheit?, fragt Bonhoeffer und gibt zur Antwort: „Diese Gewißheit schafft Gott selbst durch den Bruder.“(18) Die Vergebung hat in der Beichte einen Zeugen. Ihm darf ich glauben. Es ist das persönliche SpĂŒren der annehmenden göttlichen Liebe.

Im Ergebnis sehen wir: Von der Macht der SĂŒnde kann man nur frei werden, wer seinen Anteil an ihr ĂŒbernimmt – Gesetz und Evangelium. In der Einrichtung eines verlĂ€ĂŸlichen Beichtangebotes wird der existentiellen Durchbrucherfahrung zum Heil eine Struktur geschaffen. Schuld darf ausgesprochen werden und Vergebung empfangen. Die befreiende Kraft der Beichte als Durchbrucherfahrung ist eine kirchliche Perspektive, die Horizonte öffnet – in gesellschaftlicher, ökumenischer und interdisziplinĂ€rer Hinsicht. In gesellschaftliche Hinsicht eröffnet Beichte eine von mehreren Möglichkeiten, Schuld zu verarbeiten. Die Kirche bietet im festen Beichtangebot einen Ort der Versöhnung fĂŒr den Einzelnen, der nicht mehr allein bleiben muß mit seiner Schuld. In ökumenische Hinsicht eröffnet bereits die BeschĂ€ftigung mit dem Thema Beichte ein Angebot fĂŒr den Dialog mit der katholischen Kirche ebenso wie mit Vertretern evangelischen Konfessionen, etwa mit der reformierten oder anglikanischen Tradition. Auch in interdisziplinĂ€re Hinsicht eröffnet das Thema Perspektiven: Verarbeitung von Schuld ist salopp gesagt ein Top-Thema in Disziplinen wie der klinischen Psychologie, Zweigen innerhalb der Politikwissenschaft, der Zeitgeschichte oder des Strafrechts. Der Beitrag der Theologie bei der KlĂ€rung von Schuldverarbeitung und Versöhnung ist interdisziplinĂ€r gefragt.

Anmerkungen

1 Leicht ĂŒberarbeiteter Vortrag an der UniversitĂ€t Greifswald am 27.6.2005 (Vortragssteil zum Teil beibehalten).

2 Es geht nicht um die gesellschaftliche oder politische Dimension von Schuld und Versöhnung vgl. dazu meine Studie „Die politische Dimension der Versöhnung. Eine theologische Studie zum Umgang mit Schuld nach den SystemumbrĂŒchen in SĂŒdafrika und Deutschland“ (GĂŒtersloh 2004; engl. im Druck).

3 Vgl. Eine kurze Vermahnung zu der Beicht, 1529, WA 30/1, 233ff.

4 Vgl. zum Nachfolgenden: M. Herbst, Art. Beichte, in: Ev. Lexikon fĂŒr Theologie und Gemeinde I, 199-201, 200f.

5 J. Jeziorowski, SĂŒndenvergebung als Lebenshilfe, in: KNA – Ökumenische Information Nr. 3/13.Januar 1988, 6.

6 Nachfolgende Zitate bei: R. Hermann, Zur evangelischen Lehre von der Buße, in: Studien zur Theologie Luthers und des Luthertums. Gesammelte und nachgelassene Werke II, hrsg. von H. Beintker, Berlin 1981, 144.

7 Zitat und Position belegt bei: J. Scharfenberg, Seelsorge als GesprĂ€ch. Zur Theorie und Praxis der seelsorgerlichen GesprĂ€chsfĂŒhrung, 3.A. Göttingen 1980, 22.

8 Zitate bei A. Stein, Schuld-Vergebung-Beichte, in: Handbuch der Praktischen Theologie II, 313.

9 Vgl. W. HĂ€rle, Dogmatik, 502f.

10 Vgl. R. Seeberg, Dogmengeschichte IV,1, 158ff.

11 Vgl. hierzu auch die AusfĂŒhrungen bei W. Pannenberg, Syst. Theologie III, 280f.

12 M. Seitz, Praxis des Glaubens. Gottesdienst, Seelsorge, SpiritualitÀt,196.

13 Ist die Beichte erneuerungsfÀhig?, in: Berliner Theologische Zeitschrift 100/1993, 187-196, 193.

14 Seit dem Buß- und Bettag 2003 gibt es am Berliner Dom die Möglichkeit, zu einem festen Zeitpunkt, nĂ€mlich mittwochs zwischen 16.00 und 17.00 Uhr, zur Einzelbeichte zu kommen.

15 Vgl. zum Nachfolgenden: Dietrich Bonhoeffer Werke (DBW) 5, 93ff.

16 DBW 5, 96.

17 Ibd.

18 DBW 5, 97.

Mit freundlicher Genehmigung aus: Deutsches Pfarrerblatt 3, MĂ€rz 2008, 127-130.

Zum Autor: Prof. Dr. Ralf K. WĂŒstenberg lehrt seit 2005 Systematische Theologie an der Freien UniversitĂ€t Berlin. 1995 Promotion ĂŒber Bonhoeffer an der Humboldt-UniversitĂ€t Berlin. Habilitation an der Rupprecht-Karls-UniversitĂ€t ĂŒber die politische Dimension der Versöhnung 2003. 2003 bis 2005 Pfarrer am Berliner Dom.

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Freitag 21. MĂ€rz 2008 um 13:49 und abgelegt unter Seelsorge / Lebenshilfe, Theologie.